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XIII

Pelle trieb das Jungvieh nach Hause. Als er um den Hof herumtrieb, kommandierte er laut, damit der Vater es hören sollte: »Heda, Spasianna, du alte Gelte, wo willst du hin? – Dannebrog, du verdammtes Biest, willst du dich woll umdrehen!« Aber Lasse kam nicht und öffnete die Gittertür.

Als er die Kühe in die Umfriedigung hineingetrieben hatte, lief er in den Kuhstall hinein. Der Vater war weder dort noch in der Kammer; aber die Sonntagsholzschuhe und die Pelzmütze waren weg. Da dachte Pelle daran, daß es Sonnabend war – der Alte war wohl zum Kaufmann gelaufen, um Branntwein für die Knechte zu holen.

Pelle ging in die Gesindestube, um Abendbrot zu essen. Die Knechte waren spät nach Hause gekommen und saßen noch bei Tisch, auf dem verschüttete Milch und Kartoffelschalen schwammen. Sie waren mitten in einer Wette – Erik wollte sich verpflichten, noch zwanzig gesalzene Heringe und Kartoffeln zu essen, nachdem er schon mit der Mahlzeit fertig war. Es galt eine Flasche Branntwein, und die anderen sollten ihm die Kartoffeln abpellen.

Pelle holte sein Taschenmesser heraus und pellte sich einen Haufen Kartoffeln ab. Er ließ die Haut an dem Hering sitzen, aber er schrapte sie sorgfältig ab und schnitt Kopf und Schwanz ab; dann schnitt er ihn in Stücke und aß ihn mit allen Gräten zu den Kartoffeln und der Mehltunke. Währenddes sah er zu dem Hünen Erik hinüber, der so gewaltig stark war und alles zwischen Himmel und Erde wagen konnte. Erik hatte Kinder an allen Ecken und Kanten! Erik konnte den Finger in einen Flintenlauf stecken und die Flinte ausgestreckt mit steifem Arm halten! Erik konnte so viel trinken wie drei andere!

Und nun saß Erik da und aß zwanzig Heringe, nachdem er sich schon sattgegessen hatte. Er nahm den Hering beim Kopf, zog ihn einmal zwischen den Beinen durch und aß ihn, so wie er war. Und Kartoffeln aß er dazu, so schnell wie die anderen sie nur schälen konnten. Zwischendurch fluchte er, weil ihm der Verwalter heute abend abgeschlagen hatte, auszugehen. Das sollte ein Heidenspektakel werden. Wie konnten sie auch Erik zurückhalten, wenn er selbst ausgehen wollte!

Pelle aß, so schnell er konnte, den Hering und die Wassergrütze herunter und lief dann wieder hinaus, dem Vater entgegen. Er sehnte sich mächtig danach, ihn zu sehen. Draußen an der Pumpe waren die Mägde eifrig beschäftigt, Milcheimer und Küchengeschirr zu scheuern; Gustav stand auf dem unteren Hof, die Arme auf dem Gitter und unterhielt sie. Er gab wohl auf Bodil acht, die während der ganzen Zeit ihre Augen auf den neuen Wirtschaftslehrling gerichtet hatte, der hin und her stolzierte und sich in langen Stiefeln mit Lackstulpen wichtig machte.

Pelle wurde in seinem Lauf angehalten und beim Wasserpumpen angestellt. Jetzt kamen die Knechte heraus und gingen nach der Scheune hinüber, vielleicht um Kraftproben anzustellen; seit Erik da war, stellten sie in der freien Zeit immer Kraftproben an. Pelle kannte nichts so Spannendes wie Kraftproben, er pumpte aus Leibeskräften, um fertig zu werden und auch hinüberzukommen.

Aber Gustav, der sonst der eifrigste war, blieb an dem Gitter stehen und machte boshafte Bemerkungen über den Landwirtschaftslehrling. »Er schimmert ja wie Katzendreck im Mondenschein!« sagte er laut.

»Da muß Geld sein!« sagte Bodil nachdenklich.

