Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Da war noch genug zu tun. Die Abtrünnigen mußten der Organisation wieder eingefügt werden – eingefügt oder hineingezwungen werden; Pelle nahm die Willigsten zuerst und ließ die Zahl auf die anderen wirken. Die ganz Störrigen ließ er einstweilen noch ihren eigenen Kurs segeln; wenn sie isoliert und gut gekennzeichnet waren, konnten sie keinen weiteren Schaden anrichten.
Er war gut ausgeruht und ging ganz methodisch zu Werke. Das Gefühl, Kräfte bis an das Ende des Weges zu haben, verlieh ihm eine breite Ruhe, die Vertrauen einflößte. Er übereilte sich nicht, sondern nahm das Ganze von Grund auf; die eigentliche Frage ließ er ruhig liegen, bis die Bedingungen, sie zu lösen, vorhanden waren. Vom letztenmal wußte er, daß man ohne fest zusammengeknüpfte Reihen nichts ausrichten konnte.
Damit ging der letzte Rest des Sommers dahin. Und nun stand die Organisation fertig da; es sah so aus, als könne sie einem Druck widerstehen, und die erste Frage war der Tarif. Der war veraltet und schlecht, fast in allen Punkten rückständig; das Fach seufzte unter den niedrigen Sätzen, die nicht Schritt gehalten hatten mit der Entwickelung und der Verteuerung aller Dinge. Aber Pelle ließ seinen praktischen Sinn herrschen. Der Zeitpunkt war nicht günstig für eine Lohnerhöhungsforderung. Die Organisation konnte der Forderung nicht genug Nachdruck verleihen, man mußte sich vorläufig damit begnügen, dem geltenden Tarif Achtung zu verschaffen. Mehrere von den größeren Meistern richteten sich nicht danach, obgleich sie ihn selber mit eingeführt hatten. Namentlich mit Hofschuhmachermeister Meyer sah es arg aus; er benutzte alle möglichen Auswege, um die klarsten Lohnsätze zu drücken.
Es liefen beständig Beschwerden ein, und eines Tages ging Pelle zu ihm hin, um sein Verhältnis mit ihm zu besprechen und zu einem Ergebnis zu gelangen. Er war bereit, einen Kampf wegen der Unantastbarkeit des Tarifs aufzunehmen; sonst konnte ja jeder große Versprechungen machen und sich nachher zurückziehen. Er hatte eigentlich erwartet, daß der Hofschuhmacher ihm die Türe weisen würde; das geschah jedoch nicht, aber Meyer behandelte ihn mit einer Art höflicher Unverschämtheit. Der Haß gegen den alten Feind erwachte von neuem in Pelle; er hatte seine liebe Not, sich zu beherrschen. »Die Sperre wird über Sie verhängt werden, wenn Sie sich nicht innerhalb von acht Tagen mit Ihren Gesellen einigen«, sagte er drohend.
Meyer lachte spöttisch: »Was Sie sagen! Ja, Ihre Sperre, die kennen wir ja. Aber dann erklärt der Meisterverein Lockout für das ganze Fach – was meinen Sie dazu? Dann sind alte Hüte billig zu haben!«
Pelle schwieg und zog sich zurück; das war die einzige Weise, wie er sich die Kaltblütigkeit zu bewahren vermochte. Jetzt war gesagt, was gesagt werden mußte, und er war kein Diplomat, der ruhig lächelnd mit einem Teufel im Augenwinkel dastehen konnte.
Meyer geleitete ihn dienernd bis an die Tür: »Wenn ich Ihnen sonst mit etwas dienen kann – mit Arbeit zum Beispiel? Ich kann in dieser Zeit sehr gut einen Arbeiter für Kinderschuhzeug gebrauchen.«
Als Pelle auf die Straße hinabkam, atmete er tief auf. »Puh, ha, das war hart; ein paar Grobheiten und einen ans Maul, das wäre ja die natürlichste Antwort auf die Unverschämtheit des Mannes gewesen. Na, das war eine Probe für seinen hitzigen Sinn, und jetzt war sie bestanden! Wenn er den Mund hielt, konnte er also eine Situation beherrschen!
