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XV

Pelle war jetzt ein Mann; er konnte seine eigenen Angelegenheiten übersehen und noch ein wenig außerdem, und konnte die Verhältnisse gegeneinander abwägen. Den Gram über Dues Schicksal hatte er beiseitegeschoben und sah nun wieder licht in die Zukunft hinaus. Aber er saß noch in seinem Gemüt; er hatte sich da hineingefressen zu all dem vielen anderen, und saß nun da und färbte alles mit einer warmen, dunklen Farbe. Über seiner Stirn brütete eine dunkle Wolke, über die er sich selbst nicht recht klar war. Aber Ellen sah sie und strich mit ihrer weichen Hand darüberhin, um sie verschwinden zu machen. Sie wirkte sonderbar zu dem glatten, rotwangigen Untergesicht, gleichsam wie eine leichtsinnige Drohung an einem lichten Lenztage.

Er fing an, das Zutrauen wie eine tragende Kraft zu fühlen. Nicht nur in der »Arche« vergötterten sie ihn; seine Kameraden sahen zu ihm auf; lag etwas Wichtiges vor, so suchten ihre Augen unwillkürlich ihn. Hatte er in etwas leichtsinniger Weise beinah die Organisation über den Haufen geworfen, um Meyer zu Leibe zu kommen, so hatte er das völlig wieder gutgemacht. Der Verein war jetzt stärker denn je, und das war sein Verdienst. Da durfte er dann den Rücken recken und sich ein wenig um seine eigenen Angelegenheiten kümmern.

Er und Ellen sehnten sich glühend danach, zusammenzukommen und ihr eigenes kleines Heim zu haben. Es konnten viele Einwendungen dagegen erhoben werden, und er war nicht blind dafür. Pelle war ein tüchtiger Arbeiter, aber der Lohn war nicht so, daß man daraufhin eine Familie gründen konnte; es war eine nackte Tatsache, daß selbst ein tüchtiger Arbeiter Frau und Kinder nicht ordentlich versorgen konnte. Mit Kindern rechnete er als wie mit etwas Selbstverständlichem, und der Tag würde auch kommen, wo Vater Lasse nicht mehr selbst sein tägliches Brot verdienen konnte. Aber das lag noch in weiter Zukunft, und auf der anderen Seite war es ja auch nicht teurer zu zweien zu leben als einzeln – wenn man eine gute und sparsame Frau bekam. Wollte man ein wenig teilhaben an den Freuden des Lebens, so mußte man die Augen schließen und über alle Einwendungen hinwegspringen, sein Zutrauen noch einmal auf die Ausnahme setzen.

»Es wird ja auch bald besser«, sagte Maurer Stolpe. »Noch sieht es schlecht aus für die meisten Berufe, aber sieh nur selbst, wie sich alles zu einem großen Schlag zusammenzieht. Dann geben wir dem Fortschritt einen hinten vor und bitten ihn, sich ein wenig zu rappeln – und dann ist der Verdienst da. Man soll sich verheiraten, solange man noch jung ist; was soll das, herumzugehen und hintereinander herzuschielen?«

Frau Stolpe war, wie immer, seiner Ansicht. »Wir haben uns auch verheiratet und die Süßigkeit geschmeckt, solange das Blut noch jung war. Darum haben wir jetzt auch was, womit wir widerstehen können«, sagte sie und sah Pelle treuherzig an.

So wurde denn beschlossen, daß die Hochzeit noch in diesem Frühling stattfinden sollte. Im März hatte der jüngste Sohn Frederik ausgelernt, dann sollte die Hochzeit und der Gesellenschmaus gleichzeitig gefeiert werden.

Am Kanal, dem Zuchthaus gerade gegenüber, stand eine kleine Zweizimmerwohnung frei, die mieteten sie. Maurer Stolpe wollte das junge Paar nach dem Norden hinaus haben, »unter ordentliche Menschen«, aber Pelle hatte sich in diesem Stadtteil eingelebt. Eine Menge Kunden hatte er hier draußen auch, das war gut, um einen Rückhalt zu haben – und hier waren die Kanäle. Für Pelle waren sie ein Ausguck, sie wirkten befreiend auf sein Gemüt; zwischen den geschlossenen Steinmauern im Norden fühlte er sich immer bedrückt. Ellen ließ ihn gewähren, ihr war es gleichgültig, wo sie wohnen würden. Mit ihm wäre sie gern bis ans Ende der Welt gegangen, um sich niederzulassen.

Sie hatte sich in ihren Stellungen ein wenig zusammengespart, und Pelle hatte auch eine Kleinigkeit zusammengeschabt; er war tüchtig hinterher und setzte alle Bedürfnisse noch einen Strich herunter. Wenn Ellen frei hatte, gingen sie umher und kauften für ihr Heim ein. Vieles kauften sie alt, weil es billig war; aber nichts für das Schlafzimmer. Da sollte alles funkelnagelneu sein!

Es war eine herrliche Zeit, in der jede Stunde von ihrem eigenen reichen Inhalt ausgefüllt war, wo keines grübelte oder Sorgen Raum ließ. Oft kam Ellen herbeigerannt und holte ihn mitten von der Arbeit weg; er mußte mit hinkommen und irgend etwas besehen, das man so billig bekommen konnte – aber gleich, ehe es weg war. An ihren Ausgehesonntagen schafften sie Ordnung in dem kleinen Heim und spazierten hinterher Arm in Arm durch die Stadt zu den Alten hinaus.

Pelle hatte so viel zu tun gehabt mit den Angelegenheiten anderer und sich selbst keinen Gedanken geschenkt – es tat so gut, nun auch einmal in seinen eigenen auszuruhen. Das Gewimmel da draußen rückte weit von ihm ab; er sah es noch soeben, während er sein Nest baute; er dachte nicht mehr an die soziale Frage, wie die Vögel, die in der Frühlingszeit nisten.

