Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
In seiner Einsamkeit hatte Pelle oft seine Zuflucht zu dem kleinen Haus am Friedhof genommen, wo Dues in zwei kleinen Stuben hausten. Es war immer eine Art von Trost, bekannte Gesichter zu sehen, irgendwelchen Nutzen von ihnen hatte er sonst nicht; Due war nett genug, aber Anna dachte nur an sich, und wie sie am besten vorwärtskommen könnten. Due hatte eine Anstellung als Kutscher bei einem Fuhrherrn, und sie schienen das Notwendige zu haben.
»Wir haben nich' die Absicht, uns daran genügen zu lassen, anderer Leute Pferde zu fahren,« sagte Anna, »aber man muß ja kriechen, ehe man gehen kann.« Nach dem Lande sehnte sie sich nicht zurück.
»Da draußen sind keine Aussichten für kleine Leute, die etwas mehr verlangen als Grütze in den Magen und ein paar Lumpen auf den Leib. Man wird nich' besser angesehen als der Dreck, auf den man tritt, und von einer Zukunft is keine Rede. Ich werde es nie bereuen, daß wir vom Lande fortgegangen sind.«
Due hingegen hatte Heimweh. Er war daran gewöhnt, eine Viertelmeile bis zum nächsten Nachbarn zu haben, und hier konnte er durch die dünne Wand hören, wenn sich die Nachbarn küßten und prügelten oder ihr Geld nachzählten. »Es is hier auch so eng, und dann fehlt mir auch die Erde; die Pflastersteine sind so hart.«
»Ihm fehlt der Mist, den er nich' in die Stube treten kann,« sagte Anna überlegen – »denn das war doch das einzige, was es auf dem Lande reichlich gab. – Hier in der Stadt können die Kinder auch besser vorwärtskommen, auf dem Lande können armer Leute Kinder nichts lernen, um es zu was zu bringen, denn sie müssen für das tägliche Brot mitarbeiten. Es is schlimm, auf dem Lande arm zu sein!«
»Hier in der Stadt is es doch noch schlimmer,« meinte Pelle bitter, – »denn hier gelten bloß die was, die fein in Zeug sind!«
»Aber hier sind vielerlei Arten, wie man Geld verdienen kann; geht es nich' auf die eine Art, versucht man es auf eine andere. Manch einer is mit dem blanken Hintern aus den Hosen 'raus in die Stadt gewandert und is nun ein angesehener Mann! Wenn man bloß den Willen und das Streben hat – ich hab' nu so gedacht, die beiden Jungens sollen in die Bürgerschule gehen, wenn sie älter werden; Kenntnisse sind nie zu verachten.«
»Warum nich' auch Marie?« fragte Pelle.
»Die! Ach was! – Die eignet sich wohl nicht dazu, was zu lernen. Und dann is sie auch bloß ein Mädchen!«
Anna hatte sich ein hohes Ziel gesteckt, so wie der Bruder Alfred! Sie hatte ganz blanke Augen, wenn sie davon sprach, und es war wohl nicht ihre Absicht, sich an irgend etwas zu kehren. Sie herrschte und führte das große Wort, sie redete laut und war die Tüchtige; Due saß nur da und lächelte und war gutmütig. Aber es hieß, im innersten Innern wisse er ganz genau, was er wolle. Er ging nie ins Wirtshaus, sondern kam immer gleich von der Arbeit nach Hause; des Abends war er nie glücklicher, als wenn alle drei Kinder um ihn herumkrabbelten, er machte keinen Unterschied zwischen seinen eigenen kleinen Jungen und der sechsjährigen Marie, die Anna mit in die Ehe gebracht hatte.
Pelle hatte die kleine Marie auch gern, die so gut gedieh, als die kinderlieben Großeltern sie noch hatten, die aber jetzt mager und im Wachstum zurückgeblieben war und zu erfahrene Augen hatte. Sie konnte einen ansehen, wie eine arme Mutter, die sich immer grämen mußte, und er hatte Mitleid mit ihr. Wenn die Mutter hart gegen sie war, mußte er immer an jenen Abend in der Weihnachtszeit denken, als sie zum erstenmal bei Kalles zu Besuch waren und Anna beschämt und verweint angeschlichen kam und in gesegneten Umständen war. Die kleine Anna mit dem kinderfrohen Sinn, die alle liebhaben mußten. Wo war die nur auf einmal geblieben?
Eines Abends, als Morten nicht frei war, lief er da hinaus. Gerade als er anklopfen wollte, hörte er Anna da drinnen herumregieren; plötzlich flog die Tür auf, und die kleine Marie wurde in den Gang hinausgeworfen. Das Kind weinte jämmerlich.
»Was is denn los?« fragte Pelle auf seine frische Art.