»Nun, verhängen wir also die Sperre über Meyer«, dachte er, während er die Straße hinabging. »Und was dann? Ja, dann schlägt er wieder und macht Lockout. Können wir das aushalten? Nicht recht lange, aber die Meister können es auch nicht – dann werden ihre Geschäfte ruiniert. Aber dann lassen sie sich Gesellen aus dem Ausland kommen – oder, falls das nicht geht, lassen sie die Arbeit anderswo ausführen; sie führen Fabrikware in großen Mengen ein und führen Maschinen ein – womit sie ja schon so bei kleinem angefangen haben!«
Pelle blieb mitten auf der Straße stehen. Verdammt und verflucht, dies ging nicht! Er mußte achtgeben, daß er nicht die ganze Geschichte zu Rührei machte. Bekamen alle diese Dinge erst einen Einlaß, so waren eine ganze Menge Menschen im selben Augenblick brotlos gemacht. Aber den Hofschuhmacher wollte er fassen; es mußte ein Mittel geben, um dem Blutsauger eine Ohrfeige zu versetzen, so daß er es in seinem Geldbeutel fühlte!
Am nächsten Morgen kam er wie gewöhnlich zu Meister Beck. Beck sah ihn von weitem über die Brille an. »Ich habe nichts mehr mit Ihnen zu schaffen, Pelle«, sagte er leise.
»Nanu!« rief Pelle erschreckt aus. »Aber wir haben doch so viel zu tun, Meister!«
»Ja, aber ich kann Sie nicht länger beschäftigen. Es geschieht nicht mit meinem guten Willen; ich bin immer sehr zufrieden mit Ihnen gewesen; aber die Verhältnisse liegen nun einmal so. Da ist so vieles, was man in Betracht ziehen muß: ohne Material kann ein Schuster nicht arbeiten, und Kredit beim Lederhändler kann man auch schlecht entbehren.«
Mehr wollte er nicht sagen.
Aber Pelle hatte auch hinreichend verstanden. Als Vorsitzender des Meistervereins hatte Meyer Beck gezwungen, ihn zu verabschieden – durch die Drohung, ihm seine Bezugsquellen zu verstopfen. Pelle ward getroffen, weil er an der Spitze der Organisation stand – obwohl sie jetzt anerkannt war. Das war ein Eingriff in das Koalitionsrecht. Und doch war nichts dagegen zu machen; man hatte das Recht, einen Mann zu verabschieden, wenn man keine Verwendung mehr für ihn hatte. Meyer war ein pfiffiger Kerl!
Pelle trieb sich eine Weile mutlos umher. Er hatte keine große Lust, mit der traurigen Nachricht zu Ellen zu kommen, und ging zu verschiedenen Meistern, um sich nach Arbeit umzusehen. Aber sobald sie hörten, wer er sei, fiel ihnen ein, daß doch eigentlich nichts für ihn zu tun sei. Er merkte, daß man ein Kreuz hinter seinen Namen gesetzt hatte.
So mußte er sich denn auf die Heimarbeit beschränken und versuchen, mehr unter den Bekannten seiner Bekannten aufzustöbern. Und sonst bei Tag und Nacht bereit zu sein, falls ein kleiner Meister, der ohne Hilfe herumnusselte, plötzlich mehr zu tun bekam, als er erledigen konnte.
Ellen nahm die Verhältnisse hin, wie sie waren, und beklagte sich nicht. Aber gegen die Ursache leistete sie stummen Widerstand. Pelle fand keine Unterstützung bei ihr in seinem Kampf; was er dort vorhatte, mußte er allein ausfechten. Es verrückte seinen Kurs nicht, sondern erzeugte vielmehr Eigensinn in ihm. Da war eine Seite in ihm, die Ellens Wesen nicht zu decken vermochte – nun ja, sie war ja ein Frauenzimmer. Man mußte Nachsicht mit ihr haben! Er war gut gegen sie und stellte sie in seinen Gedanken immer mehr auf eine Stufe mit dem kleinen Lasse. Dadurch befreite er sich von ihrer Ansicht über ernste Dinge – und fühlte sich mehr als Mann.