Und eines Tages trug dann Pelle seine Habseligkeiten in die neue Wohnung hinüber und legte sich zum letztenmal in der »Arche« zur Ruhe. Hier schuf sich niemand eine Zukunft, in diesen Mauern suchte nur der Schiffbrüchige bleibende Zuflucht, und Pelle wollte weiter. Aber aus den Lumpen und aus all dem Verhudelten hinaus stieg doch eine Stimme, die man nicht anderswo hörte, ein sorgenloses Gezwitscher, ein Geplauder wie von armen Vögeln, die dasitzen und sich zupfen, wo ein wenig Sonne sie bescheint. Mit Wehmut sah er auf die Zeit zurück, die er hier verbracht hatte.

In der Nacht vor der Hochzeit lag er da und warf sich unruhig hin und her. Irgend etwas verfolgte ihn im Schlaf. Endlich erwachte er und vernahm ein unterdrücktes Knarren, das mit langen Zwischenräumen kam und ging, als wenn die »Arche« selbst unter bösen Träumen stöhne. Schließlich stand er auf, zündete die Lampe an und begann seine Hochzeitsstiefel zu putzen, die noch auf den Leisten standen, um ihre schöne Form zu bewahren. Lasse schlief noch, und draußen in dem langen Gang lagerte der Schlaf.

Der Laut kam wieder, stärker und langgezogener, und etwas darin erinnerte ihn an Steinhof und weckte das Grauen seiner Kindheit in ihm; er saß und schwitzte über der Arbeit. Plötzlich hörte er draußen jemand tastend auf dem Gang gehen und an seiner Tür pusseln; er sprang hin und öffnete, die Spannung lief wie ein kalter Schauer durch seinen Körper. Draußen stand Hannes Mutter und zitterte in der Morgenkälte.

»Pelle,« flüsterte sie ängstlich, »jetzt ist es so weit, würdest du wohl hinlaufen und Frau Blom aus der Marktstraße holen? – Ich kann Hanne nicht verlassen. Und denn sollt' ich dir auch von ihr Glück wünschen.«

Der Auftrag kam ihm gerade nicht sehr gelegen, aber er lief trotzdem. Und dann saß er da und lauschte hinüber, während er so still wie möglich arbeitete, um Vater Lasse nicht zu wecken. Aber dann war es Zeit für die Kinder, aufzustehen; zum letztenmal pochte er an die Wand und hörte Mariens schlaftrunkenes »Ja-a!« Die nächtliche Stille war im selben Augenblick gebrochen, die Bewohner taumelten hinaus, rannten auf nackten Füßen an die Abwasche und knallten mit den Türen. »Die Prinzessin jammert«, sagten sie zueinander. »Sie weint, weil sie das verloren hat, was sie nie wiederkriegt.« Dann steigerte sich das Jammern zu einem lauten Schrei, und plötzlich wurde es still da drüben.

Die arme Hanne! Nun hatte sie einen Mund zu versorgen, und wo war der Vater dazu? Sie ging einer harten Zeit entgegen.

Lasse ging heute nicht auf Arbeit, obwohl die Hochzeit erst am Nachmittag stattfinden sollte. Er war von früher Morgenstunde an feierlich gestimmt und gab acht auf Pelle, daß er nichts über kreuz legte und dergleichen. Und Pelle lachte jedesmal.

»Ja, du lachst,« sagte Lasse, »aber dies is ein wichtiger Tag – vielleicht der wichtigste im Leben. Da soll man wohl aufpassen, daß nich' die erste beste Kleinigkeit einem das Ganze verdirbt.« Er ging umher und betrachtete alles als Vorbedeutung. Mit der Sonne war er zufrieden, sie ging aus einem Sack auf und wurde im Laufe des Tages immer heller. Es war nie gut, wenn es zu strahlend begann.

Marie ging umher und betrachtete Pelle mit einem Ausdruck unterdrückten Kummers – wie eine Mutter, die ihr Kind hinaussendet und sich Mühe gibt, froh zu scheinen, dachte er. Ja, ja, sie hatte sich nach mancherlei Richtung hin seiner wie eine Mutter angenommen, obwohl sie noch ein Kind war; sie hatten ihn in ihr Nest aufgenommen wie einen verlassenen kleinen Vogel und ihn mit Staunen an sich vorbei wachsen sehen. Er hatte ihnen heimlich geholfen, wo er konnte. Aber was bedeutete das im Verhältnis zu dem Singsang, der ihm seine Arbeit leicht machte, wenn er sah, wie die drei Verwaisten die Sache so nahmen, wie sie war, und selbst ihr ganzes Dasein auf nichts aufbauten. Wer sollte ihnen nun über die schwierigen Stellen hinweghelfen, ohne daß sie die Hand bemerkten? Er mußte ein wachsames Auge auf sie haben.

Marie hatte hektische Wangen und glänzende Augen, als er ihre rauhe Hand in der seinen hielt und ihr für gute Nachbarschaft dankte. Es kämpfte in ihrem engen Busen, ein Widerschein verborgener Schönheit lag über ihr. Pelle hatte das Blut gelehrt, den Weg in ihr graues Antlitz zu finden; wenn er bei irgend etwas stark in den Vordergrund trat, glühten ihre Wangen, und ein wenig von der Farbe blieb jedesmal zurück. Es war, als ob die Säfte in ihr durch seine Gesundheit mitstiegen, und nun stand sie hier und suchte die verkrüppelte Schale zu zersprengen und ihm holde Fähigkeiten entgegenzustrecken, vermochte es aber nicht. Plötzlich fiel sie ihm um den Hals. »Pelle, Pelle!« sagte sie und bohrte ihr Antlitz in seine Brust hinein. Und dann lief sie in ihre Stube.

Lasse und Pelle trugen die letzten Sachen in die Wohnung hinüber und setzten alles an Ort und Stelle; dann kleideten sie sich in den feinsten Putz und gingen zu Stolpes hinaus. Pelle hatte zum erstenmal in seinem Leben einen Zylinder auf und sah ganz stattlich aus. »Du gleichst einem Großbürger«, sagte Lasse und konnte sich nicht satt an ihm sehen. »Aber was meinst du, daß sie zu dem alten Lasse sagen? Es sind doch halbwegs feine Leute, und ich verstehe ja gar nich', mich zu gebärden. Wäre es nich' am Ende besser, wenn ich umkehrte?«

»Ach, red' doch nicht so, Vater«, sagte Pelle.

