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Pelle hatte sein altes Werkzeug hervorgesucht und sich als kleiner Meister für die Bewohner der Straße eingerichtet. Er lief nicht mehr herum und suchte, und Ellen wollte es scheinen, als habe er die Hoffnung aufgegeben. Aber er wartete nur und rüstete sich; er war so sanguinisch wie nur je. Die Verheißung von dem Unfaßlichen lag ihm noch immer uneingelöst im Sinn.
Da war kein Platz für ihn oben in der engen Wohnung, wo Ellen ihre Wäsche besorgte, so mietete er sich denn einen Raum in dem hohen Keller und hängte ein großes Schild ins Fenster; er zeichnete es selbst mit Schustertinte auf ein Stück Pappe, damit sparte er das Geld. » Kommt mit eurem Schuhzeug zu mir, dann helfen wir einander auf die Beine« stand da. Wenn Lasse Frederik nicht auf Arbeit oder in der Schule war, hielt er sich fast immer unten beim Vater auf; er war ein geschickter Junge und konnte bei mancherlei eine Handreichung tun. Während sie arbeiteten, plauderten sie über alles mögliche. Der Junge erzählte seinem Vater alles, was er erlebte.
Er war stark im Begriff, sich zu verändern, und redete äußerst vernünftig über alles. Pelle war besorgt, daß er nicht genug von seiner Kindheit hatte. »Willst du nicht hinauf und mitspielen?« fragte er, wenn die Jungen der Umgegend an dem Kellerfenster vorbeiströmten. Aber Lasse Frederik schüttelte den Kopf. Im Spiel war er alles gewesen, vom Verbrecher bis zum König, da war nichts mehr zu erreichen. Nun wollte er gern zu etwas Richtigem kommen und träumte vorläufig davon, zur See zu gehen.
Obwohl sie alle drei arbeiteten, reichte es nur eben aus, daß sie sich durchschlagen konnten; es blieb nie etwas übrig, um sich das Leben traulich zu gestalten. Dies war namentlich Ellens Kummer, Pelles Gedanken schienen nicht daran zu haften. Wenn man ihm nur ein wenig Eßbares versetzte, war er zufrieden und sah nicht darauf, was es war.
Es war Ellens Traum, daß sie sich noch einmal – durch wahnsinnige Arbeit früh und spät – in die Höhe arbeiten und in eine andere Gesellschaftsschicht hinaufgelangen konnten. Aber Pelle wurde ärgerlich, wenn sie sich noch nach Feierabend abmühte; sie wollten lieber ein wenig ärmlich sein, und es sich dann erlauben können, Menschen zu sein, sagte er. Ellen verstand das nicht, sah aber wohl, daß sein Sinn nach einer anderen Richtung gewendet war; er, der früher immer bei den Büchern einschlief, konnte sich jetzt so darin vertiefen, daß er das Tummeln der Kinder um sich her nicht hörte. Sie mußte ihn geradezu wecken, wenn sie irgend etwas wollte – und sie ängstigte sich vor dieser neuen Macht, die an Stelle der alten getreten war. Es war fast wie ein Fluch, daß immer irgend etwas darauf hinarbeiten mußte, ihn über sie hinauszuführen. Und sich dagegen aufzulehnen, wagte sie nicht; sie hatte bittere Erfahrungen von früher her.
»Was suchst du in deinen Büchern?« fragte sie und kam hin und setzte sich zu ihm. Pelle sah geistesabwesend auf, seine Gedanken kamen aus fernen Gegenden, wo sie nicht mit dabei gewesen war. Was er suchte? Er tastete sich vorwärts, konnte sich aber nicht klar darüber werden. »Ich suche mich selbst!« sagte er plötzlich, mit einem kühnen Hieb durch das Ganze hindurch. Ellen starrte ihn verwundert und enttäuscht an.
