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VI

Die anderen Lehrlinge verschafften sich ihre Kleidung dadurch, daß sie in der freien Zeit für sich arbeiteten; sie bekamen Arbeit von den Kameraden, zuweilen kaperten sie dem Meister auch Kunden weg, indem sie ihn im geheimen unterboten. Sie hatten ihre eigene Arbeit unter dem Tisch; wenn der Meister nicht zu Hause war, holten sie sie hervor und arbeiteten darauflos. »Ich will heut abend ja aus und mein Mädchen treffen«, sagten sie und lachten; der kleine Nikas sagte nichts.

Pelle hatte keine Kameraden, die ihm Arbeit gaben, er konnte auch noch nicht viel. Wenn die anderen nach Feierabend und des Sonntags viel zu tun hatten, mußte er ihnen helfen; aber das warf nichts ab. Und dann hatte er auch Nilens Schuhe zum Flicken gehabt – um alter Bekanntschaft willen.

Jeppe hatte lang und breit über die Trinkgelder geredet, als er sich verdungen hatte, die Bürger hielten sich oft auf über diesen drückenden Posten in ihren Ausgaben und redeten in starken Worten darüber, dieses Joch, das auf dem Umsatz lag, einzuschränken oder ganz abzuschaffen. Aber das war nur etwas, was sie aus den Zeitungen von da drüben hatten – um der Hauptstadt nicht nachzustehen! Sie erwähnten es auch immer, wenn er mit Schuhzeug kam, und wühlten in dem Geldbeutel herum; war da ein Schilling, so verdeckten sie ihn mit dem Finger und machten ein unglückliches Gesicht – Pelle solle es für ein ander Mal zugute haben und sie daran erinnern! Anfänglich erinnerte er auch daran – man hatte ihn ja darum gebeten; aber dann erhielt Jeppe einen Wink, daß sein neuer Lehrling sich das Prellen abgewöhnen müsse. Pelle begriff das nicht, aber es stieg ein beginnender Unwille gegen diese Menschen in ihm auf, die so unverschämte Kunststücke machen konnten, um ein Zehnörestück verschwinden zu lassen – für das sie nicht einmal Rechenschaft abzulegen brauchten.

Pelle, der meinte, er habe genug von seiner Armleutewelt und müsse sehen, in andere Schichten hineinzugelangen, lernte noch einmal, mit armen Leuten rechnen, und freute sich über jedes Paar von diesen Armeleutschuhen, die der Meister verfluchte, weil sie so verschlissen waren. Die Armen waren nicht bange, einen Schilling zu geben, wenn sie ihn hatten; es konnte ihm förmlich weh tun, zu sehen, wenn sie, um ein paar Öre zu beschaffen, in allen Ecken nachsuchten und die Sparbüchsen der Kinder leerten, während die Kleinen stumm dastanden und mit betrübten Augen zusahen. Und wenn er es nicht annehmen wollte, waren sie beleidigt. Das bißchen, was er bekam, dankte er Leuten, die ebenso verarmt waren wie er selber.

Das Geld hier unten, das waren nicht mehr diese runden, gleichgültigen Dinger, die man bei den oberen Schichten der menschlichen Gesellschaft zu ganzen Stapeln aufeinanderlegte. Jeder Schilling bedeutete hier so viel Kummer oder Freude; eine kleine, schmutzige Münze konnte sowohl das wütende Gepolter des Mannes wie auch des Kindes verzweifeltes Weinen nach Essen umschließen. Die Witwe Höst gab ihm zehn Öre, und er mußte sich selbst sagen: da gab sie ihr Mittagessen für zwei Tage hin!

