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XV

Innerhalb der Genossenschaftswirksamkeit ging die Arbeit ihren ruhigen Gang. Viel Lärm ward nicht davon gemacht, in der Bewegung war man nahe daran, zu vergessen, daß sie überhaupt existierte. Es war ein langer und mühseliger Weg, den Pelle beschritten hatte, aber er war nicht im Zweifel darüber, daß er zum Ziele führte, und ging besonnen zu Werk. Nie war sein Atem so lang gewesen.

Vorläufig machte er Erfahrungen. Er und Peter Drejer hatten einen Stab von soliden Arbeitern erzogen, die wußten, um was es sich handelte, und sich nicht aus der Bahn drängen ließen, selbst wenn einmal ein fremdes Element hineinkam. Das Geschäft wuchs beständig und forderte neuen Zuwachs, aber die neuen Kräfte machten ihm keine Schwierigkeiten; das Unternehmen war so stark, daß es sie verschlang und umbildete.

Die Fabrikanten entsannen sich auf alle Fälle, daß er existierte, und schadeten ihm, wo sie nur konnten. Das freute ihn, weil es ein Beweis war, daß er ihnen gefährlich wurde. Durch ihre Verbindungen schnitten sie ihm den Kredit ab, und als das zu nichts führte, da er Bruns Vermögen im Rücken hatte, versuchten sie es mit den Rohprodukten, indem sie die Lederhändler zwangen, ihm nicht zu verkaufen. So mußte er denn seinen Bedarf aus dem Ausland verschreiben. Das war mit ein wenig Extraschwierigkeiten verbunden; jetzt galt es, Ordnung in die Sache zu bringen, so daß man nicht plötzlich ohne das Erforderliche dastand.

Eines Tages fehlte ein Artikel in einer neuen Sendung, und das Ganze war nahe daran, ins Stocken zu geraten. Es gelang ihm, das Erforderliche durch eine Kriegslist zu beschaffen, aber er war ärgerlich. »Ich hätte wohl Luft, den Lederhändlern einen fühlbaren Hieb zu versetzen«, sagte er zu Brun. »Hier muß man sich, wenn einem zufällig mal etwas fehlt, das Notwendige erschleichen. Wollen wir nicht den Laden hier nebenan mieten und ein Ledergeschäft anfangen? Das ist eine Ohrfeige für die anderen, und dann haben wir selbst immer, was wir gebrauchen. Wir wollen ja keine Krösusse bei der Geschichte werden, deswegen glaub' ich, daß sich viele kleine Meister ringsumher in den Winkeln über uns freuen werden.«

Ja, Brun hatte nichts dagegen, daß der Krieg ein bißchen mehr bis aufs Messer geführt wurde. Ihm geschah überhaupt nicht genug!

Im Oktober wurde das neue Geschäft eröffnet. Pelle wollte, daß Peter Drejer es führen sollte, aber der weigerte sich. »Ich eigne mich wohl nicht dazu, zu kaufen und zu verkaufen«, sagte er finster. Da nahm Pelle einen von den jungen Arbeitern aus der Werkstatt in das Geschäft auf und hielt selbst ein wachsames Auge darüber.

Hierdurch erhielt die Sache einen tüchtigen Schub; es gab Arbeit genug; die Werkstatt lieferte jetzt weit mehr, als im Laden abgesetzt werden konnte, und Pelles Ledergeschäft machte die kleinen Meister vom Privatkapital unabhängig. Viele von ihnen betrieben einen Kleinhandel von Fabrikschuhzeug neben der Reparaturwerkstatt und bezogen nun ihre Waren von ihm. In der Provinz hatte sich sein Schuhzeug schon an verschiedenen Orten eingebürgert; das war ganz von selbst gekommen. Eins führte das andere nach sich. Die Fabrikanten verfolgten sie da draußen auch – wo sie nur konnten. Die Folge davon war, daß die Arbeiter die Sache aufnahmen und es in den Geschäften, in denen sie den Kundenkreis bildeten, erzwangen. Um Pelles Schuhwaren begann sich ein Kampf zu entwickeln.

