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Oben aus Pichelmeiers Mansarde trat ein junger Mann auf die Plattform hinaus. Er stand einen Augenblick da und reckte das Antlitz lachend zu dem hellen Himmel empor. Dann duckte er den Kopf und lief die Hühnersteige hinab, ohne sich an dem Strick festzuhalten. Unter dem Arm hatte er etwas, das in ein blaues Tuch gewickelt war.
»Seh mal einer den Clown an, er lacht der Sonne gerade ins Gesicht, als wenn es nicht etwas gäbe, was blind werden heißt!« sagten die Frauen und steckten die Köpfe durch das Holzwerk: »Aber er ist ja auch vom Lande, ja natürlich. Und nu will er hin und die Arbeit abliefern. Herr Gott, wie lange er woll noch da oben sitzen und das Brot für den Aussauger verdienen wird? Dann wird das Rot auf seinen Wangen auch bald weg sein, wenn er noch lange dableibt.« Sie sahen ihm besorgt nach.
Die Kinder unten auf dem Hof hoben die Köpfe, als sie hörten, daß er über sie hinwegschritt.
»Hast du heute feines Leder für uns, Pelle?« riefen sie und zerrten ihn an den Beinkleidern.
Er holte kleine Stücke Lackleder und rotes imitiertes Saffianleder aus den Taschen.
»Das ist von des Kaisers neuen Pantoffeln«, sagte er, indem er es unter sie verteilte. Dann lachten die Kleinen, daß es in ihren Kehlen kochte.
Pelle war ganz der alte, nur ging er aufrechter und elastischer und hatte einen kleinen blonden Schnurrbart bekommen. Die Schlappohren waren ein wenig in sich hineingekrochen, als sei keine so starke Verwendung mehr für sie. Die blauen Augen nahmen noch immer alles für gute Münze, hatten sich aber noch einen kleinen Zug zugelegt, der besagte, daß es nicht mehr mit ihrem guten Willen geschah. Die Glückslocke schimmerte ganz goldig.
Die engen Gassen lagen da und grübelten beständig über dieselbe unleidlich dicke Luft nach, die sich niemals zu erneuern schien. Die Häuser waren schmutzig und baufällig; wo ein wenig Sonne ein Fenster streifte, lagen fleckige Betten zum Trocknen ausgebreitet. Oben in einer Seitenstraße hielt ein Krankenwagen, Frauen und Kinder umstanden ihn und warteten gespannt darauf, daß die Träger mit einer unheimlichen Last kommen sollten, und Pelle schloß sich ihnen an; er mußte alles mitnehmen.
Es war nicht gerade der direkte Weg, den er ging. Die Großstadt war eine ganz neue Welt, nichts war wie daheim, hier geschahen hunderte verschiedene Dinge an einem Tage, und Pelle begann gutwillig von vorne, und er hatte noch immer sein altes Verlangen, das Ganze mitzumachen und es sich anzueignen. In der engen Gasse nach dem Kanal hinab stellte sich ihm ein dreizehnjähriges Mädchen herausfordernd in den Weg. »Mutter is krank«, sagte sie und zeigte nach einem dunklen Treppengang hinauf. »Hast du Geld, dann komm mit!« Er war eben in Begriff, ihr zu folgen, entdeckte dann aber, daß die alten Weiber in der Straße die Nasen an den Fensterscheiben plattdrückten. »Hier muß man auf seinem Posten sein!« sagte er sich wohl zum hundertstenmal. Das Unglück war nur, daß man es immer so leicht wieder vergaß.
Er nahm den Weg am Kanal entlang. Die alten Bollwerke, die Apfelschuten und Speicher mit den hohen Reihen Luken und pfeifenden Winden ganz oben im Hut riefen heimische Erinnerungen in ihm wach. Zuweilen legten die Schiffer von daheim auch hier an mit ihren Töpferarbeiten oder Fischen, und er konnte Neuigkeiten erfahren. Mit seinem Schreiben war es nicht weit her. Es war wenig Erfolg zu berichten gewesen; er hatte sich so eben durchgeschlagen und schuldete Sort noch immer die Auslagen für die Reiseausstattung.
Aber das sollte schon kommen. Pelle hegte nicht den geringsten Zweifel an der Zukunft. Die Stadt war so ungeheuer groß und unübersehbar, selbst das Unmögliche schien sie auf sich genommen zu haben, da konnte doch keine Gefahr sein für so etwas Selbstverständliches wie die Möglichkeit, daß er vorwärtskommen würde? Hier lagen ganz einfach große Reichtümer in Haufen und ließen sich auch von dem armen Mann erobern, wenn er nur dreist zugriff; das Glück hier war ein Goldvogel, der sich mit ein klein wenig Geschicklichkeit einfangen ließ, es gab Unmengen von märchenhaften Zufällen. Und Pelle wollte den Vogel schon eines Tages einfangen, wann und wie, das überließ er getrost dem Zufall.
In einer der Seitenstraßen, die von der Marktstraße abzweigte, war ein Auflauf; die Volksmenge füllte die ganze Straße vor der Eisengießerei und rief eifrig den geschwärzten Gießereiarbeitern zu, die vor dem Tor standen und sich zusammenrotteten und einander unschlüssig ansahen.
»Was is denn hier los?« fragte Pelle.
