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Erstes Buch


I

Es war am 1. Mai 1877, in der frühen Morgendämmerung. Von der See kam der Nebel dahergefegt mit einer grauen Schleppe, die schwer auf dem Wasser lag. Hin und wieder zuckte es darin; er wollte sich lichten, schloß sich aber wieder und ließ nur so eben ein Stückchen Strand mit zwei alten Booten zurück, die mit dem Boden nach oben lagen; der Steven eines dritten Bootes und ein Stück Mole ragten ein paar Schritte seitwärts aus der trüben Luft auf. In bestimmten Zwischenräumen glitt eine flache Welle graublank aus dem Nebel hervor, leckte über den rasselnden Strandkies hin und zog sich wieder zurück; es machte den Eindruck, als liege ein großes Tier da drinne in der Nebelmasse verborgen und schlecke nach Land.

Ein paar hungrige Krähen hatten sich auf einem schwarzen, aufgeblähten Gegenstand da unten niedergelassen – vielleicht war es der Kadaver eines Hundes. Jedesmal, wenn das Wellenschlecken vorglitt, flogen sie auf und hielten sich ein paar Ellen in der Luft schwebend, die Beine senkrecht auf die Beute zu ausgestreckt, als hingen sie unsichtbar daran fest. Wenn dann die See weiter zurückseufzte, ließen sie sich herabfallen und bohrten den Kopf tief in das Aas hinein; die Flügel aber hielten sie nun hoch ausgebreitet, bereit, bei dem nächsten Schlecken aufzufliegen. Das wirkte mit der Regelmäßigkeit eines Zeitmessers.

Ein Ruf zitterte über den Hafen hin, und nach einer kleinen Weile hörte man den schweren Laut von Rudern, die über einem Bootsrande arbeiteten. Der Laut entfernte sich seewärts und hörte schließlich ganz auf. Aber dann begann eine eherne Glocke zu arbeiten, das mußte auf der äußersten Mole sein. Und aus der Tiefe heraus, wo die Ruderschläge verschwunden waren, antwortete ein Nebelhorn. Sie fuhren fort, einander zu antworten mit einem Zwischenraum von ein paar Minuten.

Die Stadt war nicht zu sehen, hin und wieder aber wurde die Stille da oben von den eisernen Absätzen an den Holzschuhen eines Stein- oder Kaolinarbeiters auf dem Steinpflaster zerspalten. Der scharfe Takt war lange zu hören, bis er plötzlich um irgendeine Ecke verschwand. Dann wurde eine Tür geöffnet, und es erklang ein kräftiges Morgengähnen; jemand machte sich daran, den Bürgersteig zu fegen. Fenster wurden hier und da aufgerissen, und verschiedene Laute zogen hinaus als Gruß in den grauen Tag. »Du Schwein, hast du dich schon wieder naß gemacht!« schrie eine scharfe Frauenstimme; man hörte kurze, durchdringende Klapse und das Weinen eines Kindes. Ein Schuster fing an Leder zu klopfen, nach einer Weile fiel er mit dem Gesang eines christlichen Liedes im Takt zu der Arbeit ein:

»Nur eins hat Wert auf Erden, liebe Brüder:
Das Lamm, das aller Welten Sünde trug.«

Die Melodie war einem von Mendelssohns Liedern ohne Worte entnommen.

Auf der Bank unter der Kirchenmauer saß die Mannschaft eines Bootes und starrte weitsichtig nach der See hinaus. Vornübergebeugt saßen sie da, die gefalteten Hände hingen zwischen den Knien herab, sie rauchten aus ihren kurzen Pfeifen. Alte drei hatten Ringe in den Ohren gegen Erkältung und andere Krankheiten und nahmen genau dieselbe Stellung ein – als sei der eine bange, sich auch nur im geringsten von dem anderen zu unterscheiden.

Ein Reisender kam oben vom Hotel herabgeschlendert und ging zu den Fischern hin. Er hatte den Kragen über die Ohren heraufgezogen und kroch zusammen in der Morgenkälte. »Ist hier irgend etwas los?« fragte er höflich und nahm die Mütze ab. Seine Stimme klang morgenheiser.

Einer von den Fischern bewegte die Faust ein klein wenig in der Richtung auf die Kopfbedeckung zu, es war der Vormann der Bootsbesatzung. Die anderen starrten unerschütterlich geradeaus mit verschlossenen Mienen.

»Ich meine nur, weil es läutet und das Lotsenboot da draußen liegt und tutet«, wiederholte er. »Wird vielleicht ein Schiff erwartet?«

»Das kann ja sein; das kann einer ja nie wissen!« antwortete der Bootssteuerer unzugänglich.

Der Fremde machte ein Gesicht, als sei er Gegenstand einer groben Unverschämtheit, aber er besann sich. Es war ja nichts weiter als diese gewöhnliche Geheimniskrämerei – eingewurzeltes Mißtrauen gegen alles, was nicht ihren eigenen Dialekt sprach und genau so aussah wie sie selber. Sie saßen da und waren inwendig unruhig, trotz des hölzernen Äußern, schielten verstohlen zu ihm hinüber und wünschten ihn weit weg. Er bekam Lust, sie ein wenig zu peinigen.

»Herr Gott, ist es vielleicht ein Geheimnis?« sagte er lachend.

»Nee, nich', daß ich wüßt«, antwortete der Fischer mürrisch.

»Ja, ich verlange natürlich nichts für umsonst! Das Maulwerk wird ja wohl auch abgenutzt, wenn man es auf und zu macht. Wieviel pflegen Sie zu bekommen?« Er griff nach dem Geldbeutel, jetzt war es seine Absicht zu beleidigen.

Die anderen Fischer warfen dem Bootssteuerer verstohlene Blicke zu – wenn der Mann bloß nich' aus'n Ruder lief!

Der Bootssteuerer nahm die Pfeife zwischen den Zähnen heraus und wandte sich an seine Kameraden: »Ja, was ich schon vorhin sagt', was das anbetrifft, so könn'n welche Leute 'rumreisen und mit allens schachern, was es auch is.« Er zwinkerte ihnen mit den Augen zu, der Ausdruck in seinem Gesicht war verschlagen. Die Kameraden nickten; sie ergötzten sich, der Handelsreisende konnte es ihren törichten Mienen ansehen.

Er war rasend, hier stand er und wurde wie Luft behandelt und diente ihnen trotzdem zum Gespött. »Zum Teufel auch, Kerls, habt ihr denn nicht so viel gelernt, daß man höflich auf eine höfliche Frage antwortet?« sagte er empört.

Die Fischer sahen ihn an, sie hielten stumme Beratschlagung ab.

»Nee, aber ich will Sie man sagen, mal eins muß er ja doch kommen, sollt ich meinen«, sagte der Bootssteuerer endlich.

