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Die »Arche« lag jetzt wie eine schwerfällige graue Masse da. Es war immer dunkel; das Herbstlicht konnte nicht hineindringen. In dem Innern der Masse brütete beständig stockfinstere Nacht; die dort wohnten, mußten sich wie Maulwürfe vorwärtslauschen. Die Dunkelheit brachte Laute an die Oberfläche, die sich im Sommerlicht nicht geltend machen konnten. Da ertönte unaufhörlich Rumoren von Wesen, die sich in halber Blindheit bewegten. Wenn der Schlaf es eine Weile zum Verstummen brachte, entschleierte die nächtliche Stille noch eine andere Welt; die Wanzen brachen sich hörbar Bahn unter den alten Tapeten, Ratten und Mäuse und Holzwürmer arbeiteten um die Wette. Die Finsternis roch ganz würzig von dem herabfallenden Wurmmehl. Überall in dem alten Kasten arbeitete die Auflösung mit Hilfe von tausend kleinen Tieren. Zuweilen steigerte es sich zu einem mächtigen Laut, der Pelle erweckte, wenn irgendein Balken untergraben war und in ein neues Lager hinabfiel. Dann wandte er sich auf die andere Seite um.
Wenn er des Abends aus war, nahm er gern den Weg durch die belebten Straßen, um teil an dem Lichtglanz zu haben; der reiche Luxus der Läden hielt etwas in ihm wach, es ließen sich stärkende Vergleiche zwischen hier und dort ziehen. Wenn er aus der erleuchteten Stadt in sein eigenes Viertel kam, lagen die Gassen wie häßliche Abflüsse für die Finsternis da, und die »Arche« ragte unheimlich zum nächtlichen Himmel empor wie ein schwerer Berg. Düstere Kelleröffnungen führten zu den Wurzeln des Berges hinab, und dort unten in den dunklen Eingeweiden bewegten sich fahle, schmutzige Geschöpfe mit einer qualmenden Lampe; das waren alle die, die von dem Elend der »Arche« lebten, die Eisenhändler, die Trödler und die Wucherer, die Geld gegen handgreifliches Pfand ausliehen. Sie gingen scheu umher und wühlten zwischen sonderbaren Haufen. Die Finsternis war in sie eingedrungen; Pelle mußte immer an die »Unterirdischen« daheim denken. So hatte sich der Fuß der Klippe in seiner Kindheit vor ihm aufgetan, und er hatte schaudernd die Zwerge zwischen ihren verfluchten Schätzen pusseln sehen. Sie gingen hier umher wie gierige Kobolde, rissen den sorglosen Wesen in der »Arche« die Grundlage fort, so daß sie eines Tages in den Keller hinabfielen – und fraßen sie mit Haut und Haar auf. Die böse Seite des Märchens war auf alle Fälle keine Lüge!
Eines Tages in der Dämmerung warf Pelle die Arbeit hin und ging, um Mission zu betreiben. Pichelmeier war vor einigen Tagen sternhagelvoll von der Hühnerstiege herabgestürzt, und unten auf dem Hof lagen die Gören des Stadtviertels rings um die Stelle herum, wo er sich tot gefallen hatte, und beleuchteten sie mit Streichhölzern. Sie konnten ganz deutlich den dunklen Abdruck einer Form, die wie ein Mensch aussah, erkennen und waren ganz davon erfüllt.
Draußen vor dem Tonnengang blieb er an dem Kellerfenster der Trödlerin stehen. Pichelmeiers Werkzeug lag im Fenster ausgestellt. Na, auch in das hatte sie ihre Klauen geschlagen! Sie ging da unten umher und wühlte, schorfig und eklig anzusehen, kaute an einem unappetitlichen Stück Butterbrot und zuckte bei jedem Laut von dort oben zusammen, aus Angst um ihr dreckiges Geld. Pelle mußte ein neues Absatzeisen haben und ging hinein und kaufte das von Pichelmeier. Er mußte sich mit ihr um den Preis zanken.
»Na, haben Sie denn über meinen Vorschlag nachgedacht?« fragte sie, als der Handel abgeschlossen war.
»Über was für einen Vorschlag?« Pelle tat unwissend.
»Daß Sie die Flickschusterei fahren lassen sollen und mein Gehilfe im Geschäft werden.«
Ach so, das meinte sie. Nein, Pelle hatte sich die Sache noch nicht genügend überlegt.
