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Noch immer konnte es geschehen, daß Pelle erwachte und sich in der Dunkelheit nicht zurechtzufinden vermochte. Eine erstickende Angst befiel ihn, er hatte geträumt, daß er im Gefängnis war, und glaubte noch, den Gestank des Aborts und die Ausdünstung der rohen Mauern zu spüren. Erst nach und nach besann er sich, wo er war; die Atemzüge, die um ihn her arbeiteten, und das warme Mitwirken in der Dunkelheit selbst führten ihn zurück in sein Heim. Er richtete sich froh auf und strich ein Streichholz an, um einen Schimmer von Ellen und den Kleinen zu erhaschen. Sich wieder zum Schlafen niederzulegen, wagte er nicht, der Traum würde ihn gleich wieder in das Gefängnis zurückführen. Geräuschlos kleidete er sich an und schlich hinaus, um einen Spaziergang zu machen und den Tag erwachen zu sehen.
Es war wunderlich mit dem Traum, denn er stellte alles auf den Kopf! Im Gefängnis hatte er immer geträumt, daß er frei war und mitten im Glückslande lebte; billiger tat er es dort nicht! Dort war der Tag böse und die Nacht gut – und hier draußen war es umgekehrt; es war, als wenn etwas in einem immer das Ganze mit dabei haben wollte. »Ob das wohl die Seele ist?« dachte er, während er gen Osten wanderte, um dem ersten Tagesschimmer zu begegnen. Daheim auf dem Lande, in seiner Kindheit hatten die alten Leute geglaubt, die Träume seien die Seele, die sich losgelöst hatte und auf eigene Hand umherschweifte; einige hatten sie als weiße Maus dem Munde des Schlafenden entschlüpfen sehen, um neue Erlebnisse für ihn einzusammeln. Und es war ja die Wahrheit! Durch den Traum hatte der arme Mann bisher seinen ganzen Anteil erhalten – der trug ihn hinaus aus dem Gefängnis. Vielleicht wurden die Rollen in der Finsternis der Nacht vertauscht? Vielleicht kam die Seele des Reichen während der Nacht und schlüpfte in den Körper des Armen, um Leiden für ihren Herrn einzusammeln?
Es lag Frühling in der Luft. Bisher war er eigentlich nur in Pelles eigenem Blut vorhanden, ein gebundenes Sehnen, sich auszubreiten, alle Grenzen zu sprengen. Er ging, das Gesicht dem dämmernden Tag zugewandt, und hatte ein Gefühl von unüberwindlichen Kräften. Woher er dies Gefühl bekam, wußte er nicht, aber es war da. Er fühlte sich selbst als etwas Unermeßliches, das in einem kleinen Raum eingesperrt war und die Welt sprengen mußte, wenn es losgelassen wurde. Er schritt hurtig dahin – über seinem Haupt stieg die erste Lerche auf. Langsam befreite die Erde ihr Antlitz von diesem wunderlichen Schleier von Ruhe und Rätselhaftigkeit, den die Nacht webt.
Vielleicht kam dies Gefühl von Kraft daher, daß er den Geist in Besitz genommen hatte und selbst die Übersicht über die Welt beherrschte? Die Welt war ohne Grenzen, aber das waren seine Fähigkeiten auch; es gab keine Kraft mehr, die ihn aus seiner Bahn vertreiben konnte. In seinem eigenen Fußtritt hörte er die ganze Zukunft widerhallen – die Bewegung würde bald ein Ende haben, wenn sie erst die Tatsache verdaut hatte, daß das Ganze mitgenommen werden mußte. Noch hielt es ein wenig schwer, man wollte von der Seite die Bedingung für das Zusammenarbeiten stellen, daß Pelles Ehre wiederhergestellt wurde. Pelle lachte und hob sein Antlitz der Morgenbrise entgegen, die gleich einem Kälteschauer dem Sonnenaufgang vorauslief. Außerhalb stehend! – Ja, lag nicht eine große Wahrheit darin? Er gehörte dem Bestehenden nicht an, dort wünschte er keine bürgerlichen Rechte. Es war sein Adelszeichen, daß er außerhalb gestellt war, sein Verhältnis zu der Zukunft lag in dieser Tatsache. Er hatte seinen Kampf als Ausgestoßener aufgenommen, und so wollte er siegen. Wenn er stieg, sollte es keine Pariakaste mehr geben.
