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Pelle war beim Pastor gewesen. Jetzt saß er unten in der Gesindestube und verschlang sein Mittagessen: gekochten Hering und Grütze. Es war Sonnabend, und der Verwalter war zur Stadt gefahren, deswegen saß Erik hier unten in der Wärme. Er sagte nie etwas von selbst, hatte aber eine eigene Art zu glotzen. Seine Augen folgten Pelles Bewegungen hin und her zwischen Mund und Teller. Die Augenbrauen zog er beständig in die Höhe, als sei ihm alles neu – sie waren nahe daran, ihre Form vollständig zu verlieren. Vor ihm stand der Trinkkrug in einem großen See. Er trank von Zeit zu Zeit und verschüttete jedesmal etwas.
Die blonde Marie stand an der Abwasche. Jeden Augenblick guckte sie herein, um zu sehen, ob Pelle nicht bald fertig war. Als er den Hornlöffel ableckte und in die Schublade warf, kam sie mit etwas auf einem Teller herein – sie hatten oben zu Tisch Rippenbraten gehabt.
»Hier is ein kleiner Mund voll für dich – du bist gewiß noch hungrig«, sagte sie. »Was krieg ich nu dafür?« Sie hielt den Teller in der Hand und stand da und lächelte ihn an.
Pelle war noch sehr hungrig – einen förmlichen Heißhunger hatte er. Er saß da und sah den leckeren Bissen an, bis ihm das Wasser im Munde zusammenlief. Dann hielt er pflichtschuldigst den Mund hin, und Marie küßte ihn. Sie sah unwillkürlich verstohlen zu Erik hinüber. Es huschte ein Schimmer von etwas über sein dummes Gesicht – wie eine ferne Erinnerung.
»Da sitzt der große Kerl und schlabbert!« sagte sie scheltend und riß ihm den Krug weg. Sie hielt ihn unter die Tischplatte und strich das verschüttete Bier mit der Hand wieder hinein. Pelle hieb in das Stück Rippenbraten ein und kehrte sich an nichts weiter. Aber sobald sie hinaus war, spie er nachdrücklich zwischen seine Beine und nahm eine kleine Reinigung mit dem Ärmel seiner Bluse vor.
Dann ging er in den Stall und reinigte Krippen. Lasse striegelte Kühe. Es sollte ein bißchen ordentlich aussehen zum Sonntag. Während der Arbeit erzählte Pelle ausführlich die Erlebnisse des Tages und wiederholte alles, was der Pastor gesagt hatte. Lasse hörte aufmerksam zu und kam mit kleinen Ausrufen: »Ach so! – Das is doch des Teufels! – So 'n Bock is David gewesen, und doch wandelte er vor dem Antlitz des Herrn! Ja, Gottes Langmut is groß – das is sicher und gewiß!«
An der Außentür klopfte es. Es war eins von Kalles Kindern mit dem Bescheid, Großmutter wolle ihnen gern Adieu sagen, ehe sie heimgehe.
»Denn macht sie es gewiß nich' mehr lange«, rief Lasse aus. »Es wird Kalles schwer ankommen, wenn sie sie hergeben müssen, so glücklich wie sie zusammen gewesen sind. Aber ein bißchen mehr Essen is denn ja für die anderen da, versteht sich.«
Sie beschlossen, erst alles fertigzumachen, ehe sie hingingen und sich dann heimlich davonzuschleichen. Wenn sie sich jetzt frei baten, bekamen sie sicher nicht wieder frei zum Begräbnis. »Und das wird ein ganzer Festtag mit Essen und Trinken aus dem Vollen, wenn ich Bruder Kalle recht kenne!« sagte Lasse.
Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren und Abendbrot gegessen hatten, schlichen sie durch die Außentür auf das Feld hinaus. Lasse hatte das Deckbett aufgewühlt und eine alte Pelzmütze so hingelegt, daß sie gerade am Kopfende hervorguckte. Flüchtig gesehen, konnte sie sehr gut für das Haar eines Schlafenden gelten, wenn jemand kommen sollte, um nachzusehen. Als sie ein Stück Weges gegangen waren, mußte Lasse noch einmal wieder umkehren, um wegen Feuersgefahr nachzusehen.
Der Schnee fiel weich und still. Die Erde war gefroren, so daß sie geradeswegs über alles hinweggehen konnten. Jetzt, wo ihnen der Weg bekannt war, wurde er ihnen gar nicht so lang. Ehe man sich's versah, hatte das Ackerland ein Ende, und der Felsboden hub an.