»Ja, versuch es doch mal mit ihm – am Ende wirst du noch Frau Gutsbesitzerin. Der Verwalter will ja doch nich', und der Herr – ja, du hast woll die Sau neulich gesehen, das müssen herrliche Aussichten für ein Mädchen sein.«

»Wer sagt dir, daß der Verwalter nich' will?« entgegnete Bodil scharf. »Bild' dir man bloß nich' ein, daß wir dich bitten würden, uns das Licht zu halten! Kleine Kinder läßt man ja nich' bei allens zusehen!«

Gustav wurde dunkelrot. »Ach, halt 's Maul, du Dirn!« murmelte er und schlenderte nach der Scheune hinüber.

»Ach, Herr Jesus, meine alte Mutter
Geht auf dem Verdeck und rollt –«

sang Mons drüben in der Stalltür, wo er stand und auf einen gesprungenen Holzschuh loshämmerte. Pelle und die Mägde zankten sich, und oben im Giebelzimmer hörte man den Verwalter hin und her gehen. Er war damit beschäftigt, Pfeifen zu reinigen. Von Zeit zu Zeit drang ein langgezogener Laut aus dem hohen Wohnhaus heraus; es klang wie das Heulen eines Tieres in weiter Ferne und jagte den Leuten einen Schauer des Unbehagens den Rücken hinab.

Drüben bei den Knechtskammern schlüpfte ein Bursche zur Tür hinaus, er war sonntäglich gekleidet und trug ein Kleiderbündel unterm Arm. Es war Erik; er schlich an dem Gebäude entlang, in den unteren Hof hinab.

»Heda! Zum Deubel auch, wo will er hin?« donnerte es oben von dem Fenster des Verwalters herab. Der Bursche duckte den Kopf ein wenig und tat, als gehe es ihn nichts an. »Willst du wohl hören, du verdammter Halunke! – Erik!« Diesmal machte Erik kehrt und schlich in eine Scheunentür hinein.

Gleich darauf kam der Verwalter herunter und ging über den Hof. Drinnen in der Häckerlingsscheune standen die Knechte und freuten sich über Eriks Mißgeschick. »Er is ein Satan, was das Ausgucken anbetrifft!« sagte Gustav. »Du mußt früh aufstehen, wenn du den anführen willst.«

»Ach, ich will ihn schon belauern,« sagte Erik – »ich bin auch nich' von gestern. Und macht er sich gar zu mausig, denn setzt es was!«

Sie verstummten auf einmal; die wohlbekannten Schritte des Verwalters ertönten draußen auf dem Pflaster. Erik schlich sich weg.

Die Gestalt des Verwalters füllte die ganze Türöffnung aus. »Wer hat Lasse nach Branntwein geschickt?« fragte er barsch.

Sie sahen sich gegenseitig verständnislos an. »Is Lasse weg?« fragte darauf Mons mit der unschuldigsten Miene von der Welt. »Ja, der Alte mag ja gern Branntwein«, sagte Anders erklärend.

»Ihr seid mir nette Kameraden«, sagte der Verwalter. »Erst schickt ihr den Alten hin, und dann laßt ihr ihn im Stich. Ihr verdientet allzusammen Prügel.«

»Nee, Prügel verdienen wir nich' und lassen wir uns auch nich' bieten«, sagte der Großknecht und trat einen Schritt vor. »Herr Verwalter müssen wissen –«

»Halt 's Maul, Kerl!« rief ihm der Verwalter ins Gesicht, und Karl Johan zog sich zurück.

»Wo ist Erik?«

»Wohl in der Kammer.«

Der Verwalter ging durch den Pferdestall. Etwas in seiner Haltung zeugte davon, daß er nicht ganz unvorbereitet auf einen Angriff im Rücken war. Erik lag in seinem Bett, das Federkissen bis über die Nase hinaufgezogen.

»Was soll das heißen? Bist du krank?« fragte der Verwalter.

