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XVIII

Es war im ersten Schuljahr in der Religionsstunde. Pelle wurde von Fris gefragt, ob er die drei größten Feiertage des Jahres nennen könne, und antwortete zu aller Ergötzen: »Der Johannisabend, das Erntefest und – und –«; da war noch ein drittes Fest, aber als er soweit kam, schämte er sich, es zu nennen – sein Geburtstag! Gewissermaßen war es der größte Festtag des Jahres, obwohl ihn niemand als Vater Lasse kannte. Und dann die, die den Kalender schrieben – die wußten ja ganz einfach von allem Bescheid.

Er fiel auf den 26sten Juni und hieß Pelagius im Kalender. Am Morgen küßte ihn der Vater und sagte: »Glück und Segen, mein Junge!« – und dann lag da immer ein kleiner Gegenstand in der Tasche, wenn er die Hose anziehen wollte. Der Vater war ebenso gespannt wie er selbst und stand bei ihm, während er sich anzog, um seinen Anteil an der Überraschung zu haben. Aber es war Pelles Manier, die Sache in die Länge zu ziehen, wenn ihm etwas Angenehmes bevorstand – um so größer wurde die Freude. Er ging absichtlich um die spannende Tasche herum, während Vater Lasse dastand und trippelte und sich nicht halten konnte. »Na, du, was is das bloß mit der Tasche da? Sie kommt mir so dick vor! Du bist doch woll nich' über Nacht auf gewesen und hast Hühnereier gestohlen?« Dann mußte Pelle den Gegenstand herausholen – ein großes Bündel Papier – und zum Auspacken, eine Schicht nach der anderen. Und Lasse war wie aus den Wolken gefallen. »Ach was, das is ja nichts weiter als Papier! Sich mit so 'n Jux die Taschen vollzupfropfen!« Aber im innersten Innern lag ein Taschenmesser mit zwei Klingen. »Danke«, flüsterte Pelle mit Tränen in den Augen. »Ach was, das is man 'ne ärmliche Gabe!« sagte Lasse und zwinkerte mit seinen roten, wimperlosen Augenlidern.

Darüber hinaus begegnete dem Jungen an diesem Tage nicht mehr Gutes als gewöhnlich, aber trotzdem war er den ganzen Tag in feierlicher Stimmung. Es kam nie vor, daß die Sonne nicht schien – und zwar schien sie auffallend hell; und die Kühe sahen ihn so fest an, während sie dalagen und kauten. »Heut is mein Geburtstag, du!« sagte er und hängte sich dem Ochsen Nero um den Hals – »kannst du wohl ›ich gratuliere‹ sagen?« Und Nero blies ihm warmen Atem den Rücken hinab, zusammen mit grünem Saft vom Kauen. Und dann ging er glücklich umher und stahl grünes Korn für ihn und für sein Lieblingskalb, hielt das neue Messer – oder was es sonst war – den lieben, langen Tag in der Hand und verrichtete alles, was er tat, mit einem eigenen, feierlichen Zögern. Den ausgereckten Tag konnte er in Feiertagsstimmung anschwellen lassen, und wenn er ins Bett kam, lag er da und kämpfte mit dem Schlaf, damit der Tag noch länger werden sollte.

Aber der Johannisabend war auf seine Weise doch ein noch größerer Festtag – es lag auf alle Fälle der Schimmer des Unerreichbaren darüber. An dem Tag zog alles, was kriechen und gehen konnte, nach Almindingen Ein Wald in der Mitte der Insel Bornholm, ein allgemeiner Vergnügungsort.; es gab keinen noch so erbärmlichen Dienstboten auf der ganzen Insel, der sich darin fand, daß ihm diese Erlaubnis verweigert wurde – außer gerade Lasse und Pelle.

Jedes Jahr hatten sie den Tag kommen und gehen sehen, ohne Anteil an seiner Freude zu haben. »Jemand muß doch, weiß Gott, zu Hause bleiben,« sagte der Verwalter beständig, »oder meint ihr vielleicht, daß ich die ganze Arbeit für euch tun kann?« Sie waren zu machtlos, um auf ihrem Recht zu pochen. Lasse half die Wagenlade mit leckeren Eß- und Trinkwaren vollpacken und sah, daß die anderen wohlbehalten auf den Weg kamen – um dann mißmutig zu Hause umherzugehen, als einziger Mann für die ganze Arbeit. Pelle sah vom Felde aus ihre fröhliche Abfahrt und den hellen Staubstreifen in weiter Ferne hinter den Klippen. Und noch ein halbes Jahr nachher hörten sie ihr Trinkgelage und ihre Prügeleien und Liebeleien – das ganze Fest – bei den Mahlzeiten wieder auftischen.

Aber jetzt hatte die Sache ein Ende. Lasse war nicht der Mann, der sich andauernd auf die Zehen treten ließ; er hatte die Liebe einer Frau – und ein Haus im Rücken! Er konnte kündigen, wann es ihm beliebte. Jetzt war die Obrigkeit wohl dabei, den vorgeschriebenen öffentlichen Aufruf über das Verbleiben von Madam Olsens Mann vorzunehmen, und sobald die gesetzliche Frist abgelaufen war, wollten sie zusammenziehen.

Lasse ging einer Kündigung nicht mehr aus dem Wege. Schon im Winter hatte er dem Verwalter den Stuhl vor die Tür gesetzt – und sich nur zum Bleiben bestimmen lassen unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sie beide mit auf die Ausfahrt nach Almindingen kamen – er hatte Zeugen dafür. Dort, wo an jenem Tage alle Liebe sich ein Stelldichein gab, wollten Lasse und sie einander auch begegnen. Aber davon wußte Pelle nichts.

»Heute können wir übermorgen sagen, und morgen können wir morgen sagen«, wiederholte Pelle dem Vater zwei Tage vor dem Tage einmal über das andere; er hatte seit dem ersten Mai Rechenschaft über die Zeit gehalten, indem er einen Strich für jeden Tag inwendig im Kistendeckel machte und sie einen nach dem anderen durchstrich. »Ja, und übermorgen sagen wir heute«, sagte Lasse und warf die Beine jugendlich.

Dann schlug man die Augen in einer unbegreiflich schimmernden Welt auf und entdeckte erst hinterher, daß dies der Tag war. Lasse hatte fünf Kronen von seinem Lohn aufgenommen, und er hatte einen alten Häusler gedungen, seine Arbeit zu verrichten – für 50 Öre und das Essen. »Das is ja gerad' kein großer Tagelohn,« meinte der Häusler, »aber wenn ich dir eine Hand gebe, gibt mir der liebe Gott am Ende eine wieder.«

»Ja, wir haben ja keinen anderen als ihn, an den wir uns halten können, wir armen Schlucker«, sagte Lasse. »Aber ich werde es dir noch in meinem Grabe danken!«

Der Häusler kam schon um vier Uhr, und Lasse konnte von der frühen Morgenstunde an Feiertag machen. Jedesmal, wenn er Hand mit anlegen wollte, sagte der andere: »Nee, laß mich man; du hast woll nich' oft frei!«

»Nee, dies is der erste richtige freie Tag, seit ich hier auf den Hof gekommen bin«, sagte Lasse und richtete sich stolz auf wie ein Graf.

Pelle war vom frühen Morgen an im Staat; er ging umher und lächelte, mit wassergekämmtem Haar und in Hemdärmeln; die feine Mütze und der gute Anzug durften nicht getragen werden, ehe man wegfuhr. Wenn die Sonne ihm ins Gesicht schien, glitzerte es wie betautes Gras. Er brauchte sich um nichts zu bekümmern; das Vieh war in der Hürde; der Verwalter wollte es selbst besorgen.

