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Wenn Pelle des Abends todmüde auf dem Heimweg war, verließ ihn das Gefühl der Unbezwingbarkeit, und dann wandten seine Gedanken sich Ellen zu.
Am Tage gab es weder Schwanken noch Unsicherheit bei ihm. Wenn er auftrat und eingriff, geschah es immer mit den Tausenden der Menge im Rücken. Er fühlte das große Arbeiterheer hinter sich, wenn er offen zuschlug, oder zugeknöpft dastand, um mit den Führern der Gegner zu verhandeln. Aber wenn er zu Ellen kam, hatte er nichts als sich allein, auf den er sich stützen konnte. Und um sie herum konnte er nicht kommen. Wie mächtig es ihn da draußen auch dahintrug, beständig hielt sie das Geheimnis seines Lebens in den Händen. Sie war stark und ließ sich nicht beiseitefegen. Er mußte über ihr Wesen nachgrübeln und sehen, eine Lösung zu finden.
Pelle hatte in unzähligen Familien zu tun, und was er sah, war nicht allemal erbaulich. Das Heim war ein Begriff, der erst anfing, aus dem Mittelstand herunterzudringen. Selbst in normalen Arbeitsperioden verdienten die wenigsten genug, um Familientraulichkeit damit zu beschaffen, und die Frauen verstanden sich auch nicht darauf. Der Mann konnte nett und gut gekleidet sein, wenn man ihn auswärts traf. Kam man dann aber nach Hause, so wiederholte sich immer dasselbe: ein dunkles, schmutziges Nest und eine verbrauchte Frau, die umherging und zwischen einer Schar Kinder murrte. Der Verdienst gestattete nur einem, ordentlich zu leben. Der Mann vertrat die Häuslichkeit nach außen hin. Er mußte belegtes Butterbrot mit auf den Arbeitsplatz haben, und etwas Ordentliches mußte auch für ihn da sein, wenn er nach Hause kam. Die anderen schlugen sich mit ein wenig Kaffee und Brot durch: von gemütlichen Familienmahlzeiten konnte keine Rede sein. Kleider mußte er auch haben, er war die Fassade, er trug das Ganze. Weiteres Verständnis war in diesen Frauen nicht vorhanden, sie sahen nur, was auf der Hand lag – die Arbeitslosigkeit und die Mängel daheim, und trieben den Mann durch ihr mürrisches Wesen aus dem Hause, wenn er sich zeigte: »Du mischst dich da in alles mögliche hinein, was uns gar nichts angeht – Politik und große Worte –, statt deine gute Arbeit zu tun und die Dummen sich streiten zu lassen.« Die Folge davon war, daß sie ihre Arbeit für die Organisation in den Wirtshäusern verrichteten. Mehrere von ihnen waren Vertrauensmänner, und Pelle traf dort zu Verhandlungen mit ihnen zusammen. Sie waren mißmutig, wenn sie kamen, und mußten erst aufgetaut werden.
Auch ihnen kam Pelle mit seiner lichten Hoffnung entgegen. Wenn sie in ihrem Mißmut klagten, gab er ihnen große Anweisungen auf die Zukunft: »Unsere Frauen werden uns schon recht geben. Der Tag wird bald kommen, wo wir mit einem ordentlichen Wochenlohn nach Hause kommen können, der für alle daheim ausreicht.«
»Und wenn es nun nicht geschieht?« konnten sie wohl sagen.
»Es wird geschehen – wenn wir nur ausharren!« rief er und schlug auf den Tisch.
Ja, er konnte wohl alles licht ansehen. Er hatte ja eine Frau aus einem alten Heim, die ihm das Haus rein und gemütlich hielt und es verstand, aus wenig viel zu machen, die Tochter eines alten Fachvereinsmitglieds, die mitten in der Bewegung aufgewachsen war – eine Frau, die mit klugen Augen die Unternehmungen ihres Mannes betrachtete – ja, er konnte wohl lachen. Zu dem letzten mußte Pelle schweigen.
In diesem Punkte hatte sie die Erbschaft und die Lehre nicht angenommen, sondern war die, die sie war, und würde nie anders werden, was auch über ihren Kopf hingehen mochte. Pelle opferte Frau und Kinder einer fixen Idee, um einige gleichgültige Kameraden nicht im Stich zu lassen! Das mit dem Streik und der harten Verdammung derer, die nicht Schritt halten konnten, war und blieb für sie Wirtshausfaselei; etwas was die Arbeiter sich in ihre Köpfe hineingeredet hatten, wenn sie nicht mehr ganz nüchtern waren.
