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Von seinem Platz am Fenster konnte Pelle über den Kanal mit der Zuchthausbrücke hinübersehen, wo die Gefangenen auf dem Holzfloß lagen und Wolle wuschen. Er erkannte Ferdinands große kräftige Gestalt; kurz nach Weihnachten hatte man ihn in einer unterirdischen Grabkammer auf dem Friedhof eingefangen, wo er sich eingerichtet hatte; der Schnee hatte sein Versteck verraten. Und nun saß er hier, so in der Nähe der »Arche« und seiner Mutter! Von Zeit zu Zeit erhob er den kurz geschorenen Kopf und sah da hinüber.
Jenseits der Brücke – nach dem Markt zu – lag der Töpfer mit seiner Schute; er hatte seine jütischen Töpferwaren auf dem Kai aufgestapelt, und die Frauen von Christianshafen kamen und handelten mit ihm. Und dahinter ragte die Masse der »Arche« auf.
So ungeheuer sie auch war, wirkte sie doch nicht wie eine Kaserne, sondern lag da mit ihrem willkürlichen Dorfgepräge – als seien hundert Dörfer zu einem unentwirrbaren Haufen zusammengefegt. Ursprünglich war es wohl ein kleiner Fachwerkskasten von einem Stockwerk mit Dachgiebel gewesen. Dann hatte es angefangen, Großstadt zu zeugen, hatte Knospenbildung nach allen Seiten angesetzt und nach oben hinauf, ganz kaleidoskopisch zu einem mächtigen Klumpen mit kleinen Stücken Fassade, einem Keildach, tiefen Winkeln und vornüberhängenden Giebeln, durcheinander, in einem endlosen Wirrwarr, – ganz hinauf bis zu dem fünften Stockwerk über der Mitte. Da oben schwebte immer ein blauer Dunstkreis und gab den Schacht an, das gemeinsame Atemloch für das Gewimmel der »Arche«. Hier konnte man Frau Franzens Mansarde mit der Rauchmütze darüber erkennen, und weiter hinab, in einer tiefen Gruft, die sich in die Massen hineinschnitt, unterschied er Hannes Fenster. Sonst konnte er nicht viele von den kleinen Fenstern unterbringen. Sie starrten hinaus wie gebrochene Augen. Selbst der Kohlenmann, der Vizewirt war, wußte nur schlecht Bescheid in den Gängen und Winkeln der »Arche«.
Er sah die Bewohner der »Arche« sorglos und mit kurzem Ziel über die Brücke hin und her laufen; sie waren immer im letzten Augenblick im Gange und stürzten dahin. Es lag etwas Rührendes über ihrer Vergeßlichkeit, die die Not hervorgerufen hatte; in der »Arche« sorgte man erst für das Essen, wenn man sich zu Tisch gesetzt hatte und entdeckte, daß nichts da war.
Und zwischen ihnen wanderten Arbeiter in kleinen Scharen über die Brücke ein und aus; der taktfeste Schritt vom Norden hatte sich bis hierher verpflanzt – als suche er ihn hier auf.
Es gärte nicht länger wild in den Massen, statt dessen war ein eiserner Willen im Werden. Aus der Verirrung und dem chaotischen Wirrwarr tauchten jetzt Linien auf, ein gemeinsames Bewußtsein sammelte sich auf dem Boden und ward zur Richtung. Auf eine wunderliche Weise hatten sich die Tausende beruhigt und schritten nun langsam und bedächtig vor, unter dem Gedanken des Zusammenschlusses. Für einen, der weniger scharf hörte, konnte es den Eindruck erwecken, als wenn nichts vor sich gehe – als hätten sie sich wieder bei ihrem Schicksal beruhigt; aber Pelle wußte, was sich da regte. Er hatte selbst die Schulter dagegen gestemmt und war im geheimen bei dem Ganzen mit dabei.
Glücklich nahm er Ellens verdoppelte Liebe hin, und alles, was er unternahm, galt ihr und dem Kinde.
Aber in ihm hallten die Fußtritte wider und ließen sich nicht zum Schweigen bringen; sie waren tiefer eingedrungen, als er selbst kommen konnte. Es war, als sei plötzlich ein Lautdämpfer weggenommen, er mochte es wollen oder nicht, er hörte jeden Schritt der Wanderung da draußen.
Die schlechten Zeiten veranlaßten sie, sich still zu bewegen, aber im Verborgenen arbeitete es. Die neuen Ideen waren im Begriff, geläufig zu werden, das Blatt drängte sich mit ihnen in die Familien ein, sie ertönten von den Rednertribünen des Volkes und bei den Mahlzeiten auf den Arbeitsplätzen. Die Ansteckung drang über Treppengänge und ging von Tür zu Tür. Organisationen, die gebildet und mehrmals auseinandergegangen waren, wurden von neuem gebildet – und diesmal, um zu bestehen. Die Arbeitgeber bekämpften sie, konnten sie aber nicht niederschlagen; es war wie ein inneres Gesetz in der Masse – eine Struktur, wonach sie sich lagern mußte.
