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VII

In der Bibliothek wunderten sie sich über den ernsten, stummen Arbeiter, der die Bücher anfaßte, als seien es Mauersteine. Sie hatten ihn gern und halfen ihm finden, was er gebrauchte.

Unter den Angestellten befand sich ein alter Bibliothekar, der, in der Regel kam und fragte, ob er Pelle bei irgend etwas behilflich sein könne. Es war ein kleiner, verdorrter Herr mit einer goldenen Brille und dünnem weißem Haar und Bart, was seinem bleichen Antlitz ein lächelndes Aussehen verlieh. Er hatte ein ganzes Menschenalter zwischen den Bücherstapeln gelebt; der Bücherstaub hatte sich ihm auf die Brust gelegt, jeden Augenblick bellte sein trockener Husten durch den Raum.

Bibliothekar Brun war Junggeselle, und es hieß, daß er sehr reich sei. Fein und sorgfältig mit seiner äußeren Person war er gerade nicht, aber es lag etwas Unberührtes über seiner Erscheinung, als sei er niemals den Püffen des Lebens ausgesetzt gewesen. In seinen Schriften vertrat er schroff fanatisch den Ich-Kultus und stellte das Gesetz des Gewissens als das einzige auf, dem sich ein Mensch zu beugen habe. Persönlich war er verschlossen und menschenscheu, aber es zog ihn zu Pelle, von dem er wußte, daß er einstmals die Seele in der Erhebung der Massen gewesen war. Er verfolgte staunend und neugierig die Entwicklung des modernen Arbeiters; von Zeit zu Zeit kam er mit einer seiner Abhandlungen und bat Pelle, sie zu lesen. Sie handelten in der Regel von dem Wesen der Persönlichkeit, nahmen ihren Ausgangspunkt von dem Ich bei irgendeinem Philosophen oder in dieser oder jener Religion und suchten in die Fragen des Tages einzudringen. Flüsternd unterhielten sie sich über den Inhalt; der alte, schwer zugängliche Philosoph, der nur von sehr wenigen gelesen wurde, hegte eine unglückliche Liebe zu dem großen Publikum und lauschte gespannt darauf, was wohl ein Arbeiter aus seinen Gedanken herausbringen konnte. So still und fast schüchtern wie sein Wesen war, so schroff war er in seinen Anschauungen und wich nicht zurück vor dem Gedanken, gewaltsame Mittel zur Anwendung zu bringen. Aber er verhielt sich skeptisch in bezug auf die Erhebung der Unterklasse. »Die Leute können ja nicht einmal lesen,« sagte er – »der kleine Mann rührt ja nie ein wirkliches Buch an.« Er hatte so lange zwischen den Büchern gelebt, daß er meinte, die Wahrheit des Lebens sei dort vergraben.

Allmählich lernten sie einander gut kennen. Brun war der letzte Nachkomme einer alten ausgelebten Familie, die durch mehrere Generationen hindurch reich gewesen war. Er verachtete das Geld und zählte es nicht mit zu den Gütern dieses Lebens; da er niemals Entbehrungen gekannt hatte, machte er wenig Ansprüche und entbehrte gern, um anderen zu helfen. Man sagte, er lebe sehr spartanisch und brauche seine ganzen Zinseneinnahmen, um den Armen zu helfen. In vielen Punkten stimmte er mit der Unterklasse überein, nicht allein theoretisch, sondern rein organisch; und Pelle sah zu seiner Verwunderung, daß die Auflösung des Bestehenden auch von den oberen Schichten der Gesellschaft ausgehen konnte. Vielleicht breitete sich die Zukunft von beiden Endpunkten aus.

Eines Tages leitete Brun vorsichtig die Unterhaltung auf Pelles persönliche Angelegenheiten hin; es schien als wisse er Bescheid. »Ist da nicht irgend etwas, womit Sie in Gang kommen möchten?« fragte er. »Es würde mich sehr freuen, wenn ich Ihnen behilflich sein könnte.«

Pelle war sich noch nicht klar darüber, wie die Zukunft angegriffen werden sollte. »Vorläufig liegt das Ganze noch wie ein Chaos vor mir«, sagte er.

