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III

Es war belebend mit all dem Sonnenschein, der den Raum von allen Seiten füllte, ohne von einer entsprechenden Hitze begleitet zu sein. Die Dämpfe des Frühlings waren aus der Luft weggeblasen, und der Wärmenebel des Sommers war noch nicht gekommen. Es lag nur Licht über den grünen Äckern und dem Meer da draußen, Licht, das die Linien der Landschaft klar in der blauen Luft abzeichnete und eine milde, angenehme Wärme ausatmete.

Es war an einem der ersten Tage des Juni, der erste richtige Sommertag. Und es war Sonntag.

Steinhof lag da und schwelgte in Sonne, überall durfte sie eindringen mit ihrem hellen, goldigen Schimmer; und wo sie nicht hingelangen konnte, da zitterten dunkle Farbentöne gleich einem heißen, verstohlenen Atem in den Tag hinaus, Luken- und Türöffnungen standen gleich verschleierten Augen mitten im Licht, und wo das Dach im Schatten lag, sog es wie Samt.

Oben im Wohnhause war es heute still, auch der Streit schien Sonntag zu feiern.

Der große Hofplatz war durch ein Staket mittendurch geteilt. Die untere Hälfte bestand hauptsächlich aus einer großen, dampfenden Mistgrube, mit Gangbrettern die Kreuz und die Quer und einigen umgestürzten Schubkarren ganz oben. Ein paar Schweine lagen im Dung vergraben und schliefen, bis mitten unter den Leib in Jauche; eine geschäftige Hühnerschar zerstreute eifrig die viereckigen Haufen Pferdedung von dem Ausmisten des letzten Morgens. Ein großer Hahn stand mitten in der Schar und leitete die Arbeit, er glich einem Verwalter.

Oben auf dem Hof war eine Schar weißer Tauben damit beschäftigt, Körner von dem reinen Pflaster aufzupicken. Vor dem offenen Wagentor ging ein Knecht hin und her und sah den Jagdwagen nach; ein anderer Knecht stand im Tor und putzte das Staatsgeschirr.

Der Knecht bei dem Wagen war in Hemdärmeln und frischgeschmierten Kniestiefeln; sein Körper war jung und elastisch und wählte bei der Arbeit hübsche Stellungen. Er hatte die Mütze ganz tief in den Nacken geschoben und pfiff gedämpft, während er die Räder innen und außen reinigte und verstohlene Blicke nach der Braustube hinübersandte. Da unten, unter dem Fenster, stand eine der Mägde und hielt Sonntagswäsche mit nackten Schultern und Armen, das Hemd bis unter die Brüste heruntergestreift.

Das dicke Milchmädchen Karna ging an ihm vorüber, nach der Pumpe hin, mit zwei großen Eimern. Als sie zurückkam, platschte sie einen Guß Wasser über seinen einen Stiefel, und er sah mit einem Fluch auf. Sie faßte es als Aufforderung auf, die Eimer niederzusetzen, wobei sie vorsichtig nach den Fenstern des Wohnhauses hinüberschielte.

»Du hast woll schlecht geschlafen, Gustav!« sagte sie und lachte schelmisch.

»Na, deine Schuld is das jedenfalls nich'«, entgegnete er kurz angebunden. »Kannst du mir heut meine Arbeitshosen flicken?«

»Nee! Ich flick' nich', wo 'ne andere streichelt!«

»Dann scher' dich wieder in deine Mutter 'rein! Da sind genug, die mir die lumpigen Flicken aufsetzen, wenn du nich' willst.« Er beugte sich wieder über seine Arbeit.

»Ich will mal sehen, ob ich Zeit hab'«, sagte das große Frauenzimmer höllisch zahm. »Aber ich hab' heut nachmittag so wie so alle Arbeit allein auf 'n Hals, all die andern woll'n aus!«

»Ja, ich seh', daß sich Bodil die Titzen wäscht«, er spie einen Strahl Kautabak nach dem Fenster des Brauhauses hinüber. »Sie soll woll zur Aushebung, sie macht es ja so gründlich.« Karna setzte eine mürrische Miene auf:

»Sie hat sich freigebeten, weil sie nach der Kirche wollt' – die und nach der Kirche gehen! Das bild mir einer ein! Nee, die will nach Schneiders in' Dorf; da trifft sie sich mit Malmberg – die sind aus einer Stadt. Daß sie sich nich' zu gut hält, sich mit 'n verheirateten Mann einzulassen.«

»Meinetwegen kann sie sich einlassen, mit wem sie will«, entgegnete Gustav und stieß das letzte Rad mit dem Fuß an seinen Platz; die große Karna stand da und sah ihn freundlich an. Aber da entdeckte sie ein Gesicht oben hinter den Gardinen und lief schleunigst mit ihren Eimern davon. Gustav spie verächtlich zwischen den Zähnen hinter ihr drein – sie war doch zu alt für seine siebzehn Jahre; vierzig mußte sie doch wohl wenigstens sein. Er warf noch einen langen Blick zu Bodil hinüber und ging dann mit Schmierdose und Schlüssel nach dem Wagentor hinüber.

Das hohe, weiße Wohnhaus, das das obere Ende des Hofes abschloß, war nicht mit den übrigen Gebäuden zusammengebaut, sondern hielt sich vornehm zurück, ein paar Enden Bretterzaun besorgten die Verbindung. Es hatte eine Mansarde nach beiden Seiten und ein hohes Kellergeschoß, in dem sich Gesindestube, Mägdestube, Braustube, Mangelstube und die großen Vorratsräume befanden; an der Mansarde nach dem Hof hinaus saß eine Uhr, die nicht ging. Pelle nannte das Gebäude Schloß und war nicht wenig stolz darauf, daß er Erlaubnis hatte, den Keller zu betreten. Die anderen Leute auf dem Hof hatten keine so schöne Bezeichnung dafür.

Er war der einzige, dessen Ehrfurcht vor dem Hauptgebäude mit keinem finsteren Zusatz vermischt war, auf die anderen wirkte es wie eine feindliche Schanze. Jeder, der über das Pflaster des oberen Hofes ging, schielte unwillkürlich zu den hohen verschleierten Fenstern hinauf, hinter denen man verstohlen alles hier draußen beobachten konnte. Es war ungefähr so, als wenn man eine Reihe Kanonenmündungen passierte – es machte unsicher in den Beinen; und niemand ging über das reine Pflaster hin, ohne dazu gezwungen zu sein. Dahingegen bewegten sie sich frei auf dem anderen Teil des Hofes, der vom Wohnhause ebensoleicht zu übersehen war.

Dort unten liefen ein paar von den jüngeren Knechten und spielten. Der eine hatte die Mütze des anderen erobert und lief damit, und es ging in wildester Jagd aus der einen Scheunentür heraus und zu der anderen hinein, den ganzen Hof herum, unter Keuchen und ausgelassenem Gelächter und abgebrochenen Ausrufen. Der Kettenhund kläffte vor Wonne und wälzte sich sinnverwirrt an seiner Kette herum, er wollte mitspielen. Oben am Staket wurde der Räuber eingeholt und zur Erde geworfen, aber es gelang ihm, die Mütze in die Luft zu schleudern, sie fiel gerade vor der hohen steinernen Treppe des Wohnhauses nieder.

»O, du hinterlistige Kreatur!« rief der Besitzer mit einer Stimme, die wie ein verzweifelter Vorwurf klang, indem er den anderen mit seinen Stiefelschnauzen bearbeitete, »o, du schändlicher Bengel!« Er hielt plötzlich inne und maß abschätzend die Entfernung. »Spendierst du 'n Pejel, wenn ich hingeh und die Mütze hol'?« fragte er flüsternd. Der andere nickte und richtete sich schnell auf, um zu sehen, wie die Sache ablaufen würde. »Schwörst du es mir zu? Drückst du dich auch hinterher nich'?« Er erhob die Hand beschwörend. Der Kamerad machte eine feierliche Bewegung über die Kehle hin, als wolle er sie durchschneiden; der Schwur war abgelegt. Der, der die Mütze verloren hatte, zog die Hosen in die Höhe und blieb eine Weile stehen und raffte sich zusammen, seine ganze Gestalt wurde straff vor Entschlossenheit. Er legte die Hände auf das Staket und sprang hinüber, ging gesenkten Kopfes und festen Schrittes über den Hof – er glich jemand, der alles auf eine Karte gesetzt hat. Als er die Mütze gefaßt hatte und den Rücken dem Hauptgebäude zuwandte, schnitt er seinem Kameraden auf dem unteren Hofplatz eine schreckliche Grimasse zu.