»Das ist los, daß sie nicht so viel verdienen können, daß sie davon leben können«, sagte ein älterer Mann, »und der Fabrikant will ihnen keine Zulage geben. Da haben sie sich solche neumodische Narrenstreiche ausgedacht, die ja vom Auslande hierhergekommen sein sollen, wo sie sich ja woll ganz gut gemacht haben. Das is so zu verstehen, daß alle Mann plötzlich die Arbeit hinschmeißen, mit bloßem Kopf auf die Straße hinauslaufen und lärmen und dann wieder 'rein, an die Arbeit, geradeso wie die Schuljungens in der Pause. Sie sind schon zwei-, dreimal 'raus und 'rein gewesen, und nu is die Hälfte draußen, und die andern sind bei der Arbeit, und das Tor is abgeschlossen. Ja, Kuchen, das soll woll dem Wochenlohn aufhelfen! Nee, zu meiner Zeit, da baten wir hübsch darum und kriegten auch immer was; wir sind ja doch man die Kleinen, und wo sollt' es auch woll herkommen, und nu haben sie noch dazu ihren Wochenlohn für die ganze Woche verscherzt!«
Die Arbeiter wußten weder ein noch aus, sie standen da und sahen mechanisch zu den Kontorfenstern empor, von wo her die Entscheidung zu kommen pflegte. Hin und wieder ging ein ungeduldiges Zucken durch die Schar, die zu den Fenstern hin drohte und roh ihr Guthaben verlangte. »Er will uns unseren Wochenlohn nich' geben, den wir doch ehrlich verdient haben, der Tyrann!« riefen sie. »Das is wirklich fein, wenn man Frau und Kinder zu Hause hat und dann noch dazu an einem Sonnabendnachmittag. So 'n Haifisch, der nimmt ihnen ihr Essen vom Munde weg! Will der gnädige Herr uns nich' einen Bescheid geben, den wir mit nach Hause nehmen können, bloß einen Gruß, denn sonst müssen sie hungrig zu Bett gehen.« Und dann lachten sie, leise und knurrend, spien auf das Pflaster und wandten die unbeherrschten Gesichter wieder zu den Kontorfenstern empor.
Es regneten Vorschläge auf sie nieder, die nach allen Richtungen gingen, und sie waren noch immer ebensoweit. »Zum Teufel auch, wenn wir nun doch keinen haben, der uns anführen kann«, sagten sie mißmutig und stellten sich dann hin und gafften wieder. Das war das einzige, was sie tun konnten.
»Wählt ein paar von euren Kameraden aus und schickt sie hinauf, daß sie mit dem Fabrikanten verhandeln«, sagte ein Herr, der stehengeblieben war.
»Hört, hört! Eriksen, der muß hinauf, der kann die Fingersprache!« riefen sie. Der Fremde zuckte die Achseln und ging.
Ein großer, starker Arbeiter näherte sich der Truppe. »Du hast den Totschläger doch bei dir, Eriksen?« rief einer, und Eriksen wandte sich bei der Treppe um und zeigte seine geballte Faust.
»Nimm dich in acht!« riefen sie zu den Fenstern hinauf, »denn sonst kann es sein, daß Brennholz niederfällt!« Dann wurde es auf einmal still, die schwere Haustür war verriegelt.
Pelle lauschte mit offenem Munde. Er wußte nicht, was sie wollten, und sie wußten es selbst auch wohl nicht; aber noch war da ein neuer Ton in diesem hier! Dieses Volk bettelte nicht um sein Recht, sie schlugen lieber mit Fäusten, um es zu erreichen, und sie hatten sich nicht erst betrunken wie der starke Eriksen und die anderen daheim. Das ist die Großstadt! dachte er und mußte sich wieder glücklich preisen, daß er hier hinübergelangt war.
Eine Abteilung Schutzleute kam marschiert. »Platz da!« riefen sie und drangen auf die Menge ein, um sie zu zerstreuen. Die Arbeiter wollten sich nicht wegjagen lassen. »Nicht ehe wir unseren Wochenlohn bekommen haben!« sagten sie und drängten immer wieder nach dem Torweg hin. »Hier ist unser Arbeitsplatz, und wir wollen Abrechnung haben, das wollen wir!« Dann jagte die Polizei die Zuschauer weg, sie zogen sich bei jedem Zufassen zögernd ein paar Schritte zurück und standen dann da und lachten. Pelle bekam einen Puff in den Rücken; er wandte sich schnell um und starrte einen Augenblick in das rote Gesicht des Schutzmanns, dann zog er sich zurück, indem er murrend nach seinem Rücken griff.
»Hat er dich geschlagen?« fragte ein altes Weib. »Pfui Deubel! Solch dreckiger Bengel; er is der Sohn von der Rollfrau hier im Haus, und nun braucht er den Stab gegen seine eigenen Leute. Pfui, pfui Deubel!«
»Platz machen!« befahl der Schutzmann, zwinkerte mit den Augen und drängte sie mit dem Körper weg. Sie zog sich in ihren Keller zurück, da stand sie und brauchte ihr Mundwerk, so daß der Speichel aus dem zahnlosen Gaumen spritzte.
»Ja, regier du man auch mit alten Leuten 'rum, die dich auf den Armen getragen und dir was Trockenes angezogen haben, als du dich noch nich' selbst melden konnt'st! Brauch du man den Stab auch gegen mich, hast du nich' Lust dazu? du, Fredrik? Laß du dir man von den Großen befehlen und bell uns alle an, die wir nich fein genug in Zeug sind!« Sie bebte vor Zorn; die gelblich grauen Haarsträhnen hatten sich losgerissen und baumelten ihr in die gefurchte Stirn.
Die Abteilung marschierte über die Knüppelbrücke, unter Eskorte von einem Schwarm von Straßenjungen, die brüllten und auf den Fingern pfiffen. Von Zeit zu Zeit wandte sich ein Schutzmann um; dann nahm die Schar Reißaus, war aber augenblicklich wieder da. Die Schutzleute waren nervös, ihre Finger krümmten und streckten sich vor Verlangen loszuschlagen. Sie glichen einer Schar Verbrecher, die von der jüngsten Jugend zum Rathaus eskortiert wird, und die Leute lachten.
