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Pelle und der jüngste Lehrling hatten jetzt das Ganze allein zu besorgen, zu November hatte Jens ausgelernt und wurde sogleich entlassen. Er hatte nicht Mut genug, um nach Kopenhagen zu gehen und sein Glück zu versuchen. So mietete er denn eine Stube in dem Armenviertel und zog mit seinem Mädchen zusammen. Verheiraten konnten sie sich nicht; er war erst neunzehn Jahre alt. Wenn Pelle im Norden der Stadt zu tun hatte, pflegte er bei ihnen einzusehen. Der Tisch stand zwischen dem Bett und dem Fenster, dort saß Jens und flickte an irgendeiner Ausbesserungsarbeit für die Armen herum. Wenn er etwas zu tun bekommen hatte, stand sie über ihn gebeugt und wartete gespannt darauf, daß er fertig werden würde, damit sie etwas zu essen bekamen. Dann ging sie hin und kochte etwas im Ofen zurecht, und Jens saß da und sah ihr mit brennenden Augen zu, bis er wieder eine Arbeit in Händen hatte. Er war mager geworden und hatte sich einen dünnen Spitzbart zugelegt, der Mangel an Nahrung stand ihnen beiden auf dem Gesicht geschrieben. Aber sie hatten sich lieb und halfen einander bei allem, unbeholfen wie zwei Kinder, die Vater und Mutter spielen. Es war die traurigste Gegend, die sie gewählt hatten: die Gasse, die nach der See zu steil abfiel, war voll von Abfall, räudige Hunde und Katzen liefen umher und schleppten Fischeingeweide auf die Treppensteine und ließen sie dort liegen. Vor jeder Tür lagen schmutzige Kinder und wühlten herum.
Eines Sonntags vormittags, als er da draußen gewesen war, um sich nach ihnen umzusehen, hörte er aus einer der Hütten Geschrei und das Geräusch von umfallenden Stühlen. Bestürzt blieb er stehen. »Das is bloß der einäugige Johann, der seine Frau prügelt,« sagte ein achtjähriges Mädchen – »das tut er beinahe jeden Tag.«
Vor der Tür auf einem Stuhl saß ein alter Mann und starrte unerschütterlich einen kleinen Jungen an, der sich beständig im Kreise drehte. Plötzlich hielt das Kind in seinem Treiben inne, legte die Hände auf die Knie des Greises und sagte entzückt: »Vater läuft um den Tisch herum, Mutter läuft um den Tisch herum, Vater schlägt Mutter, Mutter läuft um den Tisch herum – schreit.« Er ahmte das Schreien nach, lachte mit seinem kleinen Idiotengesicht und speichelte an sich herunter. »Jawoll, ja«, sagte der Greis nur. Der Junge hatte keine Augenbrauen, die Stirn fiel über den Augen hohl ein. Entzückt lief er rundherum, trampelte und ahmte den Spektakel da drinnen nach. »Jawoll, ja,« sagte der Greis unerschütterlich – »jawoll, ja!«
Vor dem Fenster einer der Hütten saß eine Frau und starrte sinnend hinaus, die Stirn gegen die Fenstersprossen gepreßt. Pelle erkannte sie und grüßte erfreut. Sie winkte ihn an die Haustür. Ihr Busen war noch immer üppig, aber über dem Gesicht lag etwas Vergrämtes. »Du, Hans!« rief sie unsicher – »hier is Pelle! Hier is Pelle, der schuld daran is, daß wir beide uns gefunden haben!«
Der junge Arbeiter fuhr in die Stube hinein: »Dann soll er man machen, daß er wegkommt, und zwar ein bißchen schnell!« sagte er drohend. – –
Meister Andres lag fast immer zu Bett, trotz des milden Winters. Pelle mußte allen Bescheid entgegennehmen und den Meister vertreten, so gut er konnte. Neues wurde nicht mehr gemacht, nur Ausbesserungen. Jeden Augenblick pochte der Meister auch an die Wand, um ein wenig zu plaudern.
