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XXIII

Das Jahr war, wenn möglich, noch schlechter als die vorhergehenden. Schon im September standen die Arbeitslosen in langen Reihen an den Kanälen und Marktplätzen, die Füße im Nassen. Die Knöchel an ihren Handgelenken waren groß und blau und verrieten einen strengen Winter, die Leichdörner der alten Leute hatten ihn schon lange geweissagt, und unter den Kesseln der armen Leute liefen Feuersterne hin. »Nun kommt der große Winter und schließt das Elend ab«, sagten die Leute. »Und dann bekommen wir gute Zeiten!«

Im Oktober meldete sich der Frost und fing an, alles abzusperren, was die schlechten Zeiten noch nicht gehemmt hatten.

In der Stadt der Armen geht das Leben von der Hand in den Mund; schlägt ein Tag fehl, so sieht man es am nächsten Morgen an den Tellern. Die Not liegt immer zusammengerollt unter dem Tisch der zehntausend Häuslichkeiten; wie ein Bär im Winterschlaf liegt sie den Sommer da, entsetzlich eingefallen und knurrend mit bösen Träumen. Aber sie sind an seine Gesellschaft gewöhnt und achten nicht darauf, solange er nicht seine schwere Pfote auf den Tisch legt. Einen Tag Krankheit oder Fehlschlag in der Arbeit – sofort ist er da.

»Ach, wie gut wäre es, wenn wir eine Salztonne hätten, in die wir greifen könnten«, sagten die, die sich noch des Lebens auf dem Lande erinnern konnten. »Aber der liebe Gott hat uns unsere Salztonne genommen und uns statt dessen die Pfandleiher gegeben«, und dann fingen sie an, von ihren Habseligkeiten zu versetzen.

Es war arg, wie die Leute zusammenkrochen! Die Stadt, die im Sommer in alle Winde zerstreut war, verdichtete sich; die Obdachlosen rückten vom Gemeindeanger herein, und die großen Gutsbesitzer kamen und nahmen ihre Winterpaläste in Gebrauch. Frau Rasmussen auf der Mansarde konnte plötzlich mit einem Mann auftreten, der Suff-Walde war zurückgekommen, die Kälte trieb ihn ihr sozusagen in die Arme. Das erste Frühlingszeichen würde ihn wieder von dannen jagen, hinüber in die Arme seiner Sommerliebsten, der Frau Grasmaier. Aber solange er hier war, war er hier! Den ganzen Tag hindurch stand er lungernd unten im Torweg, mit Daunen in dem struppigen Nackenhaar, das so trocken und wuschelig aussah, mit Strohhalmen aus dem Bett auf dem großen flachen Rücken. Das Leder an seinen Holzschuhen war immer fein geputzt, das besorgte Frau Rasmussen für ihn, ehe sie am Morgen auf die Arbeit ging. Und sie war doppelt hinterher, damit ihr großer schöner Nichtsnutzer von Graf Zeit hatte, um dazustehen und sich zu jucken.

Die Kälte sperrte von Woche zu Woche immer mehr ab – sie sperrte die Erde ab, so daß die Erdarbeiter nicht hineinkommen konnten, sie sperrte den geringen Kredit der Armen. Ringsumher hatte sie schon alle Häfen geschlossen. Der Fernverkehr schrumpfte fast zu nichts zusammen, die Hafenarbeiter konnten nach Hause gehen. Sie schnürte die Gemüter zusammen – und die großen Geldbeutel, die alles im Gange hielten. Die festen Betriebe fingen an, mit beschränkter Arbeitszeit zu arbeiten, und die losen hörten ganz auf. Die Unternehmungslust der Leute schrumpfte ein, sie begannen nichts Neues und arbeiteten nicht auf Lager; es war ein Schrecken in sie gefahren. Alles, was seine Fühlfäden ausgestreckt hatte, zog sie ein – sie froren ihnen gleichsam ab. Die Erde hatte ihre Säfte in sich hineingezogen und eine Eiskruste darübergelegt, die Menschen taten das gleiche. Die armen Leute zogen ihr bißchen Blut in das Herz hinein, um den Lebenskeim zu erhalten. Die Glieder waren kalt und blutlos, die Haut grau. Sie krochen in sich selbst hinein und in die finstersten Winkel, dicht nebeneinander. Sie verbrauchten nichts. Und viele von denen, die genug hatten, gönnten sich kaum die Nahrung, die Kälte fror ihre Bedürfnisse weg und setzte Angst an ihre Stelle. Der Verbrauch geriet ins Stocken.