Jetzt, wie er hier ging, die Nacht hinter sich, und ins Licht hineinsah, war es ihm, als sei er eben in die Jugend eingetreten und habe das Ganze vor sich – alles hatte er noch zugute! Und doch war es, als sei er seit dem Morgen der Zeiten mit dabei gewesen, so genau kannte er die Welt der Finsternis, die er verließ. War denn der Mensch nicht ein wunderliches Wesen – in seiner Fähigkeit, einzuschrumpfen und zu nichts zu werden, wie auch in seiner Fähigkeit, sich auszubreiten und das Ganze zu erfüllen! Jetzt begriff er Oheim Kalles Lächeln über alles; er hatte sich damit gepanzert, damit das Leben nicht zu tiefe Risse in sein weiches Gemüt reißen sollte. Der arme Mann war gezwungen gewesen, sich abzustumpfen, er würde ganz einfach verbluten, wenn er sich der harten Wirklichkeit hingab. Die Abgestumpftheit war wie eine harte Schale gewesen, die die Kleinen beschützte; und nun kamen sie mit unversehrtem Herzen, trotz allem. Sie konnten sehr wohl Anführer sein in der guten Zeit!
Pelle hatte ja immer ein dunkles Gefühl mit sich herumgetragen, daß er auserwählt war; schon während er noch ein Kind war, ließ ihn das Gefühl einer harten Welt unverzagt entgegensehen und füllte seine nackten Glieder mit Spannkraft. Nackend und arm kam er in die Welt hinein, scheinbar ohne eine Wiegengabe irgendwelcher Art, und doch kam er als lichte Verheißung zu dem alternden, von Arbeit gekrümmten Vater Lasse. Es strahlte Licht von ihm aus, eine wie geringe und gewöhnliche Tatsache es auch war; der liebe Gott habe ihm den Funken gegeben, sagte der Alte immer. Wie ein kleines Wunder des Himmels hatte der Alte immer zu ihm aufgesehen, der kleine Pelle staunte ja ein wenig darüber – fühlte sich aber heimisch in der Freude des Vaters. Er selbst kannte damals ganz andere Wunder, zum Beispiel die Kälber des Marktplatzes mit den zwei Köpfen und das Lamm mit den acht Beinen. Er stellte seine eigenen Ansprüche an den wunderbaren Reichtum des Lebens und geriet nicht in Verwunderung über einen ganz gewöhnlichen kleinen Burschen mit Schlappohren, wie man ihn jeden Tag treffen konnte.
Aber nun war er nahe daran, Vater Lasse recht zu geben. Die größten Wunder lagen ja in ihm selber – in ihm, Pelle, der hundert Millionen anderen Arbeitern glich, und noch nie mehr besessen hatte als das tägliche Brot. Der Mensch, das war doch das Wunderlichste von allem. War er nicht selbst – in all seiner täglichen Selbstverständlichkeit – als leuchtender Funke der mächtigen Esse des Gottesgedankens entsprungen? Bis an die äußerste Grenze des Raumes hinaus konnte er seinen fragenden Gedanken senden – und zurück zu der ersten Morgenröte der Zeiten! Und diese allesumspannende Fähigkeit schien aus nichts hervorgegangen zu sein – so wie Gott selbst! Ein Wunder war ja schon allein das, daß er, der Streitrufer, ins Gefängnis mußte, um das große Ziel der Dinge zu begreifen! – Es mußten weitreichende Pläne in ihn niedergelegt sein, da er sich selbst einsperrte.
Wenn er über die Erhebung hinaussah, fühlte er sich einem Weltgedanken gegenüber, mit unendlich weiter Aussicht. Durch Jahrtausende hindurch hatte das Volk, ohne es zu ahnen, sich darauf vorbereitet, in eine neue Welt einzuziehen; der Wanderung der Massen ließ sich wohl kein Einhalt tun, ehe sie ans Ziel gelangt waren. Ein Gesetz, das sie nicht einmal selbst kannten und in das sie nicht einzugreifen vermochten, führte sie den rechten Weg; und Pelle war nicht bange. Hinter seiner nie schlummernden Arbeit an dem großen Problem der Zeit stand die Erkenntnis, daß er zu denen gehörte, auf die die Nation die Verantwortung für die Zukunft legte; aber über das Ziel war er sich niemals im Zweifel. Und auch nicht über die Mittel! Die Weitsehenden hatten sich während der großen Aussperrung davor gegraut, wie es möglich sein würde, alle diese Massen ins Feuer zu führen. Und dann hatte sich das Ganze natürlich aus sich selbst entrollt – von einer scheinbar winzig kleinen Ursache zu einem unerbittlich geführten Kampf über die ganze Linie.
