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Pelle stand unten am Boden des Hafenbassins und lud Steinbrocken auf die Kippwagen. Wenn ein Wagen voll war, schoben er und sein Kumpan ihn auf die Hauptspur, sie hingen sich dann an den leeren Wagen und rutschten zurück. Hin und wieder ließen die andern das Werkzeug sinken und sahen zu ihm hinüber. – Er arbeitete wirklich gut für einen Schuhmacher. Er hatte einen guten Griff, wenn er den Stein aufnahm! Wollte er einen großen Brocken auf den Wagen laden, so hob er ihn erst bis ans Knie, stieß einen Fluch aus und stemmte sich dann mit dem ganzen Körper dagegen, dann trocknete er den Schweiß von der Stirn und nahm einen Schnaps oder ein Schluck Bier –. Er stand hinter keinem von den andern zurück!
Mit Gedanken gab er sich nicht ab, er ließ fünf gerade sein und genoß die Tätigkeit und die Müdigkeit. Die harte Arbeit zerbrach etwas in seinem Körper und erfüllte ihn mit einem reinen tierischen Wohlsein. »Ob mein Bier wohl heute nachmittag noch ausreicht?« konnte er denken; darüber hinaus gab es nichts. Die Zukunft existierte nicht und auch kein peinliches Gefühl, daß sie nicht da war; es regte sich keine Reue in ihm über etwas, was er verloren hatte oder was er versäumt hatte; die harte Arbeit fraß das Ganze. Da war nur dieser Stein, der fortgeschafft werden mußte – und dann der nächste; dieser Wagen, der voll geladen werden mußte – und dann der nächste! Wenn der Stein sich auf den ersten Ruck nicht heben wollte, knirschte er mit den Zähnen; er war wie besessen von der Arbeit. »Er ist noch so jung in den Sielen,« sagten die andern – »er läuft sich schon die Hörner ab!« Aber Pelle wollte seine Kräfte zeigen, das war sein einziger Ehrgeiz. Der Kumpan ließ ihn ruhig darauflosgehen und strengte sich nicht weiter an. Von Zeit zu Zeit lobte er ihn, um sein Feuer in ihm wach zu halten.
Es war die elendeste Arbeit im Hafen, jeder konnte ohne weitere Voraussetzung dazu gelangen. Die meisten von Pelles Kameraden waren Leute, die mit der Welt fertig waren und sich dahin treiben ließen, wohin der Strom sie trug; er fühlte sich wohl unter ihnen. Bis auf den Grund hier gelangten keine Worte, die tote Vorstellungen wieder ins Leben rufen oder auch nur in einem leeren Gehirn spuken konnten; vor der Zukunft war der eiserne Vorhang herabgelassen, und das Glück lag hier auf der Hand – die Mühe des Tages ließ sich sofort in fröhliches Trinken umsetzen.
Seine freie Zeit verbrachte er mit den Gefährten. Es waren lose Existenzen, die das Gerücht, daß hier eine große Arbeit auszuführen sei, herbeigelockt hatte; die meisten waren unverheiratet, einige hatten wohl irgendwo Frau und Kinder, verschwiegen es aber oder erinnerten sich dessen vielmehr selbst nicht einmal mehr. Sie hatten kein rechtes Logis, sondern hausten in Fuhrmann Köllers verlassener Scheune, die dicht beim Hafen lag. Sie kamen nie aus den Kleidern, sondern schliefen im Stroh und wuschen sich in einem Eimer Wasser, das nur selten gewechselt wurde; ihre hauptsächliche Nahrung bestand aus Brotknacken und Spiegeleiern, die sie auf einem Feuer zwischen zwei Steinen brieten.