Lasse freute sich ungeheuer darauf, zur Hochzeit zu kommen, hatte aber doch allerlei Bedenken. Die letzten Jahre hatten ihn Fremden gegenüber scheu gemacht, und er kroch gern in die Ecken. Seine Feiertagskleider waren auch mit drauf gegangen, und sein heutiger Staat war zusammengeflickt; den langen Rock hatte er eigens zu diesem Zweck gemietet, und der weiße Kragen und die Manschetten gehörten Peter. Er fühlte sich nicht heimisch in seinen Kleidern und sah aus wie ein genierter Konfirmand.

Draußen bei Stolpes stand das ganze Haus auf dem Kopf. Die Gäste, die mit zur Kirche sollten, waren schon gekommen; sie gingen in der Wohnstube umher und pfiffen vor sich hin, sahen auf die Straße hinaus und langweilten sich. Stolpes Schreibtisch war in ein Büfett verwandelt, und die Brüder zogen Bierflaschen auf und nötigten gemütlich: »Ach, nehmen Sie doch noch ein kleines Stück Knackbrot dazu, man wird ja ganz trocken im Hals, wenn man so lange dasteht und nichts sagt.«

Drinnen in der guten Stube ging Stolpe auf und nieder und brummte. Er war in Hosenträgern und wartete, daß an ihn die Reihe käme, die Schlafstube zu benutzen, wo Ellen und die Mutter sich eingeschlossen hatten. Von Zeit zu Zeit wurde die Tür ein klein wenig geöffnet, und Ellens nackter weißer Arm kam zum Vorschein und warf dem Vater ein Kleidungsstück hinein. Dann bekam Pelle Herzklopfen.

Auf dem Fensterbrett stand Frau Stolpes Myrte und war ganz geplündert.

Nun kam Stolpe herein und war fertig. Pelle mußte ihm nur den Kragen zuknöpfen. Er reichte Lasse die Hand und ging dann hin und nahm den »Arbeiter«. »Hier sollen Sie mal hören, was sie von Ihrem Sohn sagen«, sagte er und begann zu lesen:

»Unser junger Parteigenosse Pelle feiert heute Hochzeit mit der Tochter eines der ältesten und wohlverdientesten Männer der Partei, Maurer Stolpe. Der junge Mann, der schon ein gutes Stück Arbeit für die Sache getan hat, wurde gestern abend einstimmig zum Vorsitzenden seiner Organisation vorgeschlagen. Wir geben dem jungen Paar unsere besten Wünsche mit auf den Weg!«

»Das läßt sich hören, was?« Stolpe reichte den Gästen das Blatt.

»Ja, weiß Gott, das ist gut«, sagten sie und ließen das Blatt von Hand zu Hand gehen. Lasse bewegte die Lippen, als wenn auch er die Notiz durchlese. »Ja, verteufelt, wie sie das zusammenstellen können«, sagte er entzückt.

»Aber was ist denn das mit Petersen – will er abgehen?« fragte Stolpe.

»Er ist ja krank«, erwiderte Pelle. »Ich bin übrigens gestern abend nicht dagewesen, daher weiß ich von nichts.« Stolpe sah ihn erstaunt an.

Frau Stolpe kam und zog Pelle in die Schlafstube hinein, wo Ellen als schneeweiße Offenbarung stand, mit langem Schleier und Myrtenkranz im Haar. »Eigentlich solltet ihr beide euch ja nicht sehen, aber ich finde, das ist unrecht«, sagte sie und schob sie mit einem liebevollen Blick einander in die Arme.

Frederik, der aus dem Fenster hinausgelegen hatte, um nach dem Fuhrwerk zu sehen, kam und donnerte gegen die Tür. »Der Wagen ist da, Kinder!« brüllte er zwecklos laut. »Der Wagen ist da!«

Und so rollten sie denn von dannen, die paar Schritte bis nach Sankt Haus hinüber. Pelle wußte kaum von dem, was mit ihm vor sich ging, ehe sie wieder im Wagen saßen, man mußte ihn anstoßen, wenn er irgend etwas tun sollte, er sah nur Ellen. Sie war seine Sonne, alles andere ging ihn nichts an. Am Altar hatte er ihre Hand ergriffen und sie während der ganzen Handlung in der seinen behalten.

Frederik war zu Hause geblieben, um Boten und Leute, die mit Glückwünschen kamen, anzunehmen. Als sie zurückkehrten, lag er zum Fenster hinaus und warf Frösche und Knallerbsen vor die Pferde, als Salut für das Brautpaar.

Man trank ein Glas Wein, stieß mit dem jungen Paar an und besah die Hochzeitsgeschenke. Stolpe sah nach der Uhr, es war noch sehr früh. »Ihr müßt ein wenig spazierengehen, Vater«, sagte Frau Stolpe. »In den ersten zwei Stunden können wir noch nicht essen.« Da gingen die Männer nach Ventegodts Garten hinüber, um eine Partie Kegel zu schieben, während die Frauen das Essen bereiteten.

Pelle wäre am liebsten bei Ellen zu Hause geblieben, aber er mußte ja mit; er und Lasse gingen nebeneinander. Lasse hatte Pelle noch gar nicht so recht Glück gewünscht; er hatte sich das aufgespart, bis sie unter vier Augen sein würden.

