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Mit Pelle ging in dieser Zeit eine sonderbare Veränderung vor sich. Er hatte genug Not und Elend in seinem Leben gesehen, und die Hauptstadt hier war ganz einfach ein Walplatz, wo ein Heer nach dem anderen vorwärtsgestürmt und jammervoll zugrunde gegangen war. Ringsumher lagen die Gefallenen. Die Stadt war über ihnen aufgebaut wie ein Friedhof; man mußte auf sie treten, um vorwärtszukommen – und sich abhärten. So war es nun einmal im Leben; und man schloß die Augen – wie die Schafe, wenn sie sehen, daß ihre Kameraden geschlachtet werden – und wartete still, bis die Reihe an einen selbst kam. Etwas anderes war da nicht zu tun.
Aber nun erwachte der Schmerz in ihm; es tat ihm schneidend weh, jedesmal, wenn er jemand leiden sah; er murrte gegen das Unglück an, so bodenlos wie es war.
Eines Tages saß er da und arbeitete. An das andere Ende des Ganges war kürzlich ein Fabrikmädchen mit ihrem Kinde eingezogen. Jeden Morgen schloß sie die Tür ab und ging – und kam nicht vor Abend von der Arbeit zurück. Wenn Pelle nach Hause kam, hörte er oft Weinen da drinnen.
Er saß bei seiner Arbeit und tummelte sich mit seinen verwirrten Gedanken herum; die ganze Zeit sauste ein sonderbar unterdrücktes Geräusch in seinem Ohr, schmerzlich, als wenn irgend etwas unaufhörlich jammerte. Vielleicht war es nur der Klagegesang des Elends selber, es hingen beständig Strophen davon in der Luft.
Die kleine Marie kam hastig herein. »Ach, Pelle, nun weint er schon wieder«, sagte sie und ballte die Hände ängstlich vor der eingefallenen Brust. »Er hat den ganzen Tag geweint, seit sie hier eingezogen sind – es ist ganz schrecklich!«
»Wir wollen mal hingehen und sehen, was da los ist«, sagte Pelle und warf den Hammer hin.
Die Tür war verschlossen; sie versuchten durch das Schlüsselloch zu gucken, konnten aber nichts sehen. Das Kind da drinnen hielt einen Augenblick mit seinem Weinen inne, als es sie hörte, begann aber gleich wieder; es klagte leise und eintönig, als habe es sich darauf eingerichtet, bis ins Unendliche auszuhalten. Sie sahen einander an; es war nicht zum Aushalten.
»Die Schlüssel hier im Gange passen zu allen Zimmern«, sagte Marie leise. Mit einem Sprung war Pelle hin, holte seinen Schlüssel und öffnete.
Dicht neben der Tür saß ein kleiner vierjähriger Junge, er hielt einen verrosteten Blechgegenstand in der Hand und starrte zu ihnen auf. Er war an den Ofen festgebunden; neben ihm auf einem alten hölzernen Stuhl stand ein blecherner Teller mit ein paar abgeknabberten Brotkrusten. Das Kind war in schmutzige Lumpen gekleidet und sah entsetzlich aus. Es saß in seinem eigenen Schmutz, die kleinen Hände waren voll davon. Das verschwollene, verweinte Gesicht war ganz damit eingeschmiert. Flehend streckte es die Hände zu ihnen empor.
Pelle brach in Tränen aus bei diesem entsetzlichen Anblick und wollte den Kleinen aufnehmen. »Laß mich das tun!« rief Marie entsetzt. »Du schweinigelst dich ja ein!«
»Ach was!« erwiderte Pelle dumpf. Er war behilflich, das Kind loszubinden; seine Hände zitterten.
Sie machten den Jungen einigermaßen zurecht und gaben ihm zu essen. Dann ließen sie ihn in den langen Gang hinein. Eine Weile stand er dumm an dem Türpfosten da und glotzte; dann entdeckte er, daß er nicht festgebunden war, und fing an, auf und nieder zu stürmen. In der Hand hielt er noch das alte Teesieb, mit dem er dagesessen hatte, als sie zu ihm eingebrochen waren; er hatte es die ganze Zeit krampfhaft festgehalten. Marie mußte die Hand in Wasser tauchen, um das Sieb zu reinigen.
Von Zeit zu Zeit blieb er vor Pelles offener Tür stehen und guckte hinein. Pelle nickte ihm zu, dann stürmte er wieder auf und nieder – er war wie wild. Aber plötzlich kam er ganz herein, legte das Teesieb in Pelles Schoß und sah ihn an. »Soll ich das haben?« fragte Pelle. »Siehst du, Marie, er gibt mir das einzige, was er hat.«
»Ach, der arme Kleine!« rief Marie gerührt aus. »Er will sich bedanken!«
Am Abend kam die Fabrikarbeiterin hereingestürmt; sie war wütend und schimpfte über den Einbruch. Pelle wunderte sich selbst darüber, daß er so ruhig antworten konnte und nicht wieder schalt. Aber er begriff sehr wohl, daß sie sich ihres Elendes schämte und nicht wollte, daß jemand es sah. »Es ist ein Unrecht gegen das Kind«, sagte er nur. »Du hast es ja doch lieb!«
Da fing sie an zu weinen. »Ich muß ihn ja festbinden, sonst kriecht er auf das Fensterbrett herauf und stürzt auf die Straße – er hat die Haken schon einmal aufgemacht. Und Kleider, um ihn in die Krippe zu schicken, hab' ich nich'.«
»Dann laß die Tür nach dem Gang hin aufstehen! Wir wollen uns schon nach ihm umsehen, Marie und ich!«
Seither lief der Junge auf dem Gang herum und tummelte sich. Marie war ihm behilflich und war wie eine Mutter gegen ihn; Pelle kaufte einige alte Kleider, und die nähte sie für ihn zurecht. Der Junge sah drollig darin aus, war ein kleiner Kobold, der alles in gute Laune versetzte. In seiner Einsamkeit hatte er nicht sprechen gelernt, aber jetzt kam es schnell.
