Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Pelle war wie jemand, der nach jahrelanger Landflüchtigkeit heimkehrt und wieder versuchen muß, sich in ein persönliches Verhältnis zu dem Ganzen zu bringen. Die Amnestie galt nur bis zur Türschwelle, für das Eigentliche mußte er selbst sorgen. Das Land, das er bestellt hatte, war in anderen Händen, er besaß dort kein Recht mehr. Aber er hatte doch gepflanzt, er mußte wissen, wie es gewachsen war und wie es gepflegt wurde.
Das große Vorrücken war in das Politische hinübergeschwenkt. Die Bewegung hatte vorläufig die Ansprüche der Armen auf Brot fallen lassen, hatte sie geopfert, wie man Ballast opfert, um leichter aufsteigen zu können. Man wollte die Institutionen selbst erobern – und dann natürlich zum Ausgangspunkt zurückkehren und das Ganze wieder umwenden. Es mochte ja ganz bequem sein, die abzuladen, die am beschwerlichsten für das Vorrücken waren, aber ließ sich der Sieg auf dieser Grundlage erringen? – Um sie drehte sich ja doch alles! Pelle hatte gründlich gelernt, daß, wer anderen eine Grube gräbt, selbst hineinfällt. Er hatte kein Zutrauen zu dem, was über den Zaun zu gelangen suchte, wo er am niedrigsten war.
Die neue Taktik stammte von dem siegreichen Ausfall des großen Kampfes; er hatte ja selbst die Massen im Triumph gegen die Hauptstadt geführt. Und falls er nicht eingesteckt worden wäre, säße er wohl jetzt als einer der parlamentarischen Vertreter der Arbeiter und als symbolisiertes Vorwärtsrücken in der Bürgerschaft. Aber nun stand er also außerhalb der ganzen Bewegung und mußte seine Stellung zu dem Bestehenden wählen; er hatte der Welt der Ausgestoßenen angehört und der Unversöhnlichkeit gerade in die Augen gesehen – er war nicht sicher, daß die Erhebung des armen Mannes in der Verlängerung der bestehenden Gesellschaftsmoral lag. Er selber war ja noch immer ein Geächteter und brachte es wohl auch nicht zu etwas anderem. Es war schwer, sich unter dem Türrahmen zu ducken, durch den man einmal hinausgeschmissen war – und es war wohl auch schwer, hineinzuschlüpfen. Er beabsichtigte nicht, irgend etwas zu tun, um wieder in die Reihen der geachteten Männer aufgenommen zu werden – er war stark genug, um sich jetzt auf sich selbst zu stützen.
Vielleicht erwartete Ellen etwas nach der Richtung hin, als Genugtuung für all das Unglück, das sie erlitten hatte. Sie mußte sich gedulden! Pelle hatte sich selbst gelobt, sie und die Kinder glücklich zu machen, und er tröstete sich damit, daß er das am besten erreichte, wenn er seinem eigenen Kopf folgte.
Eigentlich glücklich war er nicht. Mit den Geldangelegenheiten ging es schlecht; trotz seinem Grübeln sah die Zukunft gleich unsicher aus. Er hatte das Bedürfnis, der Mann, der Versorger zu sein, so daß Ellen bei ihm Sicherheit und Schutz suchen, sorglos und unbekümmert aus seiner Hand essen und sich widerstandslos hingeben konnte.
Er war nicht ihre Vorsehung – hier war der wunde Punkt, meinte er. Auf alle Fälle konnte man es Lasse Frederik anmerken. Der Bursche hatte Schneid, wenn sie auch ein wenig nach der Straße schmeckte; er besaß Ausdauer, war hell und unerschrocken, mit einem wachen Sinn für alles, was nach Heldentaten schmeckte. Pelle erkannte sich selbst leibhaftig in ihm wieder und war nur stolz auf ihn; aber der Junge seinerseits nahm ihn nicht unbedingt für voll. Er war tüchtig und willig, aber nichts darüber hinaus und verhielt sich im Grunde prüfend; als wolle er erst sehen, wie sich dies oder jenes entwickelte, ehe er die Vaterschaft anerkannte.
Pelle litt unter diesem unausgesprochenen Mißtrauen, das ihn auf die gleiche Stufe mit dem »neuen Vater« gewisser Kinder stellte, und hatte ein sowohl peinliches wie auch lächerliches Gefühl, daß er auf Probe war. In alten Zeiten wäre das mit einer gehörigen Ohrfeige abgetan gewesen, aber jetzt mußten die Dinge so geordnet werden, daß sie hielten; er kaufte nicht mehr billig. Wenn er dem Jungen bei der Organisation der Milchjungen behilflich war, demütigte er sich und schmuggelte Züge aus dem großen Kampf ein, um zu zeigen, daß er auch zu etwas taugte. Er konnte es dem Ausdruck des Jungen ansehen, daß er nicht viel davon hielt und es sich vorbehielt, die Sache genauer zu untersuchen. Das verletzte seinen empfindlichen Sinn und drängte ihn in sich selbst zurück.
Aber eines Tages, als er über der Arbeit saß, kam Lasse Fredrik hereingestürmt. »Erzähl mir 'mal, wie du es angestellt hast, die ›Eingesperrten‹ aus der Fabrik 'rauszuführen, Vater!« rief er atemlos.
