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XII

Mariens Schicksal lag nicht mehr schwer auf Pelle, die Zeit hatte das Bittere verwischt. Er konnte ohne Gewissensbisse an sein Zusammenleben mit den drei Geschwistern in der »Arche« denken, und dachte oft daran, wie es den beiden Brüdern wohl ergangen sein mochte. Niemand konnte ihm Aufschlüsse darüber geben.

Eines Tages während der Mittagspause radelte er zu Morten hinaus, um ihm eine Bestellung von Ellen zu machen. In Mortens Wohnzimmer saß eine zusammengesunkene Gestalt, den Rücken dem Fenster zugewandt, und starrte zu Boden. Die Kleider schlotterten ihm um die Glieder, das dünne Haar war farblos, langsam richtete er ein schrecklich verwüstetes Gesicht der Tür zu. Aber Pelle hatte ihn schon erkannt – an der verstümmelten rechten Hand, die nur den Daumen und ein Glied des Zeigefingers hatte. Er versteckte sie nicht mehr, sondern ließ sie auf dem dünnen Bein ruhen.

»Nein, guten Tag, Peter!« rief Pelle überrascht und streckte die Hand nach seiner Linken aus. Peter zog die Hand aus der Tasche und reichte sie ihm; es war ein toter, verstümmelter Klumpen mit ein paar kleinen Vorsprüngen wie Ansätzen zu Knollen, die Pelle zwischen seinen Fingern hielt. Peter sah ihm ins Gesicht, ohne eine Miene zu verziehen; es blitzte nur ein wenig in seinen Augen auf, als Pelle zusammenzuckte.

»Zum Teufel auch, warum stellst du dich so an?« sagte er trocken. »Das könnt' sich doch jeder sagen, daß das auf die Dauer nicht ging, eine Schneidemaschine mit einer Hand zu bedienen. Ich hab' das genau so gut gewußt wie jeder andere in der Fabrik und wartete jeden Tag darauf – schließlich mußt' ich die Augen zumachen. Verdammt und verflucht, dachte ich, hat das denn nicht bald ein Ende – und dann eines schönen Tages war es da!«

Pelle durchschauerte es eiskalt. »Bekamst du denn keine Unfallversicherung?« fragte er, um doch etwas zu sagen.

»Natürlich bekam ich die! Der ganze Rat war zu Ehren meiner Wenigkeit versammelt, mir wurden dreitausend Kronen zuerkannt, als Vollinvaliden. Na, der Meister hatte ja nichts und hatte versäumt, mich zu versichern, da blieb das denn auf dem Papier. Aber ein großer Fortschritt seit dem letztenmal ist es denn doch – nicht wahr, Kamerad? Etwas hat die Partei ja doch ausgerichtet!« Er sah Pelle spöttisch an. »Du solltest ein Lebehoch auf die Papierreformen ausbringen.«

Peter war Bote und eine Art Sekretär in einem revolutionären Jugendverein, er hatte auf eigene Faust lesen gelernt und saß mit anderen jungen Leuten zusammen und studierte die anarchistische Literatur. Die anderen sorgten kameradschaftlich für ihn, ein Wunder war es, daß er nicht zugrunde gegangen war. Er hatte nur noch Haut über den nackten Knochen und glich einem verbissenen Fanatiker, der so annähernd von seinem eigenen Feuer verzehrt ist. Mit seinem Verstand war es nie weit her gewesen, aber es gab auch nicht viel Nüsse zu knacken in dem Problem, das ihm das Leben gestellt hatte. Er haßte mit einer Logik, die ganz vernichtend war. Die mächtige Gesellschaftsordnung hatte ein Scheingesetz angenommen – sie haftete nicht einmal für die Verpflichtungen, die sie ihm gegenüber zu haben selbst zugestand. Jetzt war er damit fertig und gehörte zu den Umstürzlern.