»Na, Glück und Segen, mein Junge«, sagte er bewegt und drückte Pelles Hand. »Nun bist du also ein Mann mit Familie und Verantwortung. Vergiß nu auch nich', daß die Frauenzimmer wie die Kinder sind. In ernsten Sachen soll man nich' zuviel Wesens aus ihnen machen, sondern kurz und gut sagen: so soll es sein! – Das paßt ihnen am besten. Fängt man erst an, allzuviel mit ihnen zu verhandeln, dann wissen sie nich', nach welcher Seite sie wollen. Sonst sind sie ganz gut, und es is leicht, mit ihnen auszukommen – wenn man sie bloß gut behandelt. Mir is es nie schwer geworden, denn eine feste Hand mögen sie gern. – Mit deinen Schwiegereltern kannst du zufrieden sein; das sind prächtige Leute, wenn sie auch ein bißchen fachstolz sind. Und Ellen wird dir eine gute Frau werden – wenn ich mich recht auf die Weiber verstehe. Sie paßt auf ihre Sachen auf und wird die Reste gut zusammenzuhalten wissen. Lang im Leib is sie wie das fruchtbare Vieh – an Kindern wird es euch nich' fehlen.«

Draußen im Wirtsgarten wurde schwedischer Punsch serviert, und Lasses Humor stieg. Er versuchte, eine Partie Kegel zu schieben – das hatte er noch nie getan, und er bekam auch Mut, Witze zu machen. »Her mit den Scherben, Vater«, sagte Pelle, als abgerechnet wurde. Der Alte hatte verloren.

»Ja, an Scherben is hier kein Mangel,« erwiderte Lasse munter – »ich hab' seinerzeit viele Fuder Steine zu Scherben zerklopft.« Und dann lachten die anderen, und Lasse richtete sich auf und kam aus seiner Schale heraus. »Prächtige Leute, die Kopenhagener«, flüsterte er Pelle zu. »'ne flotte Hand zum Spendieren haben sie, und ein gescheites Wort halten sie für alles bereit.«

Ehe man sich's versah, war es dunkel geworden, nun mußte man nach Hause!

Daheim waren die Tische gedeckt, und die übrigen Gäste waren gekommen. Frau Stolpe war schon ganz nervös, daß sie so lange fortgeblieben waren. »Nu wollen wir mal alle 'n bißchen auf den Beinen schlingern,« flüsterte Stolpe draußen im Entree, »denn schilt meine Frau uns aus!« »Na, Mutter, nu hast du wol 'en warmen Empfang für uns in Bereitschaft?« fragte er und taumelte in die Stube hinein.

»Ach, du Narr, glaubst du, daß ich dich nicht kenne?« rief Frau Stolpe lachend aus. »Nee, meinen Mann braucht man nicht in den Wirtschaften zu suchen.«

Pelle ging gleich zu Ellen in die Küche hinüber und nahm sie mit sich. Hand in Hand gingen sie umher und sahen die zuletzt angekommenen Geschenke an. Da war eine Tischlampe, eine Kuchenschüssel aus Neusilber und einige emaillierte Küchengerätschaften. Irgend jemand hatte ein kleines Wickelkind aus Porzellan geschenkt, aber vergessen, sich zu nennen.

Ellen zog ihn in den Flur hinaus, um ihn zu umarmen, aber da stand Morten und legte ab. Dann flüchteten sie in die Küche hinüber, aber da regierte ja die Kochfrau; in der Schlafstube fanden sie endlich einen ungestörten Fleck. Ellen schlang die Arme um Pelles Hals und sah ihn stumm an, ganz versunken in Glück und Sehnen. Und Pelle preßte den lieben, schlanken jungfräulichen Körper an sich und sah ihr tief in die Augen, die dunkel und schattenvoll waren wie Samt und sein Licht in sich einsogen. Sein Herz schwoll in ihm, er fühlte sich unsagbar glücklich – reicher als irgend jemand auf der Welt – durch den Schatz, den er in seinen Armen hielt. Im stillen gelobte er sich, sie zu schützen und zu hegen und keinen anderen Gedanken zu haben, als sie glücklich zu machen.

Aus den Stuben heraus scholl ungeduldiges Trampeln. »Das junge Paar, das junge Paar!« wurde gerufen. Sie eilten hinein, jedes durch seine Tür. Man stand am Tisch aufgestellt und wartete auf sie, um Platz zu nehmen. »Na, das ist nicht schwer, zu sehen, was ihr da vorgehabt habt«, sagte Stolpe neckend. »Man braucht ja nur die Guckaugen des Mädels anzusehen! Solch ein paar glühende Kohlen.«

Otto Stolpe, der Schieferdecker, war Mundschenk und eröffnete die Mahlzeit, indem er Branntwein anbot. »Einen kleinen Schnaps,« sagte er zu jedem, »wir müssen doch mal sehen, ob die Rinne 'n Abfluß hat, sonst verstopft sich die Sache so leicht.«

»Na, schafft ihr was, Leute?« fragte Stolpe oben vom Tischende her, wo er saß und Braten absäbelte. »Man immer drauflos mit den Bauklötzen.« Er hatte das junge Paar zur Rechten und den neugebackenen Gesellen Frederik zur Linken. Vor ihm auf dem Tisch stand ein neuer Nachttopf mit einem weißen Holzdeckel darüber; die Gäste sahen danach und lachten einander zu.

»Was guckt ihr?« fragte er ernsthaft. »Habt ihr was nötig, denn man 'raus mit der Katze.«

»Ach, das ist die Terrine da!« antwortete sein Bruder, der Zimmermann, ohne eine Miene zu verziehen. »Meine Frau möcht sie gern mal 'nen Augenblick leihen, sagt sie.«

Seine Frau fuhr entsetzt auf und schlug ihn auf den Rücken. »Ungetüm«, sagte sie und lachte halb beschämt. »Immer müssen einen die Männer zum Narren haben.«

Dann hieb man wieder ein und ließ für eine Weile das Essen den Mund stopfen. Von Zeit zu Zeit wurde eine drollige Bemerkung gemacht. »Hier sitzt man übrigens und tut sich gut, während andere sich abmühen müssen«, sagte der Pardauzspringer, Ottos Arbeitskamerad. Das sollte heißen, daß er keinen Braten mehr hatte. »Lang' ihm doch das Zahnfleisch mal hin, Mutter«, sagte Stolpe.

