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Es ging nicht gut draußen im Hause der Jungen. Jörgensen hatte nichts mit seinen Plänen ausgerichtet. Alle andern, nur er allein nicht, wußten, daß es so gehen würde. Die Leute wußten auch sehr gut Bescheid darüber, daß ihm der Ingenieur hundert Kronen dafür angeboten hatte und daß er, als er die nicht annehmen wollte, sondern verlangte, Teil an der Leitung und der Ehre zu haben, zur Tür hinausgewiesen war.
So ruhig hatte er noch niemals etwas hingenommen, er brauste nicht auf mit großen Worten und Spektakel, sondern begab sich an die gewöhnliche Taglöhnerarbeit im Hafen wie jeder andere Arbeiter. Seine Niederlage erwähnte er nicht und erlaubte niemand, daran zu rühren. Der Frau gegenüber tat er, als sei nichts geschehen. Aber sie mußte wieder sehen, wie er sich in seine Stummheit verschloß, ohne zu wissen, was in ihm vorging; sie ahnte das Schreckliche und klagte den Jungen ihre Not. Szenen machte er niemals, obwohl er hin und wieder betrunken war; er aß schweigend und ging zu Bett. Die Zeit, wo er nicht auf Arbeit war, verschlief er.
Aber als sich die Pläne so weit enthüllten, daß sie jedem bekannt wurden, war es mit seinem Arbeiten vorbei. Der Ingenieur hatte von Jörgensens Plänen genommen, was er verwenden konnte, das vermochte jeder zu sehen, und da stand nun »die Kraft« mit trockenem Munde, nur weil er mehr auf den Löffel lud, als der Mund fassen konnte. Die meisten gönnten es ihm und ließen sich gründlich Zeit, es zu bereden; die Stadt war daran gewöhnt, ihre eigenen Angelegenheiten zu versäumen, um ihr ganzes Gewicht auf seinen trotzigen Nacken zu werfen. Aber nun war er doch in den Staub gedrückt, alle waren am Hafen gewesen, um zu sehen, wie »die Kraft« dort arbeitete und wie ein gemeiner Tagelöhner die Erde zu seinem eigenen großen Plane zusammenkarrte. Sie wunderten sich nur darüber, daß er es so ruhig hinnahm; es war gewissermaßen eine Enttäuschung, daß er sich nicht unter der Todeslast wand und anfing, in seiner Ohnmacht zu rasen.
Er begnügte sich damit, zu trinken, aber das tat er auch gründlich; immer ging er umher wie in einem Nebel von Spiritus und arbeitete nur das Notwendigste, um den Rausch im Gange zu halten. »So is er noch niemals gewesen«, sagte die Frau weinend. »Er tobt und wütet nich', sondern is so gleichmäßig böse, daß es im Hause nich' mehr zum Aushalten is. Alles durchsetzt er mit seiner Bosheit und schilt mit der armen Karen herum, daß es ein Jammer is. Vor keinem hat er Respekt, nur vor seiner alten Mutter, und Gott weiß, wie lange das noch währt. Er arbeitet nich', sondern trinkt nur. Mein sauer verdientes Geld stiehlt er mir aus der Kleidertasche und kauft Branntwein dafür. Er hat keine Scham mehr im Leibe, so ehrliebend wie er früher gewesen is. Und seinen Rausch kann er auch nich' mehr tragen wie früher, er fällt und strauchelt beständig. Neulich kam er ganz blutig nach Hause und hatte sich ein Loch in den Kopf geschlagen. Was haben wir nur einmal dem lieben Gott getan, daß er uns so heimsuchen muß?«
Die Alte sagte nichts, sondern ließ ihren Blick von dem einen zum andern schweifen und dachte das Ihre.
So ging es von Woche zu Woche. Die Jungen wurden es müde, das Jammern der Mutter mit anzuhören und hielten sich dem Hause fern.
Eines Tages, als Karen eine Besorgung für ihre Mutter machen sollte, blieb sie weg. Auch am nächsten Tage kam sie nicht. Pelle erfuhr es unten am Bootshafen, wo sie zuletzt gesehen war. Sie lagen dort und suchten mit Netzen nach ihr, aber niemand wagte es Jörgensen zu erzählen. Am nächsten Nachmittag kamen sie mit ihr an der Werkstatt vorüber; Pelle wußte, was es war, als er die vielen schweren Fußtritte draußen auf der Straße hörte. Sie lag auf einer Tragbahre, und zwei Männer trugen sie; vor ihr her wirbelte der Herbstwind die ersten dahinfliegenden Blätter, und ihre dünnen Arme hingen bis auf das Pflaster herab, als wollte sie sie greifen. Das in Unordnung geratene Haar hing auch herab, das Wasser leckte von ihr herunter. Hinter der Bahre her ging »die Kraft« und war besoffen. Er hielt die Hand vor die Augen und murmelte wie in Andacht, jeden Augenblick hob er den Zeigefinger in die Höhe. »Sie hat Frieden gefunden«, sagte er lallend und suchte geistreich auszusehen. – »Den Frieden, der höher is denn – –« Er konnte nicht auf das Wort kommen.
