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Pelle hoffte noch immer, daß Peter Drejer eine ruhigere Auffassung von dem Dasein gewinnen würde. Man beabsichtigte, im Laufe des Frühlings auch in Aarhus einen Genossenschaftsbetrieb zu errichten, und Peter war dazu ausersehen, ihn in die Wege zu leiten. Aber sein Gemüt erschien unheilbar, jedesmal, wenn er sich ein wenig beruhigt hatte, rissen ihn die Verhältnisse wieder aus dem Gleichgewicht heraus. Jetzt bedrückte die zunehmende Arbeitslosigkeit ihn.
Und die törichte Verfolgung erhielt ihn in einem Zustand beständiger Erregung. Selbst wenn man ihn, wie jetzt, in Ruhe ließ, ging er mit einer gereizten Empfindung umher, daß man nur darauf ausgehe, ihn dazu zu bringen, daß er sich wieder etwas zuschulden kommen lasse – indem man scheinbar die Augen schloß, um dann um so kräftiger auf ihn niederzustoßen. Er wußte nie, wie es um ihn stand.
Der Betrieb war jetzt so groß, daß sie die eigentliche Fabrik in das Hintergebäude hatten verlegen müssen und den Keller nur noch als Ausbesserungswerkstatt benutzten. Diese Werkstatt leitete Peter Drejer, und an seiner Leitung war nichts auszusetzen; er war energisch und aufmerksam. Aber er eignete sich nicht dazu, eine Arbeit nach größeren Plänen zu leiten, sein Gemüt befand sich in beständiger Schwingung. Trotz seiner Fähigkeiten verbrannte er ohne allen Nutzen.
»Er könnte seine Agitation auch einstellen und etwas Nützlicheres vornehmen«, sagte Brun eines Abends, als er und Pelle dasaßen und diesen Fall beredeten. »Mit Gewalttätigkeit schafft man doch nichts! – Und er selber rennt nur mit dem Kopf gegen die Wand.«
»Der Ansicht sind Sie früher nicht gewesen«, sagte Pelle. Bruns Schriften über das Recht des Individuums hatten Peter Drejer ursprünglich zum Nachdenken veranlaßt.
»Nein, das weiß ich wohl. Damals glaubte ich, daß das Ganze in Stücke geschlagen werden müsse, damit eine neue Welt aus dem Chaos erstehen könne; ich kannte euch ja nicht – und meine Leute, fand ich, waren nicht zu gut, um beiseitegesprengt zu werden; sie lagen nur da und versperrten die Entwicklung. Aber du selbst hast mich bekehrt! Ich war ein wenig zu hastig, um deine Trägheit beurteilen zu können – du hast mehr von dem Zusammenhang im Leibe als ich. Unser kleiner Betrieb da drinnen hat mich davon überzeugt, daß das Volk klug tut, sich in Angelegenheiten wie Erbschaft und Schulden nach der Oberklasse zu richten. Und es tut mir leid, zu sehen, daß Peter aus der Spur läuft; er ist eine von euren vorgeschobenen Kräften. Könnten wir ihn nicht hier hinausnehmen? Er kann gern das eine von meinen Zimmern bekommen! Ich glaube, er hat ein Verlangen nach etwas gemütlicherer Umgebung.«
»Es wird am besten sein, wenn Sie ihm selbst den Vorschlag machen«, entgegnete Pelle.
Am nächsten Tage fuhr Brun mit in die Stadt und machte Peter Drejer den Vorschlag, aber der bedankte sich. »Ich habe doch kein Anrecht auf Ihren Komfort, solange zwanzigtausend Menschen herumgehen und nichts zu beißen und zu brechen haben«, sagte er abweisend. »Aber Sie sind ja Anarchist«, fügte er höhnisch hinzu – »und Millionär, wie man sagt. Wie können da die Arbeitslosen Not leiden!« Er war enttäuscht gewesen, als er den alten Philosophen persönlich kennen lernte, und machte kein Hehl aus seinem Unwillen.
