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XXV

Als der Morgen kaum dämmerte, war Pelle schon auf und in den Kleidern; über der See lag Nebel, das verhieß einen guten Tag. Reingescheuert und mit Wasser glatt gekämmt, ging er umher und sah alles mit einem großen Blick an; die Hände hatte er in den Hosentaschen. Der blaue Twistanzug, mit dem er zur Konfirmationsstunde gegangen, war gewaschen und frisch gerollt; er kleidete ihn noch mächtig gut. Und die Strippen an den alten Schmierstiefeln, die noch aus Lasses besten Zeiten stammten, standen um die Wette mit seinen Ohren ab.

Er hatte jedem auf dem Hofe sein Adjö auch und vielen Dank für alles Gute gesagt – selbst zu Erik; und ein gutes Frühstück von fettem Schweinefleisch hatte er zu Leibe. Jetzt ging er in den Stall, um sich zu besinnen; er rüttelte den Stier an den Hörnern und ließ die Fettkälber an seinen Fingern saugen – das war auch eine Art Abschied. Die Kühe kamen mit ihren Mäulern ganz dicht zu ihm heran und pusteten vor Wohlbehagen, als er vorüberging; der Stier schlug ausgelassen mit den Hörnern nach ihm; und ihm auf den Fersen trippelte Lasse; er sprach nicht viel, hielt sich aber immer in der Nähe des Jungen.

Es war hier wunderschön zu sein, und es stieg jedesmal weich in Pelle auf, wenn eine Kuh sich leckte oder ihm der warme Dampf des frisch fallenden Düngers entgegenschlug. Jeder Laut umfaßte ihn wie eine mütterliche Liebkosung, und jedes Ding war ein vertrautes Stück Spielzeug, mit dem er die lichteste Welt aufbauen konnte. Ringsumher an allen Pfosten befanden sich Bilder, die er geschnitzt hatte; Lasse hatte sie mit Kuhdung verkleistert, damit Kongstrup sie nicht sehen und sagen sollte, daß sie ihm alles ruinierten.

Pelle dachte nicht mehr, sondern ging im Halbschlaf umher; es senkte sich so warm und schwer auf seinen Kindersinn. Er hatte das Messer hervorgeholt und griff um das Horn des Stieres, als wolle er etwas dahineinschnitzen. »Das läßt er sich nicht gefallen!« sagte Lasse verwundert. »Versuch es lieber bei einem von den Ochsen.«

Aber Pelle steckte das Messer wieder in die Tasche, er hatte nichts gewollt. Er ging in den Futtergang und schlingerte ohne Ziel und Zweck herum. Lasse kam hin und nahm ihn bei der Hand.

»Du sollt'st lieber noch 'ne Zeitlang hierbleiben«, sagte er. »Es is ja so gemütlich hier!«

Aber da lebte Pelle auf. Er richtete seine großen, treuen Augen auf den Vater und ging dann in die Kammer hinein.

Lasse ging ihm nach. »In Gottes Namen denn, wenn es doch sein soll!« sagte er tonlos und faßte den Sack an, um ihn Pelle auf den Nacken zu helfen.

Pelle gab ihm die Hand. »Adjö, Vater und vielen Dank für alles Gute!« sagte er weich.

»Ja, ja; ja, ja!« sagte Lasse und wiegte den Kopf; mehr konnte er nicht herausbringen.

Er gab ihm das Geleite bis über die kleinen Häuser hinaus, dort blieb er stehen. Pelle ging weiter an den Erdwällen entlang, seinen Sack auf dem Nacken – der Landstraße zu. Ein paarmal wandte er sich um und nickte; Lasse stand zusammengesunken da und starrte, die Hand über den Augen – so alt hatte er noch niemals ausgesehen.

Draußen auf den Äckern pflügten sie die Saat unter – man war weit voraus in Steinhof in diesem Jahre. Kongstrup und seine Frau wanderten Arm in Arm an einem Graben entlang, jeden Augenblick blieben sie stehen, und sie zeigte – sie sprachen wohl über die Bestellung. Sie lehnte sich an ihn, wenn sie gingen – sie hatte jetzt so recht Ruhe in ihrer Liebe gefunden!