»Was für ein Er, zum Kuckuck auch?«

»Der Dampfer, sollt ich meinen. Und das pflegt gewöhnlich so um diese Zeit zu sein.«

»Natürlich – das versteht sich«, höhnte der Reisende. »Aber ist es nun auch ratsam, so laut davon zu reden?«

Die Fischer hatten ihm den Rücken zugewendet und standen da und wühlten in ihren Pfeifen.

»Hier bei uns sind wir nich' so offenmündig wie gewisse andere Leute, und darum verdienen wir unser Brot doch«, sagte der Bootssteuerer zu den anderen. Sie brummten etwas Beifälliges.

Der Fremde schlenderte den Hafenhügel hinab, die Fischer sahen ihm erleichtert nach. »So 'n Bengel!«, sagte der eine. »Der wollt' sich musig machen. Aber du gabst es ihm gründlich, da kann er lange an schlucken!«

»Ja, das sitzt!« entgegnete der Bootssteuerer mit Selbstgefühl. – »Der feine Dreck, da muß einer sich am meisten vor hüten.«

In der Mitte des Hafenhügels stand ein Gastwirt und gähnte draußen vor seiner Tür. Dem wiederholte der Morgenwanderer seine Frage und erhielt sofort Antwort – der Mann war Kopenhagener.

»Ja, sehen Sie, wir warten auf den Dampfer, der heut mit 'ner gewaltigen Ladung Sklaven aus Ystadt kommt. Billiges Arbeitsvieh, will ich Ihnen sagen, das von Schwarzbrot und salzenen Heringen lebt und für dreie arbeiten kann. Sie sollten, weiß Gott, mit 'n glühenden Eiszapfen auf 'n Nabel gepeitscht werden, das sollten sie – und die Bauernbiester ebenfalls. – 'n kleiner Bitterer auf 'n nüchternen Magen gefällig?«

»Nein, ich danke, lieber nicht – so früh.«

»Na, nich' für ungut. Aber auf so wenig kann ich wirklich nich' 'rausgeben.«


Auf dem Hafenplatz hielten schon eine Menge Bauernwagen, und jeden Augenblick kamen neue von oben heruntergerollt, in voller Fahrt. Die Neuangekommenen lenkten ihr Gespann so weit wie möglich nach vorn vor, untersuchten mit kritischem Blick die Pferde ihrer Nebenmänner und setzten sich dann hin, um noch ein wenig zu nicken, zusammengesunken, den Pelzkragen in die Höhe gezogen und einen großen klaren Tropfen unter der Nase. Zöllner in Uniform und Lotsen, die ungeheuren Pinguinen glichen, schlenderten unruhig umher, spähten über die See hinaus und lauschten. Jeden Augenblick wurde auf der äußersten Mole mit der Glocke geläutet, und das Tuthorn des Lotsenbootes antwortete von irgendwoher draußen aus dem Nebel über der See – mit einem langgezogenen, häßlichen Tuten wie von einem kranken Tier.

»Was, zum Teufel, war denn das?« fragte ein Bauer, der eben gekommen war, und griff erschreckt in die Zügel. Die Furcht teilte sich von ihm den Pferden mit; sie standen da und zitterten, den Kopf hoch erhoben, und lauschten angespannt mit fragender Angst in den Augen auf die See hinaus.

»Ach, das war man bloß die Seeschlange, die ein bißchen jault«, sagte ein Zollbeamter. »Die leidet bei diesem nebligen Wetter immer an Winden – sie ist ein Windschlucker, will ich Ihnen sagen.«

Die Zöllner steckten die Köpfe zusammen und grinsten.

Muntere junge Seeleute in blauen Anzügen und weißem Halstuch gingen umher und streichelten die Pferde oder kitzelten sie mit einem Strohhalm in der Nase, damit sie sich bäumen sollten. Wenn die Bauern aufwachten und schalten, lachten sie vergnügt und sangen:

»Dem Seemann ist beschieden
Gar viel mehr Pein als Glück, Glück, Glück!«

Ein großer Lotse in isländischer Jacke und Fausthandschuhen fuhr unruhig umher, ein Sprachrohr in der Hand, und brummte wie ein nervöser Bär. Von Zeit zu Zeit kroch er auf den Molenkopf hinaus, setzte das Sprachrohr an den Mund und brüllte über das Wasser hin: »Hört – ihr – was?« Das Brüllen ritt lange auf den langen Dünungen auf und nieder; hier drinnen hinterließ es ein drückendes Schweigen. Und plötzlich kam es von oben her aus der Stadt zurück als unförmliches Lallen, das die Leute zum Lachen brachte.

»Nei–n«, erklang es nach einer kleinen Weile dünn und langgezogen aus der Tiefe. Und man hörte von neuem das Horn tuten, ein langer, heiserer Laut, der sich mit den Dünungen ans Ufer wiegte und gurgelnd in dem Wellengeplätscher an dem Bollwerk und den Pfählen barst.

Die Bauern befanden sich im Grunde außerhalb des Ganzen, sie schliefen oder saßen da und wippten mit der Peitsche, um die Zeit hinzubringen. Aber alle anderen waren in Spannung. Allmählich hatten sich eine ganze Menge Menschen am Hafen versammelt: die Fischer, Seeleute, die noch nicht verheuert waren, und kleine Handwerksmeister, die die Unruhe aus der Werkstatt vertrieben hatte. Sie kamen mit ihren Schurzfellen herbeigerannt, um atemlos die Sachlage zu bereden; sie gebrauchten seemännische Ausdrücke, die meisten von ihnen waren in ihren jungen Jahren zu See gewesen. Die Ankunft des Dampfers war immer ein Ereignis, das die Menschen am Hafen versammelte; aber heute hatte er die vielen Menschen an Bord, und es war schon eine Stunde über die Zeit hinaus vergangen. Der gefährliche Nebel verlieh der Spannung Hochdruck; aber je mehr Zeit verging, um so mehr wich die Spannung einer dumpfen, gedrückten Stimmung. Der Nebel ist der ärgste Feind des Seemannes, und es lagen viele unheimliche Möglichkeiten vor. Bestenfalls war das Schiff wohl zu weit nordwärts oder südwärts auf Land gestoßen und lag nun irgendwo da draußen auf der See und brüllte und lotete, ohne daß es den Mut fassen konnte, sich zu rühren. Dann glich der Kapitän einem Unwetter, und die Matrosen sprangen wie die Katzen. Stopp! – Langsam voraus! – Stopp! – Langsam zurück! Der erste Maschinenmeister stand selbst an der Maschine und war grau und runzelig vor nervöser Spannung. Da unten in der Maschine, wo sie gar nichts wußten, horchten sie sich die Ohren aus dem Kopf heraus ohne allen Nutzen; aber oben auf Deck war jeder Mann um das Leben besorgt. Der Rudergast beobachtete die lenkende Handbewegung des Kapitäns, so daß ihm der Schweiß aus den Poren quoll, der Ausguckmann auf der Back starrte und lauschte in den Nebel hinein, bis er sein eigenes Herz schlagen hörte, jeder Mann auf Deck zappelte förmlich. Und die Dampfpfeife tutete warnend. – Aber vielleicht lag das Schiff schon auf dem Grunde des Meeres.

