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IV

Um vier Uhr waren Lasse und Pelle in den Kleidern und schlugen die Türen vom Kuhstall nach dem Felde hinaus auf. Da draußen rollte sich die Welt aus ihrem weißen Nachtatem heraus, und der Morgen erhob sich verheißend. Lasse stellte sich gähnend in die Stalltür und bestimmte das Wetter für den Tag; aber Pelle ließ die verschleierten Töne der Luft und den Lerchengesang – alles das, was aufstieg – gegen sein kleines Herz schlagen. Mit offenem Munde und unsicheren Augen sah er in das Unfaßliche hinein, das jeder neue Tag mit allen seinen undenkbaren Möglichkeiten war. »Heut mußt du deinen Rock mitnehmen, denn zu Mittag kriegen wir Regen«, sagte Lasse dann wohl; und Pelle guckte in die Luft hinauf, um dahinterzukommen, woher der Vater das nun wohl wissen mochte. Denn es pflegte einzutreffen.

Dann fingen sie an, den Kuhstall auszumisten. Pelle kratzte unter den Kühen heraus und fegte den Fußboden nach, und Lasse lud auf die Schubkarre und fuhr sie hinaus. Um sechs Uhr aßen sie ihre Morgenmahlzeit – salzenen Hering und Suppe.

Dann trieb Pelle das Jungvieh hinaus, er hatte den Vorratskorb am Arm und die Peitsche mehrmals um den Hals geschlungen. Der Vater hatte ihm einen kurzen, dicken Ringstock gemacht, mit dem man warnend rasseln und den man nach dem Vieh werfen konnte; aber Pelle zog die Peitsche vor, weil er noch nicht Kräfte genug hatte, um sie zu gebrauchen.

Klein war er, und es hielt zu Anfang schwer, Eindruck auf die großen Mächte zu machen, die er unter sich hatte. Er konnte seine Stimme nicht schreckeinflößend genug machen, und das Hinaustreiben war ein harte Arbeit, namentlich oben in der Nähe des Hofes, wo die Saaten zu beiden Seiten des Feldweges hoch standen. Das Vieh hatte Morgenappetit, und die großen Ochsen hatten nicht die geringste Lust, sich vom Fleck zu rühren, wenn sie erst das Maul im Korn begraben hatten und er dastand und mit dem stumpfen Schaft der Peitsche auf sie losprügelte. Die sechs Ellen lange Peitschenschnur, die in einer geübten Hand dem Vieh die Haut in kleinen dreieckigen Löchern herausschnitt, konnte er gar nicht schwingen, und schlug er den Ochsen mit seinem Holzschuh an den Kopf, so schloß er nur gutmütig die Augen und graste ruhig weiter, den Hintern ihm zugekehrt. Dann brach er zusammen in verzweifeltem Gebrüll oder hatte kleine Wutanfälle, wo er blindlings angriff und es auf die Augen der Tiere abgesehen hatte – aber es half nichts. Die Kälber konnte er immer dazu kriegen, daß sie weggingen, indem er ihnen den Schwanz umdrehte, aber die Schwänze der Ochsen waren zu kräftig.

Doch er weinte nie lange auf einmal über das Versagen seiner schwachen Kräfte. Eines Abends ließ er sich von dem Vater einen Stachel in die Schnauze des einen Holzschuhs schlagen; von nun an wurde sein Schlag respektiert. Teils von selbst, teils durch Rud lernte er auch die Stellen an den Tieren finden, wo sie empfindlich waren. Die Färsen hatten ihren wunden Punkt in den Eutern und den Leisten, die Stierkälber in den Hoden; ein wohlgezielter Schlag gegen ein Horn konnte die großen Ochsen dazu bringen, daß sie vor Schmerz brüllten.

Das Hinaustreiben war eine saure Arbeit, aber das Hüten selbst war ein Herrenleben. Wenn das Vieh erst auf der Weide zur Ruhe gekommen war, fühlte er sich wie ein General und ließ seine Stimme unaufhörlich über die Wiese schallen, während sein kleiner Körper sich vor Stolz und Machtgefühl dehnte.

Es ward ihm schwer, vom Vater getrennt zu sein. Er kam nicht zum Mittagessen nach Hause, und während er mitten im schönsten Spielen war, konnte ihn eine Verzweiflung befallen; dann bildete er sich ein, daß dem Vater ein Unglück zugestoßen sei, daß der große Stier ihn auf die Hörner gespießt habe – oder dergleichen. Dann ließ er alles im Stich und rannte brüllend nach Hause, dachte aber noch rechtzeitig an die Peitsche des Verwalters und trabte wieder zurück. Er suchte der Sehnsucht abzuhelfen, indem er seinen Standpunkt so wählte, daß er die Felder da oben im Auge behielt und den Vater sehen konnte, wenn der hinausging, um die Milchkühe vom Fleck zu treiben.

Er lernte schnitzen. Schiffe und kleine Feldgerätschaften und Handstöcke mit gemusterter Rinde – er hatte eine geschickte Hand für das Messer, und er gebrauchte es fleißig. Stundenlang konnte er auch auf der Spitze eines Bautasteins stehen – er glaubte, es sei ein Zaunpfahl – und versuchen, das schußähnliche Knallen mit der Peitsche herauszubringen. Er mußte hoch hinaufklettern, damit nur überhaupt die Peitsche die Erde nicht berührte.