»Ich sollt' doch meinen, dabei wär' nicht viel zu überlegen. Ich habe Ihnen mehr geboten, als Sie sonst verdienen können, und viel zu tun ist hier nicht. Ich halte ja einen Mann, der die Sachen holt und bringt. Es kommt mir hauptsächlich darauf an, einen männlichen Gehilfen zu haben. Ich altes Frauenzimmer gehe hier ja so allein 'rum, und Sie sind so zuverlässig, das weiß ich!«
Sie hatte jemand nötig, der all ihre Tausende verteidigen konnte, die sie hier unten in den Kellerräumen versteckt hatte. Pelle wußte das wohl – sie hatte sich schon früher um ihn bemüht.
»Ich würde mich wohl kaum dazu eignen, von dem Elend anderer zu leben«, sagte er lachend. »Vielleicht würde ich Sie totschlagen und all ihre Batzen den Armen schenken.«
Die Trödlerin starrte ihn einen Augenblick entsetzt an. »Pfui, wie häßlich das gesagt war«, rief sie schaudernd aus. »Es steht Ihrem guten Gemüt so übel, mit so was zu scherzen. Nun mag ich hier gar nicht mehr im Keller sein, wenn Sie fortgegangen sind. Wie können Sie doch nur so roh mit Tod und Leben scherzen. Tag und Nacht gehe ich hier herum und zittere um mein Leben, und doch habe ich nicht das geringste, das weiß der lebendige Gott, daß ich nichts habe. Das ist bloß Gerede! Alle Leute glotzen mich an, als wollten sie sagen: ›Ich schlüge dich gern tot, um dein Geld zu kriegen!‹ Und darum möchte ich gern einen zuverlässigen Menschen im Geschäft haben; denn was nützt es mir, daß ich nichts habe, wenn sie es doch alle glauben? Und hier im Viertel sind so viele Taugenichtse, die einen jederzeit gern überfallen können.«
»Wenn Sie nichts haben, dann seien Sie doch ruhig«, sagte Pelle neckend. »Ein leerer Magen pflegt keine bösen Träume zu haben.«
»Haben, haben – natürlich hat man immer was! Und Pelle,« sie beugte sich vertraulich über ihn mit einem einschmeichelnden Ausdruck – »nun kommt Mary bald nach Hause, vielleicht schon zum Sommer. Sie hat da drüben so viel verdient, daß sie leben kann, und sie steht noch in ihrer besten Jugend. Was sagst du dazu? In ihrem letzten Briefe bittet sie mich, nach einem Mann für sie auszusehen. Er braucht bloß schön zu sein, denn sie hat ja Geld genug für alle beide. Dann will sie sich 'ne große Wohnung in der feinen Stadt mieten, eigene Equipage halten – und bloß für ihren schönen Mann leben. Was sagst du dazu, Pelle?«
»Ja, das muß man sich ja mal überlegen«, antwortete Pelle; er war in übermütiger Laune.
»Überlegen? Is da was bei zu überlegen? Manch ein armer Graf würde das Anerbieten mit Handkuß annehmen, wenn man ihn bloß hier hätt'.«
»Aber ich bin nun ja mal kein Graf – und jetzt muß ich auch fort.«
»Willst du denn ihre Bilder nich' mal sehen?« Die Alte fing an, in einer Schublade herumzuwühlen.
»Nein.« Pelle machte nur, daß er wegkam. Er hatte diese Bilder oft genug gesehen, beschmutzt von der Kellerluft und den ekligen Händen des alten Weibes, diese Bilder, die Mary darstellten, bald biegsam und gestreift wie eine Tigerkatze, so wie sie in dem feinen Tingeltangel in St. Petersburg sang, bald nackend in einem Mantel von weißem Pelzwerk, allein in einer Schar russischer Offiziere – Fürsten, sagte die Alte, wären es. Da war auch ein Bild aus dem Aquarium, wo sie nackend zwischen seltsamen Pflanzen in einem großen Glasbehälter umherschwamm und nichts anderes auf dem Leibe hatte als goldene Schuppen und Diamanten. Sie hatte einen prächtigen Leib – das konnte er wohl sehen. Aber daß sie steinreichen Fürsten den Kopf verdrehen und ihnen Tausende aus der Tasche ziehen konnte, nur indem sie sich nackend auskleidete, das begriff er nicht. Na, und er sollte sie jetzt zur Frau bekommen – und dafür all das kriegen, was sie zusammengescharrt hatte! Das war übrigens höchst ulkig!