Alle kannten das, jeder Mann war auf irgendeine Weise mit dabei gewesen in dieser überladenen Spannung – als Schiffsjunge, Heizer, Kapitän, Koch – und nun wallte ihm etwas davon wieder im Blut auf. Nur die Bauern befanden sich außerhalb des Ganzen, sie schliefen, fuhren mit einem Ruck in die Höhe und gähnten hörbar.

Die Seeleute und die Bauern konnten sich nie so recht vertragen, sie waren ebenso verschieden wie die Erde und das Meer. Aber heute sah man sich geradezu wütend an den Bauern und ihrer gleichgültigen Haltung. Der dicke Lotse war schon mehrmals mit ihnen in Streit geraten, weil sie ihm den Weg versperrten; und als sich einer von ihnen eine Blöße gab, fiel er sogleich über ihn her. Es war ein älterer Bauer, der erwachte, weil er mit dem Kopf vornüber fiel; er sah ungeduldig nach der Uhr und sagte:

»Na, das zieht sich ja reichlich in die Länge, der Kapten kann heut woll nich' in die Stalltür 'rein finden.«

»Er ist wohl unterwegs in einem Krug hacken geblieben«, sagte der Lotse, vor Wut funkelnd.

»Ja, das mag woll sein!« sagte der Bauer, ohne sich die Straßen des Meeres weiter klarzumachen. Die Zuhörer stimmten ein Hohngelächter an und ließen das Mißverständnis weiter über den Hafenplatz gehen. Man scharte sich um den Unglücksraben. »Wie viele Krugwirtschaften gibt es von hier bis nach Schweden 'rüber?« rief man.

»Ja, da draußen kann man ja leicht zu dem Nassen kommen, das ist das Unglück!« fuhr der Lotse fort. »Sonst könnt' jeder Grützesser ein Schiff führen. Man braucht ja man bloß gut nach rechts zu halten, um Hansens Hof herum, dann liegt die Landstraße gerade vor einem. Und 'ne verteufelte Landstraß'! Telegraphendrähte und Gräben und 'ne Reihe Pappeln an jeder Seit' – eben gründlich ausgebessert von der Gemeindeverwaltung. Die Grütze aus dem Bart, der Alten einen Schmatz und 'rauf auf die Kommandobrück'. Is die Maschine geschmiert, Hans? Na ja, denn man los in Gottes Namen – lang mir mal die Staatspeitsch' her!« Er ahmte die Sprache der Bauern nach. »Hüt dich auch vor den Schenken, Vater!« fügte er mit pfeifender Frauenstimme hinzu. Ein gewaltiges Lachen folgte, es klang unheimlich infolge der gedrückten Unterstimmung.

Der Bauer saß ganz ruhig da und nahm den ganzen Schauer hin; er duckte nur den Kopf ein klein wenig. Als das Lachen im Begriff war, sich zu legen, zeigte er mit der Peitsche auf den Lotsen und sagte zu den Unterstehenden:

»Na, is das aber ein mordsmäßiger Kopf, der da auf so 'n Kind sitzt! Wen sein Vater bist du, mein Jung'!« wandte er sich an den Lotsen.

Es lachten mehrere, und der dickhalsige Lotse bekam einen ganz roten Kopf vor Wut. Er griff in den Wagenkorb und rüttelte ihn, so daß der Bauer Mühe hatte, sitzen zu bleiben. »Du jammervoller Klutenperrer, du Schweinezüchter, du Mistfahrer!« brüllte er rasend. »Kommst du hierher und willst erwachsene Leute duzen und sie Jung' nennen! Und noch dazu über Schifffahrt räsonieren, hä – so 'n Lausepelz, der dick voll Schulden sitzt! – Nee, wenn dich je die Lust ankomm'n sollt', deine fettige Nachtmütz' vor anderen als vor dem Küster zu Haus abzunehmen, denn nimm sie vor dem Schiffsführer ab, der bei so einem Nebel wie dies in' Hafen 'reinfinden kann! Grüß man vielmals und sag, das hätt' ich gesagt.« Er ließ den Wagen so jäh los, daß er nach der anderen Seite hinüberschlug.

»Ich muß sie woll man lieber vor dir abnehmen, denn es scheint ja so, als wenn der andere uns heut nich' finden kann«, sagte der Bauer grinsend und strich die Pelzmütze vom Kopf, so daß ein großer, kahler Kopf sichtbar wurde.

»Deck man schnell den Kinderpopo zu, oder, weiß Gott, ich versohl ihn dir!« rief der Lotse, blind vor Wut, und wollte auf den Wagen hinaufkriechen.

Im selben Moment ertönte wie aus einem Telephon ein fernes, schwaches Quieken aus der Tiefe heraus: »Wir – hören – eine – Dampfpfeife!«

Der Lotse sprang über die Mole hinüber und versetzte im Vorbeispringen den Pferden des Bauern einen Schlag, so daß sie sich bäumten; Männer stellten sich klar bei den Festmachpollern und kamen in wilder Fahrt mit der Landungsbrücke herbeigeschurrt; die Wagen, in denen hinten Stroh lag, als wenn sie Vieh holen wollten, fingen an zu fahren, obwohl sie nirgends hinfahren konnten, sie mahlten rund herum auf einem Fleck. Alles war in Bewegung. Vermieter mit roten Nasen und schlauen Augen kamen von obenher aus der Schifferkneipe gestürzt, wo sie sich warm gehalten hatten.

Und als habe eine mächtige Klaue plötzlich in die Bewegung eingegriffen, stand auf einmal alles wieder still, in angespanntem Lauschen – ein in der Ferne verschwindendes Brüllen einer Dampfpfeife klagte neugeboren irgendwo weit weg. Man schlich in Haufen zusammen, stand in versteinertem Lauschen und sandte den unruhigen Fuhrwerken böse Blicke zu; war es Wirklichkeit, oder war es nur die Ausgeburt von den heftigen Wünschen so vieler? – vielleicht eine Vorbedeutung für jedermann, daß das Schiff in diesem Augenblick unterging? Das Meer schickt immer Botschaft von seinen bösen Taten; die Hinterbliebenen hören eine Luke knarren, wenn der Versorger davongeht, oder es wird dreimal an die Fenster geklopft, die nach der See hinausliegen, – es gibt so viele Art und Weisen.

Aber dann erklang es wieder, und diesmal lief der Laut in feinen Tonrillen über das Wasser, dasselbe zitternde Halbpfeifen, wie wenn Vögel auffliegen – es lebte. Und das Nebelhorn draußen in der Einfahrt antwortete ihm, und drinnen auf dem Molenkopf die eherne Glocke; dann wieder das Tuthorn – und die Dampfpfeife in der Ferne. Und so fuhr es fort, ein Leitfaden aus Lauten wurde zwischen dem Ufer und dem unbestimmten Grau da draußen gesponnen, hin und her. Man konnte hier auf dem festen Lande deutlich spüren, wie man sich da draußen, dem Laute folgend, vorwärtstastete – das heisere Brüllen nahm langsam zu an Stärke, wich ein wenig nach Süden oder Norden, nahm aber beständig zu. Und andere Laute brachen sich Bahn, schweres Scheuern von Eisen auf Eisen, der Lärm der Schraube, wenn sie zurückschlug oder wieder auf Vorwärtsgang ansprang.