Pelle hielt Schritt auf dem Bürgersteig, er war in einer wunderlichen Stimmung. Irgendwo in ihm wogte es heftig, diese lächerliche Neigung, in die Höhe zu hüpfen und den Kopf gegen das Pflaster zu schlagen, stieg in ihm auf, das waren die Überbleibsel seiner Krankheit. Jetzt aber nahmen sie den Charakter übermütiger Kraft an. Er sah ganz deutlich, wie der starke Eriksen brüllend auf den Verwalter zukam und zu Boden geschlagen wurde, um hinterher als Idiot herumzuwanken. Dann erhob sich die Kraft, mächtig, und ward zu Tode gehetzt; sie wurden alle zu Hunden, um ihn zu fällen, und schwänzelten vor allem, was nach Obrigkeit und Vorgesetzten roch! Und er selber, Pelle, hatte Prügel auf dem Rathaus bekommen, und man hatte mit Fingern auf ihn gezeigt, geradeso wie auf die Kraft. »Seht, da geht er und faulenzt, so ein Abschaum der Menschheit!« – Ja, er hatte die Gerechtigkeit kennen gelernt und wußte, wie wehe sie tat. Aber jetzt war er dem Zauberbann entronnen und in eine neue Welt hinüber, wo ernste Männer sich nicht einmal nach der Polizei umsahen, sondern das den Straßenjungen und alten Weibern überließen. Es lag eine mächtige Genugtuung darin; und hier in dieser Welt wollte Pelle mit dabei sein, er sehnte sich zu begreifen. Es war Sonnabend abend, und da waren eine Menge Gesellen und Nadlerinnen im Lager, um die Arbeit abzuliefern. Der Lagerist ging wie gewöhnlich umher und murrte über die Arbeit; ehe er bezahlte, riß und knutschte er daran, so daß sie die Fasson verlor, und machte dann einen höllischen Spektakel darüber, daß sie nicht fein genug war. Zuweilen zog er auch vom Arbeitslohn ab und behauptete, das Material sei ruiniert; namentlich gegen die Frauen war er niederträchtig, sie standen da und wagten nicht zu widersprechen. Man sagte, daß er alle Nadlerinnen, die ihm nicht zu Willen sein wollten, schikaniere.
Pelle stand da, und es kochte in ihm vor Wut. »Wenn er mir bloß einen Muck sagt, denn geraten wir aneinander!« dachte er. Der Lagerist nahm die Arbeit hin, ohne sie anzusehen, sie kam ja von Pichelmeier.
Aber während er bezahlte, kam ein dicker Herr aus einem Hinterzimmer herab, das war Hofschuhmacher Meyer selbst. Er sollte einmal als armer Junge mit dem Hintern aus den Hosen heraus als Wandergesell aus Deutschland hierhergekommen sein. Vom Fach verstand er nicht viel, aber er verstand die Kunst, andere für sich arbeiten zu lassen! Er beantwortete nicht den ehrerbietigen Gruß der Arbeiter, sondern stellte sich vor Pelle hin, den Bauch gegen den Ladentisch schaukelnd, schnob stark durch die Nase und sah ihn an.
»Neuer Mann?« fragte er endlich. »Das ist Pichelmeiers Gehilfe«, antwortete der Lagerist lächelnd. »Ach so, Pichelmeier, der versteht sich auf die Kunst! Sie machen die Arbeit, und er nimmt das Geld und vertrinkt es, nicht?« Der Hofschuhmacher lächelte köstlich.
Pelle wurde rot. »Ich möchte am liebsten so bald wie möglich selbständig werden«, sagte er.
»Na ja, Sie können ja mit dem Lageristen sprechen; aber Fachverein gibt es hier nicht, vergessen Sie das nicht! Für die Leute haben wir keine Verwendung.«
Pelle biß die Lippen zusammen und schob schweigend das Tuch in die Brust hinein; er hatte verschiedenen Aufforderungen widerstanden. Schnell ging er nach der Köbmagerstraße hinauf und bog vom Kohlenmarkt in die Hauserstraße ein, wo, wie er wußte, der Vorsitzende des hinkränkelnden Fachvereins wohnte. In einem der dunklen Keller wohnte ein kleiner Flickschuster, dort mußte es sein, und Pelle stieg die Treppe hinab. Er begriff nicht, daß der Vorsitzende des Vereins eine so jammervolle Wohnstätte haben konnte.
Unter dem Fenster saß ein hohlwangiger Mann über den Tisch gebeugt, im Begriff einen neuen Rand an einen ausgetretenen Schuh zu nähen; er hatte die Beine der Vorübergehenden gerade über seinem Kopf. Im Hintergrund der Stube stand eine Frau und kochte etwas im Ofen; sie hatte ein kleines Kind auf dem Arm, zwei größere lagen an der Erde und spielten mit ein paar Leisten. Es war schrecklich heiß und drückend.
»Guten Tag, Kamerad!« sagte Pelle. »Kann ich Mitglied des Fachvereins werden?«
Der Mann sah verwundert auf! Etwas wie ein Lächeln huschte über sein trauriges Gesicht. »Kannst du dir das erlauben?« fragte er langsam. »Es kann dir ein teures Vergnügen werden. Für wen arbeitest du, wenn ich fragen darf?«
»Für Meyer in der Köbmagerstraße.«
»Dann wirst du aufs Pflaster geworfen, und zwar so bald er es zu wissen kriegt!«
»Das weiß ich wohl; aber ich will doch in den Verein eintreten. Er soll nicht darüber bestimmen, was ich darf und was ich nicht darf, und mit ihm wollen wir schon einmal abrechnen.«
»Das hab' ich auch gedacht. Aber wir sind zu wenige. Sie werden wieder aus dem Fachverein hinausgehungert, sobald sie eingetreten sind.«
»Wir müssen sehen, daß wir ein paar mehr werden,« sagte Pelle mutig, »und dann eines schönen Tages machen wir ihm die Bude zu.«
Es kam Leben in den müden Blick des Vorsitzenden. »Ja, zum Teufel auch, wenn wir dem die Bude zumachen könnten«, rief er und schüttelte die geballte Hand in der Luft. »Er trampelt auf allen herum, die ihm das Gold zusammenscharren; es ist seine Schuld, daß ich jetzt hier sitze und auf Flickarbeit angewiesen bin, und er hält das ganze Fach elend nieder. Ach, solch eine Rache, Kamerad!« Das Blut schoß ihm in die hohlen Wangen, so daß sie brannten, und dann befiel ihn der Husten. »Petersen!« sagte die Frau ängstlich und hielt ihm den Rücken, »Petersen!« Sie seufzte und schüttelte den Kopf, während sie ihm half, sich durch den Husten hindurchzukämpfen. »Wenn die Rede auf den Hofschuhmacher kommt, dann wird Petersen immer ganz wie besessen«, sagte sie, als er es überstanden hatte. »Er weiß wirklich nicht, was er tut. Nein, wenn man jeder so klug sein wollte wie Meyer und sich bloß um seinen eigenen Kram kümmern, dann säßen gewisse Leute nun auch da mit einer guten Gesundheit und gutem Verdienst!«
»Halt' den Mund!« sagte Petersen bestimmt. »Du bist ein Frauenzimmer und hast keinen Verstand von den Sachen.« Und dann ging sie wieder an ihren Ofen zurück.
