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An einem frühen Morgen wanderte Pelle in die Stadt hinein. Er war vor Ellen aufgestanden, um der peinlichen Morgenmahlzeit zu entgehen. Ellen wandte alle List an, um ihm eine ordentliche Nahrung beizubringen, und der Magen war nicht schwer zu überreden; hinterher schämte er sich dann darüber, daß er sich auf Kosten der anderen versorgt hatte; so schlau er auch war, konnte er ihr nicht auf andere Weise widerstehen, als indem er sich aus dem Staube machte, während sie noch schlief.
Sein fastender Zustand verlieh der Stadt und dem ganzen Leben einen eigentümlich durchsichtigen Schimmer. Vor ihm lag ein langer Tag mit einer ungeheuren Arbeit, und hinter sich hatte er den frischen Sieg von gestern. Es verhielt sich damit so, daß die Eisenindustriellen die schlaue Idee gefaßt hatten, einen Sprengverein für Schmiede und Maschinenmeister zu stiften und ihm einen Namen zu geben, der große Ähnlichkeit mit dem ihres Fachvereins hatte. Dann schickten sie Laufzettel an die Leute herum, daß die Arbeit am nächsten Tage wieder aufgenommen würde. Manche waren nicht geübt im Lesen und hielten es für eine Mitteilung von ihrem eigenen Fachverein, andere meinten, ein Fachverein sei ein Fachverein, und wieder andere ließen sich von den größeren Vorteilen locken, die der neue Verein bot. Es herrschte große Verwirrung unter den Arbeitern des Fachs! Sobald der Kniff entschleiert war, zog sich jeder redliche Mann aus der Geschichte zurück; aber ein Reinfall war es doch! – und ein gräßlich beschämendes Gefühl allen Kameraden gegenüber.
Pelle war wütend über diese Kriegslist, die im Grunde ihn als Leiter des offenen Kampfes traf; er hatte eine Niederlage erlitten und sann auf Rache. Trotz aller Anstrengungen der Streikwache war es nicht möglich, eine vollständige Liste der Streikbrecher zu bekommen; der Ärger darüber brannte in ihm wie ein beschämendes Gefühl von Ohnmacht, er war dafür bekannt, daß er bis auf den Grund kam, wenn er etwas unternahm! So beschloß er denn, List mit List zu begegnen. Er legte den Gegnern eine Falle, so daß sie selbst die Streikbrecher auslieferten. Eines Morgens veröffentlichte er seine Liste im »Arbeiter« mit einem hochmütigen: Seht nur, mehr haben die Gegner nicht! Waren nun die Arbeitgeber wirklich auf den Leim gegangen, oder war ihnen das Schicksal der Streikbrecher im Grunde gleichgültig – am nächsten Morgen protestierte ihr Organ und gab die Namen und die Zahl der übrigen auch an.
Das war eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte, sie warf ihr Licht auf die mageren, stillstehenden Gesichter. War das eine Antwort auf die List von neulich! Dieser Pelle war doch ein verteufelter Kerl – Hurra! Blitz! Er soll leben, Hurra! –
Pelle war ein verteufelter Kerl! Wie er dahintrabte, frisch und voll von dem Draufgängermut, während er das Echo aus den Seitenstraßen und den großen Kasernen mit in seinen kräftigen Tritt hineinnahm. Straßen und Häuser lagen reifbedeckt da von dem Frost der Nacht, oben in der Luft spürte man das eigene Glitzern, das nun einmal zur Stadt gehört, das Licht kam aus verborgenen Quellen. Alle Sorgen hatte er daheim hinter sich gelassen, ringsumher grüßten ihn Arbeiter, und er sandte ihnen seinen Gegengruß wie einen aufmunternden Gesang. Er kannte sie nicht, aber sie kannten ihn! Das Gefühl, daß seine Arbeit – so harte Spuren sie auch hinterließ – Dankbarkeit erweckte, wirkte erhebend auf ihn.
Es lag keine Morgenstimmung über der Stadt. Die Aussperrung ruhte wie eine lähmende Hand auf dem Ganzen, der Umsatz war träge, und der Mittelstand seufzte. Aber eine Aussicht auf Friedensschluß war nicht da, beide Parteien waren unversöhnlich. Die Arbeiter hatten nichts durch die unüberlegte Arbeitsniederlegung der Maurer verloren – die Sympathie für die Unterklassen war politischen Ursprungs; draußen vom Lande her strömten die Beiträge noch immer ein. Auch aus dem Auslande kamen bedeutende Summen. Der Kampf kostete den Arbeitern jetzt eine halbe Million in der Woche, und die Hilfe von außen her war wie ein Tropfen im Meer. Aber sie wirkte als moralische Stütze, wirkte anspornend auf die Selbstbesteuerung, die das Ganze trug. Die hunderttausend Häuslichkeiten der Armut ließen ihre letzten Habseligkeiten springen, um den Kampf durchzuführen; jetzt wollten sie eine Entscheidung für die Zukunft erzwingen. Die Arbeitgeber versuchten, die große Landeseinsammlung zu hemmen, indem sie die Obrigkeit auf eine uralte Verordnung über Bettelei aufmerksam machten; aber das erregte nur Heiterkeit. Ein wenig Lachen erlaubten die Mittel doch noch.
Die Arbeiter hatten sich mit dem Hunger eingerichtet. Sie zogen nicht mehr in den Wald, sondern schritten besonnen durch die Straßen wie Leute, die zu viel Zeit haben, und verliehen dem Gesicht der Stadt ein eigenes Gepräge von armer Nachdenklichkeit. Ihre Schritte waren zu zögernd, um Widerhall zu geben, und in den Häusern war Ruhe zum Nachdenken. Die lärmenden, immer hungrigen Kinder waren über das ganze Land zerstreut – die hatten wenigstens gutes Essen. Aber leer war es hier, wo sie fehlten!