»Du glaubst ja doch nicht daran«, erwiderte Pelle vorwurfsvoll.
»Ja, denn sie nannten dich ›den Blitz‹!« rief der Junge voller Bewunderung. »Und sie mußten dich ins Zuchthaus einlochen, um dich los zu werden, der Milchkutscher hat mir das Ganze erzählt!«
Seit diesem Tage waren sie Freunde. – Pelle war mit einem Schlage der Held in dem Leben des Jungen geworden. Er hatte seinen Bart abgenommen, hatte sich das Gesicht geschwärzt und war geradeswegs in die Höhle der Gegner hineinspaziert, besser konnte es nicht sein. Er mußte sich förmlich wehren, um nicht zu einem richtigen Räuberhauptmann mit Schlapphut und hohen Stiefeln zu werden; Lasse Frederik hatte eine üppige Phantasie.
Pelle hatte diesen Sieg nötig. Er mußte zuerst und vor allen Dingen die Seinen sicher im Rücken haben – und dann seine Abrechnung mit der Vergangenheit gründlich abschließen. Aber das war nicht leicht, der kleine Svend Trost stolperte ja überall herum, half sich an den Möbeln entlang zu ihm hin, die ernsthaften Augen starr auf ihn gerichtet – und krabbelte das letzte Ende. Sobald der Kleine losgelassen wurde, richtete er sofort den Kurs auf Pelle; ganz von draußen, von der Küche her, kam er hereingekrochen und ruhte nicht, bis er aufrecht an dem Bein des Vaters stand und zu ihm aufstarrte. »Sieh, wie er dich schon liebhat,« sagte Ellen zärtlich und ließ den Kleinen vorsichtig auf dem Fußboden los – »nimm ihn doch zu dir auf!« Er gehorchte mechanisch, ein persönliches Verhältnis zu diesem Kind hatte er nicht, es war ja kein Kind, sondern die Anklage einer Erwachsenen, die da auf ihn zugekrabbelt kam. Und da stand Ellen und sah so zärtlich aus, als sei es ihr eigenes Kind! Pelle begriff nicht, daß sie ihn nicht verachtete; er schämte sich jedesmal, wenn er an seinen Kampf, sich mit diesem ›Kuckucksjungen‹ zu versöhnen, dachte. Es war nur ein Glück, daß er sich nachsichtig gezeigt hatte!
Es quälte ihn, daß er nicht ebenso natürlich gut gegen den Kleinen sein konnte wie sie. Und wenn sie Svend Trost am Sonnabend gebadet hatte und hinterher mit ihm auf dem Schoß dasaß und ihm reine Unterkleider anzog, konnte es vor Pelles Augen schwarz werden vor Selbstanklage. Gedankenlos hatte er die kleine Marie aus der »Arche« niedergetreten; und diese hier, die er verstoßen hatte, als sie seiner am allermeisten bedurfte, strich ihrerseits mit ihrer segnenden Hand über seine Schuld hin. Und als merke sie seine schwarzen Gedanken, kam sie zu ihm hin und legte ihm den warmen, nackten Kleinen in die Arme. »Ist er nicht lieb?« sagte sie mit einem guten Lächeln. Ihr Herz war so groß, daß es ihn fast beängstigte; sie nahm sich ja dieses Kindes mehr an als ihrer eigenen.
»Ich bin ja seine Mutter!« sagte sie selbstverständlich. »Sollte er vielleicht keine rechte Mutter haben!«
Mariens Schicksal lastete wie ein Verhängnis auf seinem Gemüt, er mußte mit Ellen darüber reden, um zu versuchen, die Sache zu erklären. Aber sie sah nicht den verhängnisvollen Zusammenhang, sie nahm es als etwas hin, was so sein mußte. »Du warst ja so gejagt und verfolgt,« sagte sie ruhig – »und hattest niemand, an den du dich halten konntest. Da mußte es ja so gehen! Marie hat mir das Ganze erzählt. Dafür kann doch niemand etwas, daß sie nicht kräftig genug war – um zu gebären. Der Arzt sagte, es sei ein Fehler in ihrem Bau – sie war inwendig verwachsen.« – Ach, Ellen hatte keine Ahnung davon, für wieviel ein Mensch etwas kann – und sie selbst lud sich viel mehr auf, als sie nötig hatte!
Es lag doch etwas Milderndes in diesen nüchternen Aufklärungen, obwohl sie nichts über das Eigentliche sagten. Es ist auch auf die Dauer unerträglich, die Last von etwas zu tragen, was nicht wieder gutzumachen ist, und Pelle freute sich darüber, daß Ellen so natürlich und selbstverständlich bei Mariens Schicksal verweilte; das zog es auch für ihn in das Gewöhnliche hinein. Marie hatte Zuflucht bei ihr gesucht, als sie ihren Zustand nicht länger verbergen konnte, und Ellen nahm sie zu sich und behielt sie bei sich, bis sie in die Entbindungsanstalt kam. Sie wußte selbst ganz genau, daß sie sterben mußte – es war, als könne sie es an sich fühlen – und sie saß da und redete mit Ellen davon, während sie ihr bei der Arbeit half. Alles bereitete sie so vernünftig vor wie eine »alte Mutter«.
