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XIV

Lasse wollte nicht müßig dasitzen und war eifrig damit beschäftigt, herumzulaufen und Arbeit zu suchen. Wenn er mit Pelle sprach, machte er gute Miene zum bösen Spiel und sah hoffnungsvoll aus; aber die Großstadt hatte ihn schon enttäuscht. Er begriff nicht diesen Wirrwarr und fühlte sich zu alt, um sich damit einzulassen und den Sinn zu ergründen – vielleicht war da auch keiner! Es sah im Grunde so aus, als renne ein jeder herum und gehe seiner eigenen Nasenspitze nach, ohne sich auch nur im geringsten um alle anderen zu kümmern. Man grüßte sich nicht einmal, wenn man Menschen auf der Straße begegnete – Lasse begriff das Ganze nicht. »Ich hätte zu Hause bleiben sollen«, dachte er oft.

Und mit Pelle war das ja so, daß – –, nun ja, daß er von seinen eigenen Angelegenheiten in Anspruch genommen war! Das war ja nur wünschenswert für einen Mann. Er lief zu Versammlungen und agitierte und hatte viel zu tun, die Gedanken waren beständig damit beschäftigt, da war keine Rede von einem traulichen Geplauder wie in alten Zeiten. Verlobt hatte er sich auch, und was die Arbeiterbewegung nicht nahm, das nahm die Braut. Wie der Junge gewachsen war und sich verändert hatte, körperlich und in seinem ganzen Wesen! Lasse hatte ein Gefühl, als reiche er ihm nicht weiter als bis zum Hosenbund. Furchtbar ernst war er auch geworden und ganz männlich; er sah aus, als habe er bereits die Zügel von irgend etwas ergriffen; man sollte ihm wirklich nicht ansehen, daß er nur ein einfacher Schustergeselle war. Es lag Verantwortung in dem Jungen – vielleicht ein wenig zu viel!

Marie pflegte den Alten zu begleiten; sie waren gute Freunde geworden und hatten genug, worüber sie plaudern konnten. Sie nahm ihn mit auf den Hofplatz der Berlingschen Zeitung; um die Aushängetafel wimmelte es von Arbeitsuchenden, sie füllten den Torweg und standen in einer langen Schar die Straße hinauf.

»Hier kommen wir nie 'ran«, sagte Lasse mißmutig. Aber Marie puffte sich vorwärts; wenn die Leute schalten, schimpfte sie wieder. Lasse war ganz entsetzt darüber, was das Kind für ein Mundwerk hatte; aber es half mächtig.

Marie las vor, und Lasse machte laut seine Bemerkungen über jede einzelne Notiz, und wenn die Umherstehenden darüber lachten, so sah Lasse sie verständnislos an, lachte dann mit und machte eine muntere Bewegung mit dem Kopf. Er ging auf alles ein.

»Was sagtest du da? Herrschaftlicher Kutscher! Ja, ein paar Pferde fahren kann ich wohl, aber ich bin den Herrschaften am Ende nich' fein genug – ich bin bange, daß meine Nase tröpfelt!« Er sah sich wichtig um, wie ein Kind, das beobachtet wird. »Aber Laufjunge – das wäre gar nich' so übel. Das wollen wir uns notieren. Das is keine große Kunst, aller Hund zu sein! Hauswart – den Teufel auch! Da braucht man ja bloß da unten zu sitzen und wütend aus einem Kellerfenster hinauszugucken. Da wollen wir mal hin und unser Glück versuchen.«

Sie prägten sich die Adressen ein, bis sie sie auswendig wußten, und drängten sich dann durch die Menge hindurch. »Verteufelt ulkiger alter Kerl!« sagten die Leute und sahen ihnen lächelnd nach – Lasse war ganz übermütig. Sie gingen von Haus zu Haus, aber niemand hatte Verwendung für ihn. Die Leute lächelten nur über die alte gebrechliche Erscheinung mit den breitschnauzigen Stiefeln.

»Sie lachen über mich,« sagte Lasse niedergeschlagen – »vielleicht weil ich ein wenig bäuerisch aussehe. Aber das ließe sich doch am Ende überwinden.«

»Ich glaub', es kommt eher davon, daß du so alt bist und doch noch Arbeit haben willst«, sagte Marie.