Es war Licht in der Stube. Kalle war auf und erwartete sie. »Nu geht es mit Großmutter zu Ende«, sagte er so ernsthaft, wie Lasse sich nicht erinnerte, ihn je gesehen zu haben. Kalle öffnete die Tür nach Großmutters Stube und flüsterte etwas hinein. Seine Frau antwortete leise von da drinnen aus dem Dunkeln.
»Ja, ich wache!« ertönte die Stimme der Alten langsam und eintönig. »Ihr könnt gern laut sprechen, ich schlaf nich'.«
Lasse und Pelle zogen die ledernen Schuhe aus und traten auf Socken ein. »Guten Abend, Großmutter!« sagten sie beide feierlich. »Und Gottesfriede!« fügte Lasse hinzu.
»Ja, hier lieg' ich nu«, sagte Großmutter und klopfte schwach auf das Federbett. Sie hatte große Fausthandschuhe an. »Ich war so frei, nach euch zu schicken, denn nu hab' ich nich' mehr lange noch. Wie sieht es im Kirchspiel aus? Sind da Todesfälle?«
»Nee, nich' daß ich wüßt'!« sagte Lasse. »Aber Ihr selbst, Großmutter, Ihr seht ja so gesund aus – so rot und rund! In zwei, drei Tagen seid Ihr gewiß wieder auf den Beinen, das sollt Ihr mal sehen!«
»Ja, ihr habt gut reden!« Die Alte lächelte nachsichtig. »Ich seh' woll aus wie eine junge Braut, die zum erstenmal Kindbett abhält? Aber ich bedank' mich, daß ihr gekommen seid – Ihr gehört so mit dazu! – Ja, nu is nach mir geschickt, und ich geh' in Frieden davon. Ich hab' es wahrhaftig gut gehabt hier auf Erden, ich hab' nich' zu klagen. Einen guten Mann hab' ich gehabt und eine gute Tochter – Kalle da nich' zu vergessen. Und meine Augen hab' ich wiedergekriegt, so daß ich die Welt noch mal gesehen hab'.«
»Aber man bloß mit dem einen Aug' – so wie die Vögel, Großmutter!« sagte Kalle und versuchte zu lachen.
»Ja, ja – sie war gut genug, auch so. Da war so viel Neues und Schönes hinzugekommen, seit ich mein Augenlicht verloren hatt'. Der Wald hatte sich ausgebreitet, und eine ganze Generation war herangewachsen, ohne daß ich es so recht wußte. Ach ja, es is schön gewesen, so alt zu werden und sie alle um sich zu haben – Kalle und Marie und die Kinder. Und alle meine Altersgenossen sind mir voraufgegangen. Es war schön, zu leben und zu sehen, was aus jedem einzelnen geworden is.«
»Wie alt seid Ihr jetzt eigentlich, Großmutter?« fragte Lasse.
»Kalle hat es im Kirchenbuch nachgeschlagen; danach soll ich ja an die achtzig sein. Aber das is woll nich' richtig.«
»Ja woll is es richtig!« sagte Kalle. »Der Paster hat es selbst für mich nachgeschlagen.«
»Ja, ja – die Zeit is schnell vergangen, und ich möcht' gern noch ein bißchen leben, wenn es Gottes Wille wär'. Aber nu ruft das Grab, ich kann es an den Augenlidern merken.« Das Atmen wurde der Alten etwas schwerer, aber der Mund stand ihr nicht still.
»Mutter spricht wirklich zuviel!« sagte Marie.
»Ja, Ihr habt woll Verlangen auszuruhen und zu schlafen«, sagte Lasse. »Ob wir Euch nich' lieber Adieu sagen?«
»Nee, nu will ich Erlaubnis haben zu plaudern. Es is ja das letztemal, daß ich euch seh', und ich hab' nachher Zeit genug, mich auszuruhen. Meine Augen sind so leicht geworden – Gott sei Lob und Dank, es is auch nich' ein Schlafkörnchen darin.«
»Großmutter hat eine ganze Woche nich' geschlafen, glaub' ich«, sagte Kalle bedenklich.