Er war bei Morten, um ihn aufzufordern, im Klub vorzulesen. »Nicht, daß wir die Schriftsteller anerkennen – das mußt du dir nicht einbilden«, sagte er mit seinem finsteren Ausdruck. »Sie leben von uns anderen und genießen dafür ein sinnloses Ansehen. Nur die körperliche Arbeit verdient geehrt zu werden – all die anderen sind bloß Schmarotzer. Ich will das nur gesagt haben, damit du nicht mit einer verkehrten Einbildung kommst.«

»Danke bestens«, sagte Morten lächelnd. »Es ist immer gut, wenn man weiß, wie hoch man veranschlagt wird. Ihr meint aber doch, daß ihr mich gebrauchen könnt?«

»Ja, du gehörst ja zu den verhältnismäßig Anständigen unter denen, die sich damit beschäftigen, die Kapitalisten zu unterhalten. Aber wir im Klub sind uns darüber einig geworden, daß du kein richtiger Proletarier-Dichter bist – du bist zu geleckt. Proletarier-Dichter hat es noch nie gegeben, und es kann auch einerlei sein, denn man soll keine Unterhaltung aus dem Elend machen. Es kann sein, daß du das alles bei uns zu wissen bekommst.«

»Ja, es ist gut – ich werde schon kommen«, erwiderte Morten.

»Und wenn du uns eine Kantate für unser Stiftungsfest schreiben wolltest – es ist der Tag von dem großen russischen Massaker – will ich schon sehen, daß sie angenommen wird. Aber es darf nicht das gewöhnliche Halleluja sein.«

»Nett, daß ich dich hier traf«, sagte er zu Pelle mit seinem unveränderlich finsteren Ausdruck. »Hast du was von Karl gesehen?«

»Nein, wo ist der eigentlich?« fragte Pelle eifrig.

»Der ist jetzt Großbürger – ich glaube, er hat ein Geschäft in der Adelstraße. Aber daran wird er nicht lange Freude haben.«

»Warum denn nicht? Steht es nicht gut mit ihm?«

»Ja, aber eines schönen Tages brennen wir euch den ganzen Krempel über dem Kopf ab – wir sind jetzt bald 'ne ganze Masse. – Hör' mal, du könntest mal einen Abend in unserem Verein reden und uns ein bißchen von deinem Aufenthalt im Gefängnis erzählen; ich glaube, das würde interessieren. Wir beschäftigen sonst nie Außenstehende, sondern reden selbst. Aber dich einzuführen, würde, glaub' ich, keine großen Schwierigkeiten machen.«

Pelle versprach das.

»Er ist eingebildet, was?« sagte Morten, als er die Türe hinter Peter geschlossen hatte – »dumm ist er aber nicht. Hast du wohl beachtet, daß er um nichts bat? Das tun sie nie. Wenn sie hungrig sind, gehen sie zu dem ersten besten hin und sagen: gib mir was zu essen! Es ist ihnen einerlei, was in sie hineingestopft wird, wenn es bloß satt macht – sie danken nie verbindlich. Nichts macht Eindruck auf sie, sie sind Leute, die den Dieb über den Bettler stellen. Im Grunde kann ich das wohl leiden – es ist ein neuer Ton darin. Am Ende ist unser braver Wiederkäuer im Begriff, den einen Magen abzuschaffen und den freigewordenen Stoff in Zähne und Klauen umzusetzen.«

»Wenn sie nur hervortreten und ein Stück Arbeit mit verrichten wollten«, sagte Pelle. »Die großen Worte nützen so wenig.«

»Wie geht es mit deiner friedlichen Revolution?« fragte Morten mit einem leisen Aufblitzen im Auge. »Siehst du einen Fortgang in der Arbeit?«

»Ach ja, es geht langsam, aber sicher, die Welt wurde ja nicht in einem Tage erschaffen. Ich glaubte übrigens nicht, daß du dich dafür interessiertest.«