»Meinst du, daß es deswegen sein sollte? Ich habe doch erst eben die Siebzig hinter mir, und von väterlicher und mütterlicher Seite sind wir alle beinah Neunzig geworden. Glaubst du wirklich? Wenn sie mich bloß an die Arbeit kommen ließen, dann sollten sie schon sehen, daß da noch Kraft in dem alten Lasse is! Manch ein junger Bursche würde sich wohl auf sein Hinterteil setzen vor lauter Verwunderung. – Aber was sind denn das für Leute, die da stehen und so traurig aussehen und die Hände in den Taschen haben?«

»Das sind die Arbeitslosen; es ist flau mit dem Verdienst, und sie sagen, es wird noch schlimmer.«

»Und alle, die sich drängten, um an die Anschlagtafel zu kommen – waren das auch ledige Hände?«

Marie nickte.

»Aber dann is es hier ja schlimmer als zu Hause; da hatten wir doch immer die Steinhauerei, wenn nichts anderes da war – Und ich hatte recht geglaubt, die gute Zeit hätte hier drüben schon angefangen.«

»Pelle sagt, sie wird schon kommen«, tröstete Marie.

»Ja, Pelle – der hat gut reden. Er is jung und gesund und hat die Zeit vor sich.«

Lasse war schlechter Laune, nichts sagte ihm so recht zu. Um ihm eine Freude zu machen, nahm ihn Marie zur Wachtparade mit, das munterte ihn ein wenig auf.

»Das sind wahrhaftig flotte Kerls«, sagte er. – »Hu, ha, wie sie sich halten! Und fein in Zeug sind sie. Aber das wissen sie auch selbst recht gut. – Ja, Königs Soldat bin ich nie geworden. Ich stellte mich ja, weil ich jung war und Lust dazu hatte; ich war damals ein schneidiger Bursch, das kannst du mir glauben! Aber sie wollten mich nich' haben, mein Körper taugte nich', sagten sie; ich hatt' wohl schon als Kind zu viel gearbeitet. Das haben sie sich nu ja mal so in Kopf gesetzt, daß man so und so beschaffen sein soll. Ich denk' mir, um den feinen Damen zu gefallen. Sonst könnt' ich mein Land auch verteidigen, ich auch.«

Unten am Börsengraben war das Pflaster aufgebrochen; eine Schar Erdarbeiter war im Begriff, den Boden für eine Röhrenleitung auszugraben. Lasse wurde ganz aufgeregt und eilte dahin.

»Das wäre so was für mich«, sagte er und stand da und verfiel in Träume beim Anblick der Arbeit. Jedesmal, wenn die Arbeiter die Hacke schwangen, machte sein alter Kopf die Bewegung mit. Er rückte näher und näher. »Du,« sagte er zu einem von den Arbeitern, der verschnaufte, – »ob man hier wohl an kommen kann?«

Der Mann glotzte ihn lange an. »Hier ankommen?« rief er dann mehr zu seinen Kameraden als zu Lasse gewendet, »ja, das möchtest du woll? Hier kommt ihr Ausländer von Fünen und Middelfart angerannt und wollt uns Eingeborenen das Brot vom Munde wegnehmen. Mach, daß du wegkommst, du jütisches Luder!« Lachend schwenkte er die Hacke über dem Kopf.

Lasse zog sich langsam zurück. »Ward der aber wütend!« sagte er mißmutig zu Marie.

Am Abend mußte Pelle ja zu all seinen verschiedenen Versammlungen, was es nun auch sein mochte. Viel zu tun hatte er, und soviel er auch wirkte, der Zustand blieb gleich schlecht. Es war wohl nicht so ganz leicht, den Bach des Elends zu stauen!

»Kümmer du dich nur um deine eigenen Angelegenheiten«, sagte Lasse. »Ich sitze hier und schwatze ein wenig mit den Kindern – und dann geh' ich zu Bett. Ich weiß nicht recht, mein Körper freut sich mehr und mehr auf das Bett, obwohl ich doch eigentlich nie für faul gegolten hab'. Das muß das Grab sein, das ruft. Müßig herumgehen kann ich auch nich', ich bin ganz krank im Körper davon.«

Lasse pflegte sonst nie von dem Grab zu reden, aber jetzt hatte er seine Vertröstung so ziemlich darauf gesetzt. »Die Stadt is auch so groß und so verstört«, sagte er zu den Kindern. »Das bißchen, was noch von einem übrig is, läuft einem hier durch die Finger weg.«

Ihnen konnte er seine Sorgen weit besser anvertrauen. Pelle war so groß und ernsthaft geworden, daß er förmlich Respekt einflößte. Man empfand keine rechte Lust, ihn mit seinen Kleinigkeiten zu belästigen.