»Es wird Ihnen bekannt sein, daß ich mein Vermögen bereits den Armen zur Verfügung gestellt habe«, sagte Brun gekränkt. »Die Art und Weise, wie das geschehen ist, wird, damit tröste ich mich, einstmals sich selbst verteidigen. Falls ich heute unter die Arbeitslosen verteilen wollte, was ich besitze, würde es schon morgen wie der Tau aufgesogen sein – so bodenlos ist leider die Not augenblicklich.«
Peter Drejer zuckte die Achseln – um so mehr Grund zu helfen sei da, meinte er.
»Verlangst du denn, daß wir unseren großen Plan, alle Not überflüssig zu machen, opfern sollen, um die Hilfsbedürftigen einmal zu speisen?« fragte Pelle.
Ja, Peter sah nur die Not des heutigen Tages, sie war für ihn eine so gräßliche Wirklichkeit, daß die Zukunft ihn nichts anging.
Es war eine Verschiebung mit ihm vorgegangen, er schien ganz mit der Entwicklung gebrochen zu haben.
»Er sieht zu viel,« sagte Pelle zu Brun – »und nun ist das Herz mit dem Verstand durchgegangen. Lassen Sie ihn lieber in Ruhe, wir bringen ihn doch nicht dahin, etwas einzuräumen, sondern regen ihn nur auf. Es ist unmöglich, sich in alledem zu bewegen, worin er lebt – und sich trotzdem den Kopf klar zu halten; entweder muß man die Augen schließen und sich hart machen, oder aber man platzt!«
Peter Drejers Herz verursachte Obstruktion. Oft mußte er mitten in seiner Arbeit innehalten und nach Luft schnappen. »Ich ersticke«, sagte er dann.
So wie er waren da viele – die beständig zunehmende Arbeitslosigkeit fing an, die Gemüter mit Panik zu erfüllen. Es waren nicht mehr die jungen Brauseköpfe allein, die die Geduld verloren. Aus der großen, kompakten Organisation, in der die Einzelwesen bisher nicht zu unterscheiden gewesen waren, traten auf einmal einfältige Männer hervor und machten sich lächerlich, indem sie die Wahrheit der Zeit offen auf der Zunge trugen. Kleine Leute, die nichts von den Gesetzen des Lebens ahnten, erwachten trotzdem enttäuscht aus dem Schlamm, in den der Taktschlag sie versetzt hatte – und rührten sich ungeduldig. Es geschah ja nichts – nichts weiter, als daß das eine Elitefach nach dem anderen sie verließ und in die Bürgerschaft aufrückte.
Die Bewegung war bisher der feste Ausgangspunkt gewesen, von dort aus vollzog sich alles, was von Wichtigkeit war, und von dort aus fiel das Licht auf den Tag. Aber jetzt plötzlich ward in dem Einfältigsten ein Keim geboren, und sie setzten ein Fragezeichen hinter das Stichwort. Auf alles wurde ja geantwortet: wenn die Bewegung gesiegt hat, wird es anders! Aber wie sollte es anders werden, wenn nicht die geringste Veränderung geschah, jetzt, wo sie doch Macht besaßen? Ein wenig Verbesserungen wohl – aber keine Veränderung! Es war eine feste Nummer geworden, ein Refrain, jedesmal, wenn eine Frau im geheimen gebar, wenn ein Mann stahl oder seine Frau prügelte, hieß es: das sind die Folgen des Systems! Auf und stimmt, Genossen! Aber jetzt begann dies ihnen dumm zu klingen. Zum Teufel auch, sie stimmten ja aus allen Kräften! Aber darum wurde doch alles nur immer teurer! Weiß Gott, man gehorchte dem Gesetz, man schwitzte förmlich vor Parlamentarismus, und tat nichts weiter, als Mandate erobern – und was dann? War etwa irgendein Mensch in Zweifel darüber, daß die Armen in der Mehrzahl waren – in erdrückender Mehrzahl? Welch Unsinn war es da, daß die Mehrzahl erobert werden sollte? Nein, diejenigen, die im Besitz der Macht waren, würden es schon so einzurichten wissen, daß sie sie auch behielten – da konnte man so unsinnig viele Mandate erobern, wie man nur wollte!