Nach dem Thermometer konnte man sich nicht richten, danach zu rechnen, hatte es früher viel ärger gefroren. »Was, es ist nicht schlimmer!« sagten die Leute stutzend. Aber sie fühlten sich doch darum ebenso verfroren und elend. Was versteht sich das Thermometer wohl auf den großen Winter. Der ist der Geselle der schlechten Zeiten und geht seinen geraden Weg, es mag frieren oder tauen – und frieren tat es!

In den Armenvierteln lagen die Straßen wie entvölkert da. Ein Schneefall konnte die Bewohner aus ihrem Versteck herauslocken; er milderte die Luft und gab ein paar Kronen Verdienst für die Wegschaffung des Schnees. Dann verschwanden sie wieder, verfielen in eine Art Starre und fristeten ihr Leben von unsagbar wenig, von nichts. Nur des Morgens früh waren die Straßen belebt – wenn die Männer auszogen, um Arbeit zu suchen. Überall, wo Verwendung für einen Mann war, stellten sich Hunderte ein und boten sich an. Bei Tagesanbruch sah man sie niedergeschlagen nach Hause schleichen und sich verkriechen; sie verschliefen die Zeit nur oder saßen den Tag da mit den Ellenbogen auf dem Tisch und starrten vor sich hin, ohne ein Wort zu sagen.

Die Kälte, die alles andere versperrte, hatte die entgegengesetzte Wirkung auf die Herzen; das Mitleid war groß. Viele, deren Verstand die Kälte ausgefroren hatte, so daß sie ihren Betrieb nicht in Gang zu halten wagten, hatten keinen Schaden am Herzen genommen und setzten ihre Mittel in Mildtätigkeit um. Gute Menschen riefen die Armen herbei und bemühten sich, sie aufzusuchen, sie waren nicht leicht zu finden.

Aber der liebe Gott hat Wesen geschaffen, die auf der Erde leben, Wesen für die Luft und Wesen für das Wasser; selbst im Feuer leben Geschöpfe, die zeugen und sich vermehren. Und etwas entfaltete sich auch in der Kälte, eine ganze Schar von Wesen, die dicht an der Arbeit leben und davon schmarotzen. Die guten Zeiten sind ihre schlechten, dann fallen sie hin, und es ist nicht viel mit ihnen los. Aber sobald die Kälte und die Not da ist, wimmeln sie hervor; sie sind es, die die Mildtätigkeit wachrufen und den besten Teil einkassieren. Sie wittern das Mißjahr und überschwemmen den Stadtteil des Reichtums. »Nein, wie viele Arme dieses Jahr an unsere Tür kommen«, sagen die Leute und öffnen den Geldbeutel. »Es sind schwere Zeiten für die Armen.«


Im Herbst war Pelle nach dem Norden hinausgezogen und wohnte nun in einer kleinen Zweizimmerwohnung auf dem Kapellenwege. Er hatte jetzt seine Anknüpfungspunkte hier draußen und wollte auch Ellen gern in der Nähe ihrer Eltern wissen, wenn sie nun niederkommen sollte. Lasse wollte nicht mitziehen, er zog es vor, in der »Arche« zu bleiben; jetzt hatte er sich mit den Bewohnern dort eingelebt und konnte sich ganz ordentlich ernähren durch Gelegenheitsarbeit ringsumher im Stadtviertel.