Aber sie kam wieder – diesmal sollte nichts sich zwischen sie stellen dürfen und ihre Welt zerstören. Sie legte sich nicht mehr irgend etwas quer in den Weg, aber nun wollte sie ihm folgen und da sein, wo er war. »Erkläre mir, was du da vorhast, und nimm mich mit«, sagte sie.
Pelle hatte sich im Grunde darauf gefaßt gemacht, allein in das hineinzugehen, und war froh überrascht, auch bei ihr den Trieb zur Entwicklung zu finden. Vorläufig glich die Welt des Geistes noch einer Wildnis, und es war höchst angenehm, dort zu zweien zu wandeln.
Er machte sie mit den Gedanken vertraut, die ihn selbst beschäftigten, und erwog sie mit ihr; und Ellen beobachtete staunend, daß dies alles etwas war, das nichts mit ihrem privaten kleinen Wohlergehen zu schaffen hatte. Sie gab sich viele Mühe, diese Flucht fort von dem, was doch das Wesentlichste war, zu begreifen; das war ja ganz so wie mit Kindern, die immer am liebsten das wollten, was sie nicht sollten.
Am Abend, wenn Svend Trost und Schwester ins Bett gelegt waren, nahm Pelle ein Buch und setzte sich hin, um vorzulesen. Ellen nahm irgendeine Flickarbeit zur Hand, und Lasse Frederik hing über einer Stuhllehne, die Augen starr auf den Vater gerichtet, mit abstehenden Schlappohren. Obwohl er nicht die Hälfte verstand, folgte er angespannt – bis die Natur ihr Recht geltend machte und er einschlief.
Ellen konnte das so gut verstehen – sie hatte selbst ihre liebe Not, die Augen offen zu halten; es waren keine Unterhaltungsbücher, die Pelle las. Zuweilen hielt er inne, um etwas aufzuschreiben oder irgendeine Frage zu erörtern. Er konnte die sonderbarsten Einfälle haben und einen Zusammenhang zwischen Dingen sehen, von denen Ellen fand, daß sie jedes in seiner Himmelsgegend lagen; sie mußte im stillen denken, ob er nicht sehr gut hätte Pastor studieren können. Übrigens kleidete es ihn; seine Augen wurden ganz schwarz, wenn er so recht davon in Anspruch genommen war, irgend etwas zu erklären; und seinen Mund umspielte ein eigentümlicher Zug, so daß sie, wie sie dasaß, Lust bekam, ihn zu küssen. Sie mußte in ihrem stillen Sinn einräumen, daß es auf alle Fälle eine sehr unschädliche Feierabendbeschäftigung war, und sie freute sich, daß das, was ihn diesmal so einnahm, ihn doch wenigstens an das Haus fesselte.
Eines Tages wurde es Pelle klar, daß er sie doch nicht bei sich hatte. Sie glaubte nicht einmal an das, was er vorhatte – sie hatte nie blindlings an ihn geglaubt. – »Sie hat mich wohl auch nie richtig geliebt – das ist der Grund«, dachte er mißmutig. Vielleicht war das die Erklärung dafür, daß sie Svend Trost so ruhig hinnahm, als sei er ihr eigenes Kind – sie war nicht eifersüchtig. Pelle hätte sich gern mit Vorwürfen überschütten lassen, um hinterher einen Kuß, von brennenden Tränen genetzt, zu bekommen. Aber Ellen geriet nicht aus dem Gleichgewicht.
So gemütlich sie miteinander lebten, merkte er, daß sie bis zu einem gewissen Grad ihre Rechnung ohne ihn machte – als habe er eine Schwäche, mit der zu rechnen immer geraten war. Die Erfahrung von alten Zeiten her saß tief in ihr.
Ellen hatte so ihre eigenen Pläne mit dem alten Saal und zwei kleinen Anrichtezimmern, die sich daran schlossen; sie hatte das Waschen satt, es warf einen elenden Verdienst ab, viel Arbeit und geringes Ansehen. Jetzt wollte sie ein Artistenlogis einrichten; da war mehr als eine in der Straße, die anständig davon lebte, daß sie an Artisten vermietete. »Hätte ich nur ein paar hundert Kronen gehabt, um in Gang zu kommen, dann sollte die Sache schon gehen«, sagte sie.