»Morgen stehe ich auf,« sagte er, und seine Augen blitzten – »ja, das tue ich, Pelle! Schaff mir zu morgen Sonnenschein, du Teufelsjunge – dies hier is der Wendepunkt, jetzt kehrt sich die Natur in mir um. Wenn das erst überstanden is, so bin ich ganz gesund! Ich kann fühlen, wie es in meinem Blute rast, denn jetzt is da Krieg bis aufs Messer aber die guten Säfte siegen! Dann sollst du mich nur sehen – wenn das Geschäft dann nur in Gang kommen will, denn jetzt is es Dreck damit! – Du vergißt wohl nich', mir die Ziehungsliste zu leihen?«
Er wollte es sich nicht eingestehen, aber bergab ging es mit ihm. Er fluchte auch nicht mehr über die Geistlichen, und eines Tages schickte Jeppe in aller Stille zu dem Pfarrer. Als der gegangen war, klopfte Meister Jeppe an die Wand.
»Verteufelt schnurrig is das eigentlich,« sagte er – »denn wenn da nun doch etwas sein sollte? Und dann is der Pfarrer so alt – er sollte lieber an sich selbst denken.« Der Meister lag da und sah nachdenklich aus, er starrte zur Decke empor. So konnte er tagelang liegen, zum Lesen hatte er keine Lust mehr. »Jens war wohl eigentlich ein guter Junge«, konnte er plötzlich sagen. »Ich habe ihn nie leiden können, aber er hatte wohl ein gutes Gemüt. Und glaubst du, daß ich noch wieder Mensch werde?«
»Ja, wenn erst die Wärme kommt«, antwortete Pelle.
Von Zeit zu Zeit kam der verrückte Anker und fragte nach Meister Andres. Dann klopfte der Meister an die Wand: »So laß ihn doch hereinkommen« – sagte er zu Pelle. »Ich langweile mich so schrecklich.« Anker hatte die Ehe mit der ältesten Tochter des Königs vollständig aufgegeben und die Sache jetzt in die eigene Hand genommen. Nun arbeitete er an einer Uhr, die die Neuzeit selbst sein und mit dem Glück des Volkes im Takt gehen sollte. Er hatte schon Räder und die Feder und das ganze Werk mitgebracht und erklärte, während seine grauen Augen von einem Gegenstand zum andern da draußen hüpften. Sie waren nie bei dem, was er vorzeigte. Er hatte wie alle anderen dieses blinde Vertrauen zu dem jungen Meister und erklärte weitläufig. Die Uhr sollte so eingerichtet werden, daß sie nur die Zeit angab, wenn jeder im Lande hatte, was er bedurfte. »Dann kann man immer sehen und wissen, ob jemand Not leidet – und Ausflüchte gibt es dann nicht! Denn die Zeit geht und geht, und sie bekommen kein Essen; und eines Tages schlägt sie für sie, und dann gehen sie hungrig ins Grab.« In seinen Schläfen arbeitete dies Ewige, das Pelle vorkam wie das Pochen einer ruhelosen Seele, die eingesperrt war; und die Augen hüpften mit ihrem grauen, unbeschreiblichen Ausdruck.
Der Meister konnte sich ganz mit fortreißen lassen, solange es währte, aber sobald Anker zur Tür hinaus war, schüttelte er das Ganze von sich ab. »Das is ja nichts weiter als das Gewäsch eines Verrückten«, sagte er erstaunt über sich selbst.
Dann kam Anker wieder und hatte etwas Neues zu zeigen. Es war ein Kuckuck; jedes zehntausendste Jahr sollte er aus der Uhr herauskommen und Kuckuck rufen. Die Zeit sollte gar nicht mehr angegeben werden, nur der lange, lange Zeitkauf, der nie ein Ende nahm – die Ewigkeit. Der Meister sah ihn verwirrt an. »Schaff ihn weg, Pelle,« flüsterte er dann und strich sich den klaren Schweiß von der Stirn – »mir wird ganz schwindlig, er macht mich verrückt mit seinem Gequatsch!«
Pelle hatte das Weihnachtsfest eigentlich zu Hause zubringen sollen; aber der Meister wollte ihn nicht weglassen. »Wer soll denn so lange mit mir plaudern und für alles sorgen?« – sagte er. Nun, Pelle war auch nicht so sehr darauf erpicht, es war gerade kein Vergnügen, nach Hause zu kommen. Karna kränkelte, und Vater Lasse hatte genug zu tun, um sie in guter Stimmung zu erhalten. Er selber war tapfer genug, aber es entging Pelle nicht, wie er von Mal zu Mal tiefer in die Schwierigkeiten versank. Das Terminsgeld hatte er nicht bezahlt, und aus der Winter-Steinklopferei, die ihm von Jahr zu Jahr über das Schlimmste hinweggeholfen hatte, wurde nichts Rechtes. Er hatte nicht Kräfte genug für alles das, was auf ihm lastete. Aber mutig war er. »Was hat das zu bedeuten, ob ich ein paar hundert Kronen im Rückstand bin, wenn ich den Besitz doch um mehrere Tausend verbessert habe«, sagte er.
