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Der nächste Morgen brach mit hohem, hellem Sonntagswetter an. Etwas daran erinnerte an Ostern – an den Ostermorgen der Kirchenlieder mit der reinen Auferstehungsluft! Der »Arbeiter« läutete den Tag ein mit einem großen festlichen Leitartikel – einem Gruß an die Morgenröte, und forderte die Unterklassen auf, sich am Nachmittag zu einer Riesenversammlung auf dem Gemeindeanger einzufinden. Da herrschte den ganzen Vormittag hindurch große Geschäftigkeit – die Garderobe mußte nachgesehen werden, der Proviantkorb sollte gepackt und Flaschenfutter beschafft werden. Man half einander quer über die Treppengänge hinweg, lieh und entlieh. Dies sollte nicht nur ein Fest des Sieges sein, es war auch als Demonstration gedacht – das war ganz klar; die Welt sollte sehen, wie gut man noch zusammenhing nach diesen Wochen der Aussperrung! Es galt sich vollzählig einzufinden und sich so gut wie möglich zu präsentieren.
Am Nachmittag strömten die Leute von allen Seiten auf das Volkshaus zu; es sah aus, als sei die ganze Stadt auf der Wanderung nach diesem Punkt hin begriffen. Drinnen in dem großen Hof und durch die breite Straße, ganz bis zur Hauptstraße herauf, scharten sich die Fachvereine um ihre Fahnen. Die Aufstellung war im voraus genau festgelegt, alles ging wie am Schnürchen; man war gewohnt, mit den Massen zu operieren. Da war kein Herumrennen, jeder fand mit Leichtigkeit seinen Platz. Pelle und Stolpe, die den Plan entworfen hatten, gingen zurechtweisend an den Reihen entlang.
Mit den Männern machte es keine Schwierigkeiten; aber die Frauen und Kinder hatten natürlich die Anordnung mißverstanden. Sie sollten geradeswegs nach dem Anger hinauswandern, stellten sich aber hier mit ihrer Bepackung auf. Sie standen da und drängten sich auf beiden Bürgersteigen zusammen, und als sich der Zug in Bewegung setzte, brachen sie auf und schlossen sich dem Zuge an den Seiten an. Sie hatten mitgekämpft und gehörten mit hierher an die Seite von Vatern. Das wurde ein Fahnenzug mit doppeltem Docht – hatte man je so was gesehen!
Nein, so etwas von Volkszug hatte die Stadt noch nie gesehen! Gleich einer Riesenschlange fuhr er fort sich zu entrollen; als der Kopf am Ende der Straße war, lag der größte Teil des Körpers noch zusammengerollt. Aber was war denn da vorne los? Der Kopf bog ja nach der verkehrten Seite um – nach der Stadt zu, statt den geraden Weg nach dem Anger zu nehmen, den die Polizei abgesteckt hatte! Das geht nicht an! Das führt zu einem Zusammenstoß mit der Polizei! Seht zu, daß ihr Pelle zu fassen kriegt, damit er den Strom wendet, ehe ein Unglück geschieht! – Pelle? Der geht ja doch an der Spitze! Er selbst hat sich in der Richtung geirrt. Ach, dann ist nichts dagegen zu machen. Was in aller Welt fällt ihm nur ein?
Pelle geht in der ersten Reihe neben dem Fahnenträger. Er sieht und hört nichts, schaut nur lichten Blickes hinaus, über den Kopf der Straßenmenge hinweg. Seine Haut ist noch vom Brandrauch geschwärzt, sie schält sich von den Händen ab. Bart und Haar sehen sonderbar gestutzt aus, und die Brandwunde auf der Wange zieht die Haut zusammen. Da ist nur eins, was er fühlt: diesen Tritt von fünfzigtausend Mann im Takt! Als Kind hatte er das in Träumen erlebt, hatte es wie ein Brodeln von da draußen her gehört, wenn er den Kopf auf das Kissen legte. Das ist die große Völkerwanderung, und nun führt er die Schar ins Land hinein! – Wo sollte der Weg wohl hingehen, wenn nicht durch die Hauptstadt?
Am Norderwall hielt die berittene Polizei und sperrte die innere Stadt ab. Sie hielt quer über dem Fahrwege und ließ die Pferde ihren Hinterteil der Prozession zuwenden, um sie zum Abbiegen zu zwingen. Aber sie wurden zur Seite gedrängt, und der Strom glitt weiter; nichts konnte ihn aufhalten!
