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VII

Pelle war am Sonnabendnachmittag mit dem Fegen der Straße beschäftigt. Es war gegen Abend, in den kleinen Häusern war schon Feuer auf dem Herd; man hörte es bei Maurer Rasmussen und dem schwedischen Anders prasseln, und der Geruch gebratener Heringe erfüllte die Straße. Die Frauen bereiteten etwas extra Gutes, um den Mann zu ködern, wenn er nun bald mit dem Wochenlohn nach Hause kam. Dann liefen sie zum Höker nach Schnaps und Bier, die Türen ließen sie weit offen hinter sich stehen – sie hatten gerade die halbe Minute, während der Hering auf der einen Seite fertig briet! So – Pelle schnüffelte ganz weit hinein – nun hatte sich Madam Rasmussen mit dem Höker fest geschwatzt! »Madam Rasmussen – Ihr Hering verbrennt!« kreischte eine Stimme, da kam sie herbeigestürzt und drehte beschämt den Kopf von Haus zu Haus, während sie über die Straße jagte und hinein. Der blaue Rauch sank zwischen die Häuser hinab, die Sonne fiel niedrig hinein und füllte die Straße mit Goldstaub.

Den ganzen Weg hinab waren sie beim Fegen: Bäcker Jörgen, die Waschfrau und Kontrolleurs Mädchen. Die schweren Maulbeerbäume beugten sich auf der anderen Seite der Straße über die Mauer herüber und reichten die letzten reifen Früchte dem hin, der sie pflücken wollte. Da drinnen hinter der Mauer ging wohl der reiche Kaufmann Hans und pusselte in seinem Garten – er, der sich mit dem Kindermädchen verheiratet hatte. Er kam nie heraus, und es ging das Gerücht, er werde von der Frau und ihrer Sippe eingesperrt gehalten. Aber Pelle hatte das Ohr an die Mauer gelehnt und eine lallende Greisenstimme immer dieselben Kosenamen wiederholen hören, so daß es klang wie eines jener Liebeslieder, die nie ein Ende nehmen, und wenn er in der Dämmerung aus seinem Dachfenster hinausschlich und auf den Dachrücken des Hauses kletterte, um einen Überblick über die Welt zu bekommen, sah er einen winzig kleinen, weißhaarigen Mann da unten gehen, den Arm um die Taille einer jüngeren Frau geschlungen. Sie glichen dahinwandelnder Jugend, und alle Augenblicke mußten sie stehen bleiben, um sich zu schnäbeln. Es gingen die unförmlichsten Sagen über Kaufmann Hans und sein Geld, über das Vermögen, das einstmals vorzeiten auf einen Brief Stecknadeln begründet wurde und so groß war, daß ein Fluch daran hängen mußte.

Aus dem Hause des Bäckers heraus kam Sören geschlichen, das fromme Gesangbuch in der Hand. Er floh gleich hinüber in den Schutz der Mauer und eilte von dannen; der alte Jörgen stand da und gluckste vor Lachen, während er ihm nachsah, die Hände um den Besen gefaltet.

»Herrjemine, is das 'ne Mannsperson!« rief er Jeppe zu, der hinter dem Fenster saß und sich in die Milchschüssel hineinrasierte. »Sieh mal bloß, wie er pustet – Nu muß er hin und Gott um Verzeihung bitten von wegen der Freierei.«

Jeppe kam am Fenster zum Vorschein und beschwichtigte ihn, man konnte Bruder Jörgens Fistel ja über die ganze Straße hören. »Hat er gefreit? Wie hast du ihn dazu bloß gekriegt, den Sprung zu wagen?« fragte er eifrig.

»Ach, das war, als wir beim Essen saßen – ich kriegt' meinen Melancholschen, weil ich an das mit dem kleinen Jörgen denken mußte. Da kommt, weiß Gott, nie ein kleiner Jörgen und verpflanzt deinen Namen weiter, sagt ich zu mir selbst, denn Sören is 'en Waschlappen, und andere hast du nich', auf die du bauen kannst! Und du kannst jeden Tag, den Gott werden läßt, mit der Nase in der Luft daliegen, und denn is das Ganze weggeblasen und umsonst. – Und all dergleichen, wie du ja weißt, daß ich denk', wenn diese Gedanken die Oberhand in mir haben. Ich saß da und sah mich bitterböse an Sören; ja, das tat ich; denn da sitzt ein prächtiges Stück Frauenzimmer ihm gerade gegenüber, und er sieht sie nich' mal. Und da auf einmal schlag ich mit der Hand auf den Tisch und sag: ›So, Sören, nu faßt du Marie bei der Hand und fragst sie, ob sie deine Frau werden will – denn nu will ich der Sache ein Ende machen und sehen, wo du zu gebrauchen bist!‹ Sören zuckte ja zusammen und hielt die Hand hin, und Marie, die is nich' uneben. ›Ja, das will ich!‹ sagt' sie und griff zu, eh er Zeit hatte, sich zu besinnen. Und nu machen wir bald Hochzeit.«

»Wenn da denn man Stiefel aus dem Leder werden«, meinte Jeppe.