Einen so großen Anspruch wie der, mit dem er und die Seinen kamen, hatte die Welt auch noch nie gesehen! Es handelte sich um nichts Geringeres als um den Sieg der Güte! Er bediente sich nicht gern großer Worte, aber auf dem Grunde seiner Seele war er davon überzeugt, daß alles Böse seinen Ursprung in Not und Elend hatte. Mißtrauen und Eigennutz kamen von Mißbrauch, das war der Schutz der Menschen gegen die Ausnutzung! Und das Ausbeuten war eine Folge der unsicheren Zustände, der Erinnerung an Not oder der unbewußten Furcht davor! Die meisten Verbrechen ließen sich leicht auf die traurigen Zustände zurückführen, und selbst da, wo die Verbindung nicht sichtbar war, hatte er die feste Überzeugung, daß sie trotzdem existierte. Seiner Erfahrung nach waren alle Menschen im Grunde gut; das Böse in ihnen ließ sich immer auf etwas Bestimmtes zurückführen, während die Güte oft trotz allem vorhanden war. Sie würde völlig siegen, wenn die Zustände für alle gesichert wurden. Selbst die Verbrechen, die auf Abnormität zurückzuführen waren, würden, dessen war er sicher, von selbst fortfallen, wenn es in der menschlichen Gesellschaft keine verborgene Erinnerung an das Elend mehr gab.
Es lag wie ein lichter Glaube in ihm, daß er und die Seinen die Erde erneuern sollten; das Volk sollte sie zu einem Paradies für die Vielen machen – wie es sie bereits zu einem Paradies für einige wenige gemacht hatte. Es gehörte ein großer und langmütiger Sinn dazu, aber sein Heer war ja gründlich erprobt! Sie, die durch undenkbare Zeiten geduldig den Druck des Daseins für andere getragen hatten, mußten dazu geeignet sein, die Führung in die neue Zeit hinein zu übernehmen.
Pelle war auf seiner Morgenwanderung ganz bis auf den Strandweg hinabgelangt; es war zu spät zum Umkehren, und er hatte einen Heißhunger. Er kaufte sich ein paar warme Semmeln bei einem Bäcker und verzehrte sie auf dem Wege ins Geschäft.
Gegen Mittag war Brun im Betrieb, um einige Schriftstücke zu unterschreiben und die Bücher mit Pelle durchzusehen. Sie saßen oben im Kontor hinter dem Laden. Pelle las vor und kam mit seinen Bemerkungen, der Alte hörte mit halbem Ohr zu und nickte nur; er sehnte sich nach Hause zurück. »Kannst du es nicht möglichst schnell abmachen,« sagte er, »ich fühle mich nicht ganz wohl.« Der scharfe Frühlingswind war nicht gut für ihn, es wurde ihm schwer, zu atmen. Der Arzt hatte zu einem mehrmonatigen Aufenthalt an der Riviera geraten, bis der Frühling vorüber war. Er hatte nicht recht Mut, sich allein auf die Reise zu begeben.
Die Ladenglocke läutete, und Pelle ging hinunter, um den Kunden zu bedienen. Ein junger, sonnengebräunter Mann stand vor dem Ladentisch und lachte.
»Kennst du mich nicht?« sagte er und hielt Pelle die Hand hin. Es war Karl, der jüngste von den drei Waisen aus der »Arche«.
»Freilich kenne ich dich!« rief Pelle erfreut. »Ich habe dich in der Adelsstraße aufgesucht – dort sagte man mir, du hättest ein eigenes Geschäft.«
Das war schon lange her! Jetzt war Karl Anker Leiter eines großen Konsumvereins auf Fünen. Er war herübergekommen, um einen Posten Schuhzeug für das Geschäft bei Pelle zu bestellen. »Es ist nur ein Versuch«, sagte er. »Wenn die Sache einschlägt, will ich dich mit dem Genossenschaftsverband in Verbindung bringen; das ist ein Kunde, der was absetzt, das kannst du mir glauben!«
Pelle mußte sich beeilen, die Bestellung anzunehmen, Karl wollte wieder mit dem Zug zurück.