Pelle begegnete den Arbeitern in Abteilungen, sie befanden sich auf dem Wege zu den verschiedenen Musterungen. Sie erhoben den Kopf, als er vorüberging; seine Schritte gaben Widerhall für sie alle. Es waren vierzigtausend Mann, die da kamen, ihre Hoffnung, ihr Wille – Pelle war der Ausdruck des Ganzen für sie! Sie starrten seiner unüberwindlichen Gestalt nach und richteten sich auf. »Satanskerl!« sagten sie fröhlich zueinander; »er sieht so aus, als könne er das Ganze niedertrampeln! Seht ihn mal an, er weicht ja kaum dem großen Lastwagen aus! Wir wollen ihn leben lassen, Kameraden!«
Die Wirtshausbesitzer standen in ihren Kellerhälsen und gähnten zu dem Morgenhimmel auf – es waren Teurungszeiten für sie! In den Fenstern der Wirtschaften hingen Pappschilder mit der Aufschrift: Hier werden Beiträge für die Ausgesperrten angenommen!
Auf der Königin-Luise-Brücke begegnete Pelle einem kleinen, bleichfetten Mann in schäbigem Rock; er hatte schlaffe Züge und eine große rote Nase. »Guten Morgen, Herr General!« rief Pelle munter; der Mann machte eine herablassende Bewegung mit der Hand. Es war der Strohmann des »Arbeiters«, ein ehemaliger Kapitalist, der gegen eine kleine wöchentliche Bezahlung der Öffentlichkeit gegenüber verantwortlicher Redakteur der Zeitung war. Er nahm die Gefängnisstrafen auf sich und saß – für eine weitere Zulage von fünf Kronen die Woche – die Strafen, die über das Blatt verhängt wurden, ab. Wenn er nicht im Loch saß, fristete er sein Leben durch Trinken. Er litt an Größenwahn und bildete sich ein, daß er die ganze Arbeiterbewegung leite; deswegen konnte er Pelle nicht leiden.
Drinnen auf dem großen Hof des Arbeitergebäudes waren die Hafenarbeiter zur Zählung zusammengekommen. Der Vorsitzende kam Pelle im Torweg entgegen; es war derselbe Arbeiter, dessen sich Pelle und Heulpeter eines Abends im Hafen angenommen hatten – jetzt verstand er sich auf das Neue!
»Nun, wie geht's?« fragte Pelle und drückte ihm die Hand.
»Großartig! Von tausend Mann fehlen nur sieben.«
»Aber wo ist der fröhliche Jakob? Ist er krank?«
»Der ist eingelocht«, erwiderte der Vorsitzende finster. »Er konnte es nicht mit ansehen, daß seine alten Eltern hungerten – da hat er einen Einbruch bei einem Krämer verübt – er und der Bruder. Jetzt sitzen sie alle beide!«
Einen Augenblick wurden die Runzeln auf Pelles Stirn entsetzlich tief und grau; er stand da und starrte blind vor sich hin, die lichten Züge in seinem Gesicht sanken und legten sich zu schwerem Jammer zusammen. Die Arbeiter starrten ihn an – stand er nicht da und schlief ein in ganz aufrechter Stellung! Aber dann nahm er sich zusammen.
»Na, Kameraden, wird euch die Zeit denn auch lang?« fragte er munter.
»Ach, was das anbetrifft! Es ist ja das erstemal, daß man Gelegenheit hat, Frau und Kinder ordentlich kennen zu lernen«, antworteten sie. »Aber deswegen wäre es doch ganz ulkig, bald wieder anzufangen.«
Es war ersichtlich, daß der Müßiggang jetzt anfing, sie zu bedrücken; es saß ein beständiges Grübeln in ihren stillstehenden Zügen, die Augen richteten sich auf ihn mit einem anhaltend harten Fragen. Sie verlangten, daß das, was er unternahm, nach der einen oder anderen Seite entscheidend sein sollte. Weichlich waren sie nicht geworden, sie stimmten immer dafür, weiterzugehen. Da draußen in der Verlängerung des Kampfes lag das, was sie suchten, und sie spähten in Pelles Gesicht nach einem Zug, der das Glück bestätigen konnte.
Viele wunderliche Fragen mußte er beantworten; es wuchsen sonderbar phantastische Vorstellungen aus der Not auf und verrieten, daß ihr ruhiges, beherrschtes Auftreten das Ergebnis vieler beobachtender Kräfte war.
»Nehmen wir den Großen jetzt die ganze Macht und den Reichtum weg?« fragte ein Arbeiter, nachdem er Pelle lange grübelnd angestarrt hatte. Der Kampf hatte seine Gestalt hart mitgenommen, dafür aber einen Funken in seinen Augen entzündet.
»Ja, jetzt nehmen wir uns unser Menschenrecht und fordern, daß der Arbeiter respektiert wird!« antwortete Pelle. »Dann gibt es nichts mehr, was Herr und kleiner Mann heißt.«
»Aber wenn sie dann nun wieder in die Höhe wollen? Wir müssen ihnen ein schnelles Ende machen, daß sie nicht wieder heraufklettern und auf uns reiten können.«
»Du willst sie wohl auf den Anger hinaustreiben und sie alle totschießen? Aber das ist nicht nötig«, sagte der Nachbar. »Wenn dieses überstanden ist, dann wagt kein Mensch mehr, uns das Essen vom Mund wegzunehmen.«
»Gibt es dann gar keine Armut mehr?« fragte der erste wieder, zu Pelle gewandt.