»Ach, die hat Wärme – so wie sie gebaut is! Die wird ihn schon auftauen. Weiber, die verstehen es – er wird nich' im Bett frieren.« Der alte Jörgen lachte zufrieden und ging an seine Arbeit. »Ja, die können selbst den Toten Leben einblasen«, wiederholte er draußen auf der Straße. – – –

Die anderen flogen im feinsten Staat aus, aber Pelle hatte keine Lust. Er war nicht frohgelaunt in dieser Zeit. Seinen ständigen Beschluß zu zeigen, daß er sich selbst ordentlich halten konnte, hatte er nicht durchzuführen vermocht, das Bewußtsein seiner Niederlage saß in ihm und nagte. Und diese Löcher in den Strümpfen, die nun so groß waren, daß sie nicht mehr gestopft werden konnten, die machten sich an der Haut geltend auf eine ekelhafte Weise, so daß er Abscheu vor sich selbst empfand.

Nun zog die Jugend aus! Er sah das Meer in einem Ausschnitt unten am Ende der Straße, es lag in völliger Ruhe da und entlieh dem Sonnenuntergang die Farben. Dann ging der Zug nach dem Hafen oder nach den Seehügeln hin, man tanzte im Grünen, und vielleicht wurde ein Kampf um die Mädchen ausgefochten! Aber er wollte sich nicht wie ein räudiger Hund von der Schar weghöhnen lassen, er pfiff auf die ganze Gesellschaft!

Er warf die Schürze ab und ließ sich auf einem Bierfaß draußen vor der Pforte nieder. Da drüben auf der Bank saßen die alten Leute aus der Straße und rauchten ihre Pfeifen, sie plauderten über alles unter der Sonne. Jetzt läuteten die Glocken den Feierabend ein, und Madam Rasmussen prügelte ihr Kind und schimpfte im Takt. Plötzlich verstummte das Ganze, nur das Weinen des Kindes blieb wie ein sanfter Abendgesang zurück.

Jeppe erwähnte Malaga – »damals als ich auf Malaga fuhr!« aber Bäcker Jörgen litt noch unter seinen Entbehrungen und seufzte: »Ach ja, ach ja – wer nur in die Zukunft sehen könnt'.« Dann fing er auf einmal an von den Mormonen zu reden. »Es könnt' eigentlich ganz ulkig sein, mal zu versuchen, was die einem zu bieten haben«, sagte er.

»Ich hab' geglaubt, du wärst schon längst Mormone, Onkel Jörgen«, sagte Meister Andres. Der Alte lachte.

»Na, man hat ja in seiner Zeit so allerlei erlebt«, sagte er und sah in die Luft hinauf.

Oben in der Straße stand der Uhrmacher auf seiner Steintreppe, er wandte das Gesicht gerade aufwärts und schleuderte seine wahnsinnigen Rufe aus: »Die neue Zeit! Ich frage nach der neuen Zeit, o Gott Vater!« wiederholte er.

Zwei müde Hafenarbeiter gingen vorüber. »Er will die Armut aus der Welt schaffen und uns ein neues Leben schenken – das is es, womit seine Verrücktheit sich abmaracht«, sagte der eine mit einem stumpfen Lächeln.

»Denn hat er woll das Tausendjährige Reich in 'n Kopf?« meinte der andere.

»Nee, er bellt bloß den Mond an«, sagte der alte Jörgen hinter ihnen drein. »Wir kriegen gewiß einen Umschlag in der Witterung.«

»Es geht ihm augenblicklich nich' gut, dem Ärmsten!« sagte Bjerregrav fröstelnd. »Um diese Zeit des Jahres hat er seinen Verstand verloren.«

Eine innere Stimme spornte Pelle an: Sitz doch nicht da, die Hände im Schoß, geh hinauf und sieh deine Sachen nach! Aber er konnte sich nicht dazu zwingen – es war zu unüberwindlich geworden. Morgen riefen Manna und die anderen ihn, und er konnte nicht über den Zaun zu ihnen hinüberspringen; sie hatten angefangen, kritisch die Nase zu rümpfen. Er verstand das nur zu gut – ein Ausgestoßener war er geworden, ein Subjekt, das sich nicht einmal mehr ordentlich waschen mochte. Aber was nützte das; er konnte nicht fortfahren, mit dem Unüberwindlichen zu kämpfen! Niemand hatte ihn beizeiten gewarnt, und nun hatte ihn die Stadt eingesponnen und ihm selbst das übrige überlassen. Er hatte die Erlaubnis, sich das Leben abzuzappeln!