So war es, und es erfüllte ihr Wesen mit gekränktem Schmerz, sich und die Ihren zugunsten von Leuten, die ihn gar nichts angingen, zurückgesetzt zu sehen – ein Schmerz, der sie schön machte und ihren Ansichten recht gab.
Sie klagte nicht mit Worten und sorgte immer dafür, ihm vorzusetzen, was das Haus vermochte. Immer traf er alles in Ordnung, und er begriff, welche Anstrengungen es sie kosten mußte – bei den wenigen Mitteln, die sie zur Verfügung hatte. Es gab keinen Angriffspunkt bei ihr, und das machte den Zustand noch drückender; er konnte zu keinem Ausbruch gelangen, konnte keine Luft bekommen; es war unmöglich, sich mit ihr zu zanken und dann wieder gut Freund zu werden.
Oft wünschte er, daß Ellen nachlässig werden möchte, wie so viele andere. Aber sie hielt sich stramm; je mehr seine Angelegenheiten sich so gestalteten, daß sie ihn verdammen mußte, um so korrekter wurde sie selbst.
Wenn er sich noch ihr mangelndes Verständnis damit hätte erklären können, daß sie unfruchtbar und selbstsüchtig war. Einfach und unzusammengesetzt war sie in seinen Augen immer gewesen, und doch war ihr Wesen ihm beständig ein Rätsel! Sie war nicht übertrieben mildtätig und mitfühlend anderen gegenüber – das war wahr; aber sie forderte auch nichts für ihren eigenen Mund, für ihn und die Kinder dachte sie alle ihre Gedanken. Er mußte zugeben, daß sie alles rücksichtslos für ihn geopfert hatte – das Heim, die ganze Welt, und daß sie ein Recht hatte, etwas dafür wieder zu fordern.
Auch war sie unverändert die gleiche. Was sie selbst anbetraf, war ihr gleichgültig, wenn nur er und die Kinder etwas hatten, das genügte ihr; sie brauchte selbst so wenig, schien davon satt zu werden, wenn sie sie essen sah. Pelle mußte sich oft darüber wundern, daß sie ihr gesundes Aussehen bewahrte, obwohl die Nahrung, die sie zu sich nahm, so schlecht war. Sie konnte sich ja vielleicht im geheimen pflegen, aber den Gedanken verjagte er beschämt wieder. Es war ihr immer so völlig gleichgültig gewesen, was sie aß; sie achtete nicht darauf, woraus es bestand, sondern tischte ihm und den Kindern das Beste auf – namentlich ihm – und schien dabei zu gedeihen. Ja, noch immer tischte sie wirklich für ihn auf! Es war, als erfülle sie ein tiefes Gesetz, unabhängig von ihrem Verhältnis zueinander! Hier konnte auch nichts ihr Wesen verändern. Sie konnte einer schönen großen Hündin gleichen, die dasitzt und aufmerksam auf den Appetit der Jungen achtgibt; niemand kann aus ihrer überlegenen Ruhe erkennen, daß ihre eigenen Gedärme vom Hunger zerrissen werden. Wenn sie etwas nachließen, so nötigte sie sie. »Ich habe gegessen«, sagte sie, so ruhig, daß es ihr in der Regel gelang, sie zu täuschen. Ach, es war zum Verzweifelst, daran zu denken, noch unerträglicher, je tiefer er in die Sache hineindrang. Sie opferte sich für ihn, und mußte sein Tun und Treiben verdammen! Dem Hunger verstand sie zu trotzen, weit besser als er – und begriff nicht, warum sie hungern mußten!
Aus all diesen schmerzlichen Erwägungen stieg sie immer stärker hervor, stärker und unfaßlicher, schön in all ihrer Eigenheit. Und er eilte nach Hause, voll brennender Sehnsucht und Hingebung, beständig in der Hoffnung, daß sie ihm diesmal entgegenkommen würde, glühend vor Liebe, um voller Verschämtheit ihre Augen an seiner Schulter zu bergen. Die Enttäuschung stürzte ihn noch heftiger in den Kampf hinein; das Sehnen des Herzens nach einer weichen, sorglosen Hand machte seine eigene hart.
Immer wieder bemühte er sich, Auswege zu finden, wie er Geld schaffen könne. Da es aber von vornherein keine Auswege gab, und er von dem Kampf stark in Anspruch genommen war, beschäftigten sich seine Gedanken schließlich nicht mehr damit. Es saß da drinnen hinter seinem Bewußtsein wie ein wollüstiger Wunsch, der nur das tägliche Dasein färbte; es war, als habe irgend etwas in seiner Seele sein Zeichentalent in Besitz genommen, er saß da und zeichnete schönes Papiergeld und schob es ihm in der Phantasie hin.