»Nee, warum sollt' ich meine letzte Zeit woll verschlafen – wo ich doch nachher Zeit genug dazu hab'. Des Nachts, wenn ihr schlaft, lieg' ich da und horche auf die Atemzüge von jedem einzelnen – und freue mich über eure Gesundheit. Oder auch, ich guck nach dem Heidestrauß hin und denke an Anders und an all das Gute, was wir zusammen gehabt haben.«
Großmutter lag eine Weile schweigend da und schöpfte Atem, während sie zu einem welken Heidekrautstrauß hinaufstarrte, der unter dem Balken hing.
»Den hat er wahrhaftigen Gott für mir gebunden, das erstemal, als er unser Lager in der blühenden Heide machte. Er mocht' die Heide so schrecklich gern, Anders, und jedes Jahr nahm er mich aus dem Schlaf heraus und führte mich da hinaus, wenn sie blühte, bis zu allerletzt, bis er abgerufen wurd'. Ich war ihm immer neu, wie an dem ersten Tag – darum haben das Glück und die Freude auch beständig Wohnung in mir genommen. Kein Kleid konnte über meiner Brust zusammenhalten, so fröhlich atmete ich, und die Bänder an meiner Schürze riß er in seiner Freude über mich mitten durch.«
»Nu sollt' Mutter lieber still sein, nich' so viel von so was reden!« sagte Marie und glättete verschämt das Kopfkissen der Alten.
Aber Großmutter ließ sich nicht halten. Ihre Gedanken verwirrten sich nur ein wenig.
»Ja, ja, die Zähne hab' ich schwer gekriegt und auch schwer wieder verloren. Meine Kinder hab' ich mit Schmerzen geboren und mit Gram ins Grab gelegt – das eine wie das andere. Aber sonst hat mir nie was gefehlt, und einen guten Mann hab' ich gehabt. Er hatt' offene Augen für Gottes Schöpfungswerk, und wir standen an Sommermorgenden mit den Vögeln auf. Dann gingen wir zusammen auf die Heide hinaus und sahen, wie die Sonne so wunderbar aus dem Meer aufstieg, ehe wir an unser Tagewerk gingen.«
Großmutters schwer wandernde Stimme verstummte, es war, als wenn ein Lied in ihren Ohren zu klingen aufhörte. Sie richtete sich auf und holte tief Luft.
»Ach ja, die Stimme der Erinnerung is schön!« sagte Lasse.
»Wie is das eigentlich damit, Lasse, ich hör', du siehst dich nach 'ner Frau um?« fragte die Alte plötzlich.
»Was Ihr da sagt!« rief Lasse erschreckt aus. Pelle sah, daß Kalle Marie zublinzelte. Sie wußten also auch Bescheid.
»Kommst du bald und zeigst uns die Braut?« fragte Kalle. »Es soll ja 'ne gute Partie sein, sagen sie.«
»Ich weiß gar nich', wovon ihr redet!« Lasse war ganz verwirrt.
»Ja, ja, das is nu gar nich' so übel, das, was du da vorhast!« sagte Großmutter. »Sie is gut genug – nach allem, was ich weiß. Möchtet ihr nu auch so ganz zueinander passen wie Anders und ich! Das war 'ne schöne Zeit – des Tags, wenn man fleißig war und alles nach besten Kräften ordnete, und des Nachts, wenn der Wind über alles dahinbrauste. Da war es gut, zu zweien zu sein und Wärme aneinander zu suchen.«
»Ihr habt viel Freude an allem gehabt, Großmutter!« rief Lasse aus.
»Ja, und ich gehe mit Frieden davon und kann ruhig in meinem Grab liegen. Ich bin hier auf der Erde um nichts betrogen, und ich hab' nichts, warum ich wiederkommen müßt'. Wenn Kalle bloß dafür sorgen will, daß sie mich mit den Füßen voran 'raustragen, denn denk' ich nich', daß ich euch beunruhigen werd'.«
»Ihr könnt gern kommen und uns ab und zu mal besuchen, wenn Ihr Lust dazu habt. Wir wollen Euch ohne Furcht aufnehmen! So gut wie wir es hier zusammen gehabt haben«, sagte Kalle.
»Nee, kein Mensch weiß, wie ihm im anderen Leben zumut is! Du mußt mir versprechen, daß ich mit den Füßen voran komme. Ich will eure nächtliche Ruhe nich' stören, so hart wie ihr bei Tag arbeiten müßt, alle beide. Ihr habt euch nu auch lange genug mit mir abplacken müssen; es is gut für euch, daß ihr nu auch mal allein seid. Und ein bißchen mehr Essen is da in Zukunft auch für jeden von euch.«
Marie fing an zu weinen.