Dank dem kleinen Gehalt, das ihm sein Posten als Vorsitzender brachte, litten sie keine Not. Es war sonst eigentlich nicht nach Pelles Sinn, und er hatte große Lust, auf die paar hundert Kronen zu verzichten. Es floß keine Spur von Beamtenblut in seinen Adern; er begriff nicht recht, daß man Vergütung für den allgemeinen Nutzen haben sollte, den man ausrichtete. Aber nun kam ihm das Geld doch sehr gelegen, und er hatte andere Dinge zu tun, als von Kleinigkeiten Aufhebens zu machen. Die Sperre hatte er aufgegeben; aber das Gehirn grübelte beständig nach Auswegen, um den Hofschuhmacher zu fassen; das beschäftigte ihn Tag und Nacht.
Eines Tages strauchelten seine Gedanken über Meyers eigene Taktik! Ganz unschuldig hatte man ihn aus der Arbeit hinausgedrängt – wie, wenn er es ebenso machte und ganz im stillen dem Hofschuhmacher seine Leute wegnahm? Meyer war der böse Geist des Faches. Er saß wie ein Tyrann da, kraft seiner Übermacht, und hielt das Ganze nieder. Es würde nicht so unmöglich sein, als Vergeltung ein Kreuz hinter seinen Namen zu setzen! Und Pelle hatte nicht die Absicht, es so genau mit den Mitteln zu nehmen.
Er beredete die Sache mit dem Schwiegervater, der wieder Zutrauen zu ihm gefaßt hatte. Stolpe, der ein alter gerissener Taktiker war, riet ihm, keine Versammlung wegen dieser Angelegenheit einzuberufen, sondern das Ganze unter vier Augen mit jedem einzelnen zu ordnen, so daß man den Fachverein nicht fassen konnte. »Du hast ja jetzt Zeit genug«, sagte er. »Geh du erst zu den zuverlässigen Leuten und mache ihnen begreiflich, was für ein Kerl Meyer ist, und nimm ihm zu allererst seine besten Leute weg; daß er die schlechten behält, kann ihm ja nicht viel nützen. Du kannst den Kameraden ja die Hölle heiß machen, wenn du willst! Mach deine Sache so gut, daß niemand mehr den Mut hat, an den Platz derer zu gehen, die ihn verlassen. Er muß von Mann zu Mann als der gestempelt werden, der er ist.«
Pelle schonte sich nicht; er ging von einem Genossen zum anderen, stark und anfeuernd. Und was sich vor drei Jahren als unmöglich erwiesen hatte, ließ sich jetzt ausführen; der Groll gegen das Unrecht hatte sich in den Gemütern festgesetzt.
Meyer hatte die Manier gehabt, seine Arbeiter umsonst nach Arbeit rennen zu lassen – es sei nicht ganz eingerichtet, sie müßten wiederkommen! Und wenn ihnen die Arbeit dann ausgeliefert wurde, sollte sie gewöhnlich über Hals und Kopf fertig gemacht werden. Es lag eine Absicht hierin. Es machte die Leute demütig und fügsam.