»Was los is – das is los, daß die Göre naseweis is und nich' essen will, bloß weil sie nich' akkurat dasselbe kriegt wie die andern. Hier soll man sich die Mühe machen und abmessen und abwägen – für so 'ne Dirn; sonst drückt sie sich und will kein Essen anrühren. Geht das sie was an, was die andern kriegen? Kann sie sich mit denen vergleichen? Sie is und wird doch nie was andres sein als ein uneheliches Kind, wieviel man es auch beschönigt!«
»Dafür kann sie doch wohl nichts«, sagte Pelle wütend.
»Nichts dafür können – Kann ich vielleicht was dafür? Is es meine Schuld, daß sie nich' als Bauerntochter auf die Welt gekommen is, sondern sich damit begnügen muß, unehelich zu sein? Ja, das kannst du mir glauben, sie wird mir von den Nachbarinnen unter die Nase gerieben, sie hat ja nich' die Augen ihres Vaters! sagen sie und sehen dabei so katzenfreundlich aus. Soll ich vielleicht mein ganzes Leben dafür bestraft werden, daß ich ein bißchen höher hinausgewollt hab' und mich auf Wege locken ließ, die nich' weiterführten? Ach, das kleine Ungetüm!« sie ballte die Hände nach dem Gang zu, von woher man noch immer das Weinen des Kindes hörte.
»Hier geht man und maracht sich ab, um das Haus anständig zu halten und ordentliche Leute zu sein, und dann rechnet einen doch keiner für voll – bloß weil man einmal zu arglos gewesen is!« Sie war ganz außer sich.
»Wenn du nich' gut gegen die kleine Marie bist, dann sag' ich es dem Oheim Kalle«, sagte Pelle drohend.
Sie fauchte höhnisch: »Du und sagen – – ja, Gott gebe, daß du das tun wolltest! Dann käm' er am Ende und holte sie sich, und dann wollt' ich mich freuen!«
Jetzt stampfte Due draußen auf den Fliesen vor der Tür, sie hörten ihn tröstende Worte zu dem Kinde reden. Er kam herein, die Kleine an der Hand, sandte seiner Frau einen warnenden Blick zu, sagte aber nichts. »So, so – nu is das all vergessen«, wiederholte er, um dem Schluchzen des Kindes Einhalt zu tun, und trocknete die schmutzigen Tränen mit seinem großen Handballen von ihren Wangen.
Unfreundlich stellte Anna ihm Essen hin, sie redete halblaut draußen in der Küche. Während er sein Abendbrot, kalten Speck und Schwarzbrot, verzehrte, stand das Kind zwischen seinen Knien und starrte ihn mit großen Augen an. »Reiter!« sagte sie und lächelte überredend – »Reiter!« Due legte einen Würfel Speck auf ein Stück Brot.
»Es kam ein Reiter geritten
Auf seinem weißen Roß, Roß, Roß!«
summte er und ließ das Brot dicht an ihren Mund hinabreiten. »Und was dann?«
»Dann – happs – ritt er in das Tor hinein!« sagte die Kleine und verschlang Pferd und Reiter. Während sie kaute, hielt sie die Augen unverwandt auf ihn gerichtet, mit dem schmerzlichen Ernst, der so traurig zu sehen war. Aber zuweilen geschah es, daß der Reiter gerade bis an ihren Mund hinabritt, sich mit einem Ruck umwarf und in gestrecktem Galopp zwischen Dues weißen Zähnen verschwand. Dann lachte sie einen Augenblick.
»Es hat wirklich keinen Zweck, was in sie hineinzustopfen«, sagte Anna, die zu Ehren des Besuches mit Kaffee hereinkam. »Sie kriegt so viel, wie sie essen kann – und sie hungert nich'!«
»Hungrig is sie aber doch!« brummte Due.
»Ja, dann is sie krüdsch – unser armseliges Essen is ihr nich' gut genug. Sie artet ihrem feinen Vater nach, will ich dir sagen! Und was noch nich' schlimm is, wird wohl bald schlimm werden, wenn sie erst sieht, daß sie Rückhalt hat!«
Due antwortete ihr nicht. »Du bist nu woll wieder ganz gesund?« wandte er sich an Pelle.
»Was hast du heute gemacht?« fragte Anna und stopfte ihrem Manne die lange Pfeife.
»Ich hab' einen Forstmann von da drüben durch die ganze Heide gefahren – ich hab' anderthalb Kronen Trinkgeld gekriegt.«
»Die gib mir man gleich!«
Due reichte ihr das Geld, und sie legte es in eine alte Kaffeedose. »Du mußt heute abend den Eimer bei Inspektors ausnehmen«, sagte sie.
Due reckte sich müde: »Ich bin seit halb vier heute morgen unterwegs gewesen«, sagte er.
»Aber ich hab' es fest versprochen, dabei is also nichts zu machen! Und dann dacht' ich, du würdest das Umgraben diesen Herbst für sie besorgen; nu, wo wir Mondschein haben, kannst du ja sehen – und sonst des Sonntags. Nehmen wir es nich', kriegt es ein anderer, – und sie sind ja gute Zahler.«
Due antwortete nicht.