Schnellen Schrittes ging er durch die Hauptstraßen dahin. Es regnete ein wenig; das Licht der Laternen und der Läden spiegelte sich in der Feuchtigkeit des Pflasters wider; es lag ein festlicher Glanz über der Straße. Er ging dahin mit einem Gefühl, als sei sein Sinn über den Alltag emporgehoben: Das dreckige Weib, das von dem Elend der »Arche« schmarotzte und eine prachtvolle Tochter kriegte, die sich an dem Reichtum festsog! – Und dann schließlich er, der kleine Pelle mit der Glückslocke, wie eine Art »Alfons« über dem Ganzen! Das war doch einmal das sehnsüchtig erwartete Märchen!
Er hob den Kopf empor und lachte. Pelle, der sonst so bitter über die Schmach wurde, hatte Sinn für die Göttlichkeit des Lebens bekommen.
Die Wanderung galt heute abend dem Rhabarberviertel. Pelle hatte sich eine Liste gemacht, nach der er vorging und jedes Stadtviertel für sich absuchte, um sich unnötige Laufereien zu ersparen. Zuerst nahm er einen Schustergesellen in der Schmiedegasse vor; das war einer von Meyers festen Leuten, und er war auf einen harten Kampf gefaßt. Der Mann war nicht zu Hause. »Aber Sie können ihn gern anmelden«, sagte die Frau. »Wir haben schon in letzter Zeit darüber gesprochen und sind übereingekommen, daß es wohl das Richtigste ist.« Das war eine Frau nach Pelles Sinn. Viele verleugneten den Mann, wenn sie erfuhren, was er wollte, oder warfen ihm die Tür vor der Nase zu; sie waren seines Gerenns überdrüssig.
Er war in verschiedenen Häusern in der Gärtnerstraße, in der Schloßstraße und auf dem Nordwestwege, über Hinterhöfe und dunkle, enge Treppen, zu Mansarden hinauf oder in die Keller hinab.
Überall dieselbe Armut; die Schuster logierten ausnahmslos in den jämmerlichsten Löchern. Ein Ergebnis hatte er nicht zu verzeichnen; einige waren umgezogen, oder die Adresse war verkehrt, andere wollten sich noch besinnen oder sagten geradezu nein. Er gelobte sich, die Schwankenden bald wieder einmal aufzusuchen – die wollte er schon bearbeiten, die anderen merkte er sich und sparte sie sich für bessere Zeiten auf – ihr Tag würde auch schon kommen! Es entmutigte ihn nicht, vergebens zu gehen. Er freute sich über den einen. Das war eine Geduldsarbeit, und Geduld war das einzige, was er immer reichlich besessen hatte.
Er bog in die Jägerstraße ein und stieg in eine Kaserne hinauf, bis oben unter das Dach, und klopfte an. Ein großer magerer Mann mit dünnem Vollbart öffnete ihm. Es war Peter, sein Lehrkamerad von daheim. Sie kamen schnell in eine Unterhaltung über die Lehrzeit und die Werkstatt da drüben mit all den sonderbaren Kumpanen. Von Meister Jeppe war nicht viel Gutes zu sagen. Aber die Erinnerung an den jungen Meister erfüllte sie mit Wärme. »Ich hab' im Lauf der Jahre viel an ihn gedacht«, sagte Peter. »Er war kein gewöhnlicher Mensch – darum mußte er sterben.«
Es lag etwas Versonnenes über Peter, und seine Höhle machte den Eindruck der Einsamkeit. Nichts erinnerte an den losen Burschen, der immer rennen mußte; aber drinnen in seinen zusammengekniffenen Augen glühte etwas Aufsässiges. Pelle saß da und grübelte, was es eigentlich mit ihm sein könne. Er hatte diesen verblaßten Ausdruck, als habe er die Haut gewechselt; aber zu den Heiligen gehörte er, nach seinen Reden zu urteilen, nicht.
»Peter, wie ist das eigentlich? Gehörst du zu den Unsrigen?« fragte er plötzlich.
Ein scharfes Lächeln glitt über Peters Gesicht. »Zu den Unsrigen? Das klingt ja gerade so, als wenn sie fragen: kennst du Jesus? – Bist du Missionar geworden?«
»So kannst du es gern nennen,« antwortete Pelle offen – »wenn du denn in die Organisation eintreten willst. Da vermissen wir dich!«
»Ich werde wohl nicht vermißt, ich glaub', kein Mensch wird vermißt, wenn er nur seine Arbeit verrichtet. Nun habe ich die ganze Geschichte ausprobiert, die Kirche und die Sekten, und niemand hat Verwendung für einen Menschen. Sie wollen einen Zuhörer mehr haben und einen, den sie mitzählen können. Das ist überall dasselbe.« Er saß da und sah versonnen vor sich hin. Plötzlich machte er eine Bewegung mit der Hand, als wolle er etwas verscheuchen. »Ich glaub' an nichts mehr, Pelle! Es gibt nichts, das wert ist, daß man daran glaubt.«
»Glaubst du denn auch nicht an die Erhebung der Armen? Du hast es nicht versucht, dich der Bewegung anzuschließen?« fragte Pelle.