»Ich glaube, du greifst die Sache richtig an, Pelle«, erwiderte Morten ernsthaft. »Laß aber nur die Jugend unterheizen – um so schneller geht es. Es schadet nicht, daß hierzulande neue Eventualitäten aufsprossen; die Leitenden können gern das Bewußtsein haben, daß Pulver unter den Ministersesseln liegt. Das wird ihr Verantwortlichkeitsgefühl gewaltig stärken! – Willst du Johanne nicht guten Tag sagen? Sie hat sich sehr nach dir gesehnt. Leider geht es ihr wieder gar nicht gut.«

»Ellen hat mich hierhergeschickt, um dir den Vorschlag zu machen, daß sie zu uns aufs Land kommen soll. Sie meint, daß dir das Kind eine große Last sein muß – und daß sie hier auch nicht die rechte Pflege hat.«

»Das ist von deiner Frau liebenswürdig gedacht. – Hat sie aber nicht schon ohnedies genug um die Ohren?«

»Ach, Ellen kann viel fertigbringen«, sagte Pelle warm. »Du wirst ihr eine Freude damit machen.«

»Dann nehme ich das Anerbieten mit Dank an«, erwiderte Morten. »Das wird eine große Erleichterung für mich sein – wenn sie den Umzug nur aushalten kann! Nicht, daß sie mir noch Sorge macht, wir leben vorzüglich miteinander. Johanne ist gut und fügsam, wirklich ein prächtiges Kind, so mitgenommen sie auch ist. – Ihr werdet keine Schwierigkeiten von ihr haben. Aber ich glaube, es wird für sie gut sein, hier von mir wegzukommen, dahin wo eine Hausfrau ist – und wo Kinder sind. Mit der Pflege ist es ja auch nur so so, la la!«

Sie gingen zu ihr hinein, sie lag da und schlief; auf ihrem bleichen Gesicht perlten große Schweißperlen. »Das ist die Erschöpfung,« flüsterte Morten, »sie hat noch nicht viele Kräfte.« Ihre Anwesenheit machte ihren Schlaf unruhig, sie warf sich hin und her, plötzlich schlug sie die Augen auf und starrte mit einem Ausdruck wahnsinniger Angst um sich. Dann erkannte sie sie wieder und lächelte. Sie richtete sich ein wenig auf und reichte Pelle ihre beiden Hände mit einem entzückenden Ausdruck kindlicher Koketterie.

»Erzähl' mir was von dem Haus da draußen und von Svend Trost«, sagte sie und machte ihm Platz auf dem Rande des Bettes. »Ich liege hier und langweile mich, und Herr Morten ist so ernsthaft.« Sie sah ihn herausfordernd an.

»Ist der so ernsthaft?« sagte Pelle. »Das kommt wohl daher, daß er Bücher schreibt.«

»Nein, aber man muß ein bißchen auf seine Würde halten«, sagte Morten und setzte ein drolliges Schulmeistergesicht auf. »Das kleine Fräulein fängt an, reichlich keck zu werden.«

Johanne lag da voll inneren Lächelns und ließ die Augen von dem einen zu dem anderen hinüberwandern. »Er sollte eine Brille auf der Nase haben, dann sieht er leibhaftig so aus«, sagte sie. Sie sprach halb flüsternd, weiter reichten ihre Kräfte nicht; aber die Stimme war warm vor Übermut.

»Du mußt lieber mit zu uns kommen,« sagte Pelle, »wenn es so schlimm ist. Dann kannst du mit den Kindern spielen und im Garten im Sonnenschein liegen. Du kannst mir glauben, da ist es jetzt schön! – Ja, es ist wirklich mein Ernst«, fuhr er fort, als sie noch immer lächelte. »Ellen hat mich hierhergeschickt, um es zu sagen.«

Sie wurde plötzlich ernsthaft und sah eine Weile bald Pelle, bald Morten an. Dann schlug sie die dunklen Augen nieder. »Kommt Morten auch mit hinaus?« fragte sie mit abgewandtem Gesicht.

»Nein, ich muß ja hierbleiben, Johanne. Aber ich komme hinaus und sehe mich nach dir um.«

»Jeden Tag?« Sie lag der Wand zugekehrt und kratzte mit den Nägeln an der Tapete.