»Nein, wenn wir unsere Sache erst richtig in Gang bekommen, dann wird es in allen Häusern gut sein. Liest du denn dein Blatt nicht?«
Wohl las er es, aber es schadete nichts, das Große von Pelle selbst bekräftigt zu hören. Und Pelle konnte es tun, weil er nie einen Zweifel hegte. Es war schwer für die Massen gewesen, zu der neuen Ansicht über die Dinge zu gelangen, so schwer, als drehe man einen Erdball! Deswegen mußte etwas Großes geschehen.
Einige von ihnen hatten ein paar Stück Butterbrot hervorgeholt und fingen an zu essen, während sie die Dinge beredeten. »Mahlzeit,« sagte Pelle und nickte ihnen zum Abschied zu. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen, er dachte daran, daß er weder getrunken noch gegessen hatte. Aber er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken; er mußte zu Stolpe und wegen der Postierung der Streikposten Verabredungen treffen.
Da drüben stand Marie mit einer weißen Mütze und einem Korb am Arm; sie nickte ihm zu, mit roten Wangen. Die Verpflanzung hatte ihr Wachstum verliehen; von Mal zu Mal, daß er sie sah, wurde sie aufrechter und schöner.
Bei den Schwiegereltern herrschte Schmalhans, allerlei von ihren Habseligkeiten war aus dem sonst so traulichen Heim fortgewandert; aber an guter Laune fehlte es nicht. Stolpe ging umher und wartete auf das Frühstück, auch er war schon früh im Gange gewesen.
»Was macht das Mädel?« fragte er, »wir sehen sie ja gar nicht mehr.«
»Sie hat ja viel zu tun«, sagte Pelle entschuldigend. »Nun geht sie auch auf Arbeit aus.«
»Na ja, sie ist wohl auch nicht zu gut, um unter diesen Verhältnissen mit Hand anzulegen. Aber wir wissen recht gut, was ihr fehlt – sie ist eine Protestnatur! Gottlob, daß sie kein Mann geworden ist, denn dann hätte sie Auflösung in die Reihen gebracht.«
Das Frühstück bestand aus einer Portion Hafergrütze und Kaffee mit Butterbrot. Madam Stolpe konnte ihr hübsches neusilbernes Kaffeegeschirr, das sie von den Kindern zur silbernen Hochzeit bekommen hatte, gar nicht finden. »Ich muß es versetzt haben«, sagte sie.
»Na ja, das wird sich schon wiederfinden, Mutter!« sagte Stolpe. »Nun kriegen wir bald bessere Zeiten; dann kommen viele schönen Dinge wieder zum Vorschein, das sollst du nur sehen!«
»Bist du heute morgen bei der Maschinenfabrik gewesen, Schwiegervater?« fragte Pelle.
»Ja, ich bin dagewesen. Aber da ist nichts mehr für die Streikposten zu tun. Die Arbeitgeber haben alle Mann in der Fabrik einquartiert, da bekommen sie volle Verpflegung und alles. Es sollen eine Menge ausländischer Streikbrecher darunter sein – die Arbeit ist in vollem Gange.«
Das war eine niederschlagende Nachricht – die Eisenfabrikanten hatten den ersten Sieg gewonnen! Sehr schnell würde das niederschlagend auf die Arbeiter wirken, wenn sie sahen, daß ihre Betriebe auch ohne sie in Gang gehalten werden konnten.
»Da muß man einen Pricken vorsetzen«, sagte Pelle. »Sonst fahren sie in ihrem Kurs fort, und das Ganze löst sich auf. Wir müssen denen da drinnen eine Laus in den Pelz setzen.«
»Wie sollen wir das nur machen, wenn sie eingesperrt sind, und die Polizei Tag und Nacht vor den Türen patrouilliert? Wir können ja nicht einmal mit ihnen reden.« Stolpe lachte verzweifelt.
»Dann muß sich ein Mann hineinschleichen und so tun, als wenn er Arbeit annähme!«
Stolpe zuckte zusammen. »Als Streikbrecher? – Dazu kriegst du nie im Leben einen anständigen Mann, selbst wenn es nur aus Scherz geschieht! Ich tät es selbst auch nicht! Ein Streikbrecher ist doch ein Streikbrecher, man mag es drehen und wenden, wie man will.«
»Ein Streikbrecher, sollt' ich meinen, ist doch wohl einer, der den Kameraden schadet? Wer seine Haut für sie wagt, verdient wohl einen anderen Namen.«
»Darauf will ich mich nicht einlassen«, sagte Stolpe. »Das ist mir wohl ein wenig zu hoch, ich werde mich wohl schön hüten, mit dir zu disputieren. Aber in – meinem Katechismus da steht, daß der ein Streikbrecher ist, der Arbeit annimmt, wo Zuzug verboten ist – und daran halte ich mich!«
Pelle konnte reden, soviel er wollte; der Alte ließ sich nicht vom Fleck bewegen. »Aber eine andere Sache wäre es ja, wenn du selbst es ausführen wolltest«, sagte Stolpe. »Du hast ja keine Rechenschaft dafür abzulegen, was du tust, sondern gehst nach deinem eigenen Kopf.«
»Ich habe der Bewegung Rechenschaft abzulegen!« erwiderte Pelle scharf, »und ich will es gerade darum selbst tun!«
Stolpe saß da und machte die Arme krumm und streckte sie wieder aus. »Ach, es würde gut tun, wieder Arbeit zu haben!« rief er plötzlich aus. »Der Müßiggang setzt sich einem wie Gift in die Glieder. – Und nun ist da die Miete, Mutter – wo zum Teufel sollen wir die nur hernehmen? Sonnabend muß sie auf dem Tisch liegen, sonst werden wir rausgesetzt – hat der Wirt gesagt.«
»Das wird sich schon finden, Vater!« sagte Frau Stolpe. »Verlier' du darum den Mut nur nicht!«
Stolpe sah sich in der Wohnung um. »Ja, ein bißchen ist da ja noch zu nehmen, wie der Hunger sagte, als er mit dem Darm angefangen hatte. Höre mal, Pelle, weißt du was? Freilich bin ich dein Schwiegervater, aber eine Frau wie meine hast du denn doch nicht!«
»Ich bin mit Ellen zufrieden, so wie sie ist«, erwiderte Pelle.