Aber nun ward der Spieß umgedreht. Die Arbeiter kamen nicht und lieferten die dringliche Arbeit nicht zu der verabredeten Zeit ab; er mußte danach schicken und erhielt seine eigenen Worte als Antwort: sie sei noch nicht ganz fertig; aber sie wollten sehen, was sich tun ließe! Er mußte seinen eigenen Arbeitern die Tür einrennen, um seine feine Kundschaft nicht vor den Kopf zu stoßen. Die ersten Fälle behandelte er durch die Bank mit Verabschiedung. Aber das half nichts; es war ein Hochmutsteufel in die einfachen Schuhmachergesellen gefahren! Es sah aus, als wenn sie die Begriffe Herr und Untergebener auf den Kopf stellten! Die harte Hand mußte er aufgeben und es mit guten Worten versuchen. Das Geschäft hatte die ganze vornehme Welt als Kundschaft und bedurfte immer eines Stabes von Elitearbeitern. Aber nicht einmal Freundlichkeit half. Kaum hatte er einen guten Gesellen bekommen, so war der auch schon wieder weg, und fragte er nach dem Grunde, so erhielt er immer dieselbe foppende Antwort: sie hätten keine Lust zu seiner Arbeit. Er bot hohen Arbeitslohn und verschrieb mit hohen Unkosten tüchtige Leute von auswärts; aber Pelle war stets unterrichtet und suchte sie sofort auf. Wenn sie nur einige Tage unter seinem Einfluß gestanden hatten, reisten sie wieder ab oder gingen zu anderen Meistern, die jetzt, wo es mit Meyers Geschäft zurückging, mehr zu tun bekamen. Die Leute, die ins Lager kamen, erzählten, daß er oben umherging und wütete und die Unschuldigen ausschimpfte und auch von sich jagte.
Meyer fühlte eine Hand hinter diesem allen, er verlangte, daß der Meisterverein Lockout erklären sollte. Aber die anderen Meister witterten einen Schachzug darin von seiner Seite. Sein eigenes Geschäft lag tot danieder, und da wollte er auch die ihren zum Stillstand bringen. Sie hatten vielleicht im Grunde nichts gegen den neuen Zustand einzuwenden; eine Grundlage für einen Lockout konnten sie auf alle Fälle nicht finden.
So bequemte er sich denn, an Pelle zu schreiben und ihn zu einer Verhandlung aufzufordern – um die Unruhe im Fach zu heben. Pelle, der noch keine Übung in der Verhandlungskunst besaß, antwortete Meyer so ungefähr, man wollte ihm einen Marsch blasen. Er zeigte jedoch dem Schwiegervater seine Antwort, ehe er sie absandte.
»Nein, zum Teufel, das geht nicht!« sagte Stolpe. »Siehst du, mein Junge, auf den Ton kommt das Ganze an, wenn man Gewerkschaftspolitik betreiben will! Die Großen, die sehen verdammt auf die Verpackung! So war ich im Anfang auch – 'raus mit der Wahrheit und sie ihnen gerade ins Gesicht geschleudert! Aber das ging nicht – man war zu ungehobelt, mit so einem konnten sie nicht verhandeln. So ein bißchen nette Lügerei, das macht sich viel besser! Na ja, man muß Diplomat sein und einen Fuchs mit einem anderen Fuchs einfangen. Schreib nun mal nieder, was ich dir sage. Ich will dir wohl ein Muster geben. Also –!«
Stolpe ging eine Weile im Zimmer auf und nieder und sah nachdenklich aus; er war in Hemdärmeln und Pantoffeln und hatte die beiden Zeigefinger in die Westentaschen gesteckt. »Bist du so weit, Schwiegersohn? Na, denn man los!«:
An den Vorsitzenden des Meistervereins der Schuhmacher
Herrn Hofschuhmachermeister Meyer!
Indem ich den Empfang Ihres sehr Geehrten vom gestrigen Datum bestätige, gestatte ich mir zu bemerken, daß, soweit mir bekannt ist, zurzeit im Fach überall beste Ruhe und geordnete Verhältnisse herrschen. So daß die Grundlage zu einer Verhandlung nicht vorhanden ist.
Im Namen des Fachvereins.
Hochachtungsvoll
Pelle.