»Ja, ich glaub', ich hab' mich erkältet – ich zittere so mörderlich.« Er versuchte mit den Zähnen zu klappern.

»Du hast doch wohl keinen Ziegenpeter?« sagte der Verwalter teilnehmend. »Laß doch mal ansehen, du armer Mann.« Er schleuderte das Federbett mit einer schnellen Bewegung in die Höhe. »Ei, ei! du liegst da in deinem Sonntagsstaat und mit langen Stiefeln! Das ist am Ende deine Leichenkleidung? Du wolltst wohl nur hin und ein Armenbegräbnis für dich bestellen, wie? Es ist auch wohl an der Zeit, daß wir dich in die Erde bringen, – mir deucht, du riechst schon!« Er schnüffelte ein paarmal an ihm herum.

Aber Erik sprang wie eine Stahlfeder aus dem Bett und stand kerzengrade vor ihm. »Ich bin noch nich' tot, und riechen tu ich auch woll nich' mehr als gewisse andere!« sagte er. Sein Blick sprühte Funken und jagte blitzschnell nach einer Waffe durch den Raum.

Der Verwalter spürte seinen brennenden Atem im Gesicht – es war nicht ratsam, sich hier zurückzuziehen! Er stemmte ihm die geballte Hand ins Zwerchfell, so daß Erik hintenüber auf das Bett fiel und nach Luft schnappte, packte ihn dann bei der Brust und hielt ihn nieder. Aber es brannte noch mehr in ihm – es verlangte ihn, diesem Gesindel eine schwere Faust ins Gesicht zu schlagen, das hinter ihm her grinste, sobald er den Rücken wandte, und zu jeder Kleinigkeit getrieben werden mußte. Hier hatte er endlich das ganze Knechtsgelichter gepackt, das seinem Dasein den bitteren Beigeschmack gab – Unzufriedenheit mit der Beköstigung, Krakeelerei bei der Arbeit, Drohungen, aus dem Dienst zu gehen, wenn am allermeisten zu tun war – Ärger ins Unendliche. Hier war Vergeltung für viele Jahre Verdruß und Schmach, ihm fehlte nur der kleine Anstoß – ein Puff von diesem großen Lümmel, der seine Kräfte nicht bei der Arbeit verwendete, sondern sie gebrauchte, um als Unruhestifter an der Spitze zu gehen.

Aber Erik lag ganz still und sah seinen Feind mit wachsamen Augen an. »Man zu! Schlagen Sie doch! Es wird hierzulande auch woll 'ne Obrigkeit geben!« sagte er mit aufreizender Ruhe. Dem Verwalter brannten die Muskeln, aber er mußte ihn loslassen, um keinen Prozeß und Unannehmlichkeiten zu bekommen. »Willst du ein andermal daran denken und nicht wieder aufsässig sein!« sagte er und gab ihn frei – »sonst werde ich dir zeigen, daß es hierzulande eine Obrigkeit gibt!«

»Wenn Lasse kommt, schickt ihr ihn mit dem Branntwein zu mir!« sagte er zu den Knechten, indem er durch die Scheune ging.

»Den Teufel woll auch?« entgegnete Mons halblaut.

Pelle war seinem Vater entgegengelaufen. Der Alte hatte von dem Eingekauften gekostet und war in guter Laune. »Da waren sieben Mann im Boot, und sie hießen allzusammen Ole. Alle, bis auf einen einzigen, denn der hieß Ole Olsen!« sagte er feierlich, als er den Jungen sah. »Ja, war es nich' schnurrig, Pellemann, daß sie allzusammen Ole hießen, bis auf den einen, weißt du, der hieß ja Ole Olsen.« Und dann lachte er und puffte den Jungen geheimnisvoll. Und Pelle lachte auch, er mochte es gern, wenn der Vater guter Laune war.