Aber er wußte, daß das nur der Anfang war. Es mußte zu einem großen Zusammenstoß kommen, und war er dann hinreichend gerüstet? Die Fabrikanten waren im Begriff, ihm gegenüber einen Laden zu errichten, wo billig verkauft werden sollte, um sein Ladengeschäft zugrunde zu richten, und eines Tages würden sie sicher die Preise über die ganze Linie stark herabsetzen, um ihn von der Stange zu stoßen.

»Laß sie nur!« sagte Brun. »Dann kommen die Leute billig zu ihrem Schuhzeug!« Aber Pelle sah mit Sorge dem neuen Angriff entgegen. Selbst wenn sie ihn aushielten, konnte er sehr wohl ihre ökonomischen Kräfte erschöpfen.

Sie waren zu sehr isoliert, das war das Unglück. Noch waren sie wie jemand, der auf offenem Strand ans Ufer gespült wird, sie hatten nichts hinter sich. Die Arbeitgeber hatten längst entdeckt, daß sie ebenso international waren wie die Arbeiter, und hatten Pelles alten organisatorischen Gedanken adaptiert. Es ging auch nicht allemal glatt mit der Beschaffung des Rohmaterials aus dem Auslande, er spürte den Zusammenhang! Solange er nicht die Gerber auch dahin gebracht hatte, ein gemeinsames Unternehmen zu errichten, konnte er jeden Augenblick riskieren, daß ihm die Füße unter dem Leibe weggeschlagen wurden. Und vor allen Dingen mußte er das große Arbeiterheer auf seiner Seite haben, darauf zielte das Ganze hin.

Eines Tages stand er wieder auf der Rednertribüne, nach Verlauf von langen Jahren, und hielt seinen ersten Vortrag über die Kooperation. Es war ganz wunderlich, seiner eigenen Partei wieder gegenüberzustehen und alle die Gesichter auf sich gerichtet zu fühlen. Vorläufig betrachteten sie ihn wie jemand, der aus der Fremde mit neuen Ideen heimgekehrt ist – oder vielleicht nur mit neuen Vorstellungen; aber er wollte sie schon gewinnen! Gerade ihre Trägheit war vielverheißend, wenn sie erst überwunden war; er erkannte sie wieder, sie waren schwer in Tritt zu bringen – und fast nicht wieder anzuhalten. Wenn seine Idee diese Leute mit ihren mächtigen Organisationen und ihrer unerschütterlichen Disziplin erst einmal ordentlich gepackt hatte, so war sie unüberwindlich. Er stürzte sich mit ganzer Kraft in die Agitation hinein und hielt jede Woche einen Vortrag in einem politischen oder einem Fachverein.

»Pelle, was du doch alles zu tun hast!« sagte Ellen, wenn er nach Hause kam. Ihr Zustand erfüllte ihn mit Glück, es war gleichsam eine Besiegelung ihrer neuen Vereinigung. Sie hatten sich ein wenig mehr in sich selbst zurückgezogen, über ihr Gesicht und ihre Gestalt legte sich ein Schimmer träumerischer Weichheit; ein wenig hilflos und abwesend nahm sie ihn jetzt an der Pforte in Empfang – eine junge Mutter, die man mit vorsichtigen Händen anfassen muß! Er sah sie von Tag zu Tag gedeihen und tragen – freigebig, wie der Garten die letzten, schweren Blüten trug, und er hatte ein glückliches Gefühl, daß es für ihn an allen Ecken und Enden wuchs.

Von Morten sahen sie nicht viel, er befand sich in einer Krisis und bewegte sich am liebsten für sich allein. Er klagte beständig, daß es mit seiner Arbeit nicht vorwärts gehen wolle, selbst mit der geringsten Kleinigkeit, die er in Angriff nahm, fuhr er sich fest.