Die Hauptstraßen hinab geht es, schwer, wie eine dickflüssige Masse, die sich mühsam den Weg bahnt und nicht zurückzuhalten ist. Eine friedliche Macht liegt über ihr ausgebreitet. Wer wagt es, die Verantwortung zu übernehmen und da hineinzuhauen? Die Polizei folgt dem Zuge wie wachsame Hunde, und auf dem Bürgersteig stehen die Leute an die Mauern gedrückt; sie begrüßen oder verspotten die Prozession – je nachdem es Freunde oder Feinde sind! Oben hinter den großen Spiegelscheiben stehen festlich gekleidete Herren und Damen und lorgnettieren den Zug mit einem halb spöttischen, halb unruhigen Lächeln? Was für eine wunderlich verhungerte, unsoignierte Welt ist doch das, die plötzlich aus der Unterwelt aufsteigt und die Hauptstraßen in Besitz nimmt? Und die Fabrikanten stehen da oben hinter den durchsichtigen Gardinen und murren: Was für eine neue Demonstration ist denn das? Nun hat man ihnen Pardon gegeben, und statt nun still an ihre Arbeit zu gehen und es sich zur Lehre dienen zu lassen, fangen sie an, Parade abzuhalten, um zu zeigen, wieviel ihrer sind. Ja, und wie der Hunger sie abgemagert hat!
Und eine wunderliche Parade ist dies nach jeder Richtung hin; wollten sie demonstrieren, wie hart man gegen sie gehandelt hat, so hätten sie es nicht besser machen können! Von der Schlacht gekennzeichnet sind sie alle – bleich, fahl, schlecht in Kleidern; das Beste von ihrem Staat hängt in dem großen gemeinsamen Kleiderschrank, dies hier ist zusammengeflickt. Der Hunger hat ihre Gesichter geläutert; sie gleichen weit eher einem Zuge von Seelen, die die schwere Erde von sich abgeschüttelt und sich nun darangemacht haben, Besitz von der Welt des Geistes zu ergreifen, als Leuten, die neues Land für sich und ihre Nachkommen erobern wollten. So ein Zug von Eroberern, sie hinken ja alle! – Eine flügellahme Schar, die dennoch den Flug versuchen will. Und wohin wollen sie denn ziehen?
»Ins Land des Glückes woll'n wir ziehen!« stimmt einer der Gesangschöre an.
Und wo liegt denn das Land? Hat jemand von euch es in wachem Zustande gesehen – oder waren es nicht böse Träume, die der Hunger gezeugt hat? Eßt euch nun einmal wirklich satt, Leute – und laßt uns dann miteinander reden! Was ist denn da überhaupt auf der anderen Seite? Die Leere, die euch gebar und noch wahnsinnig in eurem ausgehungerten Blute kocht? – oder das Land des Lebens? Beginnt denn jetzt eine neue Welt für euch? Oder ist der Fluch ewig, der euch gebar, Sklaven zu sein?
Es liegt ein eigener, sicherer Takt in ihrem Schritt, der alles übertäubt: Wir sind Matadore, so arm wir auch aussehen! Vier Millionen Kronen haben wir gebraucht, um den Kampf zu führen, und zwanzig Millionen sind dabei draufgegangen, weil man die Arbeit unserer Hände zum Stillstand brachte! Wir kommen aus der Finsternis und gehen dem Licht entgegen; niemand kann uns zurückhalten! Hinter uns liegen Hunger und Elend, Unwissenheit und Sklaventum – vor uns liegt ein glückliches Leben, beschienen von der aufgehenden Sonne der Freiheit! Von heute an ist eine neue Zeit angebrochen, wir sind ihre jungen Kräfte und fordern die Macht für die zehntausend Familien! Die Wenigen haben lange genug geherrscht!
Unerschütterlich marschieren sie dahin, trotz der Wunden, die noch schmerzen müssen, da sie ja hinken! Warum sollten sie wohl zweifeln?
Hört, sie singen! Heiser tönt es aus den fünfzigtausend Kehlen, als sei der Gesang festgerostet oder müsse sich erst losreißen. Ein neues Instrument, das noch nicht vom Meister gestimmt ist – die ersten Töne sind Mißtöne! Aber der Gesang läuft hin und her durch den Zug in rhythmischen Wellen; das Ganze ist ein wandernder Körper; die Augen werden durchglüht und brennen von dem schwellenden Machtgefühl, die Vielen zu sein. Und der Ton wird mächtig dadurch, ein Gewitter, das sich bis zur Häuserhöhe erhebt: Bald wird es tagen, Brüder –!