In Pelle hinterließ diese Begebenheit etwas ganz Neues. Das Elend hatte er stets gekannt, jetzt war es die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die dahinter stand; er konnte die Hände, während er so still dasaß, plötzlich im Zorn ballen. Da war etwas, das man ohne Unterlaß hassen mußte, Tag und Nacht, solange man atmete – auch darin hatte Morten recht. Dies Kind hatte einen Fabrikherrn zum Vater, und das Mädchen wagte nicht einmal, ihn vor Gericht anzugeben, damit er den Unterhalt für das Kind bezahlen sollte, nur um nicht von ihrem Platz gejagt zu werden. So unüberwindlich das Ganze aussah, empfand er doch das Bedürfnis, einen Schlag zu schlagen; seine Hand allein wog so wenig, aber wenn sie nun den Schlag gemeinsam führten, so war er vielleicht doch zu spüren.
Des Abends gingen er und Morten häufig zu Versammlungen, wo die Zustände heftig debattiert wurden. Die Teilnehmer an diesen Versammlungen waren meist junge Leute wie er selbst. Man versammelte sich in irgendeiner Wirtschaft im Norden. Aber Pelle hatte das Verlangen, Ergebnisse zu sehen, und stürzte sich eifrig in die Organisation seines eigenen Fachs.
Er feuerte den müden Vorsitzenden mit seinem Feuer an und arbeitete zusammen mit ihm eine Liste aller Berufsgenossen aus – als Grundlage für eine handfestere Agitation. Wenn man die Kameraden durch das Blatt zu einer Versammlung einberief, blieben sie schlaff und hielten sich fern. Es gehörten schärfere Mittel dazu, und Pelle setzte eine Hausagitation in Gang. Das half gleich; sie kniffen nur ungern aus, wenn man sie von Angesicht zu Angesicht hatte, und der Verein erhielt guten Zuwachs trotz der Verfolgung der großen Meister.
Morten fing an, ihn mit Respekt zu betrachten, und wollte, daß er auch über die Bewegung lesen sollte. Aber dazu hatte Pelle keine Zeit. Zusammen mit Peter und Karl, die eifrig dabei waren, hielt er den »Arbeiter«. Das genügte. »Ich weiß mehr von dem Elend, als die da schreiben«, antwortete er.
Es fehlte ihm auch nicht an Holz zu seinem Feuer. Er hatte den Marsch des Elends vom Lande nach der Stadt und nun hierher nach der Hauptstadt mitgemacht, wo sie standen und nicht weiter kommen konnten mit ihrem Sehnen, sondern an einem öden Strande umkamen. Die vielen Lebensschicksale der »Arche« lagen ihm täglich vor Augen als großes gemeinsames Besitztum, wo niemand sich zu verkriechen brauchte, und wo die Not des einen die Klage des anderen war.
Sein Wesen machte in dieser Zeit eine große Veränderung durch – fort von dem sorglos Empfangenen. Er lachte weniger und faßte scheinbare Kleinigkeiten mit einem Ernst auf, der ganz komisch wirken konnte. Es kam ein Selbstgefühl in sein Auftreten, das schlecht begründet erschien durch seine Stellung und seine Armut.
Eines Abends nach Feierabend, als er aus Becks Werkstatt nach Hause kam, hörte er die Kinder Hannes Lied unten im Hofe singen. Er blieb im Tonnengang stehen; Hanne stand selber mitten im Kreise, und die Kleinen gingen um sie herum und sangen:
»Ich ging wohl über den hohen Berg,
– Sah in das tiefe Tal hinab, –
Da sah ein Schiff ich fahren,
Ein Schiff das sah ich fahren,
Drei Grafen auf dem Schiffe waren.«
Auf Hannes Antlitz lag ein blindes, stillstehendes Lächeln, die Augen waren fast geschlossen. Sie drehte sich langsam um sich selbst herum zu dem Gesang der Kinder und sang leise mit:
»Der allerjüngste von den Grafen,
Die auf dem Schiffe waren …«
Plötzlich erblickte sie Pelle und brach aus dem Kreis heraus. Sie ging mit ihm die Treppe hinauf. Die Kinder standen da und riefen ihr enttäuscht nach.
»Kommst du nicht heute abend zu uns?« fragte sie. »Es ist so lange her, seit wir dich gesehen haben.«
»Ich habe keine Zeit, ich habe mich verabredet!« erwiderte Pelle kurz.
»Aber du mußt doch kommen, ich bitte dich darum, Pelle.« Sie sah ihn flehentlich an, ihre Augen brannten.
Pelles Herz begann bei ihrem Blick zu pochen. »Was willst du denn von mir?« fragte er heftig.