»Das kommt daher, weil du nicht mehr daran glaubst«, sagte Pelle. »Wer an seiner Arbeit zweifelt, sägt ja den Ast ab, auf dem er sitzt.«

Morten hörte ihm mit einem müden Ausdruck zu. »Es steht noch viel schlimmer – denn ich zweifle ja an den Menschen selbst. Ich gehe umher und mich friert, und ich konnte nicht ergründen, weswegen; aber nun weiß ich es – das kommt daher, weil die Menschen kein Herz haben. Alles Wachstum beruht ja auf Wärme, aber unsere ganze Kultur ist ja auf Kälte aufgebaut; daher ist es hier so kalt, wie es ist.«

»Die Kleinen haben aber doch ein Herz,« sagte Pelle – »das und nicht der Verstand hält sie aufrecht, sonst wären sie schon längst zugrunde gegangen – wären ganz einfach zu Tieren geworden. Warum ist das nicht der Fall, trotz all ihres Elends? Warum bringt selbst die Kloake leuchtende Wesen hervor?«

»Ja, die Armen wärmen einander – aber blau gefroren sind sie darum doch! Und sollte man ihnen nicht lieber wünschen, daß sie kein Herz hätten, womit sie sich abplacken – inmitten einer bis auf den Grund vereisten Gesellschaftsordnung? Ich beneide alle, die das Elend vom historischen Standpunkt aus betrachten und sich mit der Zukunft trösten können. Ich glaub' ja auch selbst, daß das Gute einmal siegen wird, aber der Gedanke, daß Millionen vorher glücklos ins Grab sinken müssen, in dem Kampf gegen die Dummheit, erscheint mir trotzdem als eine erstickende Ungerechtigkeit. Ich bin ein Unversöhnlicher, das ist die Sache; mein Sinn ist auf andere Zustände eingestellt, darum leide ich unter dem Bestehenden. Allein eine so selbstverständliche Sache wie Geldeinnehmen verursacht mir Qual. Das Geld gehört mir, aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, es in umgekehrter Richtung zu verfolgen: Welche Entbehrungen ruft es hervor, indem es in meine Hände übergeht? Was klebt von Not und Tränen daran? Und wenn ich es wieder ausgebe, so nagt beständig der Gedanke an mir, daß die, die mir geholfen haben, zu wenig bekommen – meine Waschfrau und die anderen. Sie können ja kaum leben, und die Schuld trifft unter anderen auch mich! Dann beginnt mein Gedanke die Entbehrungen der anderen herauszugraben, und ich finde keinen Frieden; jedesmal, wenn ich einen Bissen in den Mund stecke oder die Auslagen in den Schaufenstern sehe, muß ich an die anderen denken, die hungern. Ich leide entsetzlich darunter, daß ich diese Zustände, deren Torheit doch so einleuchtend ist, nicht ändern kann. Und es nützt nicht, daß ich es mir als krankhaft aus dem Sinn schlagen will; das ist es nämlich nicht – es ist ein Vorgreifen in mir! Wir müßten alle zusammen einmal dahin – falls sich nicht die Unterdrückten vorher erheben und die Ordnung umkehren. Du siehst, ich bin dazu verurteilt, das Elend all der anderen mitzuerleben – und mein eigenes Leben ist gerade nicht reich an Sonnenschein gewesen. Denke doch nur an meine Kindheit, wie freudlos die gewesen ist! Ich habe nicht deinen Fonds, aus dem ich schöpfen kann, das mußt du bedenken, Pelle!«

Nein, viel Sonnenschein war nicht auf Mortens Weg gefallen; jetzt kroch er zusammen und fror.

Aber eines Abends kam er zu ihnen in die Stube hineingestürmt und winkte mit einem Papier. »Ich habe ein Legat bekommen!« sagte er. »Morgen früh reise ich nach dem Süden!«

»Du mußt doch erst deine Angelegenheiten ordnen«, sagte Pelle. »Ordnen?« Morten lachte. »Nein, Pelle, zum Reisen ist man immer bereit. Mein ganzes Leben bin ich immer zu einer Reise um die Welt mit einer Stunde Frist parat gewesen!« Er ging auf und nieder und rieb sich die Hände. »Ach, nun werde ich nach dem Süden kommen und in Sonne schwelgen, Pelle – so ordentlich durchschmoren lassen will ich mich! Ich glaube, es wird meiner Brust gut tun, einmal einen Winter zu überschlagen.«

»Wie weit hinunter wollen Sie denn?« fragte Ellen mit leuchtenden Augen.