Er füllte ein Papier aus, und Pelle unterschrieb seinen Namen und bezahlte den Mitgliedsbeitrag für eine Woche. »Und nun mußt du sehen, daß du so bald als möglich von dem Blutsauger wegkommst!« sagte Petersen ernsthaft. »Ein ehrlicher Arbeiter darf solche Sache nicht stützen!«
»Ich war ja dazu gezwungen«, sagte Pelle. »Ich hatte von Hause aus nichts gelernt. Aber jetzt ist das vorbei.«
»Gut, Kamerad! Da hast du meinen Handschlag auf gute Hilfe! Wir müssen wieder für die Sache arbeiten, vielleicht gelingt es uns dann doch; du hast mir meinen Humor wiedergegeben, will ich dir nur sagen! Und dann überrede nur so viele, wie du kannst, und versäume auch die Versammlungen nicht, sie werden in dem ›Arbeiter‹ angekündigt.« Er schüttelte eifrig Pelles Hand. Pelle machte schnell einen Spaziergang nach dem Norden hinaus. Er hatte seinen Gefühlen Luft gemacht und war in bester Laune.
Es war um die Zeit, da die Arbeiter heimkehrten; in Scharen und einzeln kamen sie dahergetrabt, vornübergebeugt und zögernd, ein wenig schlackernd in ihren Bewegungen nach der Mühe des Tages. Es war eine ganze Welt hier draußen, weit verschieden von der »Arche«. Die Häuser waren neu und regelrecht nach Lot und Lineal gebaut; die Männer gingen ihren vorgeschriebenen Weg, man konnte einem jeden ansehen, was er war.
Hier draußen hatten der Sozialismus und die neuen Anschauungen ihr Revier; Pelle schlenderte oft nach Feierabend hier hinaus, um einen kleinen Einblick in dies alles zu gewinnen; was es war, wußte er nicht, und hatte auch nicht gewagt, sich da hineinzustürzen, fremd, wie er sich hier noch fühlte; aber es übte eine lockende Macht auf ihn aus. Heute aber vergaß er, daß er hier ein Fremder war, er ließ sich von dem langen taktfesten Tritt mit forttreiben, der über die Brücke und nach der Norderbrückenstraße führte. Nun war er selbst Fachvereinsmitglied, er war wie jeder von den andern und konnte geradeswegs hingehen, zu wem er wollte, und ihm einen Handschlag geben. Es lag ein eigenartig kräftiger Appell in dem Gang dieser Leute, als seien sie Soldaten. Unwillkürlich glitt er in den Tritt über und fühlte sich stärker dadurch, getragen von der Gemeinschaft. Ihm war feierlich froh zumute, wie an seinem Geburtstag, und er hatte ein Gefühl, als wenn er irgend etwas ausüben müsse. Die Wirtschaften standen offen, und die Arbeiter gingen in kleinen Haufen da hinein. Aber er hatte keine Lust, dort zu sitzen und Spiritus in sich zu füllen. Das konnte man ja tun, wenn das Ganze vor die Hunde gegangen war.
Vor einem Konditorfenster stellte er sich hin, eifrig damit beschäftigt, die Kuchen miteinander zu vergleichen. Da hinein wollte er gehen und zur Feier des Tages für fünfundzwanzig Öre verschmausen. Aber erst mußte das Ganze ordentlich planmäßig zurechtgelegt werden, damit man hinterher nicht enttäuscht war. Es sollte etwas sein, was er noch nie gegessen hatte, natürlich, und das war gerade das Schwierige. Viele Kuchen waren inwendig hohl, und der Schmaus sollte ja auch als Abendmahlzeit dienen.
Es war nicht so ganz leicht, und gerade als Pelle im Begriff war, die Schwierigkeiten zu überwinden, wurde er durch einen Schlag auf die Schulter aus dem Ganzen herausgerissen. Hinter ihm stand Morten und lachte mit seinem guten Lächeln, als wäre nichts zwischen ihnen vorgefallen. Pelle schämte sich und konnte kein Wort hervorbringen. Seinem einzigen Freund war er treulos geworden; dafür Rechenschaft abzulegen, das würde ihm wohl nicht so leicht werden. Aber Morten machte sich nichts aus allen Erklärungen und schüttelte nur Pelles Hand. Sein bleiches Antlitz leuchtete vor Freude. Es lag noch immer dieser Schimmer von Leiden darüber, der so sehr zu Herzen ging, und Pelle mußte sich auf Gnade und Ungnade ergeben. »Nein, daß wir uns hier treffen müssen!« rief er und lachte gutmütig. Morten arbeitete bei dem Konditor und war ausgewesen, jetzt wollte er hier hinauf und ausschlafen für die Nachtarbeit. »Aber komm' nur mit hinauf, eine halbe Stunde können wir immer noch sitzen und schwatzen, und du sollst auch einen Kuchen haben.« Er war noch ganz derselbe wie in der alten Zeit.
Sie gingen durch den Torweg, die Hintertreppe hinauf; Morten ging in den Laden und kam mit fünf Napoleonschnitten wieder hinüber. »Hier kannst du sehen, daß ich deinen Geschmack kenne«, sagte er lachend.