Das Lotsenboot glitt langsam aus dem Nebel hervor. Es hielt sich mitten in der Einfahrt, bewegte sich besonnen dem Ufer zu und tutete unaufhörlich. Mittels des Lautes schleppte es eine unsichtbare Welt nach sich, wo Hunderte von Stimmen tief hinein murmelten in Rufe und Klänge und schallende Fußtritte – eine Welt, die blindlings hier ganz in der Nähe im Raume floß. Dann bildete sich ein Schatten im Nebel, wo ihn niemand erwartet hatte, und der kleine Dampfer brach hervor – ein Koloß im ersten Augenblick der Überraschung – und legte sich mitten in die Einfahrt.

Jetzt barst der letzte Rest der Spannung über das Ganze, jeder Mensch mußte irgend etwas unternehmen, um sich auszulösen. Sie packten die Pferde der Bauern bei den Köpfen und drängten sie zurück, klatschten in die Hände, versuchten einen Witz oder lachten nur lärmend und stampften auf das Pflaster. »Gute Reise?« fragten ein Dutzend Stimmen auf einmal.

»All right!« antwortete der Kapitän munter. Und nun ist auch er ausgelöst, die Kommandorufe entrollen ihm, die Schraube läuft kochend rückwärts, Trossen fliegen durch die Luft, die Dampfwinde bewegt sich mit singendem Metallklang. Und mit der breiten Seite arbeitet sich das Schiff an das Bollwerk heran.

Auf dem Vordeck zwischen Back und Brücke, drinnen unter dem Bootsdeck und Achtern – überall wimmelt es. Es ist ein wunderlich unsinniges Gewimmel wie von Schafen, die einander auf den Rücken klettern und die Mäuler aufsperren. »Nee, was für 'ne Ladung Vieh!« ruft der dicke Lotse dem Kapitän zu und stampft entzückt mit seinem Holzschuhstiefel auf die Mole. Da sind Schafpelzmützen, alte Soldatenmützen, fuchsrote abgescheuerte Hüte und die kleidsamen schwarzen Kopftücher der Frauen. Die Gesichter sind so verschieden voneinander wie altes, eingeschrumpftes Schweineleder und junge, reifende Frucht, aber Entbehrungen und Erwartungen und eine gewisse Lebensgier leuchten aus ihnen allen. Und die Ungewöhnlichkeit des Augenblicks gießt einen Schimmer von Dummheit über sie aus, wie sie sich da vordrängen oder übereinander hinwegklettern und mit offenen Mienen das Land anstarren, wo die Löhne so hoch sein sollen und der Branntwein so mörderlich stark.

Sie sehen die dicken, pelzgekleideten Bauern und die rotangelaufenen Vermieter.

Sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen, und stehen überall im Wege, – die Matrosen jagen sie fluchend von einer Seite des Schiffes auf die andere oder werfen ihnen ohne einen Warnungsruf Luken und Stückgüter auf die Beine. »Weg da, du schwed'scher Deubel!« ruft ein Matrose, der die eisernen Türen aufmachen soll. Der Schwede drückt sich verwirrt, aber die Hand fährt auf eigene Rechnung in die Tasche und fingert nervös an dem großen Klappmesser herum.

Die Landungsbrücke ist klar, und die drittehalb hundert Passagiere strömen von Bord – Steinhauer, Hafenarbeiter, Dienstmädchen, männliche und weibliche Tagelöhner, Knechte, Kuhhirten, hin und wieder ein einsamer kleiner Hirtenjunge und elegante Schneider, die sich von den anderen fernhalten. Da sind junge Leute, so kerzengerade und gut gebaut, wie sie die Insel hier nicht hervorbringt, und arme Teufel, so mitgenommen von Arbeit und Entbehrungen, wie das hier nie der Fall ist. Es sind auch Gesichter dazwischen, aus denen die offenkundige Bosheit herausleuchtet – und andere, die von Energie sprühen oder von großen Narben entstellt werden.

Die meisten sind in Arbeitskleidung und haben nur das mit sich, worin sie gehen und stehen, hin und wieder wohl ein Stück Gerät über dem Nacken – eine Schaufel oder eine eiserne Stange. Diejenigen, die Gepäck haben, müssen sich eine gründliche Durchsuchung vom Zollwesen gefallen lassen. – Stoffe sind so billig in Schweden. Hin und wieder muß sich ein Mädchen, das ein wenig stark ist, in den grobkörnigen Scherz der Zöllner finden, so zum Beispiel die hübsche Sara aus Cimrishamn, die alle kennen. Jeden Herbst reist sie nach Hause und kommt in jedem Frühling wieder – in den gesegnetsten Umständen. »Das ist Konterbande!« sagen die Zöllner und zeigen mit den Fingern auf sie; sie machen jedes Jahr denselben Witz und haben sich schon darauf gefreut. Aber Sara, die sonst so hitzig und schlagfertig mit dem Mundwerk ist, starrt verschämt zu Boden – sie hat zwanzig Ellen Tuch unter die Röcke gewickelt.

Die Bauern sind jetzt ganz wach geworden. Wer die Pferde verlassen kann, mischt sich unter die Menge, die anderen wählen sich ihre Arbeitskraft mit den Augen aus und rufen die Betreffenden an. Jeder legt seinen Maßstab an – Schulterbreite, bescheidene Haltung, Erbärmlichkeit; aber vor den narbigen und boshaften Gesichtern haben sie Angst, die überlassen sie den Verwaltern auf den großen Gütern. Es wird geboten und gefeilscht, jeden Augenblick kriechen ein oder zwei Schweden in das Stroh hinten im Wagen und rollen davon. – –

Ein wenig abseits stand ein älteres gebeugtes Männchen mit einem Sack auf dem Rücken und einem acht- bis neunjährigen Jungen an der Hand; zu ihren Füßen lag eine grüne Kiste. Sie folgten aufmerksam den Vorgängen, und jedesmal, wenn ein Wagen mit ein paar von ihren Landsleuten davonrollte, zupfte der Knabe ungeduldig den Alten, der ihm dann beruhigend zuredete. Der alte Mann untersuchte die Bauern einen nach dem anderen mit bekümmerter Miene und bewegte dazu die Lippen – er dachte. Beständig liefen ihm die roten, wimperlosen Augen infolge des Starrens über, und er trocknete sie mit dem groben, schmutzigen Sackhals ab.

