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XXI

Es geschah oft, daß Pelle sich nach dem stillen, innigen Zusammenleben mit Ellen und dem kleinen Lasse zurücksehnte, wehmütig fühlte er, daß sie in einer glücklichen Welt lebten und im Begriff waren, sich so einzurichten, daß sie ihn entbehren konnten. »Wenn du nun dies erst von der Hand hast, wirst du wieder so recht gemütlich mit ihnen leben«, dachte er.

Aber das eine hing unauflöslich mit dem anderen zusammen, aus der Lösung einer Frage entsprang die andere, die Welt des armen Mannes entpuppte sich als verwickelte Geschichte. Der Ruf von seiner glücklichen Hand als Organisator verbreitete sich weiter, überall arbeitete man auf den Gedanken des Sichzusammenschließens hin, und viele fingen an, die Augen voller Erwartungen auf ihn zu richten.

Häufig kamen Arbeiter zu ihm und baten ihn, ihnen behilflich zu sein, eine Organisation zu bilden – niemand habe einen so guten Griff dafür wie er. Da beriefen sie denn eine Versammlung ein, und Pelle legte ihnen die Sache vor. Es war etwas von dem großen Schwung in seine Reden gekommen, aber sie verstanden ihn gut. »Er redet so, daß einem die Ohren jucken«, sagten sie zueinander. Es wurden Vertrauensmänner gewählt, und Pelle weihte sie in die praktische Seite der Sache ein.

»Aber ihr müßt Geld opfern, so daß ihr eine Kasse bekommt«, sagte er beständig – »ohne Geld vermögen wir nichts. Bedenkt, daß es das Kapital selbst ist, gegen das wir kämpfen.«

»Sollen Büchsen im Kampf angewendet werden?« fragte ein einfältiger Arbeiter einmal.

»Ja, Sparbüchsen«, antwortete Pelle schnell.

Da lachten sie und kehrten die jämmerlichen Taschen um. Sie sahen ein wenig auf das Geld, ehe sie es weggaben. »Ach was, es verschlägt ja doch nichts«, sagten sie dann.

»Der Tag wird schon kommen, wo es verschlägt – wenn wir nur zusammenhalten,« sagte Pelle zuversichtlich.

Es war das Schmalz, das von ihrem Brote geschabt wurde – das wußte er gut, aber es half nichts! Er war in dieser Zeit nicht besser gestellt als einer von ihnen.

Seine Tätigkeit führte ihn nach auswärts, in größere und größere Kreise, bis er sich eines Tages mitten in den Massen befand. Ihre Anzahl erstaunte ihn nicht, er hatte das eigentlich immer gewußt! Er wuchs mit der Masse und legte einen immer größeren Maßstab an die Bewegung und sich selbst.

In dieser Zeit ging eine merkwürdige äußere Veränderung mit ihm vor. Über seiner Stirn lagen noch immer die tiefen Falten, die bei jungen Menschen auf eine ernste Kindheit zu deuten pflegen; sie waren das einzige bittere Zeugnis davon, was er auf sich genommen hatte, und erinnerten an eine geladene Wolke. Sonst war er frisch genug, das schlechte Leben brachte ihn nicht herunter; er lebte in dem Gefühl der Gemeinschaft und war fast immer froh. Er bekam runde Wangen wie ein Hornbläser und geblähte Nasenlöcher, die das Feurige unterstrichen; er verbrauchte viel Luft und trug die Kleider immer über der Brust offen. Sein Gang war aufrecht und elastisch, die ganze Erscheinung war herausfordernd. Wenn er in Versammlungen redete, war Kraft in seinen Worten, er wurde dunkelrot und schwitzte. Etwas von der Röte blieb auf Antlitz und Hals zurück, und es war beständig ein hitziger Klang in seinem Körper. Wenn er dahergegangen kam, wirkte er wie der Vorbläser einer Kolonne.

Die Vielen, das war sein Element. Da war viel, was unter einen Hut gebracht werden sollte. Noch fehlte den meisten das klare Verständnis, altes Mißtrauen tauchte plötzlich auf, es liefen viele Zweifel zwischen den Massen herum. Einige glaubten blindlings, andere sagten: ganz egal, ob uns der eine oder der andere rupft! Es geschah nichts handgreiflich Starkes, das einem jeden in die Augen fallen konnte; sie mußten sich auf die Person verlassen, wie der Blinde auf den Führer, und verlangten seine Stimme immer zu hören. Pelle wurde ihr Lieblingsredner. Er fühlte, wie ihr blindes Vertrauen ihn hob, und sah weit hinweg für sie über den Wirrwarr. Er hatte immer etwas mit dem Glück zu schaffen gehabt. Jetzt sah er es deutlich weit draußen auf der Marschroute und entflammte sie mit seiner unwiderstehlichen Begeisterung.

