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XI

Mit der Sperre ging es so so lala. Hofschuhmacher Meyer antwortete damit, daß er die Meister zu einer Versammlung zusammenberief, um einen Meisterverein zu bilden, der den Mitgliedern des Gewerkschaftsvereins die Arbeit verweigern sollte. Dann wäre die Sache ja mit einem Schlage tot gewesen.

So weit kam es jedoch nicht. Die kleinen Meister fürchteten sich, daß die Gesellen sich dann niederlassen und ihnen Konkurrenz machen würden. Instinktiv fürchteten sie auch die großen Meister mehr als die Gesellen und scheuten sich, mit ihnen in den Verein einzutreten. Die Bewegung innerhalb der Industrie schlug die Richtung ein, alles auf wenige Hände zu vereinen und die kleinen Geschäfte totzumachen. Die kleinen Meister hatten noch ein Hühnchen mit Meyer zu pflücken, der das Geschäft auf ihre Kosten in die Höhe gebracht hatte.

Durch Meister Beck erfuhr Pelle, was sich zwischen den Meistern zutrug. Meyer hatte auch verlangt, daß Beck Pelle verabschieden solle, aber dem wollte er sich nicht unterwerfen.

»Ich kann ja eigentlich nicht über Sie klagen«, sagte er. »Ihr Fachvereinswesen mag ich nicht – das sollten Sie lieber nachlassen. Aber mit Ihrer Arbeit bin ich wohl zufrieden. Ich habe mich immer bemüht, Gerechtigkeit nach allen Seiten zu erweisen. Wenn Sie aber dem Hofschuhmacher die Füße unter dem Leib wegschlagen, dann wollen wir kleinen Meister alle Ihrem Verein dankbar sein. Der frißt uns auf.«

Ihm die Füße unter dem Leib wegzuschlagen, das ließ sich nun freilich nicht machen. Er trieb im Gegenteil die schwächeren Mitglieder aus dem Fachverein hinaus und hatte immer Arbeiter genug – zum Teil Schweden, die er sich verschrieben hatte und denen er einen hohen Arbeitslohn zahlen mußte. Die Heimarbeit machte es unmöglich, ihm so recht zu Leibe zu kommen. Pelle und der Vorsitzende patrouillierten abwechselnd vor dem Lager zu der Zeit, wo die Arbeit abgeliefert wurde, um auszukundschaften, wer bei ihm arbeitete. Es gelang ihnen auch, ihm einige wegzuschnappen und sie zur Vernunft zu bringen oder ihre Namen im »Arbeiter« zu veröffentlichen. Aber dann schickten die Gesellen ihre Frauen und Kinder mit der Arbeit hin – da war nichts Rechtes anzufangen. Es kostete Meyer große Summen, das Geschäft im Gang zu halten, aber der Fachverein litt doch am meisten. Er war noch nicht stark in seinen Fugen, und die großen Meister scharten sich um Meyer und wollten die Mitglieder des Fachvereins nicht beschäftigen, solange die Sperre währte. So wurde sie denn aufgehoben.

Das war eine Niederlage; aber etwas hatte Pelle doch dabei gelernt! Der Stärkste trug den Sieg davon, und ihr Zusammenhalten war noch nicht ausreichend gewesen. Es mußte geredet, agitiert, es mußten Versammlungen abgehalten werden! Der Trieb zu dem Neuen veranlaßte sie wohl, sich zusammenzuscharen, aber ihr Ehrbegriff war noch nicht entwickelt. Das geringste Mißgeschick zerstreute sie.

Er verlor den Mut nicht; es mußte fast wieder von neuem angefangen werden; das war das Ganze.

Am Morgen, nachdem die Niederlage eine Tatsache geworden, war er schon frühe auf. In den Beschluß, mit doppelter Kraft daraufloszugehen, hatte er sich sozusagen hineingeschlafen, der saß ihm im Körper und legte Nachdruck in seine Hammerschläge!