Das mußte Pelle einräumen. »Nimm doch eine Anleihe auf«, sagte er.
Lasse versuchte auch das. Jedesmal, wenn er in der Stadt war, lief er zu Rechtsanwälten und Sparkassen. Aber er konnte kein Darlehen auf das Grundstück bekommen, auf dem Papier gehörte es der Kommune, bis er in einer gewissen Reihe von Jahren alles abgezahlt hatte, wozu er sich verpflichtet hatte. Fastnacht war er wieder in der Stadt, und da hatte er die gute Laune eingebüßt. »Jetzt können wir die Sache man lieber gleich ganz aufgeben,« sagte er mißmutig, »denn nun hat Ole Jensen gespukt – du weißt, der das Gut vor mir hatte und sich aufhängte, als er seine Verpflichtungen nicht erfüllen konnte. Karna hatte ihn über Nacht gesehen.«
»Unsinn,« sagte Pelle, »glaub' doch nich' an so was.« Er konnte nicht umhin, auch ein wenig daran zu glauben.
»So, meinst du das? Aber du siehst doch selbst, daß es immer schwieriger für uns wird – und gerade jetzt, wo wir das Ganze so weit verbessert haben und nun die Früchte unserer Mühe genießen sollten. – Und Karna kann nich' wieder gesund werden.« Lasse war ganz mißmutig.
»Ja, wer weiß, vielleicht is es nur Aberglaube«, rief er auf einmal aus. Er hatte Mut, es noch einmal wieder zu versuchen. – –
Meister Andres hütete das Bett. Aber da war er auch munter genug; je mehr es bergab mit ihm ging, um so übermütiger wurde er in seinen Reden. Ganz wunderlich war es, den großen Worten zu lauschen und ihn selbst abgezehrt daliegen zu sehen, bereit zur Abreise, wenn es sein, sollte.
Ende Februar war der Winter so milde, daß man schon anfing, nach den ersten Frühlingsboten auszusehen; aber dann in einer Nacht kam der Winter vom Norden her auf einer mächtigen Eisflut dahergebraust. Von der Küste gesehen, sah es so aus, als wenn die Segler aller Welt neue weiße Segel bekommen hätten und sich auf dem Wege nach Bornholm befanden, um dort einen Besuch abzustatten, ehe sie sich nach der Winterruhe wieder auf die lange Fahrt machten. Aber lange sollte man sich nicht über den Aufbruch freuen; in vierundzwanzig Stunden war die Insel nach allen Seiten hin in Eis eingepackt, da war auch nicht ein Fleckchen offenes Wasser zu sehen.
Und dann begann das Schneewetter. »Wir hatten ja eigentlich schon daran gedacht, mit den Erdarbeiten zu beginnen«, sagten die Leute; aber dann nahmen sie dies auch noch mit – es war ja noch Zeit genug. Sie machten sich daran, sich zu schneeballen, und setzten ihre Schlitten instand –; den Winter hindurch war keine Schlittenbahn gewesen. Bald lag der Schnee bis zu den Knöcheln, nun war die Bahn da. Nun konnte es gern aufhören zu schneien. Eine Woche oder zwei mochte er liegen, dann konnte man doch ein paar ordentliche Schlittenbälle abhalten. Aber der Schnee fuhr fort herabzusickern, er reichte bis an die Knie, bis an die Taille; als die Leute zu Bett gingen, war es nicht mehr möglich, sich hindurchzuarbeiten. Und wer nicht bei Licht aufzustehen brauchte, wäre beinahe überhaupt nicht mehr aus dem Bett hinausgestiegen; denn in der Nacht setzte ein Schneesturm ein, und am nächsten Morgen reichte der Schnee bis ans Dach und verdeckte alle Fenster. Man konnte den Sturm um den Schornstein rasen hören, unten aber war es warm genug. Die Lehrlinge mußten durch die Stube gehen, um in die Werkstatt zu gelangen. Der Schnee lag schwer da und versperrte alle Ausgänge.