Man besteuerte sich selbst und stahl sich die Bissen vom Munde ab, um die Verbandskasse zu kräftigen, in blinder Überzeugung, daß doch noch irgend etwas Wunderbares aus dem Ganzen herauskommen müsse. Die Armen brachten Vermögen zuwege durch Hunger, Entbehrung und Tränen und hatten dafür die Befriedigung, daß sie doch reich waren durch ihre Organisation. Indem sich viele zusammenschlossen, schmeckten sie die Süße des Reichtums; und dankbar, wie sie waren, betrachteten sie schon das als ein Ergebnis. Das Gefühl des Wohlstandes stellte sie über die Unorganisierten, in sozialer Beziehung fühlten sie sich ihnen überlegen. In den Fachverein einzutreten, bedeutete jetzt einen Aufstieg in der Gesellschaftsordnung. Das bewegte viele, und andere wurden durch die starke Kontrolle von den Hausbewohnern in den Verein hineingetrieben. Die großen Arbeiterkasernen wurden allmählich von den Ideen durchsäuert; wer sich ihnen nicht anschließen wollte, mußte verziehen. Sie wurden als eine Art Abschaum betrachtet und konnten sich nur in bestimmten Stadtvierteln aufhalten.
Jetzt schien es nicht mehr unmöglich zu sein, Festigkeit in die Organisation hineinzubringen und etwas für das Fach auszurichten – falls sich ein tüchtiger Mann an die Spitze stellte. Daß die meisten daheim in ihren Logis arbeiteten, konnte sie nicht länger unsichtbar machen – die Bewegung hatte überall Augen. Pelle ertappte sich dabei, daß er dasaß und Pläne für den Fortgang der Bewegung schmiedete.
Er wies es von sich und richtete sein ganzes Sinnen auf Ellen und das Kind. Was hatte er mit fremder Not zu schaffen, wenn die beiden all seiner Fähigkeiten und Kräfte bedurften, um nur das Notwendige zu haben? Er hatte sich genug gequält unter dem Druck des Elends – zu keinem Zweck! Und hatte seine Befreiung hier gefunden in einer gesegneten Tätigkeit, die zu bewältigen war, wenn er nichts versäumte! Was sollte dann dies inwendige Mahnen, als versündigte er sich gegen seine Pflicht?
Er brachte die innere Stimme zum Schweigen durch seine Freude über die beiden. Aber sie kam hinterlistigerweise wieder und spukte schattenhaft in seinem Gemüt.
Zuweilen rief etwas, wenn er ruhig dasaß: Pelle, Pelle! – oder es klopfte mitten in der Nacht. Dann richtete er sich lauschend im Bett auf. Ellen und das Kind schliefen fest, er hörte den Atemzug des kleinen Lasse wie weiches Flöten, er ging zur Tür und öffnete, schüttelte den Kopf über sich selbst. Das war ja eine Mahnung, jemand von denen, die ihm nahestanden, mußte Not leiden!
In dieser Zeit stürzte er sich mit all seiner Heftigkeit in das Zusammenleben mit Ellen und dem Kinde; er lebte so stark mit ihnen, als stünde er vor einem schleunigen Aufbruch.
Sie hatten sich einen Kinderwagen auf Abzahlung angeschafft, jeden Sonntag packten sie Butterbrote in die Klappe und rollten dann hinaus nach dem Gemeindeanger oder kehrten in einem Wirtshausgarten in der Umgegend der Stadt ein, wo sie ihre mitgebrachten Vorräte verzehrten und Kaffee tranken. Oft zogen sie auch den Strandweg entlang und fuhren ganz bis in den Wald hinaus. Lasse-Frederik, wie ihn Ellen nannte, thronte in all seinem Staat im Wagen und glich einem kleinen Götzen, und Pelle und Ellen fuhren ihn abwechselnd. Ellen wollte das nicht leiden. »Es ist nichts für einen Mann, den Kinderwagen zu fahren,« sagte sie, »du wirst auch nicht sehen, daß irgendein anderer das tut! Sie lassen ihre Frauen hübsch den Rumpelkasten schieben.«
»Was gehen die anderen mich an,« erwiderte Pelle, »ich halte ja kein Pferd.«
Sie sandte ihm einen dankbaren Blick zu – mochte es aber trotzdem nicht gern.
Da draußen hatten sie herrliche Stunden. Der kleine Lasse durfte herumkrabbeln, soviel er wollte, und es war ganz wunderbar, wie er sich tummeln konnte; er war wie ein ausgelassener junger Bär. »Ich glaube, er kann die Erde unter sich spüren«, sagte Pelle, der seinen eigenen Kindheitsrausch wiedererkannte. »Es ist doch ein Jammer mit den Kasernen da drinnen!« Ellen sah ihn verständnislos an.
Sie kamen nicht vom Fleck, es genügte ihnen aber, dazuliegen und sich über das Kind zu freuen, wenn sich der Kleine plötzlich auf den Hintern setzte und sie verwundert ansah, als entdecke er sie erst jetzt. »Nun fängt er an zu denken«, sagte Pelle lachend. – »Du kannst mir glauben, er ist hungrig.« Und Klein-Lasse krabbelte ganz richtig zur Mutter hin, stieß mit dem Ballen der Hand an ihre Brust und sagte: Mamm, Mamm! Pelle und der Kinderwagen mußten sich davorstellen, während er gefüttert wurde.
Wenn sie nach Hause kamen, war es Abend. War die Fußmatte fortgerückt, so war jemand dagewesen, um sie zu besuchen; aus der Stellung konnte Ellen erkennen, wer es war. Einmal stand sie aufrecht an der Wand.
»Das ist dein Onkel Zimmermann«, sagte Pelle leise. Der kleine Lasse hing schlafend auf seinem Arm, den Kopf gegen seine Schulter gelegt.
»Nein, Kusine Annas sind es gewesen«, erwiderte Ellen und öffnete. »Gott sei Dank, daß wir nicht zu Hause waren, denn dann hätten wir die ganze Bescherung zu Abend gehabt. Sie essen des Sonntags nie was zu Hause, sondern trinken bloß einen Schluck Kaffee und dann gehen sie herum und fressen die Verwandten aus ihrem Haus hinaus.«