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VIII

Pelle las nicht mehr und ging auch nicht mehr in die Bibliothek, er hatte genug zu tun, um die Sache im Gange zu halten. Jetzt konnte auch keine Rede mehr davon sein, eine Stellung zu suchen; der Winter stand vor der Tür, das Heer der Arbeitslosen wuchs mit jedem Tage. Er hielt sich zu Hause, arbeitete, wenn er Arbeit hatte, und gab sonst, wenn Ellen wusch, acht auf die Kinder. Mit Lasse Frederik redete er wie mit einem Kameraden, aber es war auch ergötzlich, sich mit den Kleinen abzugeben. Sie waren dankbar dafür, und er entdeckte, daß er hier viel zugute hatte. Svend Trost liebte er jetzt sehr, es quälte ihn nur, daß der Junge noch nicht sprechen konnte. Seine Stummheit war beständig wie eine stille Anklage.

»Warum holst du dir keine Bücher mehr?« konnte Ellen fragen, wenn sie aus dem Waschkeller heraufkam, um sich nach ihnen umzusehen, mit bloßen Armen und feinen Tropfen im Haar von dem Dampf da unten. »Du hast ja jetzt Zeit dazu!«

Nein, was sollte er mit den Büchern? Sie erweiterten vielleicht seinen Horizont ein wenig, aber das, was dahinter lag, wurde wieder um so viele Male größer – er selbst wurde nur kleiner vom Lesen. Einen beruhigenden Überblick zu gewinnen, war ihm auf alle Fälle nicht möglich; die Welt ging ihren eigenen schiefen Gang aller Weisheit zuwider. Es war ein saures Glück, Weisheit über Dinge einzusammeln, denen man nicht abhelfen konnte; arme Leute sollten am liebsten abgestumpft sein.

Er und Morten hatten eben der alten Frau Johnsen das Geleite zum Grabe gegeben – es war ihr nicht mehr vergönnt gewesen, Jütland wiederzusehen! Aus einem ganzen arbeitsvollen Leben waren nicht zehn Kronen Überschuß geblieben zu einer Fahrkarte in die Heimat; und die Züge gingen tagaus tagein mit hunderten von leeren Plätzen. Mit eisiger Pünktlichkeit wirbelten sie auf den Glockenschlag dahin, von Station zu Station, Gott weiß, mit wie vielen tausend leeren Plätzen die Züge nach Jütland gelaufen waren während der Jahre, die die Alte dasaß und sich vor Heimweh grämte? Und wäre sie nach dem Bahnhof gehumpelt und in den Zug gestiegen, so würden pünktliche Hände sie schonungslos auf der ersten Station herausgesetzt haben. Was ging Jütland sie an? Freilich, sie hatte Heimweh – aber sie hatte ja kein Geld!

War das Bosheit oder herzlose Gleichgültigkeit? Einen teuflischeren Sport konnte man sich auf alle Fälle nicht ersinnen als dies Fahren mit leeren Plätzen. Sie machten die Fahrt so grauenvoll lebend – als sei der Teufel selbst vorgespannt und schleppe sie keuchend vor Übermut durch das Land dahin, wohin sich die Leute sehnten! Ein entsetzliches Los, Schaffner zu sein und die Namen der Stationen nach diesen Plätzen für die verhängnisvoll Zurückbleibenden hineinzurufen!

Und hier ging Schwester bleich und dünn in der Stube herum! Da war keine rechte Kraft in ihrem blonden Haar, und wenn sie eifrig wurde, pfiff es in ihrer Luftröhre mit diesem qualvollen Laut, der so gut wie unzertrennbar von den Kindern des Armenviertels ist. Das war die verdorbene Luft der Hinterhöfe, die jetzt beständig mitredete – verstimmend wie fast alles, was seine Erkenntnis ihm zuführte. Ihr fehlte nur Sonne – und den ganzen Sommer hatte die liebe Sonne in übermäßiger Freigebigkeit ihr Licht und ihre Wärme verschwendet; nur daß sie über die Köpfe der armen Leute hinwegging – wie so vieles andere. Es war ein ungewöhnliches Erdbeerjahr gewesen; aber die großen Gärtner hatten sich dahin geeinigt, die Hälfte der Früchte sitzen und an den Pflanzen verfaulen zu lassen – um die hohen Preise zu halten und das Geld für das Pflücken zu sparen. Und hier gingen die Kinder und hungerten nach Obst, verschmachteten, weil sie keinen Teil daran hatten! – Warum? ja, eine menschliche Antwort gab es nicht.

Und wieder – überall dasselbe! Jedesmal, wenn sein Gedanke auf irgendeine Gesellschaftseinrichtung stieß, offenbarte sich dasselbe Trübselige; ein ungeheures, rollendes Material, das nur auf einige wenige berechnet war und im wesentlichen leer dahinlief. Aber von den leeren Plätzen starrten anklagende Augen einen an, krank und traurig vor Hunger und Sehnsucht nach getäuschter Hoffnung. Hatte man sie erst einmal gesehen, so konnte man den Blick vor ihnen nicht wieder schließen.

Zuweilen überschlug sich seine Phantasie, und er ertappte sich dabei, daß er dasaß und baute: Reiche, in denen man die Eisenbahn je nach Bedarf und nicht nach dem Geldbeutel benutzte, in denen alle, die hungrig waren, die Speisen verzehrten, und die einzigen Armen die waren, die anderen nichts gönnten. Aber er bremste sogleich hart – das war zu unsinnig! Eine Stimme aus dem Unsichtbaren hatte ihn und die Seinen in den Tag hinausgerufen – und dann geschah da nichts! Es war nur, um sie zu foppen.