Eines Tages, als er an den elenden Hütten draußen bei den nördlichen Seehügeln vorüberkam, trat eine arme, junge Frau in die Tür und rief ihn an; sie hielt die Überreste von ein Paar Zugstiefeln in der Hand. »Ach, du, Schusterjunge, sei doch so gut und flick mir die ein bißchen,« bat sie, »bloß ganz lose zusammennähen, daß sie einen halben Nachmittag am Fuß festhängen. Die Steinhauer geben Donnerstag ihr Fest, und ich wollt' das gern mitmachen.« Pelle betrachtete die Schuhe – es war nicht mehr viel damit aufzustellen; aber er nahm sie trotzdem mit und flickte sie in seinen Freistunden. Von Jens erfuhr er, daß die Frau die Witwe eines Steinhauers sei, der gleich nach der Verheiratung sein Leben bei einer Sprengung einbüßte. Die Schuhe sahen ganz manierlich aus, als er sie ablieferte.

»Ja, Geld hab' ich nich', aber vielen Dank sollst du haben!« sagte sie und sah die Schuhe entzückt an – »wie nett sie geworden sind. Gott segne dich dafür.«

»An Dank starb dem Schmied seine Katz'«, sagte Pelle lachend. Ihre Freude steckte ihn an.

»Ja, und Gottes Segen ersprießt, wo zwei Arme zusammen das Lager teilen«, entgegnete das junge Weib scherzend. »Aber ich will dir doch alles Gute als Lohn wünschen – nun kann ich doch mal 'rumtanzen!«

Pelle war ganz zufrieden mit sich, als er ging. Aber ein paar Häuser weiter lauerte ihm eine andere Frau auf; sie hatte offenbar von dem Glück der ersteren gehört und stand nun mit einem Paar schmutzigen Kinderschuhen da, die sie ihn so herzlich bat zu flicken. Er nahm die Schuhe und machte sie zurecht, obwohl er nur noch ärmer davon wurde; er kannte die Not zu gut, um Nein sagen zu können. Es war das erstemal hier in der Stadt, daß man ihn für voll ansah, ihn auf den ersten Blick zu seinesgleichen rechnete. Pelle wunderte sich sehr darüber; er wußte noch nicht, daß die Armut international ist.

Wenn er nach beendetem Tagewerk hinausging, hielt er sich in den äußersten Reihen, verkehrte mit den ärmsten Jungen und verhielt sich so unbemerkt wie möglich. Aber es war etwas Verzweifeltes über ihn gekommen, und zuweilen machte er sich durch Handlungen bemerkbar, die Lasse zum Weinen gebracht haben würden – wie zum Beispiel, als er sich herausfordernd auf einen frischgeteerten Vertäuungspfahl setzte. Er wurde daraufhin der Held des Abends; aber sobald er allein war, ging er hinter einen Bretterzaun und zog niedergeschlagen die Hose aus, um den Umfang des Schadens festzustellen. Am Tage machte er seine Besorgungen in dem besten Anzug, den er hatte. Das war kein Spaß, Lasse hatte seine Genügsamkeit tief in ihn eingeprägt und ihn gelehrt, so schonend mit seinen Sachen umzugehen, daß es fast an Gottesfurcht grenzte. Aber Pelle fühlte sich von allen Göttern verlassen, und jetzt forderte er sie heraus.

Die armen Frauen in der Straße waren die einzigen, die ein Auge für ihn hatten. »Nu seh' mal einer den Bengel an, läuft er da für Alltags mit seine Einsegnungsjack' 'rum und schweinigelt sie ein!« sagten sie und riefen ihn herein, um ihm eine Strafpredigt zu halten – die in der Regel damit endete, daß sie an ihm herumstickten. Aber Pelle war das ganz egal, er machte es nur gerade so wie die Stadt selbst, wenn sie ihr Bestes nach außen herauskehrte. Er hatte doch ein Hemd, wenn es nur grob war! Aber der neue Barbiergehilfe, der sich im Gehrock und Zylinderhut wichtig machte und das Ideal aller Lehrlinge war, der hatte nicht einmal ein Hemd an – Pelle hatte das einmal gesehen, als der Barbiergehilfe dastand und ein paar Damen schaukelte. Daheim auf dem Lande, wo man einen Mann nach der Zahl seiner Hemden schätzte, würde der da unmöglich sein! Aber hier in der Stadt schaute man nicht so genau darauf.