Aber bei den Kindern fand er ohne weiteres den Ton. Die kämpften gegen kleine Widerwärtigkeiten an, ebenso wie er, und konnten alle seine Sorgen fassen. Sie erteilten ihm gute, praktische Ratschläge, und zur Vergeltung redete er greisenhafte Worte der Weisheit zu ihnen.

»Ich weiß nich' recht, wie es zugeht,« sagte er, »aber die große Stadt macht mich ganz wirrig und rappelig im Kopf. Schon allein, daß mich niemand hier kennt und nach mir hinsieht, wenn ich vorbeigeh. Das nimmt mir den Mut aus den Knien. Zu Hause war da doch immer der eine oder der andere, der den Kopf umwandte und zu sich selbst sagte: sieh, da geht der alte Lasse, der will wohl nach dem Hafen 'runter und Steine klopfen; verteufelt, wie der sich hält! Manch einer nickte mir auch zu, und ich selbst kannte ja jeden zweiten Menschen. Hier läuft alles wie verrückt! Ich begreife nich', wie du hier Verdienst finden kannst, Karl?«

»Ach, das ist ganz leicht«, erwiderte der Junge. »Um sechs Uhr morgens mache ich, daß ich nach dem Grünmarkt komme, da ist immer irgend was für die kleinen Handelstreibenden fortzubringen, die können sich ja keinen Knecht halten. Wenn der Grünmarkt vorbei ist, trage ich Blumen für die Gärtner aus. Das ist ein sehr unsicheres Geschäft, denn da krieg' ich nichts weiter als die Trinkgelder. Und außerdem lauf' ich so herum, wo ich mir denken kann, daß irgend was ist. Nach Österbrücke und Frederiksberg hinaus! Und ich hab' auch ein paar feste Stellen, wo ich jeden Nachmittag eine Stunde bin und Waren austrage. Irgend was ist da immer, wenn man nur tüchtig 'rumläuft.«

»Und das kann jeden Tag so zu einem einigermaßen guten Verdienst werden?« fragte Lasse verwundert. »Die Sache sieht mir doch ein wenig unsicher aus. Des Morgens kannst du doch nich' wissen, ob du bis zum Abend was verdient hast.«

»Ach, Karl ist so flink«, sagte Marie anerkennend. »Wenn die Zeiten einigermaßen sind, kann er doch regelmäßig eine Krone am Tage verdienen.«

Und das konnte wirklich ein regelmäßiger Verdienst werden? Nein, das begriff Lasse nicht.

»Manchmal wird es ja auch Abend, ehe ich überhaupt was verdiene, aber dann muß man ja sehen, daß man sich rappelt, irgend was ist da immer, wenn man es bloß zu finden versteht.«

»Was meinst du, wenn ich mit dir ginge?« sagte Lasse sinnend.

»Das kannst du nicht, denn ich laufe die ganze Zeit. Da könntest du eigentlich viel besser einen Arm einstecken.«

»Einen Arm einstecken?« fragte Lasse verwundert.

»Ja, den einen Arm unter die Jacke stecken und denn zu den Leuten gehen und um was bitten. Das würd' dir gar nicht schwer werden, du siehst aus wie ein Invalide.«

»So, sehe ich wirklich so aus?« fragte Lasse und blinzelte mit den Augen. »Das hab' ich noch nie gewußt. Aber wenn das auch wirklich so wär, so möcht' ich doch nicht an den Türen der Leute betteln. Ich glaub', dazu kann keiner den alten Lasse kriegen.«

»Denn gehe mal nach der Kalkbrennerei 'raus, da suchen sie in dieser Zeit Steinklopfer«, sagte der allwissende Junge.

»Ja, da sagst du was,« meinte Lasse, »also, da haben sie Steine? Ja, mein Steinhandwerkzeug hab' ich mitgenommen, und wenn es was gibt, wonach ich mich auf Erden sehne, dann is es, daß ich wieder auf einen Stein losschlagen kann.«


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