»Was sollt' ich da woll? Sie wollen ja doch nur mehr essen – und das bißchen Nahrung, was ich nötig hab', das finde ich woll. Können sie mich aber dahin bringen, daß ich fühle, ich bin ein Mensch, nicht nur eine Maschine, die ein bißchen mehr Schmiere nötig hat – ich will ebenso gern ein magerer Hund sein wie ein fetter.«
»Das werden sie schon können«, erwiderte Pelle überzeugend. »Wenn wir nur zusammenhalten, müssen sie den einzelnen auch respektieren und auf seine Forderungen hören. Der arme Mann soll auch sein Wort mit dazu geben.«
Peter machte eine ungeduldige Bewegung. »Was nützt es mir, wenn ich Leute durch Prügel dazu bringe, daß sie mich ansehen? Das ist mir verdammt gleichgültig! Aber sehen sie mich vielleicht von selbst an? – und sagen sie von selbst: Seht, da geht auch ein Mensch, nach Gottes Bilde geschaffen, und denkt und fühlt in seinem Innern genau so wie ich! – Das ist es, was ich will!«
»Ich begreife, offen gestanden, nicht, was du mit deinem ›Mensch‹ willst«, sagte Pelle ärgerlich. »Hat es einen Zweck, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, wenn vernünftige Dinge vorliegen und auf uns warten? Wir wollen uns organisieren – und sehen, daß wir aus der Sklaverei herauskommen. Nachher kann sich ja jeder mit dem amüsieren, was ihm Pläsier macht.«
»Na ja, wenn es so leicht ist, aus der Sklaverei 'rauszukommen. Warum denn nicht? Meld' du mich man an!« sagte Peter mit einem leisem Anflug von Ironie.
»Danke, Kamerad!« rief Pelle und schüttelte ihm erfreut die Hand. »Aber dann tue auch etwas für die Sache!«
Peter sah sich verlassen um. »Ein abscheuliches Wetter, in dem du da draußen bist«, erwiderte er ihm nur und leuchtete ihm hinaus.
Pelle ging am Kapellenweg entlang nach dem Norden zu. Er wollte hinüber, Morten besuchen. Der Wind jagte das Laub am Friedhof entlang und peitschte ihm den Regen ins Gesicht; er hielt sich dicht an der Friedhofsmauer, um Schutz zu haben, und schob den Kopf gegen das Wetter vor – er war in bester Laune. Das waren zwei Neue, die er gewonnen hatte, jetzt verschlug es doch allmählich! Ein sonderbarer Kauz war Peter geworden; das Wort »Mensch, Mensch« pochte sinnlos in Pelles Ohren. Na, den hatte er doch auf die Liste bekommen!
Plötzlich hörte er leichte, laufende Schritte hinter sich. Eine Männergestalt tauchte an seiner Seite auf und schob ihm ein kleines Päckchen unter den Arm, ohne seinen Lauf zu hemmen. In einiger Entfernung verschwand die Gestalt. Es war Pelle, als sei sie über die Kirchhofsmauer entwichen.
Unter einer Laterne blieb er stehen und untersuchte verwundert das Päckchen; es war fest mit Bindfaden zugebunden. »An Mutter« stand in unbeholfener Schrift darauf. Pelle grübelte nicht lange nach. Durch das Wort Mutter hindurch hörte er deutlich Ferdinands rostige Stimme. Nun freut sich Frau Franzen, dachte er und steckte das Päckchen in die Tasche. Während der letzten Woche hatte sie keine Nachricht von Ferdinand gehabt. Er wagte sich wohl nicht mehr nach Christianshafen hinüber. Pelle begriff nicht, wie Ferdinand ihn aufgestöbert hatte. Ob er sich hier draußen im Rhabarberlande aufhielt?
Morten saß da und schrieb in einem dicken Heft. Er schlug es hastig zu, als Pelle eintrat.
»Was ist das?« fragte Pelle und wollte das Heft öffnen – »schreibst du noch in deinem Schreibbuch?«
Morten legte verwirrt die Hand auf das Heft. »Nun, meinetwegen,« sagte er auf einmal, »du kannst es gern wissen. Ich habe ein Gedicht geschrieben. Aber du mußt nicht darüber reden.«
»Ach, lies es mir doch vor!« bat Pelle.
