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XXIII

Sonntagvormittag zwischen dem Tränken und dem Mittagessen stiegen Lasse und Pelle die hohe steinerne Treppe hinauf. Sie stellten die Holzschuhe oben auf die Diele und standen nun vor der Tür des Herrenzimmers und schüttelten sich – die grauen Strumpfsocken waren voll von Spreu und Erde. Lasse hob die Knöchel prüfend in die Höhe, hielt aber inne. »Hast du dich nu auch gut ausgeschnoben?« fragte er flüsternd. Seine Miene war gespannt. Pelle schnob noch einmal auf und fuhr mit dem Blusenärmel über die Nase hin.

Lasse erhob abermals die Knöchel, er war sehr bedrückt. »Kannst du denn nich' ein bißchen still sein?« sagte er ärgerlich zu Pelle, der wie eine Maus dastand. Lasses Knöchel bewegten sich drei-, viermal durch die Luft, ehe sie gegen die Tür fielen; dann stand er mit Pelle hart an der Türfüllung und lauschte. »Es is woll keiner da«, flüsterte er ratlos.

»Denn geh' doch bloß 'rein,« rief Pelle aus – »wir können doch nich' den ganzen Tag hier stehen bleiben.«

»Denn kannst du ja zuerst 'reingehen, wenn du meinst, daß du dich besser da auf verstehst«, entgegnete Lasse verletzt.

Pelle öffnete schnell und ging hinein. Es war niemand im Zimmer, aber die Tür zur Wohnstube stand offen, und da drinnen ertönte Kongstrups behagliches Pusten. »Is da jemand?« fragte er.

»Ja, Lasse und Pelle!« antwortete Lasse mit einer Stimme, die nicht gerade sehr tapfer klang.

»Könnt ihr hier hereinkommen?«

Kongstrup lag auf dem Sofa und las in einem Kalender, auf dem Tisch neben ihm lag ein Stapel alter Kalender und daneben stand eine Schale mit kleinen Kuchen und dergleichen.

Er verwandte die Augen nicht von seinem Buch, nicht einmal, als die Hand gewohnheitsmäßig nach der Schale langte, um etwas in den Mund zu stecken. Er lag da und sog es in sich hinein und schluckte es allmählich herunter, während er las; für sie hatte er keinen Blick – nicht eine Frage, was sie wollten, oder irgendeine Äußerung, die sie in Gang hätte bringen können. Dies hier war, als werde man ausgeschickt, um zu pflügen, und wisse nicht wo. Er war am Ende gerade bei etwas sehr Spannendem.

»Na, was wollt ihr denn?« fragte Kongstrup endlich mit seiner matten Stimme.

»Ja – ja, der Herr müssen entschuldigen, daß wir so mit was kommen, was nichts mit der Wirtschaft zu tun hat. Aber so wie sich die Sachen nu mal stellen, haben wir keinen anderen Menschen, an den wir uns wenden können, und da sag' ich denn zu dem Jung': der Herr wird woll nich' böse werden, sag' ich, er hat manch liebes Mal gezeigt, daß er Herz für uns arme Läuse hat – und so! Nu is die Sache ja die hier in der Welt daß, wenn man auch bloß ein armer Kerl is, der zu nichts nich gut is, als den Dreck von den anderen aufzunehmen, so hat einem der liebe Gott ja darum doch sein Vaterherz gegeben. Und es kann einem ja weh tun, wenn man sieht, daß die Schuld des Vaters für den Sohn ein Knüppel zwischen den Beinen is.«

Lasse stockte. Er hatte sich alles vorher ausgedacht und es so zurechtgelegt, daß es auf schlaue und ansehnliche Weise zu der Sache selbst führte. Aber nun kam die ganze Geschichte in Unordnung, und der Herr sah so aus, als habe er auch nicht einen Muck davon verstanden. Er lag da und langte nach den Kuchen und sah hilflos nach der Tür hinüber.

»Die Sache is ja auch die, daß ein Mann den Witwerstand satt kriegen kann«, begann Lasse von neuem, gab es aber sofort auf, den Gedanken zu verfolgen. Wie er sich auch anstellte, ging er rund um die Sache herum und konnte nirgends seinen Haken einschlagen – und nun fing Kongstrup wieder an zu lesen. Eine noch so kleine Frage von ihm hätte mitten in das Ganze hineinführen können; aber er pfropfte nur den Mund voll und kaute so recht breit.

Lasse war äußerlich niedergeschlagen und inwendig wütend, er stand da und schickte sich an zu gehen. Pelle glotzte die Bilder und die alten, glänzenden Mahagonimöbel an, er bildete sich seine Ansicht über alles.