Jetzt geriet er nicht mehr aus dem Häuschen vor Staunen über alle die Menschen – gesetzte Leute obendrein –, die nirgends ihren festen Platz hatten, sondern das ganze Jahr hindurch von einem Arbeitsplatz zum andern glitten in der losesten Zufälligkeit. Sie sahen trotzdem vergnügt aus, hatten Frau und Kinder und gingen des Sonntags aus und amüsierten sich; und wozu sollte man sich auch anstellen, als ob die Welt zusammenstürzen müßte, weil man keine Salztonne mit Schweinefleisch und keine Grube mit Kartoffeln hatte, um dem Winter entgegenzusehen? Sorglosigkeit war schließlich auch Pelles Wehr; wo alle lichte Zukunft erstorben schien, nahm sie von neuem das Märchen auf und verlieh der nackten Armut Spannung. Selbst in den Hunger kam Phantasie hinein; stirbst du daran oder stirbst du nicht?

Pelle war arm genug, um das Ganze noch vor sich zu haben, er besaß den weitgeöffneten Sinn des armen Mannes; die große Welt und das Märchen waren die Kräfte, die ihn durch die Leere hindurchtrugen, der eigentliche Lebenston, der niemals schwieg, sondern murmelnd hinter Sorglosigkeit und Sorgen herging. Mit der Welt wußte er gut Bescheid, sie war etwas unfaßbar Großes, das in sich selbst zurücklief; in achtzig Tagen konnte man um das Ganze herumkommen, da wo sie mit dem Kopf nach unten gingen und wieder zurück – und alle Wunder durchleben. Er hatte sich selbst in das Unfaßliche hineinbegeben – und war in dieser kleinen Stadt gestrandet, wo nicht einmal Vogelfutter für eine hungrige Phantasie war, wo es aber von kleinen Sorgen wimmelte. Man spürte den kalten Lufthauch von da draußen und den Schwindel; wenn die kleine Zeitung kam, liefen die kleinen Meister eifrig über die Straße, die Brille auf der Nase, und sprachen mit wunderlichen Gebärden über die Ereignisse da draußen. »China«, sagten sie – »Amerika«! und bildeten sich ein, daß sie sich mitten in dem Weltgetümmel befanden. Aber Pelle wünschte glühend, daß sich etwas von all dem Großen hierherverirren möchte – da er hier nun doch einmal festsaß! Es konnte ganz angenehm sein mit ein wenig Vulkan unter den Füßen, so daß die Häuser anfingen durcheinanderzuschwanken; oder ein wenig Überschwemmung, so daß die Schiffe über die Stadt hintrieben und am Wetterhahn auf der Kirchturmspitze festgemacht werden mußten. Er hatte ein so unsinniges Verlangen, daß irgend etwas von alledem geschehen möge, das das Blut aus seinen Kammern trieb und die Haare auf dem Kopf zu Berge stehen ließ. Aber nun hatte er im übrigen genug zu kämpfen; die Welt mußte für sich selbst sorgen, bis die Zeiten besser wurden.

