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XVI

Erik stand oben auf der Haupttreppe, mit hängenden Schultern, das Gesicht halb der Mauer zugewendet; dort stellte er sich jeden Morgen gegen vier Uhr auf; er stand da und wartete darauf, daß der Verwalter herabkommen sollte. Die Uhr war sechs, es hatte gerade angefangen zu dämmern.

Lasse und Pelle waren mit dem Ausmisten und der ersten Fütterung fertig, jetzt waren sie hungrig. Sie standen in der Tür zum Kuhstall und warteten darauf, daß die Essenglocke erschallen sollte; drüben in den Türen zum Pferdestall standen die Knechte und sahen ebenfalls sehnsüchtig aus. Als es eine Viertelstunde über die Zeit hinaus war, gingen sie auf den Keller zu, mit Karl Johan an der Spitze, Lasse und Pelle rückten ebenfalls aus und eilten nach der Gesindestube, Sehnsucht nach dem Essen leuchtete ihnen aus den Augen.

»Na, Erik, nu woll'n wir 'runter und essen!« rief Karl Johan im Vorübergehen; Erik kam aus der Ecke bei der Treppe heraus und töffelte hinter ihnen drein hinunter. Im Magen fehlte ihm offenbar nichts.

Schweigend aßen sie den Hering – das Essen stopfte ihnen vollständig den Mund. Als sie fertig waren, klopfte der Großknecht mit dem Messerstiel auf den Tisch, und Karna kam mit zwei Schüsseln voll Suppe und einem Stapel Schmalzbrot herein.

»Wo is Bodil heute?« fragte Gustav.

»Was weiß ich das? Ihr Bett stand heute Morgen unberührt«, antwortete Karna hochmütig.

»Das sind ausgestunkene Lügen, du Fettwanst!« sagte Gustav und schlug mit dem Löffel auf die Tischplatte.

»Du kannst ja selbst in die Kammer gehen und nachsehen – den Weg kennst du ja«, sagte Karna spöttisch.

»Und was is heute in den Wirtschaftslehrling gefahren, daß er nich' läutet?« sagte Karl Johan. »Hat keine von euch Mädchen ihn gesehen?«

»Nee, der verschläft woll die Zeit!« rief Bengta vom Brauhaus herüber. »Aber laßt ihn man – ich hab' keine Lust, jeden Morgen hinzugehen und Leben in ihn 'reinzurütteln.«

»Solltest du nich' lieber hingehen und ihn wecken, Gustav?« sagte Anders zwinkernd. »Am Ende sähest du was Amüsantes!«

Die anderen lachten ein wenig.

»Wenn ich ihn wecken soll, so geschieht es mit diesem Mäusekastrierer«, antwortete Gustav und zeigte ein großes Messer. »Denn, glaub ich, weiß Gott, ich nehme ihm seine Wirkemittel!«

Jetzt kam Kongstrup selbst herunter, er hielt ein Papier in der Hand und sah sehr munter aus. »Habt ihr schon die letzte Neuigkeit gehört, Leute? Hans Peter hat in nächtlichem Grauen und Finsternis Bodil entführt!«

»Herr Gott noch mal zu, fangen die Wickelkinder nu auch schon an?« rief Lasse unverfroren aus. »Ich muß woll auf Pelle acht geben, daß er nich' mit Karna durchbrennt – sie hält es ja mit der Jugend.« Lasse fühlte sich als Mann und war nicht bange, eine Bemerkung zu machen.

»Hans Peter ist fünfzehn Jahre alt,« sagte Kongstrup verweisend – »und in seinem Herzen rast die Leidenschaft.«

Er sagte das mit einem so drolligen Ernst, daß sie alle in ein Gelächter ausbrachen. Nur Gustav lachte nicht, er saß da und zwinkerte mit den Augen und wackelte mit dem Kopf wie ein Betrunkener.

»Hört selbst, was er schreibt – dies lag auf seinem Bett.« Kongstrup hielt ein Papier theatralisch vor sich hin:

 

»Wenn Sie dieses lesen, bin ich weit von hier; Bodil und ich haben beschlossen, diese Nacht zu entfliehen. Mein gestrenger Vater gibt nie seine Einwilligung zu unserer Verbindung, daher wollen wir das Glück unserer Liebe an einem verborgenen Ort genießen, wo uns niemand finden kann. Es ist ein großes Unrecht, nach uns zu suchen, denn dann haben wir beschlossen, lieber zu sterben als in die bösen Hände unserer Feinde zu fallen. Ich netze dies Papier mit meinen und Bodils Tränen. Aber Sie, Herr Kongstrup, dürfen mich nicht verdammen wegen meines letzten, verzweifelten Schrittes, denn ich kann nicht anders um meiner großen Liebe willen.