»Wie altklug sie war – und doch kindlich dabei!« konnte Ellen bewegt ausrufen.
Ja, Pelle mußte an sein Leben in der »Arche« denken, damals, als die kleine Marie Hausmütterchen für ihn und ihre beiden Brüder war – ein bekümmertes Hausmütterchen von elf Jahren! Verkrüppelt war sie und trug doch alle reichen Möglichkeiten in sich; sie erinnerte an die Armut selber. Angesteckt von seiner jungen Kraft, war sie in die Höhe geschossen und hatte sich zu einer holden Jungfrau entwickelt, nach der sich die jungen Lebemänner umwandten, wenn sie über die Straße ging, um ihre Einkäufe zu machen. Er war besorgt um sie gewesen, allein und unbeschützt wie sie war – und dann war er selbst es gewesen, der die Arme und Wehrlose plünderte! Warum trug er sein Kreuz damals nicht allein, sondern nahm die Liebe eines Wesens an, das sich ihm hingab, aus Dankbarkeit dafür, daß er ihr des Lebens Freude geschenkt hatte? Warum mußte er in einem schweren Augenblick sein Geschenk zurücknehmen? Svend Trost hatte sie in ihrer naiven Herzensgüte den Jungen genannt, damit sich Pelle so recht über ihn freuen sollte. Aber es war ein teurer Trost, der mit dem Leben eines Menschen erkauft werden mußte! Für Pelle war das Kind im Grunde eine Anklage.
Da war viel, womit abgerechnet werden mußte, und eine Menge, was sich nicht in Ordnung bringen ließ. Pelle fand zuweilen, daß es eine hinreichende Last war, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
In dieser Zeit kam ihm Morten oft in den Sinn. »Morten hat mich auf alle Fälle im Stiche gelassen,« dachte er – »er konnte meinen Erfolg nicht ertragen!« Hier war wenigstens ein Punkt, wo Pelle das Recht auf seiner Seite hatte! Morten mußte zu ihm kommen, wenn sie wieder etwas miteinander zu schaffen haben wollten. Pelle trug ihm nichts nach, aber es war natürlich und gerecht, daß der, der obenauf war, zuerst die Hand ausstreckte.
So glaubte er, sich auf alle Fälle vor dieser Frage Ruhe geschafft zu haben, aber sie kam wieder. Er hatte jetzt selbst die Verantwortung übernommen – und wollte damit anfangen, daß er seinen einzigen Freund einer Etikettenfrage opferte! Er mußte zu ihm gehen und ihm eine versöhnende Hand reichen!
Dies schien doch endlich einmal groß gedacht!
Aber Pelle sollte nicht einmal in diesem Punkt das Recht haben, mit sich zufrieden zu sein. Er litt unter derselben peinlichen Unruhe wie in der Zelle, wenn er sich von seiner Arbeit wegstahl und heimlich las, er hatte ein Gefühl, als sei ja beständig ein Auge am Guckloch, das alles sah, was er vornahm. Er mußte sich noch einmal mit der Frage beschäftigen.
Der uneigennützige Morten mißgünstig? Ja, er hatte ja nicht eingestimmt in den Tusch bei Pelles Siegen, sondern hatte es vorgezogen, sein böses Gewissen zu sein! Da kam wohl endlich der wahre Grund zum Vorschein? Er hatte sich an dem Lärm berauscht und mußte etwas finden, um Mortens stille, warnende Stimme damit zu übertäuben, und dann lag die Beschuldigung klar auf der Hand – Mißgunst! Schließlich war er es wohl selber, der treulos gewesen war.
Eines Tages suchte er ihn auf. Mortens Wohnung zu erfragen war nicht schwer, er hatte sich einen guten Namen als Schriftsteller errungen und wurde in den Zeitungen oft in Verbindung mit der Unterklasse genannt. Er wohnte draußen auf dem Süd-Boulevard, oben unterm Dach wie immer, mit der Aussicht über den Kalbsbudenstrand und Amager.
»Nein, bist du da!« sagte er und ergriff Pelles Hände. Er blieb lange stehen und starrte in das strenge, gefurchte Gesicht, bis ihm Tränen in die Augen traten. »Pelle, wie hast du dich doch verändert!« flüsterte er endlich halb entsetzt und führte ihn in die Stube.