Wenn sich das Vieh mitten am Vormittag lagerte, war er auch in der Regel müde. Dann setzte er sich auf die Stirn eines der großen Ochsen und hielt sich an den Spitzen seiner Hörner fest. Und während der Ochse dalag und kaute, leise bibbernd wie eine Maschine, saß er auf seinem Kopf und brüllte aus vollem Halse Lieder von unglücklicher Liebe und grauenvollen Massenmorden.

Gegen Mittag kam Rud gelaufen und war heißhungrig; die Mutter jagte ihn von Hause weg, wenn die Essensstunde heranrückte. Pelle teilte immer seinen Vorratskorb mit ihm, verlangte aber, daß er für jedes Stück Butterbrot eine gewisse Anzahl von Malen die Kühe zusammentreiben sollte.

Die beiden Knaben konnten keinen Tag ohne einander fertig werden. Sie tummelten sich auf der Wiese wie zwei junge Hunde, prügelten sich und vertrugen sich wohl zwanzigmal am Tage, stießen die fürchterlichsten Racheschwüre aus, die in Gestalt dieses oder jenes Erwachsenen in Erfüllung gehen sollten, und saßen im nächsten Augenblick engumschlungen da.

Ein Dünenkranz von einer halben Viertelmeile Breite trennte die Steinhöfer Felder von dem Meer. Innerhalb der Dünen war der Boden steinig und lag als magere Weide da; aber zu beiden Seiten des Baches trieb sich ein Streifen saftigen Wiesenlandes zwischen die Dünen hinein, die mit Zwergfichten und Riedgras bedeckt waren, um den Sand festzuhalten. Hier auf der Wiese war die beste Weide, aber es war beschwerlich, auf beiden Seiten zu hüten, da der Bach dazwischen lief. Und es war dem Jungen unter herben Drohungen eingeschärft, daß keines der Tiere einen Fuß auf die Dünen setzen dürfe, da der kleinste Riß Sandflug veranlassen konnte. Pelle faßte alles ganz buchstäblich auf, den ganzen Sommer stellte er sich eine Art Explosion vor, die alles in die Luft fliegen ließ, sobald eine Kuh den gefährlichen Boden betrat. Und diese Möglichkeit hing wie ein drohendes Schicksal hinter allem, wenn er hier hütete. Wenn Rud kam und sie spielen wollten, trieb er das Vieh auf die magere Weide hinauf, wo Platz genug war.

Sobald die Sonne schien, liefen sie nackend herum. An das Meer wagten sie sich nicht hinab aus Angst vor dem Verwalter, der ganz sicher oben auf dem Boden des Wohnhauses stand und Pelle beständig mit seinem Fernrohr beobachtete. Aber im Bach badeten sie – aus dem Wasser heraus und wieder ins Wasser hinein, ins Unendliche. Nach einem starken Regen schwoll er an und war dann ganz milchweiß von Kaolin, den er von den Abhängen tiefer ins Land hinein losspülte. Die Knaben glaubten, es sei Milch von einem ungeheuren großen Gehöft tief drinnen im Lande. Bei Hochwasser floß das Meer herein und füllte den Bach mit Tang, der verfaulte und das Wasser purpurrot färbte. Das war das Blut von allen den Ertrunkenen draußen aus der See.

Zwischen dem Baden lagen sie unter den Dünen und ließen sich von der Sonne trocken lecken.

Sie untersuchten eingehend ihre Körper und tauschten ihre Ansicht über den Gebrauch und die Bedeutung der verschiedenen Körperteile aus; in diesem Punkt war Rud der im Wissen überlegene und trat belehrend auf. Oft gerieten sie in Streit darüber, wer in bezug auf dieses oder jenes am besten ausgestattet sei –: das Größte habe. So zum Beispiel beneidete Pelle Rud um seinen unverhältnismäßig großen Kopf.

Pelle war ein kleiner, harmonisch gebauter Bursche, er hatte sich eine gewisse Rundlichkeit zugelegt, seit er nach Steinhof gekommen war. Die Haut strammte sich leuchtend über den Körper und hatte eine warme, sonnengebrannte Farbe. Rud hatte einen dünnen Hals im Verhältnis zu dem Kopf, die Stirn war eckig und voller Narben infolge von vielem Fallen. Es fehlte ihm an einer festen Herrschaft über seine Glieder, er hatte ein eigenes Talent, sich zu stoßen und zu verletzen; ringsumher an seinem ganzen Leibe wimmelte es von blau unterlaufenen Stellen, die gar nicht wieder weggehen wollten – er hatte schlechte Heilhaut. Aber er war nicht so redlich in seinem Neid wie Pelle; er prahlte mit seinen Gebrechen, bis sie wie lauter Vorzüge erschienen, so daß ihn Pelle schließlich aus ehrlichem Herzen beneidete.

Rud besaß nicht Pelles offenen Sinn für die Welt, aber er hatte mehr Instinkt und in gewissen Punkten ein fast geniales Talent, das zu erfassen, was Pelle erst durch Erfahrung lernen mußte. Er war schon in gewissem Maße geizig – und mißtrauisch, ohne bestimmte Gedanken damit zu verbinden. Er verzehrte den Löwenanteil des Essens und hatte zahlreiche Ausreden, um sich um die Arbeit zu drücken.