»Siehst du den da?« sagte er plötzlich zu dem Jungen und zeigte auf einen kleinen, dicken Bauer mit Apfelwangen. »Was meinst du? Der is gewiß gut gegen Kinder. Wollen wir es mal versuchen, Junge?«

Der Kleine nickte ernsthaft, und sie steuerten auf den Bauern los. Als er aber hörte, daß sie zusammenbleiben mußten, wollte er sie nicht haben, – der Junge sei zu klein, um sich sein Brot zu verdienen. Und so erging es ihnen jedesmal.

Es waren Lasse Karlsson aus Tommelilla in der Ystader Gegend und sein Sohn Pelle.

Ganz fremd war Lasse ja nicht, er war schon einmal auf der Insel gewesen – vor ungefähr zehn Jahren. Aber damals war er jünger, sozusagen in seiner besten Arbeitskraft, und hatte nicht den kleinen Jungen an der Hand, von dem er sich um alles in der Welt nicht trennen wollte – das war der Unterschied. Es war in dem Jahr, als die Kuh in der Mergelgrube ertrank und Bengta ihrem Wochenbett entgegensah. Karg sah es ja nur aus, aber Lasse setzte alles auf eine Karte und benutzte die paar Kronen, die er für die Haut der Kuh bekam, um dafür nach Bornholm zu fahren. Als er im Herbst nach Hause zurückkehrte, waren sie drei Münder, aber da hatte er auch hundert Kronen, mit denen er dem Winter entgegensetzen konnte.

Lasse war damals imstande gewesen, die Situation zu retten; und noch heute konnte sich seine alte Gestalt straff aufrichten, wenn er an die Heldentat dachte. Später, wenn Schmalhans regierte, sprach er immer davon, den ganzen Plunder zu verkaufen und für immer nach Bornholm zu ziehen. Aber Bengta kränkelte nach dem späten Wochenbett, und es wurde nichts daraus – nicht eher, als bis sie nach achtjährigem Elend starb, jetzt, kürzlich im Frühling. Da verkaufte Lasse die Überreste unter der Hand und erhielt knapp hundert Kronen dafür; die gingen damit drauf, jedem das Seine zu bezahlen; die lange Krankheit hatte gezehrt. Das Haus und der Boden gehörten dem Gutsbesitzer. Eine grüne Kiste, die zu Bengtas Aussteuer gehört hatte, war das einzige Stück, das er behielt. Da hinein packte er ihre Gebrauchsgegenstände und einige von Bengtas Kleinigkeiten und schickte sie mit einem Roßkamm, der Pferd und Wagen hatte, vorauf in die Hafenstadt. Allerlei altes Gerümpel, worauf niemand bieten wollte, stopfte er in einen Sack, und den über dem Nacken und den Knaben an der Hand, machte er sich auf die Fußwanderung nach Ystad, wo der Dampfer von Rönne anlegte. Das Geld reichte gerade zur Überfahrt.

Er war seiner Sache unterwegs so sicher gewesen und hatte Pelle in hohen Tönen von diesem Lande erzählt, in dem die Löhne so unfaßbar hoch waren, und wo man zuweilen Belag zu dem Brot bekam und immer Bier dazu, so daß der Wasserwagen in der Ernte nicht bei den Arbeitern umherfuhr, sondern nur für das Vieh da war. Und – ja, wer wollte, der konnte Branntwein wie Wasser trinken, so billig war der, aber er war so stark, daß er einen schon beim dritten Glas umstieß. Sie brannten ihn aus richtigem Korn und nicht aus kranken Kartoffeln, und sie tranken ihn zu jeder Mahlzeit. Und nie brauchte der Junge da zu frieren, denn da trug man Wolle am bloßen Leib und nicht diese ungebleichte Leinwand, durch die es so kalt hindurchblies; aber ein Arbeiter, der sich selbst beköstigte, bekam leicht seine zwei Kronen den Tag. Das war ganz was anderes als die lausigen achtzig Öre des Gutsbesitzers bei eigener Beköstigung.

Pelle hatte dasselbe schon viele Male gehört – von dem Vater, von Ole und Anders, von Karna und hundert anderen, die auch hier gewesen waren. Im Winter, wenn die Luft treibend dick war von Kälte und Schneegestöber und der Not der armen Leute, redeten ganz einfach alle davon in den kleinen Orten daheim. Und für die, die nicht selbst auf der Insel gewesen waren, sondern nur davon hatten erzählen hören, trieb die Vorstellung ganz phantastische Schüsse um die Wette mit dem Frost an den Fensterscheiben.

Pelle wußte es ganz genau, daß hier selbst die ärmsten Jungen immer in ihren besten Anzügen gingen und Schmalzbrot mit Zucker darauf aßen, so viel sie nur wollten. Hier floß das Geld ganz einfach so wie der Dreck an den Wegen entlang, und die Bornholmer mochten sich nicht einmal die Mühe machen, sich zu bücken und es aufzunehmen. Aber Pelle wollte es aufsammeln, so daß Vater Lasse das alte Gerümpel aus dem alten Sack schütten und die Beilade in der grünen Kiste leeren mußte, um Platz zu schaffen. Und selbst dann würde es noch knapp damit sein. Wenn sie jetzt nur bald wegkämen – er zupfte den Vater ungeduldig.

»Ja, ja,« sagte Lasse, dem das Weinen im Halse steckte, »ja, ja, du mußt wohl Zeit lassen!« Er sah sich unschlüssig um. Hier stand er nun mitten in all der Herrlichkeit und konnte nicht einmal einen bescheidenen Platz für sich und den Jungen finden. Er begriff das nicht. Hatte sich denn die ganze Welt seit seiner Zeit verändert? Es zitterte ihm bis in seine rauhen Hände, als der letzte Wagen von dannen rollte. Eine Weile starrte er ihm hilflos nach; dann schleppten er und der Junge die grüne Kiste an eine Mauer, und Hand in Hand wanderten sie der Stadt zu.

Lasse bewegte die Lippen beim Gehen – er dachte. Für gewöhnlich dachte er am besten, indem er laut mit sich selbst redete: aber heute waren alle seine Fähigkeiten rege, und er konnte sich damit begnügen, die Lippen zu bewegen.

Und während er so dahintrabte, gestalteten sich seine entschuldigenden Gedanken zu entschuldigenden Worten. »Zum Teufel auch,« rief er aus und sandte mit einem Stoß des Rückens den Sack weiter über den Nacken hinauf, »man soll auch nich' gleich das erste beste nehmen, was sich bietet; das is nich' mal klug! Lasse hat ja Verantwortung für zwei, sollt' ich meinen, und er weiß, was er will – na ja! Bin doch schon früher im fremden Land gewesen, weiß Gott. Und das Beste kommt immer zuletzt, daß du dir das merkst, Jung'!«

Pelle hörte nur schwach zu. Er hatte sich bereits getröstet, und die Worte des Vaters, daß ihnen das Beste noch vorbehalten sei, waren ihm nur ein schwacher Ausdruck einer mächtigen Wahrheit – daß nämlich die ganze Welt ihnen gehören würde, mit allem, was sie an Wunderbarem enthielt, mit Stumpf und Stiel. Er war schon im Begriff, sie in Besitz zu nehmen – mit weitgeöffnetem Munde.