»Da seh' nu mal einer an!« sagte Kalle. »So 'n Gerede will ich nich' mehr hören. Keiner von uns hat Mangel um Euretwillen gelitten. Wenn Ihr nu nich' vernünftig seid, dann geb' ich 'n großes Fest, wenn Ihr tot seid, aus lauter Freude, weil wir Euch endlich los sind!«
»Nee, das tust du nich'!« sagte Großmutter ganz kratzbürstig. »Daß ihr mir keinen dreitägigen Leichenschmaus anrichtet, das sag' ich euch! Versprich du mir das, Marie, daß ihr euch nich' zugrunde richten wollt, um Staat aus mir alter Person zu machen. Aber die Nächsten könnt ihr ja auf den Nachmittag bitten – Lasse und Pelle nich' zu vergessen. Und wenn ihr Hans Henrik bitten wollt, denn brächt' der am Ende seine Handharmonika mit, und ihr könnt't in der Scheune spielen.«
Kalle kratzte sich im Nacken.
»Denn müßt Ihr aber wahrhaftig warten und Euch nich' eher verändern, als bis ich gedroschen hab' – nu die Scheune zu räumen, das paßt mir nich' recht. Könnten wir denn nich' lieber Jens Küre seinen Gaul leihen und am Nachmittag 'ne kleine Ausfahrt in die Heide machen?«
»Auch das! Aber die Kinder müssen mit, was ihr auch anfangt. Es wird mir 'ne Beruhigung sein, zu denken, daß sie einen fröhlichen Tag davon haben – sie haben wahrhaftig nich' zu viele Festtage! Und das Geld dazu, das is ja da!«
»Ja, willst du mir woll glauben, Lasse, Großmutter hat fünfzig Kronen zusammengesponnen, wovon keiner von uns was gewußt hat – damit wir ihr Begräbnis feiern können!«
»Ich hab' nu auch zwanzig Jahr' dazu gespart. Man will ja auch gern auf anständige Manier von hier abgehen – und ohne seinen Nächsten das Hemd vom Leibe zu ziehen. Meine Leichenkleider sind auch in Ordnung, denn mein Brauthemd hab' ich liegen, das hab' ich man einmal angehabt. Und was anderes als das und die Mütze will ich nu mal nich' gern anhaben.«
»Das ist doch so nackt und bloß«, wandte Marie ein. »Was werden die Nachbarn nicht auf uns zu sagen haben, wenn wir Mutter nich' ordentlich einkleiden!«
»Daran kehr' ich mich nich'!« antwortete Großmutter bestimmt. »So mocht' mich Anders am liebsten leiden, und mit was anderem hab' ich nu diese sechzig Jahr' nich' gelegen. Daß du das weißt!« Sie drehte den Kopf nach der Wand herum.
»Wir woll'n es all so machen, wie Mutter es will!« sagte Marie.
Die Alte wandte sich wieder herum und suchte auf dem Deckbett nach der Hand der Tochter. »Und denn mußt du ein recht weiches Kissen für meinen alten Kopf stopfen, denn der is so schnurrig geworden, daß er keine Ruh' mehr finden kann.«
»Wir können eins von den Kopfkissen von den Kleinen nehmen und es weiß beziehen«, sagte Marie.
»Ja, danke. Und denn mein' ich, sollt't ihr morgen zu Jakob Kristians 'rüberschicken, nach dem Tischler, er is hier ja doch in der Gegend, denn kann er gleich Maß für den Sarg nehmen. Und denn kann ich auch gleich ein Wort mitreden, wie er sein soll – Kalle gleit't das Geld so leicht durch die Finger!«
Großmutter schloß die Augen; jetzt war sie doch wohl müde.
»Ich mein', wir gehen nu in die andere Stube, damit sie ein bißchen Ruhe hat«, flüsterte Kalle und stand auf. Da aber schlug sie die Augen auf.
»Wollt ihr schon gehen?« fragte sie.
»Wir dachten, Ihr schlieft, Großmutter!« sagte Lasse.