»Aber Sie müssen doch leben! Tun Sie mir den Gefallen, wenigstens auf alle Fälle ein Darlehn anzunehmen, während Sie sich zurechtfinden.«

»Es gehört Geld dazu, sich tüchtig und frei zu machen,« fuhr er fort, als Pelle sich weigerte – »das ist gemein, aber so ist es nun einmal. Sie nehmen ja doch nicht, was Sie gebrauchen, also müssen Sie das Geld entweder auf die Weise annehmen, wie es sich Ihnen bietet, oder Sie müssen entbehren.«

»Dann entbehre ich«, sagte Pelle.

»Ich sollte meinen, das haben Sie und Ihre Parteigenossen alle Zeit getan – und habt Ihr jemals damit glühende Kohlen auf das Haupt der Gesellschaft gesammelt? Ihr überschätzt das Geld, der kleine Mann hat zu große Ehrfurcht vor dem Eigentum anderer. Ja, das ist, Gott helf mir, wahr! Der gute, arme Mann früherer Zeiten wagte ja nicht einmal, etwas in seinen eigenen elenden Mund zu stecken – jeden guten Bissen sollte die Frau haben. Darum wird er auch von unserer Seite aus als verloren betrachtet – es war so leicht, auf ihm Reichtümer zu sammeln. Seine Nachkommenschaft schleppt sich noch mit einem guten Teil davon herum.«

»Geld macht abhängig«, wandte Pelle ein.

»Nicht immer«, erwiderte Brun lachend. »In meiner Welt leiht und nimmt man auf Kredit, ohne mit den Augen zu blinzeln, je mehr Schulden, um so besser; man behandelt niemals einen Mann schlechter, als wenn man ihm Geld schuldet. In der Beziehung sind wir sehr viel befreiter als Ihr, das ist überhaupt der Punkt, wo sich die Grenze zwischen der Oberklasse und dem Volk bemerkbar macht. Diese Angst, irgend jemand etwas zu schulden, und das Bestreben, immer zwei Dienste für einen zu leisten – mag sehr schön und fruchtbar in Eurer Welt sein; aber daraufhin werdet Ihr in Eurem Verhältnis zu uns unter die Füße getreten. Wir kennen das gar nicht – wie sollte es sonst solchen Menschen ergehen, die sich von der Wiege bis zum Grabe helfen lassen müssen und ausschließlich davon leben, Gefälligkeiten anzunehmen?«

Pelle sah ihn verwirrt an. »Arme Leute haben nichts weiter als ihr Ehrgefühl, darum wachen sie darüber«, sagte er.

»Und Sie haben wirklich niemals halt bei diesem Ehrgefühl gemacht, das so vorzüglich zu unseren Gunsten wirkt?« fragte Brun verwundert. »Untersuchen Sie einmal die bestehende Moral, und Sie werden entdecken, daß sie von uns erfunden sein muß – zu Eurer Verwendung. Ja, es wundert Sie, mich das sagen zu hören! Aber ich bin auch ein Degenerierter aus der Oberklasse – einer von denen, die entarten und von dem Herkömmlichen abweichen. Ich sah ja Ihre Bestürzung vorhin, als ich Sie nicht auf die Schulter klopfte und sagte: ›Arm aber stolz, fahren Sie so fort, mein junger Mann!‹ Sie brauchen jedoch nicht zu weitgehende Schlüsse hieraus zu ziehen – ich gehöre, wie gesagt, nicht zu der Art. Darf ich Ihnen nun nicht doch eine Handreichung geben?«

Nein, jetzt wollte Pelle erst recht nicht. In ihm war etwas zusammengebrochen, und die Erkenntnis machte ihn eigensinnig.

»Sie sind ein richtig verstockter Mann aus dem Volke«, sagte Brun halb ärgerlich.

Auf dem Wege nach Hause dachte Pelle weiter hierüber nach. Natürlich war er sich immer klar darüber gewesen, daß das Ganze wie ein Herrschaftsfuhrwerk gewesen war, vor dem er und seinesgleichen Pferde spielen mußten; die Gesetze und die ganze Einrichtung, das waren die Zügel und das Geschirr, das sie gut vor der Kalesche gehen machte. Das war nur immer von der anderen Seite bestritten worden, er gab sich ja mit Geschichte und Statistik ab, um einstmals den unumstößlichen Beweis liefern zu können. Aber nun kam da einer, der selbst in der Equipage saß und bezeugte, daß es ganz richtig war. Und das war kein Buch, sondern ein lebender Mensch, dem er von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Das stärkte seinen Glauben mächtig.

