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XIX

Die Sonne hielt tapfer aus in diesem Jahr. Ganz bis in den Dezember hinein hingen noch Überreste vom Sommer her in der Luft. Jedesmal, wenn das schlechte Wetter kam, sagte Ellen: »Aber jetzt kriegen wir doch sicher Winter!« Aber die Sonne schlug ihn noch einmal aus dem Felde, sie ging ganz niedrig im Süden unter und guckte in die ganze Stube hinein, als wolle sie alle Bilder zählen.

Die große gelbe Gloire de Dijon fuhr fort zu blühen, jeden Tag kam Ellen mit einem großen schweren Strauß aus Rosen und blutfarbigem Laub nach Hause. Sie ging selber schwer, die frische Kälte biß sie in die Nase, die immer spitzer wurde – und färbte die Wangen rot. Eines Tages kam sie und hielt Pelle einen großen Strauß hin. »Wieviel Geld bekomme ich, um Weihnachten dafür zu feiern?« fragte sie.

Ja, wahrhaftig, das Jahr war bald herum!

Nach Neujahr wurde es allen Ernstes Winter. Er kam mit viel Schnee und Kälte und machte es zu einer beschwerlichen Sache, die Verbindung mit der Außenwelt aufrechtzuerhalten – um so enger schloß man sich innerhalb der vier Wände aneinander an. Anna war jetzt eigentlich schulpflichtig, aber sie litt sehr unter der Kälte und war überhaupt nicht sehr stark; Pelle und Ellen wagten nicht, sie den langen Wattouren durch den Schnee auszusetzen, und unterrichteten sie selbst.

Ellen war ein wenig träge im Gehen geworden und kam jetzt selten in die Stadt; die beiden Männer besorgten des Abends auf dem Heimwege die Einkäufe. Es war eine tote Zeit; man arbeitete nicht bei Licht, so daß sie früh nach Hause kamen. Ellen hatte das Mittagessen auf fünf Uhr angesetzt, so daß sie alle zusammen essen konnten. Nach Tische ging Herr Brun in der Regel hinauf, um noch einige Stunden zu arbeiten. Er war eifrig damit beschäftigt, Pläne zur Bebauung des Hügelhofgrundstücks auszuarbeiten und gönnte sich keine Ruhe. Pelles Ideenreichtum und seine Energie wirkten ansteckend auf ihn, so daß die Pläne wuchsen und einen immer größeren Umfang annahmen; er nahm keine Rücksicht auf seinen zarten Körper, sondern stand früh auf und mühte sich den ganzen Tag mit Genossenschaftsangelegenheiten ab. Es war, als wolle er mit Pelles Jugend wetteifern, als schwebe er in beständiger Angst, daß irgend etwas hinterrücks kommen und das Ganze unterbrechen könne.

Die ganze übrige Familie versammelte sich um die Lampe, ein jeder mit dem Seinen beschäftigt. Svend Trosts Spieltisch war aufgeklappt, und er saß da und hämmerte unverdrossen mit seiner kleinen hölzernen Keule auf einem Stück Zeug herum, das Ellen hingelegt hatte, damit er keine Stellen in den Tisch schlagen sollte. Er war ein solider Bursche, das Fett an den Ärmchen bildete Kringel bis über die kleinen Hände hinaus; die Runzeln in der Stirn standen ihm so drollig, wenn man nicht gerade daran dachte, daß er seiner Mutter das Leben gekostet hatte. Es sah so aus, als wisse er das selbst, so ernsthaft war er. Er durfte noch ein wenig aufbleiben, um mit ihnen im Kreis zu sitzen, um sechs Uhr kam er zu Bett.