»Nee, ich schlaf' woll nich' mehr in diesem Leben – die Augen sind so leicht, so leicht. Ja, ja, denn Adjö, Lasse und Pelle – laßt es euch gut gehen, so gut, ebenso gut wie es mir beschieden war. Marie is die einzige, die das Grab verschont hat, aber sie is mir 'ne gute Tochter gewesen; und Kalle is so gut und nachsichtig gewesen, als wenn ich seine Jugendliebe gewesen wär'. – Einen guten Mann hab' ich auch gehabt, der mir des Sonntags Holz klein machte und des Nachts aufstand und nach den Kindern sah, wenn ich im Wochenbett lag. – Wir haben es wirklich gut gehabt: Bleilote an der Uhr und reichlich zum Einheizen; und eine Reise nach Kopenhagen hatt' er mir auch versprochen. – Meine erste Butter hab' ich in 'ner Flasche gebuttert, denn zuerst hatten wir ja kein Butterfaß; ich mußt' ein Loch in die Flasche schlagen, um sie 'rauszukriegen. Und da lacht' er, immer lacht' er, wenn ich was Verkehrtes machte … Und so glücklich wie er über jedes Kind war, das ich ihm gebar! Manch einen Morgen holt' er mich aus dem Schlaf, und wir mußten nackend 'raus und die Sonne aus dem Meer aufsteigen sehen. Sieh mal bloß, Anna, über Nacht is die Heide aufgeblüht, sagte er, und denn faßt' er mich um – aber es war bloß die Sonne, die ihr Rot darüber ausgoß! – Wir hatten 'ne halbe Meile bis zu unserm nächsten Nachbar, aber er machte sich aus nichts was – wenn er bloß mich hatt'. Die größten Freuden konnt' ich ihm bereiten, so arm ich war. – Auch das Vieh hatt' mich gern, alles glückte uns im kleinen.«
Großmutter lag da und wackelte mit dem Kopf, Tränen rannen ihr an den Wangen herab. Die Stimme klang nicht mehr mühselig, ein Wort rief das andere in ihr wach und glitt ihr wie ein langer Ton über die Lippen. Sie wußte wohl nicht mehr, was sie sagte, war aber beständig in der Gewalt der Rede. Sie fing wieder von vorne an und wiederholte die Worte, gleichmäßig und singend – wie jemand, der mit fortgerissen wird und reden muß.
»Mutter,« sagte Marie ängstlich und hielt ihr den wackelnden Kopf, »komm doch zu dir, Mutter!«
Da stockte die Alte und sah sie verwundert an. »Ach ja, die Erinnerungen drängten sich so auf mich ein!« rief sie aus. »Ich glaub' beinah, nu könnt' ich einen Augenblick schlafen!«
Lasse stand auf und ging an das Bett heran. »Adjö, Großmutter, und glückliche Reise, wenn wir uns nich' mehr sehen sollten!« Pelle folgte ihm und sagte dieselben Worte. Großmutter sah sie fragend an, rührte sich aber nicht. Da ergriff Lasse vorsichtig ihre Hand, ebenso Pelle, und sie schlichen in die andere Stube.
»So ungewöhnlich klar wie ihr Lebenslicht ausbrennt!« sagte Lasse, als die Türe geschlossen war. Pelle bemerkte, daß die Stimmen wieder so frei im Klang wurden.
»Ja, sie hält sich gut bis zuletzt; sie is aus gutem Holz gewesen. – Die Leute hier um uns 'rum reden so viel über uns, weil wir keinen Doktor für sie holen. Was meinst du, soll'n wir uns die Ausgabe machen?«
»Ihr fehlt woll nichts weiter, als daß sie nich' mehr leben kann«, meinte Lasse sinnend.
»Nee, und sie selbst will gar nichts davon wissen. – Wenn er sie noch 'ne Weile am Leben erhalten könnt'!«
»Ja, es sind knappe Zeiten«, sagte Lasse und ging herum und besah die Kinder. Sie schliefen alle, die Stube war schwer von ihren Atemzügen. »Die Schar hat sich gut verkleinert!«
»Ja, nu fliegt da ja bald jedes Jahr eins aus 'm Nest!« sagte Kalle, »und nu kriegen wir woll keine mehr. Es is 'ne Unglückszahl, bei der wir stehen geblieben sind – eine abscheuliche Zahl. Aber Marie is taub auf dem Ohr geworden, und allein vermag ich ja nichts.« Bei Kalle blitzte der Schelm wieder aus den Augenwinkeln heraus.
»Wir können uns ganz gut mit denen behelfen, die wir gekriegt haben«, sagte Marie. »Wenn wir Annas mitzählen, sind es vierzehn.«
»Ja, zähl' du man die von den anderen ruhig mit – um so leichter kommst du davon ab!« neckte Kalle.