Und das tat auch not, daheim war er in die Brüche geraten. Mit dem Logis war es ganz zu Ende, Ellen verkaufte flott weg von der Ausstattung. »Ich pfeif' auf das Gesetz!« antwortete sie auf Pelles Warnungen. »Wir werden doch nicht dem Möbelhändler all das schenken, was wir abgetragen haben – nur weil er einen Lappen Papier von uns hat. Wenn die Möbel verkauft sind, soll er schon den Rest seines Guthabens bekommen.«

Das Ganze bekam er nun freilich nicht, denn vor allen Dingen mußten sie doch leben. Der Restbetrag der Schuld hing wie ein Damoklesschwert über ihnen; entdeckte er, daß die Möbel verkauft waren, so konnte das eine schlimme Geschichte werden. »Bedenke, ich bin vorbestraft«, sagte Pelle.

»Sie können dich doch nicht für das bestrafen, was ich getan habe!« sagte Ellen und starrte ihn entsetzt an. »Pelle, Pelle, was hab' ich getan, warum bin ich dir doch nicht gefolgt!« Eine Weile brach sie ganz zusammen. »Dann müssen wir sehen, daß wir es schnell bezahlt kriegen«, sagte sie plötzlich und erhob sich energisch. – »Die zwanzig Kronen müssen doch zu beschaffen sein!« Sie eilte in die Wohnung hinauf und kam gleich darauf mit Hut und Mantel zurück.

»Was willst du nun tun?« fragte Pelle bestürzt.

»Was ich tun will? – Ich will zu Königin Therese gehen. Sie kann es schaffen!« Sie beugte sich nieder und küßte ihn. »Du brauchst nicht bange zu sein!« Nach einer Weile kam sie mit dem Geld. »Ich kann es abwaschen«, sagte sie froh.

Damit war das beiseite, wären sie nun nur mit der Anleihe ebensoweit gewesen! Aber die Sache kam nicht von der Stelle, die Abzahlungen fraßen sich auf eine sonderbare Weise selbst auf. Ein paarmal hatten sie um Frist bitten müssen, und jedesmal erhöhte der Wucherer die Restsumme um den Betrag der Abzahlung; er nannte das Strafzinsen.

Pelle las selten in einem Buch, er hatte keine Lust; früh und spät war er aus, um zu verdienen. Er holte und brachte Möbel für die Trödler mit einem Ziehwagen in die Stadt und nahm sonst mit, was sich bot.

Eines Abends kam Ellen mit einem Zeitungsausschnitt, den Königin Therese ihnen hinübergeschickt hatte; es war eine Annonce, in der eine gute und gutgelohnte Stellung für einen zuverlässigen Mann gesucht wurde, der als Schuster ausgebildet war. »Es ist von heute morgen,« sagte Ellen gespannt – »wenn es nur nicht schon zu spät ist. Du mußt gleich hin.« Sie holte in aller Eile Pelles Sonntagsanzug heraus und half ihm, sich zurechtzumachen. Es war in einer Schuhzeugfabrik in der Bürgerstraße. Pelle nahm die Straßenbahn, um schnell zur Stelle zu sein, machte sich aber nicht viel Hoffnung, den Platz zu bekommen. Der Fabrikant war einer seiner erbittertsten Gegner unter den Arbeitgebern aus der Zeit, als er das Fach organisierte – ein jüngerer Meister, der es verstanden hatte, mit der Entwicklung Schritt zu halten und den Sprung zum Fabrikanten zu tun.

»Ach, Sie sind es!« sagte der Fabrikant. »Nun ja, alte Uneinigkeiten sollen uns nicht trennen, wenn wir sonst einig werden können. Ich habe Verwendung für einen Mann, der sich ein wenig um alles kümmern kann – so eine Art rechte Hand, die so täglich den Stoß auf sich nehmen und das Ganze beaufsichtigen kann, wenn ich auf Reisen bin. Ich glaube, Sie werden sich vorzüglich dazu eignen, Sie sind ja ein Mann mit Einfluß in den Arbeiterkreisen; ich möchte gern, daß es ein bißchen nett und glatt mit den Leuten hergeht – ohne zu viel Unkosten davon zu haben, Sie verstehen wohl. Man kann genau so weit im Guten kommen, das kostet nach meiner Erfahrung keinen Deut mehr. Und jetzt gehört man ja selbst mit zur Partei.«

»Sie?« fragte Pelle. Er wollte seinen eigenen Ohren nicht trauen.