Er hielt sich in der Nähe des Vaters auf, der dies ja durchgesetzt hatte – Vater Lasse war mächtig, ja! »Es war woll recht gut, daß du ihnen drohtest zu kündigen!« rief er alle Augenblick aus.

Und Lasse antwortete jedesmal dasselbe: »Ja, man muß mit harter Hand zugreifen, wenn man hier in der Welt was erreichen will!« – und dabei nickte er machtbewußt.

Sie wollten um acht Uhr fahren, aber die Mägde konnten nicht mit den Zubereitungen fertig werden. Da waren Kruken mit Stachelbeergrütze, große Stapel Pfannkuchen, ein hartgekochtes Ei auf den Mann, kalter Kalbsbraten und eine Unendlichkeit geschnittenes Butterbrot. Die Wagenladen konnten es lange nicht mehr aufnehmen, es wurden große Körbe unter die Sitze geschoben. Vorne auf den Wagen kam ein Faß Bier, über das grüner Hafer gedeckt wurde, damit die Sonne nicht darauf fallen sollte; ein ganzes Fässel Branntwein war auch da und drei Flaschen kalter Punsch. Der ganze Boden des großen Lastfederwagens war fast bedeckt; es würde schwer werden, Platz für die Beine zu finden.

Frau Kongstrup hatte doch ein Herz für die Leute, wenn sie nur wollte; sie ging umher wie eine gute Hausfrau und sah nach, daß alles gut eingepackt war und daß nichts fehlte.

Es war nicht wie mit Kongstrup, der immer einen Verwalter zwischen sich und den anderen haben mußte. Sie scherzte ordentlich und tat, was sie nur konnte; man merkte es ihr an, daß sie den Leuten einen fröhlichen Tag gönnte – was man ihr sonst auch nachsagen mochte. Daß ihr Gesicht ein wenig traurig war, darüber konnte man sich ja nicht wundern, war doch der Gutsbesitzer am Morgen mit der jungen Verwandten ausgefahren.

Und endlich waren dann die Mägde fertig, und man stieg auf den Wagen – in strahlender Laune. Die Knechte setzten sich aus Versehen den Mägden auf den Schoß und fuhren erschreckt in die Höhe. »Au, au! ich bin woll zu nahe an einen Ofen geraten!« sagte der Galgenstrick Mons und rieb sich den Hintern. Selbst Frau Kongstrup mußte lachen.

»Will Erik nich' mit?« fragte seine alte Liebste, Bengta, die noch immer was für ihn übrig hatte.

Der Verwalter pfiff scharf ein paarmal, da kam Erik langsam aus der Scheune herausgeschlichen, wo er gestanden und seinen Herrn nicht aus den Augen gelassen hatte.

»Willst du heut nicht mit in den Wald, Erik?« fragte der Verwalter gemütlich. Erik stand da und wand seinen großen Körper, er murmelte etwas, was niemand verstehen konnte, und stieß unwillig mit der einen Schulter.

»Es wird wohl am besten sein, wenn du mitfährst«, meinte der Verwalter und tat so, als wolle er ihn nehmen und in den Wagen setzen. »Ich muß dann sehen, wie ich den Verlust ertrage.« Auf dem Wagen lachten sie. Aber Erik toffelte über den Hof, seinen Hundeblick unverwandt auf die Füße des Verwalters gerichtet. Er stellte sich hinter die Stallecke und stand da und guckte spähend heraus; die Mütze hielt er auf dem Rücken, wie es die Knaben machen, wenn sie Räuber und Soldat spielen.

»Der is schneidig!« sagte Mons. Dann steuerte Karl Johan vorsichtig zum Tore hinaus, und sie setzten sich mit einem Knall in Bewegung.

Auf allen Wegen arbeiteten sich Fuhrwerke zu dem Gipfel der Insel hinauf, und sie waren alle überladen mit fröhlichen Menschen, die einander auf dem Schoß saßen und ganz über den Wagenrand hinaushingen. Der von den Fuhrwerken aufgewirbelte Staub stand weiß in der Luft und gab in meilenlangen Streifen an, wie die Wege gleich Speichen in einem Rade lagen und auf die Mitte des Landes zuführten. Die Luft summte von frohen Menschenstimmen und Handharmonikas; jetzt entbehrte man Gustavs Spielwerk. Ja, und Bodils schönes Gesicht, das an einem solchen Tage so wunderbar sanft strahlen konnte.

Pelle hatte einen Heißhunger auf die große Welt und verschlang alles mit den Augen. »Sieh mal da, Vater! Sieh doch das mal!« Nichts entging ihm. Die anderen sahen sich froh an ihm, so rosig und schön, wie er war. Er hatte ein frischgewaschenes blaues Blusenhemd unter der Weste, das sah an den Handgelenken und am Halse hervor und ersetzte Kragen und Manschetten. Aber die blonde Marie beugte sich hintenüber vom Kutschersitz, wo sie allein mit Karl Johan saß, und band ihm ein ordentliches weißes Tuch um den Hals; und Karna, die sich mütterlich zeigen wollte, fuhr ihm mit dem Zipfel ihres Taschentuchs, den sie mit der Zunge angefeuchtet hatte, über das Gesicht. Sie angelte mit allen Mitteln, aber es war ja auch übrigens denkbar, daß sich der Junge schon wieder eingeferkelt hatte nach der gründlichen Morgenwäsche.

Die Nebenwege ergossen fortwährend ihren Inhalt auf die Landstraße, und es schwoll zu einer ganzen Flut von Wagen an. So weit man sehen konnte, nach vorn wie nach hinten, waren da Fuhrwerke; man sollte gar nicht glauben, daß es so viele Wagen auf der ganzen Welt gab. Karl Johan war ein guter Kutscher, beständig zeigte er mit der Peitsche und erzählte; über jedes Haus wußte er Bescheid. Mit den Höfen und dem Ackerland war es vorbei; aber auf der Heide, wo selbstgesäte Eschen und Birken standen und unruhig in dem Sommertage flimmerten, lagen öde Ansiedlerhäuser mit lehmbeworfenen Wänden und ohne das kleinste Bilsenkraut oder einen Fetzen von einer Gardine vor den Fenstern.

Die Felder ringsumher waren so steinig wie ein frischchaussierter Weg, und die Saat schrie gottserbärmlich zum Himmel empor, sie war nur zwei bis drei Zoll hoch im Stroh und stand schon in Ähren. Die Leute dort waren allesamt schwedische Dienstboten, die sich ein wenig zusammengespart hatten und nun hier als Grundbesitzer saßen; Karl Johan kannte eine ganze Reihe von ihnen.

»Das sieht ganz trübselig aus«, sagte Lasse, der die Steine hier mit Madam Olsens fettem Boden verglich.

»Ach ja,« antwortete der Großknecht, »allerbeste Ware is das ja gerade nich'. Aber etwas gibt der Boden doch her«, er zeigte auf die großen, zierlichen Haufen gehauener Steine und kleiner Chausseesteine, die jede Hütte umgaben. »Wenn das gerad' kein Korn is, so wird es doch zu Brot. Und denn is dies wohl der einzige Grund und Boden, der für den Geldbeutel armer Leute erreichbar is.« Er und die blonde Marie dachten selbst daran, sich hier niederzulassen, Kongstrup hatte versprochen, ihnen zu einer Zweipferdestelle behilflich zu sein, wenn sie heirateten.