Hanne stand da und starrte unschlüssig in die Ferne hinaus. »Du mußt mir helfen, Pelle«, sagte sie tonlos und ohne ihn anzusehen. »Ich begegnete gestern –! Gestern abend, als ich aus der Fabrik kam, stand er hier unten – er weiß, wo ich wohne. Ich ging auf die andere Seite hinüber und tat, als sehe ich ihn nicht; aber er kam mir nach und sagte, ich solle heute abend auf den Neumarkt kommen!«
»Und was hast du ihm darauf geantwortet?« fragte Pelle finster.
»Ich hab' gar nicht geantwortet, ich lief, was ich konnte.«
»Ist das alles, was du von mir willst?« rief Pelle hart aus. »Du kannst ja von ihm wegbleiben, wenn du es nicht willst!«
Ein Frostschauer schüttelte sie. »Aber wenn er mich nun hier aufsucht? – Und du bist so! – Ich mache mir ja aus niemand in der Welt was als aus dir und Mutter!« Sie sagte das heftig.
»Na ja, dann will ich zu euch hinüberkommen«, erwiderte Pelle munter.
Er kleidete sich schnell um und ging hinüber. Die Alte war erfreut, als sie ihn sah. Hanne war ganz ausgelassen; sie neckte ihn beständig, und es währte nicht lange, da hatte er seine Standhaftigkeit aufgegeben und sich in das lieblichste Gespinst hineinlocken lassen. Sie saßen draußen auf der Galerie unter dem grünen Laubwerk, Hannes Antlitz glühte um die Wette mit der Schlingpelargonie, sie wiegte den Fuß und stieß fortwährend mit der Schnauze ihres Schuhes gegen sein Bein. Sie war nervös lebhaft und wollte fortwährend wissen, wieviel Uhr es sei. Als die Mutter in die Küche ging, um Kaffee zu kochen, nahm sie Pelles Hand und streichelte sie lachend. »Komm mit mir«, sagte sie. »Ich möcht' so gern sehen, ob er wirklich so dumm ist, zu glauben, daß ich komme. Wir können uns ja in ein Versteck stellen und auslugen.«
Pelle antwortete nicht.
»Mutter,« sagte Hanne, als Madam Johnsen mit dem Kaffee zurückkam – »ich gehe aus und kaufe mir das Zeug zu der Taille. Pelle kommt mit!«
Der Vorwand war nun leicht zu durchschauen; aber die Alte verzog keine Miene. Sie hatte ja gesehen, daß Hanne heute freundlich gegen Pelle gestimmt war; es regte sich etwas in dem Mädchen, und wenn Pelle nur wollte, konnte er ihr jetzt den Zaum gründlich anlegen. Sie hatte nichts dagegen, daß die beiden jungen Leute die Leine ausliefen. Vielleicht fanden sie dann Ruhe beieinander.
»Du solltest dein Tuch mitnehmen,« sagte sie zu Hanne, »die Abendluft kann kühl werden!«
Hanne ging so schnell, daß Pelle ihr kaum folgen konnte. »Das wird ulkig, seine Enttäuschung zu sehen, wenn wir nicht da sind«, sagte sie lachend; Pelle lachte auch. Sie stellte sich an eine der Rathaussäulen und spähte auf den Markt hinaus. Hanne war ganz außer Atem von dem schnellen Gehen.
Allmählich, als die Zeit verstrich und der Fremde sich nicht zeigte, schwand ihre Lebhaftigkeit; sie schwieg mit einem enttäuschten Ausdruck.
»Hier kommt aber keiner!« sagte sie plötzlich und lachte kurz auf. »Ich hab' dir das Ganze nur eingeredet, um zu sehen, was du sagen würdest.«
»Dann laß uns gehen!« erwiderte Pelle ruhig und nahm sie bei der Hand.
Als sie die Treppe hinabgingen, zuckte Hanne zusammen: schlaff entfiel ihre Hand der seinen. Der Fremde kam schnell auf sie zu. Er reichte Hanne die Hand, ruhig und selbstverständlich, als habe er sie viele Jahre gekannt. Pelle sah er überhaupt nicht.
»Kommst du irgendwo mit hin – zum Beispiel, wo wir Musik hören können?« fragte er und fuhr fort, ihre Hand zu halten. Sein Blick schloß sich um sie. Hanne sah Pelle unschlüssig an.
Einen Augenblick war in Pelle die Begier aufgestiegen, sich über diesen Mann zu werfen und ihn zu Boden zu schlagen, aber jetzt begegneten ihm Hannes Augen mit einem Ausdruck, als sinne sie über irgendein Mittel nach, um ihn abzuschütteln.
»Na, hier scheint man ja im Wege zu sein!« dachte er. »Was geht das Ganze mich auch an?« Er wandte sich jäh von ihnen ab und schlenderte in eine Seitengasse hinein.
Pelle trieb sich unten im Gaswerkhafen herum und starrte, in Gedanken versunken, auf das ölige Wasser und die Schiffe. Er litt nicht; es war nur so fürchterlich dumm, daß eine fremde Hand aus dem Unbekannten hereinlangen konnte, und der Vogel, den er mit aller Güte nicht an sich hatte locken können, hüpfte sofort auf diese Hand.