Pelle kämpfte tapfer, um sich und den Seinen den Winter vom Leibe zu halten. Auf der Werkstatt war nichts zu tun, und er mußte von früh bis spät unterwegs sein, überall, wo es Arbeit gab, stellte er sich ein und drängte sich zwischen hundert Mann hindurch. Seine Kunden hatten jetzt mehr denn je Schuhzeug nötig, aber sie hatten nichts, um es zu bezahlen.

Er und Ellen kamen sich in dieser Zeit nahe und lernten sich von einer neuen Seite kennen. Die schwere Zeit führte sie zusammen, und er hatte Gelegenheit, die Stärke in ihrem Gemüt zu bewundern. Sie nahm die Verhältnisse mit einem wunderbaren Willen auf und machte viel aus wenig. Nur mit dem Ofen konnte sie nicht fertig werden. »Er frißt alles auf, was wir zusammenschraben können,« sagte sie betrübt – »es pufft alles zum Schornstein hinaus und wärmt nicht. Heute habe ich einen Scheffel Kohlen in ihn hineingesteckt, und es ist hier noch ebenso kalt. Da, wo ich diente, konnten wir zwei große Stuben mit einem Eimer voll Heizen! Ich muß ein Schaf sein, aber vielleicht siehst du einmal nach?« Sie war kurz davor, zu weinen.

»Das mußt du dir nicht so zu Herzen nehmen,« sagte Pelle düster – »so sind die Ofen armer Leute nun einmal. Das sind alte Dinger, die kassiert sind, und dann kaufen die Hausbesitzer sie als altes Eisen und stellen sie in den Arbeiterwohnungen auf. So geht es ja mit allem! Wir Armen bekommen das Schlechte und bezahlen es am teuersten – obwohl wir die Sachen fabrizieren. Armut ist ein Sieb.«

»Ja, es ist schrecklich«, antwortete Ellen und sah ihn leidend an. – »Und ich kann dich jetzt so gut verstehen!«

Die drohende Not hatte sie unter seine Fittiche geführt. Sie wagte selbst nicht mehr zu denken und nahm alles aus seiner Hand.

Eines Tages, bald nach dem Wochenbett, forderte sie Pelle auf, einmal hinzugehen und sich nach Vater Lasse umzusehen. »Sieh zu, daß du ihn mitbekommst!« sagte sie. »Wir können ihn gut hier haben, wenn wir ein wenig zusammenkriechen. Ich fürchte, daß er Not leidet.«

Pelle freute sich über das Anerbieten und ging gleich hinaus. Es war groß von Ellen, ihr Herz dem Alten zu erschließen, gerade jetzt, wo sie selbst keinen sicheren Ausweg für ihr Auskommen hatten.

Die »Arche« lag da und sah ganz verheert aus. Die Gardinen waren überall verschwunden, ausgenommen bei Olsens – zusammen mit der vergoldeten Leiste brachten sie doch immer fünfzig Öre; die Blumen an den Fenstern waren erfroren. Man konnte direkt in das Ganze hineinsehen, und drinnen war es auch leerer geworden. Es lag etwas Schamloses über dem Winter, der so entkleidete, statt einzukleiden, und immer zuerst die schirmende Wand veräußerte. Die Aborte auf dem Hof hatten Türen und Deckel eingebüßt, und Pelle hatte seine liebe Not, auf die Mansarde hinaufzugelangen! Das meiste von den Balustraden war verschwunden, und jede zweite Stufe fehlte; die »Arche« half sich, so gut sie konnte. Drüben bei Madam Johnsen fehlte der Kübel aus Eichenholz, der sonst immer in der Ecke auf der Galerie stand, wenn er nicht ausgeliehen war – die »Arche« hatte nur den einen. Und nun war er verbrannt oder verkauft. Pelle guckte da hinüber, hatte aber nicht den Mut, sie zu begrüßen; Hanne war arbeitslos, das wußte er.