»Nach Süditalien und Spanien. Ich will irgendwo hin, wo die Kälte nicht Tausenden den Rock auszieht, indem sie einem den Pelz anhilft. Und dann will ich Menschen sehen, die nicht teilhaftig sind an den Segnungen der mechanischen Kultur, die aber dafür die Sonne beschienen hat; Sonnenmenschen, so wie die kleine Johanne und ihre Mutter und Großmutter – die aber das Recht haben zu leben! Ach, es wird herrlich sein, einmal arme Leute zu sehen, die nicht frieren.«

»Laß ihn nur so schnell wie möglich wegkommen«, sagte Ellen, als Morten hinaufgegangen war, um seinen Koffer zu packen. »Denn wenn ihm erst die Armen in den Sinn kommen, so wird nichts aus der Reise. – Ich muß wohl ein Paar von deinen Strümpfen und ein bißchen von deinen Unterkleidern in seinen Koffer stecken – er hat nichts zum Wechseln. Wenn er nur dafür sorgen wollte, daß er die Sachen zur Wäsche gibt – und wenn sie ihm nur nicht alles mit Chlor ruinieren!«

»Solltest du dich nicht ein wenig nach ihm umsehen, während er packt?« fragte Pelle. »Sonst fürchte ich, daß er das, was er nötig hat, nicht mitbekommt. Morten vergißt manchmal seinen Kopf in der Nachtmütze.«

Ellen ging mit den Sachen, die sie herausgesucht hatte, hinauf. Es war ein Glück, daß sie kam. Morten hatte seinen Koffer voll lauter Bücher gepackt und die notwendigsten Sachen beiseitegelegt. Er stand da und trippelte umher und war ganz unglücklich, als sie alles wieder aus dem Koffer herausnahm und von vorne anfing; er hatte alles so hübsch geordnet, die Gedichte für sich und die Proletarierschilderungen für sich – er brauchte nur die Hand hineinzustecken, um herauszuholen, was er wünschte. Aber Ellen kannte keine Schonung; das Ganze mußte auf den Fußboden heraus, und jeden Fetzen von Kleidungsstücken, den er besaß, mußte er auf Stühle legen. Das Notwendigste wurde herausgesucht. Bei jedem Stück, das in den Koffer kam, erhob Morten einen leisen Widerstand – es konnte sich wirklich nicht lohnen, Strümpfe mitzuschleppen oder Wäsche zum Wechseln – so etwas kaufte man sich ganz einfach, wenn man es nötig hatte. »So –? Das lohnte sich nicht? Aber einen großen Koffer voll nutzloser Bücher mit sich herumzuschleppen, wie ein Kolporteur – das lohnte sich vielleicht!«

Ellen lag auf den Knien vor dem Koffer und bahnte sich einen Weg. Ihr Eifer lockte Pelle herauf, er stand an den Türrahmen gelehnt und sah ihnen zu. »Das ist recht, seif' du ihn nur 'mal ordentlich ein, das hält dann vor, bis er wieder nach Hause kommt«, sagte er lachend. »Er hat es sehr nötig.«

Morten saß auf einem Stuhl und sah niedergeschlagen aus. »Ein Glück, daß man nicht verheiratet ist«, sagte er. »Ich fange wirklich an, Mitleid mit dir zu haben, Pelle.« Man konnte es ihm ansehen, wie wohl ihm die Fürsorge tat.

»Ja, nun kannst du sehen, was für ein Hauskreuz ich bekommen habe«, entgegnete Pelle ernsthaft. »Bisher hast du es niemals glauben wollen.«

Ellen ließ sie ruhig schwatzen, jetzt war der Koffer bis an den Rand gefüllt, und jetzt wußte sie wenigstens, daß er nicht wie ein Landstreicher umherziehen würde. Nun handelte es sich nur noch um die Toilettengegenstände – nicht einmal dafür hatte er gesorgt. Sie zog ein gewaltig großes Buch aus der Toilettenlasche der inneren Seite des Kofferdeckels, um Platz für Kämme, Bürsten und Seife zu machen, da aber stürzte Morten herzu. »Das muß ich mit haben – es mag gehen, wie es will«, sagte er sehr bestimmt. Es waren: » Die Unglücklichen« von Viktor Hugo – Mortens Bibel.

