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Wenn die Werkstatt geschlossen war, arbeitete Pelle in der Regel noch eine oder zwei Stunden im Laden, brachte die Bücher in Ordnung und richtete die Arbeit für den nächsten Tag ein, während er die Kunden bediente. Kurz vor sechs schloß er den Laden und sprang auf das Rad, er sehnte sich nach Hause, nach seinem Nest, und trat die Pedale kräftig.
Und alle die anderen schienen ebenso zu denken wie er. Es lag ein eigenes Bestreben, nach Hause zu gelangen, über dem ganzen Straßenverkehr. Die Radler umschlossen ihn in ganzen Schwärmen, sie jagten in Scharen vor der Elektrischen her. Es sah so aus, als schiebe sie sie von den Schienen weg, indem sie sich mit ohrenbetäubendem, ununterbrochenem Geklingel vorwärtsstampfte, stark schaukelnd unter dem Gewicht der überfüllten Perrons.
Scharen von Männern und Frauen waren auf dem Wege nach draußen und begegneten anderen Scharen, die ihr Heim an dem entgegengesetzten Ende der Stadt hatten. Da draußen krähten die Fabrikpfeifen wie ein Chor von Riesenhähnen – ein einzelner stimmte an, und plötzlich fielen alle ein. Rußige Arbeiter ergossen sich aus den Torwegen, Bierflaschen in den Rocktaschen und das Essenbündel an einem Finger baumelnd. Frauen, die von der Arbeit kamen oder auf Einkäufe ausgewesen waren, standen mit dem Korb am Arm da und erwarteten ihre Männer an der Straßenecke. Kleine rotznäsige Gören trippelten Hand in Hand daher, erblickten plötzlich einen Mann mitten drin im Gewimmel und fingen an zu laufen, um ihm um die Beine zu fallen.
Schwester lief in der Regel ganz über die Felder hinab, um den Vater zu empfangen, und in der Gartenpforte der »Morgendämmerung« stand Ellen und wartete. »Guten Tag, Herr Fabrikant!« rief sie ihm entgegen; sie fand jetzt Genugtuung für so vieles und glühte vor Gesundheit und Glück. Es nützte nicht, daß Pelle protestierte und geltend machte, daß es in seiner Welt nur Arbeiter gäbe, sie hielt fest an ihrer Benennung. Er war es doch, der das Ganze leitete, die Genossenschaft war ihr ganz einerlei. Sie war stolz auf ihn, da konnte er sich ihretwegen Laufjungen nennen, wenn es ihm Vergnügen machte. Die Männer mußten nun einmal irgendeine fixe Idee in die Arbeit hineinlegen, sonst machte es ihnen keinen Spaß. Die Ordnung mit der Teilung zu gleichen Teilen war ihr unfaßlich, sie war fest überzeugt, daß ihr großer, tüchtiger Mann doppelt so viel zu bekommen verdiente wie irgendeiner von den anderen. Aber sie zerbrach sich übrigens nicht den Kopf damit, sie lebte ihr eigenes Leben und war zufrieden und glücklich.
Pelle hatte gefürchtet, daß das Land hier draußen sie langweilen würde, und scheinbar trat sie auch in kein eigentliches Verhältnis dazu. Sie jätete und beschäftigte sich im Garten, wirksam und schaffend, wie sie war, und bekam allmählich einen guten Griff dafür; aber etwas Wirkliches schien es ihr nicht zu bieten. Es freute sie nicht, die Hände in die schwarze Gartenerde hineinzustecken, Pelle und die Kinder gediehen hier draußen, und damit war ihr Verhältnis dazu gegeben, für eigene Rechnung Wurzel schlagen tat sie nicht. Sie konnte überall in der Welt gedeihen, wenn nur sie da waren, ihr Wohl und Wehe war auch das ihre. Sie wuchs aus ihnen heraus und hatte ihr eigenes wunderbares Wachstum nach innen.
