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XV

Den ganzen Winter hatte Jens seine Oberlippe mit Hühnerdung eingeschmiert; jetzt sproßte der Bart, und er legte sich eine Braut zu; sie war Kindermädchen bei Konsuls. »Das is furchtbar ulkig,« sagte er – »du solltest dir auch eine anschaffen. Wenn sie küßt, steckt sie die Zunge vor wie ein kleines Kind.«

Aber Pelle wollte keine Braut haben – erstensmal wollte ihn wohl niemand haben, gebrandmarkt wie er war, und dann hatte er auch Kummer.

Wenn er den Kopf von der Arbeit erhob und quer über den Dunghaufen und den Schweinekoben hinwegsah, lag da die grüne Halbdämmerung drinnen unter dem Apfelbaum, in die er sich hineinträumen konnte. Das war eine verzauberte Welt, mit grünen Schatten und stummen Bewegungen; unzählige gelbe Raupen hingen da und schaukelten sich hin und her, jede an ihrem dünnen Faden, Goldammern und Buchfinken schwangen sich unaufhaltsam von Zweig zu Zweig und schnappten bei jeder Schwingung eine Raupe hinweg, aber es wurden darum nicht weniger. Sie rollten sich ohne Unterlaß von den Zweigen hinab, hingen dort so verlockend gelb und wiegten sich in dem weichen Hauch des Tages und warteten darauf, verspeist zu werden.

Und tiefer draußen in dem grünen Licht – wie auf dem Boden eines Sees – gingen drei hellgekleidete Mädchen und spielten. Hin und wieder schielten die beiden jüngsten einmal hinüber, zogen aber sofort die Augen zurück, sobald er sie ansah; Manna ging so erwachsen und beherrscht einher, als existiere er gar nicht. Manna war schon längst konfirmiert; sie trug ein halblanges Kleid und spazierte ruhig die Straße entlang, die Freundinnen unter dem Arm. Sie spielte nicht mehr, schon lange hatte sie dagestanden mit einer fast erwachsenen Erkenntnis, daß dies, weiß Gott, nicht mehr anging. In wenigen Tagen sprang sie von Pelles Seite in das Lager der Erwachsenen hinüber. Sie wandte sich in der Werkstatt nicht mehr an ihn, und wenn er sie auf der Straße grüßte, sah sie nach einer anderen Richtung hin. Manna kam nicht mehr wie eine Wildkatze dahergesprungen und riß Pelle vom Stuhl, wenn sie etwas gemacht haben wollte; sondern ging gesittet bis an den Platz des jungen Meisters, den Schuh in Papier eingewickelt. Aber im geheimen kannte sie ihren Spielkameraden noch; wenn es niemand sah, konnte sie ihn ganz hart in den Arm kneifen und die Zähne zusammenbeißen, wenn sie vorüberging.

Aber Pelle war zu schwerfällig, um den Übergang zu begreifen, und zu sehr Kind, um den Sprung in das Lichtscheue hinein zu tun. Er blieb allein zurück und grübelte verständnislos über den neuen Zustand der Dinge nach.

Aber jetzt kannte sie ihn auch im geheimen nicht mehr – er existierte gar nicht mehr für sie. Und Dolores und Aïna hatten die Hand von ihm gezogen; wenn er hinaussah, wandten sie den Kopf nach der andern Seite hin und zuckten mit den Achseln: Huh! Sie schämten sich, daß sie jemals etwas mit so einem zu tun gehabt hatten, und er wußte wohl weshalb.

Eine eigene Wollust war es gewesen, von so feinen fürsorglichen Händen behandelt zu werden – er hatte viel trauliche Erinnerungen von da drüben. Es war wirklich schön gewesen, so mit offenem Munde dazusitzen und von ihnen allen dreien mit Leckereien vollgestopft zu werden, so daß er nahe daran war, zu ersticken! Hinunterschlucken durfte er nicht, sie wollten sehen, wieviel in ihn hineingehen konnte; dann lachten sie und umtanzten ihn, und die rundlichen Mädchenhände nahmen seinen Kopf, jede von ihrer Seite, um ihm den Mund zuzupressen. – Nun, Pelle war allmählich im bürgerlichen Sinne eine ganze Elle gewachsen; er wußte sehr wohl, daß er von viel gröberem Stoff war als sie und daß dies ein Ende haben mußte – auch ohne das mit dem Rathaus.