»Ja, aber du mußt mir versprechen, darüber zu schweigen, sonst glauben die anderen bloß, daß ich verrückt geworden bin.«
Er war ganz verschämt und las stotternd. Es war ein Gedicht über die Armen, die das Ganze in ihren emporgestreckten Händen trugen und resigniert zusahen, wie die da oben sich gütlich taten. Es hieß: »Laßt sie fallen!« – und diese Worte kamen als Kehrreim in jedem Vers wieder. Und da Morten jetzt im Zug war, las er auch eine anspruchslose kleine Geschichte von dem Kampf der armen Leute um das liebe Brot.
»Das ist verdammt großartig!« rief Pelle begeistert aus. »Gewaltig gut, Morten! Ich begreife bloß nicht, wie du das zusammenkriegst – besonders die Verse. Aber du bist wohl ein Dichter. Das habe ich übrigens immer geglaubt – denn du hast so was Sonderbares an dir. Deine eigenen Ansichten hast du, und du läßt dir auch nicht gern die Flügel stutzen. Aber warum dichtest du nicht was Großes und Spannendes, was sich zu lesen lohnt, an uns ist ja doch nichts Interessantes!«
»Das finde ich aber gerade!«
»Nein, das begreife ich nicht. Was kann ein armer Bursche wohl erleben?«
»Dann glaubst du wohl nicht an das Große?«
Ja, daran glaubte Pelle freilich; »aber darum werden wir doch nicht auf einmal zu Herrlichkeiten!«
»Du willst von Grafen und Baronen lesen«, sagte Morten. »So seid ihr alle. Euch selbst betrachtet ihr doch als Gesindel, wenn es drauf ankommt. Ja, das tut ihr. Aber ihr wißt es nur nicht! Das ist die Sklavennatur in euch, so betrachtet euch die höhere Gesellschaftsklasse, und ihr tut das unwillkürlich auch. Ja, schneide du man Fratzen; wahr ist es darum doch! Ihr mögt nichts über euresgleichen hören, denn ihr glaubt doch nicht, daß von der Seite etwas kommen kann! Nein, es soll fein sein – immer nur fein! Am liebsten spie man ja auf Vergangenheit und Eltern und rückte selbst zu den Feinen 'rauf, und weil sich das nicht machen läßt, verlangt man es in Büchern.« Morten war ärgerlich.
»Na, na,« sagte Pelle beruhigend, »so schlimm ist es doch wohl auch nicht!«
»Ja, es ist so schlimm!« rief Morten heftig aus. »Und weißt du warum, weil ihr noch nicht begriffen habt, daß der Mensch heilig ist und daß es dann ganz einerlei ist, wo er sich bewegt!«
»Der Mensch ist heilig?« sagte Pelle lachend. »Ich bin doch nicht heilig – ich glaubte auch eigentlich nicht, daß du es wärst.«
»Ich will dir wünschen, daß du es auch bist!« sagte Morten ernsthaft. »Denn sonst bist du nichts weiter als ein Pferd oder eine Maschine, die ein Stück Arbeit tun.« Und dann schwieg er mit einer Miene, als sei genug über die Sache geredet.
Mortens verschlossener Ausdruck machte Pelle ernsthaft. Er konnte wohl im Scherz so tun, als sei es Unsinn, aber Morten war einer von denen, die nach innen sahen – dies war vielleicht wieder etwas, was er nicht verstand.
»Ich weiß sehr wohl, daß ich im Vergleich zu dir ein Clown bin,« sagte er gutmütig, »aber darum brauchst du nicht gleich so wütend zu werden. – Kannst du dich übrigens noch Peters entsinnen, der mit deinem Bruder Jens und mir zusammen bei Jeppe war? Er ist auch hier – ich habe ihn vorhin getroffen. Er grübelt auch so nach innen, kann aber nicht den Grund so da drinnen finden wie du. Er glaubt an nichts in der ganzen Welt. Es ist schlecht mit ihm bestellt. Es würde ihm gut tun, wenn er mit dir reden könnte.«
»Ich bin ja kein Prophet – das bist du viel eher!« antwortete Morten ironisch.
»Darum könntest du ihm aber doch vielleicht ein gutes Wort geben. Nein, ich bin nichts weiter als ein Fachvereinsmensch, und das verschlägt nicht.«
Auf dem Heimwege grübelte Pelle ehrlich über Mortens Worte nach, mußte es aber aufgeben, in sie einzudringen. Nein, er hatte kein Bedürfnis, seine Person mit irgendeiner Art von Heiligkeit oder Glorienschein zu umgeben. Er war nur ein gesunder Körper und hatte das Verlangen, zu wirken.