Ellen schlug das Titelblatt auf, um zu sehen, ob es denn wirklich so notwendig war, ein solches Ungeheuer mit sich herumzuschleppen – es war ja so groß wie ein ganzes Brot.

»Dazu ist kein Platz,« erklärte sie und legte es ruhig beiseite – »wenigstens nicht, wenn Sie sich den Schmutz abwaschen wollen. Aber Sie werden dort, wohin Sie kommen, sicher auch Unglückliche treffen; davon gibt es gewiß überall genug.«

»Dann erlauben gnädige Frau am Ende auch nicht, daß ich meine Schreibmaterialien mitnehme?« fragte Morten in einem bittstellerischen Tone.

»Ja,« erwiderte Ellen lachend – »und Sie dürfen sie sogar zu etwas recht Schönem benutzen – – falls Sie für uns kleine Leute schreiben wollen. Jammer und Elend gibt es genug!«

»Wenn mich nun die Sonne so recht beschienen hat, komme ich nach Hause und schreibe ein Buch darüber«, sagte Morten ernsthaft.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Morten war früh auf und ging nach dem Friedhof hinaus. Das zog sich in die Länge, sie warteten mit dem Frühstück auf ihn. »Jetzt kommt er, ich hab' ihn unten auf dem Felde gesehen«, rief Lasse Frederik endlich; er war nach dem Gehöft hinüber gewesen, um Milch zu holen.

»Dann können wir die Eier ins Wasser legen«, sagte Ellen zu Schwester, die ihr in der Küche ein wenig zur Hand ging.

Morten war feierlich zumute. »Jetzt sind die Rosen auf Johannens Grab wieder abgepflückt«, sagte er. »Ich kann es nicht begreifen, wie es jemand übers Herz bringt, die Toten zu berauben; sie sind doch die ärmsten von uns allen.«

»Es freut mich, dich dies sagen zu hören«, rief Pelle aus. »Vor einem Monat warst du imstande, zu meinen, daß die Toten die einzigen Wohlhabenden seien.«

»Du bist ein Fels«, sagte Morten lächelnd und packte ihn bei den Schultern. »Selbst wenn sich alles andere verändert – wo man dich hat, weiß man doch stets.«

»Zu Tisch! Zu Tisch!« rief Ellen. »Aber schnell – sonst wird die Überraschung kalt!« Sie stand da und wartete mit einer zugedeckten Schüssel.

»Aber – du hast ja frischgelegte Eier!« rief Pelle erstaunt aus. »Ja, die Hühner haben sich herabgelassen, in den letzten Tagen wieder zu legen – Morten zu Ehren!«

»Nein, dem guten Wetter zu Ehren – und dann, weil sie jetzt frei herumlaufen dürfen!« wandte Lasse Frederik ein.

Motten lachte: »Lasse Frederik ist ein unverbesserlicher Realist seinetwegen braucht das Leben nicht aufgeschmückt zu werden.«

Ellen sorgte liebevoll für Morten. »Jetzt müssen Sie aber gefälligst zugreifen,« sagte sie, »wer weiß, ob Sie da draußen in der Fremde was Ordentliches zu essen bekommen.« Sie dachte mit Grausen an das Futter, das ihre Einlogierung im Palais zusammengemanscht hatte.

Und dann hielt der Wagen vor der Tür, der Koffer wurde vorn beim Kutscher hinaufgestellt, Pelle und Morten stiegen ein – es war die höchste Zeit. Lasse Frederik und Schwester standen jedes auf einem Wagentritt bis an die Landstraße hinab; dann sprangen sie herunter und liefen zurück. Da oben am Giebel stand Ellen und winkte – Svend Trost an der Hand.

