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Wenn Pelle hin und wieder einmal drüben in der »Arche« war, um sich nach den drei Geschwistern umzusehen, verbreitete sich die Nachricht schnell wie ein Lauffeuer. »Pelle ist hier!« ertönte es von Galerie zu Galerie, und sie eilten auf die Treppen hinaus, um ihm zuzunicken und zu versuchen, ihn mit einem Schluck Kaffee zu locken. Die alte Franzen war ausgezogen; sie verschwand damals, als Ferdinand aus dem Gefängnis kam – niemand wußte wohin. Sonst gab es hier keine Veränderung. Einige Fabrikarbeiterinnen drückten sich bei nächtlicher Zeit um die Hausmiete, andere kamen an ihre Stelle. Von Zeit zu Zeit hatte einer ausgedient und wurde aus den dunklen Gängen herausgeholt und auf den Leichenwagen getragen – wie immer. In der »Arche« spürte man keine Veränderung.
Es geschah wohl, daß er bei der Witwe Johnsen vorsprach. Sie saß so trübselig da und kehrte die alten Soldatenhosen, während sie Hannes Kleine wartete, die ein schönes Mädchen zu werden versprach. Alt war sie geworden und saß immer da und schalt über das Kind; wenn Pelle sie besuchte, kam ein frischer Hauch in ihr freudloses Dasein. Dann erinnerte sie sich des Ausfluges in den Wald und der traulichen Abende unter der Ampel, und seufzte. Hanne sah gar nicht nach Pelle hin. Wenn sie aus der Fabrik nach Hause gestürzt kam, hatte sie nur Augen für ihr kleines Mädchen, das sich ihr entgegen warf und sofort spielen wollte. Die Öde des Tages saß der Kleinen in den Augen, und die Mutter mußte sie bei den Händen nehmen so wie sie ging und stand und mit ihr und der Puppe herumtraben.
»Ich ging wohl über den hohen Berg –«
sang Hanne, und die Kleine sang mit – sie konnte es schon! Hannes Augen ruhten still und abgeklärt auf dem Kinde, zufrieden in ihrem Ausdruck, als habe sie wirklich das Glück eingefangen. Sie glich einer jungen Witwe, die ihren Anteil am Dasein erhalten hat; und in der »Arche« nannten alle sie Witwe – Witwe Hanne. Das war eine Huldigung, die man ihrem Wesen darbrachte, sie warfen einen Witwenschleier über ihr Schicksal, weil sie es so schön trug. Sie hatte so viel erwartet, und nun vereinigte sie alles auf ihr Kind, als habe das Fremde ihr kein größeres Geschenk bringen können! – –
Peters Unglück hatte dem kleinen Heim einen ernsten Stoß versetzt. Sie hatten sich immer nur gerade über Wasser halten können; jetzt verdiente er weniger mit seiner verkrüppelten Hand. Karl wollte vorwärts und ging zum Einsegnungsunterricht – das kostete auch Zeit und Kleider. Peters Rückgang im Verdienst hatten sie dadurch wieder eingeholt, daß sie Lasses Zimmer kündigten und sein Bett in ihre Stube hineinstellten. Aber sie wuchsen alle drei gut heran, es gehörte Essen und Kleider dazu.
Peters Charakter hatte einen kleinen Knacks bekommen, er war nicht mehr so froh bei seiner Arbeit; oft drückte er sich davon hinweg und lungerte auf der Straße herum, statt in die Fabrik zu gehen. Zuweilen war er des Morgens nicht aus dem Bett herauszutreiben, sondern kroch unter das Federbett und versteckte sich. »Ich kann nicht mit meiner kranken Hand,« sagte er weinend, wenn Marie ihn herausziehen wollte – »jeden Augenblick sind die Messer dicht davor, mich wegzuschnappen.«
»Dann bleib nur zu Hause!« sagte Marie schließlich. »Besorge du das Haus, ich werde ausgehen und sehen, daß ich ein wenig verdiene. Drüben im neuen Etagenhaus in der Marktstraße kann ich Reinmacharbeiten bekommen.«
Aber dann stand er auf und schlich von dannen, er wollte nicht, daß ein Frauenzimmer das Essen für ihn verdiente.