Unter dem Bollwerk plätscherte das Wasser mit einem eigenen einschläfernden Laut und schwemmte Holzstücke und anderen Abfall dahin; es war so heimatlich. Dort am Kohlenkai lag ein Dreimaster. An Bord war Feierabend, und die Leute rumorten in der Kajüte herum oder standen oben auf Deck und wuschen sich in einem Eimer. Ein großgewachsener junger Seemann in blauem Anzug und weißer Halsbinde kam aus der Kajüte heraus, glotzte gewohnheitsgemäß in die Takelage hinauf und gähnte. Dann schlenderte er an Land. Er hatte die Mütze im Nacken und eine angerauchte Tonpfeife zwischen den Zähnen. Er bewegte sich mit den Hüften, das Gesicht war voll toller Streiche. Als er an Pelle vorüberkam, schlingerte er ein paarmal hin und her und versetzte ihm einen Puff. »Ach, entschuldigen Sie!« sagte er lachend und stieß an die Mütze. »Ich glaubte, es sei ein Scheuerpfahl, der Herr stand so steif! Na, nehmen Sie's man nich' übel!« Er fing an, sich rund um Pelle herumzudrehen, in stark vornübergebeugter Stellung, als suche er nach irgend etwas an ihm, strich sich um die Ohren wie ein Bär, der wirbt, und schüttelte sich vor Lachen. Er wollte vor guter Laune platzen.
Pelle hatte seinen Groll noch nicht abgeschüttelt; er wußte nicht recht, ob er grob werden oder über das Ganze lachen sollte. Er drehte sich vorsichtig herum, so daß er den Seemann im Auge behielt, damit ihm dieser nicht die Füße unter ihm wegreißen konnte. Den Griff kannte er – und wußte auch, wie er pariert werden mußte; die Hände saßen bereit. Plötzlich fiel etwas in der geduckten Stellung ihm als bekannt auf. Das war ja Per Kofod – der Heulpeter, aus der Dorfschule daheim in höchst eigener Person, er, der bei jedem Wort brüllte und bebte. Ja, der war es!
»Guten Abend, Per!« sagte er erfreut und versetzte ihm einen Schlag in den Rücken.
Der Seemann richtete sich erstaunt auf. »Zum Teufel auch! Guten Abend! Na, daß ich dich hier treffen muß, Pelle; das is denn doch das Ulkigste, was mir je vorgekommen is. Denn mußt du meine Hundekünste wirklich entschuldigen!« Derb schüttelte er Pelles Hand.
Sie schlenderten den Hafenplatz hinab und plauderten von alten Zeiten. Da war so vieles aufzufrischen aus der Schulzeit. Der alte Fris mit dem Rohrstock und ihr Spielen am Strande. Per Kofod sprach, als habe er an alle dem teilgenommen; er hatte ganz vergessen, daß er immer nur dastand und sich an irgend etwas festklammerte und vor sich hin brüllte, wenn die anderen um ihn her lärmten. »Nilen habe ich übrigens neulich in New Orleans getroffen. Er is zweiter Steuermann auf einem mächtigen amerikanischen Vollschiff und verdient klotzig. Ein schneidiger Kerl is er. Aber verdammt und verflucht, is der hart! Immer den Revolver in der Hand. Na, so müssen sie es ja da drüben haben – bei der Negermannschaft. Aber eines schönen Tags schlitzen sie ihm, weiß Gott, den Bauch auf. – Na nu, was is denn das?«
Aus einigen Bretterstapeln heraus drang ein ersticktes Brüllen und der Laut von Schlägen. Pelle wollte abbiegen, Per Kofod aber krallte ihn fest, packte ihn beim Arm und zog ihn mit sich.
Drinnen zwischen den Stapeln waren drei Kohlenarbeiter im Begriff, einen Kameraden zu prügeln. Er schrie nicht, sondern stieß ein ersticktes Brüllen aus, jedesmal, wenn er einen Schlag erhielt. Das Blut floß ihm über das Gesicht.
» Come on!« rief Per Kofod und zog die Hosen in die Höhe; dann stürzte er sich mit einem Brüllen in den Haufen hinein und fing an, darauflos zu dreschen. Es war wie eine Explosion mit nachfolgendem Steinregen. Heulpeter hatte da draußen gelernt, seine Kräfte zu gebrauchen, so konnte nur ein Seemann um sich hauen. Es war unmöglich zu sagen, wohin die Schläge fallen würden; aber sie saßen alle. Pelle stand einen Augenblick da und riß Mund und Augen auf über diese Unbändigkeit, dann stürzte auch er sich in die Prügelei, und die drei Arbeiter machten sich aus dem Staube.
»Zum Teufel auch! Warum hast du dich da hineingemischt?« sagte Pelle ärgerlich, als es überstanden war und er dastand und sich seinen Kragen zurechtzupfte.
»Das weiß ich nich'«, erwiderte Heulpeter. »Aber es tut einem wohl keinen Schaden, wenn man sich mal ein bißchen rührt.«
Nach der Hitze des Kampfes hätten sie den Überfallenen beinahe vergessen; der lag zusammengesunken am Fuße des Holzstapels und gab keinen Laut von sich. Sie stellten ihn wieder auf die Beine, mußten ihn aber aufrecht halten; er stand so schlaff da, als schlafe er, und die Augen glotzten sie dumm an. Ein schweres Schnarchen ging von ihm aus, und bei jedem Atemzug bildete das Blut zwei rote Blasen vor seinen Nasenlöchern. Von Zeit zu Zeit knirschte er mit den Zähnen, dann verdrehten sich die Augen, und das Weiße schimmerte unheimlich in seinem kohlengeschwärzten Gesicht.
Der Seemann schalt ihn aus, und das half insofern, als er nun auf den Beinen stehen konnte. Sie zogen einen roten Lappen aus seiner offenstehenden Jackentasche und trockneten ihm das schlimmste Blut ab. »Was für einer bist du denn, zum Teufel, daß du keine Ohrfeige vertragen kannst?« sagte Per Kofod.