»Und dann hättest du mehr Zeit und Ruhe für deine Bücher«, fügte sie einschmeichelnd hinzu.
Pelle riet davon ab. Die guten Artisten kehrten in den Artistenhotels ein, und die Leute, auf die man rechnen konnte, hatten nicht viel zum Bezahlen. Er hatte allerlei Beobachtungen von seinem Kellerfenster aus gemacht und Schuhe für einige von ihnen geflickt – es war ein ziemlich sohlenloses Volk. Dann schwieg sie davon, aber er konnte merken, daß sie nicht überzeugt war. Sie ließ nur die Sache fallen, weil er dagegen war und er doch das Geld beschaffen sollte.
Dieser Gedanke war ihm peinlich – er war vorsichtig geworden, wo es sich darum handelte, über andere zu bestimmen. Das Geld mußte beschafft werden können, wenn nicht auf andere Weise, so doch, indem man Pfand auf Mobiliar und Werkzeug nahm. Ging die Sache schief, so war es der sichere Ruin. Aber Ellen dachte vielleicht, daß er als tote Hand über ihrer Zukunft ruhte.
Eines Abends schmiß er das Schurzfell hin und ging aus, um das Geld zu erheben. Es wurde spät, ehe er nach Hause kam. Ellen stand in der Tür und erwartete ihn mit verwundertem Gesicht.
»Sieh, hier ist Geld, mein Kind – was gibst du mir dafür?« sagte er flott und zählte einhundertachtzig Kronen in Scheinen vor sich auf. Ellen starrte überrascht das Geld an; ein so großes Kapital hatte sie noch nie in Händen gehabt.
»Wo hast du doch nur einmal all das Geld herbekommen?« fragte sie endlich.
»Ja, ich bin auch den ganzen Tag von dem einen zu dem anderen gerannt,« sagte Pelle vergnügt – »aber schließlich wurde ich an einen Mann in der Blaagaardstraße gewiesen. Der gab mir zweihundert Kronen gegen Pfand auf das Mobiliar.«
»Aber hier sind doch nur einhundertachtzig Kronen.«
»Na ja, er zog ja gleich zwanzig ab. Das Darlehn soll mit zwanzig Kronen den Monat in fünfzehn Monaten abgezahlt werden. Ich mußte unterschreiben, daß ich dreihundert Kronen geliehen habe, aber dann brauchen wir auch keine Zinsen zu bezahlen.«
Ellen starrte ihn wie vom Blitz getroffen an. »Dreihundert Kronen, und wir haben nur einhundertachtzig bekommen, Pelle!« Aber plötzlich schlang sie die Arme um seinen Hals und küßte ihn heftig. »Hab' Dank!« flüsterte sie. Er war ganz verwirrt – es sah ihr gar nicht ähnlich, so gewaltsam zu sein.
Sie machte sich geschäftig daran, den Saal zu mieten und instand setzen zu lassen; die losen Balken mußten doch befestigt und die Wände ausgeflickt und ein wenig getüncht werden. Der alte Bauer wollte gern vermieten, aber von Unkosten wollte er nichts hören; und schließlich bekam Ellen ihn doch dahin, daß er die Hälfte der Instandsetzung bezahlte, wohingegen sie auf ein Jahr mieten und im voraus bezahlen mußte. »Wir können meinen Bruder Frederik bitten, daß er es Sonntag vormittags ein wenig zurechtmacht,« sagte sie zu Pelle, »dann kommen wir selbst am Ende gratis davon ab.« Sie war überhaupt sehr auf ihren Profit aus.