Aber weh tat es darum doch, es war, als säße er betrogen hier und eigentlich sollte er gar keine Nahrung zu sich nehmen. Denn Manna – war sie nicht schließlich doch seine Braut? Er hatte niemals darüber nachgedacht! Dies waren Liebesschmerzen –. Und so sahen sie also aus! Ob wohl die, die sich das Leben aus unglücklicher Liebe nahmen, anders fühlten? Die Traurigkeit war nun zwar nicht so sehr groß; wenn der junge Meister einen Witz machte oder auf seine drollige Weise fluchte, konnte er ganz gut darüber lachen. Das mit der Schande war das Schlimmste! – –

»Du solltest dir eine Braut anschaffen!« sagte Jens. »Die is so weich wie ein junger Vogel, und dann wärmt sie durch die Kleider und alles hindurch.«

Aber Pelle hatte was anderes vor – er wollte schwimmen lernen. Er wollte alles können, was die Stadtjungen konnten, und sich seinen Platz unter ihnen zurückerobern. Von einer Führerstellung träumte er nicht mehr. So hielt er sich denn zu der Schar, zog sich ein wenig zurück, wenn sie allzuarg stichelten – und kam wieder; schließlich wurden sie an ihn gewöhnt.

Jeden Abend rannte er nach dem Hafen hinab. Südlich von dem großen Becken, das man nun leer zu pumpen beschäftigt war; es wimmelte immer in der Dämmerung von Lehrlingen; sie sprangen nackend zwischen den Steinen herum und schwammen in schwatzenden Scharen nach Westen hinaus, wo der Himmel noch vom Sonnenuntergang glühte. Weiter da draußen lag eine Klippe unter dem Wasser, wo sie gerade gründen konnten, dort ruhten sie sich aus, ehe sie den Rückweg antraten; ihre dunklen Köpfe brüteten über dem roten Wasser wie schwatzende Seevögel.

Pelle schwamm mit hinaus, um sich an die Tiefe zu gewöhnen, die ihn noch immer an den Beinen herunterziehen wollte. Wenn das Meer blühte, war es, als schwimme man zwischen Rosen; der ganze lichtschleimige Blütenflor, den die Gewächse der Tiefe auf die Oberfläche hinaufgeschleudert hatten, glühte im Abendschimmer und glitt lind um seine Schultern, und weit da draußen im Westen lag das Glücksland, in einem mächtigen Lichttor oder mit goldenen Ebenen, die sich bis in die Unendlichkeit hineinerstreckten. Es lag da und leuchtete mit einem eigenen Locken, so daß er die Begrenzung seiner Fähigkeiten vergaß und weiter hinausschwamm, als es seine Kräfte gestalteten. Und wenn er dann umkehrte und mit zu heftigen Stößen die blühende Schicht beiseite schob, glotzte ihn das Wasser schwarz an, und der Schrecken der Tiefe schlug über ihm zusammen.

Eines Abends waren sie feindselig gegen ihn gewesen, und einer von ihnen behauptete, man könne noch die Striemen der Peitsche auf Pelles Rücken sehen. »Pelle hat niemals was mit der Peitsche bekommen!« rief Morten empört. Pelle selbst erwiderte nichts, sondern folgte dem »Geschwader«, es lag etwas Verbissenes über seinem ganzen Wesen.

Es war ein wenig Seegang, der sie vielleicht aus der Richtung gebracht hatte, vielleicht war der Wasserstand auch höher als gewöhnlich – sie konnten die Ruheklippe nicht finden. Eine Weile plätscherten sie suchend umher und setzten Kräfte zu, dann lenkten sie den Kurs dem Lande zu. Pelle sah ihnen mit wunderlichen Augen nach.

»Leg dich auf den Rücken und ruh dich aus!« riefen sie, als sie vorüberkamen und dann schwammen sie dem Ufer zu; ein klein wenig Panik war über alle gekommen. Pelle versuchte zu ruhen, hatte aber keine Übung darin, die Wellen schlugen ihm über das Gesicht – dann bemühte er sich, den andern zu folgen. Am Strande war große Aufregung; er dachte, was das wohl zu bedeuten habe; Morten, der niemals am Baden teilgenommen hatte, war auf einen Stein gestiegen und stand da und rief.