»So, das hat Hand und Fuß, was? Darunter hätte Napoleon auch seinen Namen setzen können, ohne sich zu genieren, und boshaft genug ist es auch«, sagte Stolpe vergnügt. »Schreib das nun ein bißchen hübsch ab – und dann nimmst du einen großen Briefumschlag.«
Pelle fühlte sich ganz imponiert von dem Schreiben, als er es auf einem großen Bogen Papier abgeschrieben hatte; es glich dem Tagesbefehl von einem Amtmann oder Bürgermeister daheim. Nur in bezug auf das Boshafte darin hegte er seine Zweifel.
Ein paar Tage später saß er vormittags zu Hause und arbeitete. Die dazwischen liegenden Tage hatte er Löscharbeit im Hafen annehmen müssen, jetzt saß er da und versohlte ein Paar Seestiefeln für einen Matrosen von einem Kohlenschiff. Auf der anderen Seite des Tisches saß der kleine Lasse und plauderte und ahmte seine Bewegungen nach, und jedesmal, wenn Pelle einen Pflock einschlug, klopfte der Junge mit der Klapper auf den Rand des Tisches. Und Pelle lachte ihm zu. Ellen ging zwischen der Küche und der Stube ein und aus. Sie war ernsthaft und schweigsam.
Es schellte. Sie stürzte an den Ofen und riß etwas Kinderwäsche herunter, dann ging sie hinaus und öffnete.
Ein brünetter, korpulenter Herr im Spazierpelz trat dienernd ein, den hohen Hut hielt er vor sich hin, zusammen mit den Handschuhen und dem Stock. Pelle wollte seinen Augen nicht trauen – es war der Hofschuhmacher. »Er kommt wohl, um mit dir abzurechnen!« dachte er und bereitete sich auf einen Kampf vor. Er bekam Herzklopfen, und etwas in ihm fing an hinabzurutschen, alte Untertänigkeit war im Begriff aufzusteigen und sich seiner zu bemächtigen. Aber das währte nur einen Augenblick, dann war er seiner selbst wieder sicher. Ruhig bot er seinem Gast einen Stuhl.
Meyer saß da und sah sich in dem einfachen, netten Stübchen um, als wolle er erst die Hilfsmittel seines Feindes mit seinen eigenen vergleichen, ehe er etwas unternahm. Pelle fing etwas in seinem wandernden Blick auf und ward plötzlich eine ganze Menge klüger in seiner Menschenkenntnis. »Er sitzt da ja geradezu und guckt herum, ob er nicht etwas entdecken kann, was in die Leihbank gewandert ist«, dachte er empört.
»Hm, ich habe Ihr geehrtes Schreiben erhalten«, begann Meyer endlich. »Sie sind also der Ansicht, daß keine Veranlassung zu einer Erwägung des Zustandes vorliegt; aber – äh – ich meine doch –«
»Nein, das meine ich allerdings nicht«, erwiderte Pelle, der sich vorgenommen hatte, den Ton des Schreibens festzuhalten. »Es herrscht ja überall die beste Ordnung, überhaupt scheint es ja jetzt, als wenn die Sache gehen sollte, jetzt, wo wir jeder unseren Verein haben, der die Sachen unparteiisch erwägen kann.« Er sah Meyer unschuldig an.
»So, also das meinen Sie? Es kann Ihnen doch nicht unbekannt sein, daß mich meine Arbeiter einer nach dem anderen verlassen – um nicht zu sagen, daß sie mir weggenommen werden. Ich kann Ihnen nicht den Gefallen tun, das geordnete Verhältnisse zu nennen.«
Pelle saß da und ärgerte sich über Meyers geleckten Ton. Zum Teufel auch, warum brauste er nicht auf wie ein ordentlicher Mann, statt dazusitzen und Anspielungen herauszuschwitzen! Aber wollte er Firlefanzereien haben, denn man zu! »Ah – Ihre Leute verlassen Sie?« fragte er interessiert.