Mortens Zimmer lag ganz oben unter dem Dach und war eine Art Turmstube mit Fenstern nach beiden Seiten. Man sah über die endlosen Dachmassen hinweg, die in Reihen hintereinander dalagen, wie die Mistbeete in einer ungeheuren Gärtnerei. Aus den unzähligen Röhren und Schornsteinen stieg ein wenig dünner blauer Rauch auf und legte sich dämpfend über alles. Ganz unten im Süden lag der Kalbsbudenstrand, und weiterhin nach Westen hob sich der Frederiksberger Hügel mit dem Schloß aus dem Nebel empor. Auf der anderen Seite lagen die Gemeindeanger, und draußen, hinter den Schornsteinen der Kalkbrennerei, schimmerte der Sund mit seinen vielen Segeln. »Das ist doch eine Aussicht, wie?« fragte Morten stolz.
Pelle starrte noch immer hinaus; er ging von einem Fenster zum anderen und sagte nichts. Dies war die Stadt, die Hauptstadt, nach der er und alle die anderen Armen aus den fernsten Winkeln so endlos sich gesehnt hatten. Das Land des Glücks, wo sie sich von dem Elend befreien sollten! Er hatte sie die Kreuz und Quer durchwandert, war erstaunt gewesen über ihre Paläste und Reichtümer und hatte sie über Erwarten groß gefunden. Hier war alles großzügig; was sie gestern bauten, rissen sie morgen wieder nieder, um etwas noch Flotteres aufzuführen. Das Glück des armen Mannes ließ sich sicher dazwischen schieben, so viel wie hier im Gange war!
Und dabei hatte er doch keine rechte Vorstellung von dem Ganzen gehabt. Erst jetzt sah er die Stadt! Gleich einem mächtigen Ganzen lag sie ausgebreitet zu seinen Füßen, mit Schlössern, Kirchen und Fabrikschornsteinen, die über die Häusermassen aufragten. Unten auf der Straße floß ein schwarzer Strom unaufhaltsam dahin, beständig neue und neue Menschen, wie aus einem großen Meer, das sich nie erschöpfen konnte. Sie hatten alle etwas vor; man sah es nicht, aber sie liefen wohl wie die Ameisen und trugen jeder sein kleines Teil bei zu dem mächtigen Haufen, der von teuren Dingen aus allen Enden der Welt zusammengeschleppt war.
»Es stecken viele Millionen in allem diesen!« sagte Pelle endlich und atmete tief auf. »Ja«, sagte Morten und stellte sich neben ihn. »Und das Ganze ist von Händen hervorgebracht, von Arbeiterhänden!«
Pelle stutzte. Das war ein wunderlicher Einfall. Aber richtig war es, wenn man darüber nachdachte.
»Jetzt ist es aber in ganz andere Hände übergegangen!« rief er lachend aus. »Ja, denn sie haben es uns mit List weggenommen, so wie man Kindern alles abschwatzen kann!« erwiderte Morten finster. »Aber was Kinder tun, hat keine rechtliche Kraft! Und die Armen sind niemals etwas anderes gewesen als Kinder! Aber nun fangen sie an heranzuwachsen, du, und eines schönen Tages fordern sie das Ihre zurück.«
»Es würde uns wohl übel ergehen, wenn wir kommen und es uns selber nehmen wollten«, sagte Pelle.
»Nicht, wenn wir einig darüber wären, wir sind ja die vielen!«
Pelle lauschte; es war ihm noch niemals eingefallen, die Frage von dem Zusammenschluß so groß aufzufassen. Man organisierte sich ja nur, um bessere Bedingungen im Fache zu erlangen. »Du gleichst deinem Vater!« sagte er, »der legte auch alles groß aus und wollte sich selbst sein Recht nehmen. Ich mußte vorhin an ihn denken, er ließ sich nicht niedertreten. Damals schämtest du dich seiner, aber …«
Morten senkte den Kopf. »Ich konnte die Verachtung der anständigen Leute nicht ertragen«, sagte er leise. »Ich verstand ja nichts weiter, als daß er unser Heim zerstörte und Schande auf uns herabbrachte. Schrecklich bange war ich auch, wenn er um sich schlug; ich kann noch klatschnaß vor Schweiß aufwachen, wenn ich von meiner Kindheit träume. Aber jetzt bin ich stolz darauf, daß ich der Sohn der Kraft bin. Kräfte habe ich ja nicht viel; aber vielleicht werde ich die Großbürger doch einmal dahin bringen, daß sie sich wundern.«
»Ich auch!«
Nein, Kräfte! Es war eigentlich sonderbar, zu denken, daß Morten ein Sohn des riesenstarken Steinhauers war, so fein und still, wie er war. Er hatte die Kräfte noch nicht wiedergewonnen, die ihm Bodil in den Kinderjahren geraubt hatte. Es war, als wenn der zu frühe Mißbrauch noch immer an ihm zehre. Seinen mädchenhaften Sinn für Traulichkeit hatte er bewahrt. Das Zimmer war hübsch gehalten; es standen, weiß Gott, sogar Blumen in einer Vase unter dem Spiegel. »Wo hast du die her?« fragte Pelle.
Pelle mußte lachen. Konnte es wohl einem anderen Mann einfallen, Geld für Blumen auszugeben?
Aber über die Bücher lachte er nicht. Zwischen ihnen und Mortens wunderlicher, bleicher Stärke war eine mystische Verbindung. Er hatte jetzt ein ganzes Bord voll. Pelle nahm einige davon heraus und sah hinein.
»Was für Zeugs ist denn das?« fragte er unsicher. »Das sieht ja aus wie Gelehrsamkeit!«
»Das sind Bücher über uns, und wie das Neue kommt und wie wir uns dazu rüsten müssen!«
»Ja, du kannst wohl lachen«, sagte Pelle. »In einem Augenblick des Mißmutes da hast du deine Büchergelehrsamkeit, die dir weiterhelfen kann. Wir andern können hübsch dableiben, wo wir einmal sind.« Morten wandte sich hastig nach ihm um.