Eines Tages, als er nach Hause kam, saß die Witwe Rasmussen da und hütete die Kinder, während sie Flickenschuhe nähte; Trunkenwalde war wieder von ihr geflogen, hinaus in den Frühling! Ellen war auf Arbeit gegangen. Es durchzuckte ihn wie ein Stich. Die Art und Weise, wie sie es getan hatte, ohne erst ein Wort zu sagen, wirkte auf ihn wie ein Schlag ins Gesicht, und im ersten Augenblick wurde er wütend. Aber Hinterlist war seiner Natur fremd! Er mußte erkennen, daß sie in ihrem Recht war; und damit war der Zorn verduftet, zurück blieb eine verzweifelte Stimmung, etwas in ihm schwankte – dies war denn doch die umgekehrte Welt. »Ich muß wohl lieber zu Hause bleiben und die Kinder hüten«, dachte er bitter.
»Ich will jetzt schon bei den Kindern bleiben, Frau Rasmussen!« sagte er. Die Frau packte ihre Arbeit zusammen.
»Ja, die haben viel vor«, sagte sie und blieb an der Tür stehen. »Ich verstehe mich ja nicht darauf, was es ist; aber man immer drauflos! Das is nu mal mein Wahlspruch. Denn schlimmer als es is, kann es nie werden. ›Witwe‹ – es hat sich was! Wir wollen uns man bloß nich anstellen! Ein Mann kann sich ja kaum noch selbst versorgen, geschweige denn eine Familie in dieser verdammten Welt – und um Kinder zu kriegen, braucht man nicht Frau zu heißen. – Hier hab' ich mich nu mein ganzes Leben abgerackert, mich um Glück und Gesundheit gebracht, und wenn ich noch mit all mein Schuften so viel verdient hätt', wie die Lumpen kosten, die ich dabei verschleiß? Nee, die hab' ich mir noch hübsch bei den Herrschaften betteln müssen, für die ich wasch'. Ja, die Haut ziehen sie einem über die Ohren, das hat Madam Rasmussen sich selbst ausprobiert. Und darum sag' ich, man immer drauflos! Heut kommt der Junge nach Haus: Mutier, nu haben sie wieder einen Öre auf zwei Dutzend Brennholz aufgeschlagen. Was geht das uns an, Jung, können wir vielleicht zwei Dutzend auf einmal kaufen? sag' ich. Ja, aber Mutter, denn kostet das eine Dutzend einen Öre mehr! Und die Eier, die kosten die Stiege eine Krone zwanzig, da, wo die Wohlhabenden kaufen, aber hier! – Nee, meine liebe Madam, wenn Sie zwei Eier nehmen, dann kriegen Sie sie für fünfzehn Öre. Das macht denn acht Öre für ein Ei, denn man muß ja das kleinste Maß nehmen, die Einnahmen sind nu ja mal nicht danach. Es ist hart, arm zu sein. Wenn es doch nie bester wird, denn kann der Teufel den holen, der das Ganze geschaffen hat! – Das war ein Fluch, der sich gewaschen hat!«
Pelle saß da und spielte mit Klein-Lasse. Frau Rasmussens Worte hatten etwas in ihm wieder wachgerufen. Das war die ewige Klage, die ewige Klage. Jedesmal, wenn sie ertönte, wurde die Welt des armen Mannes noch deutlicher in ihren Grundfesten für ihn sichtbar – der doch das Ganze kennen sollte! Es war ein entsetzlicher Abgrund, in den er hinabsah, grundlos; niemals schien man bis auf den Boden hinabzugelangen, und er hatte recht, er hatte recht!