Schwerer wurde es ihm, auf das Märchen Verzicht zu leisten, es war ihm von der Armut selbst ins Gemüt hineingesungen und mit Lasses zitternder Stimme da hineingetragen. »Oft liegt ein reiches Kind in einer armen Mutter Schoß«, pflegte der Vater zu sagen, wenn er die Zukunft des Sohnes prophezeite, und das Wort senkte sich tief in den Jungen hinein, wie ein Refrain. Aber so viel hatte er doch gelernt, daß es hier keine Elefanten gab, über deren Hals ein schneidiger Junge rittlings sitzen konnte, um den Tiger totzureiten, der gerade den König von Himalaya zerfleischen wollte! – um dann natürlich die Tochter und das halbe Königreich für seine Heldentat zu bekommen. – – Pelle trieb sich viel am Hafen herum, nie aber fiel ein kleines feingekleidetes Mädchen ins Wasser, das er retten konnte und das dann später, wenn er erwachsen war, seine Frau würde. Und sollte es wirklich geschehen, so wußte er jetzt, daß ihn die Eltern um das Trinkgeld betrügen würden. – Er hatte auch ganz aufgegeben, auf die goldene Kutsche zu warten, die ihn überfahren sollte, so daß die beiden erschreckten und in Trauer gekleideten Damen ihn in ihren Wagen nahmen und auf ihr Schloß mit den sechs Stockwerken brachten! Um ihn natürlich für alle Zeiten bei sich zu behalten, an Stelle des Sohnes, den sie soeben verloren hatten und der – wunderbarerweise – genau in demselben Alter gestanden hatte wie er selbst. Hier gab es ja nicht einmal eine goldene Kutsche!

Draußen in der großen Welt hatte der ärmste Junge die größten Aussichten, alles, was das Lesebuch an großen Männern gekannt hatte, waren arme Burschen wie er selbst, die durch Glück und eigenen Wagemut in die Höhe gekommen waren. Aber alle, die hier in der Stadt etwas besaßen, waren dadurch zu ihrem Wohlstand gelangt, daß sie sich mühselig vorwärts gequält und die armen Leute ausgesogen hatten. Sie saßen beständig da und brüteten geizig auf ihrem Geld und warfen nichts heraus, das der Glückliche auffangen konnte – ließen auch nichts liegen, damit ein armer Bursche kam und es aufnahm! Keiner von ihnen hielt sich zu gut, einen alten Hosenknopf zwischen den Pflastersteinen aufzulesen und ihn mit Gesundheit zu vertragen.

Pelle lief eines Abends hin, um ein halbes Pfund Knaster für Jeppe zu holen. Draußen vor des Kohlenhändlers Haus fuhr ihm der große Hund in die Beine wie immer, und er verlor die fünfundzwanzig Öre. Während er ging und suchte, kam ein älterer Mann zu ihm hin. Pelle kannte ihn sehr gut; es war Schiffsreeder Monsen, der reichste Mann der Stadt.

»Hast du was verloren, mein Junge?« fragte er und fing an mitzusuchen.

»Nun fragt er mich aus«, dachte Pelle. »Und dann antworte ich unverzagt und dann sieht er mich aufmerksam an und sagt-« Pelle hoffte noch immer auf diese mystischen Geschehnisse von oben her, die einen schneidigen Jungen unversehens packen und ihn zum Glück emporheben sollten.

Der Schiffsreeder aber fragte nicht nach dergleichen, er suchte nur eifrig und sagte: »Wo bist du gegangen? hier, nich' wahr? – Weißt du das auch ganz genau?«

»Auf alle Fälle gibt er mir ein anderes Fünfundzwanzigörestück«, dachte Pelle. »Merkwürdig, wie eifrig er is!« Pelle hatte keine rechte Lust mehr zu suchen, konnte aber nicht gut vor dem anderen damit aufhören.

»Naja,« sagte der Reeder endlich, »dem Fünfundzwanzigörestück kannst du wohl getrost nachpfeifen. Was bist du auch für ein Tölpel!« Und dann ging er, Pelle sah ihm lange nach, ehe er in seine eigene Tasche griff.