Aus dem dritten Stockwerk kam eine Frau herausgeschlichen und brach ein wenig von dem Holzwerk ab; sie nickte ihm zu. »Für einen Schluck Kaffee,« sagte sie, »und Gott segne den Kaffee! Man kann ihn so dünn machen, wie man will, wenn er bloß gut warm ist.«

Die Wohnung stand leer, Lasse war nicht da. Pelle erkundigte sich auf dem langen Gang. Er erfuhr, daß er im Keller bei der Trödlerin hause. Magere graue Gesichter kamen einen Augenblick in den Türen zum Vorschein und starrten ihn an, dann verschwanden sie lautlos.

Der Keller der Trödlerin war mit Gegenständen überhäuft, der Winter wehte die Habseligkeiten der Armen hier hinab. Lasse saß in einem Winkel und flickte an einer Matratze, er war allein hier unten. »Sie is ausgegangen, um sich was anzusehen,« sagte er, »in dieser Zeit hat ihr Geld viel zu tun! Nein, ich will nich' mit dir gehen und euer Brot aufessen. Ich hab' mein Essen und Trinken hier, dafür helfe ich ihr – wie viele andere können wohl sagen, daß sie in diesem Winter ihr Auskommen gesichert haben? Und eine Ecke, wo ich liegen kann, hab' ich auch. Aber kannst du mir nich' sagen, was aus Peter geworden is? Eines Tages war er da oben aus dem Zimmer weg, und seitdem habe ich nichts wieder von ihm gesehen.«

»Dann ist er wohl mit seiner Braut zusammengezogen«, erwiderte Pelle. »Ich will mal sehen, ob ich es nicht erfahren kann.«

»Ach ja, wenn du das wolltest. Es waren so gute Kinder, die drei, es wäre ein Jammer, wenn einem von ihnen was zustoßen sollte.«

Pelle wollte den Vater nicht aus einem sicheren Verdienst herausreißen. »Wir wissen ja selbst nicht mal, was wir dir dafür bieten können. Vergiß aber nicht, daß du uns immer willkommen bist – Ellen selbst hat mich hierher geschickt.«

»Ja, ja, dank ihr vielmals dafür! Nu geh du jetzt man, eh die Alte wiederkommt«, sagte Lasse ängstlich. »Sie mag es nich', wenn hier jemand is, sie is bange für ihr Geld.« – –

Das erste, was draufgehen mußte, war Pelles Winterüberzieher. Er versetzte ihn eines Tages, ohne daß Ellen es wußte, und kam nach Hause und überraschte sie mit dem Geld, das er froh auf den Tisch warf, Krone für Krone. »Wie das singt!« sagte er zu Klein-Lasse. Der Junge sprang und wollte das Geld zum Spielen haben.

»Was soll ich mit einem Winterüberzieher?« entgegnete er auf Ellens freundliche Vorwürfe. »Mich friert nicht, und er hängt hier ja nur herum. Nun habe ich mich den ganzen Sommer damit herumgeschlagen. – Ach, wie der wärmt!« sagte er zu dem Jungen, als Ellen Feuerung geholt hatte. »Das war wirklich ein guter Winterüberzieher, den Vater gehabt hat! Der kann Mutter und Schwester und Klein-Lasse obendrein wärmen.«

Der Junge legte die Hände auf seine Knie und guckte in das Feuer hin nach Vaters Überzieher. Das Feuer entzündete Flammen in seinen großen Kinderaugen und spielte auf den roten Wangen. »Schöner Überzieher!« sagte er und lachte über das ganze Gesicht.

Von den Hausbewohnern sahen sie nicht viel, und von der Familie auch nicht. Die Leute lebten still und kämpften in ihren vier Wänden jeder mit seiner eigenen Not. Des Sonntags setzten sie den Kleinen bei einem von den Nachbarn ein, gingen in die Stadt und standen eine Stunde vor irgendeinem Konzertlokal und froren, während sie der Musik lauschten. Dann gingen sie wieder nach Hause, saßen da und vegetierten, ohne Licht anzuzünden beim Schein des Ofens.