Die Knechte kamen ihnen entgegen und nahmen dem Kuhhirten die Flaschen ab. »Er hat probiert!« sagte Anders und hielt die Flasche gegen das Licht. »Seh mal einer den alten Trunkenbold, er hat die Getränke untersucht!«

»Nee, denn müssen die Flaschen am Boden undicht sein!« sagte Lasse, den der Schnaps ganz kühn gemacht hatte – »denn ich hab' bloß mal da an gerochen. Aber man muß sich doch Gewißheit verschaffen, daß es reelle Sachen sind und nich' das reine Wasser, was man kriegt.«

Sie schlenderten um die Umfriedigung herum. Gustav ging voran und spielte auf seiner Handharmonika, über der Schar lag eine forcierte Lustigkeit. Mitten im Gehen sprang bald dieser, bald jener hoch in die Höhe, sie stießen kurze, heulende Töne aus und schickten abgerissene Flüche aufs Geratewohl in die Luft hinaus. Das Bewußtsein der gefüllten Flaschen, der Sonnabendabend mit dem Ruhetag vor sich und vor allem der Krieg mit dem Verwalter erhöhte ihre Stimmung.

Sie lagerten sich unten vor dem Kuhstall im Gras, dicht bei dem Teich. Die Sonne war längst untergegangen, aber der Abendhimmel erstrahlte in leuchtendem Rot. Wenn sich die Gesichter gen Westen wandten, war es, als gehe ein Feuerschein darüberhin, und die weißen Gehöfte landeinwärts lagen in der Dämmerung blendend da.

Jetzt kamen die Mägde über das Gras gegangen. Sie hielten die Hände unter den Schürzen und glichen schwarzen Ausschnitten gegen den strahlenden Himmel; sie summten ein weiches Volkslied und ließen sich neben den Knechten ins Gras hinabgleiten; die Abenddämmerung saß ihnen im Sinn und machte ihre Gestalten und Stimmen weich wie eine Liebkosung. Aber die Knechte waren nicht weich gestimmt, sie zogen die Flasche vor.

Gustav ging umher und phantasierte auf seiner Handharmonika. Er suchte eine Stelle, wo er sich setzen konnte, und warf sich endlich in Karnas Schoß und spielte auf. Erik war zuerst auf den Beinen. Auf Grund seines Zwistes mit dem Verwalter tanzte er vor und riß Bengta mit einem Ruck aus dem Gras in die Höhe. Sie tanzten schwedische Polka, und bei einer bestimmten Stelle in der Melodie hob er sie mit einem Jauchzer in die Höhe. Jedesmal kreischte sie, und die schweren Röcke standen von ihr ab wie der Schwanz eines Truthahns, so daß ein jeder sehen konnte, wie lange es noch bis zum Sonntag hin war.

Mitten in einem Wirbel ließ er sie los, so daß sie über das Gras hintaumelte und fiel. Man konnte das Zimmer des Verwalters von hier unten aus sehen, und dort war ein heller Fleck zum Vorschein gekommen. »Er glotzt! Herr du meines Lebens, wie er glotzt! Kannst du die woll sehen?« schrie Erik laut und hielt eine Branntweinflasche in die Höhe. Und dann trank er: »Prost! Der alte Satan soll leben, hurra! Wie er stinkt, das Schwein! Pfui Deubel!« Die anderen lachten, das Gesicht da oben zog sich zurück.

Zwischen dem Tanzen spielten sie, tranken und machten Kraftübungen. Sie wurden immer unberechenbarer in ihren Handlungen, stießen plötzlich ein Gebrüll aus, das die Mädchen laut aufkreischen machte, warfen sich mitten im Tanz pardautz an die Erde und stöhnten, als wenn sie im Sterben lägen, sprangen plötzlich wieder mit wilden Gebärden auf und stellten dem zunächst Stehenden ein Bein. Ein paarmal schickte der Verwalter den Wirtschaftslehrling herunter und befahl ihnen, sich ruhig zu verhalten, aber der Lärm wurde nur noch ärger davon. »Grüßen Sie ihn und sagen ihm, er könnt' seine Hundebestellungen selbst ausrichten!« rief Erik dem Wirtschaftslehrling nach.