»Ich hab' ja gar nicht geschrien«, sagte der Mann lallend. Seine Lippen waren zu einem Rüssel angeschwollen.
»Du hast aber auch nich' wiedergeschlagen! Du siehst doch aus, als hättest du Kräfte genug. Entweder langt man selbst um sich, oder man schreit so, daß andere herzukommen können. Verstanden, Kamerad?«
»Ich wollte die Polizei nicht da hinein mischen; denn ich hatte ja Prügel verdient. Sie schlugen bloß so verdammt toll, und als ich fiel, brauchten sie die Holzschuhe.«
Er wohnte in der Saxostraße, und sie nahmen ihn jeder unter einen Arm. »Wenn ich nu bloß nicht krank werde!« stöhnte er von Zeit zu Zeit. »Ich bin wie Mus und Grus inwendig!« Dann mußten sie stehenbleiben, während er sich erbrach.
Da war eine Firma, für die er und die Kameraden nicht mehr löschen wollten, weil sie den Arbeitslohn herabgesetzt hatte. Sie waren ihrer nur vier, die diese Arbeitsverweigerung durchsetzen wollten; aber was konnte das nützen, wenn andere sofort ihre Stellung einnahmen. Die vier konnten herumspazieren und die großen Herren spielen, weiter kam nichts dabei heraus. Aber natürlich, er hatte sein Wort gegeben – darum hatte er auch nicht wiedergeschlagen. Die drei hatten anderswo Arbeit gefunden, und da ging er wieder zu der Firma hin und kroch zu Kreuz. Warum sollte er auch müßig umhergehen und den Tag totschlagen, wenn die zu Hause nichts zu essen hatten? Er verstand sich den Teufel auch auf das neue Wesen; aber Verrat war es ja, denn er hatte ja sein Wort gegeben. Sie schlugen bloß so verdammt toll und stießen ihn mit den Holzschuhen in die Magengrube.
So fuhr er fort zu fabeln, wie ein Delirierender, während sie mit ihm abzogen. Bei der Saxogade wurden sie von einem Schutzmann angehalten, aber Per Kofod erzählte ihm schnell eine Geschichte, daß der Mann die Löschgerätschaften an den Kopf gekriegt habe. Er wohnte oben unter dem Dach. Als sie aufschlossen, richtete sich eine Wöchnerin in dem eisernen Bett auf und starrte sie entsetzt an – sie war blutlos und mager; als sie den Zustand des Mannes sah, brach sie in herzzerreißendes Weinen aus! –
»Er ist nüchtern,« sagte Pelle, um sie zu trösten – »er ist nur ein wenig zu Schaden gekommen!«
Sie brachten ihn in die Küche hinaus und badeten seinen Kopf über der Abwasche mit kaltem Wasser. Aber mit Per Kofods Hilfe sah es nur sehr schwach aus; jedesmal wenn das Weinen der Frau zu ihnen herüberdrang, hielt er hilflos inne und wandte den Kopf dem Ausgange zu, und plötzlich warf er das Ganze hin und stürzte kopfüber die Hintertreppe hinunter.
»Was war das eigentlich mit dir?« fragte Pelle ärgerlich, als auch er hinuntergekommen war. Per Kofod stand unten vor der Haustür und wartete.
»Du hast am Ende nich' gehört, daß sie Gesangbuchverse sang – du Rindvieh! Aber das hast du doch woll gesehen, daß sie ganz aufrecht im Bett saß und wie Wachs aussah? Es is 'ne Schweinerei, 'ne infame Schweinerei! Und er hat doch auch nicht nötig, sie zum Weinen zu bringen. Ich hatt' die größte Lust, ihn durchzudreschen, so windelweich wie er schon war. Zum Teufel auch! Was braucht' er sein Wort zu brechen?«
»Weil sie hungerten, Per!« sagte Pelle ernsthaft. »Das kommt hier in dieser verdammten Stadt zuweilen vor.«
Per Kofod glotzte ihn an und pfiff. »Pfui, Satan! Frau und Kind, und die ganze Geschichte ohne Essen, was? – und im Wochenbett. Sie waren ja eben verheiratet, das konnt' man ja sehen! Pfui Deubel – solche Flitterwochen – nee, so 'n Unglück!«
Er stand da und wühlte ganz tief in seiner Hosentasche und holte eine Handvoll heraus: Kautabak und Staubflocken und Streichholzstummel und mitten dazwischen einen verknüllten Zehnkronenschein. »Ja, wahrhaftigen Gott,« rief er aus und fischte den Zettel heraus – »ich glaubte, die Mächens hätten mich über Nacht ganz blank gemacht. Ach, Pelle, geh du 'rauf und erzähl' ihnen irgend 'ne Geschichte; ich selbst kann es nich' gut; denn siehst du, wenn ich die Frauenzimmer recht kenne, so hört sie in den ersten vierundzwanzig Stunden nich' auf mit Weinen. Das is der letzte Rest von der Heuer. Aber – ach was – scheiß – morgen gehen wir ja in See!«
»Sie hörte zu weinen auf, als ich mit dem Gelde kam«, erwiderte Pelle, als er hinunterkam.