Drinnen im Walde waren die Vögel in ihrem besten Morgengezwitscher – sie waren hier später zu Gange wie unten in den Dünenpflanzungen, wie es schien. Die Luft glitzerte so festlich, und aus dem Waldboden stieg etwas Unsichtbares auf – es war hier wie in einer Kirche, wenn die Sonne durch die hohen Fenster scheint und die Orgel spielt. Sie bogen um den Fuß einer steilen Felswand mit vorquellenden Laubmassen von oben her und kamen unter die Bäume.

Es war fast unmöglich, sich hindurchzuwinden vor Pferden und ausgespannten Fuhrwerken, man mußte die Ohren steif halten, wenn man sich und anderen nicht die Fahrutensilien ruinieren wollte. Karl Johan saß da und sah auf die beiden Vorderräder und tastete sich Schritt für Schritt vorwärts. Er glich einer Katze bei Gewitter, so vorsichtig war er. »Halt's Maul!« sagte er scharf, wenn jemand auf dem Wagen den Mund auftat. Endlich fanden sie Platz genug zum Ausspannen. Es wurden Stricke von Baum zu Baum in einem Viereck gespannt, darin wurden die Pferde angebunden. Dann holte man die Pferdestriegel heraus – Herrgott, wie es gestäubt hatte! Und endlich – ja niemand sagte etwas, aber sie standen alle erwartungsvoll da in halber Richtung nach dem Großknecht.

»Dann machen wir woll erst einen Gang durch den Wald und sehen uns die Aussicht an!« sagte er.

Sie schluckten es herunter, während sie zwecklos um den Wagen herumschlenderten und nach den Eßwaren hinüberschielten. »Wenn sich das man hält!« sagte Anders und griff in einen Vorratskorb hinein. »Ich weiß gar nich' – mir is heut so schnurrig im Magen«, sagte Mons. »Ich hab' doch woll am Ende nich' die Auszehrung?«

»Vielleicht is es besser, wenn wir erst mal die Vorräte untersuchen?« sagte Karl Johan.

Ja – ja – da kam es endlich!

Voriges Jahr hatten sie im Grünen gegessen – Bodil hatte den Einfall gehabt, sie war ja immer ein bißchen für das Besondere. In diesem Jahre wagte niemand, mit einem solchen Vorschlag zu kommen. Sie sahen sich ein wenig an – abwartend; dann krochen sie auf den Wagen hinauf und richteten sich dort ein wie andere brave Menschen. Das Essen war schließlich doch dasselbe.

Die Pfannkuchen waren groß und dick wie ein Kochtopfdeckel – man mußte dabei an Erik denken, der im vergangenen Jahr zehn gegessen hatte. »Schade, daß er heute nich' mit is«, sagte Karl Johan. »Er war ein fröhlicher Gesell!«

»Er hat es sehr gut,« sagte Mons, »kriegt Essen und Kleidung und tut nichts weiter, als dem Verwalter auf den Hacken zu sitzen. Und zufrieden is er nu immer – ich wollt' gern mit ihm tauschen.«

»Und wie ein Hund mit der Schnauze an der Erde laufen und in den Fußtapfen seines Herrn schnüffeln – Pfui Deubel!« sagte Anders.

»Was auch all geredet werden mag, so dürft ihr doch nie vergessen, daß der liebe Gott seinen Verstand in Aufbewahrung genommen hat«, sagte Lasse warnend. Sie wurden nun eine Weile ganz ernsthaft.

Aber dann hatten sie dem Ernst auch geopfert, was ihm zukam. Anders wollte sich am Bein jucken, vergriff sich aber und kniff die flotte Sara in die Wade, so daß sie laut aufkreischte; da wurde seine Hand ganz verwirrt und fuhr da unten herum und richtete Unheil an. Mons erhob sich und fragte feierlich, ob jemand den Pastor auf der Kanzel sehen wolle. Sie lachten und trieben Kurzweil.

Karl Johan nahm nicht recht Teil an der Lustbarkeit, er saß da und grübelte offenbar über etwas nach. Endlich raffte er sich auf und holte den Geldbeutel heraus. »Ach was, ich spendiere Bier!« sagte er flott – »Bayrisch Bier, wohlverstanden. Wer will es holen?«

Mons sprang schnell vom Wagen: »Wieviel Flaschen?«

»Vier!« – Karl Johan ließ den Blick zählend über den Wagen schweifen. »Nee, bring man gleich fünf, du, dann kann jeder einen Spitz kriegen!« sagte er flott. »Aber paß auch gut auf, daß sie dir richtiges Bayrisch Bier geben, du!«

Ein Spitz – also ein Spitz hieß es? Es war gar nicht auszudenken, was Karl Johan alles wußte. Auch das Wort Bayrisch Bier sprach er so geläufig aus, wie andere einen Priem im Mund herumdrehen. Aber er war ja jetzt Vertrauensmann auf dem Hof und wurde oft in die Stadt geschickt!

Das gab gute Laune und Spannung – die meisten hatten noch nie im Leben Bayrisch Bier geschmeckt. Lasse und Pelle bekannten offen ihre Unerfahrenheit; aber Anders tat so, als habe er sich schon mehr als einmal darin betrunken, obwohl jeder wußte, daß das ausgestunkene Lügen waren.

Mons kam vorsichtig balancierend mit dem Bier im Arm zurück – das war eine kostbare Ladung. Der Trunk wurde in große Schnapsgläser geschenkt, die für den Punsch mitgenommen waren – in der Stadt trank man das Bier ja aus mächtigen Krügen, aber Karl Johan fand, daß das eine schweinemäßige Völlerei war. Die Mägde weigerten sich zu trinken und waren trotzdem entzückt. »So sind sie immer, wenn einer ihnen das Beste bietet«, sagte Mons. Sie bekamen einen dunkelroten Kopf von dem Ereignis und glaubten, daß sie betrunken seien. Lasse spülte sein Bier mit einem Schluck Branntwein herunter – es schmeckte ihm, offen gestanden, nicht. »Ich bin zu alt geworden«, sagte er entschuldigend.

Die Vorräte wurden wieder eingepackt, und man begab sich in geschlossenem Trupp in den Wald, um die Aussicht zu sehen. Man mußte sich durch eine ganze Wagenburg hindurcharbeiten, um zu dem Pavillon zu gelangen, überall wieherten Pferde und schlugen hinten aus, so daß die Rinde von den Bäumen flog, Knechte stürzten über sie her und zerrten sie an den Mäulern, bis sie wieder ruhig wurden. Frauenzimmer schrien und liefen hier hin und da hin wie geängstigte Hühner mit in die Höhe gehobenen Röcken.

Oben von der Anhöhe herunter ließen sie ihre Blicke über die Menschenmenge schweifen, an den Seiten des Hügels hinab und in den Wald hinein, jenseits der Wege – überall wimmelte es von Fuhrwerken. Und unten am Dreieck, wo sich die beiden großen Landstraßen begegneten, bogen beständig neue Fuder in den Wald ein. »Hier sind heute weit über tausend Paar Pferde im Wald«, sagte Karl Johan. Ja, weit mehr! – sicher eine Million, wenn das verschlug, dachte Pelle. Er war fest entschlossen, heute so viel wie nur möglich aus allem herauszuschlagen.

Da hielt der Wagen aus Brogaard, und da kamen die Leute aus Hammersholm, ganz da draußen von der äußersten Spitze des Nordlands. Hier waren Leute von den Strandgehöften bei Dueodde und aus Rönne und Neksö in Scharen – die ganze Insel war hier. Aber jetzt war keine Zeit, um sich mit Bekannten aufzuhalten. »Wir sehen uns heute nachmittag!« rief man die Kreuz und die Quer.