Da kam Bodil in ihrem feinsten Sonntagsstaat, ein schwarzseidenes Tuch um den Kopf und ein Gesangbuch in der Hand, aus dem Keller heraus. Herr du meines Lebens, wie war sie hübsch! Und tapfer – sie ging an dem Wohnhaus in seiner ganzen Länge vorüber und hinaus. Aber sie konnte wohl auch von dem Gutsbesitzer selbst geliebkost werden, sobald sie nur wollte.

Um den eigentlichen Hof herum lagen die vielen kleinen und großen Wirtschaftsgebäude: Kälber- und Schweinehaus, Gerätschaftsschuppen, Wagenremise, eine Schmiede, die nicht mehr benutzt wurde. Sie lagen da wie eine Menge Mysterien mit Luken, die zu pechschwarzen unterirdischen Rüben- und Kartoffelkellern führten, von wo aus man natürlich auf geheimen Gängen zu den sonderbarsten Stellen unter der Erde gelangen konnte – und mit anderen Luken, die zu dunklen Bodenräumen hinaufführten, wo die wunderbarsten Schätze in Form von altem Gerümpel aufbewahrt wurden.

Aber Pelle hatte leider nicht viel Zeit, dies alles zu durchforschen. Jeden Tag mußte er dem Vater bei der Pflege des Viehes helfen, und die Arbeit mit dem großen Bestand war nahe daran, ihre Kräfte zu übersteigen. Sobald er sich ein wenig verschnaufen wollte, waren die anderen gleich hinter ihm her. Er mußte Wasser für die Braumädchen tragen, dem Wirtschaftseleven die Stiefel schmieren und für die Knechte zum Kaufmann laufen, um Branntwein zu holen, oder Tabak, den sie in den Mund steckten. Da war genug, womit er hätte spielen können, aber niemand konnte es ertragen, ihn spielen zu sehen; immer pfiffen sie nach ihm wie nach einem Hund.

Er suchte sich Ersatz, indem er die Arbeit selbst zum Spiel umgestaltete, und das ließ sich in vielen Fällen machen. Die Kühe zu tränken, war zum Beispiel ergötzlicher als irgendein wirkliches Spiel, wenn der Vater draußen auf dem Hofe stand und pumpte und der Junge das Wasser nur von einer Krippe in die andere zu leiten brauchte. Er kam sich bei dieser Arbeit immer vor wie ein großer Ingenieur. Aber viele andere Arbeit war dafür auch wieder zu schwer, um amüsant zu sein.

In diesem Augenblick schlenderte der Junge draußen bei den Wirtschaftsgebäuden umher, wo niemand war, der ihn hätte hetzen können. Die Tür zum Kuhstall stand offen, und er konnte das anhaltende Kauen der Kühe hören, das hin und wieder von einem gemütlichen Schnaufen unterbrochen wurde oder von dem regelmäßigen Auf- und Niederscheuern der Kette, wenn sich eine Kuh den Hals an dem Pfahl scheuerte. Die Holzschuhe des Vaters klappten beruhigend aus und ein drinnen im Futtergang.

Aus den geöffneten Halbtüren der kleinen Ställe stieg ein warmer Dampf, der angenehm nach Kälbern und Schweinen roch. Bei den Schweinen herrschte ein unendlicher Fleiß; den ganzen langen Steig entlang war ein Knurpeln und Schmatzen, hin und wieder schlurfte eine Sau das Nasse mit den Mundwinkeln auf, oder blies bubbelnd mit dem Rüssel am Boden des Troges entlang, um die verfaulten Kartoffeln unter der Flüssigkeit zu finden. Hier und da zankten sich ein paar um den Trog und entsandten gellende Schreie. Aber die Kälber steckten ihre sabbelnden Mäuler durch die Türöffnungen, glotzten in das schöne Wetter hinaus und brüllten warm. Einer von den kleinen Kerlen sog die Luft drüben vom Kuhstall her auf eigene, umständliche Weise ein und verzerrte dann das Maul über das ganze Gesicht in einem törichten Grinsen – das war ein Stierkalb. Es legte das Kinn auf die Halbtür und versuchte hinüberzuspringen. Pelle jagte es wieder hinunter. Dann schlug es hinten aus, sah ihn von der Seite an und stand mit krummem Rücken da und stampfte auf den Boden wie ein Schaukelpferd. Die Sonne hatte es wirr gemacht.

Unten im Teich standen Enten und Gänse auf dem Kopf im Wasser und fochten mit den roten Beinen in der Luft. Und plötzlich konnte die ganze Entenschar einen Anfall von toller Sonnenfreude bekommen und schreiend von einem Ufer zum anderen flattern; das letzte Stück Weges rutschten sie auf dem Wasser und wackelten lächerlich mit dem Hintern.

Pelle hatte sich viel von diesen paar Stunden versprochen, die ihm ganz und gar gehörten, da ihm der Vater freigegeben hatte, bis die Mittagsarbeit anfing. Aber nun stand er da und wußte weder aus noch ein, der Reichtum überwältigte ihn. Ob es wohl amüsant war, auf zwei gekreuzten Wagenbrettern über den Teich zu fahren? – Da draußen lag gerade ein Mistwagen zum Abwaschen. Oder sollte er hineingehen und mit den kleinen Kälbern spielen oder mit dem alten Blasbalg in der Schmiede schießen? Wenn er das Luftloch mit nasser Erde füllte und tüchtig anzog, konnte es einen guten Schuß geben.

Pelle zuckte zusammen und suchte sich unsichtbar zu machen – der Herr selbst war um die Ecke gekommen und stand jetzt, die Hand über die Augen und spähte über das abfallende Land in das Meer hinaus. Als er Pelle erblickte, nickte er ausdruckslos und sagte: »Guten Tag, mein Junge, na, was machst du denn?« Er starrte noch immer hinaus und wußte wohl kaum, daß er das gesagt hatte, und fuchtelte dem Jungen mit dem Ende seines Stockes auf der Schulter herum – der Steinhöfer Bauer ging oft im Halbschlaf umher.

Aber Pelle empfand es als eine Liebkosung göttlicher Art und lief gleich in den Stall hinüber, um dem Vater zu erzählen, was ihm begegnet war. Er hatte ein erhebendes Gefühl in der Schulter, als habe er den Ritterschlag bekommen, er fühlte den Stock noch immer da. Eine berauschende Wärme strömte von der Stelle in seinen kleinen Körper hinaus und ließ ihm das Erlebnis zu Kopf steigen und blies ihn selber auf. Er erhob wahrhaftig die Flügel und stieg in die Luft hinauf in einer unklaren, schwindelnden Phantasie – etwas in der Richtung, daß ihn der Steinhöfer Bauer als Sohn annehmen würde.

Er kam schnell wieder auf die Beine, denn da drinnen im Stall lief er gerade in eine gründliche Sonntagswäsche hinein. Die Sonntagswäsche war das einzige Gewichtige, was er gegen das Dasein einzuwenden hatte; alles andere kam und wurde wieder vergessen, diese Wäsche aber meldete sich immer wieder von neuem. Er verabscheute sie und namentlich den Teil, der sich um das Inwendige von den Ohren drehte. Aber da half kein Bitten, Lasse stand parat mit einem Eimer kalten Wassers und einer Schale mit grüner Seife, und der Junge mußte sich entkleiden. Als wenn das Abscheuern nicht genüge, mußte er hinterher noch in ein reines Hemd kriechen – glücklicherweise nur jeden zweiten Sonntag. Hinterher, wenn man darauf zurücksah, war das ganze höchst angenehm – wie etwas, das überstanden war und fürs erste nicht wiederkehrte.

Pelle stand in der Stalltür nach dem Hofe hinaus und protzte mit zu Berge stehendem Haar und reinen Hemdsärmeln; die Hände hatte er in den Seitentaschen begraben. Gerade vor der Stirn bildete das Haar einen Wirbel, eine Locke, die Glück bedeuten soll; und das Gesicht, das sich in dem grellen Licht zusammenzog, war das putzigste Kunterbunt, wo nicht ein einziges Ding an seinem Platz war. Pelle bog die Waden nach hinten durch und stand da und wiegte sich leicht in den Beinen, so wie er es Gustav da oben an der Haupttreppe tun sah, wo er stand und die Zügel hielt und auf die Herrschaft wartete.