Hinter ihrem Spiel lag, in die kindlichsten Formen gekleidet, ein Kampf um die Übermacht, und Pelle war bis auf weiteres derjenige, der den kürzeren zog; schlimmstenfalls verstand Rud es immer, zu seinen guten Eigenschaften zu reden und sie gegen ihn zu wenden.

Und bei alledem waren sie die besten Freunde von der Welt und konnten einander nicht entbehren. Pelle sah, wenn er allein war, sehnsüchtig nach der Hütte der »Sau« hinüber, und Rud riß von zu Hause aus, sobald es ihm nur möglich war.

 

Es hatte, trotz Lasse, am Morgen stark geregnet, und Pelle war bis auf die Haut durchnäßt. Jetzt zog der blauschwarze Schauer da draußen über das Meer hin, und die Boote standen mitten darin, alle die roten Segel gehißt, und kamen doch nicht vom Fleck. Die Sonne stach und glitzerte auf all dem Nassen, so daß alles entzückt aussah; und Pelle hängte seine Kleider zum Trocknen auf einer Zwergfichte auf.

Es fror ihn, und er kroch unter Pär, den größten der Ochsen, der dalag und kaute. Die Ochsen dampften förmlich, aber Pelles äußere Gliedmaßen, in denen die Kälte sich festgesetzt hatte, wollten nicht wieder geschmeidig werden. Auch die Wangen fielen nach den Zähnen zu ein, und das Zwerchfell bibberte.

Und dann konnte die eine der Gelten ihm nicht mal Ruhe gönnen. Jedesmal, wenn er sich recht unter den Ochsen hineingebohrt hatte und ein wenig Wärme ansammeln wollte, strebte sie von dannen, über die Grenzscheide hinweg, gen Norden. Da war nichts weiter als Sand, aber zu der Zeit, als sie noch ein Kalb war, hatte da ein Stück Mischkorn gestanden – das wußte sie noch.

Die Gelten waren zwei Kühe, die ihrer Unfruchtbarkeit wegen aus dem Milchvieh ausgeschieden waren. Es waren zwei mürrische Viecher, immer unzufrieden und auf Schabernack bedacht; und Pelle haßte sie gründlich. Zwei richtige Pulverhexen waren es, auf die nicht einmal Prügel Eindruck machten. Die eine war eine Brummelkuh, die mitten im friedlichen Grasen anfing auf den Boden zu stampfen und zu brummen wie ein wilder Stier; und wenn Pelle auf sie losging, wollte sie ihn auf den Hörnern aufspießen, Kalben konnte sie nicht, aber sie wollte auf den anderen reiten und setzte den gutartigen Rindern Grillen in den Kopf; und sobald sie dazu kommen konnte, fraß sie Pelles Vorratsbündel auf. Die andere Gelte war alt und hatte Kringelhörner, die nach ihren Augen zeigten, von denen das eine einen weißen Augapfel hatte.

Jetzt trieb die Brummelkuh ihr Spiel. Jeden Augenblick mußte Pelle von seinem Lager aufstehen und schelten: »Heda, Blakka, du niederträchtiges Vieh, willst du wohl machen, daß du da weg kommst!« – er war heiser vor Wut. Endlich riß ihm die Geduld, er griff nach einem gehörigen Spannpflock und schickte sich an, die Kuh einzufangen. Sobald sie die Absicht bemerkte, lief sie in hellen Sprüngen dem Hofe zu. Pelle mußte einen großen Bogen machen, um sie der Herde wieder zuzutreiben. Dann ging es in gestrecktem Galopp zwischen die anderen Kühe hinein und wieder heraus, die Herde geriet in Verwirrung und rannte hierhin und dahin, Pelle mußte für eine Weile die Verfolgung aufgeben bis er sie wieder zusammengetrieben hatte. Aber sofort begann er von neuem. Die Erbitterung kochte in ihm und machte ihn springen wie einen Ball, sein nackter Körper zeichnete leuchtende Schleifen auf der grünen Wiese. Er war nur ein paar Klafter von der Kuh entfernt, aber der Abstand verringerte sich nicht, er konnte sie heute absolut nicht einholen.

Oben beim Roggen blieb er stehen, und im selben Augenblick blieb auch die Kuh stehen; sie raufte ein paar Büschel Korn ab und streckte den Kopf lang aus, um die Richtung zu wählen. In zwei Katzensprüngen war Pelle da und faßte sie beim Schwanz. Er schlug ihr den Spannpfahl über die Schnauze, so daß sie aus dem Acker herausbimste, und nun ging es in fliegender Eile zu den anderen hinab, während die Schläge auf ihre Knochen herabhagelten. Von den Dünen her klang jeder Schlag zurück wie ein Hieb gegen einen Baumstamm und schwellte Pelles Mut, die Kuh versuchte, ihn während des Laufens abzuschütteln, aber er ließ nicht locker. Sie setzte in langen Sprüngen über den Bach, hin und her, Pelle hing nur noch so und schwebte in der Luft; aber die Schläge fuhren fort, auf sie herabzuregnen. Sie wurde müde und ließ mit dem Laufen nach; schließlich stand sie ganz still, hustete und ließ sich prügeln.