»Ja, das tun sie«, sagte Meyer und sah überrascht auf. Pelles Ton machte ihn unsicher. »Und sie schikanieren mich, halten ihre Verabredungen nicht inne und lassen meine Boten vergebens laufen. Früher hat jeder Mann seine Arbeit geholt und gebracht, jetzt muß ich Boten dazu halten; das kann das Geschäft nicht tragen.«
»Die Gesellen haben ja auch vergebens laufen müssen – ich habe ja selbst bei Ihnen gearbeitet«, erwiderte Pelle. »Aber Sie sind also der Ansicht, daß wir den Zeitverlust besser tragen können?«
Meyer zuckte die Achseln. »Das ist doch ein Glied in ihrem Erwerb, die Verhältnisse sind nun einmal auf die Ordnung basiert. Aber wenn ich dann nur wenigstens sicher wäre, Leute zu haben. Das da geht nicht so weiter, Mensch!« schrie er plötzlich auf – »verdammt und verflucht, das geht nicht so, das ist nicht ehrlich!«
Der kleine Lasse sprang in die Höhe und fing an zu brüllen. Ellen kam hastig herein und trug ihn in die Schlafkammer.
Ein scharfer Zug prägte sich um Pelles Mund aus. »Wenn Ihre Leute Sie verlassen, dann werden sie wohl Grund dazu haben«, erwiderte er; er hatte freilich mehr Lust, Meyer direkt ins Gesicht zu sagen, daß er ein Aussauger sei. »Der Fachverein kann seine Mitglieder nicht zwingen, für einen Mann zu arbeiten, mit dem sie vielleicht nicht auskommen können. Ich habe selbst eben den Abschied in einer Werkstatt bekommen – aber aus dem Grunde kann man doch nicht zwei Vereine alarmieren.« Er sah seinen Widersacher fest an, indem er ihm den Hieb versetzte; die Züge in seinem Gesicht zitterten leicht.
»Aha«, erwiderte Meyer und rieb sich die Hände mit einem Ausdruck, der sagte, daß er nun endlich festen Boden unter seinen Füßen fühlte. »Ach so – da kam es endlich heraus. Sie sind ja auch Diplomat, ein großer Diplomat! – Sie haben einen klugen Mann, kleine Frau!« wandte er sich an Ellen, die sich am Büfett zu schaffen machte. »Hören Sie einmal, Herr Pelle, Sie sind ein Mann für mich, und wir müssen zu einem Ergebnis kommen. Wenn zwei tüchtige Leute miteinander reden, dann kommt auch etwas dabei heraus – das kann gar nicht anders sein! Ich habe Verwendung für einen intelligenten und tüchtigen Fachmann, der dem Maßnehmen und Zuschneiden vorstehen kann. Der Platz ist gut gelohnt, und Sie können einen schriftlichen Kontrakt auf eine Reihe von Jahren bekommen. Was sagen Sie dazu?«
Pelle erhob den Kopf mit einem Ruck. Ellens Augen stoben Funken, sie wurden wunderlich dunkel und legten sich zwingend über ihn – als wollten sie einen Willen in ihn hineinbrennen. Einen Augenblick starrte er verwirrt vor sich hin. Das Anerbieten kam ihm so überwältigend und überraschend; dann lächelte er. Ei, ei, sollte er sich jetzt als Handlanger des Aussaugers verkaufen!
»Das ist wohl nichts für mich«, antwortete er.
»Sie müssen sich mein Anerbieten natürlich überlegen«, antwortete Meyer und erhob sich. »Sagen wir drei Tage?«
Als der Hofschuhmacher gegangen war, kam Ellen langsam hin und legte den Arm auf Pelles Schulter. »Was für ein kluger und tüchtiger Mann du doch bist«, sagte sie leise und spielte mit seinem Haar – in ihrem Wesen lag etwas, das einer Abbitte glich. Das Anerbieten erwähnte sie mit keinem Wort, sondern fing an, bei ihrer Arbeit zu trällern. Es war lange her, daß Pelle sie hatte singen hören; und der Gesang war ihm eine lichte Versicherung dafür, daß er diesmal siegen würde.