Aber das tat auch not, die Miete verschlang die hundert Kronen, und dann waren da alle die Anschaffungen. Sie kaufte billigen Kattun in einer Unmenge von Ellen und hängte ihn auf, so daß eine Reihe kleiner Kojen längs der einen Seite des Saals entstanden, in jede Koje kam ein gebrauchtes Bett mit einer Heumatratze und ein Waschgeschirrständer. »Artisten nehmen es nicht so genau«, sagte sie. »Und ich glaube wirklich, daß ihnen der Saal zu ihren Übungen sehr willkommen sein wird!« Endlich waren da die beiden kleinen Anrichtezimmer, die ein wenig hübsch ausgestattet werden sollten für besonders anspruchsvolle Artisten. Das Geld reichte nicht annähernd, man mußte eine Menge auf Kredit nehmen.
Aber dann war auch das Ganze bereit, die freien Vögel aufzunehmen, und ganz flott war es im Verhältnis zu den Mitteln. Pelle mußte ihre Geschicklichkeit bewundern, viel aus wenig zu machen. Jetzt galt es nur, die Vögel einzufangen. Aber hier versagte Ellens praktischer Sinn, sie vermochte den Pfiff nicht zu ersinnen. »Wir müssen inserieren«, sagte sie und zählte ihre Schilling nach.
Pelle lachte sie aus. Inserieren, um Leute einzufangen, die sich, der Teufel weiß wo, auf Eisenbahnen und Dampfern befanden, das sollte wohl nützen! »Was machen wir denn nur?« sagte sie und sah ihn ängstlich hilfesuchend an. Jetzt war er doch der Mann, der für das Ganze einstehen mußte.
Ja, zu allererst mußte ein deutsches Schild an der Haustür angebracht werden, und dann mußte man das Logis bekannt machen. Pelle hatte sowohl Deutsch als auch Englisch im Gefängnis gelernt und setzte selbst das Schild zusammen. Er ließ Karten drucken, die er in die Artistenkneipen oben an der Ecke der Westerbrückenstraße legte, ging auch selbst ein paarmal nach Mitternacht dahin, wenn sich die Artisten nach beendeter Arbeit versammelten, und stellte sich an den Hintertüren des Varietés auf. Das ward bald zu einer Aufgabe, wie alles, womit er sich beschäftigte – und nun sollte dies durchgedrückt werden.
Ellen sah verwundert und hilflos zu. Sie war auf einmal ganz bange geworden und verfolgte mit gespannter Aufmerksamkeit eine jede seiner Bewegungen.
Aber bald begann Leben in die Sache zu kommen. Die Mädchen, für die Ellen gewaschen harte, interessierten sich für das Unternehmen und schickten ihr Logiergäste zu; und Lasse Frederik, der in den Zirkusställen verkehrte, kam häufig mit irgendeinem russischen Stallknecht angezogen, der als Bauerntänzer oder Kosakenreiter auftrat. Es kam vor, daß Leute von der ganz entgegengesetzten Seite des Erdballs bei ihr wohnten, da, wo sie mit dem Kopf nach unten gehen: Fakire und Zauberkünstler aus Indien und Japan, Schlangenbändiger aus Tetuan, Leute mit blankgeschorenen Schädeln oder mit einem langen schwarzen Zopf, mit schiefen, melancholischen Augen, losen Hüften und einer Haut, die Ähnlichkeit mit dem grünlichen Leder hatten, das Pelle zu Damenstiefeln verwendete. Schwester war bange vor ihnen, aber für Lasse Frederik war dies ein Herrenleben. Es kamen auch dicke Tirolermädel – immer zu dreien –, die in den Tingeltangeln jodelten und den ganzen Tag schrecklich aussahen. Die waren Ellens Verzweiflung. Und hin und wieder kamen ganze Trupps. Dann knarrten Trapeze und Ringe in dem großen Saal, spanische Tänzer trainierten, und der Jongleur übte neue Tricks ein.