»Es ist eine Schande, daß du keine Zeit hast, mit hinüberzukommen und dir den Betrieb anzusehen«, sagte Pelle. »Entsinnst du dich noch des kleinen Paul aus der ›Arche‹? Des Jungen von der Fabrikarbeiterin – den sie an den Ofen festband, wenn sie auf Arbeit ging? Er ist ein famoser Bursche geworden – er ist meine rechte Hand in der Fabrik. Es würde ihm Freude machen, dich zu begrüßen.«
Als Pelle die Tür hinter Karl geschlossen hatte und wieder zu dem Alten in das Kontor hinaufgehen wollte, erblickte er eine kleine, ein wenig verwachsene Frau mit einem Kinde; sie gingen oben vor den Werkstattfenstern auf und nieder und guckten verstohlen hinab. Sie wichen scheu den Leuten aus und machten einen erbärmlich eingeschüchterten Eindruck. Pelle rief sie in den Laden hinein.
»Wollt Ihr mit Peter Drejer sprechen?« fragte er.
Die Frau nickte. Sie hatte ein feines Gesicht mit großen, traurigen Augen. »Wenn wir nicht stören«, sagte sie.
Pelle rief Peter Drejer und ging dann ins Kontor hinauf; der alte Brun saß da und war eingeschlafen.
Er hörte sie da unten flüstern. Peter Drejer war heftig, die Frau und das Kind weinten – er konnte das an dem Ton ihres Flüsterns hören. Das Ganze währte nur einen Augenblick, dann ließ Peter sie hinaus. Pelle eilte in den Laden hinunter.
»Wenn es sich um Geld handelt, so weißt du ja, daß du es nur zu sagen brauchst«, sagte er hastig.
»Nein, sie kamen wegen der großen Arbeitslosenversammlung heute nachmittag – sie wollten mich bitten, zu Hause zu bleiben. Dumme Geschöpfe, Gott weiß, was ihnen einfällt!« Peter Drejer war ganz beleidigt. »Es ist wahr, – du hast doch nichts dagegen, daß ich jetzt gehe? In einer Stunde geht es los.«
»Ich glaubte, die Versammlung sei abgesagt?« fragte Pelle.
»Ja, aber das war nur ein Manöver – damit kein Verbot dagegen eingelegt werden sollte. Wir halten sie auf einem Feld draußen ab. Du solltest mitkommen – das wird eine Versammlung, die von sich reden macht. Heute wollen wir große Dinge ausfechten.« Peter Drejer war nervös, seine Hände tasteten an seinen Kleidern umher, während er sprach.
Pelle legte ihm beide Hände auf die Schultern und sah ihm in die Augen. »Du solltest den beiden den Willen tun!« sagte er eindringlich. »Ich kenne sie ja nicht, aber wenn ihr Wohl und Wehe von dir abhängt, so haben sie auch Forderungen an dich zu stellen. Gib das auf, was du vorhast, und mach' einen Ausflug mit den beiden! Jetzt fängt ja alles an grün zu werden geh' mit ihnen in den Wald hinaus. Es ist bester, zwei Wesen glücklich als tausend unglücklich zu machen.«
Peter sah nach der anderen Seite. »Wir haben nichts Besonderes vor, wozu da so großes Wesen von der Sache machen!« murmelte er.
»Du hast heute irgend etwas vor – ich kann es dir anmerken. Und wenn du es nicht durchführen kannst, wen treffen da die Folgen? Die Frauen und die Kinder. Du kannst es nicht durchführen, unsere Kräfte liegen nicht da!«
»Du gehst deinen Weg, da kannst du mich den meinen gehen lassen«, sagte Peter und machte sich sanft frei.
Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig standen zwei Schutzleute und redeten miteinander; sie hielten verstohlen den Laden im Auge. Pelle zeigte hinüber.
»Die Polizei weiß nicht, wo die Versammlung abgehalten werden soll, und nun paßt man mir auf«, sagte Peter mit einem Achselzucken. »Die da will ich leicht auf eine falsche Spur führen!«
Die beiden Schutzleute kamen über die Straße hinüber und trennten sich vor dem Laden; der eine blieb eine Weile stehen und betrachtete die Auslagen im Fenster, dann trat er schnell in den Laden.
