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Pelle und seine kleine Nachbarin wetteiferten, wer zuerst am Morgen aufstand. Wenn sie Glück gehabt hatte und ihn wecken mußte, strahlte ihr Gesicht vor Stolz. Es kam wohl vor, daß er ein wenig länger liegenblieb, um ihr die Freude zu gönnen, und ganz schlaftrunken antwortete, wenn sie an die Wand pochte. Aber zuweilen forderten die Kinderjahre ihr Recht, und Pelle bewegte sich so still wie möglich, und um halb sechs pochte er dann an die Wand. Dann schämte sie sich den ganzen Vormittag. Die Brüder sollten ihren Morgenkaffee haben und um sechs auf Arbeit sein. Peter, der der ältere war, ging in eine Blechwarenfabrik, Karl trug Morgenzeitungen aus und verrichtete alle mögliche zufällige Arbeit; die mußte er aufstöbern, und das haftete seiner ganzen kleinen Person an. Es lag etwas Rastloses, Wanderndes über seinem Wesen, als wenn die Gedanken beständig nach Auswegen suchten.
Um diese Zeit regte es sich ringsumher; unten über dem Grunde des Brunnens und hinaus durch den Tonnengang schallte ein endloses Klappern von Fußtritten von den Hunderten der Arche, die sich schlaftrunken in den Tag hinauswälzten – zerzaust, Reste von dem Inhalt der Nacht noch in Zügen und Augen, schmatzten sie, als schmeckten sie den Gegensatz zwischen Nacht und Tag, gähnten hörbar und jagten dahin. Hier oben auf dem langen Gang taumelten Fabrikmädchen, Arbeiter und Zeitungsfrauen halb nackend umher; sie verspäteten sich immer und standen nun scheltend da und warteten, bis die Reihe zum Waschen an sie kam. Es war nur eine Waschgelegenheit an jedem Ende des Ganges, und es war nur eben Zeit, die Augen anzufeuchten und den Schlaf zu verjagen. Zu allen Kammern standen die Türen offen; die Nachtdünste hingen schwer in dem Gang.
Die Tage, an denen er zu Hause arbeitete, war die kleine Marie guter Laune. Sie sang und trällerte unaufhörlich mit ihrer wunderlichen Zwergenstimme, und jeden Augenblick kam sie hin und bot ihre Dienste an. Dann konnte sie sich hinter ihn stellen und schweigend dastehen und seiner Arbeit zusehen, während der Atem hörbar in ihr ging mit schwachem pfeifenden Geräusch. Es lag ein dumpfes Brüten in ihrem kleinen, zurückgebliebenen Körper, der Pelle an Mortens unglückliche Schwester Karen erinnerte; dasselbe Unausgetragene, Versteinerte – wie die Früchte von allzu jungen Bäumen. Aber es war doch eine lichtere Färbung über ihr; die Kinderarbeit war nicht als bitterer Saft in sie übergegangen, nur ihr Äußeres war davon gestempelt. Über ihrem Wesen lag im Gegenteil ein Schimmer von verkümmertem Glück, als gehe es ihr viel besser, als sie erwarten konnte. Vielleicht kam es daher, daß sie ein Ergebnis ihrer harten Kinderarbeit sah. Niemand konnte ihr dies in alle Winde zerstreuen.
Sie war eine tüchtige kleine Hausfrau, und die Brüder respektierten sie und brachten getreulich nach Hause, was sie verdienten. Dann nahm sie davon ab, was sie gebrauchte, legte etwas für die Hausmiete in eine Schachtel zurück, die sie in der Kommode aufbewahrte, und gab ihnen etwas, wofür sie sich amüsieren durften. »Etwas müssen sie haben!« sagte sie zu Pelle, »denn Männer wollen etwas Geld in der Tasche haben. Sie verdienen es ja auch, denn sie haben noch nie einen Öre vertrunken. Sonnabendabend kommen sie immer gleich mit ihrem Verdienst nach Hause. – Aber jetzt muß ich an meine Arbeit. Schrecklich, wie einem die Zeit unter den Händen wegläuft!« Sie schwatzte genau so wie eine verheiratete Frau, und Pelle amüsierte sich im stillen.
Nach einer Weile guckte sie wieder herein, er sollte irgend etwas schmecken, oder sie hatte ihre Flickarbeit mitgebracht und ließ sich auf den Rand eines Stuhles nieder. Sie war immer auf dem Sprung, als könne ein Kochtopf überkochen oder sonst etwas geschehen.
Dann redeten sie vernünftig miteinander. Die kleine Marie machte sich nichts aus Geschwätz; da waren auch genug ernste Dinge, die sie bereden mußte: die schwierigen Zeiten, Mariens Eltern, und dann das Wunderbare selbst, daß sie einander schon einmal getroffen hatten; das war ein Ereignis unerschöpflichen Reichtums für sie, obwohl sie sich dessen nicht mehr entsinnen konnte.