»Ja – warum kann ein Arbeitgeber nicht Parteigenosse sein – wollen Sie mir das sagen? Da ist kein Grund, bange zu sein, wenn man erst hinter die Kulissen geguckt hat – und es hat ja seine Vorteile. In zehn Jahren ist jeder vernünftige Mensch Sozialdemokrat.«

»Ja, das kann gern sein«, sagte Pelle und lachte.

»Ja, nicht wahr! Also eines Abends sag' ich zu meiner Frau: Du, man muß sich eigentlich genieren, daß man nicht mit zur Partei gehört; in anderen Ländern da sind schon Millionäre und Grafen und Barone Parteigenossen. Erft wollt' ihr das nicht so recht einleuchten, aber jetzt ist sie sehr damit zufrieden; es sind ja lauter nette Menschen – wie sie auch neulich Abend sagte – sogar Standespersonen sind dazwischen. Na, von Anfang an war es ja keine Überzeugung, die einen dazu trieb; aber jetzt stimm' ich, weiß Gott, mit Ihnen überein, denn das, was Sie sagen, is ja sehr vernünftig. Und dabei ist es, verdammt und verflucht, die einzige Partei, die den Herren Anarchisten ordentlich einen auf den Buckel gibt – darin werden Sie mir doch recht geben? Meiner Ansicht nach sollten sich alle vereinen, um die zu bekämpfen – und das wird auch 'mal das Ende von der Sache werden. Ich hab' ein gut' Teil über Politik nachgegrübelt und bin zu dem Resultat gelangt, daß wir Arbeitgeber uns von vornherein ochsenmäßig dumm benommen haben; wir hätten die Bewegung nicht bekämpfen sollen, das hat sie nur zu Äußerlichkeiten getrieben. Sehen Sie doch selbst, wie nett sie nun wieder geworden ist, seit man angefangen hat, den Hut vor ihr abzunehmen! Man ist so, wie man behandelt wird – will ich Ihnen sagen. Sie wären auch nicht so schroff vorgegangen, wenn wir anderen sie ein bißchen sanfter angefaßt hätten! – Das werden Sie mir doch einräumen? Ihr seid, weiß Gott, genau so wie alle anderen, ihr wollt gutes Essen und nette Kleider haben – für ordentliche Menschen gelten! Darum war es klug, das unterste Ende abzuschneiden; man kann nicht in die Höhe steigen, wenn man zu viel Gerümpel als Ballast hat. Diese Kerle, die das Pflaster aufbrechen und drauflosprügeln wollen, sind keine Gesellschaft für mich. Man muß Geduld haben und warten, bis die Reihe, an die Schüssel zu kommen, an unsere Partei kommt – das ist nun meine Politik. – Nun, was meinen Sie denn?«

»Ich verstehe mich ja nicht auf die Maschinen«, sagte Pelle.

»Dahinter können Sie bald kommen! Aber darauf kommt es eigentlich auch gar nicht an, wenn Sie sonst nur verstehen, die Arbeiter zu behandeln – und das haben Sie ja gezeigt. Ich zahle Ihnen 35 Kronen Wochenlohn – das ist ein guter Lohn, soviel ich weiß; dafür müssen Sie natürlich auf meinen Vorteil sehen. Man ist ja nicht in die Partei eingetreten, um zu bluten – Sie verstehen wohl, was ich meine? Dann bekommen Sie freie Wohnung – im Vorderhaus natürlich – um eine Art Vizewirt für das Hinterhaus hier zu sein; – da sind drei Aufgänge mit Einzimmerwohnungen. Ich mag mich selbst nicht damit befassen, da ist so viel Schererei mit dem Gesindel. Sie ruinieren und bezahlen nur notgedrungen, und faßt man sie ein wenig fest an, so laufen sie auf die Redaktion des ›Arbeiters‹ und schikanieren einen. Na, das riskier' ich nun gerade nicht allzu leicht, aber trotzdem, ich mag gern, wenn die Sache ein wenig glatt abgeht – auch aus dem Grunde, weil ich gern Mitglied der Hauptleitung werden will! – Sie kriegen also 1800 Kronen im Jahr und eine Wohnung zu 400 Kronen, das macht 2200 Kronen; ein anständiger Lohn, das muß ich selbst sagen. Aber wer gut schmiert, fährt auch gut! Nun, schlagen Sie ein?«

Pelle wollte gern Bedenkzeit bis zum nächsten Tag haben.