Lasse gab Pelle einen Puff und zog sich nach und nach zurück. »Nu wird es woll am besten sein, wenn wir uns zur Ruhe begeben,« sagte er, als sie unbemerkt entkommen waren – »man kann nie wissen, wozu dies führen kann. Sie sehen schon alle rot, es wird woll nich' mehr lange dauern, dann tanzen sie den Bluttanz. Ach ja, wär' ich jung gewesen, hätt' ich mich woll nich' wie 'n Dieb weggeschlichen, denn wär' ich dageblieben und hätt' hingenommen, was danach gekommen wär'. Es hat mal 'ne Zeit gegeben, da konnt' Lasse die beiden Hände auf die Erde setzen und seinen Gegner mit den Stiefelhacken schlagen, so daß er zu Boden sank wie ein Strohhalm. Aber nu is die Zeit aus, und es is am besten, sich vorzusehen. Da kann Polizei und alles mögliche bei 'rausbraten. Von dem Verwalter gar nich' zu reden, du! Nu haben sie ihn den ganzen Sommer gereizt, mit diesem Erik als Anführer; aber wenn sie ihn erst wirklich wütend gemacht haben, denn kann Erik man Gute Nacht sagen.«

Pelle wollte gern noch ein wenig aufbleiben und ihnen zusehen. – »Wenn ich hinter den Zaun kriech' und mich platt hinleg' – nich', Vater, du!« bettelte er.

»Ach was, das sind Dummheiten, sie können dir was antun, wenn sie dich sehen! – Man weiß nich', wo die auf verfallen können. Na, aber du mußt selbst deinen Mann stehen – und paß man ja auf, daß sie dich nich' sehen.«

Und dann ging Lasse zu Bett, Pelle aber kroch auf dem Bauch hinter den Zaun, bis er ganz dicht an sie herangekommen war und alles sehen konnte.

Gustav saß noch immer auf Karnas offenem Schoß und spielte, und sie umschlang ihn treulich mit den Armen. Aber Anders hatte den Arm um Bodils Taille gelegt. Gustav entdeckte das, schleuderte auf einmal die Handharmonika von sich, so daß sie über das Gras rollte, und sprang auf. Die anderen schmissen sich in einen Rundkreis hin und lagen da und stöhnten innerlich, sie waren auf etwas gefaßt.

Gustav glich einem Wilden, der den Kriegstanz tanzt. Der Mund stand ihm offen, die Augen starrten blank. Er war ganz allein da auf dem Gras und neigte sich wie ein Ball zu Boden und schnellte wieder in die Höhe, sprang auf den Absätzen und schleuderte abwechselnd die Beine bis an den Kopf hinauf; bei jeder Bewegung stieß er ein gellendes Tju! aus. Dann schoß er kerzengerade in die Luft und drehte sich da oben herum, kam auf dem einen Absatz zu stehen und schnurrte wie ein Kreisel. Während er so herumschnurrte, machte er sich kleiner und kleiner, als wolle er ganz in die Erde hineingehen, explodierte dann in einem Sprung und fiel direkt in den Schoß von Bodil, die entzückt die Arme um ihn schlang.

Wie ein Blitz krallte Anders beide Hände von hinten in seine Schultern, stemmte ihm die Füße in den Rücken, ließ ihn sich überschlagen, so daß er trundelte. Das Ganze geschah in schnellem Tempo, und Gustav fuhr mutwillig fort, sich über das Gras zu rollen, mit Stößen wie eine unebene Kugel. Aber plötzlich hielt er an und stand mit einem Satz auf den Füßen; er starrte gerade vor sich hin, machte dann mit einem Ruck kehrt und ging langsam auf Anders zu. Anders erhob sich schnell, schob die Mütze auf die Seite, schnalzte mit der Zunge und ging vor. Bodil setzte sich breiter auf der Erde zurecht, sie sah sich triumphierend im Kreise um und kassierte begehrlich den Neid der anderen ein.