Als der Hunger gestillt war, ging es so recht los mit den Witzen. Mortens Geschenk war ein großer Bienenkorb. Es war ein wahres Kunstwerk; er hatte ihn in Pyramidenform gemacht. Auf der Spitze stand ein junges Paar aus Zucker und hielt einander umschlungen, dahinter, auf einem Lackbilde, ging die Sonne auf, und auf den Stufen der Pyramide krabbelten verschiedene Gestalten in die Höhe und streckten die Arme nach dem Gipfel aus. Zu dem Kuchen wurde Wein eingeschenkt, und Morten hielt eine kleine Rede an Pelle, die handelte von Treue gegen den neuen Kameraden, den er sich gewählt hatte. Scheinbar galt die Rede nur Ellen, aber Pelle verstand, daß seine Worte viel weiter ausgelegt werden sollten, sie hatten immer einen doppelten Boden.

»Hab Dank, Morten«, sagte er bewegt und stieß mit ihm an.

Dann hielt Stolpe eine Ermahnungsrede an die Neuvermählten. Die war voll der köstlichsten Einfälle und wurde mit Jubel aufgenommen.

»Ja, seh mal einer, so kann Vater reden«, sagte Frau Stolpe. »Wenn es nich' drauf ankommt, denn kann er.«

»Was sagst du da, Mutter?« rief Stolpe erstaunt aus. Er war nicht an Kritik von der Seite her gewöhnt. »Hört doch bloß mal, nun fängt schon die eigene Frau an, einem das Gerüste unterm Leib wegzureißen.«

»Ja, das sag ich!« entgegnete sie und sah ihn kühn an. Ihr Gesicht war ganz heiß von dem Wein geworden. »Steht wohl einer so im Vordergrund wie Vater? Er war der erste, und der eifrigste ist er immer gewesen, er hat ein gut Stück Arbeit getan, mehr als die meisten. Er hätt' heut gut einer von den Führern sein und den Ton angeben können, wenn nich' das verdammte Schlucksen wäre. Klug ist er, und seine Kameraden haben auch Respekt vor ihm, aber was kann das alles nützen, wenn man schluckst? Jedesmal, wenn er auf einer Rednertribüne stand, befiel ihn das Schlucksen.«

»Das sollt' doch woll nicht vom Branntwein kommen?« fragte der kleine dicke Pardauzspringer, Albert Olsen.

»Ach nee, Vater hat nie Flaschenagitation betrieben«, antwortete Frau Stolpe.

»Das war 'ne schöne Rede, die Mutter mir da hielt,« sagte Stolpe lachend, »und sie hat nich' geschluckst. Es is erstaunlich, daß es Menschen gibt, die was nich' können! – Aber dann is ja nun die Reihe an dir, Frederik. Nu bist du Geselle geworden und sollst selbst die Verantwortung übernehmen, daß das Ding in Lot und Winkel kommt. Wir haben ja auf dem Gerüst zusammen gearbeitet und kennen uns ziemlich gut. Manchmal bist du ein Clown gewesen und manchmal ein Schafskopf, und an einer Ohrfeige von deinem Alten hat's auch nicht gefehlt. Aber das kam ja von den Flegeljahren! Wenn du bloß wollt'st, dann war nichts an dir auszusetzen! Das will ich doch zu deinem Lob sagen, du kannst deine Sache – du brauchst dich vor keinem zu schämen. Zeig' was du kannst, mein Junge! Halt deine Schicht ein, so daß die Kameraden dich nich' ins Schlepptau zu nehmen brauchen, und drück' dich nich', wenn die Reihe an dir is!«

»Betrüg' auch den Biermann nicht um seine Flaschen!« warf Albert Olsen dazwischen. Otto puffte ihn in die Seite.

»Nein, auch das nich'«, sagte Stolpe und lachte. »Denn is da noch zweierlei«, fügte er ernsthaft hinzu. »Hüt' dich davor, daß die Mädels in der Arbeitszeit nicht unten am Gerüst herumlaufen – das sieht nich' gut aus, und halt stets die Kameradschaft hoch! Es gibt nichts Erbärmlicheres als das Wort Streikbrecher!« »Hört, hört!« rief man um den Tisch herum. »Der Hieb sitzt!« Frederik saß da und lauschte mit einem verlegenen Lächeln. Er hatte einen neuen weißen Maureranzug an, und auf seinem runden Kinn saßen ein paar dunkle Flaumhaare, die er jeden Augenblick befingerte. Er wartete gespannt darauf, daß der Alte fertig werden sollte, damit er Brüderschaft mit ihm trinken konnte.

»Und nu, mein Junge,« sagte Stolpe und nahm den Deckel von dem Topf, »nu bist du in die Zunft der Gesellen aufgenommen und sollst willkommen sein! Prost, mein Junge!« Mit einem kleinen listigen Augenblinzeln setzte er den Topf an den Mund und trank.

»Prost, Vater!« antwortete Frederik mit leuchtenden Augen, als ihm der Vater das Trinkhorn reichte. Es ging weiter um den Tisch herum. Die Frauen kreischten, ehe sie tranken. Es war voll von Bayrischem Bier, und in der braunen Flüssigkeit schwammen bayrische Würstel, und während das Trinkhorn seine lustige Runde um den Tisch machte, stimmte Stolpe das Maurerlied an, die anderen sangen den Kehrreim mit:

»Daß der Mann dort in weißer Mütz' und Bluse
Ein Maurer ist, das weiß jeder Schuft.
Gebt ihm Stein und Kalk, und die schönsten Häuser,
Die baut er euch auf in der bloßen Luft!
Auf der Straße stehen Leute in dichter Schaar:
Ah, ah! Na, na!
Es schwankt das Gerüst, doch es fällt wohl nicht gar?

Der Maurer balanciert nicht gut auf der Straße
Und trundelt in jeden Keller hinein;
Seine Heimat, die ist hoch in den Wolken,
Wo ihn umschweben die Vögelein.
Da arbeitet er in Seelenruh:
Ah, ah! Na, na!
Es schwankt das Gerüst, doch nur zu, nur zu!