Pelle fand Gefallen an diesem Dasein und war gern unter ihnen. Am Sonntag aßen und tranken sie abwechselnd den ganzen Tag, lagen in der raucherfüllten Scheune, tief in das Stroh hineingebohrt, und erzählten Geschichten, tragische Geschichten von jüngsten Söhnen, die die Axt nahmen und Vater und Mutter und alle Geschwister totschlugen, weil sie sich bei der Erbschaft übervorteilt glaubten! Von Kindern, die zum Einsegnungsunterricht gingen und sich liebten und Kinder haben sollten und darum geköpft wurden! Und von Frauen, die nicht die Kinder zur Welt bringen wollten, die ihnen bestimmt waren, und denen deswegen als Strafe der Bauch verschlossen wurde!
Seit er hier zu arbeiten angefangen hatte, war er nicht mehr draußen bei Marie Nielsen gewesen. »Sie hält dich zum Narren,« sagten die andern, wenn er von ihr erzählte – »sie will die Anständige spielen, damit du anbeißen sollst. Frauen haben immer Hintergedanken – da gilt es auf seinem Posten zu sein. Sie und diese jungen Witwen nehmen lieber zwei als einen, das sind die Allerschlimmsten. Man muß schon ein strammer Teufel sein, wenn man denen widerstehen kann.«
Aber Pelle war ein Mann und ließ sich von keiner Frau auf der Nase herumspielen. Entweder war man gut Freund, und dann machte man kein Aufhebens – oder man war es nicht! Das wollte er ihr Sonnabend sagen und ihr zehn Kronen auf den Tisch werfen – dann waren sie wohl quitt! Und wenn sie Schwierigkeiten machte, dann konnte sie ja eine Maulschelle kriegen! Das mit der Feuerung, die ausgegangen war, und daß sie dann den Sonntag auf der Straße zubringen mußte, das konnte er ihr nicht verzeihen – das saß irgendwo in ihm und brannte wie ein böser Funke. Sie machte sich auf seine Rechnung zur Märtyrerin. –
Eines Mittags stand er zusammen mit den Mineuren am Arbeitsplatz; Emil und er waren gerade in der Scheune gewesen und hatten ein bißchen Essen heruntergeschluckt, sie wollten auf den Mittagsschlaf verzichten, um einer großen Sprengung beizuwohnen, die in der Mittagspause, wenn der Hafen leer war, vorgenommen werden sollte. Der ganze Platz war geräumt, die Leute in den zunächst gelegenen Häusern hatten die Fenster geöffnet, damit sie nicht vom Luftdruck gesprengt würden. Die Mine war angezündet, sie hielten sich im Schutz unter den Steinkasten und standen da und plauderten, während sie auf die Explosion warteten. »Die Kraft« war auch da. Er hielt sich wie immer in der Nähe und stand da und glotzte mit seinem dumpfen Ausdruck, ohne teil an etwas zu nehmen. Sie nahmen sich seiner nicht an, sondern ließen ihn gehen und stehen, wie er wollte. »Deck dich besser, Pelle,« sagte Emil – »nun geht's gleich los!« »Wo sind Olsen und Ström?« fragte plötzlich einer, sie sahen sich verwirrt an.
»Sie halten wohl ihren Mittagsschlaf,« sagte Emil – »sie haben heute vormittag tüchtig geschnapst.«
»Wo liegen sie?« brüllte der Vorarbeiter und sprang aus seiner Deckung hervor. Sie ahnten es alle, niemand aber wollte es sagen. Es zuckte in ihnen, als müßten sie alle irgend etwas unternehmen. Aber keiner rührte sich vom Fleck. »Herr Jesus,« sagte Bergendal und schlug mit der Hand gegen die Felsenwand – »Herr Jesus!«
»Die Kraft« sprang aus seiner Deckung hervor; er lief am Boden des Bassins entlang, in langen Sätzen von einem Steinbrocken zum andern, seine mächtigen Holzschuhe klapperten. »Er will die Lunte wegreißen!« rief Bergendal. »Er erreicht es nicht mehr, sie muß ja ausgebrannt sein!« Es klang wie ein Angstruf – weit hinaus über die, die es hören sollten. Dann folgten sie atemlos seinem Treiben, sie waren ganz aus der Deckung hervorgetreten. In Pelle zuckte etwas Sinnloses. Er sprang vor, wurde aber im Nacken gepackt. »Einer ist genug«, sagte Bergendal und schleuderte ihn zurück.