»Übers Jahr oder auch über zwei, denke ich, hast du selbst Pferde und brauchst nicht das tägliche Brot für andere zusammenzuschrapen«, sagte sie und legte die Hand auf seine Schulter. – »Willst du nich' nu lieber gleich hingehen und den Eimer ausnehmen? Dann is das getan. Ich muß auch noch Brennholz klein gemacht haben, ehe du zu Bett gehst.«
Due saß da und zwinkerte angestrengt mit den Augen. Jetzt nach dem Essen befiel ihn die Müdigkeit. Er konnte kaum mehr aus den Augen sehen, so schläfrig war er. Marie reichte ihm seine Mütze, und dann kam er endlich auf die Beine. Er und Pelle gingen zusammen hinaus.
Das Haus, in dem Dues wohnten, lag ganz oben in der langen Straße, die ziemlich steil nach der See abfiel. Es war ein altes Bachbett, noch jetzt lief das Wasser bei starken Regengüssen wie ein reißender Bach zwischen den armseligen Häusern dahin.
Unten am Strandpfad begegneten sie einer Gruppe von Männern, die mit Laternen in den Händen auszogen, sie waren mit dicken Stöcken bewaffnet, einer von ihnen trug einen Morgenstern und hatte einen alten ledernen Hut auf dem Kopfe, das war der Nachtwächter. Er ging voran, hinter dem Ganzen ging der neue Schutzmann Pihl in seiner glänzenden Uniform; er hielt sich hinter den andern, um seine Uniform zu schonen, und gab acht, daß keiner von der Wachtmannschaft nach hinten zu Reißaus nahm. Halb betrunken waren sie und ließen sich reichlich Zeit; sobald sie jemand begegneten, blieben sie stehen und erzählten weitläufig, aus welcher Veranlassung sie ins Feld rückten. Die Kraft hatte wieder seine Tour. Den ganzen Tag hatte er geschwiert, und der Stadtvogt hatte Order gegeben, ihn im Auge zu behalten. Ja, ganz recht, in seiner Trunkenheit begegnete er Reeder Monsen auf dem Kirchenhügel und fing an, mit Schimpfwörtern und Schlägen über ihn herzufallen: »Nimmst du 'ner Witwe Brot aus 'n Mund, was? Du erzählst ihr, daß ›Drei Schwestern‹ Havarie gelitten haben und übernimmst dann ihre Aktien für beinahe nichts? – aus purem Mitleid tust du das – nich', du Lump! Und dem Schiff fehlt nichts nich' weiter, als daß es zu gut gefahren hat und großen Verdienst geben würd', was? Und darum tatst du der armen Witwe den Gefallen, was?« Lump nannte er ihn, und bei jeder Frage schlug er auf den Reeder ein, so daß er an die Erde rollte. »Wir sind alle Zeugen, und nu soll er ins Loch. Ein armseliger Steinhauer soll hier nich' herumgehen und Gerechtigkeit im Lande spielen! – Komm mit und helf ihn einfangen, Due – du bist ja stark!«
»Ich habe nichts mit ihm ausstehen«, sagte Due.
»Du tust auch am besten, wenn du die Finger davon läßt«, sagte einer von den Männern spöttisch, »du könntest sonst leicht seine Fäuste zu fühlen kriegen.« Und dann trabten sie weiter mit einem Hohngelächter.
»Sie freuen sich nich' über den Auftrag, den sie gekriegt haben,« sagte Due lachend, »darum haben sie einen Gehörigen hinter die Binde gegossen, um sich Mut zu machen. Die Kraft ist ein Schwein, aber ich möcht' nich' der sein, nach dem er auslangt.«
»Wenn sie ihn doch bloß nich' kriegen!« sagte Pelle eifrig.
Due lachte. »Sie werden es schon so abpassen, daß sie da sind, wo er nich' is. – Aber warum hält er sich nich' an seine Arbeit und läßt diese Narrenstreiche nach! Er kann sich ja einen Rausch antrinken und ihn zu Hause ausschlafen – er is ja doch man ein armer Teufel und sollt' es den Großen überlassen, sich dumm anzustellen!«
Pelle sah nun die Sache anders an. Der arme Mann, ja, der ging still die Straße hinab und nahm den Hut vor aller Welt ab, vor kleinen Meistern und dem Ganzen; grüßte jemand wieder, so war er ganz stolz und erzählte es seiner Frau als Begebenheit, wenn sie zu Bett gingen. »Der Schreiber hat heut wirklich den Hut vor mir abgenommen, – ja, das hat er getan!« Aber Steinhauer Jörgensen sah nach keiner Seite, wenn er nüchtern war – und in seiner Trunkenheit trampelte er mit seinen Füßen über das Ganze hin.