Einige von den ersten waren bereits in Sicherheit. »Hier kannst du gründen!« riefen sie und standen mit in die Höhe gestreckten Armen da, das Wasser bis an den Mund. Pelle arbeitete unverdrossen weiter, war aber fest davon überzeugt, daß es ganz zwecklos sei. Er machte nur geringe Fortschritte und sank tiefer und tiefer. Jeden Augenblick überrumpelte ihn eine Welle und füllte ihn mit Wasser. Die Schneidigsten kamen wieder hinaus, sie schwammen um ihn her und suchten ihm zu helfen, das machte die Sache nur noch schlimmer. Er sah Morten schreiend ins Wasser laufen mit allen Kleidern, und das gab ihm wieder einige Kräfte. Aber dann erlahmten plötzlich seine Arme, er lag da und wühlte auf demselben Fleck herum, nur die Augen waren über dem Wasser. Pelle war im Schlaf so oft geflogen, und immer war da etwas, das seine Beine festhielt und den Flug hemmte. Aber jetzt war es Wirklichkeit, er hing oben in der blauen Luft und schwebte auf ausgebreiteten Flügeln, und da oben aus der Dunkelheit vernahm er Stimmen. »Pelle,« riefen sie, »kleiner Pelle!« – »Ja, Vater Lasse«, antwortete er und faltete erleichtert seine müden Flügel zusammen; er sank in wirbelnder Eile, es kochte in seinen Ohren.

Dann empfand er plötzlich einen heftigen Schmerz in seinem Schienbein. Die Hände griffen in wachsende Pflanzen hinein. Er stand mit einem Sprung kerzengrade, und Licht und Luft fluteten über ihn, wie aus einem neuen Dasein. Da drinnen liefen die Jungen entsetzt herum, ein Bein in der Hose, und er stand auf einer unterseeischen Klippe, bis an die Brust im Wasser und brach Seewasser topfweise heraus. Rings um ihn her lagen die Schwimmer und plätscherten und waren mitten drin in allen möglichen Tauchübungen, um ihn vom Meeresgrunde heraufzuholen. Das Ganze war im Grunde ulkig, und Pelle hob die Arme hoch über den Kopf empor als Gruß an das Leben und nahm die See mit einem langen Kopfsprung. Ein gutes Stück weiter tauchte er wieder auf und kam, die Wellen zerteilend, daher, wie ein Tummler in ausgelassenen Sprüngen. Aber am Strande fiel er, wie ihn Gott geschaffen hatte, in einen tiefen Schlaf – den einen Strumpf hatte er gerade noch über die eine große Zehe gezogen.

Seit jenem Tag kannten die Jungen ihn wieder. Er hatte freilich keine Heldentat ausgeführt, aber das Schicksal hatte einen Augenblick auf seinem Haupt geruht – das war genug! Pelle selbst steckte in Zukunft immer den Streichstahl ein und legte ihn an das Ufer, mit der Spitze dem Lande zu – er hatte doch noch Lust, ein wenig länger zu leben. Sonst ließ er sich nicht abschrecken, sondern ging darauflos.

Wenn der Sturm auf das Ufer zu stand, daß sie nicht hindurchschwimmen konnten, legten sie sich an den Rand des Meeres und ließen sich von den Wellen herumrollen. Dann kam das ganze Meer in fegendem Flug von Westen daher, um sich über sie zu stürzen, es jagte vorwärts wie Horden von weißen Pferden, die grauen Mähnen schräge dahinstiebend. Aufbäumend kommen sie, fegen die See mit dem weißen Schwanz, hauen wild in der Luft herum mit den Hufen und gehen unter. Andere springen daher, über sie hinweg in geschlossener Reihe. Sie liegen flach auf dem Wasser und jagen dahin. Der Sturm reißt ihnen den weißen Schaum aus den Mäulern und führt ihn über den Strand dahin, wo er sich an die Büsche hängt und schimmernd in nichts verschwindet. Bis an den Uferrand spritzen sie und sinken tot zusammen. Aber von da draußen stürmen neue Horden herbei, als sollte das Land niedergerannt werden, sie erheben sich schäumend und hauen nach einander, springen schnaubend und zitternd hoch in die Luft auf und zerbersten vor Panik, niemals nimmt das ein Ende. Da draußen in weiter Ferne geht die Sonne in einem brandroten Qualm unter. Ein Wolkenstreifen liegt darüber und breitet sich weit aus bis in die Unendlichkeit hinein. Gleich einem glühenden Steppenbrand klammert er den Horizont ein und jagt die Horden vor sich her in panischem Schrecken; und am Strande jauchzt die nackte Jungenschar. Hin und her springen sie mit ausgebreiteten Armen und jagen rufend die wilden Pferde wieder ins Meer hinaus.


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