Karl war ein frischer munterer Strolch, auf den nichts Eindruck machte. Die Straße hatte ihn erzogen, hatte ihre Schlammschicht auf sein Äußeres abgesetzt und den unauslöschlichen Funken in seinen Augen entzündet. Er glich den Spatzen der Hauptstadt, die rauchgeschwärzt von der Intelligenz der Stadt schimmern, sich unter den schweren Wagenrädern hin und her bewegen und alles wissen. Er war jeden Tag irgendwie in der Klemme, kam aber immer mit heiler Haut davon. Das beständige Herumrennen saß ihm im Körper wie ein nie ruhender Impuls. Viele Auswege hatte er, um der Unsicherheit in seinem Erwerb abzuhelfen; der kleine Hausstand beruhte hauptsächlich nur auf ihm. Aber nun hatte er es satt, seine Nahrung auf der Straße zu suchen, es war Trieb zum Vorwärtskommen in ihm, er wollte gern Kaufmann werden. Das einzige, was ihn zurückhielt, war die Rücksicht auf das Heim.
Pelle sah ein, daß das kleine Heim jetzt aufgelöst werden mußte. Marie entwickelte sich stark, es war nötig für sie, aus der »Arche« herauszukommen, und wenn Karl seiner Jugend nicht folgen durfte, sondern sich den Geschwistern opfern mußte, würde er als Eckensteher endigen. Kurz entschlossen, auf eigene Hand zu handeln, wie er es gewohnt war, verschaffte Pelle Karl die nötige Ausstattung durch einen Unterstützungsverein und brachte ihn als Lehrling bei einem Kaufmann unter, für den der Junge Botendienste verrichtet hatte.
Eines Sonntagvormittags ging er mit einem großen Packen unter dem Arm in die »Arche« hinüber. Er hatte den kleinen Lasse an der Hand, alle Augenblicke bückte der Junge sich und nahm einen kleinen Stein auf, zog den Vater an das Bollwerk und plumpste den Stein ins Wasser. Er schwatzte unablässig.
Pelle ließ sich mechanisch mitziehen und antwortete ins Blaue hinein. Er dachte an das kleine Heim der Kinder, das sich ihm einmal so gastfrei erschlossen hatte und das nun aufgelöst werden sollte. Vielleicht würde das Karls und Maries Rettung: es lag eine Zukunft für sie draußen – frisch und mutig wie sie beide waren. Und Vater Lasse konnte zu ihm ziehen; es ging wohl, daß man sein Bett des Nachts in der Wohnstube aufschlug und es am Tage beiseiteräumte – Ellen war nicht mehr so eigen. Aber Peter – was sollte aus dem werden? Das Heim war das einzige, das ihn noch hielt.
Als der kleine Lasse durch den Tonnengang in die Finsternis der »Arche« hineinsah, wollte er nicht mit. »Pfui, pfui«, sagte er und widersetzte sich energisch. Pelle mußte ihn auf den Arm nehmen. »Lasse das nich' mag!« sagte er und stemmte die Hände gegen die Schulter seines Vaters. »Lasse will 'runter!«
»So!« sagte Pelle lachend, »mag Klein-Lasse die ›Arche‹ nicht leiden? Vater findet es hier famos!«
»Warum?« fragte der Knabe schmollend.
»Warum? –« ja, dafür konnte Pelle nicht einmal eine Erklärung geben. »Wohl weil ich hier einmal gewohnt habe!« erwiderte er.
»Und wo war Klein-Lasse da?«
»Damals saßest du in Mutters Augen und lachtest Vater an.«
Da vergaß der Junge seine Angst vor der Dunkelheit und dem schweren Holzwerk. Er drückte seine rundliche Nase gegen die des Vaters und guckte ihm in die Augen, um zu sehen, ob in denen auch ein kleiner Junge sitze, und lachte, als er sich selbst darin erblickte. »Wer sitzt denn nu in Mutters Augen?« fragte er.
»Nun sitzt eine kleine Schwester da und freut sich, mit Klein-Lasse zu spielen«, sagte Pelle. »Aber jetzt mußt du selber gehen, es schickt sich nicht für einen Mann, auf dem Arm zu sitzen!«
Die drei Geschwister warteten schon gespannt; Karl hüpfte und sprang in der Luft herum, als er das Paket sah.