Jetzt kam Frau Kongstrup heraus und auch der Herr; ein Mädchen lief vorauf nach dem Wagen mit einem kleinen Tritt und half ihrer Herrin hinauf; der Gutsbesitzer blieb oben auf der Treppe stehen, bis sie Platz genommen hatte. Sie war schlecht zu Fuß. Aber was für ein Paar Augen ihr heute im Kopf saßen! Pelle beeilte sich, nach der anderen Seite hinüberzusehen, als sie das Gesicht dem Hofe zuwandte – die Leute munkelten davon, sie könne einen Menschen nur durch ihren Blick ins Unglück bringen, wenn sie es wollte. – Jetzt ließ Gustav den Hund los, der tanzte vor den Pferden her und kläffte, als sie vom Hof herunterfuhren.

So schien die Sonne doch nicht an einem Alltag. Es blendete, wenn die weißen Tauben in vereinten Scharen über den Hof flogen und ihre Haken so regelmäßig schlugen, als drehe sich ein großes weißes Laken im Sonnenschein herum; der Schimmer von ihren Flügeln huschte blitzschnell über den Dunghaufen und veranlaßte die Schweine, mit einem fragenden Grunzen den Kopf zu erheben. Drüben in den Kammern saßen die Knechte und spielten »Sechsundsechzig« oder beschlugen ihre Holzschuhe, Gustav fing an, auf seiner Handharmonika zu spielen: »Als Noah aus der Arche kam, als Noah aus der Arche kam –«

Pelle schlenderte vorsichtig auf den oberen Hofplatz nach der großen Hundehütte hinüber, die man nach dem Winde drehen konnte; er setzte sich auf den Rand des Daches und fuhr Karussel, indem er jedesmal, wenn er an dem Staket vorüberkam, mit den Füßen abstieß. Auf einmal kam ihm der Gedanke, daß er selbst aller Hund sei und sich am liebsten verkriechen müsse. Er ließ sich hinabfallen und kroch in die Hundehütte und legte sich rund in das Stroh hin, den Kopf zwischen die Vorderpfoten. Da lag er eine Weile und starrte auf das Staket hinaus und ließ die Zunge, nach Luft schnappend, aus dem Munde hängen. Da hatte er plötzlich einen Einfall, der ihn überkam wie ein Niesen und ihn alle Vorsicht vergessen machte. Im nächsten Augenblick war er im vollen Gange, von dem Treppengeländer des Haupthauses herunterzurutschen.

Er hatte schon siebzehnmal gerutscht und war ganz davon in Anspruch genommen, es bis auf fünfzigmal zu bringen, als er ein scharfes Pfeifen drüben von dem großen Wagentor her vernahm. Dort stand der Landwirtschaftseleve und winkte ihm zu. Pelle schlenderte wie ein begossener Pudel dahin, er bereute bitter seine Gedankenlosigkeit. Nun sollte er wohl wieder Transtiefel schmieren, vielleicht für sie alle zusammen.

Der Eleve zog ihn in das Tor hinein und schob es zu. Es war dunkel. Der Junge, der aus dem grellen Tageslicht kam, konnte im Anfang nichts unterscheiden, und das, was er allmählich unterschied, nahm unheimliche Umrisse an in seiner eingeschüchterten Phantasie. Stimmen lachten und brummten undeutlich vor seinen Ohren, und einige Hunde, die ihm schrecklich groß erschienen, tummelten um ihn herum. Ein unheimliches Entsetzen beschlich ihn, begleitet von verrückten, springenden Vorstellungen von Räubern und Mord, und er fing an, laut vor Angst zu schreien. Eine mächtige, grobe Hand legte sich ihm über das ganze Gesicht, und in der Stille, die auf seinen erstickten Schrei folgte, hörte er draußen im Hof eine Stimme den Mädchen zurufen, sie sollten kommen und etwas Ergötzliches sehen.

Er war zu sehr vom Schrecken gelähmt, um zu fassen, was mit ihm geschah, und wunderte sich nur schwach darüber, was da draußen im Sonnenschein wohl so Ergötzliches sein könne. Ob er wohl jemals die Sonne wiedersehen würde?

Als Antwort auf seinen Gedanken wurde der Torweg auf einmal aufgerissen. Das Licht strömte herein, er kannte die Gesichter um sich her und stand da selbst mit nacktem Leibe mitten im Sonnenlicht, die Hosen auf die Fersen herabgezogen, das Hemd unter der Weste in die Höhe geschoben. Neben ihm stand der Eleve mit einer Fahrpeitsche und schlug nach seinem nackten Leibe.

»Vorwärts!« rief eine befehlende Stimme, und sinnlos vor Schrecken und Verwirrung sprang Pelle auf den Hof hinaus. Da draußen standen die Mägde, sie lachten und kreischten bei seinem Anblick, er wandte sich und wollte wieder in den Torweg hineinfliehen. Aber die Peitsche traf ihn, und er mußte wieder hinaus in das Tageslicht, er hüpfte wie ein Känguruh und rief neuen Jubel hervor. Da draußen stand er still, stellte sich aufrecht hin und weinte hilflos, während rohe Bemerkungen auf ihn herabhagelten, namentlich von seiten der Mägde. Er kehrte sich nicht mehr an die Peitsche, sondern kroch nur zusammen, um sich zu verbergen, bis er als krampfhaft schluchzender Klumpen auf dem Steinpflaster niedersank.

Die starkknochige Karna kam aus dem Keller gestürzt und drängte sich scheltend vor. Sie war dunkelrot vor Zorn, auf ihrem sommersprossigen Hals und den dicken Armen saßen braune Klatsche von den Kuhschwänzen vom letzten Melken her, sie glichen plumpen Tätowierungen. Sie schleuderte ihren Pantoffel dem langen Eleven gerade ins Gesicht, hüllte Pelle in ihre Schürze aus Sackleinen und trug ihn in den Keller hinab.

Als Lasse hörte, was dem Jungen zugestoßen war, nahm er einen Hammer und lief umher, um den Landwirtschaftseleven totzuschlagen. Der alte Mann blickte so aus den Augen, daß niemand es wagte, sich ihm in den Weg zu stellen. Der Eleve hatte es indessen am geratensten gehalten, zu verschwinden; und da Lasse keinen Ablauf für seinen Zorn fand, überfiel ihn ein zitterndes Weinen und ein Frostschauer. Er wurde ganz krank, so daß die Knechte ihm mit einem gehörigen Schluck Branntwein aufhelfen mußten. Das heilte mit einem Schlag das kalte Fieber, und Lasse kam wieder zu sich und konnte dem eingeschüchterten, schluchzenden Pelle ermunternd zunicken.

»Nur immer ruhig, Junge,« sagte er tröstend, »nur ruhig, du! Noch niemals is ein Mensch seiner Strafe entgangen, und Lasse will dem langen Halbsatan den Schädel spalten, so daß ihm das Gehirn aus der Schnauze 'rausspritzt, verlaß dich darauf!«

Bei der Aussicht auf diese kräftige Bestrafung seines Peinigers klärte sich Pelles Gesicht auf, und er kroch auf den Heuboden hinauf, um Heu für das Mittagessen der Kühe hinunterzuwerfen. Lasse, der nicht so gern hinaufkriechen mochte, ging in den Futtergängen umher und verteilte das Heu. Während er so ging, arbeitete es in ihm, Pelle hörte ihn fortwährend laut vor sich hinreden. Als sie fertig waren, ging Lasse nach der grünen Kiste und holte ein schwarzes seidenes Tuch heraus, das Mutter Bengtas Staatstuch gewesen war; er sah so feierlich aus, als er Pelle heranrief:

»Pelle, lauf damit zu Karna hinüber und bitte sie, daß sie es nich' verschmäht! Denn so arm sind wir auch nich', daß wir die Güte mit leeren Händen gehen lassen. Aber du mußt es keinen Menschen sehen lassen, damit sie nich' neidisch werden. Mutter Bengta wird es sicher nich' übelnehmen in ihrem Grab; sie hätt' es selbst vorgeschlagen – wenn sie sprechen könnt'. Aber nu hat sie ja Erde im Mund, die Ärmste!« Lasse seufzte tief.