Da drinnen in ihrem Gemüt hausten wunderliche, verborgene Kräfte, sie tummelten sich weder mit Lehrsätzen noch mit Systemen, sondern brachten die Wärme hervor, die das Ganze trug. Er hatte kein Verlangen mehr, herrschend dort einzudringen, was machte er sich aus dem logischen Verständnis zwischen Mann und Weib, von ihrem Herzen wollte er umstrahlt sein. Er forderte Verständnis von guten Freunden, die tiefe Befriedigung, die zum Beispiel das Zusammensein mit Morten ihm gewährte, lag darin, daß man sich in gutem Einvernehmen bis zu einer Station weiterredete. Und schwieg man still, so liefen die Gedanken von selbst parallel weiter – und waren nebeneinander, wenn man sie wieder aufnahm. Aber selbst wenn er und Ellen von demselben Punkt ausgingen, so genügte die geringste Pause, um ihre Gedanken nach verschiedenen Richtungen zu führen; er wußte nie, wo sie wieder auftauchen würde. So gut er sie allmählich zu kennen glaubte, beständig überholte sie ihn gleich überraschend und unerwartet. Und war das nicht gerade das, was er liebte? Wozu es da auf Grund von Forderungen an eine armselige Logik bekämpfen!
Gleich unergründlich blieb sie, wieviel er sich auch von ihr anzueignen glaubte. Sie wurde größer und größer dadurch, eine neue und fremde Welt trug sie in ihn hinein – das Rätselhafte, Unbekannte, womit er sonst immer kämpfen mußte, kam und ließ sich lieb in die Arme schließen. Ganz verlangte er sie nicht mehr – im innersten Innern war doch jeder Mensch einsam. Er ahnte, daß sie ihre eigene Entwicklung im Verborgenen durchmachte, und war begierig darauf, wo sie wohl einmal auftauchen würde.
Früher hatte es ihn gequält, daß sie nicht teilnahm an der Bewegung – sie interessierte sich nicht für politische Fragen und das Wahlrecht. Jetzt begriff er dunkel, daß gerade das ihre Stärke war – er wünschte sie auf alle Fälle nicht anders. Sie mischte sich selten bestimmend in das, was er vorhatte, und wozu sollte sie das auch? Sie übte ja ihren stummen Einfluß auf alles aus, was er unternahm; gab einem jeden seiner Gedanken das Gepräge, von dem Augenblick an, wo er zu keimen begann. Gerade weil sie sich nicht darauf verstand zu diskutieren, konnte sie nicht widerlegt werden; was für ihn tötende Logik war, wirkte überhaupt nicht auf sie. Er erhielt seine eigenen Gedanken nicht abgenutzt aus ihrem Munde zurück – und wünschte es auch gar nicht; ihre wunderbare Macht über ihn beruhte gerade darauf, daß sie so sicher in ihrem Eigenen ruhte und die erdrückendsten Beweisführungen mit einem Lächeln beantwortete. Pelle war nahe daran, in Zweifel über den Wert der Überlegenheit des Verstandes zu geraten; der schien die Alleinherrschaft über die Jetztzeit zu haben, richtete aber nichts übermäßig Gutes aus. Ellens Wesen gegenüber erschien sie ihm armselig. Die Wärme, die in einem Kuß lag, überzeugte sie mehr als tausend Vernunftgründe, und doch griff sie selten vorbei.
Und sie spendete selbst Wärme – bei ihr suchten sie Zuflucht, er wie auch die Kinder, wenn ihnen etwas in den Weg kam! Sie machte nicht viele Worte, aber sie wärmte. Noch immer war sie für ihn wie ein Puls, der lebend und handgreiflich aus dem Unsichtbaren hervorpochte, mit einer wunderlich ruhigen Rede. Wenn er müde war und einen heißen Kopf von allerlei Widerwärtigkeiten hatte, gab es nichts Herrlicheres als an ihrem weichen Busen auszuruhen und halbschlummernd zu lauschen, wie es da drinnen strömte – mit einem dunkeln, beruhigenden Murmeln, so wie die Quellen der Erde, wenn er in seiner Kindheit die Wange an das Gras legte.
Der Frühling war herrlich, und sie waren viel im Freien; wenn niemand sie sah, gingen sie Hand in Hand an den Erdwällen entlang wie ein junges Liebespaar. Dann redete Pelle und zeigte: Sieh, da wuchs dies auf diese Weise hervor und dort auf eine andere – war dies nicht sonderbar? Er durchlebte die ganze Frühlingsspannung seiner Kinderzeit wieder in sich. Ellen hörte ihm lächelnd zu; sie geriet nicht in Verwunderung über so etwas Natürliches wie, daß es wuchs – es ging nur eine Umwandlung vor. Die Erde trieb ganz einfach ihre Säfte auch in ihr empor.