»Na, denn war es ja nur gut. Wir Seeleute sind schlimme Biester, weißt du; wir verrichten unsere Geschäfte auf Porzellan und essen unsere Butter aus dem Teereimer, aber darum sind wir doch – denn ich will nu mal sagen, ich hätt' mich nich' um die Sache gekümmert und hätt' mir heute abend für das Geld 'ne süße Nacht gemacht – – –« Per Kofod schwieg plötzlich; er kaute auf dem Priem, als setze er seine schwierige Philosophie inwendig fort. »Scheiß noch mal zu; morgen gehen wir in See!« sagte er plötzlich.
Sie gingen nach dem Alleenberg hinaus und setzten sich in den Garten. Pelle bestellte Bier. »Ein paar Seidel kann ich wohl spendieren, wenn ich einen guten Kameraden treffe,« sagte er, »sonst spar' ich aber wie besessen. Ich muß sehen, daß ich meinen alten Vater hier herüberkriege; er ißt daheim das Gnadenbrot.«
»So? Dein Vater lebt noch? Ich kann ihn mir noch so deutlich vorstellen. Er hatte eine Zeitlang eine Liebschaft mit Madam Olsen, aber dann kam Bootsmann Olsen unerwartet nach Hause; sie glaubten, er wäre draußen geblieben.«
Pelle lachte. Es war viel Wasser ins Meer gelaufen seit jener Zeit. Jetzt schämte er sich nicht mehr über Vater Lasses dummen Streich.
Ringsumher aus den Zelten im Garten strahlte Licht. Junge Paare wanderten umher und ließen sich wahrsagen, versuchten sich am Glücksrad oder ließen ihr Bild von den Silhouettenausschneidern anfertigen. Beim Karussell wirbelten Kreischen und Musik und Unterröcke bunt durcheinander. Hin und wieder erhob sich ein mächtiger Ausrufer mit seinen Wunderschrecknissen über das Ganze, und vom Sängerinnenpavillon hörte man die gesprungenen, angestrengten Stimmen früherer »Sterne«. Kleine, jämmerliche Lebemänner kamen atemlos daher, drängten sich durch die Volksmenge und verschwanden in dem Pavillon, dem Mann an der Billettklappe vertraulich zunickend.
»Hier ist es eigentlich ganz nett«, sagte Per Kofod. »Ihr habt das doch verdammt gut an Land!«
In dem breiten Gang unter den Bäumen schlenderten Soldaten und Lehrlinge und junge Arbeiter, hin und wieder wohl auch ein Student, auf und nieder, hin und her, und lugten zu den Dienstmädchen hinüber, die sich zu beiden Seiten aufgestellt hatten und Arm in Arm in kleinen Gruppen dastanden. Die Augen schickten manch eine Botschaft hin und her, ehe man stehenblieb und ein Wort sagte. Vielleicht wandte sich das Mädchen ab; dann war die Geschichte aus, und der Jüngling begann seine Künste wieder von vorn. Vielleicht flog sie auch mit – in eine der geschlossenen Lauben hinein, um Kaffee zu trinken, oder hinüber nach dem Karussell. Da waren noch mehrere von da drüben aus der Heimat. Jedesmal wenn Pelle die sichere Stimme des Bornholmer Mädchens hörte, regte sich sein Herz, wie ein Vogel, der auffliegen will.
Plötzlich fiel ihm sein Kummer ein. »Ich hätte wohl Lust, heute abend auf die ganze Geschichte zu pfeifen. – Sieh mal die beiden, Per!« Da standen zwei Mädchen Arm in Arm an einem Baum, ganz in der Nähe ihres Tisches. Sie wiegten sich einander entgegen und sahen wieder und wieder zu den beiden jungen Leuten hinüber.
»Das ist nichts für mich, das paßt nur für die an Land«, sagte Per Kofod. »Denn, siehst du, die sind ja wie die kleinen Lämmer, die man ins Ohr kitzeln muß. Und dann stellt es sich in den Nächten wieder ein, wenn man allein die Hundewache geht: der hast du was vorgelogen, hast ihr versprochen, wiederzukommen, wenn sie dir ihr Mieder lösen wollt' – am Ende sitzt sie nun da und soll ein Kind haben. Das taugt nichts! Ein Seemann soll sich an die unartigen Dirnen halten.«
»Weiber können auch falsch sein«, sagte Pelle.
»So? Wirklich? Ich hätte sonst eigentlich nicht geglaubt, daß man unschuldigen Wesen einen Fußtritt geben könne, aber du erdrosselst am Ende auch kleine Kinder? – Nee, die kommen und fressen einem für ein gutes Wort aus der Hand, das tun sie – und dann haben wir die Bescherung. – Kannst du dich noch auf Heulpeter besinnen?«
»Ja, jetzt, da du es selbst sagst, besinne ich mich noch ganz gut.«
»Na, sein Vater war auch Seemann und hat es auch geradeso gemacht. Und sie war auch so ein Mädchen, das nicht nein sagen konnte, sondern glaubte, was die Mannsleute ihr einredeten. Er wollt' ja wiederkommen – natürlich: ›Wenn du die Bodenluke knarren hörst, dann hast du mich‹, sagte er. Aber die Bodenluke knarrte ein paarmal, und er kam nicht. Da hängte sie sich mit einem Strick an der Luke auf. Heulpeter fiel der Gemeinde zur Last. Und du weißt ja, wie sie ihn alle höhnten. Selbst die Deerns glaubten, daß sie ein Recht hätten, ihn zu spucken. Er konnte ja nichts weiter als heulen. Seine Mutter hatte so viel geweint, ehe er geboren wurde, verstehst du? Ja, und dann hängte er sich auf – er versuchte es zweimal, das hatt' er geerbt. Sein Schicksal wurde noch schlimmer; jeder machte sich eine Ehre daraus, ihn schlecht zu behandeln und nach dem Streifen an seinem Hals zu fragen. Ja, du nicht, du warst der einzige, der die Hand über ihn hielt. Darum habe ich oft an dich gedacht. Aus dem ist was geworden, sagte ich zu mir selbst. Gott mag wissen, wo er geblieben ist?« Er sah Pelle mit ein Paar treuherzigen Augen an.