Er stand noch eine Weile da und wog das Tuch in der Hand, ehe er es Pelle gab, der damit weglief. Aber er war gar nicht so sicher in bezug auf Bengta, wie seine Worte klangen, der alte Mann wollte gern ihr Andenken sich selbst und dem Jungen gegenüber beschönigen. Es ließ sich wohl nicht leugnen, daß sie sich in einem Falle wie diesem widersetzt haben würde, eifersüchtig wie sie war; und am Ende kam sie noch auf den Einfall, wegen dieses Tuches zu spuken. Aber Herz hatte sie doch gehabt, für ihn wie auch für den Jungen, und gewöhnlich saß es auch, wo es sitzen sollte – das mußt' man ihr lassen. Dann mußte Gott der Herr so milde richten, wie er konnte.

 

Am Nachmittag war es still auf dem Hofe. Die Leute waren fast alle aus, wo sie nun auch sein mochten – wohl nach dem Krug oder bei den Steinhauern im Steinbruch. Auch die Herrschaft war aus, gleich nach Tische ließ der Gutsbesitzer anspannen und nach der Stadt fahren, und eine halbe Stunde später rollte seine Frau im Ponywagen hinter ihm her – sie mußte auf ihn aufpassen, sagten die Leute.

Der alte Lasse saß oben in einem leeren Stand und flickte Pelles Kleider, der Junge lief im Futtergang umher und spielte. Er hatte einen alten Stiefelknecht in der Kuhhirtenkammer gefunden, den klemmte er unters Knie und tat so, als ginge er auf einem hölzernen Bein. Währenddem plauderte er sorglos mit dem Vater. Aber er war doch nicht so laut wie sonst, das Erlebnis vom Vormittag saß ihm noch in den Knochen und wirkte dämpfend; es saß da im Grunde als Heldentat, die er ausgeführt hatte und über die er jetzt beschämt war. Noch ein anderer Umstand stimmte ihn feierlich – der Verwalter war dagewesen und hatte gesagt, die Kühe sollten am nächsten Tage hinaus. Pelle sollte das Jungvieh hüten, und dies war also der letzte freie Tag, vielleicht diesen ganzen Sommer.

Er blieb vor dem Vater stehen: »Womit schlägst du ihn tot, Vater?«

»Mit dem Hammer, sollt' ich meinen.«

»Schlägst du ihn ganz mausetot – so tot wie einen Hund?«

Lasse nickte unheilverkündend: »Ja, mausetot!«

»Aber wer soll uns denn die Namen vorlesen?«

Der Alte schüttelte bedenklich den Kopf. »Da hast du mal 'n wahres Wort gesagt!« rief er aus und kraute sich erst an einer Stelle, dann an einer anderen. Jede Kuh hatte ihren Namen mit Kreide über ihrem Stand angeschrieben, aber keiner von ihnen konnte lesen. Der Verwalter hatte freilich die Namen einmal mit ihnen durchgenommen; aber es war unmöglich, die fünfzig Namen von dem einen Male zu behalten – nicht mal der Junge konnte das, und der hatte doch sonst ein so verteufelt gutes Gedächtnis. Wenn nun Lasse den Eleven totschlug, ja, wer sollte ihnen dann wohl helfen, die Namen zu deuten? Es ging woll nich' an, daß man zu dem Verwalter ging und ihn noch mal fragte!

»Ja, denn müssen wir es woll dabei bewenden lassen, daß wir ihn tüchtig durchpeitschen.«

Der Junge spielte eine Weile, dann kam er wieder zu Lasse:

»Glaubst du nich' auch, daß die Schweden alle Leute in der Welt prügeln können, Vater?«

Der Alte sah bedenklich aus: »Ja – hm, das mag woll sein!«

»Ja, denn Schweden is viel größer als die ganze Welt, das is es, du!«

»Ja, groß is es«, sagte Lasse und machte einen Versuch, sich seine Ausdehnung vorzustellen. Da waren vierundzwanzig Lehn, davon war Malmöhus nur eins und der Ystader Bezirk wiederum ein kleiner Teil davon. In der einen Ecke des Ystader Bezirks aber lag Tommelilla, und ein mächtig kleiner Teil von Tommelilla war sein Torp, das ihm einstmals so gewaltig vorgekommen war mit seinen vier Morgen Land! Ach ja – Schweden war groß – nicht größer als die ganze Welt, natürlich, denn das war ja nur Kinderschnack, aber doch größer als die ganze übrige Welt zusammen. »Ja, groß is es! – Aber was machst du da, Junge?«

»Ich bin ja ein Krieger, dem sie das eine Bein abgeschossen haben, das siehst du doch!«

»Ach so, du bist Invalide. Aber das mußt du nich' tun, denn so was mag der liebe Gott nich'; du könntst leicht ein richtiger Krüppel werden, und das wär' doch ein Jammer!«

»Ach, er sieht es ja nich', denn heut is er in all den Kirchen!« entgegnete der Junge, war aber doch vorsichtig genug, innezuhalten.

Er stellte sich in die Stalltür und pfiff, kam aber plötzlich in großem Eifer herbeigestürzt: »Vater, nu is die Landwirtschaft da, soll ich schnell die Peitsche holen?«

»Na, wir müssen es wohl lieber nachlassen. Er könnt' uns unter den Händen tot bleiben, so 'n feines Jux hält nich', wenn man da auf losprügelt. Er könnt' allein vor Schrecken sterben.«

Lasse schielte bedenklich zu dem Jungen hinüber.

Pelle sah sehr enttäuscht aus: »Und wenn er es nu wieder tut?«

»Ah, ohne den Schrecken kommt er nich' davon ab. Ich will ihn mit steife Arme aufheben und in die Höh heben, so daß er in der Luft hängt und baumelt und jämmerlich um sein liebes Leben bittet; und denn will ich ihn ebenso ruhig wieder an den Erdboden setzen. Denn Lasse kann nich' böse sein, Lasse is 'n gutmütiges Schaf.«

»Denn sollst du so tun, als wenn du ihn fall'n läßt, wenn du ihn ganz hoch in die Luft hebst. Denn schreit er gewiß und denkt, daß er sterben muß, und die andern kommen und lachen ihn aus.«

»Nee, nee, du mußt deinen Vater nich' in Versuchung führen! Denn könnt' ich am End' in Versuchung kommen und ihn fallen lassen, und das is Mord, und da auf steht lebenslängliches Zuchthaus! Nee, ich muß ihn lieber gehörig ausschelten, das ärgert solchen feinen Halunken am meisten.«

»Ja, und denn mußt du ihn einen dünnschenkeligen Klütenperrer nennen, das tut der Verwalter, wenn er böse auf ihn is.«

»Nee, du, das geht auch wohl nich'. Aber ich will schon ein ernstes Wort mit ihm reden, das er nich' so bald wieder vergißt.«

Pelle war befriedigt. So war doch keiner wie der Vater – auch nicht, wo es sich darum handelte, eine Donnerrede zu halten, natürlich. Er hatte das noch nie gehört und freute sich mächtig darauf, während er mit dem Stiefelknecht umherging. Er benutzte ihn nicht mehr als hölzernes Bein, um nicht Gottes Strafgericht heraufzubeschwören, sondern hielt ihn unter der Achselhöhle wie eine Krücke und stützte ihn auf die Kante der Sockelmauer, denn sonst war er zu kurz. Wer doch auf zwei Krücken ging, wie des Pfarrers Sohn daheim in Schweden, der konnte über die längsten Pfützen hinwegspringen!

Licht und Schatten wurden plötzlich lebhaft unter der Decke, und als Pelle sich umwandte, stand da ein fremder Junge in der Tür nach dem Felde hinaus. Er war ebenso groß wie Pelle, aber der Kopf war fast wie der eines erwachsenen Mannes. Im ersten Augenblick sah es so aus, als sei er kahl über den ganzen Kopf; aber dann drehte er sich in der Sonne, und der bloße Kopf schimmerte, als sei er aus lauter Silberschuppen. Er war mit dünnem, weißlichem Haar bedeckt, das ganz kurz und ziemlich gleichmäßig über das Gesicht und das Ganze verteilt war. Die Haut war rosig und das Weiße im Auge auch. Das Gesicht wand sich unter dem Einfluß des Lichts und war mit alten Runzeln bedeckt; der Hinterkopf ragte stark hervor und sah aus, als sei er viel zu schwer.

Pelle steckte die Hände in die Seitentaschen und ging auf ihn zu.