Der Maurersmann, der weiß nichts von Schwindel,
Von selbst läßt er beim Bauen nicht nach.
Häuft Stein auf Stein bis in den Himmel,
Doch da kommt das Gesetz und sagt: Gemach!
Ihr seid wohl nicht klug, da wohnt doch der Herrgott!
Ah, ah! Na, na!
Der hat 's Servitut – der duld't keinen Spott!

Eh' er sich's versieht, ist die Woche herum,
Er mißt alles aus und rechnet dann ab.
Den Wochenlohn in der Hosentasch',
Klettert mordsvorsichtig er nun hinab.
Na, was für Silber er bei sich trägt!
Ah, ah! Na, na!
Das Gerüst bleibt stehen, wenn's sich auch bewegt.«

Der kleine dicke Schieferdecker saß da, die beiden Arme auf dem Tisch, und starrte mit verschleierten Augen gerade vor sich hin. Als das Lied beendet war, erhob er den Kopf ein wenig: »Ja, das mag alles ganz richtig sein – so was das anbetrifft. Aber der Schieferdecker, der klettert doch noch höher als der Maurer.« Er war blaurot im Gesicht.

»Nee, Kamerad, laß gut sein«, sagte Stolpe gemütlich. »Es kommt ja heut abend nicht darauf an, wer am höchsten klettert – sondern bloß, daß wir uns amüsieren.«

»Ja, das mag sein«, erwiderte Albert Olsen und ließ den Kopf wieder sinken. »Aber der Schieferdecker, der klettert doch am höchsten.« Und dann saß er da und murmelte vor sich hin.

»Laßt ihn nur in Ruhe,« flüsterte Otto, »sonst kriegt er seine Berserkerwut. – Sei doch nicht so mürrisch, alter Bursch«, sagte er und legte den Arm auf Olsens Schulter. »Kein Mensch kann es ja mit dir aufnehmen in der Kunst, herunterzufallen.«

Der Pardauzspringer hatte seinen Namen bekommen, weil er – während er ganz ruhig auf dem Dach lag und arbeitete – plötzlich herunterzurutschen und in der Straßentiefe zu verschwinden pflegte. Er war ein paarmal in Haushöhe herabgefallen, ohne weiter zu Schaden zu kommen; einmal hatte er freilich beide Beine gebrochen und war infolgedessen ziemlich o-beinig geworden. Um ihn milder zu stimmen, erzählte Otto, der sein Kamerad war, wie er das letztemal heruntergefallen war:

»Wir liegen also auf dem Dach und arbeiten – er und ich –, und hundekalt war es. Er hatt' natürlich das Tau abgestreift, und als wir ganz gemütlich da liegen und plaudern, ist er auf einmal weg. ›Den Teufel auch,‹ rufe ich den anderen zu, ›nu ist der Pardauzspringer wieder 'runtergerutscht!‹ Und wir, so schnell wie wir können, die Treppe 'runter. Wir waren ja nicht zu Narrenspossen aufgelegt, das könnt ihr wohl begreifen. Aber da lag kein Albert Olsen auf dem Straßenpflaster. Verdammt und verflucht, wo ist der Pardauzspringer geblieben? sagen wir und glotzten uns dumm an. Aber da guckte ich zufällig nach einer Kellerwirtschaft 'rüber, und da sitzt er, weiß Gott, unten am Fenster und winkt so mit dem Zeigefinger vor den Augen, daß wir 'runterkommen und ein Glas Bier trinken sollen. ›Ich war so verteufelt durstig geworden,‹ sagte er bloß, ›ich wollt' mir nicht die Zeit lassen, die Treppen 'runterzugehen!‹«

Das Lachen der anderen hatte den Pardauzspringer wieder versöhnt. »Wer spendiert 'n Glas Bier?« sagte er und erhob sich schwer. Er bekam es und setzte sich in eine Ecke.

Stolpe saß da und spielte mit dem Kanarienvogel, der auch seinen Anteil an dem Fest haben sollte. Er saß auf seinem roten Ohr und kraute ihm im Haar, hüpfte dann auf seinem Arm entlang auf den Tisch hinab. Stolpe fragte jeden Augenblick: »Was möcht'st du woll rauchen, Hänschen?« – »Piep!« sagte der Kanarienvogel jedesmal. Dann lachten sie alle. »Hänschen will 'ne Pfeife rauchen! Nee, wie klug er is, daß er so antworten kann«, sagten die Frauen.

»Klug – nee, durchtrieben is er! Einmal hatten wir ein Weibchen für ihn gekauft, Mutter fand es unrecht, daß er nich' auch wissen sollte, was Liebe is. Sie verheirateten sich denn auch sehr nett, und das Weibchen legte zwei Eier. Aber als sie anfangen wollt', sie auszubrüten, da ward Hänschen mürrisch; er rief sie, sie sollt' gefälligst auf den Stock 'raufkommen. Das wollt' sie nich', und eines schönen Tages, als sie auch mal 'n bißchen essen wollte, hüpft er 'runter und wippt die Eier durch die Gitterstäbe 'raus. Er war eifersüchtig – der Racker! Ja, Tiere, die sind mächtig klug, kolossal, was das ein kleines Ding sich so ausdenken kann! Nee, nee, seht mal bloß!«

Hänschen war auf den Tisch gehüpft und hatte sich über die Reste des Kuchens hergemacht. Er saß auf dem Rande der Schüssel und wippte wohlgemut mit dem Schwanz, während er einhieb; plötzlich ließ er etwas Unartiges auf das Tischtuch fallen. »Herr du meines Lebens!« rief Stolpe ganz erschrocken aus. »Das hätt' ich mal sein sollen! Denn hätt' ihr mal sehn sollen, wie Mutter geschimpft hätt'!«

Der alte Lasse war nahe daran, zu platzen, in so lustiger Gesellschaft war er noch nie gewesen. »Hier is es ja geradeso, als hätt' man es mit einem Dutzend von Bruder Kalles Art zu tun«, flüsterte er Pelle zu. Pelle lächelte bloß abwesend. Ellen hielt seine Hand auf ihrem Schoß und saß da und spielte mit den Fingern.