Die frische Luft und die Arbeit im Garten bräunten ihre nackten Arme und machten ihre Gestalt kräftiger und feiner, die guten Lebensbedingungen machten sie sorglos. Eines Tages tauchte ein neues Wesen in ihren Augen auf und sah Pelle neugierig an wie ein junges Zicklein: Wollen wir miteinander spielen? sagte es. War es der Frühling oder war er es, der die Glut in ihr entfachte? – Einerlei, die Freude war sein! Er ward durchsonnt bis in den innersten Winkel der Seele, wo noch Schimmel aus der Zeit der Zellenfinsternis saß, er erholte sich ganz, ward angesteckt von der Sorglosigkeit und war vollkommen glücklich. Und das alles bewirkte Ellen; endlich übernahm sie es, Botenbringer zwischen der Freude und ihm zu sein!
Sie ward mit jedem Tag weicher und üppiger. Die Sonne und der Wind und das freie Land riefen etwas in ihr wach, was nie zuvor dagewesen war, eine unschuldige Freude an ihrem eigenen Körper und einen sinnlichen Appetit, der ihre Zähne frisch und blank machte. Sie strahlte vor Freude, wenn ihr Pelle Kleinigkeiten mitbrachte, die ihr zum Schmuck dienten – jetzt verwendete sie es nicht für die Kinder! »Sieh nur,« sagte sie und hielt ein Stück dunklen Sammet gegen ihre Haut, die des Abends die Sonnenwärme wieder ausatmete, so wie durchsonntes Heu – »so ein Kleid sollst du mir schenken, wenn wir wohlhabend werden.« Und dann schimmerten ihre Augen ihm entgegen, voll von Verheißung auf reiche Vergeltung. Er glaubte, daß er zur Erde gehöre, und dann kam sie ihm erst durch Ellen so recht entgegen! es lag eine förmliche Naturanbetung in der bloßen Begierde, mit der sie mit den Zähnen in die ersten Radieschen hineinbiß und sich über ihre saftige Frische freute. Und wenn er des Abends von seinem Rad sprang und sie in seine Arme schloß, duftete sie selbst frisch nach alledem, was durch den Frühlingstag ging – nach dem Winde und der starken treibenden Kraft der schwarzen Erde. Ihr Atem konnte ihm entgegenschlagen wie der Duft des wilden Honigs, stark zusammengesetzt aus dem Staub und dem Nektar der Blumen des Feldes; und da schloß sie die Augen, als sei sie selbst berauscht davon.
Ihre erwachende Liebe ward hier draußen zu einer heftigen, ersten Verliebtheit. – Ellen stand immer an der Gartenpforte und wartete. Sobald Pelle gegessen hatte, zerrten ihn die Kinder im Garten umher; sie wollten ihm zeigen, was im Laufe des Tages geschehen war und hielten ihn bei der Hand. Ellen mußte für sich gehen. Er und sie hatten ein unersättliches Bedürfnis, einander zu berühren, aber die Kleinen ließen sich nicht beiseiteschieben. – »Das is unser Vati!« sagten sie. Dann waren Ellen und Pelle wie zwei Junge, die durch ein unbarmherziges Schicksal grausam getrennt sind; und sie suchten einander mit Augen, die schwer von Ausdruck waren.
Wenn die Kleinen zu Bett waren, stahlen sie sich von dem Ganzen weg – Lasse Frederik gab acht auf das Haus. Er hatte einen Maler draußen an der Hecke sitzen und die rauchdiesige Hauptstadt in Frühlingsbeleuchtung malen sehen, und hatte sich einen Malkasten angeschafft; nun saß er jeden Abend da draußen und schmierte drauflos. Jetzt wollte er kein Seemann mehr werden.
Sie wanderten aufwärts an dem Gehöft vorüber und weiter, der Abendsonne zu, gingen in dem betauten Gras Hand in Hand und starrten schweigend in die Ferne. Die Abendröte färbte ihre Gesichter und machte die Augen glühen, Ellens Lippen waren schwer und dunkel von sehnsuchtsvollem Blut. Eine Strecke landeinwärts lag ein kleiner Hain, dahin flohen sie gern, um der ganzen Welt fern zu fein. Dicht aneinandergeschmiegt, wanderten sie da drinnen in der tiefen Dämmerung und flüsterten zusammen; Pelle hatte seinen Arm um Ellens Hals gelegt, seine Hand hatte sie an ihrer Brust geborgen. Von Zeit zu Zeit beugte sie sich hintenüber, damit er sie küssen könne; dann geschah es wohl, daß ein unsichtbarer Strahl ihr Auge traf und sich als regenbogenfarbener Stern in der Dunkelheit brach.