»Wie heißt du?« fragte er und flitzte einen Strahl Spucke zwischen den Vorderzähnen hindurch, wie er es von Gustav gesehen hatte. Das Kunststück mißlang leider, die Spucke flog nicht hinaus, sondern lief ihm am Kinn herunter. Der fremde Junge grinste.

»Rud«, sagte er verschleiert, seine Zunge war ein bißchen dick und nicht gut zu regieren. Neidisch starrte er Pelles Seitentaschen an. »Is das dein Vater?« fragte er und zeigte auf Lasse.

»Das is doch woll klar!« sagte Pelle wichtig – »und er kann alle Menschen prügeln.«

»Aber mein Vater kann alle Menschen kaufen, denn er wohnt da oben.« Rud zeigte in der Richtung nach dem Wohnhaus hinüber.

»So–o, kann er das?« sagte Pelle ungläubig. »Warum wohnst du denn nich' auch da?«

»Ich bin ja ein Hurenjung' – das sagt Mutter selbst.«

»Zum Teufel auch, sagt sie das!« Pelle schielte zum Vater hinüber wegen des kleinen Fluches.

»Ja, wenn sie wütend is – und denn haut sie mich. Aber denn reiß ich ihr aus.«

»So–o, tust du das?« fiel eine Stimme von außen her ein; die Jungen zuckten zusammen und zogen sich tiefer in den Stall zurück. Eine große, fette Frauensperson kam in der Stalltür zum Vorschein und jagte ihre wütenden Augen in das Halbdunkel hinein; als sie Rud erblickte, schimpfte sie weiter; ihr Tonfall war schwedisch:

»Also du reißt aus – du Weißkohlkopf – so? Wenn du denn doch man gleich so weit laufen wolltst, daß du nich' wieder zurückfinden könntst, dann wär' man doch von dir ab und braucht' sich nicht die Pust auszudreschen auf so 'ne greuliche Kretur! In die Höll' kommst du, weiß Gott, doch, da brauchst du nich' über zu weinen! – – Denn sind Sie wohl den Jung' sein Vater?« unterbrach sie sich selbst, als sie Lasse erblickte.

»Ja, das wird woll so sein,« antwortete Lasse ruhig, »und Sie sollten woll nich' den Schullehrer Johann Pihl seine Johanne aus Tommelilla sein – die vor bald zwanzig Jahr weggereist is?«

»Und das sollt' woll nich' dem Schmied sein Kater aus Sulitjelma sein, der das vorvorige Jahr Zwillinge und einen alten Holzschuh gekriegt hat?« fragte die große Frauensperson, ihn nachäffend.

»Naja, Sie könn'n meinetwegen sein, wer Sie woll'n«, sagte Lasse gekränkt. »Ich bin kein Polizeispion.«

»Glauben sollt' man es, von wegen Sie 'n Verhör anstell'n. Wissen Sie, wenn die Kühe 'raussoll'n?«

»Morgen, wenn alles gut geht. Ihr Jung' da soll Pelle am Ende den Kram zeigen? Der Verwalter sagte von einem, der mit 'raus soll und den Weideplatz zeigen.«

»Ja, das soll der da, Sören Dreckhas – komm her und laß dich ordentlich angucken, du Füllenfuß! Na, der Jung' is weg – ja, ja, ja, ja. – Kriegt Euer Jung' viele Prügel?«

»Hm, ja, ab und zu kriegt er ja mal welche«, antwortete Lasse, der sich schämte, einzugestehen, daß er den Jungen niemals strafte.

»Ich bin auch nich' bang davor! Da gehört was zu, wenn ein Mensch aus dem zusammengekratzten Lumpenkram werden soll. – Prügel is das halbe Leben. – Na, denn jag' ich den Windhund morgen früh hier 'rauf – aber passen Sie gut auf, daß ihn keiner auf 'n Hof zu sehen kriegt, denn is nämlich der Teufel los.«

»Die Frau kann ihn wohl nich' sehen, denk ich mir?« sagte Lasse.

»Nee, bewahre – sie hat ja auch nichts nich' dazu getan, das halbverrückte Postühr. Gott mag wissen, viel Grund, andere Leute zu beneiden, is da nich' hier in 'ner Welt. Aber ich hätt' heut und diesen Tag Bauerfrau sein könn'n, und 'n netten Mann hätt' ich auch noch dazu gehabt, wenn nich' der stolze Heinrich da oben mir nachgestellt hält'. Willst du das woll glauben, du altes, zerrissenes Oberleder?« Sie klatschte ihn mit der Hand auf die Hüfte und lachte.

»Das will ich gern glauben«, sagte Lasse. »Denn du warst das schönste Mädchen damals, als du von Hause weggingst.«

»Ach was – du mit deinem von Hause weg«, äffte sie ihm nach.

»Na ja, ich kann natürlich sehen und auch verstehen, daß du am liebsten die Fußspuren hinter dir auswischen willst. Und ich kann auch gern fremd tun, wo ich dich noch mehr als einmal auf meinem Schoß gehabt hab', als du noch 'ne kleine Dirn warst. – Aber weißt du wohl, daß deine Mutter in' Sterben liegt?«

»Ach nee! Ach nee!« rief sie aus und sah ihn mit einem Gesicht an, das sich mehr und mehr verzerrte.

»Ich sagt' ihr ja Adjö, eh ich nu vor gut 'n Monat von Hause wegging – sie war sehr elendig. Adjö, Lasse, – sagt' sie – und ich dank' dir auch für die gute Nachbarschaft all die Jahre. Und wenn du Johanne da triffst, denn grüß sie, – sagt' sie. Sie is ja ganz schrecklich 'runtergekommen, nach allem, was ich gehört hab' – aber grüß sie darum doch von ihre Mutter. Die kleine Johanne, mein Kind! sie war ihrer Mutter Herzen am nächsten, darum hat sie auch da auf getreten! Am Ende waren wir selbst schuld daran. Willst du ihr das von ihrer Mutter sagen, Lasse! Das waren die Worte, die sie sagte – und nu is sie gewiß tot, so elendig, wie sie war.«

Johanne Pihl hatte die Gewalt über sich verloren. Es war offenbar nicht ihre Gewohnheit zu weinen, so wie es in ihr zerrte und riß. Tränen kamen nicht, und sie quälte sich, als erdulde sie Geburtswehen. »Mutter, liebe, liebe Mutter!« sagte sie einmal über das andere und saß da auf dem Krippenrand und wiegte sich hin und her.

»So, so, so!« sagte Lasse und streichelte ihr den Kopf. »Ich hab' ja immer gesagt, sie wären zu hart gegen dich gewesen. Aber wozu brauchtest du auch in das Fenster 'reinzukriechen – so 'n Kind von sechzehn Jahr, wie du warst, und bei nachtschlafende Zeit! Man kann sich ja nich' wundern, wenn sie sich da ein bißchen vergaßen. Und noch dazu, weil er für Kleider und Essen dient und ein böser Gesell war, der immer außer Stellung war.«

»Ich hatt' ihn ja aber lieb!« sagte Johanne und weinte. »Er war der einzige, den ich jemals lieb gehabt hab'. Und ich glaubte, er hätt' mich auch lieb, wenn er mich auch nie gesehen hatt' – so dumm war ich.«

»Ach ja, du warst ein Kind – das hab' ich ja auch zu deine Eltern gesagt. Aber daß du auf so was Unanständiges verfallen konntst.«

»Es war nichts Böses dabei, ich meinte bloß, wir beide müßten zusammenhalten, so lieb, wie wir uns hatten. Nein, ich dachte das nicht einmal, ich kroch nur zu ihm 'rein – ohne mir weitere Gedanken dabei zu machen. Willst du woll glauben, daß ich damals so rein war? Es geschah auch nichts Schlimmes.«

»Da is nich' mal was geschehen?« sagte Lasse. »Aber es is ja schrecklich, zu denken, wie traurig das gegangen is. Und darüber hat dein Vater seinen Tod genommen?«

Die dicke Frauensperson fing bitterlich an zu weinen; sie kam Lasse vor wie ein Lappen, und er war nahe daran, auch zu weinen.