Rührt den elendesten von ihnen jetzt nicht an! Die große, berauschende Macht ist über ihn gekommen; ein jeder ist über sich selbst hinaus gewachsen und glaubt sich fähig, Wunderwerke zu verrichten. Es sind keine losen Teilchen, das Ganze ist ein großer Bergrutsch. Zupft an einem von ihnen, und die Kraft der Masse wird in ihn hineinströmen. Er wird die Folgen vergessen und handeln wie unter einem Schicksal, wo das Große, dem er angehört, die Verantwortung übernimmt und Gesetz ist!
Es ist ein Rausch, in den Reihen zu gehen und die Vereinsfahne tragen zu dürfen, aber schon allein das Mitdabeisein verleiht Stärke und Freude. Mutter und die Kleinen kommen gut mit, obwohl sie meistens im Rinnstein gehen müssen. Amüsant ist es, auszutreten und das Ganze mächtig vorüberziehen zu lassen, und dann einen Richtweg einzuschlagen und sich wieder an die Spitze zu stellen. Stunden währt es, bis der Zug an einem vorübergekommen ist, wenn man sich an einer Straßenecke aufgestellt hat. Trapp, trapp! Trapp, trapp! Das geht ins Blut hinein und bleibt da wie ein ewiger Takt.
Ein Fachverein zieht vorüber und ein anderer zieht auf: die Maschinenarbeiter mit dem dicken Munck als Fahnenträger, demselben, der die drei Schläge des jüngsten Gerichts schlug, die die fünfundvierzigtausend Mann zum Kampf für das Koalitionsrecht zusammenriefen, hurra hoch! Die Maler, die Typographen und die Handschuhmacher, die Klempner, die Korkschneider, die Weißgerber und eine Gruppe Seeleute mit X-Beinen. An ihrer Spitze schreitet Heulpeter, der verwandelte Hüne! Die Kupferschmiede, Kohlenarbeiter und Bautischler, die Bäckergesellen und Wagenbauer! Das da, was ist das da für eine sonderbare Prozession? Ach, das sind ja die Gürtler, und da haben wir die Gipser und die Stukkateure und die Feinschmiede, selbst die Sandgräber sind mit dabei. Die Schneider und die Schuhmacher sind leicht zu erkennen. Und da sind, Herr du meines Lebens, die Pantoffelmacher dicht auf ihren Fersen, sie wollen auch mit dabei sein! Die Vergolder, die Lohgerber, die Weber und die Tabakarbeiter! Die Feilhauer, die Modelltischler, die Maurerhandlanger, die Böttcher, die Buchbinder, die Schiffs- und Hauszimmerleute. Nimmt das denn nie ein Ende? Die Glasergesellen, Platz da! Ja, die können wohl lachen! Das sind alles Meistergesellen. Da kommen die Gas- und die Wasserarbeitet und die Möbeltischler, die einwärts gehen wie die Grobschmiede und dicht vor ihnen hermarschieren, als sollten die von ihnen lernen! Das da sind die geschickten Kunstdrechsler und die Bürstenbinder, mit Brille auf und Bürsten aus der Nase heraus – das heißt wenn sie alt sind. So, nun ist es also endlich vorbei! Den Schluß bildet eine Schar ausgelassener Jungen!
Aber das sind ja die Milchjungen, diese Strolche! Hinter ihnen kommen die Fabrikarbeiterinnen, und dann fängt es wieder von vorn an: die Pianofortearbeiter, die Müller, die Sattler und die Tapezierer – Fahnen, soweit man sehen kann. Wie groß und bunt doch die Welt ist! – Wieviel Gewerbe der Mensch doch hat, damit es ihm nicht an Arbeit fehle! Da sind die Maurer mit all den alten Veteranen an der Spitze – die Leute, die von Anfang an mit dabei gewesen sind! Seht doch, wie sicher der alte Stolpe auf seinen Beinen geht! Und die Schieferdecker mit dem Pardauzspringer an der Spitze; die sehen aus, als frügen sie gar nichts danach, auf der ebenen Erde zu gehen! Die Sägewerksarbeiter, die Brauereiarbeiter, die Stuhlmacher. Jahr für Jahr ist ihnen ihr Lohn herabgesetzt worden, so daß sie jetzt beim Anfang des Kampfes nur halb so viel verdienten wie vor zehn Jahren; aber seht nur, wie froh sie aussehen: jetzt wird wieder Essen in die Speisekammer kommen. Das sind ja die Weberinnen, die fahlen Frauen da! Eine Fahne haben sie nicht; acht Öre die Stunde reicht nicht aus, um damit zu flaggen. Und dann schließlich eine Handvoll Zeitungsfrauen vom »Arbeiter«. Herrgott wie müde sie sind, die vielen Treppen sitzen ihnen wie Blei in den Beinen! Sie haben ein Bündel Zeitungen über dem Arm als Kennzeichen.