Da ertönten die energischen Schritte durch die Stuben – man konnte sie ganz von der Küche herauf verfolgen. Kongstrup bekam ein wenig Leben in die Augen, und Lasse richtete sich auf. »Steht ihr beide da?« sagte Frau Kongstrup auf ihre bestimmte Weise, die von so viel Fürsorge zeugte –, »aber so setzt euch doch hin. Warum hast du ihnen keinen Stuhl angeboten, Vater?«

Lasse und Pelle setzten sich, und Frau Kongstrup nahm Platz neben ihrem Mann, den Arm auf seine Kopflehne gestützt. »Wie geht es dir, Kongstrup – hast du ein wenig geruht?« fragte sie teilnehmend und zupfte an seiner Schulter. Kongstrup murmelte etwas vor sich hin; es konnte ja und nein bedeuten und auch nichts.

»Und was wollt ihr beide denn? Habt ihr Geld nötig?«

»Nee – es is der Jung' da – er soll abgewiesen werden«, antwortete Lasse geradeheraus. Der Herrin gegenüber wurde man ebenso klar und bestimmt wie sie.

»Sollst du abgewiesen werden!« rief sie aus und sah Pelle wie einen alten Bekannten an. »Was hast du denn getan?«

»Ach, ich hab' dem Paster seinen Sohn mit dem Fuß gestoßen.«

»Warum hast du das denn auch getan?«

»Weil er nich' vor den Faustschlägen stehen wollt' und sich an die Erde schmiß.«

Frau Kongstrup lachte und puffte ihren Mann in die Seite: – »Hm, ja freilich – – aber was hat er dir denn getan?«

»Er hat schlecht von Vater Lasse gesprochen.«

»War es sehr schlimm, was er sagte?«

Pelle sah sie fest an – sie mußte auch jeder Sache auf den Grund fühlen. »Ich sag' es nich'!« erklärte er sehr bestimmt.

»Nun ja! – Aber dann können wir uns ja der Sache nicht annehmen.«

»Denn will ich es man lieber sagen,« fiel ihr Lasse in die Rede, »– er hat mich Madam Olsen ihr Kebsweib genannt – nach der biblischen Geschichte, denk' ich mir.«

Kongstrup lachte widerstrebend, als wenn ihm jemand etwas Schlüpfriges ins Ohr geflüstert hätte und er nicht dagegen an könne. Seine Frau war ganz ernsthaft. »Ich verstehe das wohl nicht!« sagte sie und legte ihre Hand dämpfend auf den Arm ihres Mannes. – »Lasse muß die Sache erklären.«

»Das bezieht sich darauf, daß ich mit Madam Olsen aus 'm Dorf verlobt war, die alle für eine Witwe hielten – und da kam ihr Mann ja nu neulich zu Haus. Und da haben sie mir hier in der Umgegend woll den Spottnamen angebackt, kann ich mir denken.«

Kongstrup fing wieder mit seinem verhaltenen Lachen an. Lasse saß da und zwinkerte ganz unglücklich mit den Augen.

»Nehmt euch einen Kuchen!« sagte Frau Kongstrup sehr laut und schob ihnen die Schale hin. Da schwieg Kongstrup; er lag da und verfolgte ihren Griff in die Kuchenschüssel mit aufmerksamen Augen.

Frau Kongstrup saß neben ihm und stieß eifrig mit dem Mittelfinger gegen die Tischplatte, während sie kauten. »Und da wurde der gute Pelle rasend und schlug um sich?« fragte sie plötzlich. In ihren Augen sprühte ein Feuer.

»Ja, das hätt' er ja natürlich nich' tun sollen«, antwortete Lasse klagend.

Frau Kongstrup sah ihn mit großen Augen an.

»Nee, denn so 'n armer Vogel is bloß dazu da, daß die anderen auf ihn loshacken.«

»Ich mag nun freilich den Vogel am liebsten, der wiederhackt und das Nest verteidigt, so armselig es auch ist. – Na ja, nun müssen wir einmal sehen! – Und er soll konfirmiert werden, der Junge da? Ja freilich, das ist ja wahr – wie hab' ich nur so vergesserig sein können! Dann wird es wohl Zeit, daß wir an den Staat denken.«


»Da sind wir auf einmal zwei Sorgen los!« sagte Lasse, als sie wieder unten im Stall gingen. »Aber hast du woll gemerkt, wie fein ich es sie verstehen ließ, daß du kunfirmiert werden sollst? Es war beinah so, als wenn sie von selbst da auf gekommen wär'. Nu wirst du so fein in Zeug wie ein Ladenschwengel, das sollst du sehen; Leute, wie unsere Herrschaft, die wissen, was dazu gehört, wenn sie erst einmal den Geldbeutel aufgemacht haben. – Nu haben sie die ganze Wahrheit ins Gesicht gekriegt, aber was zum Teufel – sie sind ja doch auch man Menschen. – Wenn einer man frei auftritt –« Lasse konnte den erfolgreichen Ausfall gar nicht wieder vergessen.