»Freilich hab' ich mich verändert,« erwiderte Pelle finster – »ich hab' auf alle Fälle Grund dazu gehabt. – Aber du, wie ist es dir ergangen? Bist du verheiratet?«
»Nein, ich bin einsam, wie immer. Die, die ich haben will, macht sich noch immer nichts aus mir, und mit den anderen kann ich nicht. Ich glaubte, du hättest auch die Hand von mir genommen, aber nun bist du also doch gekommen.«
»Ich fand ja viel Erfolg, und dann wird man selbstgerecht.«
»Hm ja! Aber warum hast du im Gefängnis meine Briefe zurückgeschickt? Das war fast zu hart.«
Pelle sah überrascht auf. »Es kam dem Zuchthausgefangenen wohl nicht in den Sinn, daß er jemand verletzen konnte – da tust du mir doch unrecht«, sagte er. »Mich selbst wollte ich ja damit strafen!«
»Dann bist du krank gewesen, Pelle!«
»Ja, krank! Du solltest nur wissen, wie man wird, wenn sie das Menschenrecht so in einem ersticken und einen zwischen vier kahle Wände einsperren. Eine Zeitlang war ich so, daß ich blindlings alle Welt haßte; das Gehirn drehte sich mir im Kopf herum, denn ich wollte eine richtig boshafte Rache ersinnen, und da ich andere nicht treffen konnte, half ich mir damit, daß ich die Strafe an mir selbst vollzog. Es war doch immerhin eine Befriedigung darin, daß, je mehr ich litt, um so größere Teufel waren die anderen. – Und ich traf sie wirklich, sie haßten mich eine Zeitlang aufrichtigen Herzens.«
»War da denn niemand, der dir ein beruhigendes Wort spendete, der Pfarrer, die Lehrer?«
Pelle lächelte bitter: »Ja, die Prügel! Der Schließer vermochte mich nicht unter die Disziplin zu zwingen – ich war ein sogenannter schwieriger Gefangener. Nicht, daß ich nicht gewollt hätte, aber es fehlte mir vollständig an Gleichgewicht; man hätte ebensogut von jemand verlangen können, daß er ruhig gehen soll, wenn das Ganze um ihn herumwirbelt. Sie sahen wohl ein, daß ich nicht selbst damit fertig werden konnte, denn eines Tages banden sie mich an einen Pfahl, zogen mir das Hemd über den Kopf in die Höhe und prügelten mich. Es ist wunderlich, daß ich es sagen muß, aber es half; das Verfahren war so brutal, daß alles in mir verstummte. Wenn das geschehen konnte, gab es nichts mehr, wogegen man protestieren mußte. Ich wurde in ein nasses Laken geschlagen und auf meine Pritsche gehoben – und damit war das in Ordnung. Acht Tage mußte ich auf der Brust liegen und konnte mich nicht rühren vor Schmerzen, die geringste Bewegung machte mich knurren wie ein Tier. Die Schläge waren quer durch mich hindurchgegangen und ließen sich auf meiner Brust zählen, und da lag ich wie ein bleischweres Bündel, in stumpfsinnigem Staunen zu Boden geschlagen. So gehen sie mit Menschen um, stöhnte es in mir – so gehen sie mit Menschen um! Ich begriff nichts mehr.«
Pelle war bleigrau im Gesicht geworden, alles Blut war daraus entwichen, so daß die Knochen totscharf hervortraten. Er saß da und schluckte, um Herr seiner Stimme zu werden.
»Begreifst du wohl, was es heißt, Prügel zu bekommen?« sagte er heiser. »Feuer ist nichts, ich wollte lieber lebendig verbrannt werden, als das noch einmal durchmachen. Der Stockmeister schlägt nicht – er ist nicht die Spur böse; niemand ist böse auf einen, sie sind alle so würdig betrübt um einen. Er legt die Schläge sorgfältig auf unseren Rücken nieder, als wäge er Essen aus, es ist beinahe, als liebkose er einen. Aber die Lungen spritzen unter dem Schlag, und das Herz krampft sich wahnsinnig zusammen, es ist, als wenn tausend Zangen alle Fibern und Nerven auf einmal auseinanderreißen. Mein ganzes Innere preßte sich zusammen vor Entsetzen und wollte mir durch die Kehle entfliehen, jedesmal, wenn ein Schlag herbeigeschlichen kam. Noch brennen meine Lungen, wenn ich daran denke, und mein Herz kann sich gewaltsam zusammenkrampfen und damit drohen, das Blut aus meinem Hals herauszuspritzen. – Weißt du, was das Teuflische bei Körperstrafen ist? Es ist kein körperlicher Schmerz, den man dem Menschen zufügen will, man prügelt sein Inneres – seine Seele. Während ich dalag und über mein Inneres brütete, mir selbst überlassen, daß ich meine Wunden lecken konnte wie ein einsames Tier, da begriff ich, daß ich es mit dem bösen Gewissen der menschlichen Gesellschaft zu tun gehabt hatte, mit ihrem Haß gegen die, so da leiden.«
»Entsinnst du dich noch, was die Veranlassung zu der Strafe gewesen war?« fragte Morten und trocknete den Schweiß von der Stirn.
»Es war irgend etwas ganz Gleichgültiges – ich schrie gewiß. Die Einsamkeit und die schreckliche Stille bedrückten mich, da hab' ich wohl geschrien, um ein wenig Leben in die schreckliche Leere hineinzubringen. Das alles steht mir nicht mehr klar in der Erinnerung, aber ich glaube wohl, daß das das Verbrechen war!«
»Du hättest doch Verwendung für ein gutes Wort von einem Freund gehabt.« Morten dachte noch immer an seine verschmähten Briefe.