Eines Sonntags sah es schlimm aus. »Die Kohlen reichen nur noch bis heute mittag,« sagte Ellen – »wir müssen ausgehen. Essen haben wir auch nicht mehr. Aber vielleicht können wir zu den Alten gehen, dann laden sie uns am Ende zu Abend ein.«

Als sie gehen wollten, kam Ellens Bruder Otto mit seiner Frau und zwei Kindern zu ihnen zu Besuch. Ellen wechselte einen verzweifelten Blick mit Pelle. Der Winter hatte auch ihnen ihr Gepräge aufgedrückt; ihre Gesichter waren schmal und ernst. Aber warme Kleider hatten sie doch noch. »Ihr müßt eure Mäntel anbehalten,« sagte Ellen – »denn ich habe keine Feuerung mehr; ich hatte gestern so viel zu tun und mußte es bis heute aufschieben, und da will das Unglück, daß beim Kohlenhändler keiner zu Hause ist.«

»Wenn die Kleinen nur nicht frieren,« sagte Pelle, »wir Erwachsenen können uns schon warm halten.«

»Na, solange ihnen keine Eiszapfen unter der Nase hängen, schadet es ihnen auch nicht!« sagte Otto Stolpe mit einem Anflug von seinem alten Humor.

Sie trippelten unruhig in der Stube hin und her und sprachen von den schlechten Zeiten und der wachsenden Not. »Ja, es ist schrecklich, daß es nicht genug für alle Menschen gibt«, sagte Ottos Frau. »Aber nun macht der strenge Winter der Not ein Ende – und dann wird es wieder gut!«

»Du meinst, daß der Winter uns zuerst den Garaus machen wird?« sagte Otto und lachte verzweifelt.

»Nein, nicht uns – dem Elend natürlich. Ach, du weißt wohl recht gut, was ich meine. – Aber so ist er immer«, wandte sie sich an Pelle.

»Sonderbar, daß ihr Frauenzimmer noch immer in dem alten frommen Glauben umhergehen könnt, daß es nicht genug von allem gibt«, sagte Pelle. »Der Hafen liegt doch voll von Kohlenhaufen, und in den Läden fehlt es nicht an Eßwaren. Im Gegenteil, da ist viel mehr als sonst, weil so viele entbehren müssen – das kannst du auch daraus sehen, daß in der Stadt jetzt alles billiger ist. Aber was kann das nützen, wenn man kein Geld hat? Mit der Verteilung ist es schlecht bestellt.«

»Ja, du hast ganz recht!« sagte Otto Stolpe. »Es ist auch wirklich verteufelt, daß man nicht den Mut hat, zuzugreifen!«

Pelle hörte Ellen durch die Küchentür gehen, und nach einer Weile kam sie mit Feuerung in der Schürze zurück – sie hatte geliehen. »Ich habe doch noch ein bißchen zusammengeschabt«, sagte sie und legte sich vor dem Ofen auf die Knie. »Es ist auf alle Fälle genug, um eine Tasse Kaffee wärmen zu können.«

Der Bruder und seine Frau baten sie eindringlich, sich doch keine Mühe zu machen; sie hatten eben Kaffee getrunken, ehe sie von Hause weggegangen waren – nach einem soliden Frühstück. »Des Sonntags essen wir immer ein solides Frühstück,« sagte die junge Madam Stolpe – »das tut so gut!« Während sie sprach, verfolgten ihre Augen mechanisch jede von Ellens Bewegungen, als ob etwas in ihnen rechnete, wie schnell der Kaffee wohl fertig werden könne.

Und Ellen redete, während sie anzündete. Ja, natürlich, aber eine Tasse Kaffee sollten sie haben. Trockenen Mundes dürften sie nicht weggehen.

Pelle saß da und lauschte ihnen verwundert und traurig – ihre unschuldigen Prahlereien beleuchteten ihm das Elend nur noch greller. Er konnte es Ellen ansehen, daß sie sich in einer schrecklichen Verlegenheit befand, und folgte ihr in die Küche.