Jetzt war »die Kraft« am Ziel, er hatte die Hand zum Griff ausgestreckt, plötzlich wurde er von einer unsichtbaren Hand von der Lunte weggehoben, schwebte sanft hintenüber durch die Luft wie ein Ballonmensch und fiel auf den Rücken. Das Dröhnen ließ auf einmal alles verschwinden.
Als die letzten Brocken gefallen waren, liefen sie hinab. »Die Kraft« lag ausgestreckt auf dem Rücken und sah ruhig zum Himmel empor. Die Mundwinkel waren ein wenig blutig, und aus einem kleinen Loch hinter dem einen Ohr sickerte das Blut heraus. Die beiden Betrunkenen hatten keinen Schaden genommen. Sie erhoben sich ganz verwirrt ein paar Schritte hinter dem Explosionsort. »Die Kraft« wurde in die Scheune getragen; und während nach dem Arzt geschickt wurde, riß Emil einen Fetzen von seiner Bluse und goß Branntwein darauf, den legten sie ihm hinter das Ohr.
Er schlug die Augen auf und sah sie an. Sein Blick war so klug, daß jeder wußte, er hatte nicht mehr lange zu leben. »Es riecht hier nach Schnaps,« sagte er – »wer spendiert einen Schluck?« Emil reichte ihm die Flasche, und er leerte sie. »Es schmeckt doch gut«, sagte er leise. »Nun habe ich, ich weiß nicht wie lange, keinen Branntwein angerührt, aber was hilft das alles – der arme Mann muß Branntwein trinken, sonst taugt er zu nichts – es ist kein Spaß, ein armer Mann zu sein! Eine andere Rettung gibt es nicht für ihn, das habt ihr bei Ström und Olsen gesehen – Betrunkene kommen niemals zu Schaden. Sind sie wohl zu Schaden gekommen?« Er versuchte den Kopf aufzurichten. Ström trat vor. »Hier sind wir«, sagte er mit vor Bewegung erstickter Stimme. »Aber ich würde viel dafür geben, wenn wir beide in die Hölle gereist wären, statt daß dies geschehen mußte. Niemand von uns hat es gut mit dir gemeint, du!« Er streckte die Hand aus.
Aber »die Kraft« konnte die seine nicht erheben; er lag da und starrte zu dem durchlöcherten Strohdach empor. »Es ist zwar hart genug gewesen, zu den Armen zu gehören,« sagte er – »und gut, daß es vorbei ist. Aber ihr seid mir keinen Dank schuldig. Warum soll ich euch wohl im Stich lassen und das Ganze selbst für mich nehmen – sieht das ›der Kraft‹ ähnlich? – Freilich war der Plan mein! Aber hätte ich ihn allein ausführen können? – Nein, behaltet nur alles Geld. Ihr habt es redlich verdient! ›Die Kraft‹ will nicht mehr haben als irgendein anderer, wo wir doch alle gleich viel gearbeitet haben.« Mit Mühe erhob er die Hand und machte eine großmütige Bewegung.