»Ist Peter Drejer hier?« fragte er wichtig tuend.
»Der bin ich!« entgegnete Peter und zog sich hinter den Ladentisch zurück – »aber ich rate Ihnen, mich nicht anzurühren. Ich dulde keine Polizeihände an meinem Leibe.«
»Sie sind verhaftet!« erklärte der Schutzmann kurz und folgte ihm hinter den Ladentisch.
Pelle legte die Hand auf den Arm des Schutzmanns. »Sie sollten ein wenig glimpflich vorgehen«, sagte er.
Aber der Schutzmann schob ihn unsanft beiseite. »Keine Einmischung hier!« rief er und stieß in seine Polizeiflöte.
Peter zuckte zusammen. Einen kurzen Augenblick griffen seine Gedanken unschlüssig ins Blaue hinein, dann sprang er wie eine Katze über das eiserne Geländer auf die Werkstatttreppe hinab. Aber da unten stand der andere Schutzmann, um ihn in Empfang zu nehmen. Mit einem Satz war er wieder oben im Laden – sprang gerade auf seinen Verfolger los; er hatte den Revolver in der Hand. »Zum Teufel auch, jetzt hab' ich es satt!« fauchte er.
Zwei Schüsse fielen gleich nacheinander – Knall auf Knall. Der Schutzmann hatte sich eben zur Flucht umgewandt und fiel mit dem Kopf unter den Ladentisch; Peter sank über ihm zusammen. Es sah so aus, als strauchle er über die Beine des Schutzmanns; aber als Pelle ihm aufhelfen wollte, sah er, daß aus einem Loch in seiner Schläfe Blut sickerte. Der Schutzmann war mausetot.
Peter öffnete beschwerlich die Augen, als Pelle seinen Kopf in die Höhe hob. »Hilf mir fort!« flüsterte er und drehte das Gesicht nach dem toten Schutzmann um mit einem Ausdruck des Ekels. Er hielt den Revolver noch krampfhaft umklammert.
Pelle entwand ihm die Waffe und trug ihn auf das Sofa im Kontor. In der Tür stand der alte Bibliothekar und zitterte. »Ach, schaffen Sie ein wenig Wasser«, sagte Pelle, aber der Alte hörte nicht.
Peter Drejer machte eine abwehrende Bewegung, er hatte nichts mehr nötig. »Aber die beiden!« flüsterte er.
»Und dann – Pelle – – Kamerad –« Er versuchte den brechenden Blick auf Pelle zu richten, zuckte aber plötzlich wie in einem Krampf zusammen, die Knie zogen sich ganz bis unter das Kinn hinauf. »Die Bluthunde!« stöhnte er. Er schielte so stark, daß die Pupillen ganz verschwanden. Aber dann glitt das Ganze mit einem wunderlich leblosen Sinken wieder in die alte Lage zurück, er war tot.
Der Schutzmann kam herauf. »Na, is er krepiert?« fragte er gehässig. »Ja, er hat uns lange genug auf der Nase herumgespielt.«
Pelle nahm ihn beim Arm und führte ihn an die Treppe. »Jetzt gehört er nicht mehr zu Ihrem Bezirk«, sagte er. Er schloß die Tür und ging hinter dem Schutzmann her, in den Laden hinab. Der erschossene Schutzmann lag, so lang er war, oben auf dem Ladentisch; sein Kamerad hatte ihn da hinaufgelegt, er hatte die Ladentür abgeschlossen und die Rolladen herabgelassen.
»Sie schließen wohl den Betrieb für heute und teilen den Kameraden mit, was geschehen ist?« sagte Pelle ruhig zu Brun – »ich habe noch etwas auszurichten. Heute wird nicht mehr gearbeitet!«
»Willst du fort?« fragte der Alte bekümmert.
»Ja, ich will Peters Versammlung für ihn abhalten – er selbst kann es ja nicht mehr«, sagte Pelle leise.
Sie waren durch die Werkstatt gegangen, die Kameraden standen da und sahen einander an, sie hatten die Schüsse gehört, wußten aber weder aus noch ein. »Peter ist tot«, sagte Pelle, mehr konnte er vor Bewegung nicht hervorbringen. Alles stürzte plötzlich auf ihn ein. Er eilte hinauf und sprang auf eine Straßenbahn.