Es waren das alles Leute, die man am liebsten nicht außerhalb der Bühne sehen durfte. Ellen kam jetzt oft in den Zirkus und in die Varietés, konnte aber nie so recht begreifen, daß die Auftretenden dieselben waren, die daheim in Schmutz und Unordnung herumgingen und ärger aussahen als das Unglück. Die meisten machten keine Ansprüche, sondern wollten nur alles billig haben, sie beköstigten sich selbst und lebten zuweilen Gott weiß wovon. Einige zündeten ganz einfach ein Feuer auf einer eisernen Platte auf dem Fußboden an und manschten sich etwas zusammen, Reis oder dergleichen. Sie könnten kein dänisches Essen vertragen, sagte Pelle.
Zuweilen machten sie sich aus dem Staube, ohne zu bezahlen, es geschah auch wohl, daß sie etwas mitnahmen, und ruinieren taten sie fürchterlich. Seide war nicht dabei zu spinnen, aber Ellen war vorläufig zufrieden, wenn die Sache nur ging, so daß sie die Miete herausschlug und die Abzahlungen und ein wenig für ihre Mühe. Es war ihr stolzer Plan, die schlechten Elemente auszuschalten und das Ganze ein wenig vornehmer anzulegen, sobald nur die Sache gut in Schwung gekommen war.
»Nun könntest du recht gut die schlimmste Arbeit abweisen und dich ein wenig schonen«, sagte sie zu Pelle, wenn er dasaß und sich mit abgetragenem Fabrikschuhzeug abmühte, an dem weder Sohlen noch Oberleder war. Das meiste Schuhzeug hatte anderswo Dienste geleistet, ehe es hier strandete, und wenn Pelle es in Behandlung bekam, war nicht mehr viel davon übrig. »Sag' doch nein dazu,« meinte Ellen – »das ist ein viel zu saurer Verdienst für dich! Und nun können wir uns ja durchschlagen, ohne alles mitzunehmen!« In ihrer Herzensgüte fand sie, daß er Zeit haben müsse, sich seinen Büchern zu widmen, da das ja nun einmal seine schwache Seite war.
Sie meinte es gut genug mit ihm, aber Pelle wollte nichts davon wissen, ein ästhetischer Tagedieb zu sein, ein Mann, der sich von seiner Frau ernähren ließ und den Gelehrten spielte. Von der Art gab es hier in der Gegend genug, und die Bewohner des Viertels sahen zu ihnen auf, aber sie waren nicht amüsant. Es war im Grunde eine andere Sorte von Trunkenbolden.
Für ihn waren die Bücher eine neue Kraft, schwer herausgewachsen aus dem Aufenthalt im Gefängnis. Er hatte einsam da drinnen mit seiner Arbeit gesessen, darauf angewiesen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, und hatte seine Person gründlich erforscht. Es war ja geradezu, als bekomme er Gesellschaft, wenn er das Neue und das Fremde in sich an den Tag hervorgrub; und eines Tages stieß er auf den Nebel seines eigenen Wesens und entdeckte, daß der aus Erfahrungen bestand, die andere vor ihm gemacht hatten. Die Bibel, die immer auf dem Tisch des Gefangenen zur Gesellschaft lag, half ihm; ihre Rede klang wie eine tiefe bekannte Stimme, die in vielem an Vater Lasses Stimme aus seiner Kindheit erinnerte. Von der Bibel ging er weiter und entdeckte, daß die ernsten Bücher Menschen waren, die in der Einsamkeit saßen, so wie er selbst – und nach außen hinaus redeten.