Trapp, trapp! geht es in langsamem, besonnenem Marsch – wohin? Dahin, wo Pelle will. »Bald wird es tagen, Brüder!« Immer wieder von vorne an, wenn eine Abteilung mit dem Lied fertig ist, nimmt die nächste es auf. Die Seitenstraßen speien ihren Inhalt aus auf den Zug, eingeschrumpfte Wesen, die gegen ihren Willen vom Kampf versengt wurden und sich nicht wieder aufrichten können; sie folgen ihm mit großen Augen und geben fanatische Erklärungen.
Da steht ein junger Bursche auf dem Bürgersteig; er deckt sich hinter einigen Frauen und macht einen langen Hals. Denn nun kommt sein Fach, dem er im Kampf untreu geworden ist: die Reue hat ihn hierher getrieben. Der Takt reißt ihn mit fort, so daß er alles vergißt und dahinschreitet; er sieht sich wohl selbst in den Reihen, singend und stolz über den Sieg. Und plötzlich erfassen ihn ein paar Kameraden und ziehen ihn in den Zug hinein; sie heben ihn auf und führen ihn mit sich fort. Hurra für so ein Wahrzeichen! Nur schade, daß er nicht auf eine Stange gesetzt und hoch in der Luft getragen werden kann.
Pelle schreitet immer noch an der Spitze des Zuges dahin an der Seite des dicken Munck. Ruhig und lächelnd geht er; drinnen in ihm aber rasen unbändige Kräfte, so stark hat er sich noch nie gefühlt. Auf den Bürgersteigen hält die Polizei Schritt mit ihm, schweigend und schicksalsschwanger. Er führt den Zug schräg über den Königsneumarkt, und plötzlich geht ein Schaudern durch die Massen: er will hin und sein Heer auf Schloß Amalienburg vorstellen. Daß auch niemand auf den Gedanken gekommen ist! Nun ist die Polizei aber doch klüger gewesen. Die Straßen, die nach Schloß Amalienburg führen, sind vom Militär abgesperrt.
Allmählich verbreitert sich der Fahnenzug und füllt den ganzen Marktplatz. Anderthalbhundert Fachvereine, jeder mit seinem wehenden Abzeichen. Das ist ein mächtiger Anblick! Jede Fahne hatte ihre Geschichte. Rot sind alle die Fahnen, die über Vereinen wehen, die in der sozialistischen Zeit gebildet wurden, und dazwischen sind Dannebrogsflaggen, alte Zunft- und Vereinsfahnen – blaue, rote und weiße. Sie gehören uralten Verbänden an, die sich allmählich der Bewegung angeschlossen haben. Über ihnen allen sieht man die Fahne der Müller, die ist eine Kleinigkeit von ein paar hundert Jahren alt! Es steht so sonderlicher Krimskrams darauf: das ist der Namenszug des ersten absoluten Königs.
Aber die rechte Fahne ist nicht hier, das rote Abzeichen der Internationale, das die Bewegung durch die ersten Jahre der Trübsal hindurchgetragen hat. Die Alten würden sie wohl wieder erkennen, und die Jugend hat so viel Legenden über sie gehört. Wenn sie überhaupt noch existiert, ist sie gut versteckt; sie würde zu mächtig auf die Obrigkeit wirken – wie ein rotes Tuch auf einen Stier.
Und wie sie dastehen und starren, steigt sie plötzlich in die Luft auf, zerfetzt und ausgefranst, aber unvergänglich in der Farbe. Pelle steht oben auf dem Bock eines Fuhrwerkes und hebt sie feierlich in die Höhe. Einen Augenblick kommt es ihnen allen überraschend, dann fangen sie an zu rufen, und es wächst zu einem Orkan an. Sie grüßen die Verbrüderungsflagge, das rote Blutzeichen der Internationale – und Pelle, der sie mit seinen verbrannten Händen emporhebt, den guten Kameraden, der das Kind aus dem Feuer gerettet und die Bewegung zum Siege geführt hat!
Und Pelle steht da und lächelt ihnen offen zu, wie ein großes Kind. Hier wäre der Ort, ihnen allen ein gutes Wort zu sagen, aber seine mächtige Stimme ist noch nicht wiedergekommen. Da führt er denn mit einer langsamen Drehung die Fahne rings über sie hin, als ob er sie in Eid nähme. Und er ist so still dabei. Dies ist ein alter Traum, der ihm eben in Erfüllung gegangen ist!