»Das ist der gewöhnliche Klagegesang!« rief er erzürnt aus. »Man speit auf seinen eigenen Stand und will zu was anderm hinüber. Aber das ist es ja gar nicht, um was es sich handelt, und zum Teufel auch! Wir wollen gerade da bleiben, wo wir sind, Schuhmacher und Bäcker, alle miteinander! Aber verlangen, daß wir es da gut haben! Auf die gute Seite hinübergelangen, das kann kaum einer von Tausenden; dann kann der Rest dasitzen und hinüberglotzen! Und glaubst du denn, daß der eine Erlaubnis bekäme hineinzuschlüpfen, wenn die Gesellschaft keine Verwendung für ihn hätte, um seine eigenen Leute mit ihm niederzuschlagen? Hier könnt ihr es selbst sehen, wozu der arme Mann es bringen kann, wenn er nur selbst will, heißt es dann noch so schön; folglich ist an der menschlichen Gesellschaft nichts auszusetzen. Nein, die Massen selbst sind schuld daran, daß nicht alle Großbürger sind. Herr Gott! Sie wollen ja nicht! So behandelt man euch wie Schafsköpfe, und ihr findet euch darein und bäht ihnen nach. Nein, alle zusammen sollten sie den Anspruch erheben, daß sie so reichlich für ihre Arbeit bekommen, daß sie gut leben können. Ich verlange, daß ein Arbeitsmann ebensoviel für seine Arbeit bekommen soll wie ein Arzt und Rechtsanwalt und ebenso aufgeklärt sein soll. Da hast du mein Vaterunser!«
»Da habe ich dich wohl in den Harnisch gebracht«, sagte Pelle gutmütig. »Es ist übrigens genau dasselbe, worüber dein Vater fabelte, als er in der Scheune lag und starb. Er lag in seinen Phantasien und glaubte, daß der gewöhnliche Arbeiter Gemälde an den Wänden hätte und ein Klavier, geradeso wie die feinen Leute.«
»Hat er das gesagt?« rief Morten aus und erhob den Kopf, als lange er nach oben. Dann verstand er den Sinn. Auch Pelle saß da und grübelte. War das denn das Neue, wieder dasselbe? Dann war ja auch ein Sinn darin, sich zusammenzuschließen, und zwar so viele wie möglich.
»Ich verstehe mich nicht recht darauf«, sagte er endlich. »Aber heute bin ich in die Organisation eingetreten! Ich will nicht dastehen und zusehen, wenn etwas Großes heraufziehen sollte.«
Morten nickte mit einem schwachen Lächeln. Er war jetzt müde und hörte nicht mehr, was Pelle sagte. »Jetzt muß ich zu Bett um ein Uhr muß ich aufstehen. Wo wohnst du denn? Ich komme einmal zu dir hin. Wie amüsant es doch ist, daß wir uns hier wiedergetroffen haben!«
»Ich wohne draußen in Christianshafen in der ›Arche‹. Wenn du weißt, wo das ist!«
»Das ist aber ein sonderbares Haus, wo du hineingeplumpst bist. Die ›Arche‹ kenne ich sehr gut, von der wird oft in den Zeitungen geschrieben. Da haust ja so allerlei.«
»Davon weiß ich nichts«, erwiderte Pelle verletzt. »Mir gefallen die Menschen gut. Aber famos war es, daß wir uns in die Arme laufen mußten! Was für ein Glück, nicht? Und ich habe mich wie ein Flegel aufgeführt und bin dir aus dem Wege gegangen. Aber das war damals, als ich vor die Hunde ging, und da haßte ich alle Menschen! Jetzt aber soll nie wieder etwas zwischen uns kommen. Darauf kannst du dich verlassen!«
»Ja, es ist gut, jetzt mach nur, daß du wegkommst!« antwortete Morten lächelnd; er war schon halb aus den Kleidern heraus.
»Nun gehe ich«, sagte Pelle und griff nach seinem Hut. Einen Augenblick stand er noch da und sah über die Stadt hinweg. »Es ist doch aber ganz großartig, was du vorhin über die Dinge gesagt hast!« rief er plötzlich aus. »Hätte ich die Kräfte von allen uns Armen in mir, dann würde ich sofort losstürzen und das Ganze zurückerobern! Was für eine Masse da zum Austeilen käme, dann würde es keine Armut mehr geben!« Mit erhobenen Armen stand er da, als halte er das Ganze in den Händen. Dann lachte er ausgelassen. Stark sah er aus. Morten lag da und starrte ihn halb schlafend an und sagte nichts. Und dann ging er.
Pichelmeier schalt Pelle lästerlich aus, als er endlich nach Hause kam. »Zum Teufel auch, was bildest du dir eigentlich ein? Gehst wohl spazieren und spielst den Grafen, während unsereiner hier sitzen und sich die Augen aus dem Kopf ausgucken kann. Und dursten muß man auch! Laß es dir bloß nicht einfallen und komm mir mit Grobheiten, das will ich dir nur sagen, sonst hat die Sache ein Ende. Denn ich bin ganz mörderlich wütend.«
Er hielt die Hand pathetisch abwehrend vor sich hin, obwohl Pelle gar nicht die Absicht hatte, ihm zu antworten. Er nahm Pichelmeier nicht mehr ernst. »Der Satan frikassier' mich, hier hat man gesessen und sich die Kleider vom Körper gedurstet, während so ein Lebemann spazierengehen muß.«
Pelle stand da und zählte den Wochenverdienst auf, brach aber plötzlich, als sein Blick auf Pichelmeier fiel, in ein lautes Lachen aus. Die nackten blauen Schenkel, die jammervoll unter dem Schurzfell hervorzitterten, nahmen sich unbändig lächerlich aus zu dem vollständig bekleideten Oberkörper und dem ehrwürdigen Bart.