»Ja, aber die Zellenluft ist nun einmal nicht gut für ein freundschaftliches Verhältnis mit der Außenwelt; man wird gehässig gegen alle, die frei sind – auch gegen die, die es am besten mit einem meinen – und da schneidet man selbst das bißchen Zweig ab, worauf man sitzt. Ich wäre vielleicht nie wieder in ein Verhältnis zum Leben gekommen, wenn nicht Mäuse in meiner Zelle gewesen wären. Ich pflegte ihnen Brot unter den Rost zu bröckeln, und als ich dann halbtot dalag und brütete, da kamen sie herauf und liefen piepsend über meine Hand. Das war doch eine Liebkosung – wenn auch nicht von Mitmenschen.«
Morten bewohnte eine kleine Zweizimmerwohnung unter dem Dach. Während sie dasaßen und sprachen, hörten sie hin und wieder Laute aus der anderen Stube; dann zuckte es nervös in seinem Gesicht, und er starrte ärgerlich auf die geschlossene Tür. Er wurde allmählich sichtbar unruhig und war beständig mit einem Ohr da drinnen. Pelle wunderte sich darüber, wollte aber nicht fragen.
Plötzlich klang es, als wenn ein Stuhl umgeworfen würde. Morten erhob sich hastig und ging da hinein, er schloß sorgfältig hinter sich. Pelle hörte flüsternde Stimmen, die Mortens, die ermahnte, und die dünne, aufsässige Stimme einer Frau. »Er hat ein Mädchen da drinnen versteckt« – dachte Pelle »ich muß wohl lieber machen, daß ich wegkomme.«
Er stand auf, um zu gehen, und warf einen Blick durch das große Mansardenfenster. Wie verändert war das Ganze, seit er zuerst nach der Hauptstadt gekommen war und von Mortens alter Bude aus darüber hinaussah. Damals hatte er davon geträumt, die Stadt zu erobern – und hatte es ja auch ausgeführt, und nun konnte er wieder von vorne anfangen! Eine ganz neue Stadt lag unter ihm ausgebreitet; wo er seinerzeit zwischen Kais und Kohlenhaufen Heulpeter in die Arme gelaufen war, erhob sich jetzt eine Reihe palastähnlicher Gebäude um einen schönen Boulevard. Und alles da draußen war neu; ein großes Arbeiterviertel war aufgeschossen, wo damals Holzlager oder Wasser gewesen waren. Unter ihm arbeiteten Lokomotiven und schleppten Reihen von Kippwagen mit Schutt über das Terrain für den neuen Güterbahnhof, und auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens wuchs ein neues Herrschafts- und Geschäftsviertel auf der Island-Brücke auf. Und hinter dem Ganzen breitete sich das Wasser und das grüne Amagerland aus. Morten verstand es, sich einen hohen Zweig zu wählen, so wie die Nachtigallen.
Eine Menge Bücher hatte er sich wieder gesammelt, und auf seinem Schreibtisch standen Photographien, bekannte Männer mit ihren eigenen Namenszügen. Er schien überhaupt gut vorwärts gekommen zu sein in der Welt der Bücher. Pelle suchte seine eigenen Arbeiten heraus und blätterte interessiert darin, es war ihm, als könne er deutlich Mortens eindringliche Stimme hinter den Worten hören. Jetzt wollte er ihn lesen!
Morten kam herein. »Du willst doch nicht gehen?« fragte er und strich sich über die Stirn, »bleib doch noch ein wenig und laß uns gemütlich miteinander plaudern. Ich hab' dich entbehrt, das kannst du mir glauben.« Er sah müde aus.
»Ich freue mich riesig darauf, deine Bücher zu lesen«, sagte Pelle begeistert. »Was für eine Menge du zusammengeschrieben hast – du bist nicht träge gewesen.«
»Die Einsamkeit hat dich vielleicht auch gelehrt, die Bücher zu lieben?« sagte Morten und sah ihn an. »Dann hast du dir gute Bundesgenossen da drinnen erworben, Pelle! – An dem allen ist nun nicht viel dran, das sind nur Vorarbeiten. Unsere Welt ist eine neue Welt, das darfst du nicht vergessen!«
»Ich finde, der Arbeiter macht sich nicht sonderlich viel aus dir!«
»Nein, nicht sonderlich viel«, entgegnete Morten leise.
»Du schreibst nur in den bürgerlichen Blättern, sagt man.«
»Sonst würde ich sicher tothungern – die gönnen mir wenigstens das tägliche Brot! Unsere eigene Presse hat noch immer keine Verwendung für unsichere Kantonisten, sondern nur für Leute, die nach der Parole marschieren!«
»Und dir wird es schwer, dich unterzuordnen«, sagte Pelle lächelnd.
»Meine Verantwortung liegt aufwärts«, erwiderte Morten stolz. »Wenn ich das Auge des Blinden in die Zukunft hinein bin, kann ich mich nicht von ihm leiten lassen. Hin und wieder stiehlt ›Der Arbeiter‹ einmal einen meiner Beiträge aus der bürgerlichen Presse – das ist die ganze Verbindung, die ich mit meinen Leuten habe. Meine Nahrung muß ich mir jenseits der Grenzscheide holen, und auch meine Eier muß ich da legen – das sind im Grunde harte Bedingungen; du kannst mir glauben, es hat mich oft gewurmt, daß ich nur auf Umwegen zu meinen Leuten reden kann. Nun, ich hab' ja Zeit, zu warten; um den Sohn der Kraft herum führt doch kein Weg. Vorläufig verrichte ich also eine Arbeit in der Oberklasse; ich rücke den Glücklichgestellten das Elend auf den Leib und störe ihren ruhigen Genuß. Die Umwälzung muß auch von oben her vorbereitet werden.«
»Können die denn deine Schilderungen vertragen?« fragte Pelle verwundert.