»Ach, er glaubt, daß er der Hafenbaumeister ist,« sagte Ström, »er redet irre. Ob ihm nicht ein kalter Umschlag gut tun würde?« Emil nahm den Eimer, um frisches Wasser zu holen. »Die Kraft« lag mit geschlossenen Augen und einem schwachen Lächeln da, er glich einem Blinden, der lauscht. »Wißt ihr wohl noch,« sagte er, ohne die Augen zu öffnen, »wie wir gearbeitet und gearbeitet haben und doch kaum das tägliche Brot schaffen konnten? Die Großen saßen da und fraßen alles auf, was wir hervorbringen konnten; wenn wir das Werkzeug niederlegten und unseren Hunger stillen wollten, war da nichts. Unsere Gedanken stahlen sie, und hatten wir eine hübsche Braut oder eine junge Tochter, so konnten sie auch die gebrauchen, selbst unsere Krüppel verschmähten sie nicht. Aber jetzt ist das vorbei, und wir wollen uns freuen, daß wir es erleben; es hätte ja sehr lange dauern können. Mutter wollte es auch gar nicht glauben, als ich ihr erzählte, daß die bösen Tage bald vorüber wären. Aber nun seht einmal! Bekomme ich nicht ebensoviel für meine Arbeit, wie der Doktor für seine? Kann ich nicht meine Frau und Tochter nett halten und Bücher haben und mir ein Klavier hinstellen, so wie er? Ist es nicht auch etwas Großes, der Hände Arbeit zu verrichten? Karen hat jetzt Klavierstunden, das habe ich mir immer gewünscht, denn sie ist schwach und kann keine harte Arbeit vertragen. Ihr sollt nur mit nach Hause kommen und sie spielen hören – sie faßt so leicht auf! Armer Leute Kinder haben auch Talente, bloß daß keiner es beachtet.«
»Herr Gott, wie er redet«, sagte Ström weinend. »Es ist ja beinahe, als wenn er Delirium hätte.«
Pelle beugte sich über »die Kraft« hinab. »Jetzt solltest du klug sein und schweigen«, sagte er und legte ihm etwas Nasses auf die Stirn. Das Blut sickerte schnell hinter dem Ohre des Verwundeten hervor.
»Laß ihn doch reden«, sagte Olsen. »Er hat ja jetzt seit Monaten kein Wort mehr gesprochen und hat wohl das Bedürfnis, sich mal zu reinigen. Lange macht er es wohl auch nicht mehr!«
Jetzt bewegte »die Kraft« die Lippen nur noch schwach, das Leben blutete langsam aus ihm heraus. »Bist du naß geworden, kleine Karen,« murmelte er – »ach was, das trocknet ja wieder! Und nun geht es dir gut, nun kannst du nicht klagen. – Ist es fein, ein Fräulein zu sein? Sag mir nur alles, was du dir wünschst. Wozu auch bescheiden sein? – Wir sind es lange genug gewesen! Handschuhe für die entzweigescheuerten Finger, ja ja. Aber da mußt du mir auch etwas vorspielen. Spiel' das schöne Lied: Von der frohen Wanderung – durch das Erdenland. Das von dem Tausendjährigen Reich!«
Leise fing er an, mitzusummen; er konnte den Kopf nicht mehr zum Takt bewegen, da zwinkerte er mit den Augen; und nun brach sich sein Summen Bahn und ward zu Worten.
Irgend etwas zwang die andern unwiderstehlich, mitzusingen; vielleicht war es der Umstand, daß es ein geistliches Lied war. Pelle führte mit seiner klaren Stimme an; er war auch der, der die Worte am besten auswendig wußte:
»Schön ist die Erde,
Prächtig ist Gottes Himmel,
Schön ist der Seele Pilgergang,
Durch die lieblichen
Reiche auf Erden
Gehen wir zum Paradies mit Gesang.«
»Die Kraft« sang immer stärker, als wolle er Pelle übertönen. Sein einer Fuß war in Gang gekommen und trat nun den Takt. Er lag mit geschlossenen Augen da, wiegte blind den Kopf zum Gesange und glich jemandem, der bei einer umnebelten Orgie den letzten Senf dazu geben muß, ehe er unter den Tisch gleitet. Das Blutwasser lief ihm aus den Mundwinkeln.
»Zeiten sie kommen,
Zeiten sie rollen,
Mensch auf Mensch geht den Erdengang.
Nimmer verstummen
Töne vom Himmel
In der Seele frohem Pilgersang.«
»Die Kraft« verstummte, sein Kopf hing auf die eine Seite nieder; im selben Augenblick schwiegen auch die andern.