Karl Johan führte an – es gehörte zu den Pflichten eines Großknechts, den Weg in Almindingen zu kennen. Die blonde Marie hielt sich treulich an seiner Seite, ein jeder konnte sehen, wie stolz sie auf ihn war. Mons hielt die flotte Sara an der Hand, sie gingen schlendernd umher und glichen ein paar fröhlichen Kindern.

Bengta und Anders wurde es ein wenig schwer, miteinander auszukommen, sie zankten sich alle Augenblicke, dachten sich aber eigentlich nichts weiter dabei. Und Karna ging umher und machte sich beliebt.

Man kam in ein Moor hinab und wieder hinauf an steilen Bergwänden, wo die mächtigen Bäume mit den Zehenspitzen auf dem Nacken anderer mächtiger Bäume standen. Pelle sprang wie ein Zicklein nach allen Seiten. Drinnen unter den Tannen waren Ameisenhügel, so groß wie Heuhaufen, die Ameisen hatten breite, getretene Wege, die wie Fußsteige zwischen den Bäumen dahinliefen und kein Ende nehmen wollten; es war die Mannigfaltigkeit der Heerschaaren, die auf den Wegen hin und her wanderten. Unter ein paar kleinen Tannen war ein Stachelschwein im Begriff, ein Wespennest anzugreifen; es lief mit der Schnauze in das Nest hinein und zog sich dann schleunig zurück und nieste. Das sah so überwältigend und lächerlich aus, aber Pelle mußte weiter – den anderen nach. Und bald war er ihnen weit voraus und lag auf dem Bauch in einem Graben, wo er Walderdbeeren gewittert hatte.

Lasse konnte bergan nicht Schritt halten mit der Jugend, und Karna erging es nicht besser. »Wir werden beide alt«, sagte sie, während sie sich keuchend hinaufschleppten.

»Ja meinst du das?« entgegnete Lasse, der sich ganz jugendlich fühlte – es war nur die Luft, die ihm knapp wurde.

»Es geht dir woll ebenso wie mir: nu hat man sich so viele Jahre für andere abgerackert und fühlt das Verlangen, sein eigener Herr zu sein.«

»Ja, da magst du woll recht in haben«, entgegnete Lasse ausweichend.

»Ganz mit leeren Händen käme man ja auch nich' darein – wenn es sein sollt!«

»Hm, ja.«

Karna fuhr fort, aber Lasse drückte sich hartnäckig um die Antwort herum, bis sie an den Wackelstein kamen, wo die anderen standen und warteten. Potz Blitz, war das ein Block!

An die tausend Schiffspfund, sagte man, wiege er. Aber Mons und Anders wackelten damit hin und her, indem sie einen Hebel unter das eine Ende schoben.

»Dann müssen wir woll nach der Räuberburg«, sagte Karl Johan; und sie trabten weiter – auf und ab, ununterbrochen. Lasse mühte sich ab, um Schritt mit den anderen zu halten, er fühlte sich nicht ganz sicher, wenn er mit Karna allein war. Das war doch eine unchristliche Menge Bäume, und der Wald war nicht gleichartig wie anderswo in der Welt. Da waren Birken und Fichten, Buchen und Lärchen und Ebereschen, alles bunt durcheinander – und Kirschenbäume in langen Zügen. Der Großknecht führte sie über ein kleines, schwarzes Gewässer, das unter dem Felsen lag und sie anstarrte wie ein böses Höllenauge. »Hier ist die Stelle, wo die kleine Anna ihr Kind ertränkt hat – sie, die von ihrem Herrn geschwängert war!« sagte er zögernd. Sie kannten alle die Geschichte und standen schweigend über dem Wasser, die Mägde hatten Tränen in den Augen.

Wie sie so schweigend dastanden und dem traurigen Schicksal der kleinen Anna einen Gedanken opferten, stieg ein unsagbar weicher Ton zu ihnen auf, gefolgt von einem langen, herzerwärmenden Schluchzen. Sie rückten näher aneinander heran. »Herr Jesus!« flüsterte die blonde Marie erschauernd, »nu weint die Kinderseele.« Pelle stand da, starr vom Lauschen, die Kälteschauern liefen ihm in Wellen am Rücken herab.

»Das is ja doch die Nachtigall!« sagte Karl Johan. »Kennt ihr die denn nich' mal? Es sitzt dick voll davon hier im Wald und singt mitten am Tag.« Das wirkte befreiend auf die Erwachsenen, aber Pelle konnte das Grauen nicht so abschütteln. Er hatte tief hineingeschaut in die andere Welt, und jede Erklärung prallte von ihm ab.

Aber dann kam die Räuberburg als große Enttäuschung. Er hatte sie sich von Räubern bevölkert vorgestellt; und dann war es nichts weiter als einige Ruinen aus Granitsteinen, die auf einem kleinen Berg mitten in einem Moor lagen. Er ging auf eigene Faust unten um das Ganze herum, um zu sehen, ob da nicht ein geheimer, unterirdischer Gang war, der an das Wasser hinabführte. Wenn das der Fall war, wollte er in aller Stille den Vater herbeiholen und hineindringen, um nach den Geldkisten zu suchen – sonst waren es zu viele zum Teilen. Aber er vergaß das wieder über einen eigenen Duft, der ihn gefangen nahm. Er plumpste in einen Waldgrund hinein, der saftig grün war von Maiglöckchen, die noch schwach in Blüte standen – und von wilden Erdbeeren. Hier waren so viele, daß er hin mußte, um die anderen zu rufen.

Dann vergaß er auch das, während er sich einen Weg durch die Ranken bahnte, um hinaufzugelangen. Er hatte den Fußpfad verloren und sich in der naßkalten Finsternis unter der Felsklippe verirrt. Ranken und Dornen verflochten sich mit den herabhängenden Zweigen zu einer niedrigen, schweren Decke; nach keiner Seite war das Tageslicht zu sehen, aber das Laub goß ein eigentümliches grünes Licht durch das Flechtwerk. Der Boden war schlüpfrig von Feuchtigkeit und verfaultem Gewürm, unter der Felswand hingen zitternde Farnen mit den Spitzen nach unten; Wasser sickerte aus ihnen herab wie aus tropfendem Haar. Mächtige Baumwurzeln lagen über den Klippen gespannt und glichen nackten, schwarzen Teufelsgestalten, die sich wanden, um loszukommen. An einer Stelle, ein wenig weiter nach vorne drang die Sonne mit brennenden Flammen quer durch die Finsternis, darumherum herrschte eine bläuliche Dämmerung, und es klang – wie ein Dreschwerk in weiter Ferne.

Pelle stand da und sog Entsetzen ein, bis ihm die Knie schlotterten. Dann rannte er wie ein Besessener, tausend Schattenhände streckten sich im selben Augenblick nach ihm aus. Mit einem leisen Heulen arbeitete sich Pelle durch Dornen und Ranken hindurch. Das Tageslicht drang wie ein Schlag auf ihn ein, und hinter ihm griff eine feste Hand in seine Kleider; in seiner Seelenangst mußte er nach Vater Lasse rufen, – da gab die Hand ihn frei.