Es schellte, es war Stolpes Bruder, der Zimmermann. Er sah mitgenommen aus, mager und ärmlich in der Kleidung; seine Augen waren von roten Flecken umgeben. Er sah keinen an, dem er die Hand gab.
»Setz dich, Bruder«, sagte Stolpe und schob ihm einen Stuhl hin.
»Danke, ich will gleich wieder gehen. Es war – ich wollt' dir nur was sagen, na ja …« Er starrte zum Fenster hinaus.
»Ist bei euch zu Hause irgendwas los?«
»Nein, nein, das gerade nicht. Ich wollte dir bloß sagen – daß – nun melde ich meinen Austritt an!« stieß er plötzlich hervor.
Stolpe sprang auf, er war kreideweiß geworden. »Bedenk doch, was du tust!« sagte er drohend.
»Ich hab' Zeit genug gehabt, mich zu bedenken. Sie hungern, du – und jetzt muß es ein Ende haben! Ich wollte es dir nur vorher gesagt haben, damit du es nicht von anderen hörst – du bist doch mein Bruder.«
»Dein Bruder – ich bin dein Bruder nicht mehr! Tust du das, so sind wir beide miteinander fertig!« brüllte Stolpe und schlug auf den Tisch. »Aber du tust es nicht, du tust es nicht! Gott strafe mich, wenn ich die Schande erleben sollt', zu sehen, wie die Kameraden Gericht auf offener Straße über meinen eigenen Bruder halten! Dann hau' ich mit! Ich will der erste sein, der dir einen Fußtritt gibt, weil du mein Bruder bist!« Er war ganz außer sich.
»Na ja, darüber können wir ja immer noch reden«, sagte der Zimmermann still. »Aber nun weißt du es also, ich wollte es nicht hinterrücks tun …« Und dann ging er.
Stolpe ging in der Stube auf und nieder, von einem Gegenstand zum anderen. Er nahm ihn auf und stellte ihn wieder hin, ganz sinnlos. Die Hände zitterten heftig, und dann ging er in die andere Stube und schloß sich ein. Nach einer Weile kam seine Frau herein. »Du mußt lieber gehen, Pelle! Ich glaube nicht, daß Vater danach ist, heute noch mit Menschen zusammen zu sein. Er liegt da und ist ganz grau im Gesicht – wenn er doch bloß weinen könnte. Ach, wie die beiden Brüder sonst immer zusammengehalten haben! Sie waren in allem so einig.«
Pelle ging; ihm war ernst zu Sinn. Er sah voraus, daß Stolpe in seiner Rechtschaffenheit es für seine Pflicht halten würde, den Bruder härter zu verfolgen als andere – so sehr er ihn auch liebte; und vielleicht würde er selbst den Streikposten auf den Plätzen übernehmen, wo der Bruder auf Arbeit ging.
Bei den Seen begegnete er einer Abteilung der Streikposten, die auf dem Wege zur Stadt hinaus war; er gab ihnen eine Strecke das Geleite, um irgend etwas zu verabreden. Drüben auf der anderen Seite kam ein junger Bursche aus einem Torweg heraus und schlich sich um die Ecke. »Heda, Stopp!« rief einer von den Kameraden. »Da ist er, dieser Ehrenmann!« Ein paar Arbeiter verfolgten ihn die Schloßstraße hinab und kamen zurück, ihn zwischen sich führend. Sie bildeten einen Kreis um die ganze Schar, Frauen und Kinder schlossen sich ihnen schnell an.
»Ihr dürft ihm nichts tun«, sagte Pelle bestimmt.
»Ihn wird weiß Gott niemand anrühren«, erwiderten sie. Eine Weile standen sie stumm da und sahen ihn an, als wögen sie ihn in Gedanken; dann spien sie ihn an, einer nach dem anderen, und gingen. Der Bursche ging stumm in einen Torweg hinein, dort stand er und wischte sich die Spucke mit seinem Ärmel vom Gesicht ab. Pelle folgte ihm, um ihm ein gutes Wort zu sagen und ihn in die Organisation zurückzuführen. Der Bursche richtete sich hastig auf, als Pelle kam.
»Kommst du, um mich zu spucken?« fragte er höhnisch. »Du hast es vorhin vergessen – warum hast du mich nicht gespuckt?«
»Ich bespucke niemanden«, sagte Pelle, »aber deine Kameraden haben recht, dich zu verachten. Du hast sie im Stich gelassen. Komm mit, dann will ich dich wieder in die Organisation einführen, und niemand soll dir etwas tun.«
»Dann soll ich da wohl als Sünder rumgehen und Sticheleien einstecken – ne, ich danke!«
»Willst du denn lieber deinen eigenen Kameraden schaden?«
»Ich will Erlaubnis haben, meine alte Mutter zu versorgen. Ihr anderen könnt euch zum Teufel scheren. Meine Mutter soll nicht auf dem Hof rumgehen und singen und die Kehrichthaufen durchwühlen, während der Sohn den Großen spielt. Das überlasse ich gewissen Leuten!«
Pelle wurde blutrot, er fühlte, daß dies auf Vater Lasse anspielte, das verzweifelte Verhältnis zu dem Alten saß wie ein eingewachsener Gram irgendwo in ihm und brach jetzt auf.