Draußen auf einem der großen Felder im Norden halten sich ein paar tausend Arbeitslose versammelt. Der Wind hatte sich aufgemacht, ein feiner Staubregen trieb von Westen her. Stoßweise brauste das Unwetter über das Feld hin. Die Arbeitslosen stampften hin und her oder standen da und froren in ihren dünnen Kleidern; es lag eine böse Luft über der Versammlung. Aus den Seitengassen strömten fortwährend Männer herbei, arg mitgenommene Gestalten die meisten von ihnen, mit Gesichtern, in die die Arbeitslosigkeit Jahreszahlen hineingegraben hatte. Viele hatten keine Kleider mehr, um sich in der Stadt sehen zu lassen, und benutzten nun diese Gelegenheit, um mit dabei zu sein.
Sie gingen umher und murrten, daß die Versammlung nicht begann, fragten einer den anderen, was das zu bedeuten habe, und wußten weder ein noch aus. Es fehlte ja nur, daß auch Peter Drejer sie genasführt hatte und zu der Bürgerschaft übergegangen war!
Aber plötzlich tauchte eine Gestalt auf dem Arbeitswagen auf, der als Rednertribüne benutzt werden sollte, von allen Seiten strömten sie herbei. Wer zum Teufel war denn das? Peter Drejer war es nicht! Pelle? – was für ein Schmied? Ach, der von dem großen Kampf – der Blitz! Lebte der noch? Freilich lebte der, er war ja Großindustrieller geworden und Stütze der Gesellschaft! Verdammt und verflucht, was wollte der hier? – Das war keine geringe Unverschämtheit!
Plötzlich peitschte ihm ein ganzes Gewitter von Rufen und Zischen mit vereinzeltem Beifall gemischt entgegen.
Pelle stand da und sah mit einem Ausdruck fürchterlichen Ernstes über die Versammlung hinaus. Ihre Demonstration gegen ihn rührte ihn nicht, aber hier stand er an Stelle eines toten Mannes! Noch fühlte er Peters totschweren Kopf auf seinem Arm.
Als es einigermaßen ruhig geworden war, erhob er den Kopf. »Peter Drejer ist tot«, sagte er mit einer Stimme, die man überall hörte. Es ging ein Flüstern durch die Reihen, sie sahen einander fragend an, als hätten sie nicht recht gehört. Er sah es ihrem Ausdruck an, wieviel für sie zugrunde gehen würde, falls sie es glauben mußten.
»Das sind ausgestunkene Lügen!« rief plötzlich eine befreiende Stimme. »Du bist von der Polizei gedungen, um uns auseinander zu jagen, du verdammter Schurke!«
Pelle wurde bleich. »Peter Drejer liegt in der Fabrik mit einer Kugel durch den Kopf«, wiederholte er unerbittlich. »Die Polizei wollte ihn anhalten, da erschoß er den Schutzmann und sich selbst!«
Einen Augenblick schien alles Leben unter der unbarmherzigen Wahrheit wegzufrieren, er sah, wie sehr sie Peter Drejer geliebt hatten. Dann fingen sie an zu murren und zu rufen, sie wollten zur Stadt und ein Wort mit der Polizei reden. Einige setzten sich schon in Bewegung.
»Still, Leute!« rief Pelle mit gewaltiger Stimme. »Seid ihr erwachsene Männer und wollt an der Bahre eines Kameraden Skandal machen?«
»Was weißt du davon«, erwiderte einer. »Du weißt ja gar nicht, wovon du redest!«
»Ich weiß so viel, daß irgendwo da draußen im Westen eine Frau und ein Kind sitzen und auf Peter warten – und er kommt nicht. Sollen da noch mehr sitzen und warten? Was geht mit euch vor, daß ihr in die See springen und euch ertränken wollt, weil ihr ein bißchen durchnäßt seid? Bekommen dadurch die Überlebenden das Ihre aufs Trockene? Denn wenn ihr das glaubt, ist es ja eure Pflicht, euch zu opfern. Aber glaubt ihr nicht eher, daß der Staat euch in eine große gemeinsame Grube werfen und euch von den Witwen und Waisen beweinen lassen wird?«
»Du hast gut reden!« rief man ihm zu. »Du hast dein Schäflein ins Trockene gebracht!«
»Ich bin damit beschäftigt, daß eure für euch auch ins Trockene zu ziehen – und das wollt ihr durch eine Dummheit ruinieren! Ihr habt gut reden, sage ich. Aber ist da jemand unter euch, der es wagt, sein Antlitz zum Himmel zu erheben und zu sagen, daß er mehr durchgemacht hat als ich, so mag er kommen und meinen Platz einnehmen.«
Er schwieg und sah über sie hinaus. Ihre abgezehrten Gesichter sagten, daß sie mehr der Nahrung, als neuer Hoffnung bedurften, der Blick starrte wieder und grub ins Ungewisse hinein. Jetzt mußte man ihnen eine Verantwortung zu tragen geben, eine widersinnige Verantwortung für so übervorteilte Wesen, am liebsten eine so große, daß sie sie ganz mit fortreißen konnte.