Die beiden Gegner standen von Angesicht zu Angesicht da und tasteten sich zu einem guten Griff vor. Sie strichen liebkosend aneinander herunter, kniffen sich gegenseitig in die Flanke und machten kleine scherzhafte Wendungen.

»Herr Jemine, bist du fett, Bruder!« Das war Anders.

»Und was für Batterien du hast! Du könntst gut ein Frauenzimmer sein«, antwortete Gustav und faßte Anders an die Brust. »Nee, wie weich du bist!« Ihre Gesichter leuchteten vor Hohn. Aber die Augen folgten aufmerksam der kleinsten Bewegung des Gegners, beide erwarteten sie einen überraschenden Griff von dem anderen.

Die übrigen lagen ringsumher im Gras ausgestreckt. »Na, wird's bald?« riefen sie ungeduldig.

Die beiden blieben noch immer stehen und spielten, als fürchteten sie sich, zuzugreifen – oder als zögen sie es in die Länge, um es desto mehr zu genießen. Aber plötzlich packte Gustav Anders beim Kragen, warf sich hintenüber und schleuderte ihn über seinen Kopf hinüber. Das ging so schnell, daß Anders sich nicht an Gustav halten konnte; aber im Schwunge hackte er sich in sein Haar hinein, und sie fielen beide – auf den Rücken, die Köpfe zusammen und die Leiber jeder nach einer Seite ausgestreckt.

Anders war schwer gefallen und lag halbbetäubt da, ließ aber Gustavs Haar nicht los. Gustav drehte sich herum und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen, konnte aber seinen Kopf nicht befreien. Dann wand er sich schnell wie eine Katze wieder in Stellung, schlug rücklings einen Purzelbaum über den Kameraden hinweg und fiel auf ihn nieder, das Gesicht auf dem seinen. Anders versuchte, die Füße in die Höhe zu heben und ihn aufzufangen, kam aber zu spät.

Anders warf sich in heftigen Rucken umher, dann lag er wieder still und strengte alle Kräfte an, um Gustav plötzlich von sich abzuschütteln, aber Gustav war zäh. Er warf sich schwer auf seinen Gegner und jagte alle vier Glieder zur Stütze auf die Erde nieder, saß plötzlich wieder oben auf ihm und stieß sein Gesäß in Anders' Bauchhöhle, um ihm den Atem zu rauben. Sie hatten in der ganzen Zeit ihre Gedanken darauf gerichtet, das Messer heimlich hervorzuholen; und Anders, der nun wieder ganz Herr über seinen Verstand war, entsann sich deutlich, daß er keines bei sich hatte. »Ach! Ach!« sagte er laut – »ich elendes Wurm!«

»Du jammerst ja so!« sagte Gustav und senkte sein Gesicht über ihn. »Willst du am Ende wieder um gut Wetter bitten?«

Im selben Augenblick fühlte Anders Gustavs Messer gegen seinen Schenkel drücken, blitzschnell war seine Hand da unten und holte es heraus. Gustav versuchte, es ihm wegzunehmen, gab es aber auf, um nicht abgeworfen zu werden; er beschränkte sich darauf, sich Anders' einer Hand zu versichern, so daß der das Messer nicht aufmachen konnte, dann stieß er den Körper gegen seine Bauchhöhle.

Anders lag halb übergeben da und nahm die Stöße hin, ohne sich zu wehren – bei jedem Mal entschlüpfte ihm ein Seufzer. Aber seine linke Hand arbeitete eifrig daran, das Messer gegen den Erdboden zu stemmen und zu öffnen, und plötzlich jagte er es in Gustav hinein, gerade als sich dieser hoch in die Höhe hob, um ihm einen kräftigen Stoß zu versetzen.

Gustav packte Anders um das Handgelenk, sein Gesicht verzerrte sich. »Pfui Deubel, du Schwein! Was wühlst du da?« sagte er und spie Anders ins Gesicht. »Er sucht die Hintertür, der Stümper – um wegzukommen!« Gustav sah sich im Kreise um, schnaubend wie ein junger Stier.