Pelle machte sich nichts aus dem elenden Urteil der Stadt. Draußen, woher er kam, gelten die Kräfte alles, und hier war einer, der den starken Erik nehmen und ihn in die Tasche stecken konnte. Er ging heimlich umher und maß verstohlen seine Handgelenke und hob viel zu schwere Gegenstände in die Höhe, er hatte nichts dagegen, zu werden wie die Kraft, der als einzelner Mann die ganze Stadt in Atem hielt, sowohl wenn er raste, wie wenn er wie tot dalag. Ihm konnte ganz schwindlig werden bei dem Gedanken, daß er der Kamerad von Jens und Morten war, und er begriff nicht, daß sie sich so schwer unter dem Urteil der Stadt beugten, wenn man ihnen doch keine Armenunterstützung unter die Nase reiben konnte, sondern nur das eine, daß der Vater ein Kraftkerl war. Jens kroch zusammen, wenn er beständig den Namen des Vaters auf aller Lippen hörte, und vermied es, den Leuten in die Augen zu sehen, in Mortens offenem Blick hinterließ er seine Spuren als namenloser Schmerz.
Eines Abends, als die Sache gerade am allerschlimmsten stand, nahmen sie Pelle mit nach Hause. Sie wohnten nach Osten zu an der großen Lehmgrube, wo der Abfall der Stadt hinausgefahren wurde. Die Frau war damit beschäftigt, Abendbrot im Ofen zu wärmen, in der Ofenecke saß eine runzelige Großmutter und strickte. Es war sehr ärmlich.
»Ich glaubte wahrhaft, daß es Vater wär'«, sagte die Frau fröstelnd. »Hat einer von euch was von ihm gehört?«
Die Jungen erzählten, was sie so gehört hatten; einer hatte ihn hier, ein anderer dort gesehen. »Die Leute halten uns ja so gern unterrichtet«, sagte Jens bitter.
»Nu is es der vierte Abend, daß ich vergebens Essen für ihn aufwärme«, fuhr die Mutter fort. »Er pflegt doch sonst mal zu Hause vorzusprechen, wenn sie auch noch so schlimm hinter ihm her sind – aber er kann ja noch kommen.« Sie versuchte aufmunternd zu lächeln, schlug aber plötzlich die Schürze vor die Augen und brach in Tränen aus. Jens ging mit schwerem Kopf umher und wußte nicht, was er tun sollte; Morten faßte die Mutter um den müden Rücken und sprach ihr ruhig zu:
»So, so, es is ja nich' schlimmer, als es so oft gewesen is«, er strich ihr über die vorstehenden Schulterblätter.
»Nein, aber ich hatte mich ja so dazu gefreut, daß es überstanden wär'. Ein ganzes Jahr beinah hat er sich nich' gerührt, sondern sein Essen stumm gegessen, wenn er von der Arbeit kam, und is ins Bett gekrochen. All die Zeit hat er nichts entzweigeschlagen, hat geschlafen und geschlafen; ich habe schließlich geglaubt, er wäre schwachsinnig geworden und hab' mich für ihn gefreut, da hat er doch Frieden vor den schrecklichen Gedanken. Ich glaubt' ja, er hätt' sich beruhigt nach all seinen Niederlagen und wollt' das Leben so nehmen, wie es kam', – so wie es die andern von seinen Kameraden tun. Und nun steht er wieder auf in all seinem Trotz, und das Ganze fängt wieder von vorne an!« Sie weinte trübselig.
Die Alte saß da und ließ ihren knappen Blick von dem einen zum andern wandern; sie glich einem klugen Raubvogel, der in einen Käfig gesetzt ist. Dann fing ihre Stimme an zu gleiten, leidenschaftslos und ohne Tonfall:
»Du bist 'n großes Schaf, nu hast du all den vierten Abend für den Rumtreiber Eierkuchen gemacht; immer wieder bist du da mit Küssen und Streicheln. Ich wollt' doch meinem Mann den Schlaf nicht versüßen, wenn er sich so schändlich gegen Frau und Familie versündigen tät; hungrig und mit trockenem Mund könnt' er sich meinetwegen hinlegen und wieder aufstehn – dann lernt' er am Ende noch Mores. Aber da is kein Muck nich' in dir; das is die Sache; du nimmst all seine Großspurigkeit für bare Münze.«
»Wenn ich ihm auch noch Steine in den Weg legen wollt', – wer sollt' denn woll gut gegen ihn sein, wenn sein armer Kopf das Verlangen hat, mal weich zu liegen? Großmutter sollt' man wissen, wie nötig er einen Menschen braucht, der an ihn glaubt. Und was anders hab' ich ihm ja nich' zu schenken.«
»Ja, ja, geh' du man auf Arbeit und marach' dich zu Ende, so daß da was für den großen Kerl is, was er rungenieren kann, wenn der Geist über ihn kommt! – Aber nu sollst du hingehen und dich zu Bett legen, ich will woll auf Peter warten und ihm Essen geben, wenn er kommt; du mußt ja halbtot sein vor Müdigkeit, du armes Wurm.«
»Ein altes Sprichwort sagt: ›Mannes Mutter is des Teufels Unterfutter‹, – aber auf Euch paßt das nich', Großmutter«, sagte die Mutter der Jungen sanft. »Immer nehmt Ihr meine Partei, obwohl das gar nich' nötig tut. Aber nu sollt Ihr zu Bett gehen! Es is weit über Eure Schlafenszeit, und für Peter will ich schon sorgen. Es is so leicht mit ihm fertig zu werden, wenn er bloß weiß, daß einer es gut mit ihm meint.«
Die Alte tat, als höre sie es nicht, und strickte weiter. Den Jungen fiel ein, daß sie etwas in der Tasche hatten: es war eine Tüte mit Kaffeebohnen, ein wenig Kandis und ein paar Wecken.