Er ging mit einer Miene einher, als wollte er den ganzen Hafen verschlingen, mit allen seinen Schiffen und Booten und den großen Bretterstapeln, die wohl so aussahen, als seien sie inwendig hohl. Ja, hier war ein Spielplatz – aber da waren keine Jungen! Ob die Jungen hier wohl auch so waren wie die zu Hause? Er hatte noch keine gesehen. Am Ende hatten sie eine ganz andere Manier, sich zu prügeln – aber er wollte schon mit ihnen fertig werden – wenn sie nur immer einer zurzeit kommen wollten. Da stand ja ein großes Schiff ganz oben an Land, und man war ja wohl im Begriff, ihm die Haut abzuziehen. Ei sieh mal an, das Schiff hatte auch Rippen, genau so wie die Kühe!

Bei dem großen Holzschuppen mitten auf dem Hafenplatz setzte Lasse den Sack nieder. Er gab dem Jungen ein Stück Brot und sagte ihm, er solle hierbleiben und acht auf den Sack geben; dann ging er weiter und verschwand. Pelle war tüchtig hungrig, er umfaßte das Brot mit beiden Händen und hieb gierig ein.

Als er die letzten Krumen von seiner Jacke aufgepickt hatte, fing er an, sich mit seiner Umgebung zu beschäftigen. Das Schwarze in dem mächtigen Kessel da war Teer, den kannte er recht gut, er hatte aber noch nie so viel auf einmal gesehen. Pfui Teufel, wenn man nun da 'reinfiel, während es kochte – das war gewiß noch schlimmer als der Schwefelpfuhl in der Hölle selbst. Und da lagen ein paar gewaltige Angelhaken, gerade solche, wie sie an dicken eisernen Ketten dem Schiff aus den Nasenlöchern herausgehangen hatten! Ob es wohl noch Riesen gab, die mit solchen Angelhaken fischen konnten? Der starke Johann ließ sie sicher auch liegen!

Er stellte aus eigener Anschauung fest, daß die Bretterstapel wirklich hohl waren und daß er mit Leichtigkeit auf ihren Boden hinabgelangen konnte – wenn er nur nicht den Sack zu schleppen gehabt hätte. Der Vater hatte gesagt, er solle acht darauf geben, und er ließ ihn keinen Augenblick aus den Händen; da er zu schwer zu tragen war, mußte er ihn von einem Gegenstand zum anderen hinter sich herziehen.

Er entdeckte ein kleines Schiff, nicht größer, als daß ein Mann ausgestreckt darin liegen konnte, und voll von gebohrten Löchern im Boden und an den Seiten; er forschte sich vorwärts bis zu dem großen Schleifstein des Schiffszimmermeisters, der fast so hoch war wie ein Mann. Hier lagen krumme Planken, in denen Nägel saßen, so groß wie des Dorfschulzen neue Spannpflöcke daheim; und das Schiff war daran vertäut, war das nicht eine richtige Kanone, die sie da aufgepflanzt hatten?

Pelle sah das alles und untersuchte jeden einzelnen Gegenstand auf erforderliche Weise – bald nur, indem er ihn abschätzend anspie, bald indem er mit dem Fuß dagegen stieß oder mit seinem Taschenmesser daran kratzte. Traf er auf irgendein seltsames Wunder, das nicht auf anderem Wege in sein kleines Gehirn hinein wollte, so setzte er sich rittlings darauf.

Dies war eine ganz neue Welt, und Pelle war im Begriff, sie zu erobern. Auch keine Faser wollte er übriglassen. Hätte er jetzt nur die Kameraden aus Tommelilla hier gehabt, so würde er es ihnen alles erklärt und sie mit allem vertraut gemacht haben. Herrje, was die glotzen würden! Aber wenn er wieder nach Schweden zurückkam, wollte er davon erzählen; dann würden sie wohl Lügenpeter zu ihm sagen, das hoffte er wenigstens.

Pelle saß da und ritt auf einem ungeheuren Mast, der auf einigen Eichenböcken auf dem Zimmerplatz ausgestreckt lag. Er klemmte die Füße unter dem Mast zusammen, wie er gehört hatte, daß es die Ritter in alten Zeiten bei ihrem Pferd getan hatten, und phantasierte, daß er in einen Ring hineingriff und sich selbst in die Höhe hob, das Pferd und das Ganze. Er saß zu Pferd mitten in seiner neuentdeckten Welt und strotzte von Erobererstolz, schlug mit der flachen Hand auf das Kreuz des Pferdes und hieb ihm die Absätze in die Seite, während er aus vollem Halse ein Lied sang. Den Sack hatte er loslassen müssen, um hier hinaufzukommen:

»Mit geladner Pistole und gespanntem Gewehr
Tanzten in Smaaland die Teufelein klein,
Der alte Teufel der spielte die Fiedel,
Eia, wie tanzen die Kleinen so fein!«

Mitten in seiner lärmenden Freude warf er einen Blick in die Luft hinauf, fing plötzlich laut zu brüllen an und ließ sich gerade in die Hauspäne hineinfallen. Oben auf dem Schuppen, neben dem ihn der Vater angebracht hatte, stand ein schwarzer Mann mit zwei schwarzen, kläffenden Höllenhunden; der Mann steckte den Oberkörper ganz aus dem Dachrücken heraus und drohte ihm. Es war eine alte Gallionfigur, aber Pelle glaubte, es sei der alte Satan selber, der komme, um ihn für das unverschämte Lied zu strafen, und in heller Angst rannte er die Straße hinan. Als er eine Strecke gerannt war, fiel ihm der Sack ein, und er blieb stehen. Er machte sich nichts aus dem Sack – und Prügel bekam er auch nicht, wenn er ihn im Stich ließ, denn Vater Lasse schlug nie; der böse Teufel würde ihn auch auffressen, wenn er sich wieder da hinunter wagte – zum allermindesten; er sah ganz deutlich, wie es rot aus den Nasenlöchern leuchtete, bei ihm und auch bei den Hunden.

Aber Pelle besann sich trotzdem. Der Vater war so besorgt um den Sack, er würde ganz sicher betrübt sein, wenn er ihn verlöre – vielleicht würde er gar weinen wie damals, als er Mutier Bengta verlor.

Zum ersten Male stand der Knabe wohl einer der ernsten eisernen Proben des Lebens gegenüber, war – wie das so vielen Menschen vor ihm ergangen ist – zwischen die Wahl gestellt, sich selbst zu opfern oder das Eigentum anderer zu opfern. Liebe zum Vater, Knabenstolz, die Pflichttreue, in der die Wiegengabe der bürgerlichen Gesellschaft an den Armen besteht – eins kam zum anderen und entschied die Wahl. Er bestand die Probe freilich nicht tapfer; er heulte fortwährend laut, während er, die Augen starr auf den Bösen und seine Höllenhunde gerichtet, nach dem Sack zurückschlich und ihn in schnellem Lauf hinter sich her die Straße hinaufschleppte.