»Ach ja, ich hätt' es woll nich' sagen soll'n, aber ich dacht' ja, du hältst es gehört!« sagte er verzweifelt. »Er meinte woll, er als Schulmeister hätt' Verantwortung für so viele, und darum fraß es sich in ihn 'rein, daß du dich so weggeworfen hattst – noch dazu mit so 'n armen Knecht. Denn wenn er auch mit uns arme Leute wie mit seinesgleichen verkehren tat, so hatt' er ja doch seine Ehr'; und es ging ihm schwer nah, als die feinen Leut' nich' mehr mit ihm verkehren wollten. – Und denn war das Ganze bloß loses Gerede, da is nichts nich' geschehen? Aber warum hast du das denn nich' gesagt?«

Johanne weinte nicht mehr, sie saß da und sah vergrämt zur Seite, ihre Züge zitterten ununterbrochen.

»Ich hab' es ja gesagt, aber sie wollten nich' hören. Sie haben mich da ja angetroffen! Ich schrie um Hilfe, als es mir klar wurd', daß er mich gar nich' kannte, daß er sich bloß was einbildete, weil ich zu ihm kam, und als er mich zu sich nehmen wollt! Und da kamen die anderen gelaufen und trafen mich da. Sie lachten, und weißt du, was sie zueinander sagten? – ich hätt' geschrien, weil meine Unschuld hopps ging! Meine Eltern glaubten das auch, das konnt' ich verstehen; wenn die nich' mal vertragen konnten, daß da nichts geschehen war, konnt' man sich doch nich' über das andere Pack wundern? – Und dann gaben sie ihm Geld, daß er hierher reisen sollt', und mich schickten sie zu Verwandten.«

»Ja, und da tatst du ihnen das Leid an und liefst weg.«

»Ich reiste ihm nach, ich dacht', er müßt mich doch lieb haben, wenn ich nur in seiner Nähe wär'. Er halt' einen Dienst hier auf Steinhof angenommen, und da nahm ich hier auch eine Stelle als Stubenmädchen an. Aber er wollt' bloß das eine von mir, und das wollt' ich nich', wenn er mich nich' lieb hatt'! Und da ging er herum und prahlt' damit, daß ich um ihn von zu Haus weggelaufen wär' – und auch das andere erzählt er, was doch eine Lüge war; und da glaubten sie denn all, daß ich zu haben wär', wenn sie sich man bloß anböten. Kongstrup war damals jung verheiratet, aber er war nicht anders als die anderen. Ich bekam den Platz außer der Zeit, weil das andere Stubenmädchen fort mußte und ablegen, so nahm ich mich denn woll in acht. Er hat sie denn nachher mit 'm Steinhauer da im Steinbruch verheiratet.«

»Also so 'n Art Mann is er,« rief Lasse aus, – »ja, ich hab ja so meine Zweifel gehabt. Aber was is denn aus dem anderen Halunken geworden?«

»Der ging nach 'm Steinwerk und arbeit' da, als wir ein paar Jahr zusammen gedient hatten und er mir all den Schabernack angetan hatt', den er man konnt'. Da hat er das Trinken angefangen und hat immer und ewig Prügelei gehabt. Ich hab' ihn oft aufgesucht, denn er wollt' mir nich' aus 'n Kopf 'raus und betrunken war er immer. Schließlich konnt' er da nich' mehr bleiben und rannt' weg, und denn hörten wir, er trieb sich am Nordstrand in den Klippen bei Blaaholt herum. Er nahm, was er nötig hatt' und wo er es kriegen konnt', und schlug die Leute mir nichts dir nichts nieder. Und eines Tages erzählten sie, die Obrigkeit hätt' ihn vogelfrei erklärt, und wer wollte, könnt' ihn totschlagen. Ich hatte großes Vertrauen zu dem Herrn, der doch der einzige war, der es gut mit mir meinte; und er tröstete mich damit, daß es woll nich' so schlimm werden würde; Knud würd' sich schon vorseh'n.«

»Knud – war es Knud Engström?« fragte Lasse. »Ei, ei, von dem hab' ich gehört. Er trieb es wie 'n Teufel, als ich damals hierzulande war, und griff Leute an' helligen Tag mitten auf 'r Landstraße an. Einen Mann schlug er mit 'n Hammer tot, und als sie ihn fingen, hatt' er sich 'n Riß von 'n Nacken bis an das Ohr geschnitten. Das hätt' der andere getan, sagt' er – er selbst hätt' sich bloß gewehrt. Da konnten sie ihn nichts anhaben. – Also der war es! Aber was für eine war es denn, mit der er da zusammen lebte? – Sie sagten, er wohne den Sommer in einem Schuppen oben auf der Heide und hätt' ein Frauenzimmer bei sich.«

»Ich lief hier aus dem Dienst und bildete den anderen ein, ich reiste zu Haus – ich hatte gehört, wie elend es mit ihm aussah; sein ganzer Kopf wär' gespalten, sagten sie. Da ging ich hin und pflegt' ihn.«

»Und da hast du ihm denn doch woll schließlich den Willen getan?« sagte Lasse und blinzelte schelmisch.

»Er hat mich jeden Tag geprügelt«, antwortete sie heiser. »Und als er keine Gewalt über mich kriegen konnt', jagte er mich schließlich weg. Ich hatte mir ja nu in den Kopf gesetzt, daß er mich erst lieb haben sollt'.« Ihre Stimme war wieder grob und hart geworden.

»Dann hast du auch Stripps auf den bloßen Hintern verdient, daß du dich in solchen harten Henkersknecht verlieben konntst. Freu' du dich, daß deine Mutter nichts davon zu wissen gekriegt hat – sie hätt' es am Ende nich' überlebt!«

Bei dem Worte Mutter zuckte Johanne zusammen. »Jeder muß aushallen, was er aushalten kann!« sagte sie herb. »Ich hab' mehr ausgehalten als Mutter, und sieh bloß, wie dick und fett ich geworden bin.«

Lasse schüttelte den Kopf. »Mit dir is woll nich' mehr gut anbinden. Aber wie is es dir denn nachher gegangen?«

»Ich ging zum Umziehtag wieder nach Steinhof. Frau Kongstrup wollt' mich nich' wieder mieten, denn sie sah lieber meine Ferse als meine Zehe, aber der Herr setzte es durch, und ich blieb als Milchmädchen hier. Er war noch immer ebenso freundlich gegen mich, obwohl ich ihm nu neun Jahre widerstanden hatt'. Aber da war es, daß die Obrigkeit es satt hatt', Knud länger so frei 'rumlaufen zu lassen, er machte zu viel Unruh; und sie machten Jagd auf ihn da oben in' Heidekraut. Sie kriegten ihn nich', aber er muß hier nach dem Steinbruch geflüchtet sein, um sich da zu verstecken, als er nich' weiter wußte; denn eines Tages, als sie da oben sprengten, kam seine Leiche zwischen den Klippenstücken zum Vorschein – ganz zerschmettert. Sie brachten die Überreste hier auf den Hof, und ich wurde so krank, als ich ihn hier auf diese Weise zu mir kommen sah, daß ich ins Bett kriechen mußt'. Ich lag und zitterte Tag und Nacht in meinem Bett, denn es war mir, als hätt' er seine Zuflucht bei mir gesucht, als es ihm am schlimmsten ging. Kongstrup saß unten bei mir und tröstete mich, wenn die anderen auf 'm Feld waren, und er mißbrauchte mein Elend, um seinen Willen zu kriegen. Da war ein jüngerer Bruder von dem Hügelbauer, der mocht' mich gern leiden, er war in seinen jungen Jahren in Amerika gewesen und hatt' Geld genug. Er machte sich den Kuckuck was draus, was die Leute sagten, und jedes Jahr freite er um mich – immer an 'n Neujahrstag. Er kam auch das Jahr wieder, und nu, wo Knud tot war, konnt' ich ja nichts Besseres tun, als ihn nehmen und Frau auf'm Bauerhof werden. Aber ich mußt' doch nein sagen, und du kannst mir glauben, es war bitter, als ich die Entdeckung machte. Kongstrup wollte mich außerdem weg haben, als ich ihm die Sache erklärte; aber dagegen lehnte ich mich auf. Ich wollte bleiben und mein Kind hier auf 'm Hof zur Welt bringen, wo es hingehörte. Er machte sich nichts mehr aus mir, die Frau verfolgte mich den ganzen Tag mit ihren bösen Augen, und kein Mensch war gut gegen mich. Damals hatt' ich noch nich' den bösen Sinn wie nu, ich mußt' mich hart machen, wenn ich nich' immer weinen wollt'. Und ich bin auch hart geworden. Wenn was los war, biß ich die Zähne zusammen, damit mich niemand verhöhnen sollt'. Ich war auch an dem Tag, als es geschah, auf 'm Felde. Ich hab' meinen Jungen mitten in einer Rübenfurche geboren und ihn selbst in meiner Schürze auf den Hof getragen. Er war schon damals so mißglückt. Die bösen Augen der Frau hatten ihn verhext. ›Denn soll'n sie den Wechselbalg auch zu allen Zeiten vor Augen haben!‹ sagt' ich zu mir und weigert' mich, wegzureisen. Mich geradezu 'rauszuschmeißen, dazu könnt' Kongstrup sich woll nich' entschließen, und da bracht' er mich hier unten in dem Haus am Strand unter.«

»Dann gehst du, wenn's heiß hergeht, auch woll hier auf dem Hof auf Arbeit?« fragte Lasse.