Es saß zu viel Respekt vor dem Bestehenden in einem – darum wurde einem immer auf der Nase herumgespielt! Es mochte ja ganz gut sein mit all der Gesetzmäßigkeit – aber man ging nur nicht gradweise von dem einen zu dem andern über! Wie konnte es sonst wohl zugehen, daß nichts von dem Neuen geschah? Die Sache war wohl die, daß jeder Schritt auf das Neue zu sofort von dem Zustand der bestehenden Dinge aufgefressen – und ihm zu Speck auf den Rippen wurde. Das Kapital mästete sich; was man auch damit anfangen mochte, es war wie die Katze, die immer auf die Pfoten zu stehen kommt. Jedesmal, wenn sich die Arbeiter eine kleine Lohnsteigerung erzwangen, multiplizierten die Arbeitgeber sie mit zwei und schlugen es auf die Waren auf – darum waren sie gewissen Lohnforderungen so entgegenkommend! Und die, denen es einigermaßen gut ging, lockte das Kapital auf seine Seite hinüber – so daß die anderen als Lauseproletariat zurückblieben. Es mochte gern sein, daß die Bewegung ein großes Stück Arbeit getan hatte, aber es gehörten verdammt gute Augen dazu, es zu entdecken.
Solche und ähnliche Stimmen erhoben sich. Im Anfang waren es ja nur Hungerpfotensauger, an die sich niemand zu kehren brauchte, Wirtshausgäste, die dasaßen und in ihrem Rausch Bosheiten aussprachen. Aber allmählich ward es zu einer Rede von Mund zu Mund, das Gespenst der Arbeitslosigkeit hauste in allen Häusern und veranlaßte die Männer, noch einmal auf eigene Rechnung über die Dinge nachzudenken; niemand konnte wissen, wann an ihn die Reihe kam, Pflastersteine zu fegen.
Pelle ward es nicht schwer, den Ton aus allem diesem herauszuhören, es war seine eigene Abrechnung mit dem Vormarsche, damals, als er aus dem Gefängnis kam, die jetzt aller Welt Eigentum wurde. Aber jetzt war er selber ein anderer! Er war nicht mehr sicher, daß die Bewegung so ganz ins Blaue hinein gewesen war; etwas von dem, was Spuren hinterließ, hatte sie nicht ausgerichtet, aber sie hatte den Apparat im Gange gehalten und ihn gestärkt. Sie hatte die Massen über eine tote Zeit hinweggeführt, wenn das auch geschehen war, indem sie sie im Kreis hatte wandern lassen. Und nun war die Idee bereit, sie wieder zu fesseln! Am Ende war es gut, daß keine zu großen Fortschritte geschehen waren – sonst wären sie wohl nie wieder erwacht. Sie mußten lieber noch ein wenig hungern, bis sie sich in ihrer eigenen Welt einrichten konnten – fette Sklaven verloren die Freiheit leicht aus den Augen.
Hinter dem mißvergnügten Gewäsch konnte Pelle das Neue spuken hören – es äußerte sich auf sonderbare Weise. Eine Gruppe Arbeiter – wohl ein paar hundert Mann – die bei einer großen Ausgrabungsarbeit beschäftigt waren, wurden brotlos, weil der Unternehmer bankrott machte. Ein neuer Unternehmer übernahm die Arbeit, aber ehe sie wieder antraten, stellten sie die Bedingung, daß er ihnen den Arbeitslohn auszahlte, den sie zugute hatten – und das Spaziergehegeld. »Wir haben keinen Anteil an dem Profit,« sagten sie – »da müßt ihr auch selbst das Risiko tragen!« Sie machten den einen Arbeitgeber verantwortlich für den anderen und sagten launenhaft nein zu guter Arbeit zu einer Zeit, wo Tausende müßig gingen! Die öffentliche Meinung war nahe daran, den Kopf zu verlieren, selbst ihre eigene Presse nahm Abstand von ihnen. Aber sie verharrten eigensinnig auf ihrem Beschluß und schlossen sich dem Strom der Arbeitslosen an, bis man sich ihrem unsinnigen Einfall beugte.