Die Polizei reitet in Haufen unter die Massen vor, aber die Fahne ist verschwunden; Munck steht mit einer leeren Stange da und ist im Begriff, das Vereinsbanner daran zu befestigen. »Sie müssen dafür sorgen, daß diese Menschen sich von hier entfernen, sonst machen wir Sie für die Folgen verantwortlich«, sagt der Polizeiinspektor mit einem Blick, der Unheil verkündet.
Pelle sieht ihm in die Augen. »Er würfe mich gern ins Gefängnis, wenn er nur Mut dazu hätte«, denkt er und setzt den Zug in Bewegung.
Draußen auf dem Gemeindeanger wogte die Volksmenge auf und nieder, in unruhigem Gewimmel. Von außen gesehen glichen sie einem finster empörten Meere. Um eine jede der zahlreichen Rednertribünen stand eine dicht gedrängte Menge und lauschte den Führern, die die große Bedeutung des Tages darlegten. Aber die meisten waren heute nicht dazu aufgelegt, um eine Rednertribüne geschart zu stehen. Man hatte das Bedürfnis, sich sorglos der Freude hinzugeben, nach all dem Harten, im Gras Kopf zu stehen und einen Augenblick Clown zu spielen. Auf dem großen Anger lag eine Gruppe neben der anderen, essend und spielend. Die Männer hatten den Rock abgeworfen und rangen miteinander oder frischten die Turnübungen aus ihrer Knabenzeit wieder auf. Man lachte mehr, als man sprach; machte jemand eine ernste Bewegung, so wurde sie gleich in einen Kalauer aufgelöst. Heute war kein Ernst in den Leuten!
Pelle ging langsam umher und freute sich über das Gewimmel, während er nach Madam Johnsen und dem Kinde suchte; sie sollten hier draußen mit ihm zusammentreffen. Inwendig in ihm hinter all dem anderen saß der Ernst und machte ihn still. Es müßte schön sein, hier so auf dem Bauch zu liegen, mitten in seinem eigenen Familienkreis, und hartgekochte Eier und Butterbrot zu essen – oder mit Klein-Lasse auf den Schultern herumzulaufen! Aber was nützte es, hinter einer Sache herzutrauern. – Mit Ellen konnte er ja nicht wieder anfangen, das Unmögliche stand zwischen ihnen. Klein-Lasse aus seinen Gedanken zu weisen, ward ihm am schwersten; er mußte sehen, ihn im Guten von Ellen zu bekommen. Die Gesetze in Anspruch nehmen, um ihn zurückzuerlangen, das wollte er nicht.
Die ganze Familie Stolpe lag in einem großen Kreis da und hielt Mahlzeit; die Söhne waren da mit ihren Frauen und Kindern – nur Pelle und die Seinen fehlten.
»Komm und lang zu,« sagte Stolpe – »sonst wird es zu spät Feierabend!«
»Ach ja!« rief Frau Stolpe – »es ist so lange her, seit wir zusammengewesen sind. Wir brauchen doch nicht zu entgelten, daß du und Ellen euch nicht vertragen könnt.« Sie kannten den Grund des Bruches nicht – wenigstens nicht durch ihn, waren aber trotzdem freundlich gegen ihn.
»Ich suche ja eigentlich nach meinem eigenen Proviantkorb«, sagte Pelle und ließ sich bei ihnen nieder.
»Hör mal, du bist ein verteufelter Kerl!« sagte Stolpe plötzlich lachend. »Du wolltest vorher wohl hin und Bruder Christian Gemeint ist der König. begrüßen, wie? Sehr klug war es nun eigentlich nicht von dir, aber das ist schnuppe! Das was du heute getan hast, könnte dir kein anderer nachmachen. Das Ganze ging ja wie ein Tanz. Keine Spur von Schlingern in den Reihen! Du weißt wohl, daß man die Absicht hat, dich an die Spitze der Zentralkommission zu stellen? – Dann hast du ja Gelegenheit, mit deinen leichtsinnigen Ideen von einem Weltenbund zu arbeiten. – Übrigens wird jetzt hier in der Heimat genug zu tun sein; wir müssen ja bei den nächsten Wahlen die Stadt erobern – und einen Teil vom Lande auch. Du läßt dich doch auch aufstellen?«
»Wenn ich meine Stimme wiederbekomme. Ich kann ja nicht mehr laut reden.«
»Versuch' es doch einmal mit einem rohen Eidotter jeden Abend,« sagte Frau Stolpe bekümmert – »und bind dir den linken Strumpf um den Hals, wenn du schläfst; das ist ein gutes Mittel. Aber es muß der linke sein.«
»Mutter ist rot, weißt du!« sagte Stolpe. »Und sobald ich an ihrer rechten Seite gehe, kennt sie mich nicht.«
Die Sonne mußte untergegangen sein, es fing schon an zu dämmern. Drüben im Westen stiegen dunkle Wolken auf. Pelle hatte ein schlechtes Gewissen, daß er die Alte und ihre Enkelin noch immer nicht gefunden hatte, und brach von der Gesellschaft auf.