Er pfiff, während ihm die Arbeit schnell von der Hand ging. Das Fenster stand offen, damit die nächtlichen Dünste herausschlüpfen konnten, auf den Dächern lag Reif, die Sterne schimmerten oben an dem kalten Himmel. Aber Pelle fror nicht! Er hatte eben die »Familie« geweckt und hörte sie da drinnen rumoren. Draußen auf dem Gang fing man an, schlaftrunken herumzutaumeln. Pelle pfiff den Marsch, gestern abend hatte er den letzten Abtrag seiner Schulden an Sort geschickt und gleichzeitig an Vater Lasse ganz bestimmt geschrieben, daß er kommen solle – jetzt tage es!

Marie kam und reichte ihm den Kaffee durch die Tür. »Guten Morgen!« rief sie munter durch die Türspalte. »Heute kriegen wir schönes Wetter, Pelle!« Sie war noch nicht ganz angekleidet und ließ sich nicht sehen. Die Jungen nickten ihm Guten Morgen zu, indem sie fortliefen. Karl hatte die Weste und Jacke unter dem Arm. Diese Kleidungsstücke pflegte er immer anzuziehen, wenn er die Treppe hinablief.

Als es Tag geworden war, kam Marie herein und brachte das Zimmer in Ordnung. Sie unterhielt ihn, während sie scheuerte.

»Hör mal, Marie!« rief Pelle plötzlich aus. »Ellen ist ja gestern hier gewesen und hat dich gebeten, mir einen Bescheid zu überbringen, wenn ich nach Hause käme. Das hast du ja gar nicht getan.«

Maries Gesicht wurde hart, aber sie antwortete nicht.

»Es war nur ein reiner Zufall, daß ich ihr gestern begegnete, sonst hätten wir uns verfehlt.«

»Dann werde ich es wohl vergessen haben«, erwiderte Marie mürrisch.

»Ja, vergessen hast du es freilich. Aber das ist nun schon das zweitemal in dieser Woche. – Du bist wohl verliebt?« fügte er lachend hinzu.

Marie wandte ihm den Rücken zu. »Ich habe nichts mit ihr zu schaffen –, ich schulde ihr nichts!« rief sie plötzlich trotzig aus. »Und ich will auch nicht deine Stube länger reinmachen, laß sie das doch tun – dir!« Sie nahm den Scheuereimer und den Schrubber und lief in ihre eigene Stube hinein. Nach einer Weile ertönte ihre Stimme da drinnen; er glaubte erst, sie trällerte eine Melodie vor sich hin, aber dann war es Schluchzen.

Er eilte hinein, sie lag auf ihrem Bett und weinte, biß in das Kopfkissen und schlug mit den rauhen Händen wütend nach ihm. Ihr magerer Körper brannte wie im Fieber.

»Du bist ja krank, liebe Marie«, sagte Pelle besorgt und legte ihr die Hand auf die Stirn. »Du solltest zu Bett gehen und etwas zum Schwitzen einnehmen. Ich will es dir wohl warm machen.«

Sie war wirklich krank, die Augen brannten trocken, und ihre Hände waren naßkalt. Aber sie wollte von nichts hören. »Geh du deiner Wege!« sagte sie wütend – »und kümmere dich um deine Arbeit. Laß mich in Ruh!« Sie hatte ihm den Rücken zugewendet und stieß trotzig mit der Schulter nach ihm. »Geh du doch lieber hin und streichle Ellen«, rief sie plötzlich aus und lachte boshaft.

»Warum bist du so, Marie,« sagte Pelle betrübt. »Du bist ja ganz schlecht.«

Sie bohrte das Gesicht in die Betten und wollte ihn weder ansehen, noch ihm antworten. Dann ging er an seine Arbeit.

Nach einer Weile kam sie und begann mit dem Reinmachen. Sie stieß hart mit den Gegenständen herum. Eine Arbeit, die er zum Trocknen an den Ofen gestellt hatte, riß sie nieder und sah ihn dabei schadenfroh von der Seite an. Dann fiel eine Tasse mit Kleister herunter und zerbrach. Sie tut es absichtlich, dachte er betrübt und schabte den Kleister in eine leere Dose auf. Sie stand da und betrachtete ihn mit bösen, stechenden Augen.