»Nein, das war Vater Lasse sein Verdienst«, sagte Pelle mit einem ganz kindlichen Tonfall. »Der sagte immer, ich müßte gut zu dir sein, du ständest in des lieben Gottes Hut.«
»Sagte er: in des lieben Gottes Hut?« wiederholte Per Kofod sinnend. »Das war doch ein sonderbarer Ausdruck. Das Gefühl habe ich nun übrigens nie gehabt. Da war auch nichts auf der ganzen Welt, was mir damals behilflich gewesen wäre, mich aufrecht zu halten. Ich kann es selbst gar nicht verstehen, daß ich jetzt hier sitze und mit dir schwatze – daß sie mir nicht das Leben aus dem Körper gepeinigt haben, meine ich.«
»Ja, du hast dich sehr verändert. Wie ist es eigentlich gekommen, daß du jetzt so schneidig bist?«
»Ach, so, wie ich jetzt bin – das ist wohl eigentlich meine Natur. Sie ist bloß aufgewacht, denke ich. Aber ich begreife nicht, was es damals eigentlich mit mir war. Ich wußte recht gut, daß ich euch niederschlagen konnte, wenn ich bloß wollte. Aber ich wagte nicht zuzuhauen, aus lauter Jammer. Ich sah so viel, was ihr anderen nicht sehen konntet. Teufel auch, da ist nicht klug draus zu werden! Es ist wohl das schreckliche Herzleid meiner Mutter gewesen, das mir noch im Fleisch saß. Die Angst konnte so über mich kommen – ganz sinnlos, so daß ich brüllen mußte: und dann prügelten mich die Bauern. Jedesmal, wenn ich versuchte, mich um das Ganze wegzudrücken, indem ich mich erhängte, prügelten sie mich auch. Es war im Gemeinderat beschlossen, daß ich Prügel haben sollt'. – Und darum will ich ja auch nicht, Pelle! Ein Seemann, der soll sich an die Frauenzimmer halten, die Bezahlung dafür kriegen, wenn sie sich seiner annehmen – das heißt, wenn er sich nicht verheiraten kann. Da hast du meine Ansicht.«
»Du hast viel Schlimmes erlitten«, sagte Pelle und nahm seine Hand. »Es ist ja eine förmliche Verwandlung mit dir vorgegangen.«
»Verwandlung? Hm, ja, das kannst du wohl sagen! Einen Augenblick Heulpeter und den nächsten der stärkste Mann an Bord – da hast du das Ganze. Denn siehst du, es war ja auf See natürlich dasselbe; selbst der Schiffsjunge fühlte sich verpflichtet, mir einen Fußtritt an die Beine zu versetzen, wenn er vorüberging. Jeder, der Schelte oder Haue kriegte, ließ es gleich an mich weitergehen. So war ich denn auf eine amerikanische Bark gekommen, da war ein Neger an Bord, den sie alle hunzten; er kroch vor ihnen, aber du kannst Gift drauf nehmen, er haßte sie alle aus dem Weißen seiner Teufelsaugen heraus. Aber mich, der ihn menschlich behandelte, schikanierte er – machte sich nicht die Bohne draus, daß ich weiß war. Selbst ihm wagte ich nicht, eine zu langen – mir saß ja dieser weiche Klumpen über dem Zwerchfell. Aber einmal wurde mir die Sache doch über – oder das Totgeborene in mir war verbraucht. Ich zielt' ein bißchen mit dem einen Arm nach ihm hin, so daß er umfiel. Das war eigentlich ein ulkiges Erlebnis. Es war, sagen wir mal, wie im Märchen: wo die Kröte plötzlich zu einem Menschen wird. Ich faßt' gleich zu und drosch ihn halb zuschanden. Und da ich nun doch einmal dabei war, dacht' ich, es wär' am besten, gleich reinen Tisch zu machen. Denn siehst du, da ging ich nach vorn und drosch die ganze Gesellschaft von Anfang bis zu Ende durch. Es war übrigens ein großartiger Augenblick, solche Menge Wut, die im Körper war und 'raus wollte.«
Pelle lachte. »Ein Glück, daß ich dich von früher her kannte, sonst hättest du aus mir am Ende noch Plückfisch gemacht.«
»Na, Kamerad, das war ja nur 'n kleiner Jux. Man wird so guter Laune, wenn man wieder an Land kommt. Denn da draußen heißt es: prügelst du die anderen nicht, denn prügeln sie dich! All right! sage ich, aber gegen die Frauenzimmer soll man gut sein. Das hab' ich dem Alten an Bord auch gesagt; der ist ein Staatskerl, aber ein Schweinehund, wo es sich um Frauen handelt. Da ist auch nicht ein Hafen, wo er nicht eine Liebschaft hat. Im Süden und an der amerikanischen Küste. Es ist oft rein toll. Denn muß ich mit und aufpassen, daß er keinen Dolch zwischen die Rippen kriegt. ›Per,‹ sagt er, ›heut abend wollen wir beide mal auf 'n Bummel gehn.‹ › All right, Kap'tän!‹ sage ich dann. ›Aber es ist ein Jammer um alle die Weiber.‹ ›Halt's Maul, Per!‹ sagt er – ›die meisten sind ja verheiratet.‹ Er ist übrigens von uns zu Hause, aus einer kleinen Hütte oben in der Heide.«
»Wie heißt er denn?« fragte Pelle interessiert.