Und dann stand er draußen, mitten im Moor, und dort hoch oben über seinem Kopf saßen sie, auf einer Felsspitze mitten in den Laubmassen. Von da oben gesehen, schien es, als sei die ganze Welt ein einziger Waldeswipfel, der bis ins Unendliche stieg und wieder fiel; da war Laub tief unten unter den Füßen und so weit das Auge reichte, oben und unten. Man konnte sich versucht fühlen, sich dahineinzustürzen, so einladend weich sah die Tiefe aus. Karl Johan mußte zur Warnung für die anderen die Geschichte von dem Schneidergesellen erzählen, der hier in Almindingen hoch oben von einer Felsspitze herabgesprungen war, – weil das Laub so verlockend weich ausgesehen hatte. Wunderbarerweise kam er mit dem Leben davon, aber der hohe Baum, durch den er hinabgefallen war, hatte ihn völlig entkleidet.

Mons hatte dagestanden und Sara damit bange gemacht, daß er hinabspringen wolle, jetzt zog er sich aber vorsichtig zurück. »Ich will meinen Konfirmationsanzug nicht daran wagen«, sagte er und bemühte sich harmlos auszusehen.

Das Merkwürdigste von allem war aber doch der »Reiterknecht« mit dem Königsdenkmal. Schon allein der Turm – auch nicht die kleinste Kleinigkeit Holz war dazu benutzt, sondern nur Granit; und dann ging man rundherum bis in die Unendlichkeit. »Ihr zählt doch die Stufen?« sagte Karl Johan ermahnend. Jawohl, sie zählten alle leise.

Das Wetter war klar, die Insel breitete sich in ihrer ganzen Üppigkeit unter ihnen aus. Die Knechte mußten vor allen Dingen versuchen, wie es war, wenn man da hinabspie, aber die Mägde waren schwindlig und standen in einem Haufen zusammen mitten auf der Plattform. Die Kirchen wurden unter Karl Johans kundiger Anleitung gezählt, und alle die bekannten Orte wurden aufgesucht. »Da haben wir ja auch Steinhof!« sagte Anders und zeigte auf etwas in der Ferne nach dem Meere zu. Es war nicht Steinhof, aber Karl Johan konnte aufs Haar sagen, hinter welchem Hügel es liegen mußte, und das Steinwerk konnten sie von hier aus erkennen.

Lasse nahm keinen Teil daran, er stand ganz still für sich und starrte nach der schwedischen Küste hinüber, die blauend hervortrat in weiter Ferne hinter dem schimmernden Wasser. Der Anblick des Heimatlandes machte ihn weich und alt; nach Hause kam er wohl nie wieder, obwohl er große Sehnsucht hatte, Bengtas Grab noch einmal zu sehen. Ja, ja, und das Beste, was einem geschehen konnte, war wohl, an ihrer Seite zu ruhen, wenn alles aus war. In diesem Augenblick bereute er es, daß er auf seine alten Tage in Landflüchtigkeit gegangen war. – Kungstorpet – wie es da jetzt wohl aussehen mochte? Ob die neuen Leute den Boden wohl einigermaßen instand hielten? Und alle die alten Bekannten – wie es denen wohl ergehen mochte? Die Erinnerungen eines alten Mannes stiegen mit einer solchen Gewalt in ihm auf, daß er für eine Weile Madam Olsen und alles, was ihr war, vergaß. Er ließ sich von all dem Alten einlullen und weinte inwendig wie ein kleines Kind. Ach ja, es war hart, von der Heimat und allem fern zu sein auf seine alten Tage. Wenn es aber zum Segen für den Jungen werden konnte, so oder so, dann war ja alles gut.

»Das is woll Kopenhagen, was man da drüben sehen kann?« fragte Anders.

»Das is Schweden«, antwortete Lasse still.

»Schweden? So–o? Aber das lag vergangenes Jahr doch nach der anderen Seite, wenn ich mich recht erinnere.«

»Ja natürlich! Wozu sollt sich die Welt auch woll sonst rund herumdrehen?« rief Mons aus.

Anders war kurz davor, das für bare Münze zu nehmen, fing aber eine Grimasse auf, die Mons den anderen zuschnitt. »Ach, du dummer Affe!« rief er aus und sprang hinter Mons drein, der die steinerne Treppe hinablief, es bullerte hohl hinter ihnen her wie in einer mächtigen Tonne. Die Mägde standen aneinandergelehnt und wiegten sich leise, während sie schweigend nach dem schimmernden Wasser hinüberstarrten, das da draußen in der Ferne die Insel umschloß. Der Schwindel hatte ihre Körper gelöst.

»Ihr steht ja da und träumt mit offenen Augen«, sagte Karl Johan und versuchte, die Arme um sie alle zu schlingen. »Wollt ihr nicht mit herunterkommen?«

Nun waren alle tüchtig müde. Niemand sprach ein Wort, denn Karl Johan führte ja; aber die Mädchen hatten eine große Neigung, sich hinzusetzen.

»Nu haben wir bloß noch das Echotal,« sagte er ermunternd, »und das liegt auf dem Rückweg. Das müssen wir mitnehmen, denn das is es wert! Da sollt ihr ein Echo hören, wie es in der heißen Hölle kein zweites gibt!«

Es ging langsam, die Füße waren wund von dem ledernen Schuhzeug und dem vielen unnützen Gehen. Aber als sie dann von dem steilen Felsenweg ins Tal hinabkamen und aus der Quelle getrunken hatten, wurden sie wieder munter. Karl Johan stellte sich mit gespreizten Beinen auf und rief nach der Felswand hinüber: »Worauf is Karl Johan ganz versessen?« Und das Echo antwortete stehenden Fußes »Essen!« Das war so schrecklich komisch, daß sie es alle hintereinander versuchen mußten, ein jeder mit seinem Namen – selbst Pelle. Als das erschöpft war, stellte Mons dem Echo eine Frage, auf die es mit einer Ungezogenheit antworten mußte.

»So was mußt du ihm nich' beibringen«, sagte Lasse. »Wenn hier nu feine Damen herkommen und er es ihnen denn nachruft!« Sie kamen beinahe um vor Lachen über den Witz des Alten, und er war so entzückt von dem Beifall, daß er die Worte auf dem Rückweg still vor sich wiederholte. Na ja – so ganz vor die Hunde gegangen is man wohl auch noch nich'.

Als sie zu den Wagen zurückgekehrt waren, spürten sie einen Heißhunger und fingen an, ihre Mahlzeit zu halten. »Was muß man doch haben, womit man sich aufrecht halten kann, wenn man so 'rumgeht und nichts tut!« sagte Mons.

»So,« sagte Karl Johan, als sie fertig waren, »nu hat ein jeder seine Freiheit zu gehen, wo er hin will. Aber Schlag neun Uhr versammeln wir uns hier wieder. Denn woll'n wir nach Hause fahren.«

Oben auf dem Platz versetzte Lasse Pelle einen heimlichen Puff, und sie fingen an, mit einer Kuchenfrau zu handeln, bis die anderen ein gutes Stück vorangekommen waren. »Es is nich' angenehm, drittes Rad am Wagen zu sein«, sagte Lasse. »Nu woll'n wir beide mal auf eigene Hand gehen.«

Lasse ging umher und machte einen langen Hals. »Suchst du wen?« fragte Pelle.