Höhnisch erwiderte sie: »Auf Arbeit gehn – findst du, daß ich das nötig hab'? Kongstrup muß mir doch woll was dafür bezahlen, daß ich seinen Sohn erziehe, und außerdem hab' ich auch Besuch von guten Freunden, bald kommt der eine, bald der andere und bringt mir was mit – wenn sie es nich' schon all versoffen haben. Du kannst ja heut abend kommen und mich besuchen, ich will auch recht freundlich gegen dich sein.«

»Nee, danke!« sagte Lasse ernsthaft. »Woll bin ich auch man 'n Mensch, aber ich hab' nichts mit der zu schaffen, die auf meine Knie geritten hat und mein eigenes Kind sein könnt'.«

»Hast du denn Branntwein?« sagte sie und puffte ihn derb.

Lasse glaubte nicht, daß noch welcher da sei, ging aber doch hin, um nachzusehen. »Nee, du, auch nich 'n Tropfen!« sagte er und kam mit der Flasche. »Aber hier sollst du sehen, was ich für dich hab', deine Mutter bat mich, es dir als Andenken zu geben – es war doch gut, daß mir das einfiel.« Er reichte ihr ein Paket und sah ihr ganz glücklich zu, während sie auspackte, er freute sich in ihrer Seele. Es war ein Gesangbuch. »Ist das nich' fein, du?« sagte er. »Ein goldenes Kreuz und eine echte Spange – und dann hat es ja deiner Mutter gehört.«

»Was soll ich damit?« sagte Johanne – »ich singe keine Gesänge.«

»Also, nich'?« entgegnete Lasse verletzt. »Aber deine Mutter hat es woll nich' besser gewußt, als daß du noch an deinem Kinderglauben hingst – denn mußt du ihr woll dies eine Mal vergeben.«

»Is das alles, was du für mich hast?« Sie stieß gegen das Buch, so daß es wegflog.

»Ja«, sagte Lasse zornbebend und nahm es auf.

»Wer soll das andere haben?«

»Ja, das Haus war ja man bloß gemietet, und an Sachen war da nich' mehr viel, es is schon lange her, seit dein Vater starb – das mußt du bedenken. Da wo du hättst sein soll'n, haben andere an Kindes Statt gehen müssen; und die, die sie gepflegt haben, kriegen woll das, was da noch is, soweit ich weiß. Aber am Ende wär' da noch Zeit, wenn du mit 'm ersten Dampfer fährst.«

»Nee, ich bedank' mich! Nach Hause kommen und sich anglotzen lassen und die Reuige spielen – nee, ich danke! Dann können meinetwegen lieber Fremde mit dem Rest abziehen. Und Mutter – wenn sie ohne meine Hilfe gelebt hat, kann sie auch woll ohne mich krepieren. Na, ich muß woll machen, daß ich nach Haus komm'! – Wo is nu der zukünftige Steinhöfer Bauer abgeblieben?« Sie lachte aus vollem Halse.

Lasse wollte seine Seligkeit dafür verpfänden, daß ihr nach dieser Richtung hin nichts fehlte, und doch schlingerte sie auf den Beinen, als sie um den Kälberstall herumging, um nach dem Jungen zu suchen. Er hatte es auf der Zunge, sie zu fragen, ob sie nicht doch das Gesangbuch mitnehmen wolle, gab es aber auf. Alles in ihr war so aufgewühlt; sie konnte leicht darauf verfallen, Gott zu verspotten. So packte er denn das Buch sorgfältig wieder ein und verwahrte es in der grünen Kiste.

 

Unten in der Ecke des Kuhstalls war ein Raum mit Brettern abgetrennt, der hatte keine Tür, und zwischen jedem Brett war eine zollbreite Öffnung, so daß er einem Lattenbauer glich. Das war die Kammer des Kuhhirten. Eine breite Bettstelle nahm das meiste von dem Raum ein; sie war aus rohen Brettern zusammengezimmert, und der steinerne Fußboden der Kammer gab den Boden der Bettstelle ab. Auf einer dicken Schicht Roggenstroh lagen einige Betten, holterdipolter, die dicken, gestreiften, wollenen Bezüge waren steif von angetrocknetem Kuhschmutz, aus dem Stroh und Federn aufragten.

Mitten im Bett lag Pelle zusammengekrochen, er hatte das Federbett bis unter den Nacken in die Höhe gezogen und tat sich gütlich. Auf dem Bettrande saß Lasse und wühlte in der grünen Kiste, während er halblaut vor sich hinsprach.

Er war mitten in seiner Sonntagsandacht. Stück für Stück nahm er langsam die Kleinigkeiten heraus, die er aus dem aufgelösten Hausstand mitgebracht hatte. Es waren lauter Gebrauchsgegenstände: Garnknäule, Zeuglappen und dergleichen, was allmählich aufgebraucht wurde, um seine und des Jungen Kleider in Ordnung zu halten. Aber für ihn war jedes Stück eine Reliquie, mit der sorgsam umgegangen werden mußte, und das Herz blutete ihm jedesmal, wenn irgendein Teil auf die Neige ging. Bei jedem Gegenstand, den er zur Seite legte, wiederholte er langsam, was Bengta über ihre Bestimmung gesagt hatte, als sie im Sterben lag und alles aufs beste für ihn und den Jungen ordnete: »Garn für des Kleinen graue Socken! – Flicken zu seiner Sonntagsjacke, die bald an den Ärmeln ausgelassen werden muß! – Daran denken, daß nich' zu lange mit den Strümpfen gegangen wurde, ehe sie ausgebessert wurden!« Das war der letzte Wille der Sterbenden, und der wurde in allem befolgt. Lasse bewahrte ihn wortgetreu trotz seines schlechten Gedächtnisses.

Und dann waren da Kleinigkeiten, die Bengta selbst gehört hatten, billiger Staat, wo sich an jedes Stück eine fröhliche Geschichte von Jahrmarktsbesuchen und Festen knüpfte, die er murmelnd auffrischte.

Der Knabe liebte dies gedämpfte Brummen, wonach er nicht hinzuhören und das er nicht zu beantworten brauchte – und in dem man so angenehm dahingleiten konnte. Er lag da und duselte und sah zu dem hellen Himmel empor, satt und müde und mit einem leisen Gefühl von etwas Unheimlichem, das überstanden war.

Er zuckte zusammen. Er hatte die Tür nach dem Kuhstall gehen hören, und nun ertönten Stiefeltritte auf dem langen Futtergang. Das war der Eleve, er erkannte die verhaßten Schritte sofort wieder.

Es krabbelte in ihm vor Freude. Jetzt sollte der Bursche fühlen, daß man kleinen Jungen nichts tun durfte, wenn sie einen Vater hatten, der seinen Mann mit steifem Arm in die Höhe heben und ausschelten konnte – ja viel ärger als der Verwalter. Jetzt sollte – er richtete sich auf und starrte gespannt den Vater an.

»Lasse!« wurde unten aus dem Kuhstall gerufen.

Der Alte brummte mürrisch. Er blieb sitzen, rückte aber unruhig hin und her.

»Las–se!« ertönte es nach einer Weile von neuem wieder, unverschämt und ungeduldig.

»Ja–a!« Lasse erhob sich und ging hinaus.