»Was wollen Sie sich noch bedenken? Man soll sich nicht zu viel bedenken – unsere Zeit erfordert Handeln. Das Berufliche ist ja, wie gesagt, nicht die Hauptsache, ich habe hauptsächlich Verwendung für eine Autorität. Sie werden mit anderen Worten mein Vertrauensmann. – Nun ja, dann bekomme ich also morgen Ihre Antwort.«

Pelle ging langsam nach Hause. Er wußte nicht, warum er Bedenkzeit verlangt hatte – die Sache war ja abgemacht. Wollte man sein Heim gemütlich gestalten, mußte man auch die Folgen hinnehmen und durfte nicht auskneifen, wenn sich zum erstenmal eine Aussicht zeigte, es ein wenig traulich für Frau und Kinder zu gestalten. – Jetzt war er also Hofhund für seine Genossen.

Er ging über den Königsneumarkt und durch den belebtesten Stadtteil. Hier drinnen war es hell und festlich, die Bogenlampen hingen wie eine Reihe spähender Lichtvögel oben über dem Asphalt; von Zeit zu Zeit schlugen sie mit den Flügeln, um sich schwebend zu erhalten. Es war, als fegten sie die Finsternis der Nacht hernieder, große Schatten flatterten durch die Straßen und verschwanden. In den engen Seitengassen stand die Dunkelheit und sah mit aufgesperrtem Mund und Augen in den Lichtglanz hinein, aufdringliche Laute drangen von dort heraus: Dirnenlachen, das einsame Weinen eines Kindes, das endlose Keifen eines unterdrückten Weibes. Aber die Leute lustwandelten ruhig plaudernd zu zweien über den Asphalt – und hörten nichts; sie hatten die Winterpelze herausgeholt und genossen die beginnende Kälte.

Aus den großen Cafés schallte Musik, sie waren überfüllt; die Leute saßen dicht zusammen, jeder in seinem kleinen geschlossenen Kreis, und sahen aufgeräumt und gemütlich aus. Auf dem Tisch zwischen ihnen stand der Kühler mit der Champagnerflasche, die schräg nach oben zeigte, als wolle sie ihnen selbst den Himmel herabschießen. Wie sie ihres Daseins sicher schienen! Ahnten sie etwa nicht, daß sie auf einer dünnen Kruste saßen – die Hölle der Armut dicht unter sich? Oder war das vielleicht der Grund, weshalb sie so leichtsinnig waren. Heute dir, morgen mir! Sie hatten sich wohl damit ausgesöhnt und nahmen, was sie kriegen konnten – ohne allzu gewissenhaft dem heiseren Protest der Hinterstraßen zu lauschen!

Draußen auf dem Rathausplatz unter einem der elektrischen Ständer stand ein Mann und verkaufte Zeitungen. »Fünf Öre, wenn Sie's übrighaben – sonst kostet es nichts!« sagte er und steckte Pelle eine Zeitung zu. Er war bleich, hatte einen dunklen Vollbart und tiefe Schatten unter den Augen; es sah so aus, als trage er ein inneres Leiden mit sich herum, das ihn langsam verzehrte. Pelle starrte ihn an – das war ja Peter Drejer, sein Lehrkamerad von daheim!

»Gehst du hier herum und verkaufst Zeitungen?« rief er verwundert aus und reichte ihm die Hand.

Peter Drejer grüßte still wieder. Er hatte denselben schwermütigen, nach innen gewendeten Ausdruck wie damals, als Pelle ihn auf der Mansarde in der Jägerstraße traf, sah aber noch versonnener aus.