Am Rande des Waldes lief ein hoher mit Grasboden bedeckter Erdwall entlang, über den Haselstauden und junge Buchen tief hinabhingen. Da drinnen unter dem Laub hatten sie kleine Grotten, in denen sie sich versteckten; die welken Blätter waren zu einer ganzen Schanze unterhalb des Erdwalls zusammengeweht und bildeten ein weiches Lager. Vögel piepsten im Schlaf über ihren Häuptern, wandten sich auf dem Zweige um und gurrten weich, als träumten sie die Melodien des Tages noch einmal wieder; zuweilen kam der Mond und guckte mit einem großen Lächeln zu ihnen hinein. Der schwere Nachthauch des Laubes lullte sie ein, und es geschah wohl, daß sie erst wieder von dem Schaudern geweckt wurden, das alles durchrieselt, wenn die Sonne aufgeht. Dann fror Pelle, aber Ellens Körper war immer warm, obwohl sie von ihren Kleidern ausgezogen hatte, um sie unter ihre Köpfe zu legen. Es war, als durchströme sie eine verborgene Kraft, und wenn er den Mund an ihre Brust setzte, so war es ihm, als sauge er an den Brüsten der Erde selbst.
Mütterlich war sie nach wie vor, die Hingebung rief nur neue Seiten ihres Aufopferungsbedürfnisses wach. Wie war sie reich in ihrer Fürsorge! sie verlangte nur die harte Erde und konnte sich selbst nicht weich genug machen – alles war für ihn da. Und so unfaßlich weich konnte sie sich selbst machen. Die Vorsehung hatte all ihren Reichtum und alle ihre Wärme in ihren Schoß geworfen; es wunderte ihn nicht, daß sowohl das Leben als auch das Glück seinen Brutplatz dort wählte.
Ihre Liebe nahm mit der Sonne um die Wette zu an Kraft und Glut und machte es überall leicht und gut, da blieb kein Platz für etwas Dunkles. Pelle nahm alle Verdrießlichkeiten mit einem großen Lächeln hin, er ging umher in einem Zustand halber Betäubung, selbst die ernstesten Geschäfte konnten Ellens Bild nicht aus seinem Sinn verdrängen. Ihr heißer Atem machte den Tag hindurch die Luft um ihn her erglühen und veranlaßte ihn, heimwärts zu eilen. Und daheim bei Tische hatten sie geheime Zeichen, die sich auf ihre versteckte Welt bezogen; sie durchlebten die erste Liebe der Jugend mit ihrer süßen Geheimnisfülle und lachten einander zu in jungem und verstohlenem Verständnis, als überwache sie die ganze Welt und dürfe nichts wissen. Wenn sich ihre Füße unter dem Tisch berührten, begegneten sich ihre Augen, und Ellen errötete wie ein junges Mädchen. Ihre Hingebung war so stark, daß sie kein Mitwissen duldete – nicht einmal zwischen ihnen selber. Es lag eine rote Flamme über ihrem Antlitz, und die Augen waren verschleiert, als bewahre sie die unsagbare Süße des Stelldicheins von einem Mal zum anderen. Sie sprach nur ungern, antwortete am liebsten mit einem Lächeln, ging summend umher und trug ihr junges Glück.
Eines Nachmittags, als er nach Hause geradelt kam, nahm ihn Ellen nicht in Empfang, wie sie es zu tun pflegte; eine Angst überkam ihn, und er eilte hinein. Das Sofa war in ein Bett umgewandelt, Ellen stand davor und beugte sich über Johanne, die dalag, von Fieber geschüttelt. Sie richtete sich nicht auf und machte ihm ein Zeichen, leise zu sein. Die Kinder saßen in einer Ecke und starrten ängstlich die Kranke an, die mit geschlossenen Augen dalag und leise jammerte.
»Sie kam heute nachmittag hier herausgerannt,« flüsterte Ellen und sah ihn so wunderlich an – »ich ahne nicht weswegen. Sie ist schrecklich krank. – Ich habe Lasse Frederik zu Morten geschickt, damit er weiß, daß sie bei uns ist!«
»Habt ihr zum Arzt geschickt?« fragte Pelle und beugte sich über Johanne.