Pelle warf sich platt auf den Bauch nieder und keuchte. Ha, ha, das hatte ihn doch endlich warm gemacht! Nu wollt' er sie schon kriegen, das Beest! – Plötzlich kehrte er sich mit einem Ruck auf die Seite herum – der Verwalter! Ein fremder, bärtiger Mann stand über ihn gebeugt und sah ihn mit ernsthaften Augen an. Der Fremde fuhr lange fort, ihn anzustarren, ohne etwas zu sagen, und Pelle wußte sich nicht zu retten und zu bergen vor den Augen; und dann hatte er auch die Sonne gerade ins Gesicht, wenn er den Mann wieder ansehen wollte und die Kuh stand noch immer da und hustete.

»Was meinst du, daß der Verwalter jetzt sagen wird?« fragte der Mann endlich sehr ruhig.

»Ach, der sieht es wohl nich'«, flüsterte Pelle und sah sich scheu um.

»Aber der liebe Gott hat es gesehen, denn der sieht alles. Und er führte mich auf deinen Weg, um dem Bösen in dir Einhalt zu gebieten, solange es noch Zeit ist. Möchtest du nicht gern Gottes Kind sein?« Der Mann setzte sich neben ihn und ergriff seine Hand.

Pelle saß da und raufte Gras aus und wünschte, daß er seine Kleider angehabt hätte; er nickte.

»Und dann mußt du auch nicht vergessen, daß Gott der Vater alles sieht, was du tust, selbst in der dunkelsten Nacht sieht er es. Wir wandeln immer vor Gottes Antlitz. Aber komm jetzt; es schickt sich nicht, nackend umherzulaufen!« Der Mann nahm ihn bei der Hand und führte ihn an seine Kleider; dann ging er auf die Nordseite hinüber und trieb das Vieh zusammen, während Pelle sich ankleidete – die Gelte war schon wieder da drüben und hatte ein paar andere mit sich gezogen. Pelle sah ihm verwundert nach, er trieb ganz ruhig das Vieh zurück brauchte weder Steine noch Rufe. Ehe er zurückkam, hatte Blakka die Grenzscheide schon wieder überschritten; er kehrte zurück und trieb sie weg, ebenso sanftmütig wie vorhin.

»Das ist keine bequeme Kuh,« sagte er milde, als er zurückkam – »aber du hast ja junge Beine. Wollen wir den da nicht verbrennen?« er nahm den dicken Knittel vom Boden auf – »und unsere Arbeit mit den bloßen Händen verrichten? Gott wird dir stets beistehen, wenn Not am Mann ist! Und wenn du ein wahres Kind Gottes sein willst, so mußt du dem Verwalter heute abend erzählen, wie du dich aufgeführt hast – und deine Strafe hinnehmen.« Er legte Pelle seine Hand auf den Kopf und sah ihn eine Weile mit diesem unerträglichen Blick an. Dann ging er, den Knittel aber nahm er mit.

Pelle sah ihm lange nach. So also sah einer aus, der von Gott gesendet war, um ihn zu warnen! Jetzt wußte er das, und es würde lange währen, bis er wieder eine Kuh zuschanden rannte. Aber zum Verwalter gehen und sich selbst melden – und die Peitsche auf den bloßen Beinen fühlen – das sollte ihm denn doch nicht einfallen! Dann mochte Gott der Herr lieber böse auf ihn werden – ob der nun auch wirklich alles sehen konnte? Schlimmer als der Zorn des Verwalters konnte er wohl nicht werden.

Den ganzen Vormittag ging er bedrückten Sinnes einher. Die Augen des Mannes ruhten auf ihm bei allem, was er unternahm, raubten ihm seine Unbefangenheit. Er tastete sich schweigend vorwärts und griff alles von einer neuen Seite an; es war nicht ratsam, Lärm zu schlagen, wenn man beständig vor dem Antlitz Gottes des Vaters wandelte. Er knallte nicht mit der Peitsche, sondern überlegte im stillen, ob er nicht auch die verbrennen sollte.

Aber kurz vor Mittag kam Rud, und das Ganze war vergessen. Er rauchte auf einem Stück spanischen Rohrs, das er von dem Ofenreiniger seiner Mutter abgeschnitten hatte, und Pelle tauschte sich ein paar Züge für ein Stück Butterbrot ein. Zuerst setzten sie sich hin und ritten auf dem Ochsen Amor, der dalag und wiederkäute. Er kaute ruhig, mit geschloffenen Augen weiter, bis Rud ihm das brennende Stück spanischen Rohrs gegen die Schwanzwurzel drückte, da sprang er hastig auf, und die Jungen trundelten über seinen Kopf herunter. Sie lachten und malten sich gegenseitig prahlend ihre Purzelbäume aus, während sie an den Feldrain hinaufgingen, um Brombeeren zu suchen. Von da ging es zu einigen Vogelnestern in den kleinen Tannen, und endlich machten sie sich an ihr bestes Spiel – Mäusenester auszugraben.

Pelle kannte jedes Mauseloch in der ganzen Gegend; sie lagen auf dem Bauch und untersuchten sie sorgfältig. »Hier ist eins, das bewohnt ist,« sagte Rud, »sieh nur, da ist der Misthaufen.« – »Ja, hier riecht es nach Mäusen«, bekräftigte Pelle und steckte seine Nase in das Loch hinein. »Und die Strohhalme wenden nach außen – die Alten sind offenbar nicht zu Hause!«

Mit Pelles Messer schnitten sie den Rasen weg und fingen mit zwei Topfscherben eifrig zu graben an. Die Erde flog ihnen um die Ohren, während sie schwatzten und lachten.