»Was geht mit euch vor?« fuhr er fort. »Ihr leidet Not, aber das habt ihr ja immer getan, ohne etwas dafür zu bekommen; und jetzt, wo die Sache einen Zweck hat, wollt ihr nicht mehr. Wir sind doch nicht von gestern – bedenkt das! Haben wir nicht den großen Kampf zusammen zu Ende geführt? Jetzt verhöhnt ihr ihn und die ganze Bewegung und sagt, sie hätte uns nichts gebracht; aber es war doch da, wir haben uns zum Leben durchgerungen und unser Menschenrecht erobert.
Und vor der Zeit haben wir tausend Jahre lang unsere blinde Hoffnung glücklich durch Unterjochung und Entbehrungen hindurchgeführt. Gibt es eine andere Klasse der Gesellschaft, die eine Marschroute wie die unsrige aufzuweisen hat? Von Umständen gezwungen, richteten wir uns darauf ein, jahrtausendelang in der Wüste zu wandern und vergaßen niemals das Land; der gute Gott hatte uns etwas von seiner eigenen unendlichen Langmut gegeben, um uns über die mühselige Zeit hinwegzubringen. Und jetzt, wo wir an der Grenze stehen, habt ihr vergessen, wohin der Marsch ging, und opfert das Ganze, wenn man nur euch aus mageren Sklaven in fette Sklaven verwandelt.«
»Hier gibt es keine Sklaven!« wurde drohend von mehreren Seiten gerufen.
»Ihr seid Arbeitstiere im Joch und mit Scheuklappen vor den Augen. Jetzt verlangt ihr, gut gefüttert zu werden. Wann fällt es wie Schuppen von euren Augen, so daß ihr die Verantwortung selbst übernehmt? Ihr glaubt, daß ihr ganz verteufelte Kerls seid, wenn ihr die Brust entblößt den Bajonetten entgegenwerft, können wir es aber mit der Brutalität aufnehmen? Wenn wir es könnten, gehörte uns die Zukunft nicht.«
»Verhöhnst du Peter Drejer?« fragte eine finstere Stimme.
»Das tue ich nicht! Peter Drejer gehörte zu jenen, die voraufgehen und die Steine auf den Wegen mit ihrem Herzblut bestreichen, damit wir andern weiterfinden können. Aber ihr habt nicht das Recht, euch mit ihm zu vergleichen; er brach zusammen unter der Last einer ungeheuren Verantwortung, und was tut ihr? Wollt ihr Peters Andenken ehren, wie er es verdient, so geht still nach Hause und schließt euch der Bewegung wieder an! Da habt ihr eine Arbeit auszurichten, die die Welt verwandeln wird, wenn ihr nur alle eure Kräfte anspornt. Was tut es, daß ihr noch eine Weile bluten müßt und daß eure Gedärme vor Hunger schreien, während ich euer eigenes Haus baue – ihr habt ja auch gehungert, als ihr für andere bautet!