Lasse Frederik zeichnete gern, wenn er mit seinen Schularbeiten fertig war. Er hatte Anlage dafür, und Pelle sah staunend sein eigenes Talent, das ihm nie etwas anderes als Zuchthaus eingebracht hatte, bei dem Jungen in verbesserter Gestalt wiedererstehen. Er lehrte ihn das Verfahren und nahm selbst nach langer Zeit wieder einen Bleistift zur Hand. Aber seine eigentliche Beschäftigung bestand darin, die Kleine zu unterrichten und ihr von alle dem zu erzählen, was sich ereignen konnte. Schwester hörte namentlich gern von Tieren, und Pelle hatte einen Reichtum an Erinnerungen aus seiner Kuhhirtenzeit, aus der er schöpfen konnte.

»Haben die Tiere wirklich Verstand?« fragte Ellen verwundert. »Du glaubst wirklich, daß sie über die Dinge nachdenken, genau so wie wir?«

Für Schwester war das nichts Neues, sie sprach jeden Tag mit den Hühnern und Kaninchen und wußte sehr gut, wie klug sie waren.

»Können die Blumen denn auch denken?« fragte Lasse Frederik. Er war gerade im Begriff eine Blume nach dem Gedächtnis zu zeichnen, und sie bekam beständig Ähnlichkeit mit einem Gesicht – daher die Frage.

Pelle meinte, daß es wohl möglich sei.

»Aber Pelle,« sagte Ellen, »jetzt gehst du wirklich zu weit. Denken ist etwas, was nur wir Menschen können.«

»Auf alle Fälle können sie fühlen, und das ist doch gewissermaßen auch denken – freilich nur mit dem Herzen. Sie merken es gleich, ob man sie gern hat; ist das nicht der Fall, so gedeihen sie auch nicht.«

»Ja, das glaube ich gern, denn wer sie liebhat, pflegt sie auch gut«, fuhr Ellen unverbesserlich fort.

»Das kann man doch nicht so als Tatsache hinstellen«, entgegnete Pelle und sah sie neckend an. »Du hast die fleißige Lise sehr lieb, aber ein Gärtner würde sicher behaupten, daß du sie wie einen Kohlstrunk behandelst. Und sieh doch, wie fleißig sie trotzdem blüht! Die Blumen erwidern freundliche Gedanken mit Dankbarkeit, und das ist doch eine hübsche Art und Weise zu denken. Der Verstand ist vielleicht gar nicht so viel wert, wie wir Menschen uns einbilden – du denkst ja selbst mit dem Herzen, Mütterchen.« Das war sein Schmeichelname für sie in dieser Zeit, wo sie das Kind erwartete.

Nach einer solchen Unterbrechung fuhren die beiden fort. Pelle mußte Schwester von allen den Tieren im Abcbuch erzählen, von der nützlichen Kuh und von dem Hasen, der den Tau vom Klee ableckte und gerade vor der Nase des Hirtenjungen aufsprang. Im Winter kam er in den Garten hinein, nagte die Rinde von den jungen Bäumen und fraß dem Bauer seinen Kohl auf. »Ja, das unterschreibe ich«, stimmte Ellen zu, und dann lachten sie alle, denn Lampe hatte ihr gerade all ihren Grünkohl verputzt.

Dann schweifte die Kleine plötzlich ab und fragte, ob Kopenhagen immer, immer da gewesen sei! Pelle wußte einen Augenblick nicht aus noch ein, grub dann aber infolge einer glücklichen Eingebung Bischof Absalon aus der Erinnerung hervor. Er benutzte die Gelegenheit, um zu erzählen, daß in der Hauptstadt eine halbe Million Menschen wohne.

»Hast du sie gezählt, Vater?« unterbrach ihn das Kind ganz verdutzt und packte ihn beim Ärmel.