»Na, zum Kuckuck auch, das geht ja fix!«

»Ja, so schnell kann Ström nich' arbeiten.« – Ström war ein berühmter Schnellarbeiter, der fünfundzwanzig Öre mehr am Tage bekam als die anderen Schnitter und benutzt wurde, um die Arbeit zu »treiben«.

»Wir kommen gleich direktemang in den Bauch der Erde 'rein.«

»Ja, aber da is es glühendig heiß.«

»Ach was, Unsinn, nich'?« Pelle hielt bedenklich mit dem Graben inne.

»Ja, das sagt der Schulmeister.«

Die Knaben zögerten und steckten eine Hand in das Loch hinein – ja, warm war es da unten. Sogar so warm, daß Pelle meinte, er müsse die Hand zurückziehen und ›Au, zum Deubel auch!‹ sagen. Sie überlegten eine Weile und fingen dann von neuem an, unten in dem Loch zu scharren, so vorsichtig, als gelte es das Leben. Aber nach einer Weile kamen da unten im Gang Strohhalme zum Vorschein, und die innere Hitze der Erde war mit einem Schlage vergessen. Schleunigst hatten sie das Nest abgedeckt, und die neugeborenen rosenroten Jungen wurden auf das Gras gelegt – sie glichen halb ausgebrüteten jungen Vögeln.

»Sie sind gräßlich«, sagte Pelle, der nicht so recht Mut hatte, sie anzufassen, sich aber schämte, es einzugestehen. »Sie sind viel ekliger anzurühren als 'ne Kröte – ich glaub' wirklich, sie sind giftig.«

Rud lag da und klemmte sie zwischen den Fingern.

»Giftig – bist du verrückt; sie haben ja keine Zähne! – Und Knochen haben sie auch nich', man könnt' sie gewiß essen.«

»Pfui Deubel!« Pelle spie aus.

»Ich will gleich in eine 'reinbeißen. – Hast du auch den Mut?« Rud näherte eine junge Maus seinem Munde.

»Ob ich den Mut hab' – ja, woll hab' ich den Mut – aber –«

Pelle zögerte.

»Nee, du magst es nich', du bist 'ne Bangbüchs.«

Pelle wollte dies Schimpfwort nicht auf sich sitzen lassen; er ergriff schnell eine junge Maus und führte sie genau so nahe an die Lippen, wie Rud die seine hielt. »Da kannst du selbst sehen!« rief er gekränkt aus.

Rud schwatzte mit vielen Gebärden:

»Du bist bange, weil du ein Schwede bist. Aber wenn man bange is, soll man bloß die Augen zumachen – so, und den Mund weit aufreißen. Dann tut man so, als wenn man die junge Maus gerade in den Rachen 'reingleiten läßt, und dann –« Rud riß den Mund weit auf und hielt die Hand ganz oben vor den Mund; Pelle war ganz unter seiner Macht und ahmte seine Bewegungen nach. »Und dann –« auf einmal bekam Pelle einen Stoß, so daß ihm die junge Maus in den Hals hineinflog. Er kotzte und spie; die Hände tasteten in das Gras hinein und bekamen einen Stein zu fassen; aber als er wieder auf die Beine kam und ihn werfen wollte, war Rud schon weit oben auf dem Felde. »Nu muß ich nach Haus!« rief er ganz unschuldig, »ich soll Mutter bei was helfen.«

Pelle liebte die Einsamkeit nicht, und die Aussicht auf eine Blockade stimmte ihn gleich versöhnlich. Er schmiß den Stein weg, um seinen ernsten Willen zu einem Vergleich zu zeigen, und mußte hoch und heilig schwören, daß er nichts nachtragen wolle. Dann kam Rud endlich, kichernd, zurück.

»Ich wollte dir was Amüsantes mit der Maus zeigen,« sagte er ablenkend, »aber du hieltest sie ja wie ein Klotz.« Er wagte sich nicht dicht an Pelle heran, sondern stand da und verfolgte seine Bewegungen mit den Augen.

Pelle kannte die kleine Notlüge, wenn die Gefahr, Prügel zu bekommen, im Anzuge war, aber die Lüge als Angriff war ihm noch fremd. Wenn Rud, jetzt, wo das Ganze vergessen war, sagte, daß er ihm etwas Amüsantes zeigen wollte, so mußte es wohl wahr sein. Aber warum war er denn so mißtrauisch? Wie schon so oft versuchte Pelle, sein kleines Gehirn um mögliche Hintergedanken bei dem Kameraden herumzubiegen, vermochte es jedoch nicht.

»Du kannst doch ebensogut ganz hier herankommen«, sagte er vierschrötig. »Denn wenn ich man wollte, könnte ich dich bequem einholen.«

Rud kam. »Nu woll'n wir große Mäuse fangen!« sagte er. »Das is viel amüsanter.«

Sie leerten Pelles Milchflasche und suchten sich ein Mauseloch aus, das nur zwei Ausgänge zu haben schien – den einen oben auf der Wiese, den anderen unten in der Mitte des Bachabhanges. Hier unten steckten sie den Flaschenhals hinein, das Loch oben auf der Wiese ward zu einem Trichter erweitert, und sie wechselten damit ab, die Flasche zu beobachten und mit ihren Mützen Wasser oben in das Loch hineinzutragen. Es währte nicht lange, bis eine Maus in die Flasche hineinschlüpfte, und sie steckten den Kork fest darauf.