Eines Abends war er dazu berufen, ein flaues Fach aufzurütteln. Es waren die Abfuhrarbeiter. Um ihr Selbstgefühl anzustacheln, zeigte er ihnen, welch eine ungeheure Macht sie in ihrer verachteten Tätigkeit besaßen. Er machte das Gedankenexperiment, daß sie die Arbeit niederlegten, und malte mit viel Humor die Folgen aus, die dies für die feine Welt haben würde. Das übte eine überwältigende Wirkung auf die Versammlung aus. Man glotzte einander an, als entdecke man erst jetzt sich selbst, und saß in einem Lachen da. Um seine Wirkung zu verfolgen, zeigte er, wie abhängig eine Wirksamkeit von der anderen sei, und ließ ein Fach das andere stützen, bis der Generalstreik seine lähmende Hand auf die Stadt gelegt hatte. Das war eine Phantasie! Pelle kannte nichts von den Theorien der Bewegung, aber der Hochdruck in ihm lichtete den Schleier von den äußersten Konsequenzen. Aufgerüttelt und erschreckt über die fürchterliche Macht, die sie in Händen hatten, gingen die Arbeiter nach Hause.

Es war etwas hierin, was ihn nicht befriedigte, es war seine Natur, hervorzubringen – nicht zu zerstören! Wenn die Armen nur wollten, könnten sie das Ganze wiedernehmen – hatte Morten einmal gesagt, und die Worte hatten nicht aufgehört, in ihm zu spuken. Aber er konnte keine gewaltsamen Umwälzungen leiden, und nun hatte er ja einen guten Ausweg gefunden! Er fühlte sich überzeugt, daß das Zusammenhalten unwiderstehlich war und das Dasein auf friedliche Weise umwandeln würde.

Seine eigenen Fachgenossen hatte er ja zusammengeschweißt, so daß sie nun durch dick und dünn miteinander gingen. Er hatte ein wenig damit erreicht, sollte es aber ein wirkliches Ergebnis zeitigen, so mußten die Fachgenossen hier mit all den anderen Städten des Landes zusammenarbeiten – und das war schon so im kleinen eingeleitet, sowohl in seinem als auch in anderen Berufen. Aber alle diese Verbände von lokalen Fachvereinen mußten wieder in einem mächtigen Ganzen aufgehen, so daß das ganze Land gleichsam ein Gedanke wurde! In anderen Ländern trug sich ja dasselbe zu wie hier, und warum denn nicht als Schlußstein alle Länder zu einem großen Zusammenwirken sammeln?

Ehe Pelle es sich versah, hatte er die ganze Erde mit seiner Solidarität umspannt. Er wußte nun, daß das Elend international ist. Daß der arme Mann auf der ganzen Welt dasselbe fühlte, davon war er überzeugt.

Die Größe des Gedankens stieg ihm nicht zu Kopf. Der war natürlich aus den Linien seiner eigenen Organisation herausgewachsen – so war eins wie das andere. Aber er fuhr fort, sich damit zu beschäftigen, bis es feste Formen annahm. Und dann ging er mit dem Plan zu seinem Schwiegervater, der Mitglied des Parteivorstandes war, und wurde durch ihn aufgefordert, zu kommen und ihn der Hauptdirektion vorzulegen.

Pelle hatte jetzt Übung im Reden, und doch hatte er Fieber, als er dem starken Herzen der Bewegung gegenüberstand. Seine Worte konnten die vielen hinreißen; würde es ihm aber gelingen, diese geprüften Männer zu gewinnen, die leitend hinter dem Ganzen standen, während sie ruhig ihrer Arbeit nachgingen? Er fühlte, daß es der bedeutungsvollste Tag in seinem Leben war.

Es waren Männer mit ruhigerem Temperament als das seine. Sie saßen unbeweglich da und lauschten mit halbgeschlossenen Augen; seine starken Worte erweckten den Anflug eines Lächelns bei ihnen – über die waren sie ja längst hinweg! Es waren Handwerker und Arbeitsleute, die den ganzen Tag hart für das Auskommen kämpften, so wie er selbst; aber mehrere von ihnen hatten ein bedeutendes Selbststudium hinter sich, sie mußten gelehrte Leute genannt werden. Des Abends und am Sonntag arbeiteten sie für die Bewegung, schmiedeten politische Pläne und vertieften sich in das Rechnungswesen und in die ständig wachsende Administration. Sie waren schwerfällig geworden von all diesem Ungewohnten, das bisher den anderen Gesellschaftsklassen vorbehalten war, und das sie sich ganz von Grund auf aneignen mußten; die Köpfe waren ergraut und runzlig.