»Es muß sonderbar sein, so von dem Ganzen wegzureisen«, sagte Pelle.

»Ja, für dich müßte es sonderbar sein«, erwiderte Morten und warf einen letzten Blick zurück auf Pelles Heim. »Aber ich reise ja von nichts weg – ich reise ihm im Gegenteil entgegen!«

»Es wird uns noch wunderlich vorkommen, wenn du nicht mehr über unserem Kopf trampelst – namentlich Ellen und den Kindern. Aber du läßt doch von dir hören?«

»Das tue ich. Aber du hältst mich ein wenig auf dem laufenden von den Fortschritten deines Unternehmens.«

Und dann ging der Zug. Pelle fühlte ein eigenartiges Saugen unter dem Herzen, während er dastand und ihm nachstarrte, als wirble er etwas von ihm mit fort. Es war stets sein Traum gewesen, in die Welt hinauszukommen und sich umzusehen; seit Garibaldi in der engen Werkstatt daheim in dem Provinzstädtchen auftauchte, hatte er sich darauf gefreut. Jetzt zog Morten von dannen, er selbst kam wohl niemals fort, er mußte sich mit der »Reise ins Ausland« begnügen, die er gemacht hatte.

Einen Augenblick stand Pelle da und starrte an den Schienen entlang, auf denen der Zug verschwunden war – in schwere Träume vertieft. Aber dann erwachte er und entdeckte, daß er, ohne es zu wollen, dagestanden und sein Heim als Klotz am Bein empfunden hatte. Und zu Hause sahen Ellen und die Kinder sehnsüchtig nach ihm aus, ob er nicht bald wiederkam – während er hier stand und sich von ihnen fortträumte! Sie unternahmen nichts, ehe er da war, denn der Sonntag war ja sein Tag, der einzige Tag, an dem sie ihn so recht eigentlich hatten. – Er eilte hinaus und sprang auf eine Straßenbahn.

Als er am Endpunkt der Straßenbahnlinie über einen Graben auf das Feld sprang, erblickte er Brun in einiger Entfernung auf dem Fußpfade. Der alte Bibliothekar arbeitete sich mühselig über das ansteigende Land hinauf, jeden Augenblick zwang sein Asthma ihn, stehenzubleiben. »Er ist auf dem Wege zu uns hinauf!« dachte Pelle gerührt; es war ihm bisher niemals eingefallen, wie beschwerlich diese Wanderung über gepflügte Äcker und auf schlechten Wegen für den alten Herrn sein mußten. Und dessenungeachtet legte er sie mehrmals in der Woche zurück, um zu ihnen hinauszukommen und sich nach ihnen umzusehen.

»Ja, da habt ihr mich schon wieder«, sagte Brun. »Wenn ihr meines Gerennes nur nicht überdrüssig werdet!«

»Das hat wohl kaum Gefahr«, erwiderte Pelle und faßte ihn unter den Arm, um ihm den Hügel hinaufzuhelfen. »Die Kinder sind ja ganz versessen auf Sie!«

»Ja, die Kinder, derer bin ich sicher – und deiner auch, Pelle! Aber deine Frau macht mich unsicher.«

»Ellen ist ein wenig zurückhaltend, aber das ist nur ihr äußeres Wesen – sie hat Sie sehr lieb!« sagte Pelle warm. »Wer die Kinder auf den Schoß nimmt, hat Ellens Herz eingenommen.«

»Meinst du das wirklich? – Ich habe die Frauen immer mißachtet, weil es ihnen an Persönlichkeit fehlt, bis ich deine Frau kennen lernte. Du hast eine seltene Frau, Pelle; sie ist stark im Wesen – so stark, daß sie mich unsicher macht. Könntest du sie nicht bewegen, daß sie mich nicht immer Herr Brun nennt?«

»Ich will es ihr sagen«, antwortete Pelle lachend. »Aber es ist nicht sicher, daß es nützt.«

»Dieser Herr Brun ist mir nachgerade eine unausstehliche Person geworden, will ich dir sagen; und da draußen bei euch möchte ich gern eine Freistätte vor ihm haben. Du solltest nur ahnen, was es heißt, sich sein ganzes Leben lang mit so einem Herrn herumzuschleppen, der zu nichts in einem innerlichen Verhältnis steht. Andere heißen doch Vater, Großvater, irgend etwas Menschliches; aber mich fertigen alle Verhältnisse des Lebens mit einem › Herr Brun‹ ab! – Danke, Herr Brun! – Vielen Dank, Herr Brun!« Der Alte war in verzweifelter Laune, er stieß das Herr Brun mit einem höhnischen Ausdruck heraus.