»Ja, Lasse Frederik sagt an Morten, daß er seinen Arzt mitbringen soll – der kennt sie ja am besten. Ich denke, sie sind bald hier.«
Johanne wurde von heftigen Kälteschauern geschüttelt. Sie lag da und arbeitete mit der Zunge gegen den trockenen Gaumen, stieß hin und wieder eine Reihe unzusammenhängender Worte aus und warf sich hin und her. Plötzlich richtete sie sich voller Schrecken auf, die weitgeöffneten Augen starrten Pelle an, aber sie erkannte ihn nicht. »Geh weg – ich will nicht!« schrie sie und stieß ihn vor die Brust. Seine tiefe Stimme beruhigte sie jedoch wieder, sie ließ sich hinlegen und lag still mit geschlossenen Augen. Und dann fing es wieder von vorne an.
»Jemand hat sie verfolgt«, sagte Ellen weinend. »Was kann es nur gewesen sein?«
»Es ist das Alte, das sie verfolgt«, flüsterte Pelle erschüttert. »Morten sagt, daß es immer wieder bei ihr auftaucht. – Nimm du die Kinder in den Garten hinaus, Ellen – ich will wohl bei ihr bleiben.«
Ellen ging mit den Kleinen, sie waren kaum aus ihrer Ecke herauszubringen. Aber nach einer Weile ertönten ihre plaudernden Stimmen da draußen auf dem Rasenplatz.
Pelle saß da, die Hand auf Johannens Stirn und starrte vor sich hin – er war brutal wieder erweckt zu des Lebens Grausen. Es kämpfte in krampfhaften Zuckungen da drinnen in ihrer gequälten Kinderstirn, es war, als hatte er in seiner Hand eine flatternde Seele, die unter rohen Absätzen in den Kot getreten war. Ein armes, zertretenes Vögelchen, das weder fliegen noch sterben konnte.
Ein Wagen, der schnell vor der Gartenpforte vorfuhr, weckte ihn, und er ging hinaus, um die Männer in Empfang zu nehmen.
Der Arzt war sehr bedenklich über Johannens Zustand. »Ich fürchte, die Krisen vermehren sich, statt abzunehmen«, sagte er flüsternd. »Am besten wäre es ja, wenn sie ins Krankenhaus käme, sobald sie überführt werden kann.«
»Würde das für sie das Beste sein?« fragte Ellen.
»Nein, nicht gerade für sie selbst, aber – sie wird eine schwierige Patientin werden, Frau Pelle.«
»Dann bleibt sie hier«, sagte Ellen. »Sie soll es schon gut haben.«
Lasse Frederik wurde auf dem Rad nach der Apotheke geschickt. Gleich darauf fuhr der Arzt fort.
Sie saßen draußen vor der Gartentür, so daß sie zu der Kranken hineinhören konnten, und sie sprachen leise zusammen. Es war ein Jammer, Morten zu sehen. Johannens Flucht von ihm war ihm sehr zu Herzen gegangen.
»Warum sie es wohl getan hat?« fragte Pelle.
»Sie ist so sonderbar gewesen seit dem Tage, als du da warst und den Vorschlag machtest, daß sie zu euch hinaus sollte«, sagte Morten betrübt. »Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, daß sie mir zur Last fällt, und daß ich sie am liebsten los werden will. Vor ein paar Tagen, während ich aus war, stand sie auf und fing an, im Hause zu arbeiten – wahrscheinlich als Vergütung für ihren Aufenthalt. Sie ist ja krankhaft ehrliebend. Als ich das ganz bestimmt untersagte, erklärte sie, daß sie mir nichts schulden wolle und ihrer Wege gehen würde. Ich wußte, daß sie das ausführen könnte, obwohl sie krank war, und blieb zu Hause. Heute mittag ging ich nur hinunter, um Milch zu holen, und als ich wieder heraufkam, war sie verschwunden. Ein Glück, daß sie hier hinaus geflohen ist, ich glaube, sie kann auf die unglaublichsten Einfälle kommen, wenn sich der Gedanke, daß sie zur Last fällt, erst bei ihr festgesetzt hat.«
»Sie liebt Sie gewiß sehr«, sagte Ellen und sah ihn an.
»Das glaube ich kaum,« erwiderte Morten mit einem verzweifelten Lächeln – »wenn es der Fall ist, so hat sie es wenigstens gut zu verbergen gewußt. Ich habe eigentlich den Eindruck, daß sie mich haßt, seit dem Tage, an dem wir davon sprachen, daß sie hier hinaus sollte. – Darf ich diese Nacht hierbleiben?«
»Wenn Sie nur fürlieb nehmen wollen«, erwiderte Ellen. »Ein Luxusbett können wir Ihnen nicht bieten, aber ein Lager sollen Sie haben.«
Aber Morten wollte nicht schlafen gehen. »Ich bleibe auf und wache bei Johanne«, sagte er.