Späterhin, als er wieder dort vorüberkam, ging ein Mann in gebeugter Stellung mit einem brennenden Streichholz dicht über den Pflastersteinen. Es war der Reeder. Es kitzelte Pelle so eigentümlich in der Zwerchfellgegend. »Haben Sie etwas verloren?« fragte er boshaft, er stand auf dem Sprung für den Fall, daß es eine Ohrfeige setzen sollte. »Ja, ja, ein Fünfundzwanzigörestück!« stöhnte der Reeder. »Kannst du mir nich' suchen helfen, mein Junge?«

Nun, das hatte er ja längst gewußt, daß Monsen dadurch der reichste Mann der Stadt geworden war, daß er mit verdorbenen Nahrungsmitteln Schiffe proviantiert und alte Seelenverkäufer, die er hoch versicherte, frisch aufgetakelt hatte. Er wußte auch, wer ein Dieb und wer ein Bankrottspieler war – und daß Kaufmann Lau nur mit den kleinen Meistern verkehrte, weil seine Tochter zu Schaden gekommen war. Pelle kannte den geheimen Stolz der Stadt, die »Toppgaleasse« Bezeichnung eines kleineren Schiffes; hier im übertragenen Sinne für die einzige Prostituierte des Städtchens., die einzig und allein die Verlockung der Großstadt repräsentierte, die beiden Bauernfänger und den Konsul mit der fressenden Krankheit. Das war alles befriedigendes Wissen für einen Verschmähten.

Es war keineswegs seine Absicht, die Stadt irgend etwas von den Herrlichkeiten behalten zu lassen, mit denen er sie seinerzeit ausgestattet hatte, bei seinem beständigen Umherstreifen entkleidete er sie bis auf die Haut. Da lagen die Häuser so zierlich nach der Straße hinaus, bald vor, bald zurück, mit wunderlichen alten Türen und Blumen in allen Fenstern. Sie glänzten von blankem Teer an dem Fachwerk und waren immer frisch in der Kalkfarbe: ockergelb oder blendend weiß, seegrün oder blau wie der Himmel. An Sonntagen hatte man den Eindruck von Fest- und Flaggenschmuck. Aber Pelle hatte die Rückseite eines jeden Hauses untersucht, und da waren Ablaufrinnen mit langem, schleimigen Bart, stinkende Drangtonnen und ein großer Kehrichtkasten mit einem herbriechenden Holunderbaum darüber. Zwischen den Pflastersteinen schwammen Heringsschuppen und Dorschmägen, und die Mauern waren unten scheckig von grünem Moos.

Der Buchbinder und seine Frau, die gingen Hand in Hand, wenn sie sich zu den Versammlungen des christlichen Vereins begaben. Aber zu Hause prügelten sie sich, und wenn sie im Betsaal saßen und aus demselben Gesangbuch sangen, kniffen sie sich gegenseitig in die Beine. »Ja,« sagten die Leute, »so ein nettes Paar.« Aber die Stadt vermochte nicht, Pelle ein X für ein U zu machen, er wußte Bescheid. Hätte er nur ebenso genau gewußt, wo er eine neue Bluse herbekommen sollte!

Eins ließ sich nicht so leicht entkleiden, sondern behielt beständig seine Märchenhaftigkeit – der Kredit! Zuerst benahm es ihm fast den Atem, daß die Leute hier in der Stadt alles, was sie gebrauchten, ohne Geld bekamen. »Wollen Sie es bitte anschreiben!« sagten sie, wenn sie mit Schuhzeug kamen – »es soll angeschrieben werden!« sagte er selbst, wenn er Einkäufe für Meisters machte. Alle sprachen sie dieselbe Zauberformel, und Pelle mußte an Vater Lasse denken, der die Schillinge zwanzigmal nachzählte, ehe er sich erkühnte, etwas dafür zu kaufen. Er versprach sich viel von dieser Entdeckung, es war seine Absicht, diese Zauberformel in reichem Maße zu benutzen, wenn seine eigenen Mittel erschöpft waren.