Pelle ließ den Alten prahlen. »Glaubst du, daß ich auch Lederschuhe von ihnen krieg'?« fragte er.

»Ja, die kriegst du! Und am Ende geben sie dir auch einen Kunfirmationsschmaus. Ich sag' sie, aber die Frau, die hat ja das Ganze auf Händen, darüber könn'n wir uns freuen. Hast du woll gemerkt, daß sie wir sagte – wir wollen, wir haben und so was – in einem fort? Sie is fein, du! Denn er liegt da ja bloß und frißt und überläßt ihr das Ganze. Wie gut er es doch hat! Ich glaub', sie könnt' durch das Feuer springen, um ihm einen Gefallen zu tun. Aber das Kommando, das hat sie, weiß Gott! – Na ja, wir woll'n keinem nichts Schlechtes nachsagen; gegen dich is sie ja, als wenn sie deine eigene Mutter wär'.« – – –

Frau Kongstrup sagte nichts über den Ausfall ihrer Fahrt zum Pfarrer – sie pflegte nicht lange über eine Sache zu reden. Aber Lasse und Pelle traten wieder sicher auf; wenn sie sich mit einer Sache abgab, war sie von vornherein in Ordnung.

Noch in derselben Woche kam der Schneider eines Morgens mit einer Schere, der Elle und dem Bügeleisen angehumpelt; Pelle mußte in die Gesindestube hinunter, und da wurde ihm Maß genommen, die Kreuz und die Quer, als wenn er ein Preisochs wäre. Bis dahin waren ihm seine Sachen immer so aufs Geratewohl genäht. – Es war etwas ganz Neues, daß da wandernde Handwerker auf Steinhof waren; seit Kongstrup am Ruder war, hatten weder Schneider noch Schuster ihren Fuß in die Gesindestube gesetzt. Dies hier war gute alte Bauernsitte, die Steinhof wieder auf gleichen Fuß mit den anderen Höfen stellte; die Leute freuten sich darüber; sooft sie konnten, waren sie unten in der Gesindestube, um da unten Luft zu schöpfen und eine von des Schneiders Lügengeschichten anzuhören. »Nu hat die Frau das Regiment!« sagten sie zueinander; in ihrer Hand floß gutes, altes Bauernblut, sie führte alles zu dem guten Alten zurück. – Pelle ging wie ein feiner Herr nach der Gesindestube; er probierte mehrmals am Tage an.

Er probierte zwei ganze Anzüge an, der eine war für Rud, der auch konfirmiert werden sollte. Das war wohl das Letzte, was Rud und seine Mutter hier vom Hofe bekamen. Frau Kongstrup hatte es durchgesetzt, daß ihnen ihre Hütte zum Mai gekündigt war. Auf Steinhof wagten sie nie mehr ihren Fuß zu setzen. Frau Kongstrup sorgte selbst dafür, daß sie bekamen, was ihnen zustand; aber sie gab kein bares Geld, wenn sie es vermeiden konnte.

Pelle und Rud suchten einander übrigens nie mehr – sie gingen auch nur selten zusammen zum Pfarrer. Pelle zog sich zurück, da er es satt hatte, ewig auf der Hut zu sein vor Ruds Hintergedanken. Pelle hatte sich größer und kräftiger herausgewachsen als Rud, und sein Gemüt hatte – wohl infolge seiner körperlichen Überlegenheit über die anderen – offenere Wege eingeschlagen. Auch in bezug auf das Aneignen und Auswendiglernen war Rud der Unterlegenere; dafür konnte er Pelle und die anderen Jungen alle in den Sack stecken, sobald er Gelegenheit hatte, seinen praktischen Menschenverstand anzuwenden. – – –

An dem großen Tage fuhr Karl Johan Pelle und Lasse in dem kleinen Einspännerwagen. »Wir fahren heute fein!« sagte Lasse strahlend; er war ganz verwirrt, obwohl er keinen Branntwein getrunken hatte. Zu Hause in der Kiste lag freilich eine Flasche, daraus wollte er den Knechten einschenken, wenn die heilige Handlung überstanden war; aber Lasse gehörte nicht zu denen, die Spiritus tranken, ehe sie zur Kirche gingen. Pelle war ganz nüchtern – dann wirkte Gottes Wort am besten.