»Pelle, Pelle!« sagte sie ganz verzweifelt. »Sie haben darauf gerechnet, daß sie heute bei uns zu Abend essen können, und ich hab' keinen Bissen; was sollen wir nur machen?«

»Sagen, wie es ist, natürlich!«

»Das kann man doch nicht! Und sie haben heute auch nichts zu essen bekommen – kannst du ihnen das nicht ansehen?« Sie brach in Tränen aus.

»Na, laß mich die Sache nur ordnen«, sagte er tröstend. »Aber was willst du uns denn zum Kaffee geben?«

»Das weiß ich nicht! Ich habe nichts als Schwarzbrot und etwas Butter!«

»Großer Gott! So ein kleines Schäfchen!« sagte er lachend und nahm ihren Kopf in seine Hände, »und dann stehst du da und jammerst, willst du wohl machen, daß du das Butterbrot streichst!«

Ellen machte sich zögernd an die Arbeit. Ehe sie aber die Bewirtung hereintrug, hörten sie sie lärmend mit der Haupttür klappen und die Treppe hinablaufen. Nach einer Weile kam sie wieder herein. »Nun hat, weiß Gott, der Bäcker alles Feinbrot ausverkauft,« sagte sie, »nun müßt ihr mit Butterbrot zum Kaffee vorlieb nehmen.«

»Herr Gott, das ist ja großartig,« sagten sie, »Butterbrot schmeckt gerade am allerschönsten zu Kaffee. Es ist nur eine Schande, daß wir euch so viel Mühe machen!«

»Hört einmal,« sagte Pelle endlich, »es mag ja sein, daß es euch Pläsier macht, Versteck miteinander zu spielen, mir aber nicht! – ich will offen von der Leber reden: hier bei uns herrscht Schmalhans, und bei euch wird es wohl auch nicht besser sein. Wie steht es bei den Alten eigentlich?«

»Die schlagen sich schon durch,« erwiderte Otto, »Kredit haben sie immer, und ein wenig in der Hinterhand haben sie auch, glaube ich.«

»Wollen wir dann nicht hingehen und da heute zu Abend essen? Sonst fürchte ich, daß wir nichts bekommen.«

»Ja, tun wir das! Wir sind freilich erst vorgestern bei den Alten gewesen – aber was tut das, irgendwoher muß es ja doch kommen, und es bleibt ja in der Familie!«


Die Kälte hatte keinen Einfluß auf Pelle, das Blut rollte rasch in seinen Adern. Er war immer warm. Die Not faßte er als Mahnung auf und fühlte sich nur stärker als bisher; er benutzte den unfreiwilligen Müßiggang, um für die Sache zu arbeiten.

Da war keine Zeit zu Volksversammlungen und stark tönenden Worten – viele hatten nicht einmal Kleider, um die Versammlungen zu besuchen. Die Bewegung hatte in der Kälte ihren Schwung verloren, man hatte genug zu tun, um zusammenzuhalten, was da war. Pelle faßte es als seine Aufgabe auf, die Hoffnung in den Verzagten aufrecht zu halten, und war viel unterwegs; er kam mit vielen Menschen in Berührung. Das Elend legte sie bloß und entwickelte seine Menschenkenntnis.

Überall, wo ein Beruf in Stillstand geriet und die Not Einkehr hielt, waren er und die anderen bei der Hand, um der Demoralisation vorzubeugen und von dem herrschenden Zustand aus zu agitieren. Er sah, wie sich die Not gleich der Pest verbreitete und allmählich das Ganze eroberte – es war eine harthändige Gemeinschaft in dem Schicksal der Massen. In acht, vierzehn Tagen konnte die Arbeitslosigkeit einem Heim alle Traulichkeit nehmen, die durch viele Jahre zusammengeschrabt und gespart war – so schreiend war das Mißverhältnis. Hier war genug, um eine Auffassung in alle hinein zu ätzen, die niemals verging, und genug, um die Agitation zu fördern. Jeder, der nicht schlaff geworden war, konnte jetzt einsehen, was sie bezweckte.