Er begab sich wieder an seine Arbeit und tat, als sei nichts geschehen. Auf einmal fühlte er ihre dünnen Arme um seinen Hals. »Verzeih mir«, sagte sie weinend und barg ihr Gesicht an seiner Schulter.

»Na, na, es ist ja nichts Schlimmes geschehen. Die alte, dumme Tasse«, sagte er tröstend und streichelte ihren Kopf. »Du konntest ja auch nichts dafür.«

Aber da brach sie ganz zusammen, es sah so aus, als wolle das Weinen ihren dünnen Körper vernichten. »Ja, ich habe es mit Willen getan!« brüllte sie, »und den Stiefel habe ich auch mit Willen hingeworfen, und mit Willen habe ich dir gestern nicht Bescheid gesagt. Ich könnte dir gern noch mehr zuleide tun, ich bin so schlecht! schlecht! schlecht! Warum gibt mir auch niemand eine Tracht Prügel? Wenn du nur einmal so ordentlich böse auf mich werden wolltest!«

Sie war ganz außer sich und wußte nicht, was sie sagte.

»Hör einmal, jetzt solltest du vernünftig sein!« sagte Pelle bestimmt, »denn dies hier ist nicht amüsant. Ich hatte mich darauf gefreut, heute zu Hause zu sein und bei dir zu arbeiten – und dann kriegst du Zufälle genau so wie die feinen Frauenzimmer!« Sie unterdrückte das Weinen mit einer gewaltsamen Anstrengung und ging dann in ihre Stube hinein, leise schluchzend. Gleich darauf kam sie wieder herein mit einer gerissenen Tasse für den Kleister und einer kleinen Blechdose mit einem Spalt im Deckel. Das war ihr Geldkasten.

»Nimm das«, sagte sie und schob ihm die Schachtel auf den Schoß. »Dann kannst du dir Leisten kaufen und brauchst nicht um Arbeit bei den kleinen Meistern zu betteln. Hier in der ›Arche‹ gibt es Arbeit genug.«

»Aber Marie – das ist doch deine Hausmiete«, sagte Pelle erschrocken.

»Was tut das? Das Geld werd ich bis zum Ersten schon wieder zusammenbringen.«

Ja, das würde sie schon fertigbringen! Pelle lachte verzweifelt darüber. Wie leichtsinnig sie mit dem Gelde um sich warf, das ihr dreißig Tage peinlichen Sparens und Nachdenkens kostete, um es für jeden Monat zusammenzuschrapen.

»Was meinst du, was Peter und Karl dazu sagen würden, daß du so mit dem Gelde um dich wirfst. Mach, daß du die Schachtel wieder verwahrst – und zwar ein wenig schnell!«

»Ach, nimm sie doch«, sagte sie beharrlich und fuhr fort, ihm die Schachtel hinzuschieben. »Ja, dann werf ich sie zum Fenster hinaus!« Sie öffnete schnell einen der Fensterhaken. Pelle stand auf.

»Das ist ja wahr, ich bin ja noch das Geld für die letzte Wäsche schuldig,« sagte er und wollte eine Krone in die Schachtel stecken. »Gut, daß du mich daran erinnerst.« Sie starrte ihn versteinert an und lief dann in die Stube hinein.

Da drinnen ging sie wieder umher und trällerte mit ihrer harten Stimme; nach einer Weile ging sie aus, um Einkäufe zu machen, im grauen Umschlagetuch, mit ihrem Hausfrauenkorb über dem Arm. Er konnte ihren eigentümlichen Schritt verfolgen, der zart wie der eines Kindes, und doch so alt klang, ganz durch den Tonnengang hindurch. Dann ging er in die Wohnung der Kinder und zog die dritte Kommodenschublade auf; dort verwahrte sie immer ihre Geldschachtel, die sie in ihrer Wäsche einwickelte. Er besaß noch zwei Kronen, die steckte er in die Schachtel.

Auf die Weise pflegte er sie immer zu bezahlen. Wenn sie dann ihr Geld nachzählte und zu viel herausrechnete, glaubte sie, der liebe Gott habe das Geld in die Schachtel gelegt, und kam dann jubelnd hin und erzählte es. Das Kind glaubte blind an das Glück und nahm es hin wie eine Auserwählung; dies Geld war für sie etwas ganz anderes als das, was sie selbst zusammensparte.