»Nee, das gerade nich', aber ich wunder' mich, wo alle die vielen Menschen herkommen. Hier sind welche aus 'm ganzen Land, bloß von da unten aus 'm Dorf hab' ich noch keine gesehen.«

»Glaubst du nich', daß Madam Olsen heut hierher kommt?«

»Ja, Gott weiß,« sagte Lasse – »es könnt' ja ganz lustig sein, sie hier zu begrüßen. Ich möcht' auch gern ein paar Worte mit ihr sprechen. Du hast ja junge Augen – kannst du dich nich' mal umsehen?«

Pelle bekam fünfzig Öre, die er ausgeben durfte, wozu er wollte. Ringsumher auf dem Platz saßen die armen Frauen aus der Heide an kleinen Marktständen und verkauften bunte Zuckerstangen, Honigkuchen und Zweiörezigarren. Vorläufig ging er von einer Frau zur anderen und kaufte von jeder für einen oder zwei Öre.

Dort unter den Bäumen stand der blinde Höyer, der eben mit neuen Liedern aus der Hauptstadt gekommen war; es wimmelte von Menschen um ihn herum. Er spielte die Melodie auf seiner Handharmonika, seine kleine, verblühte Frau sang vor, und die ganze Schar fiel vorsichtig ein. Wer die Melodie gelernt hatte, ging singend davon, und andere drängten sich an den Platz und erlegten fünf Öre.

Lasse und Pelle standen am äußersten Rande und lauschten. Es hatte keinen Zweck, Geld zu bezahlen, ehe man wußte, was für Waren man bekam; morgen waren die Lieder doch schon über die ganze Insel und gingen gratis von Mund zu Mund. – »Ein Mann von achtundachtzig Jahr – ein neues und erbauliches Lied, was davon handelt, wie es geht, wenn ein abfälliger Mann sich eine junge Frau nimmt!« rief Höyer mit heiserer Stimme, ehe der Gesang begann. Aus dem Lied machte sich Lasse nun gerade nicht sonderlich viel. Aber dann kam das schrecklich traurige Lied von dem Seemann George Semon, der so zärtlichen Abschied von seinem Mädchen nahm:

Und sagte, wenn ich hier wieder steh',
Ich fröhlich mit dir zur Kirche geh'.

Aber er kehrte nie zurück, denn der Sturm fiel fünfundvierzig Tage und Nächte über sie her, der Proviant war verzehrt, und der Schatz des Mädchens versank in die Nacht des Wahnsinns. Er zückte sein Messer gegen den Kapitän und verlangte nach Hause zu seiner Braut zu kommen. Der Kapitän schoß ihn nieder. Da stürzten sich die anderen über die Leiche, trugen sie in die Kombüse und kochten Suppe davon:

Doch die arme Braut im Heimatland,
Sie will nicht weichen vom Meeresstrand.
An den Altar will sie treten in seliger Lust –
Weiß nicht, daß der Liebste hat sterben gemußt.

»Das is hübsch«, sagte Lasse und wühlte in dem Geldbeutel nach einem Fünförestück. »Sieh zu, daß du das lernst – du hast ja Gehör für so was.« Sie pufften sich durch die Menge, ganz bis an den Spielmann heran, und fingen an, vorsichtig mitzusingen, rings um sie herum schluchzten die Mädchen.

Sie gingen zwischen den Zelten hin und her. Lasse war ein wenig rastlos. Da war eine ganz lange Straße von Tanzbuden, Zelten mit Gauklern und Panoramamännern, Schenkwirtschaften. Die Ausrufer standen da und schwitzten, die Schenkwirte gingen vor den Zeltöffnungen auf und nieder wie gierige Raubvögel. Noch war kein rechter Schwung in der Sache, die meisten Menschen waren noch draußen, ringsumher auf den Aussichtspunkten; oder sie amüsierten sich in aller Harmlosigkeit – mühten sich mit der Kraftprobe ab und glitten in den Gauklerzelten ein und aus. Da war kein Mann, der nicht ein weibliches Wesen im Gefolge gehabt hätte. Bei den Erfrischungszelten wollte manch einer gerne stehen bleiben, aber das Frauenzimmer zog ihn weiter; dann gähnte er und ließ sich nach einem Karussell schleppen, oder in das Panoramazelt, wo man die schönsten Bilder davon sah, wie der Krebs und andere Krankheiten im Innern des Menschen regieren.

»Dies sind so recht Sachen für Frauenzimmer, dies hier«, sagte Lasse und sandte aufs Geratewohl einen Seufzer nach Madam Olsen aus.

In Madwigs Karussell saß Gustav hoch zu Roß und hatte Bodil um die Taille gefaßt. »Hallo, Alter!« rief er, indem er vorübersauste und schlug Lasse seine Mütze, die die weiße Seite nach außen gekehrt hatte, um die Ohren. Sie strahlten wie der Tag und die Sonne, die beiden.

Pelle wollte gern mal Karussell fahren. »Denn will ich auch was haben, was mich rundherum dreht«, sagte Lasse und ging hin und bestellte sich eine Tasse Kaffee mit Branntwein. »Es gibt Leute, die können so aus einer Wirtschaft 'raus und in die andere 'rein gehen, ohne daß es ihrem Geldbeutel was anhat«, sagte er, als er herauskam. »Es könnt' ganz amüsant sein, das auch mal zu versuchen, bloß ein Jahr. – Pst!« Dort bei Max Alexanders »Grünem Haus« stand Karna ganz allein und sah sich sehnsüchtig um. Lasse zog Pelle in einem großen Bogen um das Haus herum.

»Da steht ja Madam Olsen bei einem fremden Mann!« sagte Pelle plötzlich.

»Wo?« Lasse zuckte zusammen. – Ja, da stand sie ja, in Begleitung eines Mannes! Und wie eifrig sie redete! Sie gingen an ihr vorüber, ohne sich aufzuhalten – da konnte sie ja selbst wählen.

»Herrjeneja! so wartet doch ein bißchen!« rief Madam Olsen und kam gerannt, so daß die Röcke ihr um die Beine schlugen; sie war rundlich und sanft wie immer und strotzte aus vielen Schichten guter, selbstgewebter Kleider – nichts an ihr war knapp.

Sie gingen zusammen aufwärts und redeten eine Weile von gleichgültigen Dingen. Hin und wieder wechselten sie einen Blick und sahen nach dem Jungen hin, der ihnen im Wege war. Sie mußten so vernünftig gehen und wagten nicht einmal, sich anzurühren – er litt nicht die geringste Tändelei.

Oben am Pavillon war es jetzt ganz schwarz von Menschen, man konnte kaum einen Schritt gehen, ohne auf Bekannte zu stoßen. »Das is noch schlimmer, als wenn die Bienen schwärmen,« sagte Lasse, »es hat keinen Zweck, sich da hineinzuwagen.« An einer Stelle führte die Bewegung hinaus, und ihr folgend, gelangten sie in ein Tal hinab, wo ein Mann stand und schrie und mit den Fäusten auf eine Rednertribüne schlug. Das war eine Missionsversammlung; die Zuhörer lagen in kleinen Gruppen hoch an den Abhängen hinangelagert, ein Mann in langem schwarzen Gewand ging still von Gruppe zu Gruppe und verkaufte kleine Schriften. Er war weiß im Gesicht und hatte einen dünnen, roten Bart, der tief herabfiel.