Pelle vernahm hier einen neuen Ton. Zum erstenmal machte die Unterklasse das Kapital verantwortlich für seine Sünden, ohne kleinlich zwischen Hinz und Kunz zu unterscheiden. Es fing offenbar an, Perspektive in das Solidaritätsgefühl zu kommen!
Der große Widerwille dagegen, in einer geistigen Wüste zu wandern, grub sich einmal wieder an die Oberfläche empor; er hatte dasselbe schon einmal erlebt – als die Bewegung sich erhob; aber damals kam der Aufbruch wunderbarerweise aus dem Grunde von allem. Es fing mit blinden Angriffen auf den Parlamentarismus und das Stimmrecht und die Wahlparolen an, es lag eine unbewußte Empörung gegen Zwang und Massenbehandlung darin. Infolge eines unfaßlichen Neuerungsprozesses begann die Menge sich in Einzelwesen aufzulösen, die mitten in den schlechten Zeiten anfingen, nach dem Ich und den Gesetzen für seine Befriedigung zu fragen. Ganz unten aus dem Grunde kamen sie und forderten, daß ihr lausiges zerlumptes Individuum respektiert wurde.
Woher kam das? Es war ein völliges Rätsel! Klang es nicht töricht, daß der arme Mann nach einem jahrhundertelangen Leben in Lumpen und Unterdrückung, das mit seiner vollkommenen Auflösung in den Kollektivismus endete – jetzt an das Tageslicht auftauchte mit dem stärksten Anspruch von allen und verlangte, daß man ihm seine Seele zurückgab?
Pelle erkannte die Ungeduld der Jungen in dieser Bewegung wieder – nicht umsonst war Peter Drejer die Seele der Versammlungen der Arbeitslosen. Peter wollte, daß er kam und das Wort ergriff, und ein paarmal ging er auch mit – er mußte Klarheit über das Verhältnis dieser Menschen zu seiner Idee haben. Aber er hielt sich im Hintergrund und war nicht zu bewegen, die Rednertribüne zu besteigen; mit diesen verwirrten Zusammenrottlern, die alle Begriffe auf den Kopf stellten, hatte er nichts zu schaffen. Ihnen heute Essen zu geben, vermochte er ja doch nicht, und den starken Worten war er entwachsen.
»Geh hinauf und gib ihnen ein gutes Wort – siehst du denn nicht, wie ausgehungert sie sind!« sagte Peter Drejer eines Abends. »Sie haben noch aus alten Zeiten Fiduz zu dir. Aber predige um Himmels willen nicht die Kooperation; hungrige Menschen füttert man nicht mit Zukunftsmusik.«
»Gibst du ihnen denn zu essen?« fragte Pelle.
»Nein, das kann ich ja nicht; aber ich gebe ihrer Mißhandlung einen Ablauf und bringe sie dazu, daß sie sich erheben und protestieren. Es ist doch schon immer etwas, daß sie nicht mehr schweigen und dulden.«
»Und wenn sie morgen ein bißchen zu beißen und zu brechen haben, dann ist die ganze Geschichte vergessen – aber vom Fleck sind sie nicht gekommen. Ist es nicht gleichgültig, ob sie heute Not leiden – im Verhältnis zu der Frage, ob es für ewige Zeiten so weitergehen soll?«
»Kannst du die Verantwortung auf die Ärmsten wälzen, so mußt du ein harter Hund sein!« sagte Peter heftig.
Jawohl, jetzt galt es gerade, hart zu sein, mit seinem Mitgefühl allein richtete man nichts aus! Wer an rinnenden Augen litt, taugte nicht als Kutscher durch die Dunkelheit.