»Ich werde mich schon nach meinem kleinen Schatz umsehen, sooft ich kann«, sagte Morten und strich ihr über das Haar.

Sie errötete bis über den Hals, das Blut schwoll in einer plötzlichen Welle an und wurde unmerklich in die Bleichheit der Haut eingesogen, wie eine ersterbende Glut. So kam und ging auch Hannes Blut bei einem guten Wort, sie hatte die Schämigkeit der Mutter geerbt – und ihren unsagbaren Liebreiz. Und auch ihren launenhaften Eigensinn.

Sie lag stumm da, den Rücken ihnen zugewandt, und antwortete nicht auf ihre Überredungen. Es war nicht gut zu sagen, ob sie sie überhaupt hörte. Aber plötzlich wandte sie Morten das Antlitz mit einem gehässigen Ausdruck zu. »Du brauchst dir nicht so viel Mühe zu machen, du sollst mich schon los werden«, sagte sie. Ihre Augen brannten ihm entgegen.

Morten sah sie nur betrübt an, aber Pelle wurde böse. »Du sollst dich schämen, es so aufzufassen«, sagte er. »Das ist nun Mortens Dank für alles! Das will ich dir doch sagen – du bist, weiß Gott, ein undankbares Gemüt!«

Hanne lag da und nahm die Schelte hin, ohne eine Miene zu verziehen. Als er schwieg, nahm sie schweigsam seine Hand und legte sie über ihr feines, spitzes Gesicht, sie verdeckte es ganz. Sie lag da und lugte zu ihm und Morten hinüber, durch die großen Finger hindurch, mit einem wunderlich resignierten Ausdruck, der schelmisch sein sollte. »Ich weiß recht gut, daß es häßlich war,« sagte sie ausdruckslos und führte Pelles Mittelfinger vor ihren Augen hin und her, so daß sie schielen mußte – »aber ich will schon tun, was ihr sagt, Elle – Pelle, Morten – Porten ich kann die P-Sprache sprechen!« Sie lachte verzweifelt.

»Du sollst sehen, du wirst viel gesünder und fröhlicher werden, wenn du zu Pelles hinauskommst«, sagte Morten.

»Ich kann sehr gut aufstehen und die Arbeit im Hause tun, so daß du die Frau sparst«, flüsterte sie und richtete die großen Augen hastig auf ihn. »Ich bin jetzt gesund genug!«

»Aber liebes Kind, so ist es ja gar nicht gemeint! Es geschieht ausschließlich um deiner selbst willen – begreifst du denn das nicht?« sagte Morten eindringlich und beugte sich über sie.

Aber Johanne ließ ihren Blick hoffnungslos umherschweifen, als habe sie es aufgegeben, je wieder verstanden zu werden.

»Ich glaube, wir dürfen sie nicht gegen ihren Willen verpflanzen«, sagte Morten, als er Pelle hinausbegleitete. »Sie ist so unberechenbar in ihren Launen. Ich glaube übrigens, ich würde sie auch entbehren, sie ist eine gute kleine Seele. Wenn sie auf ist, schleicht sie in den Zimmern umher – und kann ganz rührend sein in ihrem Bestreben, es mir gemütlich zu machen. Und dann plötzlich können Erinnerungen von damals in ihr auftauchen und ihren Sinn verdunkeln; sie ist noch sehr mißtrauisch – und ängstlich, jemand zur Last zu fallen. Aber sie hat weiblichen Verkehr nötig, jemand, demgegenüber sie sich so recht vertraulich aussprechen kann. Sie hat zu viel mit sich herumzutragen für ein Kind.«

»Könnt ihr nicht beide zu uns hinausziehen? Ihr könnt die beiden Zimmer oben bekommen.«

»Das wäre eine Idee! Darf ich mir die Sache noch ein paar Tage überlegen? Grüße auch Ellen und die Kinder!«


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