Sie kämpften rasend um das Messer, brauchten Hände und Zähne und auch die Stirn. Als sich Gustav der Waffe nicht bemächtigen konnte, legte er es darauf an, Anders' Hand so zu führen, daß er sich selbst stieß. Das gelang ihm auch, aber der Stoß ging schief; die Klinge schloß sich um Anders' Finger, so daß er das Messer mit einem Fluch wegschleuderte.

Erik saß da und ärgerte sich, daß er nicht mehr der Held des Abends war. »Seid ihr bald fertig, ihr beiden Kampfhähne, oder kann ich am Ende einen kleinen Bissen abkriegen?« sagte er und versuchte, sie zu trennen. Sie bissen sich ineinander fest, aber dann wurde Erik wütend und tat etwas, wovon noch lange nachher geredet werden sollte. Er packte sie beide mit fester Hand und stellte sie auf die Beine.

Gustav stand da und sah so aus, als wolle er sich wieder in den Streit stürzen, qualvolle Zuckungen huschten über sein Gesicht. Aber dann fing er an zu schwanken wie ein an der Wurzel abgehauener Baum und sank zu Boden. Bodil war die erste, die ihm zu Hilfe kam, mit einem Schrei lief sie hin und schlang die Arme um ihn.

Er ward hineingetragen und ins Bett gelegt, Karl Johan goß Branntwein in den tiefen Schnitt, um die Wunde zu reinigen, und hielt sie zusammen, während Bodil mit Faden und Nadel aus dem Kasten eines der Knechte heftete. Dann zerstreuten sie sich, ein Paar nach dem anderen, so wie sie zusammenhielten. Aber Bodil blieb bei Gustav – sie war ihm doch gut.

So ging es jenen ganzen Sommer, ein ewiger Krieg und Unfriede mit dem Verwalter, gegen den sie trotzdem nichts zu machen wagten, wenn es so weit kam. Dann schlug sich die Bosheit nach innen, und sie gingen aufeinander los.

»Irgendwo muß es ja 'raus«, sagte Lasse, der diesen Zustand nicht leiden konnte und sich heilig und teuer gelobte, fortzugehen, sobald sich ihm etwas anderes bot – und sollten sie auch Lohn und Kleider und alles im Stich lassen.

»Mit dem Lohn sind sie unzufrieden, die Arbeitszeit ist ihnen zu lang und das Essen nich' gut genug. Damit werfen sie sich, so daß es einem leid tun kann, es mit anzusehen – es is ja doch 'ne Gabe Gottes, wenn es auch besser sein könnt'. Und von Erik rührt das Ganze her! Immer muß er das große Maul haben und aufbegehren und die anderen aufwiegeln, solang der Tag is. Aber sobald der Verwalter ihm gegenübersteht, wagt er auch nichts nich'. Denn kriechen sie einer nach dem anderen ins Mauseloch. Vater Lasse is gar nich' solche Bangbüchs wie die alle, so alt er auch is.

»Das Gewissen is doch wohl die beste Stütze, hat man das, und hat man seine Pflicht getan, denn kann man Verwalter und Gutsbesitzer – und dem lieben Gott auch – frei in die Augen sehen. Denn das mußt du dir ein für allemal merken, Jung', du darfst dich nich' auflehnen gegen die, die über dich gesetzt sind. Einige müssen Diener sein und andere Herren; wie sollt' es sonst woll werden, wenn wir, die wir arbeiten, unsere Pflicht nich' tun wollten. Man kann doch woll nich' gut verlangen, daß die Feinen den Kuhstall ausmisten und den gewissen Ort reinigen sollen.«

Das alles entwickelte Lasse, nachdem sie zu Bett gekommen waren. Aber Pelle hatte was anderes zu tun, als zuzuhören. Er schlief fest und träumte, daß er Erik in höchsteigener Person sei und den Verwalter mit einem großen Stock durchprügelte.


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