»Ihr verklackert all eure teuren Schillinge für mich«, sagte die Mutter vorwurfsvoll und setzte Kaffeewasser auf, während ihr Gesicht voll Dankbarkeit strahlte.
»Sie haben wohl noch keine Braut, an die sie sie verschwenden können«, sagte die Alte trocken.
»Großmutter ist heute abend so verstimmt«, sagte Morten. Er hatte der alten Frau die Brille abgenommen und sah ihr lächelnd in die grauen Augen.
»Verstimmt – ja, das bin ich! Aber die Zeit, die geht hin, will ich dir sagen; und hier sitzt ein Mensch am Grabesrand und wartet, daß ihre eigene Nachkommenschaft vorwärtskommen und 'ne große Tat ausrichten soll, aber es geschieht bloß nie was! Die Kräfte werden vergeudet und laufen wie Bachwasser in das Meer, und die Jahre werden vertrödelt – oder sind das Lügen, was ich sag'? Alle woll'n Herren sein, keiner will den Sack tragen; und dann packt einer den andern und klettert auf ihn 'rauf, um bloß ein Körnchen höher zu kommen. Und flott soll es im Haus sein, aber Armut und Schweinerei is da in jedem Winkel. Ich denk' mir, der liebe Gott hat bald genug von dem Ganzen! Nich' eine Stunde geht hin, wo ich nich' den Tag verfluch', als ich mich aus dem Bauernland fortlocken ließ; da wuchs doch das tägliche Brot auch für den armen Mann auf 'm Feld, wenn er es bloß so nehmen wollt, wie es fiel. Aber hier muß er mit 'm Schilling in 'er Faust antreten, wenn er bloß 'nen grünen Wisch für die Suppe haben will. Hast du Geld, kannst du's kriegen; hast du keins, dann laß es liegen! – Ja so is es. Aber in die Stadt mußt man ja – um teilzuhaben an Peters Glück! Es versprach ja großartig zu werden, und ich dumme, alte Frau hab' immer das Verlangen gehabt, mein eigen Blut an der Spitze zu sehen. Und nu sitz' ich hier als Beitelprinzeß! Großartig is es geworden, denn ich bin die Mutter von dem größten Rumtreiber in der ganzen Stadt!«
»So sollte Großmutter nich' reden«, sagte die Mutter der Jungen.
»Ja, ja, aber müde bin ich von dem allen, und ich kann doch nich' dran denken zu sterben! Wie kann ich woll hingehn und mich niederlegen, denn wer sollt' denn wohl Peter die Stange halten – der Kraft!« sagte sie höhnisch.
»Großmutter kann ruhig hingehen und sich niederlegen; ich werd' am besten mit Peter fertig, wenn ich allein mit ihm bin«, sagte die Frau, aber die Alte rührte sich nicht.
»Kannst du sie nich' dazu kriegen, daß sie geht, Morten«, flüsterte die Mutter. »Du bist der einzige, auf den sie hört.«
Morten redete der Alten so lange zu, bis er sie fortgelockt hatte; er mußte versprechen mitzugehen und das Deckbett um ihre Füße einzustopfen.
»So haben wir sie denn glücklich beiseite geschafft«, sagte die Mutter erleichtert. »Ich bin immer so bange, daß Vater mal vergessen könnt', was er tut, wenn es so mit ihm bestellt is, und sie denkt nich' dran, nachzugeben, das is hart gegen hart. Aber nu mein' ich, sollt ihr dahin gehen, wo die andern jungen Leute sind, und nich' hier sitzen und den Kopf hängen lassen!«
»Wir bleiben und sehen, ob Vater kommt«, erklärte Morten.