Er ging umher und suchte; überall, wohin er kam, begrüßten ihn die Leute, und in ihren Augen blitzte es auf. Er bemerkte, daß ihm ein Schutzmann in einiger Entfernung folgte; es war einer der geheimen Anhänger der Partei – vielleicht hatte er ihm etwas mitzuteilen. Pelle legte sich ein wenig abseits ins Gras; der Schutzmann stand da und sah sich vorsichtig um. Dann kam er heran. Bei Pelle angekommen, beugte er sich nieder, als wolle er etwas aufnehmen. »Man ist nach dir aus,« sagte er gedämpft, »heute nachmittag ist Haussuchung bei dir gewesen; sobald du von hier fortgehst, sollst du verhaftet werden.« Dann ging er weiter.
Pelle lag noch eine Weile da, ehe er die Sache begriff. Haussuchung – was war denn bei ihm, was nicht jeder wissen konnte? Plötzlich fiel ihm das Klischee und der Abdruck des Zehnkronenscheines ein. Man hatte nach irgend etwas gesucht, um ihm zu Leibe zu gehen – und sein Spielzeug gefunden.
Er erhob sich schwerfällig und ging fort von der Menge. Drüben auf dem Ostanger blieb er stehen und warf einen zögernden Blick hinab auf dies unruhige Meer von Menschen, das jetzt anfing, aufzubrechen, und das bald mit der Finsternis verschwimmen würde. Jetzt war der Sieg gewonnen, und das Land sollte in Besitz genommen werden – und da mußte er ins Gefängnis wandern! – um einer Phantasie willen, die der Hunger geschaffen hatte! Er hatte kein falsches Geld ausgegeben und auch nicht die Absicht gehabt. Aber was half das? Er sollte ja getroffen werden, er hatte das in den Augen des Polizeiinspektors gelesen. Zuchthaus – oder im besten Falle Gefängnis.
Er hatte das Bedürfnis, die Entscheidung noch ein wenig hinauszuschieben, während er sein Inneres in Ordnung brachte. So ging er denn um Österbrücke herum der Stadt zu. Er hielt sich in den Seitenstraßen, um nicht gesehen zu werden, und schlug die Richtung nach dem Erlöserfriedhof ein; die meisten Schutzleute befanden sich glücklicherweise auf dem Gemeindeanger.
Die Schiffe im Hafen erregten einen Augenblick den Gedanken an Flucht in ihm. Aber wohin sollte er fliehen? Und da draußen friedlos umherschweifen, wo seine Aufgabe und sein ganzes Schicksal hier lagen – konnte er das? Er mußte sein Geschick hinnehmen.
Der Friedhof war geschlossen, er mußte über die Mauer klettern, um hinein zu gelangen. Jemand hatte frische Blumen auf Vater Lasses Grab gelegt. Marie, dachte er. Ja, sie mußte es gewesen sein! Hier war eigentlich gut sein, er fühlte nicht mehr die entsetzliche Verlassenheit. Noch immer war es, als wenn Vater Lasses nie ermüdende Fürsorge sich beschützend um ihn legte.
Aber er mußte weiter, die Verhaftung lag schon über ihm und machte ihn rastlos. Er wanderte durch die Stadt und hielt sich beständig in den engen Seitengassen, wo ihn die Dunkelheit verbarg. Dies war das Schlachtfeld – welche Ruhe lag jetzt darüber! Gottlob, daß sie ihn nicht verdammten, nun gingen sie dem Glück entgegen – und er!
Vorsichtig näherte er sich seinem Logis – zwei Schutzleute in Zivil patrouillierten davor auf und nieder. Dann zog er sich wieder in die kleinen Seitenstraßen zurück. Planlos trieb er sich umher, kämpfte mit dem Unversöhnlichen in sich und gab endlich nach.