Aber Pelle wußte es noch ganz deutlich und mußte ihr wieder und wieder erzählen, wie er daheim nach dem Hafen gegangen war, um dem alten Dachdecker Holm den Dampfer zu zeigen; und sie lachte jedesmal, wenn sie hörte, daß Holm dagestanden und vor Angst weggelaufen war, als die Dampfwinde gepustet hatte. Und dann? – Ja, der Dampfer war ja im Begriff, im Hafen Mobiliar einzuladen, alte Betten, Tische und dergleichen.
»Das war all das Unsere!« rief Marie aus und klatschte in die Hände. »Damals hatten wir noch was. Wir brachten es aufs Pfandhaus, als Vater nach dem Fall krank lag!« Dann starrte sie ihn nach mehr fragend an.
Und mitten zwischen all ihren Habseligkeiten stand ein Mann mit einem alten Spiegel im Arm. Dachdecker Holm kannte ihn und ließ sich in eine Unterhaltung mit ihm ein.
»Er weinte, nicht wahr?« fragte Marie gerührt. »Vater war so unglücklich, daß es mit uns zurückging.«
Und dann schwatzte sie selbst von dem Hotel dort unten zwischen den Klippen an der Ostküste und von den feinen Gästen, die im Sommer dort wohnten. Drei Jahre hatten sie das Hotel gehabt, und Pelle mußte ihr die Summe nennen, um die man ihren Vater betrogen hatte. Sie war stolz darauf, daß sie einmal so viel besessen hatten – zehntausend Kronen!
Hier drüben hatte der Vater Arbeit als Maurerhandlanger gefunden; eines Tages trat er auf einen Wippbalken und fiel hinab. Er lag ein paar Monate, und als all ihr Hab und Gut ins Pfandhaus gewandert war, da starb er, und dann kamen sie in die »Arche«. Die Mutter wusch außer Hause, aber sie war so wunderlich im Kopf geworden. Sie konnte das Unglück nicht ertragen, und so vernachlässigte sie die Häuslichkeit, lief umher und suchte Trost bei verschiedenen Religionssekten. Zuletzt war sie ganz gestört, und eines Tages verschwand sie. Man glaubte, sie hätte sich im Kanal ertränkt. »Aber nun geht es uns gut,« schloß Marie immer – »nun ist es eine Kleinigkeit!«
»Wirst du denn nicht müde davon, daß du auf all das achtgeben mußt?« konnte Pelle verwundert fragen.
Sie sah ihn erstaunt an. »Wovon sollte ich wohl müde sein? Das ist doch nicht mehr, als man bewältigen kann – wenn man sich bloß einzurichten weiß, und die Jungens sind zufrieden mit allem, was ich tue. Die machen mir nie Schwierigkeiten!«
Die drei Verwaisten schlugen sich so gut durch, wie sie konnten, und waren ganz stolz auf ihre kleine Wirtschaft. Wenn es ihnen schlecht ging, so hungerten sie und hielten ernstlich Rat; aber sie nahmen von keinem Menschen Hilfe an. Sie lebten in der beständigen Angst, daß die Polizei einen Einblick in ihre Verhältnisse gewinnen und sie in die Schule schleppen könnte. Dann würden sie auseinander getrieben und auf Rechnung des Armenwesens untergebracht werden. Sie waren scheu und hielten sich für sich. In der »Arche« hatten alle sie gern und halfen ihnen, ihre Verborgenheit zu bemänteln. Mit dem Familienleben der übrigen Bewohner ging es, so gut es konnte; irgendwo war immer ein Skandal. Es war gleichsam eine Genugtuung, diese drei Kinder so hübsch mitten in all diesem Mischmasch wohnen zu haben. Man sah zu der kleinen Musterwirtschaft auf und schützte sie wie ein Heiligtum.
An Pelle schlossen sie sich blindlings an. Sie hatten ihn auf der Straße aufgefischt und betrachteten ihn gewissermaßen wie ein Findelkind, das noch immer unter ihrem Schutz stand. Wenn Marie den Jungens den Morgenkaffee eingeschenkt hatte, brachte sie Pelle auch einen Schluck hinein – da half kein Widerstreben. Und am Vormittag, wenn sie bei sich selbst fertig war, stellte sie sich bei ihm mit Besen und Aufwascheimer ein. Ihr verständiges, altkluges Gesicht strahlte vor Umsicht und Bedürfnis zu helfen. Sie fragte nicht um Erlaubnis, sondern griff zu, wo es Not tat. Wenn Pelle in Becks Werkstatt war, fand er des Abends sein Zimmer immer in Ordnung vor.