Hans Peter.«

 

»Der liest offenbar Geschichtenbücher, der Bengel!« sagte Karl Johan. »Der kann mal gut werden.«

»Ja, er kennt genau alles, was zu einer Entführung gehört«, entgegnete Kongstrup vergnügt. »Selbst eine Leiter hat er an das Fenster der Mägdekammer geschleppt – obwohl sie zur ebenen Erde liegt. Wenn er nur halb so gründlich in der Landwirtschaft wäre!«

»Was nu? Man muß sie woll suchen?« fragte der Großknecht.

»Ja, ich weiß nicht recht – es ist ja beinahe unrecht, ihr junges Glück zu stören. Sie kommen schon von selbst wieder, wenn sie erst hungrig sind. Was meinst du, Gustav? sollen wir eine Treibjagd anstellen?«

Gustav antwortete nicht; er stand kurz auf und ging nach seiner Kammer hinüber. Als die anderen dahinkamen, war er zu Bett gegangen.

Den ganzen Tag lag er und sagte weder Buh noch Bäh, wenn jemand zu ihm hereinkam. Darunter litt die Arbeit, und der Verwalter war wütend. Er war überhaupt nicht für die neue Methode, die Kongstrup im Begriff war einzuführen – Freiheit für einen jeden, zu sprechen und zu tun, wie es ihm beliebte.

»Geht hinein und holt Gustav aus dem Bett!« sagte er am Nachmittag, als sie in der Scheune mit dem Reinigen des Saatkorns beschäftigt waren. »Will er nicht im guten, so zieht ihn mit Gewalt an.«

Aber Kongstrup, der selbst dastand und das Gewicht in das Buch eintrug, legte sich ins Mittel. »Nein, wenn er krank ist, muß er auch Erlaubnis haben, liegen zu bleiben«, sagte er. »Aber es ist unsere Pflicht, etwas für seine Heilung zu tun.«

»Ein Senfpflaster«, schlug Mons vor und sah den Verwalter herausfordernd an.

Kongstrup rieb sich die Hände: »Ja, das ist ein guter Gedanke! Geh' du hinüber, Mons, und laß die Mädchen ein Senfpflaster anrühren, das wir ihm auf die Herzgrube legen können. Da hat ja das Leiden seinen Sitz.«

Als Mons mit dem Senfpflaster zurückkam, gingen sie in einer Prozession, mit dem Gutsbesitzer an der Spitze, hinüber, um es aufzulegen. Kongstrup sah sehr wohl den bösen Blick des Verwalters. Wieder eine Unterbrechung der Arbeit um eines Dummenjungenstreiches willen! sagten die Augen. Aber er hatte nun einmal Lust, sich ein wenig zu amüsieren, und die Arbeit wurde trotzdem wohl fertig.

Gustav hatte offenbar Lunte gerochen, denn als sie kamen, war er im Anzug. Dann ging er hin und verrichtete seine Arbeit, aber es war nicht möglich, ihm ein Lächeln zu entlocken. Er sah aus wie jemand, der mondsüchtig ist.

Ein paar Tage später rollte ein Wagen auf Steinhof vor. Auf dem Bock saß ein breitschultriger Bauer im Pelz. Hans Peter saß ganz eingehüllt neben ihm, und hinten auf dem Boden des Wagens lag die schöne Bodil auf ein wenig Stroh, zusammengekauert vor Kälte. Der Vater des Wirtschaftslehrlings brachte die beiden Flüchtlinge zurück, er hatte sie in einem Logis in der Stadt gefunden.

In Kongstrups Arbeitszimmer bekam Hans Peter seine Tracht Prügel, so daß man es hören konnte. Dann wurde er auf den Hof hinausgestoßen und ging dort brüllend und beschämt umher, bis er mit Pelle hinter dem Kuhstall zu spielen anfing.

Mit Bodil ging man strenger ins Gericht. Der fremde Bauer verlangte offenbar, daß sie sofort weg sollte; denn Kongstrup war ja im Grunde nicht hart. Sie mußte ihre Sachen packen und wurde am Nachmittag vom Hof heruntergefahren. Sie sah so sanft und gut aus wie immer, sie glich ganz einem Kinde des Himmelreichs, als sie davonfuhr – hätte man es nicht anders gewußt.

Am nächsten Morgen stand Gustavs Bett leer. Er war wie weggeweht – mit Kiste, Holzschuhen und allem.

Lasse betrachtete das Ganze mit dem nachsichtigen Lächeln eines Mannes – Kinderstreiche! Nun fehlte nur noch, daß Karna ihren dicken Körper eines Nachts durch das Kellerfenster klemmte, um ebenfalls wie ein Rauch zu verschwinden – auf der Jagd nach Gustav.

Dies geschah nun freilich nicht. Aber sie ward wieder mild in ihrem Sinn Lasse gegenüber, fragte nach seinen und Pelles Kleidern und wollte ihnen gern etwas zugute tun.