Pelle strahlte ebenfalls, trotz seines Hungers. Er war in seinem funkelnagelneuen Beiderwand, der so neu war, daß es jedesmal krachte, wenn er eine Bewegung machte. An den Füßen hatte er Schuhe mit Gummizügen, die Kongstrup selbst gehört hatten. Sie waren reichlich groß, aber »mit einer Wurst, die zu lang is, wird man schon fertig«, wie Lasse sagte. Er legte eine dicke Sohle hinein und stopfte die Zehenspitzen mit Papier aus. Pelle kriegte zwei Paar Strümpfe an – und die Schuhe saßen wie angegossen. Auf dem Kopf trug Pelle eine blaue Mütze, die er sich selbst beim Kaufmann ausgesucht hatte. Sie war auf den Zuwachs berechnet, und ritt auf seinen Klappohren, die in Veranlassung des Tages glühten wie zwei Rosen. Rund um die Mütze lief ein breites Band, in das Harken, Sensen und Dreschflegel kreuzweise mit Korngarben hineingewebt waren.

»Nur gut, daß du mitkommst«, sagte Pelle, als sie vor die Kirche rollten und sich zwischen den vielen Leuten befanden. Lasse wäre ja beinahe nicht mitgekommen; der Knecht, der so lange für die Kühe sorgen sollte, mußte im letzten Augenblick zur Stadt, um den Tierarzt zu holen. Aber Karna kam und erbot sich, die Kühe zu tränken und die Mittagsfütterung zu übernehmen, obwohl sie alle beide nicht gerade sagen konnten, daß sie sich so gegen sie benommen hatten, wie sie es hätten tun müssen.

»Hast du nu auch das, du weißt ja?« flüsterte Lasse in der Kirche. Pelle fühlte an seine Tasche und nickte, da lag das kleine runde Stück Pockholz, das ihm über die Schwierigkeiten des Tages hinweghelfen sollte. »Denn antwort' du man laut und frei heraus«, flüsterte Lasse und schob sich in eine Bank im Hintergrund hinein.

Pelle antwortete frei heraus, seine Stimme klang förmlich schön in dem Raum, fand Lasse. Es war auch keine Rede davon, daß der Pfarrer etwas tat, um sich zu rächen. Er behandelte Pelle akkurat so gut wie die anderen. Als die Handlung am allerfeierlichsten war, mußte Lasse an Karna denken, wie rührend sie in ihrer Treue gewesen war. Er schalt sich selbst mit halblauten Worten aus, und gab sich ein heiliges Versprechen. Sie sollte nicht länger einhergehen und vergebens seufzen.

Lasse hatte sich übrigens schon einen ganzen Monat in Gedanken so im stillen mit Karna beschäftigt; bald war er für sie, bald wider sie. Aber jetzt in diesem feierlichen Augenblick, wo Pelle im Begriff war, den großen Schritt in die Zukunft zu tun, und wo Lasses Sinn auf mancherlei Weise bewegt war, überwältigte ihn Karnas Treue so mächtig wie ein Lied von verschmähter Liebe, die endlich, endlich zu ihrem Recht kommt.

Lasse gab Pelle die Hand. »Glück und Segen!« sagte er mit zitternder Stimme. Der Wunsch umfaßte auch seinen eigenen Bund, und er hatte Mühe, den Beschluß zu verschweigen, so bewegt wie er war. »Glück und Segen!« ertönte es von allen Seiten; Pelle ging herum und drückte den Gefährten die Hand. Und dann fuhren sie nach Hause.

»Das ging ja unglaublich glatt mit dir«, sagte Lasse stolz; »– und nu bist du ein Mann, du!«

»Ja, nu mußt du dich nach 'ner Braut umsehen!« meinte Karl Johan.

Pelle lachte nur.

Am Nachmittag hatten sie frei. Pelle mußte erst zu der Herrschaft hinauf, um sich für den Anzug zu bedanken und ihren Glückwunsch in Empfang zu nehmen. Frau Kongstrup traktierte ihn mit Johannisbeerwein und Kuchen, und Kongstrup gab ihm ein Zweikronenstück.

Und dann gingen sie zu Kalles nach dem Steinbruch. Pelle sollte sich in seinem neuen Anzug vorstellen und sich von ihnen verabschieden. Es waren nur noch ein paar Wochen bis zum ersten Mai. Lasse wollte die Gelegenheit benutzen, um ganz im geheimen Erkundigungen über ein Haus einzuziehen, das auf der Heide zum Verkauf stand.


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