»Was zum Teufel is denn das?« fragte Meister Andres und sah Pelle entsetzt an – »ob wohl die Welt untergehen soll?«
Die Welt – die konnte schon lange untergegangen sein; sie hörten keinen Laut von da draußen und wußten nicht, ob ihre Mitmenschen noch lebten oder schon tot waren. Den ganzen Tag brannten sie Licht; aber die Kohlen gingen auf die Neige, sie mußten sehen, in den Schuppen hinauszukommen. Sie preßten alle Mann gegen die obere Halbtür der Küche, und es gelang ihnen auch, sie so weit aufzuschieben, daß Pelle hindurchkriechen konnte. Aber es war nicht möglich, sich da draußen zu bewegen. Er verschwand in den Schneemassen. Es mußten Gänge zum Brunnen und zu den Feuerungsschuppen geschaufelt werden, mit dem Essen mußte es gehen, so gut es wollte. Am Mittag kam die Sonne und schmolz den Schnee an der Südseite so weit, daß der obere Rand der Fenster ein wenig Tageslicht einließ. Es kam wie ein milchfarbiger schwacher Schimmer durch den Schnee. Aber sie spürten kein Leben von außen her.
»Ich glaube, wir verhungern noch wie die Nordpolfahrer«, sagte der Meister und machte sich ganz rund vor Spannung. Seine Augen brannten wie Lichter; er war mitten drin in dem Weltenmärchen.
Im Laufe des Abends bohrten und gruben sie sich halb bis zu Bäcker Jörgens heran. Man mußte sich wenigstens die Verbindung mit dem Brot sichern. Jeppe ging mit einem Licht. »Paßt auf, daß es nicht über euch zusammenstürzt«, sagte er fortwährend. Das Licht glitzerte im Schnee, und die Jungen amüsierten sich. Der junge Meister lag da und rief bei jedem Geräusch, das von draußen zu ihm drang, so laut, daß der Husten in ihm wütete. Er konnte sich nicht zügeln vor Neugier. »Ich will, weiß Gott, auch auf und den Räubergang sehen«, schrie er einmal über das andere. Jeppe schalt, aber er ließ nicht nach. Er führte seinen Krieg durch, bekam Hose und Pelzjacke an, eine Decke wurde um ihn geschlagen. Aber er konnte nicht auf den Beinen stehen und fiel mit einem verzweifelten Ausruf ins Bett zurück.
Pelle sah ihn an, bis es ihm in der Brust brannte. Dann nahm er den Meister auf seinen Arm und trug ihn vorsichtig hinaus in den Schneegang. »Du bist stark, du – Herr du meines Lebens!« Der Meister hielt sich krampfhaft fest, den einen Arm um seinen Hals, während er den anderen in der Luft schwenkte, herausfordernd wie der Kraftmensch im Zirkus – Hip, hip! er war angesteckt von Pelles Kräften. Vorsichtig wühlte er in der glitzernden Wölbung, seine Augen schimmerten wie Eiskristall. Aber in seinem magern Körper raste der Brand. Pelle fühlte es wie ein verzehrendes Feuer durch alles Zeug hindurch.
Am nächsten Morgen führten sie den Gang ganz weiter bis an Bäcker Jörgens Treppe, und dann war die Verbindung mit der Umwelt fertig. Da drüben waren im Laufe der letzten vierundzwanzig Stunden große Dinge geschehen, Marie hatte sich bei dem Gedanken, daß der Untergang der Welt vielleicht nahe davor stand, so aufgeregt, daß sie eiligst den kleinen Jörgen in die Welt setzte. Der alte Jörgen war im siebenten Himmel; er mußte gleich hinüber und es erzählen. »Ein wahrer Teufel is er, mir wie aus den Augen geschnitten.«
»Das will ich schon glauben«, rief Meister Andres aus und lachte. »Nun is Onkel doch zufrieden?«
Aber Jeppe nahm die Mitteilung sehr kühl auf, – ihm gefielen die Verhältnisse da drüben bei dem Bruder nicht. »Freut sich Sören über den Jungen?« fragte er vorsichtig.