»Es sind ganz abscheuliche Wege hier draußen«, sagte er plötzlich und blieb stehen, um Atem zu schöpfen. »Man begreift nicht, daß die Felder hier so nahe an der Stadt liegenbleiben – daß sich die Spekulation nicht meldet!«

»Daran ist wohl das Moor da unten schuld. Aber jetzt haben sie freilich angefangen, es an dem nördlichen Ende auszufüllen, wie ich sehe«, sagte Pelle.

Brun sah interessiert hinüber, schüttelte aber verzweifelt den Kopf.

»Nein, so weit kann ich ohne Brille nicht sehen, das ist auch eine der Segnungen der Bücher. – Ja, das ist es! Die alten Leute auf dem Lande greifen doch nur zu der Brille, wenn sie in ein Buch sehen wollen, aber ich muß meine Zuflucht dazu nehmen, wenn ich mich in der Welt orientieren will – das macht einen großen Unterschied. Die Straßen und die dummen Bücher sind schuld daran, daß ich kurzsichtig bin, man hat keinen Blick in die Weite, wenn man nicht im Freien wohnt. Die Stadt verschließt alle unsere Sinne, und die Bücher führen uns vom Leben fort. Darum gehe ich auch mit dem Gedanken um, hinauszuziehen.«

»Ist das wohl richtig, jetzt zum Winter? Sie eignen sich nicht dazu, in allem Wetter in die Stadt hinein- und wieder herauszufahren.«

»Dann gebe ich die Bibliothek auf«, erwiderte Brun. »Das wird mir keinen großen Kummer bereiten – ich habe genug von meinem Leben dort verbracht. Denk dir, Pelle, über Nacht bin ich mir klar darüber geworden, daß ich mich daran beteiligt habe, das meiste von der Weltliteratur zu katalogisieren – daß ich aber nicht einmal gesehen habe, wie ein Kind in Windeln gelegt wird. Welch Recht haben Leute wie ich mitzureden?«

»Ich kann das nicht verstehen«, sagte Pelle. »Mir haben die Bücher so sehr geholfen.«

»Ja, weil du das Eigentliche hattest! Wenn ich jung wäre, ginge ich hinaus und griffe mit meinen Händen zu. Mir ist mehr verloren gegangen, weil ich meinen Körper niemals schweißig und müde gearbeitet habe, als dir, weil du die großen Klassiker nicht kennst. Ich entdeckte meine eigene Armut, Pelle, jetzt würde ich gern alles hingeben für einen Platz als Großvater in einer warmen Ofenecke.«

Die Kinder kamen über das Feld gelaufen. »Hast du uns heute was mitgebracht?« riefen sie schon aus weiter Entfernung.

»Ja, aber ihr kriegt es erst, wenn wir in der warmen Stube sind. Ich wage nicht, meinen Rock hier draußen aufzuknöpfen, meines Hustens wegen.«

»Ja, aber du gehst auch so langsam«, sagte Svend Trost. »Tust du das, weil du so alt bist?«

»Das wird wohl der Grund sein«, antwortete der alte Mann lachend. »Ihr müßt euch ein wenig in Geduld üben.«

Aber Geduld war gerade nicht ihre starke Seite. Sie packten ihn beim Rock und zogen mit ihm von dannen. Er war ganz außer Atem, als sie auf der Diele anlangten.

Ellen sah die Kinder strenge an, sagte aber nichts. Sie half Brun den Rock und das Halstuch ablegen und führte ihn auf einen bequemen Sitz im Zimmer. Dann ging sie in die Küche hinaus. Pelle verstand, daß sie ihm etwas sagen wollte, und folgte ihr.