Es kam ein Glückwunschtelegramm für Pelle vom Fachverein; das brachte das Gespräch wieder auf ernstere Gebiete. Morten und Stolpe ließen sich auf einen Streit über die Bewegung ein; Morten meinte, sie beachteten den einzelnen nicht genügend, sondern legten zuviel Gewicht auf die Stimmenmasse. Seiner Ansicht nach müsse die Revolution von innen kommen.

»Nein,« sagte Stolpe, »das führt zu nichts. Können wir aber unsere Genossen in den Reichstag hineinbringen und die Mehrzahl bekommen, dann bilden wir den Staat nach unserem Programm um, und das ist nach jeder Richtung hin gesetzmäßig!«

»Ja, aber es handelt sich um das tägliche Brot,« sagte Morten mit Nachdruck. »Hungrige Leute können nicht dasitzen und sich darin üben, Majorität zu werden; denn während das Gras wächst, stirbt die Kuh! Sie sollen selbst zulangen. Tun sie das nicht, so ist ihr Selbstgefühl nicht derart, und dann muß man sie zu dem Bewußtsein ihres eigenen Menschenwertes aufwecken. Wenn ein Gesetz käme, das dem armen Mann verböte, die Luft einzuatmen, glauben Sie, daß er es dann nachließe? – Er könnte es ganz einfach nicht! Es ist traurig, wenn er mit ansehen kann, wie andere essen, ohne selbst zuzugreifen. Da hapert es mit seiner Lebenstüchtigkeit! Und das macht sich die Gesellschaft zu seinem Nachteil zunutze. – Was hat der arme Mann mit dem Gesetz zu schaffen? Er steht ja außerhalb des Ganzen! Ein Mann darf sein Pferd und seinen Hund nicht hungern lassen, aber der Staat, der ihm das verbietet, läßt seine Arbeiter selbst hungern! Ich glaube, es rächt sich, wenn man den kleinen Leuten noch mehr Gehorsam gegen das Gesetz vorpredigt; wir kriegen schlechtes Material für die neue Gesellschaftsordnung, die wir einmal gründen wollen.«

»Na ja, wir üben uns doch wohl nicht aus Respekt für die Gesetze der kapitalistischen Gesellschaft im Gehorsam gegen das Gesetz,« sagte Stolpe ein wenig unsicher – »sondern aus Rücksicht auf uns selbst. Gott sei den Armen gnädig, die sich selbst ihr Recht verschaffen.«

»Das hält doch die Wunde frisch! – Alle die andern, die im stillen hungern, was richten die aus? Es sind ihrer nur leider zu wenige, so daß man Platz in den Gefängnissen für sie hat. Aber wenn jeder, der hungert, den Arm durch das Schaufenster stecken und sich selbst nehmen wollte – dann würde die Ernährungsfrage bald gelöst sein; man steckt nicht die halbe Nation ins Gefängnis. Jetzt ist ja der Hunger noch eine menschliche Tugend mehr, die man übt, so daß man oft daran stirbt – zum Vorteil für die, die zu Haufen ansammeln. Den braven, armen Mann klopfen sie auf die Schulter, weil er dem Gesetz so gehorsam ist. – Was braucht er da noch weiter?«

»Ja, zum Teufel auch, natürlich ist die Sache verkehrt!« erwiderte Stolpe. »Aber das is ja auch gerade der Grund, weshalb – nee, Sie überreden mich nich', mein junger Freund! Sie sind mir viel zu rot. Die Sache geht nich'! Nu bin ich vom ersten Tage an bei der Bewegung gewesen, und da soll keiner kommen und sagen, daß Stolpe bange is, seinen Pelz zu Markt zu tragen; aber die Fasson paßt mir nicht. Wir haben immer dieselbe Richtung innegehalten, und alles, was wir erreicht haben, haben wir auf das Konto hin gekriegt.«

»Ja, das ist wahr«, stimmte Frau Stolpe bei. »Wenn ich an die erste Zeit zurückdenke und denn an jetzt, so kann ich es selbst beinahe gar nich' glauben. Damals konnten wir uns kaum bergen, nich' 'mal unter Leuten von unserem eigenen Stand; sie schikanierten uns auf alle Weise und haßten Vater, weil er nich' eben solch ein Schaf war wie sie, sondern sich ihrer Sachen annahm. Jedesmal, wenn ich aus der Küchentür 'rauskam, hing da solch schmutziger Lappen von Scheuertuch über dem Türdrücker, und noch viel schlimmere Dinge schmierten sie uns an die Tür – und wer tat das wohl? Ich habe es nie zu Vater gesagt, denn der wäre ja rasend geworden und hätt' das ganze Haus 'runtergerissen, um den Schuldigen zu finden. Nee, Vater der hatt' schon genug zu kämpfen. Aber jetzt: ›Ach, da kommt Stolpe – hurra! Stolpe soll leben! Vor dem muß man Respekt haben, der ist ja Veteran!‹«

»Das mag alles ganz richtig sein,« murmelte Albert Olsen – »aber der Schieferdecker, der klettert doch am höchsten.« Er saß mit gesenktem Haupt da und starrte wütend vor sich hin.

»Freilich klettert der am höchsten,« sagten die Frauen, »es sagt ja auch niemand, daß er es nich' tut.«

»Laßt ihn nur in Ruhe,« sagte Otto, »er hat einen Kleinen gefaßt!«

»Denn sollt' er lieber einen Spaziergang in der frischen Luft machen und nich' hier sitzen und eklig sein«, sagte Frau Stolpe sehr bestimmt.