»Albert Carlsen.«
»Nanu, denn ist er ja Oheim Kattes Ältester und gewissermaßen mein Vetter, das heißt Katte selbst ist nicht sein Vater. Die Frau hat ihn mit in die Ehe gebracht – er ist von dem Steinhöfer Herrn.«
»So – denn ist er ja ein Kongstrup!« rief Per Kofod aus und lachte laut. »Das kann auch stimmen!«
Pelle bezahlte, und sie schickten sich an zu gehen. Die beiden Mädchen standen noch am Baum. Per Kofod ging auf die eine zu, als sei sie ein Vogel, der ihm entschlüpfen könne. Plötzlich faßte er sie um die Taille, sie entzog sich langsam seinem Griffe und lächelte seiner großen, blonden Gestalt zu. Er umfaßte sie nochmals, und nun stand sie still, die Flucht noch im Kopf, den sie lachend halb abwandte. Er sah sie tief an, dann ließ er sie los und folgte Pelle.
»Was kann das nützen, Pelle? Wenn ich ihre Klage schon jetzt hören kann. Dann sollte man doch woll gewarnt sein«, sagte er mit verzweifeltem Tonfall. »Aber zum Teufel auch, wozu muß der eigentlich so viel Mitleid in der Brust haben, dem sie selbst so arg mitgespielt haben? – und die anderen, die haben kein Mitleid. Hast du gesehen, wie sanft ihre Augen waren? Wenn ich Geld hätte, ich heiratete sie vom Fleck weg.«
»Vielleicht will sie dich gar nicht«, erwiderte Pelle. »Auf die Mädchen hier versteh sich mal einer.«
Draußen in der Allee gingen einige Männer und riefen; sie suchten nach ihren Mädchen, die ihnen weggelaufen waren. Einer von ihnen kam auf sie zu, er hatte eine Studentenmütze auf. »Die Herren haben unsere Damen wohl nicht gesehen?« sagte er. »Nun haben wir den ganzen Abend mit ihnen dagesessen und sie traktiert, da sagten sie, sie müßten bloß mal an einen gewissen Ort – und weg sind sie.«
Sie gingen an den Hafen hinab. »Kannst du nicht mit an Bord kommen und den Alten begrüßen?« sagte Per Kofod. »Aber er ist heute abend wohl an Land. Ich habe ihn gegen Feierabend von Bord gehen sehen – zur Frauenzimmerjagd aufgetakelt.«
»Ich kenne ihn ja gar nicht,« sagte Pelle, »er war ja schon zur See, als ich noch ein kleiner Junge war. Und nun will ich übrigens nach Hause und schlafen – ich fange des Morgens früh an.«
Sie standen am Kai und nahmen Abschied. Per Kofod versprach, bei Pelle vorzusprechen, wenn er wieder in den Hafen käme. Während sie noch redeten, rasselte die Tür zu der Achterkajütte. Heulpeter zog Pelle hinter einen Kohlenhaufen. Ein kräftiger, bärtiger Mann kam heraus und führte eine junge Frau an der Hand. Sie ging schwerfällig und schien zu widerstreben. Er setzte sie förmlich an Land, kehrte dann in die Kajütte zurück und schloß hinter sich zu. Die junge Frau blieb ein wenig stehen. Es kam eine leise Klage über ihre Lippen. Sie streckte den Arm flehend nach der Kajütte aus. Dann schwankte sie betäubt dahin, am Kai entlang.
»Das war der Alte«, flüsterte Per Kofod. »So behandelt er sie alle – und sie wollen doch nicht von ihm lassen.«
Pelle konnte kein Wort hervorbringen; er stand da zusammengekauert, niedergedrückt von etwas entsetzlich Schwerem. Plötzlich nahm er sich zusammen, drückte dem Kameraden die Hand und entfernte sich zwischen den Kohlenhaufen.
Nach einer Weile wandte er sich um und folgte in einiger Entfernung dem jungen Mädchen, das nachtwandlerhaft am Kai entlang schwankte und über die lange Brücke ging. Er fürchtete, daß sie sich ins Wasser stürzen könne, so wunderlich ging sie.
Auf der Brücke blieb sie stehen und starrte nach dem Schiffe hinüber mit einem versteinerten Ausdruck. Pelle stand still; es fror ihn bei dem Gedanken, daß sie ihn erblicken könne. Er würde es nicht ertragen können, jetzt mit ihr zu reden – geschweige denn, ihr in die Augen zu sehen.
Aber dann ging sie weiter. Ihr Gang war aufgelöst, von hinten glich sie einem dieser schiffbrüchigen, ältlichen Frauenzimmer aus der »Arche«, die in ausgetretenen Männerschuhen an den Häuserreihen entlang latschten und immer eine wunderliche Vergangenheit hatten. »Großer Gott,« dachte Pelle – »ist ihr Traum schon aus? Großer Gott!«
In einiger Entfernung folgte er ihr durch die kleine Gasse. Erst als er wußte, daß sie oben in ihrer Wohnung sein mußte, ging er durch den Tonnengang.