»Pelle,« sagte sie ernsthaft – »die Kinder sind zu dreist gegen Herrn Brun. Ich kann es nicht begreifen, daß du es so ruhig mit ansiehst.«

»Ja, aber er ist glücklich darüber, Ellen, sonst kannst du dir doch denken, daß ich sie bremsen würde. Er will es ja gerade so haben. Und weißt du, worüber er sich noch mehr freuen würde? – wenn du ihm anbötest, bei uns zu wohnen.«

»Nein, das tue ich nie im Leben«, sagte Ellen bestimmt. »Das würde ja sonderbar von mir aussehen.«

»Aber wenn er nun Verlangen nach einem Heim hat – und wenn er uns doch so liebhat! Er verkehrt mit niemand außer uns.«

Ja – nein, das konnte Ellen doch nicht begreifen, so wenig wie sie zu bieten hatten. Und Brun, der all die Gemütlichkeit kaufen konnte, die für Geld zu haben war. »Dann muß ich doch auf alle Fälle neue Gedecke haben und Teppiche auf den Fußböden und viele andere Sachen.«

»Das kannst du ja auch bekommen,« sagte Pelle – »natürlich wollen wir es so gemütlich haben, wie wir nur können, übrigens ist Brun ebenso anspruchslos wie wir selber.«

Ja, das mochte gern sein; aber Ellen war Hausfrau, und es gab Dinge, über die sie nicht hinwegkommen konnte. »Will Herr Brun bei uns wohnen,« sagte sie, »so soll er es auch gemütlich haben. Aber es ist sonderbar, daß er nicht selbst mit dem Vorschlag kommt; das kann er doch viel besser als wir.«

»Nein, es muß ja gerade von uns kommen – von dir, Ellen. Er ist ein bißchen bange vor dir.«

»Vor mir?« sagte Ellen entsetzt. »Und ich, die ich – aber es gibt doch keinen Menschen, gegen den ich lieber gut sein möchte! – Dann will ich es wohl sagen, Pelle, aber nicht jetzt gleich.« Sie griff sich an die Wangen, sie war dunkelrot vor Freude und Verwirrung darüber, daß ihr kleines Heim so viel wert war.

Pelle ging in die Stube hinein. Brun saß auf dem Sofa, Svend Trost auf dem Schoß. »Das ist ein ordentlicher kleiner Kerl,« sagte er – »aber er hat gar keine Ähnlichkeit mit seiner Mutter. Es sind alles deine Züge.«

»Ellen ist auch gar nicht seine Mutter«, sagte Pelle leise.

»Ach so. Das ist drollig mit den drei Runzeln auf der Stirn, die er von dir geerbt hat – sie gleichen den Wellenlinien in Dänemarks Antlitz. Ihr seht aus, als wenn ihr beide zornig wäret!«

»Das waren wir damals auch«, entgegnete Pelle.

»Apropos! Zorn,« fuhr Brun fort – »ich habe mich also gestern an die Polizeidirektion gewandt und erwirkt, daß sie die Verfolgungen gegen Peter Drejer einstellen, unter der Bedingung, daß er seine Agitation unter den Soldaten aufgibt.«

»Dazu werden wir ihn niemals bewegen können. Das würde dasselbe sein, als wenn wir ihn auffordern wollten, seine Menschenrechte abzuschwören. Peter Drejer hat es mit großer Selbstüberwindung gelernt, sich parlamentarischer Ausdrücke zu bedienen, und weiter kriegen wir ihn sicher nicht. In der Sache selbst gibt er niemals nach, und darin muß ich mit ihm halten. Darf man das Bestehende nicht einmal mit geistigen Waffen bekämpfen, so hört ja alles auf.«

»Ja, das ist ganz richtig,« sagte Brun – »er tut mir nur leid. Die Polizei hält ihn auf diese Weise in einem ständigen Zustand der Entzündung – er hat ja gar keine Freude an seinem Dasein.«


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