»Ja, die Oberklasse ist genau so tolerant wie das Volk, ehe es sich erhob – das ist eine Äußerung von Kultur. Zuweilen ist sie fast zu tolerant, man kann nicht recht dazu kommen, für seine Worte einzustehen. Ist da was, was ihnen nicht gefällt, so bleibt ihnen immer der Ausweg, die Sache vom künstlerischen Gesichtspunkt aufzufassen.«
»Wieso?«
»Als Leistung, als trete man nur auf, um sie zu unterhalten. Das ist großartig gemacht – heißt es, wenn man ein Stück des grundlosen Elends bloßgelegt hat – das ist ganz russisch. Natürlich hat es nichts mit der Wirklichkeit zu schaffen – jedenfalls nichts mit der heimischen. Aber diesen oder jenen trifft man doch immer, und allmählich, glaube ich, wird ihnen der Speichel bitter im Munde. Eines Tages gelingt es mir vielleicht auch, so über die Kleinen zu schreiben, daß niemand darum herum kann. Aber du selbst – wie stellst du dich zu der Sache? Bist du enttäuscht?«
»Da drinnen ließ ich in meiner harten Not sich die Glückszeit an euch andern erfüllen – nun ja! Es ist freilich eine große Veränderung vor sich gegangen.«
»Und du freust dich darüber?«
»Alles ist teurer geworden,« sagte Pelle langsam, »und die Arbeitslosigkeit scheint auf dem besten Wege, permanent zu werden.«
Morten nickte. »Das ist die Antwort des Kapitals; die multipliziert jede Lohnsteigerung mit zwei und belastet die Arbeiter wieder damit. Der kleine Mann verträgt nicht viele solche Siege.«
»Das Schlimmste ist beinahe die spießbürgerliche Entwicklung. Ich finde, unsere guten niedrigen Klassen sind im Begriff, sich in zwei Teile zu spalten: in die Eliteberufe, die in die Bürgerschaft aufrücken, und das Proletariat, das verraten zurückbleibt. Das Ganze ist gewiß zu klein angelegt gewesen, um weit tragen zu können.«
»Du bist draußen gewesen und hast größere Verhältnisse gesehen, Pelle«, sagte Morten bedeutend. »Nun mußt du uns andere lehren!«
»Ich bin nicht im klaren mit mir selber,« antwortete Pelle ausweichend – »und ich bin vorbestraft! Aber du selber!«
»Ich tauge nicht zum Fahnenträger, du hast es ja selbst gesehen, sie machen sich nichts aus mir. Ich bin zu weit von dem großen Troß vorgeschoben und habe keine rechten Verbindungen – ich bin im Grunde schrecklich einsam, du! Aber vielleicht bin ich dazu ausersehen, die Höhen vor euch anderen zu erreichen, und dann will ich versuchen, da droben ein Feuer für euch anzuzünden.« Morten saß eine Weile schweigend da, plötzlich erhob er den Kopf –:
»Aber du mußt, Pelle! Du bist nicht der Rechte, sagst du – da sind ganz einfach keine anderen da als du. Hast du vergessen, dass du der helle Brand der Bewegung warst, ihr naiver Glaube? Sie glaubten ja blindlings und kindlich an dich, alle wie ein Mann, und vermochten nichts mehr, als du abfielst. Nicht du, sondern die anderen – die ganze Bewegung, die hat im Gefängnis gesessen! Und wie es mich freut, daß du wiedergekommen bist, voll Kraft von da draußen her. Du bist größer als früher, Pelle; und da geschah trotzdem etwas. Jetzt muß dir das Große selbst gelingen können.«
Pelle saß da und lauschte hinaus in die sich herabsenkende Dämmerung, verwundert und froh befangen. Morten sprach seine Ernennung aus, der strenge, unbestechliche Morten, der ihn bisher immer verfolgt hatte wie ein schlechtes Gewissen.
»Nein, jetzt will ich vorsichtig sein,« sagte er – »und daran bist du selbst schuld, Morten. Du hast meine Seele aufgestachelt, und nun ist sie wach; ich gehe nicht mehr blind drauflos. Ich hab' es im Gefühl, daß das, woran wir beide beteiligt sind, das Größte ist, was die Welt bisher gesehen hat. Es greift weiter in die Zukunft ein, als wie ich selber sehen kann, und darum arbeite ich mit mir selber. Ich studiere die Bücher – damit habe ich im Gefängnis angefangen – ich muß versuchen, einen Überblick über die Welt zu gewinnen. Es ist auch etwas Sonderbares mit mir vorgegangen – jetzt begreife ich, was du damit meintest, daß der Mensch heilig ist! Ich bin nicht mehr damit zufrieden, ein kleiner Teil des Ganzen zu sein, sondern ich finde, daß ich versuchen muß, selbst eine ganze Welt zu werden. Das hört sich töricht an, aber ich habe ein Gefühl, als befände ich mich selbst auf der einen Wagschale und die ganze übrige Welt auf der anderen. Und ehe ich die nicht in die Höhe wippen kann, darf ich nicht daran denken, mich an die Spitze der Vielen zu stellen.«
Es war Abend geworden, ehe sie es merkten. Das elektrische Licht warf unten vom Bahnhofsgebiet seinen Schein zu der Decke des Mansardenstübchens hinauf, und von dort hinab auf die beiden Männer, die vornübergebeugt im Halbdunkel dasaßen und ruhig miteinander redeten. Keiner von ihnen bemerkte, daß sich die Tür zu dem anderen Zimmer auftat; ein langes, skelettartiges Mädchen stand auf der Schwelle und starrte sie mit großen, schwarzen Pupillen an. Sie war im bloßen Hemd, das von der einen knochenmageren Schulter herabgefallen war, und mit bloßen Beinen; das Hemd reichte nicht bis ans Knie und ließ ein Paar traurig dünne Beine sehen. Ihr Atem ging pfeifend durch den Raum.