Sie saßen im Stroh und starrten ihn an – sein letztes Wort hing noch in ihren Ohren wie ein törichter Traum, der sich wunderlich mit dem Siegesklang des Liedes vermischte. Sie fühlten alle dieselbe stumme Anklage des Toten und richteten sie in der Unheimlichkeit des Augenblicks gegen sich selber.
»Ja, wer weiß, wozu man es hätte bringen können«, sagte ein zerlumpter Bursche und kaute grübelnd auf einem Strohhalm.
»Aus mir wird doch nie etwas«, sagte Emil mißmutig. – »Mit mir is es immer zurückgegangen. Ich war in der Lehre, und als ich Geselle wurde, gaben sie mir einen Fußtritt; ich hatte fünf Jahre meines Lebens vertrödelt und konnte nichts. – Pelle, der wird schon vorwärtskommen.«
Verwundert erhob Pelle den Kopf und sah ihn verständnislos an.
»Was nützt es wohl, wenn ein armer Teufel versucht, in die Höhe zu kommen – er wird doch nur wieder heruntergestoßen«, sagte Olsen. »Seht nur mal ›die Kraft‹ an – hatte wohl irgend jemand größere Anrechte als er? Nein, die Großen erlauben nich', daß wir andern in die Höhe kommen!«
»Und haben wir selbst es vielleicht erlaubt?« murmelte Ström. »Wir sind immer bange, wenn einer von unsern eigenen Leuten an uns vorüberfliegen will.«
»Ich verstehe nich', daß nich' alle Armen gegen die andern zusammenhalten, wir leiden doch denselben Schaden«, sagte Bergendal. »Wenn wir alle uns zusammentäten und nichts mit denen zu tun haben wollten, die uns zum Beispiel Übles wollen, dann würde es sich schon zeigen, daß die Armut zusammengenommen das is, was der Wohlstand der andern ausmacht. Damit sind sie, wie ich jetzt gehört habe, anderswo beschäftigt.«
»Wir werden aber nie im Leben über irgend etwas einig«, sagte ein alter Steinhauer trübselig. »Nein, wenn uns bloß einer von den Herren ein bißchen im Nacken kraut, dann rollen wir ihm gleich vor die Füße und lassen uns auf unsere Eigenen loshetzen. Wären wir alle wie ›die Kraft‹ dann hätte am Ende alles anders ausgesehen.«
Sie schwiegen und saßen da und sahen den Toten an; es lag etwas wie eine Abbitte in der Haltung eines jeden einzelnen Mannes.
»Ja, das kommt spät!« sagte Ström mit einem Seufzer. Dann griff er in das Stroh hinein und holte eine Flasche hervor.
Dieser oder jener saß noch da und arbeitete mit etwas herum, was vielleicht gesagt werden sollte; aber dann kam der Doktor, und sie zogen sich in sich selbst zurück. Sie nahmen ihre Bierflaschen und gingen wieder an ihre Arbeit.
Schweigend sammelte Pelle seine Habseligkeiten zusammen und ging dann zum Vorarbeiter und bat um seine Abrechnung. »Das kommt ja plötzlich,« sagte der Vorarbeiter – »du warst ja jetzt so gut in Gang gekommen. Was willst du denn nun anfangen?«
»Ich will bloß meine Abrechnung haben«, entgegnete Pelle; was er weiter wollte, wußte er auch nicht. Und dann ging er nach Hause und brachte sein Zimmer in Ordnung. Es glich einem Schweinekoben, er begriff nicht, wie er die Unordnung hatte aushalten können. Währenddessen sann er verdrossen auf einen Ausweg. Es war sehr bequem gewesen, zu dem Abschaum der Menschen zu gehören und zu wissen, daß man jetzt nicht tiefer sinken konnte; aber es gab ja vielleicht doch noch irgendeine Möglichkeit. Emil hatte die dummen Worte gesagt – was meinte er nur damit? »Pelle, der kommt schon vorwärts!« – Jawohl, was wußte Emil von dem Elend anderer? Er hatte natürlich genug an seinem eigenen.