Hier gab es Leute, die noch so waren wie die daheim! Die Not machte sie noch demütiger. Sie begriffen nicht die Gnade, daß sie Erlaubnis hatten, auf der Erde zu gehen und zu hungern. Mit denen war nicht auszukommen. Sie waren geborene Sklaven, und das Sklavenmal saß tief in ihren Gemütern als jammervoller, hündischer Sinn.

Das waren Leute über ein gewisses Alter hinaus – von einer älteren Generation als die seine. Die jüngeren waren aus ganz anderem, härterem Stoff, er mußte oft erstaunt lauschen, so kräftige Gedanken hallten in ihren Gemütern wider. Sie waren bereit zu wagen und setzten hart gegen hart. Die mußte man zurückhalten, damit sie der Bewegung nicht schadeten – denen ging es nie schnell genug vorwärts.

Sein Gehirn war neu und unberührt und arbeitete gut in der Kälte; er verglich rastlos und zog Ergebnisse aus allem, womit er in Berührung kam. Und es schien, als wenn die einzelnen selbst sich nicht viel regten. Die Agitation bestand hauptsächlich darin, das zu wecken, was einmal vorhanden war. Im übrigen mußten sie so verbraucht werden, wie sie waren, und eine jüngere Generation mußte an ihre Stelle treten, der die Forderung bereits auf der Zunge lag. Soweit er die Entwickelung übersehen konnte, ging sie nicht durch Generationen vor sich, sondern wuchs auf irgendeine wunderliche Weise aus dem leeren Raum zwischen ihnen auf. So war die Jugend denn schon von Beginn an weiter, als wo die Alten aufgehört hatten.

Das Schaffen des Geistes wirkte jetzt ebenso verborgen und mystisch auf ihn wie das des Blutes in seiner Kindheit; ihn konnte ein geheimes Schaudern über sich selbst befallen, er fing an zu begreifen, was Morten damit gemeint hatte, daß der Mensch heilig sei. Entsetzlich war es, daß der Mensch so viel Not leiden mußte; und Pelles Groll vertiefte sich.

Durch seine Berührung mit allen den einzelnen erfuhr er jetzt, daß Morten nicht so ganz allein stand. Die Gemüter vieler klangen wider von derselben Ungeduld und begriffen nicht, daß der, der hungert, sich damit beruhigen und begnügen soll, daß man sich organisiert. Es lag Umstürzlerisches in den Gemütern; ein harter Ton stieg auf, der anständige Leute veranlaßte, im weiten Bogen um die Arbeitslosen herumzugehen, während alte Leute den Untergang der Welt prophezeiten. Den Ton, den die Verarmten sich jetzt aneigneten, hatte noch niemand gekannt.

Eines Tages stand er in einem Torweg mit einigen anderen jungen Leuten zusammen und beredete die Lage der Dinge; es war ein kalter Versammlungsort, aber sie hatten nicht die Mittel, in dem gewohnten Wirtschaftslokal zusammenzukommen. Die Diskussion wurde in einem sehr gedämpften Ton geführt, es lag etwas Verbissenes in den Stimmen. Da ging ein gut gekleideter Herr vorüber. »Da seht mal den schönen Überzieher,« rief einer – »so einen möcht' ich auch wohl haben! Wollen wir uns den nich' mal in den Torweg 'reinholen und ihm den Überzieher ausziehen?« Er sprach laut und wollte auf die Straße hinaustreten.

»Keine Dummheiten,« sagte Pelle finster und packte ihn beim Arm, »wir schaden uns ja selbst! Bedenkt, die Obrigkeit hat ein wachsames Auge auf uns!«

»Ach was, 'n paar Wochen brummen, denn hat man doch wenigstens so lange Kost und Logis«, antwortete der Kamerad. Es war ein unheilverkündendes Aufblitzen in seinen sonst so klugen ruhigen Augen.


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