Was sollten sie nun damit anfangen? Pelle machte den Vorschlag, sie zu zähmen und zu dressieren, so daß sie ihre kleinen Feldgerätschaften ziehen könne, aber Rud setzte wie gewöhnlich seinen Willen durch – sie sollte segeln!

Dort, wo der Bach eine Biegung machte und sein Bett zu einem ganzen Kessel ausgehöhlt hatte, machten sie eine schräge Bahn und ließen die Flasche, mit dem Hals voran, ins Wasser rutschen, wie ein Schiff, das vom Stapel läuft. Sie konnten sie in ihrem Bogen unter dem Wasser verfolgen, bis sie mit einem schrägen Stoß auftauchte und dastand und sich auf dem Wasser wiegte wie eine Boje, den Hals nach oben. Die Maus machte die drolligsten Sprünge nach dem Kork zu, um herauszugelangen; die Jungen hüpften vor Wonne im Grase.

»Sie weiß recht gut, welchen Weg sie 'reingekommen is – das weiß sie recht gut!« Sie ahmten ihre mißglückten Sprünge nach, warfen sich auf den Bauch und wanden sich ausgelassen im Grase. Aber allmählich ward das langweilig.

»Woll'n wir den Pfropfen abnehmen?« schlug Rud vor.

»Ja – ach ja!« Pelle watete flugs nach der Flasche hinaus und wollte der Maus ihre Freiheit schenken.

»So wart' doch, du Rindvieh!« Rud riß ihm die Flasche aus der Hand. Er hielt die Mündung zu, während er sie mitten ins Wasser hinaussetzte. »Nu wird's aber Spaß geben«, rief er und eilte ans Ufer.

Es währte eine Weile, bis die Maus entdeckte, daß die Bahn frei war, da fing sie an zu springen. Es mißlang, und die Flasche geriet in eine schaukelnde Bewegung, so daß der zweite Sprung schräge ausfiel und gegen die Seitenwand abprallte. Aber dann folgte eine Reihe von Sprüngen blitzschnell aufeinander, ein ganzes Bombardement; und plötzlich flog sie hoch oben aus dem Flaschenhals heraus und kopfüber ins Wasser.

»Das war ein Sprung, der sich gewaschen hatt'!« rief Pelle und sprang oben im Gras kerzengerade in die Höhe, die Arme fest an den Seiten, »sie konnt' gerade ihren Körper durchkneifen, nur gerade so eben, du!« Er sprang nochmals und machte sich dünn.

Die Maus schwamm an Land, aber da war Rud und setzte sie mit dem Fuß wieder mitten hinein. »Sie schwimmt gut«, sagte er und lachte. Da steuerte sie nach dem anderen Ufer hinüber.

»Paß auf, zum Deubel auch!« schrie Rud, und Pelle sprang hinzu und stieß sie mit einem kräftigen Stoß vom Ufer ab. Sie schwamm unschlüssig hin und her, mitten im Loch, sah die beiden tanzenden Gestalten, sobald sie sich einem Ufer näherte, und kehrte wieder und wieder um, bis in die Unendlichkeit. Sie lag tiefer und tiefer – der Pelz wurde naß und zog sie nach unten; schließlich schwamm sie ganz unter Wasser. Plötzlich spreizte sie sich mit einem Ruck aus und sank zu Boden, alle vier Glieder ausgestreckt wie offene Arme.

Pelle hatte in einem Nu das Unschlüssige, Hilflose aufgefangen – es vielleicht wiedererkannt. Bei dem Zappeln des Tieres brach er in Tränen aus – ein kleiner Schrei – und laut brüllend lief er über die Wiese hinauf, auf die Fichtenschonung zu. Nach einer Weile kehrte er zurück. »Ich glaubte, verdammt und verflucht, Amor wäre weggerannt«, sagte er einmal über das andere und vermied es geflissentlich, Rud in die Augen zu sehen. Schweigend watete er hinaus und fischte mit dem Fuße die tote Maus heraus.

Sie hatten sie auf einen Stein in die Sonne gelegt, damit sie wieder aufleben sollte. Als das nicht gelang, entsann sich Pelle einer Geschichte von einigen Leuten, die daheim in einem See ertrunken waren und die wieder zu sich kamen, als man Kanonen über ihnen abschoß. Sie schlugen die hohlen Hände über der Maus zusammen, und als auch das zu nichts führte, beschlossen sie, sie zu begraben.

Rud fiel es ein, daß seine Großmutter in Schweden in diesen Tagen beerdigt wurde, und das veranlaßte sie, mit einer gewissen Feierlichkeit vorzugehen. Sie machten einen Sarg aus einer Streichholzschachtel und schmückten ihn mit Moos; sie lagen auf dem Bauch und ließen den Sarg mit Bindfaden in die Gruft hinab – mit großer Umständlichkeit, damit er nicht auf dem Kopf zu stehen kam. Ein Tau konnte ja springen, das geschah zuweilen; und die Illusion erlaubte nicht, daß sie hinterher mit den Händen an der Stellung des Sarges rückten. Dann sah Pelle in seine Mütze hinein, während Rud über der Verstorbenen ein Gebet sprach und Erde auf den Sarg warf. Und dann warfen sie das Grab zu.