Es war eine tote Zeit, man mußte froh sein, daß man die gewonnene Stellung behaupten konnte; vor dem Frühling war nicht an eine Erweiterung der Geschäfte zu denken. Aber Pelle arbeitete eifrig daran, Anhänger für seine Idee zu werben, er hatte eine Diskussion in der Parteipresse in Gang gesetzt und hielt Vorträge. Er suchte am liebsten die ruhigen Fachvereine auf, verschmähte alle agitatorische Beredsamkeit und legte seine Idee sachlich vor, baute sie auf seinen eigenen Erfahrungen auf, bis sie ohne Lärm – durch die bloße Macht der Tatsachen – die Welt umschloß. Gerade auf die Trägen hatte er es abgesehen, auf sie, die durch alle Jahre hindurch der unerschütterliche Kern der Bewegung gewesen waren, und getreulich fortfuhren, in den alten Fußstapfen zu gehen, obwohl die nirgends hinführten. Die Kerntruppen aus dem großen Kampf mußten in erster Linie herbeigerufen werden! Die kannte er, konnte er die bewegen, mit ihrer unerschütterlichen Disziplin, für seine Idee ins Feuer zu gehen, so war viel gewonnen.
Es war die höchste Zeit, daß eine neue Idee kam und sie weiterführte; sie hatten sich müde gelaufen in dem beständigen Marsch auf demselben Fleck. Die Bewegung war im Begriff, ihnen verloren zu gehen. Aber nun kam er mit einer neuen Idee, an der sie sich nie müde laufen sollten, und die sie durch alles hindurchtragen konnte. Und niemand sollte kommen und sagen, daß er sie nicht zu fassen vermöge, denn es war der einfache Gedanke des Heims, der so weit ausgeführt war, daß er das Ganze umfaßte. Ellen hatte ihn ihn gelehrt, und wenn sie ihn nicht selbst kannten, so mußten sie nach Hause zu ihren Frauen gehen und ihn lernen! Die grübelten nicht darüber nach, wer von der Familie am wenigsten leistete und am meisten verzehrte, sondern gaben einem jeden nach seinem Bedarf und sahen nur auf den guten Willen. Wie ein gutes, liebevolles Heim, in dem keiner den anderen niederrannte, so sollte die Welt sein – verwickelter war das Ganze nicht.
Pelle war früh und spät auf den Beinen. Es verging fast kein Tag, wo er nicht einen Vortrag hielt oder über seinen Kooperationsgedanken schrieb. Oft wurde er in die Provinz gerufen, um zu reden, man wollte den sonderbaren Fabrikanten, der nicht mehr verdiente als seine Arbeiter, sehen und hören.
Auf diesen Reisen lernte er das Land kennen und sah, daß allerlei, was er in seinen Gedanken mit sich herumtrug, da draußen schon vorweggenommen war. Der Bauer, der starr vor Schrecken wurde, wenn man das Wort Sozialdemokrat aussprach, führte im großen Stil die Ideen der Bewegung aus; er hatte sich kooperativ eingerichtet und das Land in Genossenschaften eingesponnen.
»Da müssen wir anknüpfen, wenn wir unser Unternehmen erst besser in Ordnung haben«, sagte er zu Brun.
»Wenn die Bauern nur mit uns zusammen arbeiten wollen«, wandte Brun ein. »Sie sind von Natur konservativ.«
Dies hier war nun im Grunde revolutionär; soweit Pelle es beurteilen konnte, war da draußen bald kaum mehr ein Platz von der Größe eines Fingernagels, auf dem das reine Kapital schmarotzen konnte. Die Bauern gingen nur ganz still vor!
Pelle entstammte selbst einem Bauerngeschlecht und zweifelte nicht daran, daß er schon Fühlung mit dem Lande gewinnen würde, wenn nur erst die Zeit gekommen war.
Die Entwicklung bereitete sich von verschiedenen Seiten vor – man bekämpfte sie nicht, wenn man etwas erreichen wollte. Sie war wie ein Gesetz, das dem Dasein innewohnte, ein unanfechtbarer Gottesgedanke, der durch das Ganze lief! Jetzt führte sie ihn und die Seinen ins Feuer, und wenn sie vorrückten, durfte keiner zu Hause bleiben. Mit einem so lichten und großen Vorhaben war noch keine Gesellschaftsklasse ins Gefecht gerückt, sie wollten der Schande, daß die menschliche Klugheit dasaß und die Körper im Weltenraum abwog, darüber aber vergaß, das Brot gerecht abzuwägen, für immer ein Ende machen.