»Siehst du den da?« flüsterte Lasse und stieß Pelle an. »Herr du meines Lebens, das is ja der lange Ole – und einen Handschuh hat er auf der zerquetschten Hand. – Das is der, der die Sünde auf sich nehmen mußt', weil Per Olsen falsch geschworen hat«, wandte sich Lasse erklärend an Madam Olsen. »Er stand an der Maschine, damals als Per Olsen mit seinen drei Fingern bezahlen sollt', und da wurden es statt dessen seine. Er kann sich nu aber doch über den Irrtum freuen, denn sie sagen, er hat einen großen Stein im Brett bei den Heiligen. Und fein von Haut is er geworden wie ein Fräulein – das is was anderes als auf Steinhof Mist fahren. Es soll mir ein Pläsier sein, ihm mal wieder guten Tag zu sagen.«

Lasse war ganz stolz darauf, mit dem Manne zusammen gedient zu haben, er stellte sich vor den anderen auf und wollte Eindruck auf seine Freundin machen, indem er so recht derbe: »Guten Tag, du, Ole!« sagte. Der lange Ole war bei der nächsten Gruppe, nun kam er zu ihnen und wollte ihnen die Traktate hinhalten. Aber ein Blick auf Lasse veranlaßte ihn, Hände und Augen zurückzuziehen; er seufzte tief auf und ging gesenkten Hauptes zu der nächsten Gruppe.

»Habt ihr woll gesehen, wie er die Augen in 'n Kopf verdreht hat?« sagte Lasse spöttisch. »Wenn Dreck zu Ehren kommt, weiß es sich nicht zu gebärden! Er hatt' ja auch 'ne Uhr in der Tasche und lange Kleider an – früher hatt' er nich' mal 'n Hemd auf 'm Leibe. Und ein gottloser Kerl war er! Aber der Teufel sorgt für die Seinen, wie das Sprichwort sagt; und er wird ihm auch woll vorwärtsgeholfen haben, indem er die Plätze an der Maschine vertauschte. Da haben sie den lieben Gott wirklich angeführt, so daß ihm die Augen überliefen.«

Madam Olsen suchte Lasse zu beschwichtigen, aber der Kaffee mit Branntwein stieg zusammen mit dem Zorn in ihm auf. »Also er will ehrenhafte Leute nich' kennen, die das Ihre auf ehrliche Weise und nich' mit Schwindeleien erwerben! Sie sagen ja, daß er jetzt der Liebste von all' den Bauernfrauen is, wo er hinkommt, aber einmal hat er sich mit der Sau begnügen müssen.«

Die Leute fingen an, sich nach ihnen umzusehen, und Madam Olsen nahm Lasse sehr bestimmt beim Arm und zog mit ihm ab.

Die Sonne stand jetzt tief am Himmel. Oben auf dem Platz wimmelte es von Menschen, die rund herumtrampelten wie in einer Tretmühle; von Zeit zu Zeit kam ein betrunkener Mann gestürzt und bahnte sich einen breiten Weg durch die Volksmenge. Unten vom Zeltplatz her brodelte der Lärm herauf: Leierkasten, die ein jeder seine Melodie aborgelten, Ausrufer, die Orchester der Tanzböden und das taktfeste Stampfen eines Schottischen oder Rheinländers. Die Frauen gingen in Haufen und schlenderten auf und nieder, lange Blicke nach den Schankzelten hineinwerfend, wo ihre Mannsleute saßen; einige stellten sich an die Zeltöffnungen auf und machten lockende Zeichen hinein.

Ganz tief unter den Bäumen stand ein Knallbetrunkener und tastete an einem Baumstamm in die Höhe, neben ihm stand ein Mädchen und weinte in die schwarze Damastschürze hinein. Pelle betrachtete sie lange, die Kleider des Burschen waren in Unordnung, und er stürzte sich mit einem blöden Grinsen über das Mädchen, wenn sie weinend versuchte, seine Kleidung zu ordnen. Als Pelle sich umwandte, waren Lasse und Madam Olsen ihm im Gedränge entschwunden.

Sie waren wohl langsam voraufgegangen, und er ging hinab, die ganze Straße zu Ende. Dann kehrte er mißmutig um und begab sich auf den Platz zurück; er bohrte sich in den Strom hinein und wieder heraus und hatte seine Augen überall. »Habt ihr Vater Lasse nicht gesehen?« fragte er kläglich, wenn er Bekannte traf.

Mitten in dem dichtesten Schwarm ging ein großer Mann und deklamierte glückselig, die Stirn in den Wolken. Er war einen Kopf größer als die anderen und sehr breit, aber die Güte leuchtete ihm aus den Augen, er wollte alle umarmen. Sie wichen schreiend zur Seite, so daß ein breiter Weg entstand, wo er ging. Pelle hielt sich hinter ihm und drang durch die dichteste Menge hindurch; da drinnen standen Gerichtsdiener und Holzwärter, jeder auf dem ihm angewiesenen Posten, auf dicke Knüttel gestützt. Sie hielten Wache mit Augen und Ohren, mischten sich aber in nichts ein. Man sagte, sie hätten Handeisen in der Tasche.

Pelle war auf seiner verzweifelten Suche auf den Weg hinuntergekommen. Wagen auf Wagen arbeitete sich vorsichtig durch die Dunkelheit unter den Bäumen, dann rollten sie weiter in dem blendenden Abendlicht und bogen mit lautem Knallen auf die Landstraße ein. Das waren die »Heiligen«, die nach Hause fuhren.

Er überlegte, wie spät es wohl sein möge, und fragte einen Mann, wieviel die Uhr sei. Neun! Pelle mußte laufen, um nicht zu spät nach dem Wagen zu kommen. Auf dem Wagen saßen Karl Johan und die blonde Marie und aßen. »Komm herauf und iß auch!« sagten sie. Pelle hatte einen Heißhunger, er vergaß alles, während er aß. Aber dann fragte Karl Johan nach Lasse, und nun meldete sich die Qual von neuem.

Karl Johan war ärgerlich; auch nicht ein einziger hatte sich beim Wagen eingefunden, obwohl es die verabredete Zeit war.

»Jetzt is es am besten, wenn du dich in unserer Nähe hältst,« sagte er, als sie hinaufgingen, »sonst kannst du leicht totgeschlagen werden.«

Oben am Waldesrande kam Gustav gelaufen. »Hat keiner von euch Bodil gesehen?« fragte er keuchend. Seine Kleider waren aufgerissen und sein Vorhemd war mit Blut bedeckt. Er jagte stöhnend weiter und verschwand unter den Bäumen. Da drinnen war es ganz dunkel, aber der Platz lag in einem seltsamen Licht da, das nirgends herkam, sondern von dem fliehenden Tage hinterlassen zu sein schien. Die Gesichter fauchten gespensterhaft bleich auf da draußen im Licht – oder wirkten wie schwarze Löcher darin, um plötzlich hervorzubrechen, tiefrot vor Blutbrand.

Die Menschen taumelten umher in wirren Haufen, kreischend und lärmend. Verliebte Paare vergaßen sich im Gewimmel. Zwei Männer kamen gegangen, liebevoll hingen sie einander am Halse; plötzlich lagen sie am Boden und wälzten sich in einer Prügelei. Andere mischten sich dahinein und nahmen Partei, ohne sich um die Erklärungen zu kümmern.

Dann kam die Obrigkeit und schlug mit den Stöcken drein; wer nicht davonlief, ward gebunden und in einen leeren Stall geworfen.

Pelle war ganz krank und hielt sich dicht an Karl Johan, es durchzuckte ihn jedesmal, wenn sich eine Bande ihnen näherte. »Wo ist Vater Lasse?« sagte er kläglich. »Woll'n wir nich' hin und ihn suchen?«

»Ach, halt' den Mund!« rief der Großknecht, der dastand und sich anstrengte, seine Kameraden zu entdecken. Er war wütend über diese Nachlässigkeit. »So steh' doch nich' da und heul'! Lauf' lieber 'runter nach dem Wagen und sieh' zu, ob da wer gekommen is.«

Pelle mußte daran, so unheimlich es ihm war, sich unter die Bäume zu wagen. Das Laub hing lauschend still, aber von oben von dem Platz her ward der Lärm in Schauern hier hinabgetrieben, und in der Finsternis unter den Büschen rührte sich das Leben pusselnd und nahm Stimmen der Freude und des Weinens an. Plötzlich drang ein Kreischen durch den Wald und ließ ihn in die Knie sinken.