»Ja, ich bin Zeitungsmann geworden,« sagte er, »aber nur nach Feierabend. Es ist ein kleines Blatt, das ich selbst schreibe und drucke; vielleicht tut es dir gut, es zu lesen.«

»Wovon handelt es denn?«

»Von dir und mir.«

»Es ist wohl anarchistisch?« sagte Pelle und betrachtete den Titel des Blattes. »Du warst so sonderbar, als ich dich das letztemal traf.«

»Nun, du kannst es ja lesen. – Bitte schön, fünf Öre, wenn Sie's übrighaben – sonst gratis!« rief er und steckte den Vorübergehenden ein Exemplar zu. Da stand ein Schutzmann in einiger Entfernung und beobachtete ihn, er näherte sich in kleinen Rucken.

»Du stehst scheinbar unter Aufsicht«, sagte Pelle und machte ihn auf den Schutzmann aufmerksam.

»Daran bin ich gewöhnt! Ein paarmal haben sie mein harmloses kleines Blatt mit Beschlag belegt.«

»Na, dann wird es wohl nicht so ganz harmlos gewesen sein?« meinte Pelle lächelnd.

»Ich rate den Leuten nichts weiter, als selbständig zu denken.«

»Der Rat kann auch gefährlich genug sein, falls er befolgt wird.«

»Ach ja. Das Gemeine ist, daß mich die Polizei in meinem Beruf schädigt. Sobald ich Arbeit bei einem Meister bekommen habe, kommt sofort ein Schutzmann und stellt es ihm anheim, mich zu verabschieden. Nun, das ist ja die gewöhnliche Taktik des Bestehenden! Man führt den Stoß nach dem Magen, da pflegt bei unsereinem nämlich das Herz zu sitzen.«

»Dann wird es dir wohl schwer, dich durchzuschlagen?« meinte Pelle teilnehmend.

»Ach, es geht. Von Zeit zu Zeit steckt man mich auch einmal ein, ohne gesetzmäßige Begründung; und wenn einige Zeit vergangen ist, werd' ich wieder losgelassen – das eine ebenso unmotiviert wie das andere. Man hat den Kopf verloren – das gereicht einer Maschinerie, die doch ausschließlich im Gange gehalten wird, um uns hier unten zu knechten, nicht gerade zum Lob. Ich habe ein Gefühl, daß man mich gern aus dem Wege räumen würde, wenn sich das machen ließe; aber das Land ist ja nicht groß genug, um jemand darin verschwinden zu lassen. Aber jetzt will ich nicht länger das gejagte Tier spielen. Obwohl ich unsere Gesetze verachte, die nichts weiter sind als eine Maskierung brutaler Macht, gebe ich sehr sorgfältig acht, auf der rechten Seite zu sein. Und wenn man trotzdem wieder Gewalt gegen mich gebraucht, so werde ich mich nicht darein finden.«

»Das Verhältnis ist so ungleich«, sagte Pelle und sah ihn ernsthaft an.

»Niemand braucht sich in mehr zu finden, als er selbst will! Aber hier bei uns zulande fehlt etwas – die äußerste Konsequenz von uns selbst, die Selbstachtung. Darum schikanieren sie uns nach Gutdünken.«

Sie gingen zusammen zur Stadt hinaus. Auf dem Bürgersteig vor einem der großen Cafés stand ein blutarmes Weib mit einem kleinen Kind auf dem Arm, sie bot ein paar jammervolle Stengel feil, die Blumen vorstellen sollten. Peter Drejer machte eine stumme Bewegung von ihr hinüber nach dem Publikum des Cafés, sein Gesicht verzerrte sich.

»Ich habe nun nichts dagegen, daß Menschen ihr Dasein genießen«, sagte Pelle. »Im Gegenteil, es freut mich, zu sehen, daß doch einige glücklich sind. Ich hasse das System, nicht aber die Menschen. Das einzige wären etwa die, die uns allen nichts gönnen und erst so recht bei dem Gedanken genießen, daß andere dasitzen und Mangel leiden.«