»Wo ist Vater Lasse?« fragte Pelle.
»Er ist für die Trödlerin mit dem Ziehwagen weggefahren, er sollte ein Sofa holen«, erwiderte Marie. Sie hatte den kleinen Lasse auf den Schoß genommen und fraß ihn beinahe auf.
Karl zog die feinen Kleider an, sein frisches Gesicht leuchtete vor Freude. Die Hosen waren reichlich lang; aber es war ja gerade flott, mit aufgestreiften Hosen zu gehen. Darüber kam man also leicht hinweg.
»Jetzt siehst du aus wie ein echter Tütendreher«, sagte Pelle lachend.
Karl lief auf den Gang hinaus und kam gleich wieder herein, mit klatschnassem Kopf, das Haar mitten über der Stirn gescheitelt. »Ach, du Narr, willst du das wohl gleich Nachlassen!« schrie ihn Marie an und fuhr ihm über den Kopf. Sie schlugen nacheinander. In einer Ecke saß Peter in sich zurückgezogen und starrte vergrämt zum Fenster hinaus.
»Na, Peter, Kopf hoch!« sagte Pelle und schlug ihn auf die Schulter, »sobald wir den großen Zusammenschluß erreicht haben und die Sache richtig funktioniert, verschaffe ich dir auch etwas. Du kannst vielleicht Bote bei uns werden.«
Peter erwiderte nichts, sondern wandte den Kopf ab.
»So ist er immer – er ist so gnatzig! – Sei doch ein bißchen manierlich, Peter!« sagte Marie tadelnd. Da nahm er seine Mütze und ging.
»Nun geht er nach Norden hinaus, zu der Braut – und dann sehen wir ihn in den nächsten Tagen nicht wieder«, sagte Marie und sah ihm nach. »Sie ist eine Fabrikarbeiterin – sie hat ein Kind von einem, der sie hat sitzen lassen!«
»Er hat schon eine Braut?« sagte Pelle.
»Ja, was ist denn dabei? Er ist ja doch 17 Jahre alt. Aber es ist nur nichts an ihr.«
»Sie hat rote Haare! Und dann schleppt sie das eine Bein hinter sich her, als wolle sie die Pflastersteine mitnehmen«, sagte Karl. »Sie könnte gut seine Mutter sein.«
»Ich finde, ihr solltet ihn nicht necken«, sagte Pelle ernsthaft.
»Das tun wir auch nicht!« sagte Marie. »Aber er macht sich gar nichts daraus, wenn wir gut gegen ihn sind. Und er kann es nicht ausstehen, wenn wir vergnügt sind. Lasse sagt auch, es ist, als wenn er verhext wäre.«
»Jetzt habe ich auch eine Stellung für dich, Marie«, sagte Pelle. »Bei Ellens alter Herrschaft in der Holbergstraße – da kriegst du es gut. Aber du mußt schon im Oktober antreten.«
»Das wird ja fein, dann gehen Karl und ich am selben Tag in Stellung.« Sie klatschte in die Hände. »Aber Peter!« rief sie plötzlich aus – »Wer soll dann für ihn sorgen? Nein, das kann ich nicht, Pelle!«
»Wir müssen sehen, daß wir ein gutes Logis für ihn finden. In Stellung sollst du – es geht nicht, daß du länger hierbleibst.«
Von dem Ende des langen Ganges drang ein wunderlicher Laut zu ihnen herein; es klang wie eine Mischung von Gesang geistlicher Lieder und Weinen. Der kleine Lasse stand unten an der Erde neben der geöffneten Tür und sagte: »S–s, singen, S–s!«
»Ja, das ist die Papparbeiterin und der große Jüte,« sagte Marie – »bei denen ist heute Beerdigung. Nun hat das kleine Wurm ausgelitten, Gott sei Dank!«
»Ist das was Neues?« fragte Pelle.