»Wenn sie nu man bloß nich' scheintot is und wieder aufwacht!« rief Pelle plötzlich aus. Sie hatten beide viele unheimliche Geschichten von Scheintoten gehört und beredeten nun alle Möglichkeiten: wie man aufwachte und keine Luft bekommen konnte, und an den Deckel klopfte und anfing, von seinen eigenen Händen zu essen – bis Pelle deutlich hören konnte, daß es da unten an den Deckel klopfte. In fliegender Eile öffneten sie den Sarg und untersuchten die Maus; von ihren Vorderpfoten gefressen hatte sie nicht, aber sie hatte sich ganz bestimmt auf die Seite herumgedreht. Sie begruben sie abermals; der Sicherheit halber gaben sie ihr einen toten Mistkäfer mit in den Sarg und steckten einen Strohhalm in das Grab hinein zwecks Luftzufuhr. Dann schmückten sie den Hügel und setzten einen Gedenkstein.

»Nu is sie tot, du!« bestimmte Pelle sehr ernsthaft.

»Ja, das is sie, weiß Gott – so tot wie 'n Hering.« Rud hatte das Ohr an den Strohhalm gelegt und lauschte.

»Nu is sie woll oben bei Gott in all seiner Herrlichkeit, ganz hoch, hoch oben.«

Rud pfiff verächtlich.

»Ach, du Schaf, glaubst du, daß sie da 'raufklettern kann?«

»Mäuse können doch sehr gut klettern!« Pelle war verstimmt.

»Ja, aber nich' durch die Luft – das können bloß Vögel.«

Pelle fühlte sich aus dem Felde geschlagen und dürstete nach Rache.

»Denn is deine Großmutter auch nich' in'n Himmel!« erklärte er sehr bestimmt. Es war doch noch Groll in ihm zurückgeblieben von der Geschichte mit der jungen Maus her.

Aber das war mehr, als Rud auf sich sitzen lassen konnte. Er war mitten ins Familiengefühl hinein getroffen und versetzte Pelle einen Knuff mit dem Ellbogen in die Seite; und im nächsten Augenblick rollten sie beide rund im Gras herum, lagen einander in den Haaren und machten ungeschickte Versuche, ihre gegenseitigen Nasen mit geballter Faust zu treffen. Sie wälzten sich in einem Klumpen herum, wo bald der eine, bald der andere oben war, fauchten heiser, stöhnten und machten gewaltige Bewegungen. »Ich will dich schon dazu kriegen, daß du rot niesen sollst«, sagte Pelle verbissen und hob sich über den Gegner in die Höhe. Aber im nächsten Augenblick war er wieder unten; und Rud über ihm und stieß die fürchterlichsten Drohungen in bezug auf blaue Augen und tanzende Sonnen aus. Ihre Stimmen waren dick von Leidenschaft.

Und plötzlich saßen sie einander gegenüber im Gras und überlegten, ob sie nicht zu brüllen anfangen sollten. Da steckte Rud die Zunge aus, Pelle ging noch einen Schritt weiter und fing an zu lachen; sie waren wieder die besten Freunde von der Welt. Sie richteten den Gedenkstein wieder auf, der in der Hitze des Kampfes umgefallen war, und saßen dann Hand in Hand da und ruhten aus nach dem Sturm – ein wenig stiller als gewöhnlich.

Nicht daß Pelle noch gegrollt hätte; aber die Frage hatte eine selbständige Bedeutung für ihn bekommen, es mußte Sinn in der Sache sein. Ein grübelnder Ausdruck trat in seine Augen, und er rief nachdenklich aus:

»Ja, aber du hast mir doch selbst erzählt, daß sie lahm in den Beinen war.«

»Ja, was weiter?«

»Dann konnte sie doch nich' gut in den Himmel 'raufklettern.«

»Ach, du Klas – das is doch ihr Geist!«

»Dann kann der Geist der Maus aber doch auch gut da oben sein.«

»Ach, was! 'ne Maus, die hat doch keinen Geist!«

»So? – Sonst könnt' sie doch woll nich' atmen!«

Da stand nun Rud! Und das Fatale bei der Sache war, daß er die Sonntagsschule besuchte. Die Fäuste wären jetzt wieder am Platz gewesen, aber sein Instinkt sagte ihm, daß Pelle früher oder später die Übermacht beim Prügeln gewinnen würde. Und die Großmutter war auf alle Fälle gerettet.

»Ja –«, sagte er nachgebend, »atmen, das konnt' sie. Aber dann is ihr Geist aufgefahren und hat den Stein umgestoßen – du, ja, das hat er getan!«

Ein ferner Laut drang hinab zu ihnen, in weiter Entfernung hob sich von der Hütte eine dicke Frauengestalt ab; sie stand da und winkte drohend.

»Die Sau ruft dich!« sagte Pelle. Die beiden Jungen nannten sie niemals anders.