»Sören?« Der Backer stimmte ein schallendes Gelächter an – »Der denkt nur an das Jüngste Gericht und betet zum lieben Gott, der!«
Späterhin am Tage hörte man den Klang von Schaufeln. Die Arbeiter waren da draußen; sie säuberten den einen Bürgersteig so weit, daß man gerade hindurchkommen konnte, die Fahrstraße hing oben in der Höhe des Daches.
Nun konnte man ja wieder an den Hafen hinabkommen, das war ebenso, als wenn man nach einem Erstickungsanfall wieder Luft bekommen konnte. So weit das Auge reichte, breitete sich das Eis aus. Auf die hohe Kante gepackt und mit langen Schanzen, da, wo die Brandung gerast hatte. Ein Orkan war im Anzuge. »Gott sei Dank,« sagten die alten Seeleute – »jetzt spaziert das Eis davon!« Aber es rührte sich nicht. Und dann wußte man ja, daß das ganze Meer zugefroren, war, da konnte kein offener Fleck so groß wie eine Tischplatte für den Sturm sein, um von dort aus seinen Angriff zu beginnen. Aber ein wunderlicher Anblick war es, das Meer tot und leblos daliegen zu sehen wie eine steinerne Wüste mitten während dieses verheerenden Sturmes.
Und eines Tages kam der erste Bauer zur Stadt und brachte Nachricht vom Lande. Die Gehöfte da draußen waren eingeschneit; man mußte sich einen Gang in das offene Feld hinaus graben und die Pferde eins nach dem andern da hindurchführen; von Unglücksfällen wußte er jedoch nicht zu berichten.
Jeglicher Betrieb stockte, niemand konnte sich zu etwas aufraffen; es mußte auch gespart werden – namentlich an Kohlen und Petroleum, die beide auszugehen drohten. Die Kaufleute hatten schon im Anfang der zweiten Woche gewarnt. Da begannen die Leute, zwecklose Taten zu verrichten, sie bauten wunderliche Dinge aus Schnee oder begaben sich auf die Wanderung über das Eis von Stadt zu Stadt. Und eines Tages rüsteten sich ein Dutzend Männer, um mit dem Eisboot nach Schweden zu gehen und die Post zu holen; man konnte Nachricht von der Welt da draußen nicht länger entbehren. Auf Christiansö hatten sie die Notflaggen gehißt; man sammelte Vorräte, hier ein wenig, dort ein wenig, und rüstete sich, eine Expedition hinüberzusenden.
Nun kam die Not dahergewandert, sie wuchs aus dem verschlossenen Erdboden hervor und ward das einzige Gesprächsthema. Aber nur die, die ihr Schäfchen einigermaßen im Trockenen hatten, sprachen darüber, die Notleidenden schwiegen. Man rief die Wohltätigkeit an; da waren ja Bjerregravs fünftausend Kronen in der Kasse. Aber die waren nicht da. Reeder Monsen behauptete, Bjerregrav habe sie seinerzeit zurückerhalten. In Bjerregravs Nachlaß befand sich kein Beweis für das Gegenteil. Nun, die Leute wußten ja auch nichts Bestimmtes, und die Sache gab immer reichlich Stoff zu einer Unterhaltung. Wie dem nun auch sein mochte, Monsen war der große Mann wie immer – er gab tausend Kronen aus der eigenen Tasche für die Bedürftigen.
Über das Meer hin gingen viele Augen, aber die Männer mit dem Eisboot kehrten nicht zurück, das mystische »Da draußen« hatte sie verschlungen. Es war, als sei die Welt ins Meer gesunken, dort hinter der holperigen Eisfläche, die bis an den Horizont reichte, lag jetzt der Abgrund.