Niemand ist wohl ein Held, ehe die Gefahr überstanden ist. Aber auch da bekam Pelle keine Gelegenheit, über seinen eigenen Mut zu schaudern; denn als er erst aus dem Bereich des schwarzen Mannes heraus war und der Schrecken ihn nun hätte loslassen sollen, da nahm er nur eine neue Form an: wo blieb nur einmal der Vater? Er hatte ja gesagt, daß er gleich wiederkommen würde! Wenn er nun gar nicht wiederkam? Vielleicht war er weggegangen, um seinen kleinen Jungen loszuwerden, der ihm nur eine Last war und es schwierig für ihn machte, einen Dienst zu finden.

Pelle war sich verzweifelnd klar darüber, daß es so kommen mußte, während er brüllend mit dem Sack abzog. So war es ja auch anderen Kindern seiner vertrautesten Bekanntschaft ergangen. Aber sie kamen an das Pfannkuchenhaus, und es ging ihnen gut, und Pelle selbst wollte schon – – vielleicht suchte er den König in eigener Person auf und wurde ins Haus aufgenommen und bekam die jungen Prinzen zu Spielgefährten und sein eigenes kleines Schloß, worin er wohnen sollte. Aber Vater Lasse sollte auch kein Körnchen abhaben, denn jetzt war Pelle böse und rachsüchtig, obwohl er noch immer ebenso aus vollem Halse brüllte. Drei Tage sollte er draußen vor der Tür stehen und anklopfen und betteln, und erst wenn er ganz jämmerlich weinte – nein, er wollte ihm doch nur lieber gleich erlauben hineinzukommen, denn Vater Lasses Weinen war das qualvollste in der ganzen Welt. Aber er sollte auch nicht einen einzigen von den Nägeln haben, mit denen Pelle seine Taschen unten auf dem Zimmerplatz gefüllt hatte; und wenn die Frau des Königs ihnen den Kaffee ans Bett brachte – Pelle hielt inne mit seinem verzweifelten Weinen wie auch mit seinen glücklichen Phantasien – aus einer Wirtschaft ganz oben an der Straße kam Vater Lasse selbst leibhaftig heraus. Er sah seelenvergnügt aus und hielt eine Flasche in der Hand.

»Dänischer Branntwein, Junge!« rief er und winkte mit der Flasche. »Die Mütze ab vor dem dänischen Branntwein! – Aber warum hast du geweint? – So, du warft bange. Und wovor warst du bange? Heißt nich' dein Vater Lasse – Lasse Karlsson aus Kungstorpet? Und mit ihm is nich' gut Kirschen essen, er schlägt hart zu, wenn er gereizt wird! Wer will woll kleine gute Jungs bange machen! Pfui Deubel! Die soll'n ihre Eingeweide in acht nehmen! Und wenn auch die ganze Welt voll brennender Teufel wär', Lasse is hier, du, und du brauchst nich' bang' zu sein!«

Während er so aufgebracht schalt, trocknete er zärtlich des Jungen vom Weinen schmutzige Wangen und Nase mit seinem rauhen Handballen ab und nahm den Sack wieder auf den Nacken. Es lag etwas rührend Gebrechliches über seiner gebeugten Gestalt, während er prahlend und tröstend, den Jungen an der Hand, wieder nach dem Hafen hinuntertrabte. Er stolperte in den großen Schmierstiefeln, deren Strippen an der Seite heraussahen und eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Pelles Ohren hatten. Aus den gaffenden Taschen des alten Winterüberziehers guckte an der einen Seite das rote Taschentuch, an der anderen die Flasche heraus. Er war jetzt ein wenig schlotteriger in den Knien geworden, und der Sack drohte jeden Augenblick ihn unterzukriegen – er stieß ihn vorne über und zwang ihn, den Hügel hinunterzulaufen. Abfällig sah er aus, vielleicht trugen die großen Worte das ihre dazu bei. Aber die Augen leuchteten zuversichtlich, und er lächelte zu dem Knaben nieder, der an seiner Hand lief. Sie näherten sich dem Schuppen, und Pelle wurde ganz kalt vor Schrecken – der Mann stand noch da. Er floh an die andere Seite des Vaters und wollte ihn in einem großen Bogen über den Hafenplatz ziehen. »Da is er wieder!« sagte er jammernd.

»Also der war es, der hinter dir her war?« sagte Lasse und lachte laut – »und er is noch dazu aus Holz. Na, du bist mir aber der tapferste Junge, der mir je vorgekommen is! Wenns hoch kommt, können wir dich am Ende gegen einen toten Hahn schicken, wenn du einen Stock in die Hand kriegst.« Lasse fuhr fort zu lachen und schüttelte vergnügt den Jungen. Aber Pelle wäre gern in die Erde versunken vor Scham.

Unten an der Zollbude trafen sie einen Verwalter, der zu spät zum Dampfer gekommen war und keine Leute mehr bekommen hatte. Er hielt sein Gefährt an und fragte Lasse, ob er einen Dienst suche.

»Ja, wir suchen alle beide«, antwortete Lasse übermütig. »Wir woll'n auf demselben Hof dienen – wie der Fuchs zur Gans sagte.«

Der Verwalter war ein großer, kräftiger Mann, und Pelle schauderte vor Bewunderung über den Vater, der ihn so kühn anzureden wagte.

Aber der große Mann lachte gutmütig. »Dann soll der da wohl Großknecht sein?« sagte er und schwippte Pelle mit der Peitsche.

»Ja, das wird er sicher mal«, antwortete Lasse mit starker Überzeugung.

»Na, erst wird er wohl ein paar Scheffel Salz verzehren müssen. Aber ich habe Verwendung für einen Kuhhirten und will dir hundert Kronen das Jahr geben – wenn es dir auch verteufelt schwer werden mag, sie zu verdienen, soweit ich es beurteilen kann. Für den Jungen wird wohl ein Stück Brot über sein, aber er muß natürlich das bißchen tun, was er kann. Du bist wohl sein Großvater?«

»Ich bin sein Vater – vor Gottes und jedermanns Angesicht«, entgegnete Lasse stolz.

»Ei, ei, dann muß da ja doch noch ein bißchen an dir sein – wenn du nämlich auf ehrliche Weise zu dem Jungen gekommen bist. Aber dann kriech nur hinauf, wenn du deinem eigenen Wohl nicht im Licht stehen willst, ich hab keine Zeit, hier zu halten. So ein Anerbieten kriegst du nicht jeden Tag.«

Pelle fand, daß hundert Kronen eine sündige Masse Geld sei, Lasse, als der Ältere und Vernünftigere, hatte dahingegen ein Gefühl, daß es viel zu wenig war. Aber obwohl er sich noch nicht recht klar darüber geworden war, hatten die Erfahrungen des Morgens seinen lichten Blick in die Zukunft arg zerzaust; der Schnaps hingegen hatte ihn gleichgültig und willfährig gemacht. »Na, meinetwegen!« sagte er mit einer großen Handbewegung. »Aber der Herr soll wissen, daß wir nich' dreimal am Tage salzenen Hering und Suppkartoffeln haben wollen. Eine ordentliche Kammer woll'n wir auch haben und am Sonntag frei.« Er hob den Sack und den Jungen auf den Wagen hinauf und kroch selbst hinterdrein.