»Ja, du grienst«, sagte Pichelmeier und lachte auch. »Aber wenn du es nun wärst, der sich bei der Trödlerin die Hosen ausziehen mußte, und doch anständig nach oben kommen wollte. Diese verdammten Göhren! Pichelmeier hat Delirium, Pichelmeier hat Delirium! gröhlten sie. Und weiß Gott, ich habe kein Delirium, nein – aber ich habe keine Hosen, und das ist die Sache! Und diese verfluchte Hühnerstiege! Olsens Hurendirne kriegte die Zufälle, und die hat doch sonst schon alles mögliche gesehen. Du kannst mir übrigens deine alten Buxen leihen!«
Pelle schloß die grüne Kiste auf und holte seine Arbeitshosen heraus.
»Du kannst lieber gleich sieben Riegel vor den spinatgrünen Rumpelkasten dort legen«, sagte Pichelmeier mürrisch. »Denn hier könnt' ja am Ende ein Dieb sein! So hoch oben unterm Himmel!«
Pelle tat, als verstünde er die Anspielung nicht, und schloß wieder ab. Dann schlenderte er, die kurze Pfeife in der Hand, auf die Plattform hinaus. Über die Dächer rang sich die Dämmerung vom Sunde empor; einige Tauben flogen dort und fingen die letzte Sonnenröte unter ihren weißen Flügeln auf, und unten im Brunnen lag die Dunkelheit schon wie ein heißer, lila Hauch. Der Leierkastenmann war nach Hause gekommen und spielte den tanzenden Kindern da unten seine Abendnummer vor, und von einer Galerie zur andern schwatzten und zankten die Bewohner. Hin und wieder brach ein weicher Tonstrom vibrierend empor und brachte das Ganze zum Schweigen. Das war der blöde Vinzlev, der in seiner Höhle irgendwo tief drinnen in der »Arche« saß und die Flöte spielte. Er versteckte sich immer ganz weit weg, wenn er spielte, dann war er wie ein krankes Tier und saß in einer Ecke und zitterte. Die Töne wurden so schön dadurch, sie kamen bebend aus seinem Versteck hervor, wie das Singen oder Weinen aus einer fremden Welt. Und die unruhigen Wesen der »Arche« mußten schweigen und lauschen. Jetzt hatte Vinzlev seine sanfte Zeit, man wurde förmlich besser davon, ihm zu lauschen. Aber in der dunklen Zeit kam der Teufel zuweilen über ihn und schuf Töne in seinem wahnsinnigen Gehirn, die das Ganze in panischem Schrecken erbeben machten. Dann weitete sich das morsche Holzwerk zu einem ungeheuren, pechschwarzen Walde aus, in dem alle Schrecken hausten, und man mußte blind um sich schlagen, um nicht ganz zugrunde zu gehen. Der Leichenwagenkutscher im vierten Stockwerk, der sonst immer so sanft in seinem Rausch war, schlug die Frau zuschanden, und ringsumher in den Gängen lagen sie und tranken und prügelten sich, um sich das Böse vom Leibe zu halten. Vinzlevs Teufelsflöte war auch schuld daran, daß Johnsen unnötigerweise sein elendes Leben beweinte und es unter dem Kloakenrost endete. Aber es war nichts dazu zu sagen; Vinzlev spielte, und das war ein Übergang wie alles andere.
Jetzt ging der Teufel mit einem Ring in der Nase umher, und Vinzlevs Spiel war wie milder Hauch auf die Gemüter, so daß sie sich öffneten wie Blumen. Es war die schöne Zeit.
Pelle kannte das Ganze, obwohl er noch nicht so lange hier war, ihm tat es nichts. Er trug ja das Siegerhemd, das Vater Lasse für ihn erträumt hatte.
Unten im dritten Stockwerk im Hintergebäude herrschte ein eigener Zauber. Eine Schlingpelargonie und ein Efeu hatten die gebrechlichen Balken eingesponnen und begegneten sich oben, und dort hing eine kleine rote Papierlaterne und goß einen festlichen Schimmer über das Ganze.
Es war, als habe sich die Sommernacht eine Freistätte inmitten der Steinmassen auserwählt. Unter der Lampe saßen Madam Johnsen und ihre Tochter und nähten; Hannes Antlitz glühte wie eine Rose bei Nacht, sie wandte es alle Augenblick zu ihm empor, lachte und machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Kopf. Dann rückte Pelle ein wenig beiseite, schlug das andere Bein über und legte sich auf die andere Seite hinüber, unruhig wie ein Pferd, das seinen Weg nicht sehen kann.
Dicht hinter ihm ging seine Nachbarin, Frau Franzen, umher und hantierte in ihrer kleinen Küche. Die Tür nach der Plattform stand offen, und sie schwatzte unaufhörlich, halb für sich, halb zu Pelle gewandt, über ihre Gicht, ihren toten Mann und ihren Flegel von Jungen. Sie hatte das Bedürfnis, ihre Leber zu rühren, die alte Person: »Herr Gott, ja, hier müht man sich ab und hält Essen für Ferdinand bereit, vom Morgen bis zum Abend, und vom Abend, bis es wieder Morgen wird. Und er macht sich nicht mal die Mühe, nach Hause zu kommen. Seine wilden Wege erforschen kann ich nicht; ich kann bloß hier sitzen und mich ängstigen und das Essen warm halten. Das ist denn doch ein bißchen, was lockt, er wird schon kommen, wenn er hungrig ist, sag ich zu mir selbst. Ach ja, unsere frohen Tage, die sind schnell gezählt. Und du stehst da und glotzt wie ein Bählamm, und das Mädchen da unten nickt sich den Kopf beinah aus dem Gelenk nach dir! Ja, die Männer sind eine schnurrige Rasse; sie bilden sich ein, daß sie es nicht wagen können – und wer richtet denn eigentlich alles Unglück an?«
»Sie will gar nichts von mir!« sagte Pelle mürrisch, »sie spielt bloß mit mir.«
»Ja, die Jungfer spielte so lange mit einer weißen Maus, bis die Katze sie holte. Schäme dich, daß du hier stehst und den Kopf hängen läßt. So jung und gut gewachsen wie du bist! Schneid ihr die Schwanzfedern ab, dann kriegst du 'ne gute Frau.« Sie puffte ihn mit dem Ellbogen in die Seite.