Karna saß hinten im Wagen und schlief, an den Vordersitz gelehnt stand Bengta und weinte: »Sie haben Anders eingesteckt«, schluchzte sie. »Er wurde wild, und da haben sie ihm Handeisen angelegt und ihn eingesteckt.« Sie ging mit Pelle zurück.

Lasse stand neben Karl Johan und der blonden Marie; er sah Pelle herausfordernd an, in seinen zusammengekniffenen Augen brannte eine kleine empörerische Flamme.

»Dann fehlen also nur noch Mons und die flotte Sara«, sagte Karl Johan und musterte sie.

»Aber Anders? du willst doch nich' ohne Anders wegfahren?« schluchzte Bengta.

»Mit Anders is nichts nich' zu machen«, sagte der Großknecht. »Der kommt woll mal von selbst wieder, wenn sie ihn loslassen.«

Sie erfuhren, daß Mons und die flotte Sara unten auf einem von den Tanzplätzen waren, und gingen da hinab. »Nu bleibt ihr hier«, sagte Karl Johan hart und ging hinein, um sich einen Überblick über die Tanzenden zu verschaffen. Da drinnen brannte das Blut wie tanzende Sonnen; die Gesichter glichen Feuerkugeln, die rote Kreise in dem blauen Nebel von Schweißausdünstungen und Staub zogen! Dung! Dung! Dung! Der Takt fiel dröhnend wie eine Faust am Jüngsten Gericht; und mitten in dem Raum stand ein Bursche und rang seine Jacke aus, so daß das Wasser plätscherte.

Aus einem der Tanzplätze stürzte ein großer Bursche mit zwei Mädchen heraus. Er hatte einen Arm um den Hals von einer jeden geschlungen, und sie falteten getreulich die Arme um seinen Rücken. Die Mütze saß ihm im Nacken, er war nahe daran, in die Luft aufzusteigen vor lauter Unbändigkeit, fühlte sich aber zu angenehm beschwert, um sich durch Sprünge zu betätigen; so sperrte er denn den Mund weit auf: »Hol' mich der Deubel! Hol' mich der Satan! Siebenhundert Teufel soll'n mich holen!« jubelte er, so daß es gellte, und zog mit seinen Mädchen ab unter die Bäume.

»Das war ja Per Olsen selbst!« sagte Lasse und sah ihm sehnsüchtig nach. »Is das ein Kerl! Der sieht wahrhaftig nich' aus, als wenn er dem lieben Gott gegenüber eine Schuld auf 'm Gewissen hätt'!«

»Sein Tag wird auch woll kommen«, meinte Karl Johan.

Durch einen reinen Zufall fanden sie Mons und die flotte Sara, die auf einer Bank unter den Bäumen saßen und in inniger Umarmung schliefen. »Na, denn woll'n wir man sehen, daß wir zu Hause kommen!« sagte Karl Johan langgezogen; er war so lange umhergegangen und war brav gewesen, daß er ganz trocken davon im Halse geworden war.

»Von euch spendiert woll keiner ein Abschiedsglas?«

»Das tu ich,« sagte Mons, »wenn ihr mit nach dem Pavillon 'rauf kommen und es trinken wollt.« Mons hatte was versäumt durch sein Schlafen und fühlte das Bedürfnis, noch einmal die Runde um den Platz zu machen. Jedesmal, wenn ihnen ein Geheul entgegendrang, sprang er an der Seite der flotten Sara in die Höhe und antwortete mit einem langen Jauchzer. Er versuchte sich loszureißen, aber sie hielt ihn fest am Arm; dann schwenkte er mit dem dicken Ende seines Kugelstockes und jauchzte herausfordernd. Lasse zappelte mit seinen alten Gliedern und versuchte, Mons' Jauchzer nachzuahmen, er hatte auch Lust zu allem anderen, als nach Hause zu fahren. Aber Karl Johan schlug auf den Tisch – jetzt sollte es vor sich gehen! Und Pelle und die Frauenzimmer standen ihm bei.

Draußen auf dem Platz veranlaßte ein Geschrei sie, stillzustehen. Die Frauenzimmer verkrochen sich jedes hinter seinen Mann. Ein Bursche kam barhäuptig gelaufen, aus einem großen Loch in der Schläfe floß das Blut über Gesicht und Kragen herab, seine Züge waren verzerrt vor Entsetzen. Hinter ihm drein kam ein anderer, ebenfalls barhäuptig und mit gezücktem Messer. Ein Waldhüter stellte sich ihm in den Weg, bekam aber sein Messer in die Schulter und fiel; der Verfolger lief weiter. Indem er an ihnen vorüberjagte, stieß Mons ein kurzes Geheul aus und sprang in die Luft empor; sein Kugelstock sauste dem anderen gerade in den Nacken, so daß er mit einem Seufzer zusammensank. Mons glitt hinter einige Gruppen und verschwand; unten am Rande des Waldes stand er und wartete auf die anderen. Er beantwortete das Geheul nicht mehr.

Karl Johan mußte die Pferde an den Köpfen führen, bis sie auf den Weg hinausgekommen waren, dann setzte man sich auf den Wagen. Hinter ihnen war der Lärm verschwunden, nur ein vereinzelter langer Hilferuf stieg in die Luft auf und fiel nieder.

Unten an dem kleinen Waldsee hatten sich einige vergessene Mädchen versammelt und spielten auf eigene Hand auf der Wiese. Der weiße Dampf lag über dem Gras gleich schimmerndem Wasser, und die Mädchen ragten mit dem Oberkörper daraus auf. Sie gingen im Rundkreis und sangen das Sommernachtslied. Rein und klar stieg der fröhliche Gesang auf und war doch so wunderlich traurig anzuhören – weil die, die sangen, von Saufbrüdern und Raufbolden im Stiche gelassen waren:

»Lasset uns tanzen über Berg und Tal,
Verschleißen die Schuh und die Socken zumal.
Hei hopp, mein süßes Herzelein!
Lasset uns tanzen bis zum Morgensonnenschein.
Hei hopp, du Holde!
Wir tanzen im Sonnengolde.«

Die Töne legten sich so sanft ins Ohr und auf den Sinn; Erinnerung und Gedanke mußten sich von allem säubern, was häßlich war, und den Tag selbst zu seinem Recht kommen lassen als der Festtag, der er war. Ein unvergleichlicher Tag war es nun für Lasse wie auch für Pelle gewesen – mit Vergeltung für die Zurücksetzung vieler Jahre. Schade, daß er vorbei war und nicht erst anfangen sollte.

Auf dem Wagen waren sie jetzt matt, sie nickten ein oder verhielten sich schweigend. Lasse saß da und wühlte mit der einen Hand in der Tasche. Er suchte sich einen Überblick zu verschaffen, wieviel Geld er übrigbehalten hatte. Es war kostbar, eine Braut freizuhalten, wenn man in keiner Beziehung vor der Jugend zurückstehen wollte. Pelle schlief und glitt tiefer und tiefer herunter, bis Bengta seinen Kopf in ihren Schoß nahm; sie selber saß da und weinte ihre bitteren Tränen über Anders.

Es dämmerte bereits stark, als sie auf Steinhof hineinrollten.


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