Da mußte denn Rud fort. Er erhielt die Erlaubnis, den größten Teil von dem Inhalt des Vorratskorbes mitzunehmen, und aß im Laufen; sie waren zu beschäftigt gewesen, um zu essen.

Pelle setzte sich in das Dünengehege und hielt seine Mahlzeit. Wie gewöhnlich, wenn Rud draußen bei ihm gewesen war, begriff er nicht, wo der Tag abgeblieben war. Der Vogelgesang war verstummt, und nicht eine einzige von den Kühen lagerte mehr, folglich mußte die Uhr zum mindesten fünf sein.

Oben beim Hofe waren sie beschäftigt, einzufahren. In vollem Trab ging es hinaus und heimwärts, hinaus und heimwärts. Die Knechte standen aufrecht auf dem Wagen und prügelten mit dem Ende des Zügels auf die Pferde los. Und die hochbeladenen Fuder fuhren auf den Feldwegen entlang; sie glichen spreitzbeinigem, kleinem Gewürm, das überrascht wurde und in ein Versteck eilt.

Ein Einspänner fuhr vom Hofe herunter und sauste im schnellsten Trab die Landstraße hinab, der Stadt zu. Es war der Steinhöfer Bauer; er wollte offenbar zur Stadt und schwieren, so wie er fuhr! Dann stand es schlecht zu Hause, und zur Nacht würde das Weinen wieder über den Hof schallen.

Ja, ja, jetzt fuhr Vater Lasse mit dem Wasserwagen hinaus, dann war die Uhr halb sechs. Das merkte man auch daran, daß die Vögel ihr gemütliches Abendgezwitscher anstimmten, tief und glitzernd wie die Strahlen der Sonne.

Drinnen über dem Steinbruch, wo sich die Krane vom Himmel abhoben, stieg hin und wieder eine Rauchwolke auf und barst in einer Fontäne aus Felsstücken. Zu allerletzt kam der Knall heruntergegurgelt, in Splittern und Stücken; es klang, als laufe jemand und schlage sich mit Fausthandschuhen auf die Schenkel.

Die letzten Stunden waren immer lang – die Sonne wurde so langsam. Und die Zeit hatte auch keinen Inhalt mehr; Pelle selbst war müde, und die Abendstille legte sich starken Äußerungen dämpfend in den Weg. Aber nun fuhren sie da oben zum Melken aus, und das Vieh fing an, sich nach der Ecke der Wiese hinaufzufressen, die nach dem Hofe zu lag; dann ward es Zeit.

Und endlich fingen die Hirtenjungen drüben auf den Nachbarhöfen an zu jodeln, erst einer, dann fielen mehrere ein:

»Ach, treib' heim, ah – ha, ah – ah – ha!
Ah – ha, ah – ha!
Ah – ha, ah – ha!
Ach, treib' heim, ah – ah – ha!
ah – ha!«

Von allen Seiten zitterte der weiche Gesang über das abfallende Land; gleich einem glückseligen Weinen floß er hinaus in das beginnende Schimmern der Luft, und Pelles Vieh ward so langgestreckt in seinen Bewegungen. Aber noch wagte er nicht, heimzutreiben; es setzte Püffe von dem Verwalter oder dem Eleven, wenn er zu früh kam.

Er stand am obersten Ende der Wiese, an der Spitze seiner harrenden Heerde. Und als die letzten Töne des Heimtreibegesangs ganz erstorben waren, stimmte er selbst mit ein und trat zur Seite. Die Kühe liefen mit einem eigenartig kurzen Trippeln und streckten die Köpfe vor; die Schatten des Grases lagen in langen, feinen Streifen über der Erde; die Schatten der Tiere waren unendlich. Hin und wieder brüllten die Kälber langgezogen und gingen in Galopp über. Sie sehnten sich – und Pelle sehnte sich.

Hinter einer Wolke schoß die Sonne lange Strahlen durch den Raum, als habe sie alle ihre Fähigkeiten vor der Nacht zusammengesammelt und streckte sie nun aus, in einem Streben von Westen nach Osten. Alles zeigte in langen, dünnen Streifen, das Sehnen der Kreaturen lag deutlich in der Luft abgespiegelt.

In der Seele des Kindes war nichts mehr von da draußen; alles war heimgekehrt und streckte sich vorwärts in einer fast krankhaften Sehnsucht nach dem Vater. Und wenn er dann endlich mit der Herde um die Ecke bog, und der alte Lasse dastand, glücklich lächelnd mit seinen wunden Augen, und die Gittertür der Hürde öffnete, da brach der Knabe zusammen, und er warf sich weinend an die Brust des Vaters.

»Was hast du, Junge, was hast du nur?« fragte der Alte dann mit besorgter Stimme und strich eine zitternde Hand über die Wange des Kindes. »Hat dir jemand was getan? Also nicht – na, das is ja gut! Sie sollen sich auch in acht nehmen – denn frohe Kinder stehen in des lieben Gottes eigner Hut. Und mit Lasse is auch nich' gut anbinden, wenn es darauf ankommt. – So, du hast dich gesehnt? Ja, es is schön, in deinem kleinen Herzen zu wohnen, und Lasse kann sich bloß freuen. – Aber nu geh 'rein und iß – und nich' weinen, hörst du, Pelle?«

Er schneuzte dem Jungen die Nase mit seinen harten, gekrümmten Fingern und schob ihn sanft von sich.


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