Lasse war nicht blind, er sah sehr wohl, wo das hinauswollte, und ein Gefühl der Macht überkam ihn. Jetzt waren da zwei, die er kriegen konnte, wann er nur wollte; wenn er nur die Hand ausstreckte, griffen die Frauenzimmer danach. Er ging jeden Tag in einem Festrausch umher, und es gab Tage, wo er so hoch war, daß es unbändig in ihm flüsterte, er solle doch zugreifen. Da war er sein lebelang so sittsam auf der Erde umhergegangen, hatte seine Pflicht getan und sein Leben in braver Anständigkeit gelebt! Warum sollte er nicht auch einmal hinten ausschlagen – und versuchen, durch die brennenden Reifen zu springen! Es lag eine lockende Kraftentfaltung darin.

Aber das Rechtschaffene in ihm siegte. Er hatte sich immer an die Eine gehalten, wie es die Heilige Schrift gebot, und dabei wollte er auch bleiben. Das andere war nur für die Großen – für Abraham, von dem Pelle angefangen hatte zu erzählen, und für Kongstrup. Pelle sollte auch lieber niemals Anlaß haben, seinem Vater nach der Richtung hin was nachzusagen; er wollte rein vor seinem Kinde dastehen und ihm in die Augen sehen können, ohne zu blinzeln. Und dann – ja, der Gedanke daran, wie die beiden Frauen es auffassen würden, wenn es herauskam, konnte, offengestanden, Lasse dazu bringen, mit seinen roten Augen zu zwinkern und den Kopf zu ducken.

Mitte März kam Frau Kongstrup unerwartet zurück. Ihr Mann hatte sich ganz gemütlich ohne sie eingerichtet, und sie kam ihm wohl ziemlich überraschend. Die blonde Marie wurde sofort in die Braustube hinuntergeschickt; wenn sie nicht ganz weggejagt wurde, so geschah das wohl, weil die Mägde knapp waren, seit man Bodil weggejagt hatte. Frau Kongstrup hatte eine junge Verwandte mitgebracht, die ihr Gesellschaft leisten und ihr im Hause zur Hand gehen sollte.

Es schien auch alles sehr gut zu gehen. Kongstrup hielt sich ans Haus und war solide. Die drei fuhren zusammen aus, und es war eine Lust zu sehen, wie sich Frau Kongstrup an seinen Arm hängte, wenn sie aus waren und dem jungen Mädchen die Umgebung des Gutes zeigten. Es war leicht zu sehen, warum sie zurückgekommen war – sie konnte nicht ohne ihn leben!

Aber Kongstrup schien nicht annähernd so froh darüber zu sein; er hatte seine Ausgelassenheit wieder an den Nagel gehängt und sich mehr zurückgezogen. Wenn er sich so im Freien bewegte, konnte es wohl so aussehen, als lauere ihm etwas Unsichtbares auf, vor dessen Überrumpelung er sich fürchtete.

Dies Unsichtbare streckte auch nach den anderen die Hände aus. Frau Kongstrup griff niemals strenge in irgend etwas ein, weder offen noch auf Umwegen; und doch fühlte man überall einen Druck. Man bewegte sich nicht mehr so frei über den Hof, sondern sah verstohlen zu den hohen Fenstern hinauf und eilte vorüber. Die Luft bekam wieder das Drückende, das unwillig und beengt und schlechter Laune machte.

Das Rätsel legte sich wieder schwer auf das Dach von Steinhof. Der Hof war seit Generationen die zeitliche Wohlfahrt oder das Unglück so vieler gewesen – er war darauf aufgebaut; dahin zogen noch immer die meisten Gedanken. Das Dunkle – der Schrecken, das Unheimliche, die unklaren Ahnungen, daß es Mächte gab, die Übles wollten – war so daran gewöhnt, den Weg einzuschlagen, als ginge es auf den Kirchhof.

Und nun zog es sich über dieser Frau zusammen, die einen so schweren Schatten hatte, daß sich alles erhellte, sobald sie sich entfernte. Ihr ewig jammerndes Auflehnen gegen das Unrecht, das ihr geschah, wirkte verfinsternd und zog all das Schwere mit sich. Sie kehrte nicht einmal zurück, um sich unter das zu beugen, was nun einmal nicht anders sein konnte – sondern um mit erneuter Stärke fortzufahren. Entbehren konnte sie ihn nicht, ebensowenig aber konnte sie ihm etwas Gutes bieten; sie glich den Wesen, die nur im Feuer leben und atmen können und doch jammern, wenn sie sich darin befinden. Sie wand sich in den Flammen und unterhielt sie doch – die blonde Marie war ihr Werk, und nun hatte sie die junge Verwandte ins Haus gebracht. So kam sie ihm entgegen, um dann das Haus über ihm mit ihrer Klage erzittern zu machen.

Eine solche Liebe war nicht Gottes Werk; böse Mächte hausten in ihr.


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