Da entschloß sich Pelle denn endlich, die Hühnerstiege nach dem dritten Stockwerk hinabzuklettern, und er ging an der Galerie entlang.
»Warum hast du dich heute abend eigentlich so kostbar gemacht?« fragte Madam Johnsen und machte ihm Platz. »Du weißt ja, daß du immer gern gesehen bist. Was sollen denn die Anstalten?«
»Pelle ist kurzsichtig, er kann nicht bis hier herübersehen«, sagte Hanne und warf den Kopf in den Nacken. Sie saß da und machte eine Bewegung mit dem Kopf; sie sah ihn lachend an, den Kopf hintenüber gelehnt, mit offenem Munde. Das Licht brach sich in ihren blanken Zähnen.
»Kriegen wir morgen gutes Wetter?« fragte die Mutter.
Pelle meinte ja und sah wetterkundig zu dem kleinen Fleck Himmel hinauf. Hanne lachte.
»Bist du auch Wetterprophet, Pelle? Du hast doch wohl keine Leichdörner!«
»Laß nun endlich deine Foppen nach, Kind!« sagte die Mutter und schlug nach ihr. »Wir wollen morgen, wenn das Wetter gut ist, in den Wald. Willst du mit, Pelle?«
Pelle wollte gern mit, zögerte aber trotzdem ein wenig mit der Antwort.
»Komm mit, Pelle«, sagte Hanne und legte einladend ihre Hand auf seine Schulter. »Und dann sollst du auch mein Herr sein. Es ist so langweilig, mit der alten Frau in den Wald zu gehen; aber dann will ich auch Erlaubnis haben, so zu sein, wie ich bin.« Sie machte eine herausfordernde Bewegung mit dem Kopf.
»Dann fahren wir vom Nordertor mit dem Omnibus; ich mache mir nichts daraus, mit der Eisenbahn zu fahren.«
»Vom Nordertor aus? Existiert ja gar nicht mehr, Mütterchen. Aber vom Triangel aus fahren noch Omnibusse.«
»Na ja, dann vom Triangel, du Klugschnacker! Kann ich was dafür, daß sie alles 'runterreißen? In meiner Jugend war das Nordertor ein herrlicher Punkt. Von da hatte man eine Aussicht über das Bauernland, wo ich zu Hause bin, und nirgends war die Sommernacht so schön wie auf dem Wall. Damals wußte man nicht, was es heißt zu frieren. Waren die Kleider auch dünn, so war das Herz doch jung.«
Hanne ging in die Küche und machte Kaffee. Die Tür stand offen. Sie summte und warf hin und wieder ein Wort in die Unterhaltung. Dann kam sie und hielt Pelle das Teebrett mit einem Knicks hin. »Aber wie siehst du heute abend eigentlich aus!« Sie berührte seine Stirn und sah ihn forschend an.
»Ich bin heute in den Fachverein eingetreten«, erwiderte Pelle; er hatte noch immer das Gefühl des Ungewöhnlichen und glaubte, daß ihm jeder Mensch etwas ansehen müsse.
Hanne brach in ein lautes Lachen aus. »Kriegt man davon ein schwarzes Zeichen an der Stirn? Sieh doch einmal, Mutter, sieh doch bloß mal! Das Fachvereinsabzeichen!« Sie drehte seinen Kopf nach der Alten um.
»Ach, der Racker!« sagte die Alte lachend. »Nun hat sie dir Ruß ins Gesicht geschmiert.« Sie netzte ihre Schürze mit Spucke und fing an, den Ruß abzureiben, während Hanne hinter ihm stand und sein Gesicht mit beiden Händen hielt, damit er stillsitzen sollte. »Dank du deinem Schöpfer, daß Pelle ein gutmütiger Bursche ist«, sagte die Alte, während sie rieb. »Sonst würde er's dir wohl übelnehmen!«
Pelle selbst lachte seelenvergnügt.
Der Leichenwagenkutscher kam durch die Öffnung in der Galerie hinauf und schwankte weiter in das vierte Stockwerk. »Guten Abend!« sagte er mit seinem tiefen Baß, als er an ihnen vorüberkam, »und gesegnete Mahlzeit sollte man auch wohl sagen!« Er trug einen großen Schinken unter dem Arm.
»Herr du meines Lebens!« flüsterte Madam Johnsen. »Da kommt er nun wieder mit seinem Schinken angezogen; denn hat er wieder den ganzen Wochenlohn versoffen. Sie haben immer Überfluß an Speck und Schinken da oben, die Ärmsten, aber selten Brot dazu.«
In der »Arche« erlosch bald ein Laut, bald ein anderer. Das Kinderweinen, das so trübselig aus den langen Gängen hinaussickerte, wenn eine Tür sich auftat, verwandelte sich in weiches Glucksen, jedesmal, wenn eine verspätete Mutter von der Arbeit hineingestürzt kam und das Kleine an ihre Brust riß. Und nun war da nur noch eins, und das weinte immer, mochte die Mutter zu Hause sein oder auf Arbeit. Ihre Milch war weggeblieben.
Unten vom Keller stieg ein Wiegengesang durch den Brunnen in schleppenden Tönen empor; es war nur Grete mit dem Kind, die ihre Flickenpuppe in Schlaf sang. Die wirklichen Mütter singen nicht.
»Sie gröhlt immer drauflos,« sagte Hanne, »die anderen mit den richtigen Kindern die haben nicht so viel übrig, daß sie singen können. Aber ihr Gör braucht ja auch kein Essen; das macht einen argen Unterschied, wenn man arm ist.«
»Heute hat sie für ihr Kind gewaschen und geplättet, damit es morgen fein sein kann, wenn der Vater kommt. Es ist ein Leutnant!« sagte Hanne.
»Kommt er denn morgen?« fragte Pelle naiv.
Hanne lachte laut. »Ja, denn sie erwartet ihn ja jeden Sonntag, sie hat ihn nur noch niemals gesehen.«
»Ja, ja, das ist gar nicht zum Lachen!« sagte die Alte. »Sie ist glücklich in ihrem Wahn, und ihr Auskommen macht ihr keine Not.«