»Kannst du nicht antworten, wenn man dich ruft, du schwedischer Halunke? Bist du vielleicht taub?«

»Ja, antworten kann ich woll«, sagte Lasse mit bebender Stimme. »Aber Herr Eleve sollten nicht – – ich bin Vater, will ich Ihnen sagen – – und das Vaterherz – –«

»Meinetwegen kannst du Hebamme sein, aber antworten sollst du, wenn man dich ruft! Sonst will ich mal sehen, daß der Verwalter mit dir redet – hast du mich verstanden!«

»Ach, ja, ja – Herr Eleve müssen entschuldigen, aber ich hab' es nich' gehört –«

»Na so, aber dann vergiß auch nicht, daß Aspasia morgen nicht mit auf die Weide hinauskommt.«

»Soll sie kalben?«

»Ja, natürlich! Hast du vielleicht geglaubt, daß sie ein Füllen kriegen sollt?«

Lasse lachte pflichtschuldigst und begleitete den Eleven durch den Stall zurück. Jetzt mußte es wohl kommen, Pelle saß da und starrte ihm in steifem Horchen nach. Aber er hörte den Vater nur noch eine Entschuldigung stammeln, die Halbtür schließen und mit langsamen, stolpernden Schritten zurückkommen. Da brach er in Schluchzen aus und verkroch sich tief unter das Federbett.

Lasse ging eine ganze Weile umher und kramte und brummte über irgend etwas vor sich hin. Dann kam er an das Bett und zog sorgsam das Kissen von dem Kopf des Jungen weg. Aber Pelle bohrte sein Gesicht in die Betten hinein, und als der Vater es zu sich herumdrehte, begegnete er einem verzweifelnden, verständnislosen Blick, der seinen eigenen veranlaßte, ruhelos in der Kammer umherzuschweifen.

»Ja,« sagte er mit einem Versuch verdrießlich zu sein, »du kannst woll heulen. Aber wenn man nu nich' weiß, wo Aspasia steht, da soll man wohl höflich sein, sollt' ich meinen.«

»Ich kenn' Aspasia sehr gut, die dritte hier von der Tür!« schluchzte der Junge.

Lasse wollte eine mürrische Antwort geben, brach aber zusammen, ergriffen und entwaffnet von der Verzweiflung des Knaben. Er ergab sich auf Gnade und Ungnade, beugte sich hinab, so daß er seine Stirn gegen die des Knaben stützte, und sagte hilflos:

»Ja, Lasse is arm, alt und arm! Ein Schlingel kann ihm auf der Nase herumspielen. Vor Zorn sprühen kann er nich' mehr, und in der Faust hat er auch keine Kräfte mehr – was nutzt es da, daß man sie ballt! Alles muß er hinnehmen – und sich hierhin und dahin schleudern lassen – und sich noch obendrein bedanken! So steht es mit dem alten Lasse. Aber dann mußt du auch bedenken, daß er sich um deinetwillen anspucken läßt; sonst nähm Lasse-Vater seinen ganzen Kram und ging weg so alt wie er is. Aber du kannst in der Erde wachsen, zu der dein Vater wird. Und nu laß das Weinen nach!« Er trocknete die nassen Augen des Jungen mit dem Oberbett ab.

Pelle verstand die Worte des Vaters nicht, aber sie beruhigten ihn trotzdem, und nach einer kleinen Weile schlief er ein. Aber noch lange lag er da und schluchzte im Schlaf.

Lasse saß regungslos auf dem Bettrande und lauschte dem Schlaf des Knaben, und als der einigermaßen ruhiger geworden war, schlich er durch den Stall und hinaus. Es war ein trübseliger Sonntag gewesen, und nun wollte er doch einmal hinaussehen, ob einer der Knechte zu Hause war und Besuch hatte – denn dann gab es Branntwein. Lasse konnte es nicht übers Herz bringen, selbst von seinem Lohn aufzunehmen, um Schnaps dafür zu kaufen; das Geld hatte so wie so genug zu tun, wenn es für das Notwendige ausreichen sollte.

Auf einem der Betten lag ein Knecht und schlief, völlig angekleidet und mit Stiefeln – er war knallbesoffen. Sonst waren sie alle aus. So gab denn Lasse den Schnaps auf und stolperte nach dem Keller hinüber, um zu sehen, ob da ein wenig Kurzweil bei den Mägden war. Er war zu allerlei aufgelegt – jetzt, wo er los und ledig und sein eigener Mann war wie im Lenz der Jugend.

Oben bei der Milchkammer standen die drei Häuslerfrauen, die am Sonntagabend für die Mägde zu melken pflegten. Sie waren dicht eingebündelt, klein und gekrümmt von der Arbeit, der Mund stand ihnen allen dreien nicht still, sie sprachen von Krankheit und anderem Elend in einem klagenden Ton. Lasse empfand ein momentanes Verlangen, sich ihnen zuzugesellen, das Gesprächsthema klang in ihm wider wie die Töne einer bekannten Melodie, er konnte in den Refrain einfallen mit seiner ganzen Lebenserfahrung. Aber er kämpfte dagegen an und ging an ihnen vorüber, die Kellertreppe hinab. »Ach ja, der Tod ist uns allen gewiß!« sagte eine von den Frauen, und Lasse sprach ihr die Worte nach, vor sich hin, indem er hinunterging.

Unten in der Kammer saß Karna und stopfte Gustavs Hose aus englischem Leder. Gustav lag auf der Bank und schlief, die Mütze über dem Gesicht. Er hatte seine dreckigen Füße auf Karnas Schoß gelegt – ohne auch nur die Schuhe auszuziehen! Und sie saß da und machte ihren Schoß bequem, damit seine Beine nicht heruntergleiten sollten.

Lasse setzte sich neben sie und versuchte, sich angenehm zu machen, er hatte ein solches Bedürfnis nach ein wenig Gemütlichkeit. Aber Karna war nicht nahe zu kommen – die dreckigen Knöchel des Bengels verdrehten ihr den Kopf. Und Lasse hatte das vergessen, oder auch es fehlte ihm an Sicherheit – jedesmal, wenn er eine freundliche Annäherung versuchte, wies sie ihn ab.

»Wir könnten es so gemütlich zusammen haben, wir beiden älteren Menschen«, sagte er hoffnungslos.

»Ja, und ich könnte woll einen Ausweg für das schaffen, was da fehlt«, sagte Gustav und guckte unter der Mütze hervor. Der Schlingel, der da lag und mit seinen siebzehn Jahren protzte! – Lasse hatte die größte Lust, sich auf ihn zu stürzen und es noch einmal auf die Kräfte ankommen zu lassen.

Aber er begnügte sich damit, dazusitzen und ihn anzusehen, bis die roten wimperlosen Augen ihm überliefen. Dann stand er auf.

»Ja, ja, du hast heut abend Lust auf Jugend, du!« sagte er bitter zu Karna – »aber deinen Jahren kannst du nich' weglaufen, du auch nich'! Am Ende leckst du man bloß den Löffel hinter den anderen ab.«

Er ging in den Kuhstall hinüber und ließ sich mit den drei Häuslerfrauen in ein Gespräch ein, die über nichts weiter sprachen als über Krankheit und Elend und Tod, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Lasse nickte und sagte: »Ja, ja, so is es!« Er konnte das aus vollem Herzen alles unterschreiben, und er konnte noch gar vieles zu dem der anderen hinzufügen. Das goß Wärme in den alten Körper; ihm wurde ganz behaglich zu Sinn – so wohlig.

Aber als er auf dem Rücken im Bett lag, kehrte das Bedrückende wieder, und er konnte nicht schlafen. Für gewöhnlich schlief er wie ein Stein, sobald er sich hingeworfen hatte, aber heute war Sonntag, und er hatte ein quälendes Nagen in sich, daß das Dasein ihn übergangen hatte. So viel hatte er sich von der Insel hier versprochen, und dann war da nichts weiter als Arbeit und Mühe und Sorge – auch nicht die Bohne mehr.

»Lasse is alt, ja!« sagte er plötzlich laut, und die Worte fuhr er fort zu wiederholen, indem er sie immerwährend ein wenig variierte, bis er einschlief: »Alt is er, der Ärmste – kann nich' mehr mitspielen! – Ach, so alt! Die Worte umschlossen das Ganze.

Er erwachte wieder vom Gesang und Gekreische drüben auf der Landstraße:

»Und der Junge, den ich dir geboren
Mit pechschwarzem lockigem Haar,
Ja, der ist jetzt groß geworden,
Groß geworden, groß geworden,
Ist ein schmucker Bursche gar!«

Es waren einige von den Knechten und Mägden vom Hof, die von einer Lustbarkeit heimkehrten. Als sie in den Fahrweg zum Hofe hinauf einbogen, verstummten sie.

Es hatte eben angefangen zu dämmern, die Uhr konnte wohl zwei sein.


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