»Nein, es sind Leute, die im Frühling eingezogen sind. Er hat hier nicht gewohnt, aber jeden Sonnabendabend kam er und ließ sich ihren Wochenlohn geben. ›Du bist ja verrückt, daß du ihm den Wochenlohn gibst, wenn er nicht mal bei dir wohnt!‹ sagten wir zu ihr. Denn er hätt lieber Prügel haben sollen als Geld. ›Er ist ja doch der Vater des Kindes!‹ antwortete sie dann und gab ihm das Geld doch. Und des Sonntags, wenn er es dann vertrunken hatte, bereute er es; und dann kam er und prügelte sie, denn sie hätte es ihm ja nicht zu geben brauchen. Sie war ein furchtbares Schaf, denn sie hätte ja bloß ausgehen können, wenn er kam. Aber sie hat ihn lieb und macht sich nichts aus den paar Ohrfeigen – sie brachte das Kind dann hier nur solange unter. Essen für das Wurm hatte sie auch nie, und nu ist es ja tot.«
Die Tür da unten tat sich auf, und der große Jüte kam mit einem kleinen Sarg unter dem Arm heraus. Er sang Gesangbuchverse mit lallender Stimme, während er dastand und wartete; drinnen im Seitenflügel hinter der Scheidewand äffte eine Knabenstimme den Gesang nach. Der Jüte war rot und geschwollen im Gesicht vom Weinen, der Rausch der Nacht saß ihm noch schwer in den Beinen. Hinter ihm kam die Mutter, und nun gingen sie mit Grabesschritten den Gang entlang; ihr dünner schwarzer Schal hing so trübselig um sie, sie hielt das Taschentuch vor den Mund und weinte still. Das leichenblasse Gesicht war im Grunde wie stockfleckig.
Pelle und der kleine Lasse mußten fort.
»Du hast jetzt immer solche Eile«, sagte Marie unzufrieden. »Ich wollte uns eben Kaffee kochen.«
»Ja, ich habe heute noch viel zu tun. Sonst bliebe ich gerne noch ein wenig bei dir!«
»Weißt du, daß du nachgerade schon berühmt bist?« sagte Marie und sah ihn bewundernd an. »Die Leute reden beinahe ebenso viel von dir wie von dem starken Klempnermeister. Sie sagen, du hättest den größten Mann der Stadt gestürzt.«
»Ja, sein Geschäft habe ich umgestürzt«, erwiderte Pelle lachend. »Aber wo ist denn der Kaufmann geblieben?«
»Der ist wohl unten auf der Straße, um sich zu zeigen!«
Karl ging ganz richtig da unten umher und ließ sich von den Jungen und Mädchen bewundern, eine ganze Schar hatte sich um ihn versammelt. »Du, dann kommen wir zu dir in den Laden, wenn der Krämer nich' da is, und dann spendierst du was!« hörte Pelle einen von ihnen sagen.
»Fällt mir gar nicht ein. Wenn ihr euch untersteht, dann kriegt ihr einen ans Maul!« antwortete Karl. »Glaubt ihr, daß ich euch da herumlungern haben will?«
Oben am Ende der Straße schwankte der große Jüte dahin, den Sarg unter dem Arm, das Mädchen folgte ihm auf den Fersen, und sie hielten sich mitten auf dem Fahrwege, als bildeten sie einen Leichenzug. Es war ein trübseliger Anblick. Die graue, öde Straße glich einem Gefängnis.
Vor allen Kellerfenstern, ausgenommen vor dem der Brotfrau, waren die Läden geschlossen. Oben an dem Eingang zu ihrem Laden stand eine Schar schmutziger Kinder und schmierte sich mit Näschereien ein; alle Augenblicke schlüpfte eins von ihnen in den Keller hinab, um für einen Öre zu kaufen. Ein kleines, sonntäglich gekleidetes Mädchen, mit stramm geflochtenem Zopf, balancierte am Rinnstein entlang mit einer großen Tasse voll Sahne, und drüben in einem Torweg standen ein paar Burschen und übten irgendeinen Schelmenstreich aus.
»Wollen wir heute irgendwo hingehen?« fragte Ellen, als Pelle und der kleine Lasse nach Hause kamen. »Die gute Jahreszeit ist bald vorüber.«
»Ich muß zur Ausschußversammlung«, erwiderte Pelle zögernd. Sie tat ihm leid; sie sollte wieder ein Kind haben und ging so verlassen im Hause umher. Aber es war unmöglich, daß er daheim blieb.
»Wann glaubst du, daß du wiederkommst?«
»Das weiß ich nicht, Ellen. Es ist gern möglich, daß es den ganzen Tag währt.«
Dann schwieg sie und trug ihm Essen auf.