Auf Peter Drejer beriefet ihr euch, aber wir gehören nicht zu den großen Märtyrern; wir sind gewöhnliche Menschen des Alltags; darin liegt unser Werk. Alle die Tausende, die in der Stille litten und starben, hatten sie nicht etwa noch einen größeren Anspruch darauf, daß wir sie beachten? Sie sind friedlich zugrunde gegangen, um die Entwicklung zu fördern, und können mit gewaltigem Recht den Anspruch erheben, daß wir an eine friedliche Entwicklung glauben. Gerade wir, die wir aus dem Grunde stammen, müssen die historische Entwicklung bewahren – niemals hat eine Bewegung eine so lange und qualvolle Vorgeschichte gehabt wie die unsere! Durch Leiden und Entbehrungen haben wir uns darin geübt, die Führerschaft in Empfang zu nehmen, wenn einst das Gute zu seinem Recht gelangt – und nun wollt ihr das Ganze mit einer gewaltsamen Tat über Bord werfen!«
Sie hörten ihm jetzt schweigend zu. Er hatte ihre Gemüter gefesselt, aber es war kein lichtes Wissen, daß sie aufsogen. Vorläufig sahen sie eigentlich aus wie müde Leute, die erfahren, daß sie noch weit zu gehen haben. Aber sie mußten da hindurch.
»Genossen!« rief er warm – »vielleicht werden wir hier das Neue nicht erleben, aber durch uns soll es einstmals zur Wirklichkeit werden. Die Vorsehung hat bei uns haltgemacht und hat uns ausersehen, dafür zu kämpfen – ist das nicht eine Ehre! Seht, wir kommen ja vom Grunde des Ganzen, – ganz nackend; das Alte haftet uns nicht an den Kleidern, denn wir haben keine – wir können uns in das Neue kleiden! – Den alten Gott mit seinen Tausenden von Pfaffen als Schutz gegen die Ungerechtigkeit kennen wir nicht; die Moral des Krieges haben wir niemals gespürt – wir, die wir immer seine Opfer waren. Wir glauben an das Gute, weil wir wissen, daß es ohne den Sieg des Guten keine Zukunft gibt. Unser Sinn ist licht und kann das Licht aufnehmen, wir wollen unser kleines Land emporheben und zeigen, daß es eine Mission auf Erden hat. Wir, die wir selber klein sind, wollen zeigen, wie sich die Kleinen aufrecht halten und sich geltend machen durch das Prinzip der Güte. Wir wollen niemand etwas Böses, darum ist das Gute auf unserer Seite. Nichts kann uns auf die Dauer niederhalten! – Und jetzt geht nach Hause – eure Frauen und Kinder sitzen vielleicht da und sind in Sorge um euch!«
Sie standen einen Augenblick schwerfällig da, als lauschten sie noch. Dann zerstreute sich die Menschenmenge in aller Stille.
Als Pelle vom Wagen sprang, kam Morten hin und reichte ihm die Hand. »Du bist stark, Pelle!« sagte er ruhig.
»Woher kommst du denn?« fragte Pelle froh überrascht.
»Ich bin heute nachmittag mit dem Dampfer gekommen und ging gleich ins Geschäft. Brun erzählte mir, was geschehen war, und sagte, du seiest hier draußen. Es war wohl eine gefährliche Versammlung. Da drüben in einer der Seitengassen stand eine Abteilung Schutzleute. Was lag denn vor?«
»Sie hatten irgendeine Kundgebung geplant – und dann wäre man ihnen wohl mit harter Hand begegnet«, sagte Pelle ernsthaft.
»Gut, daß es dir gelang, sie umzustimmen. Ich habe im Süden diese Kundgebungen gesehen, wo Polizei und Soldaten elende Arbeitslose niederreiten – das ist ein trauriges Schauspiel.«
Sie gingen über die Felder nach der Morgendämmerung hinaus. »Daß du wieder heimgekehrt bist!« sagte Pelle nochmals ganz kindlich. »Du hast ja nicht ein Wort davon geschrieben!«
»Es war auch meine Absicht, noch ein paar Monate fortzubleiben, aber dann, eines Tages, sah ich die Zugvögel nach Norden zu über das Mittelmeer fliegen – und da erwachte eine unbändige Sehnsucht in mir. Und es war ja gut, daß ich kam, dann kann ich Brun doch noch Lebewohl sagen.«
»Ach, will der nun doch reisen? Das ist schnell gekommen – heute vormittag konnte er sich noch gar nicht dazu entschließen!«
»Das ist die Sache mit Peter. Der Alte ist in dem letzten halben Jahr sehr hinfällig geworden. Aber laß uns ein wenig schneller gehen – ich sehne mich nach Ellen und den Kindern. Was macht der Kleine?«
»Das ist ein Dicksack«, sagte Pelle stolz. »Neun Pfund netto, – ist das nicht aller Ehren wert? Ein echtes Sonnenkind!«