Der Pardauzspringer erhob sich mit Anstrengung. »Sagten Sie einen Spaziergang in der frischen Luft, Frau Stolpe? Ja, wenn jemand in der Luft gehen kann, dann is es, weiß Gott, Albert Olsen. Die großschnauzigen Maurer, was können die wohl?« Er stand mit gesenktem Kopf da und brummte wütend vor sich hin. »Ja, ja, dann machen wir einen Spaziergang in der frischen Luft. Mir braucht ihr eure Narrenspossen nich' vorzumachen!« Er schwankte zur Küchentür hinaus.

»Was will er doch nur da?« rief Frau Stolpe erschrocken aus.

»Ach, er will bloß mal in den Hof 'runter und seine Gedärme umkrempen«, sagte Otto. »Er ist ein brillanter Bursche, aber er kann nur nichts vertragen.«

Pelle hatte dagesessen und mit dem Bleistift auf einem Bogen Papier gezeichnet, während die anderen diskutierten. Ellen lehnte über seiner Schulter und sah ihm zu. Er fühlte ihren heißen Atem im Ohr und lächelte glücklich, während der Bleistift arbeitete. Ellen nahm die Zeichnung, als er fertig war, und schob sie über den Tisch den anderen hin. Es war ein dicker, schweißtriefender Mann, der seinen eigenen dicken Bauch auf einer Schubkarre vor sich hinschob. »Der Kapitalismus – wenn wir anderen uns weigern, ihm länger Dienste zu leisten!« stand darunter. Die Zeichnung fand großen Anklang. »Du bist ja ein verteufelter Bursch!« sagte Stolpe; »das schick ich an das Witzblatt – ich kenn den Redakteur.«

»Ja, Pelle!« sagte Lasse stolz – »es gibt gar nichts, was der nich' kann; weiß der Teufel, wo er das her hat, denn vom Vater hat er das nich'.« Und dann lachten sie.

Zimmermann Stolpes brave Frau saß da und betrachtete die Zeichnung ganz verwundert, sah dann Pelles Finger an und sah wieder auf das Bild. »Ich kann wohl verstehen, daß man mit dem Mund Ulkiges sagen kann,« sagte sie, »aber mit den Fingern, das begreife ich nich'. Und der Ärmste, wie muß er an seinem Bauch schleppen! Das is beinah noch schlimmer als damals, als ich Viktor kriegen sollte.«

»Vetter Viktor, das is ihr Kleinster, der so verdammt klug is«, sagte Otto erklärend und sandte Pelle einen bedeutungsvollen Blick zu.

»Ja, wahrhaftig, der is klug, wenn er auch erst ein halbes Jahr alt is. Neulich nehm ich ihn mit 'runter, als ich Milch kaufen wollt'. Seit der Zeit will er nich' mehr die linke Brust seiner Mutter nehmen. Der Bengel hatte weiß Gott gesehen, daß der Kutscher Magermilch aus der linken Seite des Wagens zapfte und Vollmilch aus der rechten. Und ein andermal …«

»So, Mutter, laß das nu man!« sagte Zimmermann Stolpe, »siehst du denn nich', daß sie dasitzen und dich zum Narren haben? Denn sollt man wohl allmählich auch sehen, daß man nach Hause kommt.« Er sah ein wenig verletzt aus.

»Was, wollt ihr schon gehen?« sagte Stolpe. »Ja, Tod und Teufel, es is ja auch schon spät geworden. Aber erst müssen wir noch ein Lied singen.«

»Bald wird es tagen«, schlug Frau Stolpe vor; sie war so müde, daß sie einnickte.

Als man den Sozialistenmarsch gesungen hatte, brach man auf. Lasse wurden die Taschen mit Süßigkeiten für die drei Verwaisten vollgestopft.

»Wo ist denn bloß der Pardauzspringer geblieben?« fragte Otto plötzlich.

»Der ist am Ende unten im Hof krank geworden,« sagte Stolpe, »lauf doch mal 'runter und sieh nach ihm, Frederik!« Sie hatten ihn ganz vergessen.

Frederik kam und meldete, Albert Olsen sei nicht unten im Hof, – und der Torweg sei abgeschlossen.

»Er wird doch wohl nicht aufs Dach gegangen sein«, sagte einer. Sie stiegen die Hintertreppe hinauf, die Tür zum Boden stand offen und das Dachfenster ebenfalls. Otto warf den Rock ab und schwang sich durch das Fenster. Ganz hinten auf dem Dachrücken saß der Pardauzspringer und schnarchte. Er lehnte sich gegen die Kante der Brandmauer, die eine halbe Elle aufragte, gleich hinter ihm lag der jähe Abgrund.

»Ruf um Gottes willen nich',« sagte Mutter Stolpe gedämpft, »und faß ihn fest an, eh' du ihn weckst.«

Aber Otto ging geradeswegs auf seinen Kameraden los. »Hallo, Kamerad! Feierabend!« rief er.

»Jawohl«, sagte der Pardauzspringer und kam auf die Beine. Er stand einen Augenblick da und schwankte über dem Abgrund; dann zog er die Richtung über das Dach vor, folgte Otto auf den Fersen und kroch durch das Fenster.

»Was, zum Teufel, hast du da eigentlich gemacht?« fragte Stolpe lachend. »Bist du auf Arbeit gewesen?«

»Ich bin bloß da oben gewesen und hab' ein bißchen frische Luft geschöpft. Habt ihr eine Flasche Bier? Aber was ist denn das? Die gehen schon alle nach Hause?«

»Ja, du hast zwei Stunden da oben gesessen und Sterne geguckt«, antwortete Otto.

Alle Gäste waren gegangen. Lasse und das junge Paar standen da und warteten, um sich zu verabschieden. Frau Stolpe standen die Tränen in den Augen, sie wickelte Ellen ein. »Gib nu auch gut acht, die Nacht ist so kalt«, sagte sie mit erstickter Stimme und stand da und nickte ihnen mit tränengeblendeten Augen nach.

»Herr du meines Lebens, da ist doch nichts zum Weinen«, sagte Maurer Stolpe und führte sie hinein. »Mach du nu, daß du zu Bett kommst, ich will den Pardauzspringer schon in Schlaf lullen. Hab Dank für den heutigen Tag, Mutter!«


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