»Ach, das kannst du doch wohl begreifen, daß Vater das nicht getan hat, du kleines Schaf!« sagte Lasse Frederik. »Es könnt' ja währenddem einer geboren werden!«

Und dann war man wieder beim Hahn angelangt, der das Buch einleitete und abschloß. Er stand ganz übermütig da und schlief nie; ein eingebildeter Kauz war er, aber wenn Schwester fleißig war, legte er einen Ör zwischen die Blätter. Aber die Hühner legten Eier, und es zeigte sich, daß es mit ihnen ebenso ging wie mit den Blumen. War man gut Freund mit ihnen und behandelte sie als zur Familie gehörig, so legten sie fleißig, machte man aber einen Musterhof für sie und behandelte sie nach allen Regeln der Kunst, so verdienten sie nicht einmal ihr Futter. Bei Onkel Kalle hatten sie ein Huhn, das in der Stube zwischen allen den Gören herumlief, und das legte sein Ei den ganzen Winter lang tagtäglich unter das Bett, wenn auch kein anderes Huhn mehr legte. Dann kaufte der Besitzer von Steinhof es, um damit Zucht zu treiben; er gab zwanzig Kronen dafür und glaubte, er hätte eine Goldgrube erworben. Aber kaum war es nach Steinhof gekommen, als es auch schon aufhörte, Wintereier zu legen. – Denn da gehörte es nicht mit zur Familie, sondern war ein Huhn, an dem man verdienen wollte.

»Mutters fleißige Lise blüht den ganzen Winter«, sagte Schwester und sah gerührt nach der Blume hinüber.

»Ja, das kommt daher, weil sie sieht, daß wir alle so fleißig sind«, erwiderte Lasse Frederik mit einem Schelm im Gesicht.

»Willst du dich wohl schicken, du Strolch!« Pelle langte nach ihm aus.

Ellen saß da und strickte an einem Paar winzig kleiner Strümpfchen. Ihr Blick verweilte bald bei dem einen, bald bei dem anderen; sie lächelte nachsichtig zu ihrem Geplauder. Sie waren doch alle miteinander große Kinder!

»Mutter, kann ich die nicht für meine Puppe kriegen?« fragte Anna und nahm die fertigen Strümpfe.

»Nein, die soll die kleine Schwester haben, wenn sie kommt.«

»Vorausgesetzt, daß es 'ne Dirn wird!« sagte Lasse Frederik nüchtern.

»Wann kommt denn die kleine Schwester?«

»Im Frühling, wenn der Storch wieder auf den Hof zurückkehrt; dann bringt er sie mit.«

»Ach was, der Storch!« Lasse Frederik machte eine verächtliche Miene. »Das ist ein schöner Blödsinn!«

Schwester war auch klüger, als man denken sollte – wenn das Wetter gut war, holte sie die Milch vom Hof.

»Ach, ich weiß recht gut, daß ich in dir gelegen habe – Mutter! Darum hab' ich dich doch so lieb«, sagte sie und bohrte den Kopf in den Schoß der Mutter.

»Jetzt mußt du zu Bett, mein Herz«, sagte Ellen und stand auf. »Ich kann merken, daß du müde bist.«

Als sie das Kind zu Bett gebracht hatte, kam sie herein und setzte sich wieder hin, um zu stricken.

»Jetzt finde ich, solltest du für heute Feierabend machen«, sagte Pelle.

»Dann werde ich nicht mehr fertig«, sagte Ellen und ließ die Stricknadeln noch fleißiger raffeln.

»Schicke es zu einer Maschinenstrickerin – du verdienst ja bei der Hantierung nicht 'mal das tägliche Brot. Jedes Ding hat seine Zeit, die Arbeit und die Ruhe, sonst ist man ja kein Mensch.«

»Mutter kann die Stunde drei Ör mit Stricken verdienen«, sagte Lasse Frederik, der es ganz genau ausgerechnet hatte.

Ja, was machte das? Ellen meinte doch, daß sie nichts damit versäumte.

»Es ist eigentlich dumm!« sagte Lasse Frederik plötzlich – »warum wächst uns das Haarige nicht an den Beinen? Dann hätte man nicht all die Mühe, die Wolle zu scheren – sie zu kratzen zu spinnen – und Strümpfe davon zu stricken.«

»Nein, was für ein Unsinn!« sagte Ellen lachend.