Um die Mittagszeit kam sie und lud ihn ein. »Es gibt gebratenen Hering, Pelle, da kannst du unmöglich nein sagen,« sagte sie überredend, »denn das kann kein Bornholmer! Dann brauchst du nicht das langweilige Essen vom Höker zu kaufen und fünfundzwanzig Öre dafür wegzuwerfen.« Sie hatte eine halbe Stiege gekauft und fünf davon für die Brüder zurückgelegt, wenn sie heimkamen. »Und es gibt Kaffee hinterher,« sagte sie. Sie hatte allerliebst aufgedeckt, mit einer reinen Serviette an dem einen Ende des Tisches.

Der kleine Paul der Fabrikarbeiterin kam dazu und bekam auch einen Mund voll ab. Dann lief er wieder auf den Gang hinaus und tummelte sich dort umher, der kleine Kerl war keinen Augenblick ruhig, von dem Moment an, wo ihn die Mutter am Morgen herausließ; da war so viel, was er nachholen mußte nach seiner langen Einsperrung. Aus dem kleinen Idioten, den die Mutter an dem Ofen festbinden mußte, weil er Wasser im Kopf hatte und sich zum Fenster hinausstürzen wollte, war ein richtiger Strolch geworden. Jeden Augenblick steckte er den Kopf zur Tür herein zu Pelle; und manchmal kam er ganz hinein, legte die Hand auf Pelles Knie und sagte: »Du bist mein Vater!« Dann stürzte er wieder von dannen. Marie half ihm bei der Besorgung von Großem und Kleinem – er suchte immer seine Zuflucht bei ihr!

Nachdem sie aufgewaschen hatte, setzte sie sich mit ihrer Flickarbeit zu Pelle, dann saß sie da und schwatzte drauflos über ihre hausmütterlichen Sorgen: »Ich muß bald Laufjacken für die Jungen haben, schrecklich, was sie in dem Alter verbrauchen! Ich sehe jeden Tag bei der Trödlerin vor. Du mußt auch eine neue Bluse haben, Pelle, die eine ist bald zu Ende, und dann hast du nichts zum Wechseln. Wenn du dir Zeug kaufen willst, so will ich sie dir schon nähen – ich kann nähen! Meine feine Bluse habe ich mir selbst genäht. – Hanne hat mit dabei geholfen. – Warum gehst du eigentlich nie mehr zu Hanne?«

»Ach, ich weiß nicht.«

»Hanne ist so sonderbar geworden. Sie kommt nie mehr auf den Hof hinunter und tanzt mit uns – sie hat es doch früher getan. Dann paßte ich am Fenster auf und lief hinunter. Es war so amüsant – mit ihr zu spielen. Wir gingen rund um sie herum und sangen: Vor Hanne wollen wir knicksten, vor Hanne wollen wir uns verneigen, vor Hanne wenden wir uns alle um. Und dann knicksen wir und verneigten uns alle und schließlich kehrten wir uns alle um. Du kannst mir glauben, das war flott! Du hättest doch nur Hanne nehmen sollen.«

»Du magst es ja doch nicht, daß ich Ellen genommen habe – wozu soll ich denn Hanne nehmen?«

»Ach, ich weiß nicht – Hanne das –« Marie schwieg lauschend und riß das Fenster auf.

Unten in der »Arche« knallte eine Tür, und ein langes Zischen kam dahergejagt, es klang fast wie ein heiserer Laut aus des tollen Vinzlevs Flöte oder wie der Zugwind in den langen Gängen. Gleich einem abgerissenen, lächerlichen Stück Melodie flatterte der Laut da unten umher, leckte hinter dem Holzwerk empor und brach ganz oben im Tageslicht hervor, heiser, mit einem Anklang von Ekstase: »Hanne kriegt ein Kind! Die Märchenprinzessin erwartet ihre Niederkunft!«