Jens und Pelle lösten die Männer an der Bahre ab und trugen sie nach Hause. Sie waren bange vor dem, was bevorstand. Aber die Mutter stand in der Tür und nahm sie still in Empfang, als habe sie sie erwartet, und sie war nur weiß im Gesicht. »Sie hat es ja nich' aushalten können!« flüsterte sie ihnen nur zu und kniete neben dem Kinde nieder.
Sie legte den Kopf auf den kleinen verkrüppelten Körper und flüsterte undeutlich, hin und wieder stopfte sie die Finger des Kindes in den Mund, um ihr Schluchzen zu ersticken. »Und du solltest eine Besorgung für Mutter machen«, sagte sie und schüttelte lächelnd den Kopf. »Du bist mir ein nettes Mädchen, kannst nicht einmal zwei Docken Garn kaufen, und das Geld, was ich dir mitgegeben hatte, das hast du wohl weggeworfen?« Ihre Worte kamen zwischen Lächeln und Weinen und klangen wie leises Singen. »Hast du das Geld weggeworfen? Das macht nichts, du konntest ja nichts dafür. Liebe Kleine, liebe Kleine!« Dann versagten ihre Kräfte. Ihr zusammengepreßter Mund brach auf und schloß sich wieder, und so fuhr sie fort, den Kopf hin und her wiegend, während die Hände eifrig in der Tasche des Kindes wühlten. »Hast du denn die Besorgung für Mutter nich' gemacht?« jammerte sie, sie hatte das Bedürfnis, irgend etwas als eine Bestätigung in all diesem Kummer zu haben, nur irgend etwas ganz Gleichgültiges. Und sie wühlte in dem Geldbeutel. Da lagen einige Öre und ein kleiner Papierfetzen.
Da richtete sie sich plötzlich auf. Fürchterlich hart im Gesicht wandte sie sich dem Manne zu, der dort an der Wand stand und hin und her schwankte. »Peter!« schrie sie voller Angst, »Peter! Weißt du denn nich', was du angerichtet hast? ›Verzeihung, Mutter‹ steht hier, und vier Öre von den dreizehn hat sie gebraucht, um sich Zuckerkandis zu kaufen. Sieh hier, ihre Hand is noch ganz klebrig.« Sie öffnete die geballte Hand, die um ein Stück klebriges Papier geschlossen war. »Ach, das arme, verfolgte Kind! Sie hatte das Verlangen, sich ihr Dasein zu versüßen für vier Öre Zuckerkandis, und dann ins Wasser. So viel Freude is einem Kinde hier im Hause beschieden. Verzeihung, Mutter, sagt sie noch, als habe sie sich versündigt. Alles was sie tat, war ja auch verkehrt, und dann mußte sie ihre Wege gehen. Karen, Karen! Ich bin ja gar nich' böse auf dich, du durftest ja doch gern, was macht das wohl, die paar Öre! Ich meinte es ja gar nich' so, wenn ich dir Vorwürfe darüber machte, daß du dich im Hause herumtreibst. Aber ich wußte ja nich' aus noch ein; wir hatten ja nichts zu essen. Er trank ja das Wenige auf, der da!« Sie wandte das Antlitz der Leiche dem Vater zu und zeigte auf ihn. Es war das erste Mal, daß die Frau »der Kraft« sich anklagend gegen ihn wandte. Aber er erfaßte es nicht. »Sie hat Frieden gefunden,« murmelte er und versuchte es, sich ein wenig aufzurichten, »den Frieden der – –« Aber da erhob sich die Alte in der Ecke, sie hatte sich bis dahin nicht gerührt. »Schweig du!« sagte sie hart und setzte ihm ihren Stock auf die Brust, »oder deine alte Mutter wird den Tag verfluchen, an dem sie dich zur Welt gebracht hat!« Dämmernd starrte er sie an, es war, als lichte sich der Nebel vor seinem Blick. Eine Weile stand er noch da und konnte die Augen nicht von der Leiche abwenden. Er sah aus, als wolle er sich neben seine Frau niederwerfen, die wieder gebeugt dalag und flüsterte. Dann ging er gesenkten Kopfes nach oben und legte sich.