Der Verwalter lachte: »Du bist scheinbar schon früher hier auf dem Lande gewesen, Alter? Aber damit werden wir schon fertig werden; du sollst Schweinebraten mit Rosinen und Rhabarbergrütze mit Pfeffer darüber haben, so oft du nur den Mund aufsperren magst.«

Sie fuhren nach dem Dampfer hinunter, um die Kiste zu holen, und rollten dann landeinwärts dahin. Lasse, der bald dieses, bald jenes wiedererkannte, erklärte dem Jungen alles weit und breit. Von Zeit zu Zeit nahm er verstohlen einen Schluck aus der Flasche. Der Verwalter durfte es nicht sehen. Pelle fror und bohrte sich unter das Stroh; er kroch ganz unter den Vater.

»Nimm auch 'n Schluck!« flüsterte Lasse und hielt ihm heimlich die Flasche hin. »Aber paß auf, daß er es nich' sieht, denn er is bös. Er is 'n Jude.«

Pelle wollte keinen Schnaps haben. »Was is ein Jude für einer?« fragte er flüsternd.

»Ein Jude – herrjemine, Jung', weißt du das denn nich'? Die Juden haben ja doch Christus gekreuzigt. Und darum müssen sie nu über die ganze Welt wandern und Wollkram und Nadeln und so was verkaufen; und betrügen tun sie überall, wo sie hinkommen. Weißt du nich' noch den, der Mutter Bengta mit ihrem schönen Haar anführte? Ach nee, das war wohl vor deine Zeit – das war auch 'n Jüd'. Er kam einen Tag, als ich nich' zu Haus war, und packte all seinen feinen Kram aus. Da waren Kämme und Nadeln mit blaue Glasköpfe und die feinsten Kopftücher. Und die Weibsleute könn'n ja gegen solchen feinen Kram nich' an, sie werden so wie, ich will mal sagen, wie einer von uns, wenn uns einer 'ne Flasche Branntwein vor die Nase hält. Mutter Bengta hatte ja nu kein Geld, aber der verfluchte Teufel wollt' ihr das feinste Kopftuch geben, wenn er ihr 'n End' von ihrem Zopfe abschneiden dürft'. Und da schneid't er ihn ihr ganz oben in 'n Nacken ab. Herr du meines Lebens, war sie wie Stahl und Feuerstein, wenn sie wütend wurd' – sie prügelt ihn mit 'n Feuerhaken aus 'n Haus 'raus. Aber den Zopf, den nahm er mit, und das Tuch war das reine Jux, wie das ja auch nich' anders zu erwarten war. Denn die Juden das sind verdammte Teufel, sie haben unsern Herrn Jesus –« Lasse fing wieder von vorne an.

Pelle hörte soeben noch des Vaters leises Brummen. Es handelte von Mutter Bengta, aber die war ja tot und lag jetzt in der schwarzen Erde – sie knöpfte ihm sein Unterleibchen nicht mehr im Rücken zu und wärmte seine Hände nicht mehr, wenn ihn fror. – So, also Rosinen gab es hierzulande im Schweinebraten; die mußten ja Geld wie Heu haben. Auf den Wegen lag nun zwar kein Geld herum, und sonderlich fein sahen die Häuser und Gehöfte auch gerade nicht aus. Aber das sonderbarste war, daß der Erdboden hier dieselbe Farbe hatte wie zu Hause, obwohl es ein fremdes Land war. In Tommelilla hatte er eine Landkarte gesehen, auf der jedes Land seine eigene Farbe hatte. Aber das waren dann ja Lügen!

Lasses Mundwerk war schon längst stehen geblieben, er schlief, den Kopf auf dem Rücken des Jungen. Er hatte vergessen, die Flasche zu verstecken.

Pelle wollte sie gerade in das Stroh hineinschieben, als der Verwalter – der übrigens kein Jüte, sondern ein Seeländer war sich im selben Augenblick umwendete und sie erblickte. Er hieß den Knaben, sie in den Graben werfen.

Zur Mittagszeit erreichten sie ihren Bestimmungsort. Lasse erwachte, als sie auf das Pflaster des großen Hofplatzes rollten, und tastete mechanisch im Stroh herum. Aber plötzlich besann er sich darauf, wo er war, und wurde mit einem Ruck nüchtern. Dies also war ihr neues Heim! Das einzige, woran sie sich zu halten hatten, wovon sie auf dieser Welt etwas zu erwarten hatten. Und als er sich auf dem großen Hof umsah, wo die Mittagsglocke, gerade läutete und Knechte und Mägde und Tagelöhner aus allen Türen rief, da verschwand sein Selbstvertrauen. Ein verzweifeltes Gefühl von Wehrlosigkeit überwältigte ihn und machte sein Gesicht in ohnmächtiger Sorge um den Sohn erzittern.

Seine Hände bebten unter ihm, als er aus dem Wagen kroch; er stand da unschlüssig und allen den forschenden Blicken dort vom Eingang zu dem mächtigen Keller des Wohnhauses preisgegeben. Sie schwatzten über ihn und den Jungen und lachten bereits. In seiner Verwirrung griff er zu dem Entschluß, gleich von vornherein einen so günstigen Eindruck wie nur möglich zu machen, und fing an, die Mütze tief vor jedem einzelnen abzunehmen; der Knabe stand daneben und machte es ebenso wie der Vater. Das erinnerte an die Clowns auf dem Jahrmarkt, und dort an den Kellerhälsen lachten sie laut und verbeugten sich nachahmend, sie fingen auch an, laut zu rufen. Aber dann kam der Verwalter wieder nach dem Wagen hinaus, und sie verschwanden schnell in den Keller hinein. Oben vom Wohnhause her ertönte ein ferner eintöniger Laut, der nicht wieder aufhören wollte und unwillkürlich dazu beitrug, niederdrückend auf die beiden zu wirken.

»Steht doch nicht da und stellt euch an,« sagte der Verwalter hart – »macht, daß ihr zu den anderen hinunterkommt und euch den Bauch vollschlagt. Ihr werdet noch Zeit genug haben, ihnen Affenkomödie vorzuspielen.«

Bei diesen ermunternden Worten ergriff der Alte die Hand des Knaben und trottelte, verzweifelten Sinns, langsam auf den Keller zu. In seinem Innern weinte es aus allen Quellen nach Tommelilla und Kungstorpet. Pelle drängte sich ängstlich an ihn. Das Unerwartete war in beider Phantasie plötzlich zu einem bösen Untier geworden.

Unten im Kellergang klang der merkwürdig langgezogene Laut verstärkt, und es ging ihnen beiden auf einmal auf, daß es das Weinen einer Frau war.


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