Pelle erhob den Kopf, um etwas zu sagen, schwieg aber beim Anblick der weißen, knochenmageren Gestalt, die dort stand und ihn mit großen, saugenden Augen betrachtete, die die Dunkelheit in sich hineinzuwirbeln schienen. Die Begegnung mit Morten hatte ihn in eine eigene, erwartungsvolle Stimmung versetzt, ihm tönte noch die Berufung hell ins Ohr, und er starrte entsetzt das gespensterhafte Wesen an. Die feinen, von der Not verunstalteten Züge, der Ausdruck der Augen voll grauenvollen Kinderwissens von der Finsternis, dies ganze Doppelbild todgezeichneter Fahlheit und uneingelöster Schönheit – war das nicht das Gespenst der Armut, all das Beeinträchtigte und Unterdrückte, das gequält spukte, um ihn zu mahnen? Hatte sein Gehirn einen Rückfall bekommen? – Waren die grauenvollen Dämmerungserscheinungen der Zelle im Begriff wiederzukehren? »Morten!« flüsterte er und berührte seinen Arm.
Morten sprang auf. »Aber Johanne, schämst du dich denn nicht!« rief er vorwurfsvoll. Er wollte das Mädchen in das andere Zimmer zurückschieben und die Tür öffnen. Aber sie drängte sich an ihm vorüber in die Stube vor.
»Ich will ihn sehen,« sagte sie erregt – »wenn Sie ihn mich nicht sehen lassen, dann lauf' ich weg! – Er hat meine Kleider versteckt,« sie starrte Pelle mit ihren eingefallenen Augen an, »aber ich kann sehr gut im bloßen Hemd ausreißen. Was mach' ich mir daraus?« Ihre Stimme war heiser und grob von der naßkalten Luft des Hinterhofes.
»Geh jetzt zu Bett, Johanne,« sagte Morten milder, »denk' daran, was der Doktor gesagt hat. Du wirst frieren, und dann ist das Ganze umsonst gewesen!«
»Was schert mich das!« erwiderte sie und stimmte ein rohes Gelächter an. »Du brauchst ja nichts für mich zu spendieren – ich hab' ja keine Kinder mit dir!« Sie zitterte vor Kälte, blieb aber hartnäckig stehen; Mortens Vorstellungen beantwortete sie mit einem Strom von Schimpfworten. Schließlich gab er es auf und sank müde auf einen Stuhl nieder. Die beiden Männer saßen da und sahen sie schweigend an.
Das Mädchen litt sichtbar darunter, auf keinen Widerstand mehr zu stoßen, und ward verwirrt unter ihren stummen Blicken. Sie warf den Kopf in den Nacken und sah herausfordernd von dem einen zu dem anderen hinüber; ihre Augen brannten unnatürlich. Plötzlich warf sie sich auf den Fußboden nieder und fing an zu kreischen.
»Aber das geht doch nicht!« sagte Pelle ernsthaft.
»Ich kann nicht mit ihr fertig werden«, entgegnete Morten hoffnungslos. »Aber du hast ja Kräfte!«
Pelle beugte sich nieder und nahm sie in seine Arme. Sie stieß mit den Füßen und biß. »Sie hat Krämpfe bekommen«, sagte er zu Morten. »Wir müssen sie unter den Wasserhahn halten.« Da wurde sie auf einmal still und ließ sich ins Bett tragen. Das Fieber raste in ihr, er merkte, wie das Leben in ihrem kranken Leibe kämpfte, wenn sie Atem holte; es klang wie eine rostige Pumpe.
Als Morten sie mit ein paar freundlichen Worten zudeckte, brach sie in krampfhaftes Weinen aus; sie wandte sich nach der Wand um und lag da und biß in das Oberbett, um es zu verbergen. Allmählich wurde sie ruhiger und schlief endlich ein. Die beiden Männer schlichen in die Stube und zogen die Tür hinter sich zu.
Morten sah todmüde aus, er war offenbar noch immer nicht gesund. »Ich hab' mich auf was eingelassen, womit ich nicht fertig werden kann«, sagte er mißmutig.
»Was für ein armes Kind ist das denn?« fragte Pelle leise.