»Und meinst du, daß jemand da drinnen sitzt, der anderen allen Ernstes etwas gönnt? Glaubst du, daß einer von ihnen sagt: ich bin so glücklich gestellt, im Jahr 25 000 Kronen zu verdienen, mehr als die fünftausend darf ich nicht gebrauchen, der Rest kommt den Armen zu? Nein, nun sitzen sie da und schimpfen den armen Mann aus, während sie den Überfluß seines Daseins verprassen; die Männer machen die Arbeiter schlecht, und die Frauen die Dienstmädchen – jetzt geht's aus einem überfüllten Magen über sie her. Geh mal hinein und lausche zwischen den Tischen –: die Armen sind dreckig, unzuverlässig, undankbar, trotz allem, was man für sie tut – selbst schuld an ihrem Elend. Das würzt wohl einigen das Fest, andere betäuben ihr schlechtes Gewissen damit. Und alles das, was sie genießen, hat der Arme doch hergestellt, selbst das ausgesuchteste Raffinement hat seine schmutzigen Hände passieren müssen und schmeckt pikant nach Schweiß und Hunger. Sie nehmen es als etwas ganz Selbstverständliches hin, daß es so ist, es verwundert sie nicht einmal, daß da nie etwas geschieht, zum Dank für gute Behandlung eine kleine, herbe gesegnete Mahlzeit, eine Vergiftung zum Beispiel. Stell dir nur vor, daß tagtäglich Millionen Arme damit beschäftigt sind, Leckerbissen für die Reichen herzustellen – und niemals fällt es einem von ihnen ein, sich zu rächen, so gutmütig sind sie! Das Kapital schläft buchstäblich mit dem Kopf in unserem Schoß – und schmäht uns im Schlaf. Und wir schneiden ihnen nicht die Kehle ab!«

Bei der Viktoriastraße blieben sie stehen. Der Schutzmann war ihnen gefolgt und stand gleichzeitig auf der anderen Seite der Straße still. Pelle machte seinen Begleiter darauf aufmerksam.

Peter sah gleichgültig da hinüber. »Er gleicht einem englischen Bluthund,« sagte er ruhig – »ein gieriges Gebiß und kein Gehirn! Was mich am meisten quält, ist, daß wir selbst die Hunde liefern, die uns jagen sollen. Aber jetzt fangen wir bald an, unter dem Militär zu agitieren.« Er sagte gute Nacht und ging nach dem Wiesenweg hinaus, wo er wohnte.

Ellen nahm Pelle ganz oben an der Straße in Empfang. »Nun, wie ging es?« fragte sie gespannt. »Hast du die Stelle gekriegt?«

Er machte sie ruhig mit dem Sachverhalt bekannt.

Sie hatte den Arm um ihn geschlungen. »Du großer Mann,« sagte sie und sah glücklich zu ihm auf – »wenn du wüßtest, wie stolz ich auf dich bin. Jetzt sind wir ja reich, Pelle – 35 Kronen die Woche! Freust du dich nicht auch?«

»Ja, ich freue mich, daß du und die Kinder es einmal ein bißchen gut bekommen.«

»Aber du selbst, Pelle – ich finde, du bist gar nicht so entzückt. Es ist doch eine angesehene Stellung, die du bekommst!«

»Eine leichte Stellung wird es nicht für mich; aber ich muß sehen, daß ich das Bestmögliche daraus mache«, erwiderte er.

»Das verstehe ich nicht. Du sollst auf seiten des Fabrikanten stehen, aber das ist ja eine ganz natürliche Folge einer solchen Stellung. Es ist doch auch sein gutes Recht, daß seine Angelegenheiten beaufsichtigt werden.«

Ellen trug ihm das Abendbrot auf, das sie im Ofen warm gehalten hatte. Von Zeit zu Zeit sah sie ihn verwundert an, da war heute etwas an ihm, was sie nicht begriff. Er war überhaupt ein wenig sonderbar geworden in seiner Beurteilung der Dinge da drinnen im Gefängnis – und darüber konnte man sich ja nicht wundern. Sie kam hin und strich ihm über das Haar.