Er saß da und zeichnete sorglos dem Knaben etwas auf ein Stück Papier und dachte an ganz andere Dinge; unwillkürlich nahm die Zeichnung Form von innen her an. »Das ist ja Geld, das ist ja Geld!« rief Klein-Lasse aus und klatschte in die Hände. Erwachend betrachtete Pelle seine Zeichnung. – Ja, freilich, das waren die groben Züge eines Zehnkronenscheins. Es schmeichelte seinem Vaterherzen, daß der Junge es erkannt hatte; ihn wandelte die Lust an, zu sehen, wie ähnlich es sei. Aber wo in aller Welt sollte er einen Blauen hernehmen? Pelle, der in dieser Zeit Einsammlung und Verteilung von Millionen besorgte, besaß auch nicht zehn Kronen. Die Pfeife! Die Pfeife! Daher hatte ja der Junge seine Vorstellung. Seine alte Weihnachtspfeife trug drolligerweise einen Zehnkronenschein auf dem Kopf – das war fast wie ein Gedanke! Er holte sie hervor und verglich; es war lange nicht daraus geraucht worden dazu hatte es nicht gereicht. Eifrig setzte er sich hin, um die Zeichnung auszufüllen, während Klein-Lasse dastand und sich über das Hüpfen des Bleistifts amüsierte. »Vater ist klug, Vater kann!« sagte er und wollte Schwester wecken, damit sie auch an dem Spiel teilnehme.
Nein, es wollte nicht gut werden! Das Bild mußte in Holz geschnitten und mit Farbe gedruckt werden, damit die Ähnlichkeit zum Vorschein kam. Aber dann kam Ellen nach Hause, und er versteckte es.
»Willst du es nicht nachlassen, auf Arbeit zu gehen?« fragte er. »Ich will schon das Notwendigste schaffen.«
»Warum?« entgegnete sie verschlossen; »ich bin doch wohl nicht zu gut, um was zu tun!« Es war kein Klang in ihrer Stimme, aus dem man hätte etwas herauslocken können; so begab er sich denn zu der Versammlung.
Jetzt, wo Ellen außer Hause arbeitete, lief er, so oft er nur Zeit hatte, hin, um sich nach den Kindern umzusehen. Er hatte sich ein Stück hartes Holz verschafft und einen Zehnkronenschein. Mit großer Sorgfalt übertrug er die Zeichnung auf das Holz und fing dann an, sie auszuschneiden, während er dasaß und mit den Kindern plauderte. Die Beschäftigung legte neue Seiten in ihm mit Beschlag; sie nahm seinen Sinn als eine künstlerische Aufgabe gefangen, die hinter allem lag und auf eigene Hand hinter ihm arbeitete, auch wenn er aus war. Die Arbeit erfüllte sein Gemüt mit einer eigenen Schönheit, solange sie anhielt. Eine warme und glückgesättigte Welt stieg aus diesem Zehnkronenscheingesicht empor, das immer deutlicher aus der Dunkelheit herausglitt und alle Entbehrungen beiseite stieß. Wenn Pelle bei der Arbeit saß, schwang sich seine Seele aus all dem Drückenden empor, als sei er berauscht, es existierte gar nicht mehr für ihn. Er wurde auch Optimist und machte Ellen in Gedanken reiche Versprechungen.
Alles war im Grunde so einfach, es war nur ein Mißverständnis – nichts weiter! Er mußte mit ihr reden, und sie würde sofort einsehen, welchem glücklichen Dasein sie entgegengingen – wenn sie nur ausharrten. Das Schweigen hatte sie mit Groll erfüllt. Das Glück, das Glück! das war jetzt näher denn je, größer und herrlicher als die anderen Male, als es angepocht hatte! Warum – das wußte er nicht, machte es sich auch nicht klar!
Wenn er dann aber ihren Schritt auf der Treppe hörte, verblaßten die Träume. Er erwachte und versteckte seine Beschäftigung, beschämt bei dem Gedanken, daß sie von der Arbeit nach Hause kommen und ihn beim Spiel ertappen sollte.
Zuweilen drückte ihn das Gefühl des Unüberbrückbaren in seinem Verhältnis zu Ellen nieder. Er konnte sich den Widerspruch nicht erklären, in dem beständigen Hinaussehnen nach größeren und stärkeren Verhältnissen, von Sieg zu Triumph von der Ohnmacht daheim, wo sein Glück rückwärts ging. Er ermüdete, darüber nachzugrübeln, und ihn wandelte die Lust an, gleichgültig gegen das Ganze zu werden. Neigung, dem Trunk zu verfallen, hatte er nicht, aber trotzdem verfiel etwas in ihm: eine gewisse Gleichgültigkeit seiner eigenen Wohlfahrt gegenüber fraß sich auflösend in ihn hinein und veranlaßte ihn, sich weit vorzuwagen, einerlei, ob er Dummheiten machte, die ihm schadeten. Aber dann schrie es laut in ihm, namentlich wenn er den bitteren Äußerungen der Not gegenüberstand. »Das ist mein altes Leiden«, dachte er und wurde aufmerksam. In der Kindheit war es eine Art Schlaganfall, jetzt war es zu einer Stimme geworden.