»Wagst du deine Worte zu wiederholen?« knurrte er und ging dem Burschen auf den Leib.
»Und wenn ich verheiratet wär, denn würd ich es nich leiden, daß die Frau das tägliche Brot für mich verdiente, das würd ich den ›Louis‹ überlassen!«
Ei, ei, das schmeckte nach Klatsch, der darauf aus war, seinen Mann von hinten anzuschwärzen! Sie waren offenbar im Begriff, allerlei lügenhafte Gerüchte über ihn zu verbreiten, während er alles, was er besaß um ihretwillen zusetzte. Jetzt ward Pelle wütend: der Führer mochte zur Hölle fahren. Er langte dem Burschen ein paar kräftige Ohrfeigen und fragte, was er am liebsten wolle – Maul halten oder mehr haben.
Morten kam in den Torweg hinaus – diese Szene spielte sich in dem Hause ab, in dem er arbeitete. »Dies da geht nicht«, flüsterte er und zog Pelle mit sich fort. Pelle konnte nichts erwidern, sondern warf sich über Mortens Bett. Sein Blick brannte noch vor Zorn über die Beleidigung, und er verbrauchte viel Luft.
»Es geht jetzt hart her«, sagte Morten und sah ihn mit einem eigenen Lächeln an.
»Ja, ich weiß recht gut, daß du es nicht leiden kannst – aber sie müssen doch zusammenhalten!«
»Und wenn sie nun keinen besseren Verstand haben?«
»Dann müssen sie die Folgen hinnehmen. Das ist doch wohl natürlicher, als daß das Ganze zugrunde gehen soll!«
»Ist das das Neue? – Die Folgen hinnehmen, das meine ich, haben die Unmündigen immer tun müssen. Und es hat auch nie an jemand gefehlt, der sie angespien hätte«, sagte Morten betrübt.
»Höre aber einmal!« entgegnete Pelle und sprang in die Höhe. »Du willst mich doch nicht beschuldigen, daß ich jemand angespien habe – das haben die anderen getan.« Er war nahe daran, wieder wütend zu werden, aber Mortens stilles Wesen beherrschte ihn.
»Die anderen – so was gibt es überhaupt nicht! Du warst es, der dem Ärmsten siebenmal ins Gesicht gespuckt hat – ich stand ja im Laden und sah es.«
Pelle starrte ihn sprachlos an. Der wahrheitsliebende Morten stand da und log?
»Du sahst es, sagst du, daß ich gespien habe?«
Morten nickte. »Du willst am Ende die Hurras und die ganze Ehre für dich hinnehmen und dich um die Gemeinheiten und die zugrunde gerichteten Schicksale herumdrücken? Du hast eine große Verantwortung auf dich genommen, Pelle! Sieh, wie blindlings sie dir folgen – auf dein glattes Gesicht hin, könnte ich mich versucht fühlen zu sagen. Denn ich bin mir nicht ganz sicher, ob du selbst genug dabei zusetzt. Es haftet Blut an deinen Händen; aber ist auch von deinem eigenen Blut mit dabei?«
Pelle saß da und dachte schwer nach; Mortens Worte zwangen seine Gedanken immer, Wege zu beschreiten, die sie noch nie zuvor betreten hatten. Aber jetzt verstand er ihn; es huschte ein finsterer Zug über sein Gesicht und hinterließ etwas. »Diese Sache hat mir mein Heim gekostet«, sagte er still. »Ellen macht sich nichts mehr aus mir, und meine Kinder werden vernachlässigt und entgleiten mir. Auf eine schöne Zukunftsstellung habe ich verzichtet, hungern tue ich jeden Tag, und meinen alten Vater muß ich in Not und Elend sehen! So heimatlos und einsam und verlassen, wie ich bin, glaube ich, kann sich kein anderer fühlen! Dann setze ich doch wohl auch etwas dabei zu! – da du mich doch dazu zwingst, es selbst zu sagen.« Er lächelte zu ihm auf, hatte aber Tränen in den Augen.
»Verzeihe, lieber Freund!« sagte Morten. »Ich fürchtete, daß du nicht wirklich wüßtest, was du vorhast. Es liegen schon viele auf dem Walplatz, und das ist schwer mit anzusehen – namentlich wenn es doch zu nichts führen sollte.«
»Verurteilst du es denn? Aus dir kann ich ja niemals klug werden!«
»Nicht, wenn es zum Ziele führt! Ich habe selbst davon geträumt, sie dem Glück entgegenzuführen – auf meine eigene Weise; aber die Gemüter sind nicht danach. Du hast die Macht über sie – dir folgen sie blindlings; führe du sie weiter! Aber jede Wunde, die sie im Kampf erhalten, soll auch dich treffen, sonst bist du doch nicht der rechte dazu. Und bist du des Zieles sicher?«
Ja, des Zieles war Pelle sicher. »Und wir erreichen es!« rief er plötzlich begeistert. »Sieh nur, wie freudig sie sich in alles finden und nur drauflosgehen!«
»Aber, Pelle!« sagte Morten mit einem bedeutsamen Lächeln und legte die Hand auf seine Schulter, »ein Führer ist nicht selbst Henkersknecht! Außerdem bekämpft die Partei die Prügelstrafe!«
»Ach, denkst du an das von vorhin!« sagte Pelle. »Das hat nichts mit der Bewegung zu schaffen. Er sagte, mein Vater ginge herum und singe in den Höfen und fischte in den Kehrichteimern – da gab ich ihm ein paar ans Maul. Ich habe doch wohl dasselbe Recht wie jeder andere, eine Beleidigung zu rächen.« Die bösen Worte über Ellen erwähnte er nicht, er konnte sich nicht dazu entschließen.