Wie ein Feuer flog Marie die Treppe hinab. Die Backfische liefen kreischend auf dem Hof zusammen, die Frauen murmelten einander draußen auf dem Holzwerk zu – hinauf, hinab. Nicht, daß das an und für sich etwas Neues gewesen wäre; aber hier war es ja Hanne selbst, die Unbefleckte, die zu beschmutzen noch keine Zunge gewagt hatte. Auch jetzt wagte man sich kaum damit hervor, so überraschend kam es. Sie hatten gewissermaßen alle mit ihr in ihrem Schwärmen gelebt und mit ihr auf das Märchen gewartet; von klein auf war sie ausersehen gewesen, das Unfaßliche zu tragen – und nun sollte sie nur ein Kind bekommen! Es war wirklich im ersten Augenblick wie ein Wunder, so überraschend kam es ihnen allen!

Marie kam wieder herauf, schleppend und mit einem Ausdruck von Entsetzen und Staunen. Unten im Hofe gingen die kleinen rotznäsigen Gören herum und trällerten, während sie Hand in Hand um den Rost der Kloake trabten, um den man so herrlich rundherum gehen konnte:

»Bro–bro–brille fein,
Hanne tiecht ein Tindlein tein!«

Sie konnten noch nicht einmal ordentlich sprechen.

Aber da war es »Grete mit dem Kinde«, das verrückte Frauenzimmer, das das Kellerfenster aufriß, sich auf den Rücken hinauslegte, mit ihrer Puppe auf dem Arm und durch den Hof hinausschrie, so daß es gellte: »Die Märchenprinzessin kriegt 'n Kind, und Pelle ist Vater dazu!«

Pelle beugte sich über seine Arbeit und schwieg. Er war glücklicherweise nicht der verkleidete Königssohn hier! – Aber er zankte sich nicht mit Frauenzimmern.

Hannes Mutter kam in die Galerie hinausgestürmt. »Das sind unverschämte Lügen!« rief sie. »Pelles Name soll nicht da hineingezogen werden. Das andere mag sein, wie es will!«

Oben über ihrem Kopf kam der Leichenwagenkutscher herausgeschwankt. »Da hat sich die Prinzessin ja 'nen Balken in 'n Leib gerannt«, brummte er in seinem gutmütigen Baß. »Ein Jammer bloß, daß ich nicht Hebamme geworden bin. Man hat das verkehrte Ende zu fassen gekriegt.«

»Scher du dich in deine Höhle und halt's Maul, du Leichenräuber«, antwortete Madam Johnsen fauchend. »In alles mußt du deine Schnapsstimme 'reinmischen.«

Er stand da oben in seinem Halbrausch über das Geländer gelehnt und plapperte neckend hinunter, ohne sich an Madam Johnsens Schelten zu kehren. Aber dann riß die kleine Marie ein Fenster auf und kam ihr zu Hilfe, und oben auf die Plattform kam Ferdinands Mutter hinaus! »Wieviel Schinken hast du den letzten Monat gekauft? Hol du deine Bärenschinken 'raus und zeig uns die. Er schlachtet bei jeder Leiche einen Bären, der Trunkenbold.« Von allen Seiten fielen sie über ihn her. Er konnte nicht dagegen an und begnügte sich damit, Augen und Mund aufzureißen und »Bä–ä–äh!« zu sagen. Dann kam sein rothaariges Frauenzimmer heraus und zog ihn hinein.

Pelle saß über seine Arbeit gebeugt und lauschte verstohlen. Seine Erscheinung pflegte dämpfend auf die tollen Anfälle der »Arche« zu wirken, aber hier hinein wollte er sich doch nicht mischen. Und niemals hätte er sich träumen lassen, daß Hannes Mutter so werden könne. Sie war wie eine Furie, drehte den Kopf blitzschnell bald nach der einen Seite, bald nach der anderen und lauschte auf jeden Laut, bereit dagegen loszugehen!

Ach, sie verteidigte ihr Kind, jetzt wo es zu spät war! Einer fauchenden Katze glich sie.

»Der allerjüngste von den Grafen –«

sangen die Kinder unten auf dem Hof, das war Hannes Lied. Madam Johnsen stand da, als wolle sie ihnen an den Kopf fliegen. Plötzlich schlug sie die Schürze vor das Gesicht und ging schluchzend hinein.


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