Pelle fühlte, daß er erst im Anfang stand. Diese Männer wirkten auf ihn wie ein mächtiger geheimer Rat; da draußen sahen sie aus wie jeder andere, hier aber an dem grünen Tisch saßen sie und schufen die ungeheure Organisation, in die er nur die Massen hineintrieb; die große Politik kam hier zustande. Es lag etwas Gottvergessenes darüber – so als wenn man Ameisen Pläne machen sieht, um einen Berg zu versetzen; und hier mußte er hinein, wenn er etwas Wirkliches ausrichten wollte! Aber hier verlangte man etwas anderes als starke Worte! Er dämpfte unwillkürlich seinen Ton und bemühte sich, rein sachlich zu reden.

Es erscholl kein Beifall, als er schwieg; die Männer saßen da und sahen schlicht grübelnd vor sich hin. Das Schweigen wirkte auf ihn wie der ungeheure leere Raum und machte ihn schwindlig. Alles in ihm lag nach außen gewendet und sog Stärke aus dem Widerhall von da draußen her von den vielen, die ihn geschaffen hatten. Aber hier im entscheidenden Augenblick schwieg das Ganze und ließ ihn schweben – ohne Stützpunkt irgendwelcher Art. War der ganze mächtige Plan des Zusammenwirkens nur eine Torheit? oder war er ein Tölpel, jetzt da, wo es sich darum handelte, ihn vorzulegen? Niemand antwortete. Die Führer fragten ihn ruhig nach den Einzelheiten seines Planes und nahmen ihn zur Kenntnis.

Pelle ging und befand sich in entsetzlicher Spannung. Er fühlte, daß er an etwas von dem gerüttelt hatte, das die große Entscheidung in sich trägt, und bedurfte einer Bestätigung, daß er die Sache richtig angefaßt habe. In dieser Not wandte er sich an sich selbst. Es war nicht seine Art, nach innen hineinzufragen, aber hier wollte kein anderer antworten. Er mußte die Anerkennung bei sich selbst suchen.

Es war das erstemal, daß Pelle allen Ernstes zu seinem eigenen Ich Zuflucht nahm und erfuhr, daß man im entscheidenden Augenblick dort hinfliehen konnte. Aber ihm gefiel die Einsamkeit nicht, und er tat es nur notgedrungen. Das Herz hüpfte unbändig in ihm, als er die Mitteilung erhielt, daß sein Plan anerkannt sei. Es wurde ein Ausschuß gewählt, um ihn auszuführen, und Pelle ward Mitglied dieses Ausschusses.


Der Landeszusammenschluß schuf mit einem Schlage ein Heer aus den vielen Abteilungen und wirkte schon allein durch seine Masse anziehend. Es ward eine große, anstrengende Arbeit, die Scharen zu ordnen, die herzuströmten, wie das Wasser dem Meere zuströmt – kraft eines Naturgesetzes. Es würde ein großes Feldherrntalent erfordern, sie zu einer endgültigen Schlacht aufzustellen und ins Feuer zu führen.

Pelle wurde natürlich in die erste Reihe der Organisation gerückt; seine Arbeit war namentlich die bahnbrechende, agitatorische; niemand besaß wie er die Ohren der Menge. Er hatte feste Werkstattarbeit bei einem der größeren Meister erhalten, darin lag eine Anerkennung der Organisation, und die Lohnerhöhung bewirkte, daß er einigermaßen verdiente. Er hatte nichts dagegen, daß die Arbeit außer Hause getan werden mußte. Der Ton daheim hatte den lichten Klang verloren. Ellen war liebevoll genug, aber sie hatte immer eine Absicht damit – und er ließ sich nicht wieder binden!

Wenn er nach Hause kam, so geschah es in der Regel, um eine Mahlzeit einzunehmen, sich fertig zu machen und wieder von dannen zu stürzen – zu Versammlungen und Ausschußverhandlungen. Vater Lasse war in der Regel des Abends da und sah ihm sehnsüchtig nach, wenn er so Frau und Kind verließ, um hinauszustreifen. Er begriff es nicht, wagte aber nicht, etwas zu sagen – er hatte großen Respekt vor den Unternehmungen des Jungen. Der Alte und Ellen hatten einander gefunden, sie waren wie ein paar Pferde in einem Gespann, es lag ein großer Trost darin.