Er wollte zu Ellen hinauf, wollte ihr ein gutes Wort geben und die Kinder küssen. Aber auch dort war eine Wache aufgestellt – auf allen Punkten wurde er in die Einsamkeit zurückgeschlagen, wohin er nicht gehörte. Das war ja das Entsetzliche. Wie sollte er allein mit sich selbst fertig werden, er, der nur in Gemeinschaft mit anderen atmete? Ellen war doch sein Leben, so hart er es auch bestritt. Ihre fragenden Augen ruhten immer rätselhaft auf ihm, aus irgendeiner Ecke seines Daseins, was er auch vorhaben mochte. Er fühlte es jetzt stark, daß sie sich die ganze Zeit hindurch bereit gehalten und da gesessen und ihn erwartet hatte. Wie würde sie dies nun hinnehmen?
Von der Schloßstraße aus sah er Licht oben in Mortens Zimmer, er schlich sich in den Hof und dann hinauf. Morten saß da und las.
»Das ist ja ganz was Neues, dich zu sehen – Feuerwehrmann«, sagte er mit einem guten Lächeln.
»Ich komme, um dir Lebewohl zu sagen«, sagte Pelle leise.
Morten sah verwundert auf. »Wie, willst du verreisen?«
»Ja, ich – ich wollte nur …« sagte er und saß eine Weile da und sah vor sich nieder. »Was würdest du tun, wenn die Obrigkeit hinterlistig hinter dir her wäre?« fragte er plötzlich. Morten starrte ihn eine Weile an. Dann zog er die Schublade auf und nahm einen Revolver heraus. »Ich würde keine Gewaltmaßregeln über mich ergehen lassen«, sagte er finster. »Aber weshalb fragtest du danach?«
»Ach, doch nur so. – Willst du mir einen Gefallen tun, Morten? Ich habe versprochen, eine Sammlung für die armen Vögel aus der »Arche« in Gang zu bringen, habe nun aber keine Zeit mehr dazu. Sie haben all ihr Hab und Gut beim Brande verloren. Willst du mir die Sache abnehmen?«
»Das will ich gern. Aber ich verstehe dich nur nicht –«
»Ja, ich muß für eine Weile verreisen«, sagte Pelle mit einem Galgenlächeln. »Ich habe immer Lust gehabt, auf die Walze zu gehen, das weißt du ja. Jetzt ist die Gelegenheit da.«
»Dann Glück auf!« sagte Morten und sah ihn seltsam an, während er ihm die Hand drückte. Wieviel er erraten hatte, wußte Pelle nicht. In Mortens Adern floß Bornholmer Blut, er drängte sich nicht in die Angelegenheiten anderer ein.
Und dann war er wieder draußen auf der Straße. Nein, Mortens Ausweg konnte er nicht benutzen – und nun wollte er hingehen und sich der Obrigkeit ausliefern! Er ging jetzt die Hauptstraße entlang; er hatte keinen Grund, sich länger zu verbergen.
Unten in der Norderstraße stand eine Gestalt und machte sich verdächtig an einer Ladentür zu schaffen; sie drückte sich flach gegen die Tür, als Pelle vorüberkam. Pelle blieb auf dem Bürgersteig stehen, die Gestalt stand unbeweglich da und drückte sich noch eine Weile in die Finsternis hinein, dann sprang sie mit einem wütenden Knurren auf, um ihn zu Boden zu schlagen. Im selben Augenblick erkannten sie einander – es war Ferdinand.
»Was, gehst du noch frei umher?« rief er verwundert aus. »Ich glaubte, sie hätten dich gekriegt?«
»Woher weißt du das?« fragte Pelle.
»Ach, so was weiß man ja, das gehört nun mal mit zu der Hantierung. Du kriegst fünf bis sechs Jahre, Pelle, bis du steif bist, Gefängnis natürlich, nicht Zuchthaus.« Pelle schauderte.
»Du stehst da und frierst«, sagte Ferdinand mitleidsvoll. »Und da hinein kann ich mich sehr gut versetzen. Aber hör mal, Pelle, du bist so gut gewesen und hast mich retten wollen! Nächst Mutter bist du der einzige Mensch, aus dem ich mir etwas mache. Wenn du ausreißen möchtest, will ich dich schon verstecken und für das Reisegeld sorgen.«
»Wo willst du das hernehmen?« fragte Pelle zögernd.