Lasse stand da und betrachtete Annas Kind, das mit Kalles dreizehntem zusammenlag. »Sie gedeiht besser als die Tante!« sagte er. »Man sollt' wirklich nich' glauben, daß sie gleich alt sind! Sie is genau so rot, wie die andere blaß is.«
»Ja, da is ja ein Unterschied!« sagte Kalle und sah die Kinder zärtlich an. »Es muß woll daher kommen, daß Anna ihr Kind von jungen Eltern stammt – unser Blut fängt schon an, alt zu werden. Und denn werden ja die immer am besten, die so zufällig gemacht werden – wie zum Beispiel unser Albert; der hat 'ne ganz andere Haltung als die anderen. Weißt du übrigens, daß er vom Frühling an sein eigenes Schiff fahren soll?«
»Das kann doch woll nich' wahr sein! Sollt' er es wirklich schon zum Kapitän gebracht haben?« Lasse war nahe daran, vor Verwunderung hintenüber zu fallen.
»Kongstrup soll dahinterstecken – so ganz im geheimen natürlich.«
»Schickt Anna ihr Kindsvater noch immer, was er bezahlen muß?« fragte Lasse.
»Ja, er is ganz riell. Wir kriegen unsere fünf Kronen jeden Monat für das Kind – das is ja 'ne gute Hilfe für die Abgaben.«
Marie ging hin und her und stellte Schnaps, Brot und eine Schale mit Schmalz auf den Tisch. »Langt zu und eßt!« sagte sie.
»Ihr haltet gut aus auf Steinhof«, sagte Kalle, als sie sich an den Tisch setzten. »Wollt ihr euer ganzes Leben dableiben?« Er blinzelte dem Bruder schelmisch zu.
»Es is keine so leichte Sach', sich in das Ungewisse zu stürzen!« antwortete Lasse ausweichend.
»Na, nu hört man woll bald Neues von euch«, fiel Marie ein. »Das Ehebett lockt woll!«
Lasse antwortete nicht, er mühte sich mit einer Kruste ab.
»Aber so schneid' doch die Kruste ab, wenn es mit den Zähnen schlecht bestellt is!« eiferte Marie. Jeden Augenblick lauschte sie an der Tür der Mutter. »Nu hat sie doch noch Schlaf in die Augen gekriegt, die arme Alte«, sagte sie.
Kalle tat so, als entdecke er die Flasche erst jetzt. »Nee, wir haben ja Branntwein auf 'm Tisch – daß das keiner von uns hat riechen können!« rief er aus und schenkte ihnen zum drittenmal ein. Da schlug Marie den Korken in die Flasche. »Gönnst du uns nu nich' mal mehr das Essen?« sagte er und sah sie mit großen Augen an – der verteufelte Schelm! Und Marie glotzte ihn mit ebenso großen Augen an und sagte: »Buh! woll'n wir uns stoßen?« Lasse saß da und sah sich ganz warm in ihrem Glück.
»Was macht denn der Steinhöfer? Nu is er woll bald über das Schlimmste weg?« fragte Kalle.
»Ja, nu is er woll so weit Mensch, wie er wieder werden kann. So was drückt einem Mann ja seinen Stempel auf«, sagte Lasse. Marie stand da und lachte; sobald sie sie ansahen, schlug sie die Augen nieder.
»Du lachst, du!« sagte Lasse – »ich finde, es is sehr traurig!« Da konnte Marie sich nicht mehr halten, sie mußte in die Küche hinausgehen und sich auslachen.
»So greinen die Frauensleute überall, sobald bloß sein Name genannt wird«, sagte Kalle. »Das is ja ein trauriger Wechsel – heute rot, morgen tot. Na, das hat sie doch wenigstens erreicht, daß sie ihn für sich behält – auf eine Weise. Aber daß er danach noch mit ihr zusammenleben kann!«
»Und dabei scheinen sie so verliebt ineinander zu sein, wie sie kein Mensch früher gesehen hat – denn er kann keine Minute ohne sie sein. Aber natürlich – nu fände er woll auch keine andere, die ihm ihre Liebe schenkte! Es is doch ein unbegreiflicher Teufelskram, diese Sache. Na, ja, nu müssen wir woll sehen, daß wir zu Hause kommen!«
»Ja, denn schick' ich Bescheid, wenn sie in die Erde soll!« sagte Kalle, als sie draußen vor dem Hause standen.
»Ja, tu du das. Und sollt'st du beim Begräbnis um ein Zehnkronenstück zu kurz kommen, so sag' es man! Na, denn Adjö!«