War denn die Einsamkeit so entsetzlich, wenn man solche Gesellschaft hatte? Pelle begriff seine eigene Angst davor nicht mehr. In seiner Kindheit war er Geschöpf im weitesten Sinne gewesen und hatte an allem Gesellschaft gehabt – er konnte sich mit Bäumen, Tieren und Steinen unterhalten. Die Fäden welkten einmal ab und führten keine Nahrung mehr zu; aber dann wurde er eins mit den Massen und fühlte und dachte genau so wie sie. Jetzt war auch das im Begriff zu zerbröckeln; er wurde deutlich Glied für Glied isoliert, und es ergötzte ihn, einen Plan darin zu entdecken. Er hatte sich die Natur schon als Kind untertan gemacht – und dann die Massen erobert! Jetzt sollte an die Einsamkeit die Reihe kommen – und mitten darin bewegte er sich selbst, groß und wunderlich, sie war bereits mitten im Begriffe, unauslöschliche Spuren in seinem Gemüt zu hinterlassen, obwohl er noch nichts von ihr gesehen hatte. Ihm war so sonderbar gespannt zumute – ungefähr so wie damals, als er in seiner Kindheit zusammen mit seinem Vater auf Bornholm anlangte und nichts sehen konnte, aber ein Gewimmel von Leben sich da drinnen hinter dem Nebel regen hörte. Eine neue, unbekannte Welt voller Wunder pochte ihm von da drinnen ahnend entgegen.
Pelle handelte nicht von irgendeinem Willensakte heraus; er hätte ebenso gut versuchen können, sich selbst an den Haaren in die Höhe zu ziehen, als zu beschließen, daß er jetzt ein Mensch für sich selber sein wollte. Dies war ein Erwachen von neuen Fähigkeiten! Er ließ sich nicht mehr Sonne und Regen über den Kopf hingehen, es geschah das Wunderbare mit ihm, daß er alles staunend betrachtete, was bisher als alltäglich an ihm vorübergeglitten war, und alles in neuem, strahlendem Licht erblickte. Er mußte alles von vorn an erforschen, jede Einzelheit betrachten – nein, war es nicht wunderbar, wie sich alles miteinander verband, Kummer und Freude und scheinbare Kleinigkeiten, bis er es selber wurde, Pelle, der über Hunderttausende geherrscht hatte und doch ins Gefängnis mußte, um sich reich zu fühlen. Es war etwas in ihm entzündet, was nie erlöschen konnte, ein heiliges Feuer, zu dem alles Brennholz hertragen mußte, es mochte wollen oder nicht. Jetzt konnte er nicht besiegt werden, er sog Kräfte aus der Unendlichkeit selbst.
Die kahle Zelle – drei Schritt nach der einen Seite und sechs nach der anderen – mit ihrer Luftklappe, ihrem süßlichen Abortgestank, und dem mystischen Guckloch in der Tür, das war wie ein Auge, das beständig über einem wachte – – ja, wieviel hatte sie nicht in sich eingeschlossen! Es war ja zu allen Zeiten das Los des armen Mannes gewesen, sich aus der Leere Welten zu schaffen, schöne Fata Morganas, die plötzlich zersprangen und ihn noch ärmer und öder zurückwarfen. Aber dies hielt; in der kahlen Kammer der Zelle schienen sich alle Lebensleitungen zu vereinen, sie war wie der dunkle, unterirdische Raum in mächtigen Gebäuden, wo der Mechanismus aufbewahrt wird, der das Licht und die Wärme in den ganzen Komplex ein- und ausläßt. Da drinnen entdeckte er, wie reich und mannigfaltig das Leben ist.
Pelle ging in einer eigenen, gehobenen Stimmung umher. Er hatte eine Empfindung, als habe etwas, das größer und schöner war als er selbst, Sitz in ihm genommen und müsse sich nun da drinnen zu seiner Vollendung auswachsen. Inwendig in ihm wuchs es, ein neues Wesen, das dennoch er selbst war, ruhte dort und sog Nahrung aus allem, was er unternahm. Er bewegte sich behutsam und still, mit einem nach innen gekehrten Ausdruck, als wäge er alles ab; da war so viel, was man nicht durfte, weil es diesem schaden konnte! Sie waren jetzt immer zwei – Pelle und dies wunderliche, ungesehene Ich, das sicher und schwer in ihm ruhte wie eine Leibesfrucht, mit ihrer Wurzel in dem Dunklen. – – –
Pelles Verhältnis zu den Büchern war tief begründet – er mußte jetzt Klarheit über die Welt haben. Den Dichterwerken gegenüber war er ein wenig mißtrauisch, man gelangte zu leicht zu ihrem Inhalt, damit konnte es nicht seine richtige Bewandtnis haben. Sie waren ja übrigens auch gemacht! Er hatte ein Bedürfnis nach wirklichem Stoff, nach Tatsachen: es waren mächtige Räume in seinem Gehirn, die danach hungerten, mit handgreiflichem Wissen von den Dingen angefüllt zu werden. Er gab geschichtlichen Werken den Vorzug, namentlich sozial-historischen, und las bis auf weiteres alles, was ihm in die Hände fiel, roh und ungesüßt. Dann mußte es selbst sehen, wie es sich ausschied. Es war dies ein Hunger, der nie befriedigt worden war und jetzt unersättlich erschien.