»Aber das ist ja wahr«, sagte Morten still.
»Warum hast du es mir denn nicht erzählt?« fragte Pelle bleich.
»Ich glaubte, du wüßtest es. Du hast ja auch genug, womit du kämpfen mußt, und hast dir nichts vorzuwerfen.«
»Weißt du vielleicht, wo er sich umhertreibt?« fragte Pelle leise.
»Er pflegt sich hier in diesem Viertel aufzuhalten.«
Pelle ging. Ihm war schwer zu Sinn, der Tag hatte ununterbrochen daran gearbeitet, ihm Verantwortungen aufzubürden, die für einen zu schwer waren. Sollte er die Verantwortung für das übernehmen, was die Bewegung in ihrem Vorschreiten zugrunde richtete, bloß weil er seine Kräfte und sein Glück zur Verfügung gestellt hatte? Und da ging Vater Lasse als Lumpensammler herum! Er mußte vor Scham über sich selbst erröten und hatte es doch nicht verhindern können? Sollte er die Verantwortung für die Verhältnisse tragen? Und nun bespien sie Ellen – zum Dank!
Er wußte nicht, wo er mit dem Suchen anfangen sollte und ging die Höfe hinein und fragte aufs Geratewohl. Auf einem Hof in der Blaagaardstraße strömten Menschen zusammen, Pelle ging da hinein. Da war ein Hofmissionar, er hatte den singenden Dialekt der Bornholmer und den eigentümlichen Ausdruck in den Augen, dessen sich Pelle aus seiner Kindheit von den »Heiligen« entsann. Er predigte und sang abwechselnd. Pelle sah ihn mit einem Blick an, der von Erinnerungen verschleiert war, und in seiner verzweifelten Stimmung war er nahe daran, alles über Bord zu werfen und laut aufzubrüllen wie in den Knabenjahren, wenn sich ihm etwas auf das Herz schlug. Das war ja der Junge, der etwas Rohes von Vater Lasse gesagt hatte und dem er – so klein wie er war – einen Bruch in den Leib getreten hatte. Damals konnte er seinen Vater verteidigen, ja!
Er ging hin und reichte ihm die Hand: »Das ist ja Peter Kure – bist du hier?«
Der Mann sah ihn mit jenem Blick an, der aus einer anderen Welt kam. »Ja, ich mußte hier hinüber, Pelle!« sagte er bedeutsam. »Ich sah die Armen vom Lande nach der Stadt und weiter hier hinüber wandern; da ging ich ihnen nach, damit sie nicht zu Schaden kommen sollten. Denn ihr Armen seid ja die Auserwählten Gottes, die wandern und wandern müssen, um das Reich zu finden. Jetzt hat das Meer euch Einhalt geboten, und ihr könnt nicht weiter kommen; da meint ihr, daß das Reich hier liegen müsse. Gott hat mich gesandt, um euch zu sagen, daß ihr irrt. – Und du, Pelle, willst du jetzt zu uns kommen? Gott wartet mit Sehnsucht auf dich; er hat Verwendung für dich zum Besten für alle diese Kleinen.« Und er behielt Pelles Hand in der seinen und sah ihn eindringlich an, vielleicht glaubte er, daß Pelle kam, um sich unter den Schutz seines Reiches zu stellen.
Hier war wieder einer, der Pläne hatte, die Armen dem Glückslande entgegenzuführen! Aber Pelle hatte die Armen selbst! »Ich habe für sie getan, was ich vermochte«, sagte er mit Selbstbewußtsein.
»Ja, das weiß ich wohl, aber das ist nicht das Rechte – das was du da vorhast! Du gibst ihnen nicht das Brot des Lebens!«
»Ich glaube, sie haben mehr Bedürfnis nach Schwarzbrot. Sieh sie an, meinst du, daß sie zuviel zu essen bekommen?«
»Und kannst du ihnen denn Speise geben? Ich kann ihnen Gottesfreude geben, so daß sie ihren Hunger für eine Weile vergessen. Kannst du aber etwas anderes, als sie den Hunger noch mehr fühlen lassen?«
»Vielleicht kann ich es. Aber jetzt habe ich keine Zeit, darüber zu reden; ich bin ausgegangen, um meinen alten Vater zu suchen.«
»Deinen Vater habe ich vorhin in der Steinstraße getroffen, mit einem Sack auf dem Rücken – er sah nicht gerade aus, als wenn ihm ein zu sanftes Los beschieden sei. Ich habe ihn einmal drüben bei Schuhmacher Sort getroffen; da wollte er hier rüber und seine alten Tage bei seinem Sohn verleben.«
Pelle erwiderte nichts, sondern floh. Er ballte die Hände in ohnmächtiger Wut, während er von dannen stürzte. Hier gingen sie umher und stichelten auf ihn, der eine immer eifriger als der andere; während die nackte Wahrheit die war, daß er – jung und kräftig und tüchtig für seinen Beruf, wie er war – Frau und Kinder und seinen alten Vater nicht versorgen konnte, selbst wenn er sichere Arbeit hatte. Ja, so verdammt waren die Verhältnisse, daß ein Mann in seinem besten Alter nicht dem Gebot der Natur folgen und eine Familie gründen konnte, ohne daß die, die von ihm abhingen, in Not und Elend versanken! Zum Teufel auch, das ganze System sollte niedergeschlagen werden! Besaß er die Macht über sie, so wollte er auch das Recht haben, sie zu ihrem Besten zu benutzen!