»Aber was fällt euch ein – Vater könnt ihr ja immer guten Tag sagen. Geht nu – hört ihr, Vater mag mich am liebsten allein antreffen, wenn er so kommt und vergnügt is. Denn nimmt er mich vielleicht in seine Arme und schwingt mich 'rum, stark wie er is, so daß ich schwindlig werd' wie ein junges Mädchen. Hu, hei! Dirn, hier ist die Kraft! sagt er – und lacht laut wie in seiner sausenden Jugend. Ja, es kommt woll vor, wenn er gerade genug in' Kopf hat, daß er wieder so stark und munter wird wie damals, als er in seiner Macht und Größe war. Ich freue mich darüber, wie schnell es auch wieder damit vorbei is; aber das is nichts für euch, ihr sollt lieber gehen.« Sie sah sie flehentlich an und zuckte zusammen, als jemand an die Tür faßte. Draußen herrschte ein böses Wetter.
Es war nur die Jüngste, die von ihrem Platz nach Hause kam. Sie mochte wohl zehn bis elf Jahre alt sein und war klein von Wuchs, dabei sah sie aber doch älter aus; ihre Stimme war hart und knarrend, der kleine Körper schien grob und mitgenommen von Arbeit. Nicht ein Fleck an ihr strahlte das Licht wieder aus, sie glich irgendeinem unterirdischen Wesen, das sich an die Oberfläche verirrt hat. Sie ging tot durch die Stube und ließ sich in Großmutters Stuhl fallen, da saß sie und hing nach der einen Seite herunter und verzerrte hin und wieder das Gesicht. »Sie hat ja den Schaden im Rücken,« sagte die Mutter und strich ihr über das dünne unschöne Haar – »den hat sie gekriegt, weil sie Doktors kleinen Jungen immer schleppt – der is so groß und dick. Aber solange der Doktor nichts sagt, kann es wohl nichts Gefährliches sein. – Ja, du bist wahrhaftig früh von Haus gekommen, mein Kind, aber dafür hast du auch dein gutes Essen und lernst dich tummeln. – Und tüchtig, das is sie, sie wartet Doktors drei Kinder ganz allein auf! Die Älteste is in ihrem Alter, aber die muß sie an- und ausziehen. Solche Feine, die lernen ja nich', sich selbst aufwarten.«
Pelle starrte sie neugierig an. Er hatte selbst viel durchgemacht; aber sich zum Krüppel an Kindern schleppen, die vielleicht kräftiger waren als er selbst – das sollt' ihm keiner zumuten! »Wozu schleppt sie denn die überfütterten Gören?« sagte er.
»Gehütet werd'n soll'n sie ja,« antwortete die Frau – »und die Mutter, die ja die nächste dazu wär', die hat woll keine Lust! – Sie bezahlen ja dafür.«
»Wenn ich es wär', ich ließ die Gören fallen – ja, ich ließ sie fallen«, sagte Pelle unverzagt.
Die Kleine streifte ihn mit ihrem stumpfen Blick, jetzt schimmerte ein schwaches Interesse darin auf. Aber das Gesicht behielt seine festgeschlagene Gleichgültigkeit, es war unmöglich zu sagen, was sie dachte, so hart und erfahren war ihr Ausdruck.
»Du solltest ihr nichts Schlechtes beibringen,« sagte die Mutter, »sie hat schon so genug, womit sie kämpfen muß, sie hat einen harten Sinn. – Und nu sollst du zu Bett gehen, Karen« – sie liebkoste sie abermals – »Vater kann es ja nich' gut vertragen, dich zu sehn, wenn er was in' Kopf hat. – Er hat dich so lieb«, fügte sie hilflos hinzu.
Karen entzog sich den Liebkosungen, ohne eine Miene zu verziehen; stumm ging sie auf den Boden hinauf, wo sie ihr Nachtlager hatte, Pelle hatte nicht einen Laut von ihr gehört.
»Ja, so is sie,« sagte die Mutter fröstelnd – »nich' mal ein Wort zur ›Gute Nacht‹. Nichts macht mehr Eindruck auf sie, nichts Gutes und nichts Schlechtes – sie is zu früh klug geworden. Und ich muß so aufpassen, daß sie Vater nich' vor die Augen kommt, wenn er in der Stimmung is. Er kann wie ein wildes Tier gegen sich selbst und andere werden, wenn es ihm aufgeht, wie schimpfiert sie is.« Sie sah nervös nach der Uhr. »Aber geht ihr nu, hört! Ihr tut mir einen großen Gefallen, wenn ihr geht!« Sie war kurz daran zu weinen.
Morten stand zögernd auf, die andern folgten seinem Beispiel. »Zieht nur den Kragen über die Ohren und lauft,« sagte die Mutter und knöpfte ihnen den Rock zu. Der Oktobersturm fuhr in Stößen gegen das Haus und peitschte harten Regen gegen die Fensterscheiben.