»Ach, ich praktiziere ja die Verteilung der Güter«, sagte Ferdinand mit einem breiten Lachen. »Der Polizeidirektor hat gerade fünfhundert Kronen in seinem Pult liegen; ich will versuchen, die für dich zu holen, falls du es willst?«
»Nein,« sagte Pelle langsam – »ich will lieber meine Strafe hinnehmen. Aber habe Dank für deinen guten Willen! – und grüß deine alte Mutter von mir. Wenn du mal etwas übrig hast, dann steck es der Witwe Johnsen zu. Sie und die Kleine hungern seit Hannes Tode.«
Und dann war da nichts weiter, alles war vorbei. Er ging direkt über den Marktplatz nach dem Rathause hin. Das lag da und sah so düster aus. Er schlenderte langsam weiter, nach dem Kanal hinunter – um sich noch ein wenig zu sammeln, ehe er hineinging. Er schritt am Bollwerk entlang und starrte in das Wasser hinab, wo die Boote und die großen Fischkasten gerade so eben zu erkennen waren. An der Holmenskirche raffte er sich zusammen und kehrte um – jetzt mußte es wohl sein. Er erhob den Kopf mit einem kecken Entschluß und stand auf einmal Marie von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Ihre Wangen glühten, als sie ihn erblickte.
»Pelle!« sagte sie jubelnd – »gehst du hier frei umher? Aber dann ist es ja gar nicht wahr! Ich bin im Versammlungssaal gewesen, und da sagten sie, du wärest verhaftet. Ach, wir sind so unglücklich gewesen!«
»Ich soll auch verhaftet werden – ich bin jetzt auf dem Wege dahin.«
»Aber Pelle, lieber Pelle!« Sie sah ihn mit tränenerfüllten Augen an. Ach, noch war er ja das Findelkind, das ihrer Fürsorge bedurfte. Pelle traten selbst die Tränen in die Augen, ihm ward so weich zu Sinn. Hier war doch ein Menschenkind, dessen Herz für ihn pochte – und wie schön sie war in ihrem Kummer über sein Unglück.
Sie stand da vor ihm, schlank und mit vollen Formen, das Haar – das einstmals so dünn und ungepflegt war – in reicher Fülle über der Stirn. Herrlich war sie aus der verkrüppelten Schale herausgewachsen. »Pelle,« sagte sie mit niedergeschlagenen Augen und ergriff seine beiden Hände – »geh über Nacht nicht da hin, warte bis morgen! über Nacht freuen sich alle die anderen über den Sieg, und da solltest du …! Komm mit mir in meine Kammer, Pelle, du bist ja so betrübt!« Ihr Gesicht kämpfte mit dem Weinen, so kindlich wie jetzt hatte sie nie ausgesehen.
»Warum besinnst du dich? – komm mit hinauf. Bin ich denn nicht hübsch? Und all das habe ich für dich aufgespart! Seit ich dich zum erstenmal sah, habe ich dich ja geliebt, Pelle; und da fing ich an zu wachsen, weil ich schön für dich sein wollte! Ich schulde niemand weiter etwas als dir; und wenn du dir nichts aus mir machst, dann will ich gar nicht leben!«
Nein, sie schuldete niemand etwas, dies Kind aus nichts, sondern war ganz und gar ihr eigenes Werk. Schön und unberührt kam sie zu ihm in seiner Verlassenheit, als sei sie von den guten Gedanken der Armut ausgesandt, um sein Gemüt zu erquicken. Schön und rein von Herzen war sie aus dem Elend aufgewachsen, wie die Glückszeit selber, und wo in der Welt sollte er wohl seinen todesmüden Kopf ausruhen, wenn nicht an diesem Herzen, das Kind und Mutter und Geliebte für ihn war?
»Weißt du was, Pelle, heute wurde ja im Vereinshaus nach der Versammlung auf dem Gemeindeanger getanzt, und wir jungen Mädchen hatten einen grünen Maienkranz gewunden – und den sollte ich dir aufsetzen, wenn du in den Saal hineinkämst. Ach, wir haben geweint, als einer auftrat und uns zurief, daß sie dich eingesteckt hätten. Aber nun hast du den Kranz doch bekommen – nicht wahr? Und nun sollst du süß schlafen und nicht an morgen denken!«
Und dann schlief Pelle ein, den Kopf auf ihrem jungfräulichen Busen. Und während sie dalag und ihn mütterlich ansah, träumte er, daß Dänemarks hunderttausend Arbeiter im Begriff seien, ein herrliches Schloß aufzuführen, und daß er der Baumeister sei. Als das Schloß fertig war, marschierte er dann an der Spitze des Arbeiterheeres dahin, singend zogen sie durch die langen Gänge, um die hellen Säle zu füllen. Aber Säle waren da nicht, das Schloß war in ein Gefängnis verwandelt! Und sie gingen und gingen und konnten nicht wieder herausfinden.