In der Steinstraße hörte er heiseren, zitternden Gesang aus einem Brunnen vom Hof schallen. Es war Vater Lasse. Der Lumpensack stand neben ihm, der Traghaken war hineingehakt. Er umklammerte ihn mit der einen Hand und gestikulierte mit der anderen zu den Fenstern hinauf, während er sang. Das Lied erregte Gelächter, und er versuchte, es noch amüsanter zu machen durch lustige Gebärden, die seine trübselige Gestalt jämmerlich kleideten.
Es schnitt Pelle ins Herz, diesen Jammer mitanzusehen, er versteckte sich im Torweg und wartete darauf, daß der Vater fertig werden sollte. An einzelnen Stellen im Laufe des Liedes nahm Lasse seine Mütze ab und schlug sich damit an den Kopf, während er das eine Bein in die Höhe hob. Er war nahe daran, das Gleichgewicht zu verlieren, und die Straßenjungen, die ihn umgaben, zogen an seinen zerlumpten Rockschößen und pufften einander auf ihn. Dann blieb er stehen, redete ihnen mit seiner zitternden Stimme zu und sang weiter:
Wollt ihr lieben Leute hören mein Malheur?
Ohne Vater bin ich in die Welt gekommen,
Mutter stand im Zug in einer Tür, –
Von der Straß hat sie mich mitgenommen.
Wenn die Welt auch ihre Schand vergessen,
Schmück mein Lied ich jetzt doch damit auf,
Gute Leute gebt mir was zu essen!
Bald zu Ende ist mein Lebenslauf.
In die Welt trat ein ich ohne Trug,
Darum seht ihr mich jetzt auch in Lumpen.
Einen Bruder hab' ich, der ist reich genug,
Aber Lasse wagt es nicht, ihn anzupumpen.
Nie sind wir uns in den Weg gelaufen,
Arbeit' ich, so sammelt Geld er ein,
Er hat Gold und Edelstein in Haufen,
Was er sich nur wünschen kann, ist sein.
In dem prächtigsten Palast mein Bruder wohnt.
Seine Pferde haben Silberschmuck am Zaume,
Zehn, zwölf Taler jede Stund ihn lohnt,
Wo auf weichem Pfühl er liegt und dreht die Daume,
Er hat so viel Reichtum, wie mir Dreck beschieden,
Wo er sich nur hinwendt, da liegt Geld.
Ich soll ihn beerben einst hienieden,
Wenn er vor mir scheidet aus der Welt.
Einstmals wollt mir auch das Glück begegnen, –
Als die Arbeit mir all Kraft genommen,
Gott ließ Milchsupp von dem Himmel regnen,
Leider war kein Löffel mitgekommen.
Mitleid hatte Gott mit mir gehabt,
Doch ich Ärmster wußt es nicht zu nützen,
Schnell hat sich der reiche Bruder dran gelabt,
Fraß zum Platzen dick sich an der Armut Grützen.
Wenn auch Schmalhans hier das Zepter führt,
Wenn das Leben schwer ist hier auf Erden,
Sagt doch Gott, der unsre Welt regiert,
Daß im Himmel es soll besser werden.
Darum lieben Leute ich euch bitt',
Gebt ein Scherflein für den Sarg des Armen,
Drin er seine letzte Reis' antritt,
Habt mit seiner letzten Stund' Erbarmen!
Doch hat Gott mir einen Sohn geschenkt!
Kinder sind des Armen Reichtum ja hienieden,
Ob auch er an seinen alten Vater denkt,
Dem kein größrer Schatz als er beschieden?
Lang bin ich von ihm getrennt, bin müd,
Müd vom Lumpensammeln zu dem Klang der Lieder.
Lohnen wird's euch Gott, der alles sieht!
Werft in Lasses Mütz' ein Scherflein nieder!
Als Lasse mit seinem Gesang fertig war, klatschten sie und warfen ihm Geldmünzen in Papier gewickelt herunter; er trabte herum und sammelte sie auf. Dann nahm er seinen Sack auf den Nacken und stolperte vornübergebeugt durch den Torweg.
»Vater!« rief Pelle verzweifelt – »Vater!«
Lasse richtete sich mit einem Ruck auf und ließ seine schwachen Augen durch den Torweg schweifen: »Bist du hier, Junge? Ach, es klang wie deine Kinderstimme, wenn jemand dir etwas tun wollte und du mich um Hilfe riefest.« Der Alte zitterte am ganzen Leib. »Und nun hast du das Ganze wohl mitangehört und schämst dich über deinen alten Vater?« Er wagte nicht den Sohn anzusehen.
»Vater, jetzt mußt du mit nach Hause gehen, hörst du?« sagte Pelle, als sie auf die Straße hinauskamen.