Jetzt war er natürlich klüger geworden. Er hatte gesehen, daß gerade die Allerärmsten immer mit dem Schilling in der Hand antreten mußten, und im übrigen kam auch für die andern ein Tag der Abrechnung. Der Meister sprach schon mit Grauen von Neujahr; und es drückte den Betrieb nieder, daß der Lederhändler ihn in der Tasche hatte und er sein Material nicht da kaufen konnte, wo es am billigsten war. Alle die kleinen Meister seufzten darunter.

Aber damit war das Märchenhafte nicht erschöpft – hier war doch eine Art und Weise, einen Wechsel auf das Glück zu ziehen, das auf sich warten ließ, und auf die Zukunft, die alle Wechsel einlöst. Der Kredit war ein Funke Poesie in all diesem Gekrabbel, hier gingen Leute herum, die so arm waren wie Kirchenmäuse und doch den Grafen gaben. Alfred war so ein Glückskind, er verdiente keinen roten Heller, war aber fein in Kleidung wie ein Ladengehilfe und ließ sich nichts abgehen. Bekam er Lust zu irgend etwas, so ging er ganz einfach hin und entnahm es auf Pump; ein Nein bekam er nie. Die Kameraden beneideten ihn und sahen zu ihm auf wie zu einem Glücksprinzen.

Pelle hatte ja auch ein kleines Techtelmechtel mit dem Glück und so ging er denn eines Tages ganz flott in den Laden, um sich Unterkleidungsstücke zu kaufen. Als er Kredit verlangte, sahen sie ihn an, als sei er nicht recht bei Trost – er mußte unverrichteter Sache gehen. »Darunter muß ein Geheimnis stecken, das ich nich' kenne«, dachte Pelle; er hatte eine dunkle Erinnerung an einen anderen Jungen, der auch nicht imstande war, den Kessel dazu zu bewegen, Grütze zu kochen, und das Tischlein, sich für ihn zu decken – weil er das Wort nicht kannte. Er suchte sogleich Alfred auf, um Klarheit zu erlangen.

Alfred stand mit neuen Patenthosenträgern da und band sich den Kragen um, an den Füßen hatte er Pantoffeln mit Pelzeinfassung, sie sahen aus wie Tauben, die sich kröpfen. »Die hab' ich von einer Meistertochter bekommen,« sagte er und kokettierte mit seinen Beinen – »sie is ganz weg in mich. Süß is sie auch – aber da is kein Geld.«

Pelle erzählte von seiner Not.

»Hemden! Hemden!« jubelte Alfred und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Er will, weiß Gott, Hemden auf Pump nehmen! Wenn es noch Manschettenhemden wären!« Er war kurz davor, zu platzen vor Lachen.

Pelle ging von neuem darauflos. Als der Bauer, der er noch immer war, hatte er in erster Linie an Hemden gedacht; aber nun wollte er einen Sommerüberzieher und Gummimanschetten haben. – »Wozu willst du denn Kredit haben?« fragte der Kaufmann zögernd. »Erwartest du irgendwoher Geld? Oder hast du jemand, der für dich gutsagen kann?«

Nein, Pelle wollte die Sache schon selbst deichseln – aber er hatte nur gerade jetzt kein Geld.

»Dann warte du nur, bis du was hast«, sagte der Kaufmann mürrisch. »Wir kleiden keine armen Jungen ein!« Pelle mußte von dannen schleichen wie ein begossener Pudel.

»Du bist ein Rindvieh«, sagte Alfred kurz. »Du bist gerade so wie Albinus – der kann es auch nich' lernen!«

»Wie machst du es denn?« fragte Pelle kleinlaut.

»Wie ich es mache – wie ich es mache –« Alfred konnte keine Erklärung dafür geben, es kam ganz von selbst. »Aber ich sage natürlich nich', daß ich arm bin. Na, laß du es man lieber nach – es glückt dir doch nich'!«

»Warum sitzst du da und kneifst dich in die Oberlippe?« fragte Pelle mißmutig.

»Kneifen? Ich drehe ja meinen Schnurrbart, du Schaf!«


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