Hatte er zu Hause Arbeit, so kam sie mit dem Vormittagskaffee für sie beide herein. Er wagte nicht, es ihr abzuschlagen, weil sie sich das zu Herzen nahm und dann einen ganzen Tag gekränkt umhergehen konnte; statt dessen lief er hinunter und holte Wecken. Marie pflegte unter irgendeinem Vorwande ihr Teil für die Jungen zurückzulegen – es machte ihr keine rechte Freude, irgend etwas selbst zu genießen.
Pelle fühlte, wie es mit ihm vorwärtsging, und er fühlte seine eigene Jugend. Er war beständig in rosigster Laune, selbst Hanne konnte keinen ernsten Schatten auf sein Dasein werfen. Über dem Verhältnis zu ihr lag etwas wie eine schöne Unwirklichkeit, die keine Narbe im Herzen hinterließ.
Und diesem vielgeprüften Kinde gegenüber schämte er sich ganz einfach, wenn irgendetwas in ihm aufsteigen und ihn verstimmt machen wollte. Er fühlte es als Pflicht, ihr armes Dasein mit guter Laune zu erhellen. Er schwatzte munter mit ihr, scherzte und neckte sie, um ihren unnatürlichen Ernst zu vertreiben. Dann lächelte sie auf ihre stille, mütterliche Weise, wie man über ein liebes Kind lächelt, das unsere Sorgen verscheuchen will – und erbot sich, irgend etwas für ihn zu tun.
»Soll ich dir deine Bluse auswaschen oder deine Hemden nachsehen?« fragte sie. Ihre Dankbarkeit äußerte sich immer in irgendeiner Arbeit.
»Danke, Marie – das besorgen Hanne und ihre Mutter ja.«
»Aber das ist doch nichts für die Prinzessin – das kann ich doch viel besser!«
»Die Prinzessin?« sagte Pelle und erhob den Kopf. »Wird sie so genannt?«
»Nur von uns Kindern – es ist kein Schimpfname. Wir spielten immer Prinzessin, wenn sie mit dabei war – und dann war sie es. Aber weißt du was? Es wird einer kommen und sie entführen – ein sehr Vornehmer. Sie ist in der Wiege schon für einen feinen Herrn bestimmt.«
»Ach was, Unsinn!« sagte Pelle ärgerlich.
»Das ist wirklich wahr! Wenn es regnete, saßen wir unter der Galerie, da in der Ecke auf dem Kehrichtkasten, und dann erzählte sie es uns – es ist wirklich wahr! Findest du nicht auch, daß sie reizend ist, so ganz wie eine Prinzessin? So –« Marie machte eine Bewegung in der Luft mit ihren gespreizten Fingern. »Und sie kennt alles, was fein ist. Sie lief zu uns hinunter in den Hof in ihrem langen Kleid, und ihre Mutter stand oben und schalt sie aus; dann setzte sie sich auf den Rost wie auf einen Thron und war Königin – und wir waren ihre Damen. Sie flocht uns das Haar und steckte es fein auf mit bunten Bändern, und wenn ich dann heraufkam, riß Mutter mir das Ganze vom Kopf und machte mir das Haar wieder rauh. Es sei eine Sünde gegen Gott, sich so aufzuputzen! sagte sie. Und als Mutter dann verschwand, hatte ich keine Zeit mehr, da unten zu spielen.«
»Arme Kleine«, sagte Pelle und strich ihr über das Haar.
»Warum sagst du das?« sagte sie und sah ihn verwundert an. Er besaß ihr ganzes Vertrauen und erfuhr Dinge, die nicht einmal die Jungen wissen durften. Sie hielt sich auch besser in Kleidung; ihr dünnes blondes Haar war immer glatt in die Stirn gestrichen.
Wenn sie beide was in der Stadt zu besorgen hatten, war sie glücklich. Dann zog sie ihr Bestes an und ging an seiner Seite durch die Straßen, über das ganze Gesicht lächelnd. »Nun glauben die Leute am Ende, daß wir ein Liebespaar sind – aber was tut das? Laß sie das nur glauben.« Pelle lachte; sie war mit ihren elf Jahren nicht größer als ein neunjähriges Kind – so zurückgeblieben im Wachstum.
Sie hatten oft ihre Not, auszukommen; sie sprachen nicht gern davon, aber es konnte etwas Gequältes in ihre Mienen kommen. Dann sprach Pelle fröhlich über die guten Zeiten, die bald für alle Armen anbrechen würden. Es kostete ihm große Anstrengungen, es in Worte zu formen, mit dem Klang, wonach sie klingen sollten. Die Gedanken waren ihm selbst noch so neu. Aber die Kinder machten sich nichts aus seiner Unbehilflichkeit; ihnen wurde es noch leichter, an das Neue zu glauben, als ihm selber.