Die erwachende Unzufriedenheit mit dem Alten war ihm nicht unangenehm, sie schlug ein Loch in die zugewachsenen Gemüter und schuf die Möglichkeit für das Neue. Vorläufig fand er keinen größeren Zulauf; verschiedene neue Strömungen kämpften um die Gemüter, die in ihrem schwankenden Suchen bald nach der einen, bald nach der anderen Seite gezerrt wurden. Aber er hatte das lichte Gefühl, einem Weltgedanken zu dienen, und verlor den Mut nicht.
Die Arbeitslosigkeit und das erwachende Ichgefühl bewogen viele, sich Peter Drejer anzuschließen, sie empörten sich gegen die Zustände, und nun sahen sie keinen anderen Ausweg, als mit allem zu brechen. Sie sprangen nackend aus nichts hervor und forderten, daß ihre Persönlichkeit respektiert werde, aber ihre Bürden konnten sie noch nicht tragen – und ihre hoffnungslose Auffassung von dem Elend drohte sie zu ersticken. Dann schufen sie eine Obstruktion, ihre eigene Zerrissenheit bewog sie, das Ganze zu zerreißen. Dies waren seine schwierigsten Gegner.
Bisher hatten sie leider recht gehabt, aber jetzt begriff er ihre verzweifelte Ungeduld nicht mehr. Er hatte ihnen selbst eine Idee gegeben, womit sie die Welt gerade dadurch erobern konnten, daß sie den Zusammenhang bewahrten; und wenn sie die nicht annahmen, mußten sie krank sein. Von dem Gesichtspunkt aus nahm er ihre zersplitternde Agitation mit Ruhe hin; die Gesundheit würde schon siegen!
Zurzeit agitierte Peter Drejer für eine Massenkundgebung der Arbeitslosen. Er wollte, daß sich alle die zwanzigtausend Mann mit Frauen und Kindern auf dem Rathausplatz oder dem Amalienborger Schloßplatz niederlassen – und sich weigern sollten, sich vom Fleck zu bewegen, ehe sich nicht der Staat ihrer annahm.
»Dann bleibt der Öffentlichkeit nur die Wahl, ihre Forderungen anzuhören oder mit Spritzen und Kanonen anzufahren«, sagte er. Vielleicht geriet die Frage dann in Fluß!
»Paß auf, daß dich die Polizei nicht einlocht«, sagte Pelle warnend. »Dann stehen deine Leute ohne Kopf da, und du hast sie in eine lächerliche Situation hineingelockt, die nur zu einer Niederlage führen kann.«
»Sie sollen sich in acht nehmen, die Köter!« entgegnete Peter drohend. »Nach der ersten Hand, die nach mir zugreift, hau' ich!«
»Und was dann? Was erreichst du dadurch, daß du auf Schutzleute losprügelst? Sie sind nur das Gerät – und es gibt genug von der Art!«
Peter lachte scharf. »Nein, es sind nicht die Schutzleute und auch nicht die Leutnants – – oder der Polizeichef! Es ist niemand, das ist so bequem, niemand kann etwas dafür. Auf diese Weise hat man uns immer genasführt – überall duckt sich das Böse und verschwindet, wenn man es packen will: ich bin es ja gar nicht gewesen! Jetzt, wo der Arbeiter sich erhebt und sein Recht fordert, erblickt der Arbeitgeber auch seinen Vorteil darin, zu verschwinden, und die unpersönliche Aktiengesellschaft taucht auf. Ach, diese verdammte Drückerei! Wo soll man sich nur hinwenden? Keiner hat mehr die Schuld! Aber, siehst du, jetzt soll etwas getan werden! Treffe ich die Hand, so treffe ich auch das, was dahinter steckt – man muß auf das losschlagen, was man sehen kann. Ich habe mir einen Revolver gegen die Polizei angeschafft; es soll nicht ungestraft zu einem unschuldigen Broterwerb gemacht werden, Waffen gegen seine eigenen Mitmenschen zu tragen.«