Die »Heiligen« waren die einzigen, die sich regten; sie hielten überfüllte Versammlungen ab und sprachen über den Untergang der Welt. Alles andere lag wie tot da, wer kümmerte sich unter diesen Verhältnissen wohl um die Zukunft? In der Werkstatt saßen sie mit Überrock und Mütze und froren; der Rest Kohlen, der noch da war, mußte für den Meister aufgespart werden. Pelle war jeden Augenblick da drinnen. Der Meister sprach nicht mehr viel, sondern lag da und warf sich hin und her, die Augen zur Decke emporgerichtet; aber sobald Pelle gegangen war, klopfte er wieder. »Wie mag es jetzt wohl gehen?« fragte er müde. »Lauf nach dem Hafen und sieh, ob das Eis sich nicht bald lichtet – es gibt so viel Kälte; die ganze Erde wird ja auf diese Weise ein Eisklumpen. – – Heute abend halten sie gewiß wieder eine Versammlung über das Jüngste Gericht ab. Lauf hin und höre, wie sie darüber denken.«
Pelle lief und kam mit dem Bescheid, aber wenn er kam, hatte der Meister es in der Regel schon wieder vergessen. Von Zeit zu Zeit konnte er melden, daß das Meer als blauer Schimmer zu sehen sei, ganz hinten im Eis. Dann leuchtete es auf in den Augen des Meisters. Aber bei der nächsten Meldung war das Ganze wieder aus. »Das Meer frißt das Eis noch, das sollst du sehen«, sagte Meister Andres wie aus weiter Ferne. »Aber vielleicht kann es nicht so viel verdauen. Dann gewinnt die Kälte die Oberhand, und fertig sind wir!«
Aber eines Morgens trieb die Eismasse dem Meere zu, und hundert Männer machten sich daran, die Einfahrt mit Dynamit von Eis zu säubern. Es waren drei Wochen vergangen, seit man Post von der Außenwelt erhalten hatte, und der Dampfer ging aus, um nach Schweden zu fahren und Nachrichten einzuholen. Er wurde da draußen von dem Eis erfaßt und nach Süden zu gewalzt; vom Hafen aus konnten sie ihn in einem Zwischenraum von Tagen im Eisgang vorüberwandern sehen, bald nach Norden und bald nach Süden.
Endlich zersprangen die schweren Banden ganz. Aber es war hart für die Erde und die Menschen, sich wieder aufzurichten. Alles hatte einen Knacks bekommen. Der Meister konnte den Umschlag von dem scharfen Frost zur Tauluft nicht wieder verwinden; wenn der Husten nicht in ihm zerrte, lag er ganz still da. »Ach, ich leide so schrecklich, Pelle!« klagte er flüsternd. »Schmerzen hab' ich nich' – aber wie ich leide, Pelle!«
Aber dann eines Morgens war er guter Laune. »Jetzt bin ich über den Wendepunkt hinaus,« sagte er mit schwacher, aber festlicher Stimme – »nun sollst du nur sehen, wie schnell ich mich erhole. Welchen Tag haben wir heute eigentlich? – Donnerstag? Tod und Teufel, dann muß ich ja mein Los erneuern. Ich bin so leicht, die ganze Nacht bin ich durch die Luft geschwebt, und wenn ich nur die Augen schließe, dann fliege ich wieder. Das is die Kraft in dem neuen Blut – zum Sommer bin ich ganz gesund. Dann will ich hinaus und die Welt sehen! Aber, zum Teufel auch, das Beste kriegt man ja doch nie zu sehen – den Weltenraum und die Sterne und das alles! Dann müßte man ja fliegen können. Aber über Nacht bin ich dagewesen.«
Dann übermannte ihn der Husten wieder. Pelle mußte ihn aufrichten; bei jedem Stoß klang es wie ein nasses Klatschen in ihm. Er hielt die eine Hand auf Pelles Schulter und stützte die Stirn gegen seine Brust. Plötzlich verstummte der Husten, die weiße, knochige Hand krallte sich schmerzhaft in Pelles Schulter. »Pelle, Pelle!« stöhnte der Meister und sah ihn in schrecklicher Angst mit seinen brechenden Augen an.
»Was er nun wohl sehen mag«, dachte Pelle schaudernd und legte ihn in die Kissen zurück.