Brun kam oft zu ihm in den Keller und sah sich nach ihm um, der alte Bibliothekar entbehrte seinen jungen Freund.

»Warum kommen Sie nie mehr zu uns?« sagte er.

»Was soll ich da?« erwiderte Pelle kurz angebunden. »Ein armer Mann hat keine Verwendung für Kenntnisse – er ist ewig verdammt.«

Er hatte mit alle dem gebrochen und machte sich auch nichts mehr aus den Besuchen des Bibliothekars; es war am besten, daß sich jeder für sich hielt, die Großen waren ja doch keine Gesellschaft für einen wie er. Er gab sich keine Mühe, das zu verbergen. Aber Brun tat, als merke er es nicht; er war im Herbst in die Frederiksberger Allee hinausgezogen und sah fast jeden Nachmittag auf seinem Heimwege von der Bibliothek ein. Die Kinder gaben acht, daß sie um die Zeit unten im Keller waren, er brachte immer etwas für sie mit.

Weder Pelle noch Ellen stellten mehr große Ansprüche an das Dasein. Sie hatten sich beruhigt und gingen resigniert Seite an Seite wie ein Paar Arbeitspferde, die gewohnt sind, die Krippe und die Mühseligkeiten zu teilen. Jetzt wäre es eine große Sache gewesen, wenn man mit dem verfluchten Darlehn fertig gewesen wäre, so daß man nicht beständig um sein Leben zu zittern brauchte, aber selbst das war eine zu unsinnige Forderung. Alles, was man zusammenschaben und -kratzen konnte, wanderte jeden Monat zu dem Wucherer, und gleich weit war man. Von den 180 Kronen, die Pelle bekommen hatte, waren jetzt alles in allem 120 abgezahlt, und trotzdem schuldeten sie noch immer 240. Das waren die Strafzinsen, die jedesmal, wenn sie nur einen oder zwei Tage zu spät mit den Abbezahlungen kamen, hinzugeschrieben wurden – oder der Kuckuck mochte wissen, was es eigentlich war! – Eine Schraube ohne Ende war es auf alle Fälle, die ihr ganzes Leben alles was sie beschaffen konnten in die Tasche des Wucherers pumpen würde.

Aber nun sagte Pelle stopp. Er hatte die letzten Zahlungstermine nicht innegehalten und wollte auch nicht mehr abzahlen, mochte es gehen, wie es wollte. »Du solltest Herrn Brun um ein Darlehn bitten und den Wucherer bezahlen,« sagte Ellen – »sonst fällt er nur über uns her und nimmt uns unsere letzten Habseligkeiten.« Aber Pelle war eigensinnig und wollte kein vernünftiges Wort hören. Das Bewußtsein, daß sich ein Schmarotzer gemütlich auf ihm zurechtgesetzt hatte und ihn aussog, trotz all seines Widerstandes, brachte ihn außer sich. Sie sollten es nur versuchen, an seinem Heim zu rühren!

Als der Wucherer kam, um seine Abzahlung zu holen, warf er ihn zur Tür hinaus. Sonst nahm er alles mit ergebener Ruhe hin, aber sobald die Rede hierauf kam, fuhr er auf und wußte nicht, was er sagte. Ellen mußte schweigen und der Sache ihren Lauf lassen.

Eines Nachmittags saß er auf seinem Platz unter dem Kellerfenster und arbeitete. Der Bibliothekar saß auf dem Stuhl neben der Tür, auf jedem Knie eins der Kinder, die er mit Datteln fütterte. Pelle hielt sich für sich und beugte sich nur stumm über seine Arbeit, mit dem Ausdruck eines Geisteskranken, der bange ist, daß ihn jemand anredet: seine Arbeit hatte nicht die gewohnte Fahrt und wollte nicht recht von der Stelle, es war ein verstörter Ton da hineingekommen; wenn er ein Stück Werkzeug nicht gleich finden konnte, so ward er heftig und schmiß mit den Sachen herum.

Brun saß da und beobachtete ihn besorgt, gab sich aber den Anschein, als sei er von den Kindern in Anspruch genommen, eine bedauernde Miene würde bei Pelle eine Explosion hervorgerufen haben. Er erriet, daß es schlecht mit den Geldangelegenheiten stehe, wagte aber nicht, seine Hilfe anzubieten; jedesmal, wenn er versuchte, eine Unterhaltung anzuknüpfen, wies ihn Pelle mit einem schneidigen Ausdruck zurück, der sagte: Du schnüffelst hier bloß herum, um eine Gelegenheit zu finden, mir dein Geld zuzustecken; aber daraus wird nichts! – Irgend etwas war eingeschnappt, aber das würde schon wieder in Ordnung kommen.

Vor der Tür hielt eine Droschke, drei Männer stiegen heraus und begaben sich in das Haus. Nach einer Weile kam Ellen in die Werkstatt hineingestürzt. »Pelle, sie sind hier, um unsere Sachen abzuholen!« rief sie weinend, ohne auf Brun zu achten. Die Kinder stimmten ein Gebrüll an, als sie die Mutter weinen sahen.

Pelle stand auf und griff nach dem Hammer. »Die will ich bald hinausjagen!« sagte er mit leiser, verbissener Stimme und ging auf die Tür zu. Er übereilte sich nicht, ging mit gesenkter Stirn und sah keinen Menschen an.

Brun packte ihn hart beim Arm und hielt ihn zurück.

»Sie vergessen, daß es etwas gibt, das Zuchthaus heißt!« sagte er mit einer besonderen Betonung.

Pelle sah ihn überrascht an – einen Augenblick hatte es fast den Anschein, als wenn er den alten Bibliothekar totschlagen wollte. Dann entfiel der Hammer seiner Hand, und er brach zusammen.


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