Kein Mensch hatte einen Gedanken für ihn! Wenn bei Meisters gewaschen wurde, kam die Madam nicht auf den Einfall, etwas von ihm mitzuwaschen, und Pelle war nicht derjenige, der sich meldete. Die Waschfrau war bedachtsamer – sie tat es doch, wenn sie etwas Wäsche von ihm einschmuggeln konnte, obwohl sie selber dadurch mehr Arbeit hatte. Nun, sie war ja selbst arm die andern konnten ihn nur ausnutzen! Hier in der Stadt hatte er nicht einen einzigen Menschen, der uneigennützig war und nur so viel an sein Wohl dachte, daß er sich die Mühe machte, seinen Mund zu öffnen, um ihm die Wahrheit zu sagen. Das war ein Gefühl, das seinen Mann wohl matt in den Knien machen konnte – selbst wenn er fünfzehn Jahre alt war und den Mut hatte, auf einen tollen Stier loszugehen! Mehr als alles andere war es die Verlassenheit, die seinen Widerstand untergrub. Er war hilflos allein unter diesen Menschen, ein Kind, das – wenn es nur seinen Nutzen tat – selbst dafür sorgen konnte, wie es mit alledem fertig wurde, was von allen Ecken und Enden hereinstürmte.

Er saß da und ließ den Kummer kommen und in sich hineingehen, wie er wollte, während er dem Leben um sich her mit halbem Ohr lauschte. Aber plötzlich fühlte er etwas in seiner Westentasche – Geld! Das machte ihn auf einmal gewaltig leicht, aber Pelle lief nicht, er schlich hinter die Pforte und zählte es. Anderthalb Kronen waren es! Er war gerade daran, es als Gabe von oben zu betrachten, als etwas, was ihm der liebe Gott in seiner großen Güte zugesteckt hatte – aber da fiel ihm ein, daß es ja das Geld des Meisters war. Er hatte es gestern für ein Paar Damenversohlungen bekommen und nicht daran gedacht, es abzuliefern, und der Meister hatte merkwürdigerweise ganz vergessen, danach zu fragen.

Pelle stand kopfüber draußen am Brunnen in einem Kübel und schrubbte sich, so daß das Blut brannte. Dann fuhr er in seine besten Kleider, er zog die Schuhe auf die nackten Füße, um das peinliche Gefühl der durchlöcherten Strümpfe zu vermeiden. Der Gummikragen wurde – zum letztenmal – an das bloße Hemd angeknüpft. Nach einer Weile stand er bei dem Kaufmann und betrachtete einige große Krawatten, die eben in den Handel gekommen waren und auf vier verschiedenen Seiten getragen werden konnten; sie verdeckten die ganze Brustöffnung, so daß man das Hemd nicht sah – nun hatte es ein Ende mit dem Verschmähtsein! Einen Augenblick lief er hin und her und sog die Luft ein; dann witterte er die Spur und rannte in sausendem Galopp nach den Seehügeln, wo die Jugend die Sommernacht hindurch spielte, die über dem bleichen Meer lag.


Es war ja nur ein Darlehn! Pelle hatte ein Paar Schuhe für einen Bäckerlehrling zu versohlen, der mit Nilen zusammen arbeitete; sobald die fertig waren, bezahlte er die Summe zurück. Er konnte das Geld in der Kammer des Meisters unter das Zuschneidebrett legen; dort würde der Meister es finden, es mit einem köstlichen Ausdruck angucken und sagen: Was zum Satan ist denn das? Dann würde er an die Wand pochen und Pelle einen langen Unsinn von seinen Zaubergaben vortratschen – und ihn aufgeräumt hinschicken, um eine halbe Flasche Portwein zu holen.

Das Geld für das Versohlen bekam er nun nicht; die Hälfte hatte er für Leder ausgegeben, und mit dem Rest hatte es lange Beine, denn der Bäckerjunge war ein armer Tropf. Aber er zweifelte nicht an seiner eigenen Redlichkeit – der Meister konnte seines Geldes so sicher sein, als stünde es auf der Bank. Noch ein paarmal vergaß er es, kleinere Beträge abzuliefern – wenn irgendein Bedürfnis unabweisbar über ihm schwebte. Es waren ja alles Darlehn – bis die goldene Zeit kam. Und die war nie fern.