Jetzt wandte sich Lasse um und ging zurück – so verlassen, wie er aussah! Pelle überkam ein heftiges Verlangen, den Sack hinzuwerfen und zurückzulaufen, um ihm ein gutes Wort zu sagen; es kam wie eine Mahnung und wehte wieder weg in der frischen Morgenbrise. Seine Beine trugen ihn weiter, die gerade Straße entlang, hinaus, hinaus! – Oben auf dem Hügelkamm ging der Verwalter und maß einen Acker aus. Erik ging dicht hinter ihm drein und äffte ihn mit törichten Gebärden nach.

Oben auf gleicher Höhe mit dem Klippenrande stieß Pelle auf die große Landstraße. Hier, das wußte er, würde Steinhof mit seinen Ländereien seinem Blick entschwinden, und er setzte den Sack nieder. Da standen die Dünen nach dem Meere zu, so daß jeder Baumwipfel sichtbar war; da war die Fichte, in der die Goldammer immer nistete, der Bach schäumte milchweiß dahin nach dem starken Tauschlag, und die Wiese war im Begriff zu grünen. Aber der Steinhaufe war verschwunden, gute Menschen hatten ihn heimlich entfernt, als Niels Köller ertrunken war und das Mädchen aus dem Zuchthause zurückerwartet wurde.

Und der Hof lag hell da im Morgenlicht mit seinem hohen, weißen Wohnhaus, den großen Scheunen und allen den kleinen Gebäuden. Jeder Fleck da unten leuchtete ihm so vertraulich entgegen; was er Schlimmes hatte ertragen müssen, das meldete sich nicht – oder trug auch mit dazu bei, es traulich zu gestalten.

Pelles Kindheit war glücklich gewesen trotz allem; ein tränengemischtes Lied an das Leben war sie gewesen. Das Weinen geht auf Tönen, ebenso wie die Freude, aus der Entfernung vernommen, wird es zu Gesang. Und wie Pelle hinabstarrte auf die Welt seiner Kindheit, da waren es nur gute Erinnerungen, die zu ihm hinaufflimmerten durch die helle Luft. Alles andere war nicht, war niemals gewesen.

Er hatte genug Böses, Unschönes gesehen, war aber über alles hinweggekommen; nichts hatte ihm anhaften können. Mit der Gier des Kindes hatte er alles verbraucht, um daran zu wachsen und zu erstarken. Und nun stand er da, gesund und kräftig – ausgestattet mit den Propheten, den Richtern, den Aposteln, den Geboten und hundertundzwanzig geistlichen Liedern! – und bot der Welt eine offene, schweißbedeckte Erobererstirn.

Vor ihm lag das Land, nach Süden zu reich abfallend, eingefriedigt von dem Meer. Tief da unten hoben sich zwei hohe, schwarze Schornsteine von der Meeresfläche ab, und noch weiter nach Süden zu lag ja die Stadt! Von dort aus liefen die Wege des Meeres nach Schweden und nach Kopenhagen! Dies hier war die Welt –, die große, weite Welt selber!

Pelle überkam ein Heißhunger bei dem Anblick der großen Erde, und das erste, was er tat, war, daß er sich auf den Hügelkamm niedersetzte, von wo aus er eine Aussicht hinter sich und vor sich hatte, und all das Butterbrot verzehrte, das ihm Karna für den ganzen Tag mitgegeben hatte. Dann hatte der Magen doch Ruhe davor!

Er stand wohlgemut auf, nahm den Sack auf den Nacken und wanderte abwärts, um die Welt zu erobern, während er aus vollem Halse ein Lied in den hellen Tag hineinschmetterte:

»Ein Fremdling muß ich wandern
Im engelischen Land;
Bei afrikanschen Negern
Ich auch Gesellschaft fand!
Und dann gibt's hier auf Erden
Auch Portugiesen fein!
Und alle Art Nationen
Unter dem Himmel tun sein!«


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