Als sie »Gute Nacht« sagten, ertönte draußen neuer Lärm. Die Haustür schlug gegen die Mauer, sie hörten, wie das Unwetter hereinbrauste und die Diele füllte. »Ach, nu is es zu spät!« jammerte die Mutter vorwurfsvoll – »warum seid ihr nich' früher gegangen?« Ein unförmliches Pusseln drang zu ihnen herein, wie von einem gewaltigen Tier, das an der Türspalte auf und nieder schnüffelt und mit seiner nassen Tatze nach der Türklinke sucht. Jens wollte hinlaufen und die Tür öffnen. »Nein! das darfst du nich'!« rief die Mutter verzweifelt und schob den Riegel vor – sie stand aufrecht da und zitterte am ganzen Körper. Auch Pelle fing an zu frieren; er hatte ein Gefühl, daß sich das Unwetter da draußen auf der Diele niederlegte wie ein großes unförmliches Wesen, das pustend vor schwerem Wohlsein dalag und sich trocken leckte, während es auf sie wartete.
Die Frau stand vorübergebeugt und lauschte in wahnsinniger Anspannung. »Auf was wird er jetzt verfallen?« murmelte sie, »er is so neckisch!« Sie weinte es heraus. Die Jungen hatte sie gewiß im Augenblick vergessen.
Dann wurde die Haustür eingeschlagen, das Ungeheuer richtete sich mit nassem Klatschen auf allen vieren auf und fing an, mit vertraulichem Brummen zu rufen. Die Frau wand sich in ihrer Not, sie bewegte die Hände ratlos vor sich, dann schlug sie sie vor das Gesicht. Aber nun wurde das Riesentier ungeduldig, es schlug kurz gegen die Tür und knurrte warnend. Die Frau zuckte zusammen, als wolle sie sich auf alle viere niederwerfen und ihm antworten; »ach nein, nein!« klagte sie dann und besann sich. Da wurde die Tür mit einem schweren Schlag gesprengt, und der Meister Petz wälzte sich über die Schwelle und sprang in plumpen Sätzen auf sie zu, den Kopf hielt er ein wenig hintenüber vor Verwunderung darüber, daß der kleine Kamerad ihm nicht eifrig bellend entgegensprang. »Peter, Peter – die Jungen!« flüsterte sie und beugte sich über ihn nieder, aber er patschte sie zu Boden und legte knurrend eine schwere Tatze auf sie. Sie riß sich von ihm los und flüchtete auf einen Stuhl.
»Wer bin ich?« fragte er mit lallender Geisterstimme und stellte sich vor sie hin.
»Die große Kraft!« sie mußte doch lächeln, so dick und wütend wie er sich gebärdete.
»Und du?«
»Die Fröhlichste auf der ganzen Welt!« Aber da ging die Stimme wieder in Weinen über.
»Und wo soll die Kraft über Nacht ruhen?« Er griff nach ihrer Brust.
Sie sprang mit brennenden Augen auf. »Du Tier, ach du Tier!« rief sie und schlug ihm ins Gesicht, rot vor Scham.
Die Kraft wischte sich nach jedem Schlag verwundert über das Gesicht. »Wir spielen ja man bloß«, sagte er. Dann durchzuckte es ihn, er erblickte die Jungen, die sich in eine Ecke gedrückt hatten. »Da steht ihr nu,« sagte er und lachte blödsinnig – »ja, Mutter und ich, wir spielen man ein bißchen! Nich' wahr, Mutter?«
Aber die Frau war hinausgelaufen, stand draußen unter dem Strohdach und schluchzte.
Jörgensen ging unruhig auf und nieder. »Sie weint!« murmelte er. »Es is kein Murr in ihr – sie hätt' 'n Bauernburschen haben soll'n. Zum Teufel auch – wenn es nu doch mal 'raus muß! Es sitzt hier oben und drückt, als klemmte mir einer die Stockzwinge ins Gehirn. Man los, Kraft! man los, damit du Ruh davor kriegst! sag' ich jeden Tag. Nee, laß sein, sag' ich denn – du mußt an dich halten, sonst geht sie bloß 'rum und weint! Und sie hat dir nie was andres als Gutes getan! – Aber zum Teufel auch, wenn es doch nu 'raus will! Und denn geht man zu Bett und sagt: Gottlob, der Tag wär' hin – und der Tag und der! Sie stehen da und glotzen – und warten; aber laß sie warten, es geschieht nichts – denn nu hat die Kraft Macht über sich! – Und denn auf einmal is es da hinter einem: Schlag zu! Mitten in den Haufen 'rein! Schick' sie all' in die Hölle, das Pack! Denn muß man woll trinken – um die Kräfte im Zaum zu halten! – – – Na, und da sitzt ihr! Kann mir einer von euch 'ne Krone leihen?«
»Ich nich'!« antwortete Jens.