»Nein, das kann ich nicht! Da ist nicht mal genug für deine eigenen Mäuler, nein, du mußt mich meine eigenen Wege gehen lassen. Ich muß für mich selbst sorgen, mir geht es ja gut!«
»Du sollst mit nach Hause kommen – die Kinder entbehren dich, und Ellen fragt jeden Tag nach dir.«
»Ja, das mag gern sein. Aber ich weiß, was sie dabei denken muß, wenn ich ihren Kindern das Essen vor dem Munde wegnehme! Und obendrein – jetzt ein Lumpensammler! Nein, du mußt mich nicht in Versuchung führen.«
»Du sollst jetzt mit mir kommen. – Was auch sonst sein mag. Ich kann diese Qual nicht ertragen, Vater!«
»Na ja, denn in Gottes Namen, denn muß ich meine Schande vor dir offenbaren, Junge – wenn du mich sonst nich' lassen willst! Sieh, ich wohne mit einer zusammen – mit einem Frauenzimmer. Ich hab' sie draußen auf dem Müllplatz getroffen, wo sie Abfall aufsammelte, so wie ich. Ich hatte mir da draußen einen Winkel eingerichtet – für die Nacht, bis ich ein Logis gefunden hätte, und da sagte sie, ich sollte mit ihr nach Hause gehen – es wäre doch nicht so kalt, wenn man zu zweien wär. Seitdem haben wir beiden Alten uns zusammengetan. Willst du nicht mit nach Hause gehen, nu, wo wir uns doch getroffen haben? Dann kannst du dir das Ganze ja gleich einmal ansehen. Wir wohnen hier ganz in der Nähe.«
Sie bogen in eine enge Gasse ein und gingen in einen Torweg hinein. Drinnen über den Hinterhof, in einem Schuppen, der Ähnlichkeit mit den Überresten eines alten Bauernhauses hatte, war Lasses Heim. Es sah so aus, als sei es einmal früher Feuerungsraum gewesen; da war eingestampfter Lehmboden, und lose Bretter bildeten die Decke. Unter der Decke waren Leinen gezogen, auf denen Lumpen, Papier und andere Sachen aus dem Kehrichtkasten zum Trocknen hingen. In der einen Ecke auf einem sehr niedrigen eisernen Ofen stand der Kaffeekessel und summte und entsandte seinen lieblichen Duft in den muffigen Gestank von dem Abfall. Lasse schüttelte sich vor Behagen.
»Ach, ich bin ganz steif«, sagte er – »und ein wenig verfroren. Hier siehst du also meine kleine Mutter – und das ist mein Sohn, Pelle, der Junge.« Vergnügt streichelte er seiner neuen Lebensgefährtin die Wangen.
Es war ein altes, krumm gebogenes Frauenzimmer, schmutzig und zerlumpt war sie; ihr Gesicht war voll von rotem Ausschlag, den sie sich wahrscheinlich drüben auf dem Müllplatz geholt hatte. Aber es saßen ein Paar gute Augen darin und löschten altes andere aus.
»Also das ist Pelle!« sagte sie und sah ihn an. »So also sieht er aus! Ja, seinen Namen hat man ja gehört; er gehört zu denen, die auffallen, obwohl er keine roten Haare hat.«
Pelle mußte einen Schluck Kaffee mittrinken. »Du kriegst nur Butterbrot dazu, denn anderes Abendessen leisten wir Alten uns nicht«, sagte Lasse. »Wir gehen früh zu Bett, wir beide, und man schläft schlecht mit einem überfüllten Magen.«
»Nun, was sagst du denn zu unserer Wohnung?« fragte Lasse weiter und sah sich stolz um. »Wir geben nur vier Kronen im Monat dafür, und die ganze Einrichtung haben wir gratis; das haben Mutter und ich alles vom Müllplatz hergeschleppt, jedes Stück, selbst den Ofen. Sieh nur mal diese Heumatratze an, die ist doch wirklich nicht übel, und die haben die guten Leute weggeworfen! Die eiserne Bettstelle haben wir auch da drüben gefunden, ich habe ein Bein darunter gebunden. Und gestern kam Mutter mit Gardinen angeschleppt und hing sie auf. Gut, daß es Leute gibt, die so viel haben, daß sie es auf den Müllhaufen werfen müssen.«
Lasse war ganz heiter, es schien ihm gut zu gehen, das alte Frauenzimmer sorgte für ihn, als wäre er ihre Jugendliebe. Sie half ihm die Stiefel aus und zog ihm ein Paar Flickenschuhe an die Füße; dann holte sie eine lange Pfeife aus der Ecke und steckte sie ihm in den Mund; er lachte und fühlte sich behaglich dabei.
»Siehst du die Pfeife, Pelle? Dazu hat Mutter zusammengespart, ohne daß ich etwas davon ahnte – sie hat sie so lang genommen, daß ich sie nicht selbst anstecken kann. Dann glich ich einem Hauspapst, sagt sie.« Lasse mußte sich in den Stuhl zurücklehnen, während sie die Pfeife anzündete.
Als Pelle ging, begleitete ihn Lasse über den Hof. »Nun, was sagst du dazu?« fragte er.
»Ich muß mich ja freuen, daß es dir so gut geht«, erwiderte Pelle demütig.
Lasse drückte ihm die Hand: »Hab Dank dafür! Ich fürchtete ja, du würdest strenge sein. Als kleiner Junge nahmst du es verteufelt genau nach der Richtung hin. Und siehst du, wir könnten uns ja natürlich heiraten – es liegt für uns beide kein Hindernis vor. Aber das kostet Geld – und die Zeiten sind schlecht. Und daß Kinder kommen und die Forderung stellen könnten, anständig in die Welt gesetzt zu sein, das hat ja keine Gefahr.«
Pelle mußte lächeln, so ernst ihm auch zu Sinn war.
»Sieh bald einmal wieder bei uns vor – du bist uns immer willkommen«, sagte Lasse. »Aber Ellen brauchst du nichts davon zu erzählen – sie ist so eigen nach der Richtung hin!«