Eines Tages kam er nach Hause. Der junge Meister stand in der Haustür und starrte zu den treibenden Wolken empor; er krallte die Hand vertraulich in Pelles Schulter: »Wie war doch die Sache, Kämmerers haben ja gestern die Schuhe nich' bezahlt?«

Pelle wurde dunkelrot, seine Hand fuhr in die Westentasche. »Ich hatte es vergessen«, sagte er leise.

»Na ja, ja!« Der Meister schüttelte ihn gutmütig – »nich' weil ich dir mißtraue. Aber der Ordnung halber!«.

Pelles Herz pochte ihm wild im Leibe; er war gerade im Begriff gewesen, das Geld für ein Paar Strümpfe auszugeben, jetzt eben auf dem Ausgang – was dann? Und des Meisters guter Glaube an ihn! Auf einmal zeigte sich ihm sein Treiben in seinem ganzen schändlichen Verrat; sein Inneres war daran, sich umzukrempeln, so aufgeregt war er. Bis zu diesem Augenblick hatte er durch alles hindurch das Gefühl seines eigenen Wertes gerettet, jetzt zerplatzte es; einen schlechteren Menschen als ihn gab es auf der ganzen Welt nicht mehr. In Zukunft konnte ihm ja kein Mensch mehr glauben, und er selbst konnte niemand mehr frei in die Augen sehen – falls er nicht sogleich zum Meister hinging und sich und seine Schande auf Gnade und Ungnade auslieferte. Eine andere Rettung gab es nicht, das wußte er.

Aber er war nicht sicher, daß der Meister die Sache vom großen Gesichtspunkt auffaßte und daß sich alles zum Guten wenden würde – das Märchen hatte er ja aufgegeben. Dann würde er ganz einfach weggejagt, vielleicht auf dem Rathaus gepeitscht, und es war aus mit ihm.

Pelle beschloß, es für sich zu behalten; viele Tage ging er umher und litt unter der eigenen Schlechtigkeit. Aber dann packte ihn die Not an der Kehle und drängte alles andere zur Seite; um sich das Notwendigste anzuschaffen, mußte er den gefährlichen Ausweg wählen, zu sagen, daß es angeschrieben werden solle, wenn ihm der Meister Geld für irgend etwas mitgegeben hatte.

Und eines Tages brach alles über ihm zusammen. Die andern waren nahe daran, das Haus auf den Kopf zu stellen, sie warfen seine Sachen aus der Kammer heraus und nannten ihn ein unreines Tier. Pelle weinte, er war fest überzeugt, daß er es nicht gewesen war, sondern Peter, der sich immer mit den dreckigsten Frauenzimmern abgab – aber er konnte sich kein Gehör verschaffen. Da lief er seiner Wege mit dem Vorsatz, nie wieder zu kommen.

Draußen auf den Seehügeln wurde er von Emil und Peter eingefangen, die der alte Jeppe nach ihm ausgesandt hatte. Er wollte nicht mit ihnen zurückgehen, da warfen sie ihn nieder und trugen ihn nach Hause – einer faßte am Kopf an, der andere an den Beinen. Die Leute kamen an die Türen und lachten und fragten, die beiden gaben ihre Erklärung, das war eine fürchterliche Schmach für Pelle.

Und dann wurde er krank. Er lag unter dem Ziegeldach und tobte im Fieber, dort hatten sie sein Bett hingeworfen. »Was, is er noch nich' auf?« sagte Jeppe erstaunt, wenn er in die Werkstatt hineinkam – »Na, er wird schon aufstehn, wenn er man erst hungrig wird.« Es war keine Sitte, kranken Lehrlingen Essen ans Bett zu bringen. Aber Pelle kam nicht herunter.

Eines Tages warf der junge Meister alle Bedenken über Bord und trug ihm Essen hinauf. »Du machst dich lächerlich,« höhnte Jeppe – »auf die Weise wirst du nie Leute halten können!« Und die Madame schimpfte. Aber Meister Andres pfiff, bis er außer Hörweite kam.

Der arme Pelle lag da und erging sich in Phantasien, sein kleiner Kopf konnte nicht so viel fassen; jetzt war der Rückschlag eingetreten, und er lag da und schwelgte in alledem, woran es ihm gebrach.

Der junge Meister saß viel oben bei ihm und wurde sich über vieles klar. Es war nicht seine Art, irgend etwas mit Nachdruck durchzusetzen, aber er erreichte es doch, daß für Pelle im Hause gewaschen werden sollte; und er sorgte dafür, daß nach Lasse geschickt wurde.


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