Aber seine Arbeit verrichtete er pedantisch, er hatte es sich zum Grundsatz gemacht, niemals ein Buch anzurühren, solange Arbeit auf dem Fußboden lag und wartete. Er hatte im Gefängnis von einem vernünftigen Arbeitstag von z. B. acht Stunden geträumt, so daß einem Zeit und Kräfte blieben, sich mit dem Geistigen zu beschäftigen; jetzt nahm er statt dessen vom nächtlichen Schlaf. Hier war auf alle Fälle ein Gebiet, wo man es wohl lassen sollte, ihn auszuschließen, er wollte seinen Anteil an dem Wissen der Zeit haben. Er fühlte, daß darin Waffen lagen, lange genug hatte sich der arme Mann gutwillig in die Ecke gestellt aus Mangel an Aufklärung; jedesmal, wenn er den Kopf hervorsteckte, log man ihn wieder zurück. Warum eroberte der arme Tropf nicht ganz einfach das Vorrecht der Oberklassen? Es kostete ja nur Mühe, und mit der Münze zu bezahlen, war er gewöhnt! An Fähigkeiten fehlte es ihm kaum; soweit Pelle vorläufig sehen konnte, kamen fast alle Bahnbrecher für das Neue von unten herauf.
Er entdeckte zu seiner Freude, daß sein Suchen innen, in sich selbst, ihn nicht von der Welt wegführte; dort, tief da drinnen, tauchte er ja wieder ins Licht hinaus. Ja, ins Licht! Er folgte den geheimen Gesetzen seines eigenen, innersten Wesens – und stand wieder mitten in der Frage nach dem Wohlergehen der Vielen. Sein praktischer Sinn bedurfte dieser Betätigung des Zusammenhanges. Darin lagen auch Ergebnisse nach außen hinaus; schon jetzt konnte die Geschichte nicht länger benutzt werden, um ihn und seinen Ideen heimzuleuchten – er wußte zu viel. Und sein Blick wuchs von Tag zu Tag und umspannte einen immer größeren Horizont. Eines Tages würde er ganz einfach den Kobolden die Zauberformel rauben und damit den Kampf entfachen!
Er war von unermüdlicher Ausdauer und in der Regel voller Zuversicht. Wenn die letzten Artisten aus dem Artistencafé nach Hause kamen, brannte in der Regel seine Schusterlampe noch, und er saß da und arbeitete. Dann blieben sie vor dem geöffneten Kellerfenster stehen und machten einen Schwatz mit ihm in ihrem gebrochenen Dänisch.
Es ging knapp her im Hause, die Abzahlungen der Anleihe und die Schulden von der Einrichtung her verschlangen noch immer alles, was sie zusammenscharren konnten, und Pelle hatte keine Aussicht auf bessere Arbeit. Aber die Arbeit trägt selbst den Glauben in sich; er vertraute blind darauf, daß sich ihm schon ein Ausweg erschließen würde, wenn er nur unverdrossen seine Pflicht tat.
Ellens stilles Mißtrauen seinem Vorhaben gegenüber ertrug er mit Ruhe. Er fühlte sich größer als sie in dieser Beziehung, sie gelangte nicht da hinauf, wo er sein Haupt trug!