Pelle ging dahin wie in einem Machtrausch, den ihm das Gefühl der sich mehrenden Scharen einflößte. Er war gleichsam eine Verkörperung dieser Scharen und hörte ihren Fußtritt in seinen Schritten widerhallen; es war ganz natürlich, daß die Verhältnisse große Maße annahmen. Er war ein Produkt alter Kultur, aber einer Kultur, die sich immer auf der Schattenseite gehalten hatte und auf schwere, knappe Sätze aufgebaut war, der jeder in sich eine Lebenssumme bitterer Erfahrungen umschloß. Das Bedürfnis nach Sonne und Licht war beständig zurückgedrängt und lag nun durch undenkbare Zeiten aufgehäuft da und war zu einer ungeheuren Spannung angewachsen! Jetzt platzte es, und er stieg schwindelnd auf. Sein Gehirn schwankte hoch oben in einem blendenden Lichtnebel!

Aber im Grunde war er noch immer der handfeste Realist und stand mit den Füßen auf der Erde! Die Generationen, auf denen er stand, hatte die Kälte in Zucht gehalten und gelehrt, sich mit dem Nötigsten zu begnügen, was sie ihm überlieferten, einfach und geradezu, ohne irgendwelche Firlefanzereien. Die Vorgänge in seiner Welt wirkten geradezu, ein zudringlicher Geruch setzte sich nicht um in ein gespensterhaftes Pochen an die Vorderzähne. Die Wirkung stammte in gerader Linie von der Ursache her – aber sie verhielten sich oft wie der große Brand und das Streichholz zueinander. Hier lag die Kraft in seiner Phantasie: hieraufhin konnte er mit so einfacher Ausrüstung das Ganze umspannen.

Bange vor dem Schicksal dieser Masse war er nicht; wo er nicht vorwärtssehen konnte, kam ihm der alte Fatalismus zur Hilfe. Sein Wort flammte trotzdem hoch auf und hielt die Hoffnung in vielen aufrecht, die selbst nicht den Sinn des Ganzen verstanden und fanden, daß die Zahlen ja immer größer und größer wurden, daß man im übrigen aber noch immer ebenso weit war. Wo er selbst nichts sah, war er wie eine Linse, die das Halbdunkel sammelte und es als volles Licht zurückgab.

Morten mied er am liebsten. Pelle hatte allmählich alle Theorien der Bewegung aufgenommen, sie füllten ihn gut und behaglich an. Und was konnte man wohl mehr erreichen, als im Einklang mit dem Ganzen zu stehen? Morten hatte diesen unfruchtbaren Drang, das Gemüt aus seinem Gleichgewicht zu bringen; er holte die Worte immer von innen hervor, von Stellen, wo man noch nie gewesen war, und stellte sie auf wie die Gottesstimme in der Bibel, die die Leute immer in ihrem Vorhaben hemmen mußte! Pelle hegte Ehrfurcht vor seinem eigenartigen Wesen, das nie mit den Scharen ging – und drückte sich um ihn herum.

Aber die Gedanken kehrten oft zu ihm zurück. Morten hatte das erste Licht in dem Chaos entzündet, in dem die Erfahrungen über Pelles Welt des armen Mannes daniederlagen, und wenn er etwas Entscheidendem gegenüberstand, fragte er sich unwillkürlich, wie würde Morten gehandelt haben?

Zuweilen trafen sie einander auf Versammlungen, die von den Arbeitern selbst zusammenberufen waren, und wo sie beide mitwirkten. Morten hatte keinen Respekt vor den bestehenden Gesetzen und wohl auch nicht vor neuen. Er nahm nicht eifrig teil an der Parteibildung und wurde von den Führern ein wenig beiseitegehalten. Aber mit dem gewöhnlichen Mann stand er in engster Beziehung. Er wirkte auf eigene Hand, griff ein wie kaum ein anderer in einzelnen Fällen von Not und Unrecht und arbeitete drauf hin, das Volk zu lehren, selbst zu denken.

Und sie liebten ihn. Zu Pelle und den anderen sahen sie auf und machten ihnen mit leuchtenden Augen Platz; Morten stellten sie sich lächelnd in den Weg. Sie wollten ihm die Hand drücken – er konnte sich kaum nach der Rednertribüne hindurcharbeiten. Sein bleiches Gesicht erfüllte die der anderen mit Freude – Frauen und Kinder hingen an ihm. Wenn er in seinem einfachen Zeug durch die Straßen der Armenviertel ging, lächelten ihm die Frauen zu. »Das ist er, der Meistergesell, der so büchergelehrt und so gut ist«, sagten sie zueinander. »Und nun hat er alle seine Bücher verkauft, um einem armen Kind zu helfen!« Und dann versetzten sie ihren Kleinen einen Puff, und die Kinder gingen hin, reichten ihm die Hand und folgten ihm bis an das Ende der Straße.


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