»Du sollst sehen, du selbst wirst auch noch ganz zufrieden damit werden«, sagte sie. »Welch Glück für uns, daß er seine Geschichte nicht selbst beaufsichtigen mag!«

»Er gibt sich ja mit Politik ab«, entgegnete Pelle zerstreut. »Vorläufig legt er es wohl darauf an, mit Hilfe der Arbeiterstimmen in die Bürgervertretung hineinzukommen.«

»Dann ist es wirklich sehr klug von ihm, dich anzunehmen«, sagte Ellen lebhaft. – »Du bist doch mit den Sachen vertraut und kannst ihm helfen! Wenn wir sparsam sind, können wir vielleicht einmal so viel erübrigen, daß wir ihm das Geschäft abkaufen können.«

Sie sah so glücklich aus und bemühte sich, ihn zu verhätscheln, bald auf diese, bald auf jene Weise. Die Freude machte sie noch schöner, und wenn er sie so sah, war es ihm unmöglich, irgend etwas zu bereuen. Sie hatte ihm alles geopfert, und es gab keinen Weg um sie herum. Er mußte sie sich einmal in vollem Glück hingeben sehen! mochte es kosten was es wollte – ihr schuldete er doch alles. Wie schön war sie in ihrer Unberührtheit. Noch hatte sie eine Neigung, sich schwarz zu kleiden; und mit dem dunklen Haar, das das bleiche Gesicht umrahmte, glich sie einer von diesen Schwestern, die viel durchgemacht haben und alles aus Barmherzigkeit tun.

Es fiel ihm auf, daß er sie sich nie so recht hatte auslachen hören – sie lächelte nur. Das Stärkste hatte er noch nicht in ihr ausgelöst; er hatte es noch nicht vermocht, sie glücklich zu machen. Darum hatte sie Bett und Tisch mit ihm geteilt und dennoch das Schönste für sich behalten – wie eine trotzige Jungfrau. Aber jetzt färbten sich ihre Wangen in glücklicher Erwartung, und ihre Augen ruhten in Spannung auf ihm; er war nicht mehr der graue Alltag für sie, er war das Märchen, das überrumpeln konnte, wenn die Not am größten war. Und die Veränderung konnte er nicht leicht zu teuer erkaufen. Frauen waren nun einmal nicht zu Unglück und Einsamkeit geboren, sie waren Blumen, die sich erst ganz erschlossen, wenn das Glück sie küßte. Ellen sollte die Verantwortung auf ihn wälzen dürfen.

Am nächsten Tage kleidete er sich fein an, um hinzugehen und endgültig mit dem Fabrikanten abzuschließen. Ellen war ihm behilflich, seinen Kragen im Nacken zuzuknöpfen und ihn abzubürsten; währenddessen plauderte sie über die Zukunft, es klang wie sorgloses Vogelgezwitscher. »Was machen wir nun aber? wir müssen ja sehen, daß wir die Wohnung loswerden und in das andere Ende der Stadt ziehen,« sagte sie – »sonst hast du zu weit zu gehen.«

»Ich hab' ganz vergessen, dir zu erzählen, daß wir da draußen wohnen sollen. Er hat drei Aufgänge mit Einzimmerwohnungen, für die sollen wir Vize sein. Er selbst kann nicht recht mit den Bewohnern fertig werden.« Pelle hatte das nicht vergessen, konnte sich aber nicht überwinden, ihr zu erzählen, daß er Hofhund sein sollte.

Ellen sah ihn versteinert an. »Gehört das mit zu der Stellung?« fragte sie und rang nach Atem.

Pelle nickte.

Plötzlich sprang sie auf ihn ein. »Du tust es nicht!« schrie sie und packte ihn beim Arm – »hörst du, Pelle, du tust es nicht!« Sie war ganz außer sich und starrte ihn flehend an. »Ich begreife dich gar nicht.«

Er sah sie verwirrt an und murmelte etwas zu seiner Verteidigung.

»Siehst du denn nicht, daß er dich nur ausnutzen will?« fuhr sie heftig fort. »Das ist ein Judasposten, den er dir angeboten hat – aber wir wollen unser Brot nicht verdienen, indem wir arme Leute auf die Straße schmeißen. Ich hab' es mir selbst versucht, meine Habseligkeiten im Rinnstein treiben zu sehen. Ach, wenn du dich nun darauf eingelassen hättest!« Sie starrte schaudernd vor sich hin.

»Ich begreife auch wirklich nicht, wo du deinen Verstand gehabt hast – du, der du sonst so vernünftig bist«, sagte sie, als sie wieder ruhig geworden war, und sah ihn vorwurfsvoll an. Aber dann auf einmal verstand sie das Ganze und brach zusammen.

»Ach, Pelle, Pelle!« schluchzte sie und verbarg ihr Antlitz.


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