Er ging herunter, um sich ein wenig Milch zu kaufen, dann wollte er hingehen und schlafen, er hatte das Bedürfnis, dies alles zu betäuben, das auf einmal wieder in seinem Kopf zu wimmeln begann.
Unten auf der Straße lief er dem Wanderschuhmacher Sort in die Arme. »Na, da haben wir dich ja«, rief Sort aus. »Ich ging hier gerade und grübelte darüber nach, wie ich dich wohl am besten zu sprechen bekäme. Ich wollte dir nämlich sagen, daß ich morgen meine Wanderschaft antrete. Wenn du mitwillst? Es ist ein herrliches Leben, jetzt zur Frühlingszeit auf den Höfen herumzuziehen – und du gehst vor die Hunde, wenn du so beibleibst! Jetzt weißt du es alles und kannst dich selbst entscheiden. Um sechs Uhr gehe ich! Länger schiebe ich es nicht hinaus!«
Sort hatte Pelle an jenem Abend im Bethaus beobachtet und ihn mehrmals angesprochen, um ihn aufzurütteln. »Vierzehn Tage also hat er seine Wanderung um meinetwillen aufgeschoben«, dachte Pelle mit einem Anflug von Selbstgefühl. Aber er wollte nicht ausziehen! Und den Bettelgang von Hof zu Hof gehen, um Arbeit zu suchen. Pelle hatte in der Werkstatt gelernt und sah mit Verachtung auf den Wanderschuhmacher herab, der von Hand zu Hand ging wie ein Armenhäusler, der Leder und Pechdraht geliefert erhielt, wo er gerade war, und aus derselben Schüssel mit dem Gesinde aß; so viel Fachstolz war denn doch in ihm. Von der Werkstatt her war er gewöhnt, Sort als jämmerliche Überlieferung aus der Vergangenheit zu betrachten, eine Art aus der Zeit der Leibeigenschaft.
»Du gehst vor die Hunde!« sagte Sort. Und Marie Nielsen meinte dasselbe mit allen ihren verblümten Andeutungen. Aber was dann? Er war vielleicht schon vor die Hunde gegangen! Wenn es nun keinen andern Ausweg mehr gab! – Aber jetzt wollte er schlafen und nicht mehr an dies alles denken.
Er trank seine Flasche Milch und aß etwas Brot dazu, dann ging er zu Bett. Er hörte die Kirchenuhr schlagen – es war am hellen Nachmittag und herrliches Wetter. Aber Pelle hatte das Bedürfnis zu schlafen, nur zu schlafen! Sein Gemüt war wie Blei.
Früh am nächsten Morgen erwachte er und war in einem Satz zum Bett hinaus; die Sonne erfüllte das Zimmer, und er selber war angefüllt von gesunden Gefühlen. Schnell schlüpfte er in die Kleider – da war noch so vieles, was er tun wollte! Dann riß er das Fenster auf und sog den Frühlingsmorgen in einem Atemzug ein, der sich wie ein Gefühl tiefer Freude durch seinen Körper verpflanzte. Draußen über das Meer her kamen die Boote auf den Hafen zu; die Morgensonne fiel in die schlaffen Segel und machte sie erglühen, jedes Boot arbeitete sich schwer mit Hilfe der Ruder vorwärts. Er hatte wie ein Stein geschlafen, seit er sich gelegt hatte, bis jetzt. Der Schlaf war wie ein Abgrund zwischen gestern und heute. Eine Melodie vor sich hinträllernd, packte er seine Sachen und machte sich auf den Weg, ein kleines Bündel unter dem Arm. Er schlug die Richtung nach der Kirche zu ein, um nach der Uhr zu sehen. – Es war noch nicht viel über fünf. Dann steuerte er mit kräftigen Schritten der äußersten Vorstadt zu, so froh, als ginge er seinem Glück entgegen.