»Ich weiß es nicht. Sie kam diesen Frühling zu mir, beinahe todbetrunken und schrecklich zugerichtet; am nächsten Tage war es ihr leid, und sie lief davon, aber ich hab' sie doch wieder eingefangen. Sie ist eines dieser armen Wesen, die kein anderes Heim haben als die großen Holzlager; da hat sie ihr Leben gefristet und sich durchgeholfen, indem sie zwischen den großen Jungen von Hand zu Hand gegangen ist. Es ist nichts aus ihr herauszukriegen, aber ich hab' von anderer Seite erfahren, daß sie mindestens ein paar Jahre in Bretterstapeln und Kellern gehaust hat. Die Jungen lockten Lebemänner hier hinaus und verschacherten sie; das meiste Geld nahmen sie selbst und gaben ihr Spirituosen, um sie aufzumuntern. Soweit ich es verstehen kann, gibt es ganze organisierte Banden, die die perversen Lebemänner der Stadt mit Knaben und Mädchen versorgen – es schwindelt einem, wenn man daran denkt! Das Kind ist offenbar elternlos, will aber, wie gesagt, keine Aufschlüsse geben! Ein paarmal hab' ich sie im Schlaf von Großmutter reden hören, aber wenn ich darauf anspiele, wird sie böse und stumm.«
»Trinkt sie?« fragte Pelle. Morten nickte.
»Ich habe deswegen schlimme Kämpfe mit ihr gehabt, sie ist unglaublich erfinderisch, wenn es sich darum handelt, sich Trinkwaren zu verschaffen. Anfangs konnte sie gar kein warmes Essen vertragen, so ruiniert war sie. Sie ist überhaupt schrecklich zugerichtet an Leib und Seele und macht mir viele Schwierigkeiten.«
»Warum bringst du sie nicht beim Kinderschutz unter?«
»Unsere öffentliche Kinderfürsorge ist nicht geeignet, Leben in eine niedergetretene Pflanze zurückzurufen, und Johanne kann nicht in summarische Behandlung und Strafe genommen werden. Sie ist zeitweise ganz abnorm trotzig und unregierlich und kann mich oft zur Verzweiflung bringen; und wenn ich es dann nicht sehe, liegt sie da und weint über sich selbst. Es ist viel von einem guten Kinde in ihr, trotz allem, aber sie kann es nicht herausbringen. Ich habe versucht, sie in einer Privatfamilie anzubringen, wo ich wußte, daß sie es gut haben würde; aber das währte nur einige wenige Tage, da kamen sie und meldeten, daß sie weggelaufen sei. Ein paar Wochen streifte sie umher, dann suchte sie doch wieder Zuflucht bei mir; eines Abends, als ich spät nach Hause kam, saß sie naß und zitternd hier draußen vor meiner Tür in der dunklen Ecke. Ich war ganz gerührt darüber. Aber sie wurde wütend, weil ich sie sah, und biß und stieß mit den Füßen wie vorhin – ich mußte sie mit Gewalt hineintragen. Die bösen Verhältnisse haben sie ganz aus dem Gleichgewicht gebracht – ich kann auf alle Fälle nicht klug aus ihr werden. Ja, so stehen also die Sachen! Ich liege hier drinnen auf dem Sofa, aber du verstehst wohl – eine Junggesellenwohnung ist nicht recht dazu eingerichtet. Auf den Treppen läuft ja auch der Klatsch.«
»Kehrst du dich daran?« fragte Pelle verwundert.
»Nein, aber das Kind. – Sie ist unglücklicherweise mit dergleichen nur zu vertraut! Und sie begreift das Verhältnis selbst auch nicht, sie ist erst zehn bis zwölf Jahre alt und bereits gewöhnt, jede Freundlichkeit mit ihrem kranken Kinderkörper zu bezahlen. Begreifst du, wie entsetzlich es ist, in ihre verwunderten Augen zu sehen? Der Arzt sagt, sie hat inwendig Schaden genommen – und wahrscheinlich trägt sie auch eine Tuberkulose mit sich herum; er glaubt nicht, daß sie sich jemals wieder erholen kann. Und ihre Seele – welch Abgrund für ein Kind, sich damit herumzuschleppen. Ein einziges solches Kinderschicksal ist schon zuviel, und wie viele dergleichen gibt es nicht in der Hölle, in der wir leben!«
Sie saßen eine Weile schweigend da. »Und nun mußt du verzeihen, wenn ich dich zu gehen bitte,« sagte Morten endlich und erhob sich, »aber ich muß jetzt arbeiten, da ist etwas, was ich heute abend noch fertig haben muß. Du bist mir nicht böse, wie? Sieh wieder vor, sobald du kannst – und hab' Dank, daß du gekommen bist!« Er drückte Pelle die Hand.
»Tu mir den Gefallen und mach deine Augen auf,« sagte er, indem er ihn hinausließ – »vielleicht könntest du mir behilflich sein, Klarheit in die Geschichte der Ärmsten zu bringen. Du kennst ja Unmengen von kleinen Leuten und mußt auf irgendeine Weise in Johannens Leben eingegriffen haben – ich kann es ihr anmerken. Hast du nicht bemerkt, wie erpicht sie darauf war, dich zu sehen? Versuche die Sache ausfindig zu machen, Pelle?«
Pelle versprach es. Aber das war leichter gesagt als getan. Wenn er die Gedanken in der ausgedehnten Armenwelt herumschweifen ließ, mit der er während der ganzen Aussperrung in enge Berührung gekommen war, so waren da Hunderte von Kindern, die Johannens Schicksal erduldet haben konnten.