»Ja, einmal sind wir doch behaart gewesen«, beharrte Lasse Frederik. »Es ist bloß dumm, daß es nicht so geblieben ist.«

Pelle war der Ansicht, daß es gar nicht so dumm sei; denn das bedeutete, daß man sich selbst übernommen habe! Die Tiere wurden fertig geboren, selbst solchen Tieren, die einen Abscheu vor dem Wasser hatten, wie Hühnern und Katzen, war das Schwimmen angeboren; aber die Menschen mußten sich hübsch aneignen, was sie nötig hatten; für die sorgte die Natur nicht weil sie die Verantwortung für sich selbst übernommen hatten; sie waren die Herren der Schöpfung.

»Aber dann müßten ja die armen Leute am ganzen Leibe behaart sein«, wandte Ellen ein. »Warum nimmt sich die Natur der Armen nicht ebenso gut an wie der Tiere? Die können doch auch nicht für sich sorgen.«

»Ja, das ist es ja gerade, was sie können,« sagte Pelle, »denn sie bringen ja das meiste hervor. Oder meinst du vielleicht, daß das Geld die Äcker bebaut oder Zeug webt oder die Kohlen aus der Tiefe ans Tageslicht schafft? Das läßt es hübsch bleiben. Das gesamte Kapital der ganzen Welt vermag nicht, eine Stecknadel von der Erde aufzuheben, wenn keine Hände da sind, die es dazu kaufen kann. Wenn der Arme behaart geboren wäre, so wäre er damit als niedriges Wesen gestempelt, das nichts selbst kann. Ist es nicht eigentlich ein Wunder, daß die Natur hartnäckig die Kinder des armen Mannes ebenso nackend zur Welt kommen läßt wie die des Königs – trotz allem, was an Not und Püffen über uns hergeht? Wenn man die neugeborenen Kinder des Fürsten und des Bettlers vertauschte, würde kein Mensch unterscheiden können, welches dem einen und welches dem anderen gehörte. Es ist, als ob der liebe Gott niemals ermüdete, uns unser Adelszeichen vorzuhalten.«

»Glaubst du denn wirklich, daß sich die Welt umwandeln läßt?« fragte Ellen und sah ihn warm an. Es klang so abenteuerlich, daß er, Pelle, den sie in ihre Arme nehmen konnte, sich mit so großen Dingen beschäftigte.

Und Pelle sah sie wieder warm und staunend an. Sie war heute dieselbe wie an dem Tage, als er sie kennen lernte – vielleicht wie an dem Tage, als die Welt erschaffen wurde! Sie wucherte mit nichts, sondern alles war ihr angeboren. Die Welt konnte umgewandelt werden, ja, aber sie blieb sicher alle Tage die, die sie war.

Der Postbote kam mit einem Brief von Morten. Er hielt sich zurzeit unten in Sizilien auf und hatte die Absicht, an der Nordküste von Afrika entlang nach Südspanien zu reisen. »Dann mache ich vielleicht einen kleinen Abstecher an den Rand der Wüste und versuche, wie es ist, auf Kamelen zu reiten«, schrieb er. Er war gesund und guter Laune; ganz wunderlich war es zu denken, daß er bei offenen Türen saß und schrieb, während man hier mit der Kälte kämpfte. Er trank Wein zu jeder Mahlzeit, wie man daheim Dünnbier trank, und schrieb, daß die Oliven- und Apfelsinenernte eben beendet sei.

»Es müßte herrlich sein, auch einmal so wohin zu kommen«, sagte Ellen mit einem Seufzer.

»Wenn erst das Neue Einlaß erhalten hat, gehört das nicht mehr zu den unerreichbaren Dingen für den Arbeiter«, erwiderte Pelle.

Und dann kam Brun herunter – endlich machte er Feierabend. »Ach, zu Hause ist gut sein!« sagte er und schüttelte sich – »ein schreckliches Wetter heute abend!«

»Hier ist ein Brief von Morten«, sagte Pelle und gab ihn ihm.

Der Alte setzte die Brille auf.


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