»Nee, du – das müßt' ein schöner Dummbart sein, der was von dir erwarten wollt! Hab' ich nich' immer gesagt: der artet nach der verkehrten Seite, er hat Ähnlichkeit mit seiner Mutter? Herz habt ihr, aber die Fähigkeiten fehlen euch. Was kannst du eigentlich, Jens? Kriegst du feine Kleider von deinem Meister und wirst du behandelt wie ein Sohn – und endest am Ende damit, daß du das Geschäft als sein Schwiegersohn übernimmst? Und warum eigentlich nich', wenn ich fragen darf? Dein Vater is doch woll ebenso angesehen wie Morten seiner?«
»Morten wird woll auch nicht Schwiegersohn – wenn sein Meister keine Tochter hat«, murmelte Jens.
»Na nich' –? Aber er hätt' 'ne Tochter haben können, wie? Aber da haben wir es ja gerade in der Antwort –. Dir fehlt das Nachdenken. Morten, der hat es da oben!« Er tastete sich nach der Stirn.
»Dann hätt'st du mich nich' an den Kopf schlagen soll'n«, entgegnete Jens mürrisch.
»An den Kopf – jawoll! Aber der Verstand hat woll seinen Sitz im Kopf; da soll man es doch woll 'reinkriegen. Denn was nützt es woll, will ich dir sagen, wenn du eine Dummheit mit deinem Kopf begehst und ich dich auf den Hintern schlag'? Da hast du woll keinen Verstand nötig? Aber es hat doch geholfen – du bist viel klüger geworden. Das war zum Beispiel gar nich' dumm gesagt: ›Dann hätt'st du mich nich' auf den Kopf schlagen soll'n‹.« Er nickte anerkennend. »Nein, aber hier is ein Kopf, der kann einem was zu schaffen machen – da sind Verstandesknorren im Holz, wie?« Die drei Jungen mußten ihn oben am Kopf befühlen.
Er stand da wie ein schwankender Baum und lauschte mit wechselndem Ausdruck dem ersterbenden Schluchzen der Frau; sie saß jetzt auf dem Herd, dicht vor der Tür. »Sie weint ja man bloß,« sagte er mitleidsvoll – »das is nu mal so die Manier der Frauenzimmer, sich zu amüsieren. Das Leben is hart gegen uns gewesen, und sie is den Widerwärtigkeiten ja nich' gewachsen, die Ärmste. Denn wenn ich nu zum Beispiel sag', daß ich Lust habe, den Ofen entzweizuschlagen« – er nahm einen schweren Stuhl und schwenkte ihn in der Luft hin und her – »dann fängt sie gleich an zu plärren. Über alles plärrt sie. Aber wenn ich nu hochkomm', denn nehm ich mir noch eine Frau – eine, die repräsentieren kann! Denn dies hier is Kaff. Kann sie vielleicht feine Gäste empfangen – und feine Reden führen? Pah! Was zum Teufel nützt es da, daß ich uns aus dem Dreck ›rausarbeit‹? Aber nu geh' ich wieder – denn hier is es weiß Gott nich' amüsant!«
Die Frau kam hastig herein: »Ach, geh' nich, Peter! Bleib' doch hier!« flehte sie.
»Soll ich hier am Ende 'rumgehn und dein Geplärr mit anhören?« antwortete er mürrisch und zuckte die Achseln. Er glich einem großen, gutmütigen Jungen, der sich mausig macht.
»Ich plärr' ja nich', ich bin so froh – wenn du nur wieder hierbleibst!« sie klammerte sich an ihn und lächelte unter Tränen. »Sieh mich an – Bin ich nich' froh über dich? Bleib' bei mir, du, Kraft –« Sie atmete ihm heiß ins Ohr hinein; den Kummer hatte sie abgeschüttelt und sich straff gemacht, sie war förmlich hübsch in ihrem Erglühen.
Die Kraft sah sie verliebt an, lachte albern, als werde er gekitzelt, und ließ sich hin und her zerren; er ahmte ihr Flüstern in der leeren Luft nach und sprühte vor Humor. Dann näherte er listig den Mund ihrem Ohr, und als sie lauschte, trompetete er ihr in den Kopf hinein, so daß sie mit einem kleinen Schrei zusammenzuckte. »Bleib' nur, du großer Junge!« sagte sie und lachte – »ich laß dich gar nich' weg, denn noch kann ich dich halten.« Aber er schüttelte sie lächelnd von sich ab und lief barhäuptig davon.
Einen Augenblick sah es so aus, als wolle sie hinter ihm dreinlaufen, aber dann sanken die Hände und alles an ihr herab. »Laßt ihn laufen,« sagte sie müde, »nu muß es gehen, wie es will. Da is doch nichts bei zu machen, so knallbetrunken hab' ich ihn noch nie gesehen. Ja, ihr seht mich an, aber ihr müßt bedenken, daß er einen Rausch anders trägt als alle andern – er is nu mal in allem was ganz Apartes!« Das letzte sagte sie mit einem gewissen Stolz. »Und an den Reeder hat er seine strafende Hand gelegt – wo ihn doch nich' einmal der Stadtrichter anzurühren wagt. Der liebe Gott kann nich' gerechter sein als er.«