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XII

»Komm, Kybbe, Kybbe, Kybbe! Komm, mein Tickehuhn, du brauchst wirklich nich' bange zu sein!« Pelle ging mit einer Handvoll grünen Korns und lockte sein Lieblingskalb, aber es wollte ihm heute gar nicht so recht trauen. Es hatte Prügel bekommen, und das kam wieder daher, weil es so boshaft gewesen war.

Pelle war ungefähr zumute wie einem Vater, dessen Kind ihm Kummer macht und ihn zwingt, zu strengen Mitteln zu greifen. Und nun dies Mißverständnis, daß das Kalb ihn nicht mehr kennen wollte, obwohl er es doch nur zu seinem eigenen Besten geprügelt hatte! Aber das half nichts, solange Pelle die Kühe hütete, mußte gehorcht werden.

Endlich ließ es ihn ganz herankommen, so daß er es streicheln konnte. Es stand noch eine Weile da und war eigensinnig; dann aber ergab es sich schließlich, fraß das Grünfutter und schnüffelte ihm zum Dank im Gesicht herum.

»Willst du denn jetzt lieb sein?« sagte Pelle und rüttelte es an den Hornstummeln – »willst du woll?« Es schlug ungezogen mit dem Kopf. »Ja, denn darfst du heute meine Jacke nich' tragen.«

Es war das sonderbare bei dem Kalb, daß er es von dem ersten Tage an, wo es draußen war, nicht von der Stelle hatte treiben können. Schließlich ließ Pelle es zurück, damit Lasse es wieder mit hineinnehmen könne; aber sobald es hinter ihm war, folgte es ganz von selbst – die Stirn dicht an seinem Rücken. Seither ging es immer hinter ihm, beim Ausziehen wie beim Heimtreiben, und es trug seine dicke Jacke über dem Rücken, wenn es nach Regen aussah.

Pelle zählte noch nicht viele Jahre, aber seinen Kühen gegenüber war er ein Mann. Früher hatte er sich nur so weit in Respekt zu setzen vermocht, daß sie ihm aus nächster Nähe gehorchten. Aber in diesem Jahr konnte er eine Krähe in einer Entfernung von hundert Schritten mit einem Stein treffen, und es verlieh ihm den Tieren gegenüber eine Macht von weitem – namentlich, nachdem er ausfindig gemacht hatte, daß er den Namen des Tieres rufen mußte, indem er es traf. Dadurch ward es dem Vieh klar, daß der Schmerz von ihm kam, und sie lernten, sich seinem bloßen Ruf zu fügen.

Die Sache war die, daß die Strafe der Versündigung auf dem Fuße folgen mußte, um wirksam zu sein. Daher war auch keine Rede mehr davon, einer Kuh aufzulauern, die sich versündigt hatte, und von hinten über sie herzufallen, wenn sie hinterher ganz friedlich ging und weidete; das verwirrte nur. Ein Tier müde zu rennen, sich ihm an den Schwanz zu hängen und es um die ganze Wiese herumzuprügeln, nur um sich zu rächen, war ebenfalls dumm; die ganze Schar geriet in Unruhe dadurch und war für den Rest des Tages schwer zu lenken. – Pelle wog Ziel und Mittel gegeneinander ab; er lernte, seinen Rachedurst mit guten, praktischen Gründen zu löschen.

Pelle war ein Junge, und er war nicht träge! Den ganzen Tag von fünf Uhr morgens bis neun Uhr abends war er auf den Beinen und betrieb die zwecklosesten Dinge, übte sich stundenlang darin, auf den Händen zu gehen, Kopfsprünge zu machen und über den Bach zu springen – beständig war er in Bewegung. Stunde auf Stunde konnte er unermüdlich in einem Rundkreis auf der Wiese herumlaufen – wie ein Füllen, das angepflöckt war –, sich beim Laufen nach innen neigen, so daß seine Hand das Gras berührte, hinten ausschlagen und wiehern und schnaufen; er vergeudete Kräfte vom Morgen bis zum Abend mit offener Hand.

Aber das Viehhüten war eine Arbeit! und dabei hielt er Haus mit seinen Kräften. Jeder Schritt, der hier gespart werden konnte, war gleichsam ein erworbenes Kapital, und Pelle beobachtete alles ganz genau, und verbesserte beständig die Arbeitsweise. Er lernte, daß Strafe am besten wirkt, wenn sie nur als Drohung über dem Betreffenden hängt – zuviel Prügel machten ein Tier verstockt. Und er lernte erkennen, wann es dringend notwendig war, einzugreifen. Ließ sich das nicht auf frischer Tat ausführen, so beherrschte er sich und suchte kraft seiner Erfahrungen genau dieselbe Sachlage wieder hervorzurufen – um dann vorbereitet zu sein. Der kleine Mensch war, ohne daß er es selber wußte, beständig dabei, seinem Wuchs eine Elle hinzuzufügen.

Er hatte gute Ergebnisse zu verzeichnen. Das Hinaustreiben und die Heimkehr verursachten ihm nie mehr Schwierigkeiten; er hatte das Kunststück fertig gebracht, die Herde eine ganze Woche auf einen engen Feldweg mit Korn an beiden Seiten zu treiben, ohne daß auch nur ein Halm abgebissen wäre. Ebenso das noch größere Kunststück, an einem so recht heißen Tag, wo die Kühe geneigt sind, wegzurennen, die Herrschaft über sie zu behaupten – sie in steifem Lauf einzuzäunen, so daß sie mitten in der Wiese standen und mit erhobenen Schwänzen stampften, aus Angst vor den Bremsen. Und wenn er es wollte, konnte er am kältesten Oktobertag alle Schwänze in die Höhe treiben und die Tiere veranlassen, in wilder Flucht nach dem Stall heimwärts zu stampfen – nur, indem er sich ins Gras legte und das Summen der Bremsen nachahmte. Aber das war ein furchtbares Geheimnis, von dem nicht einmal Vater Lasse etwas wußte.

Das Amüsante bei diesem Rennen aber war, daß Kälber, die im ersten Jahr draußen waren und nie die Bekanntschaft einer Bremse gemacht hatten, den Schwanz in die Höhe schleuderten und rannten, sobald sie sein heftiges Summen hörten.

Pelle hatte sein fernes Ideal – an einer erhöhten Stelle zu liegen und die ganze Schar zu lenken, ohne etwas anderes als die Stimme dazu zu benutzen – nie zu Prügeln seine Zuflucht nehmen zu müssen. Vater Lasse schlug ja auch niemals, wie arg es auch zugehen mochte!

Da waren Tage – ja, wo blieben die nur einmal? Ehe er eine Ahnung davon hatte, war es Zeit, nach Hause zu treiben. Andere Tage waren lang genug, aber sangen sich gleichsam hin, in Klängen von Sensen, in Brüllen des Viehs und in Menschenrufen aus weiter Ferne. Da ging der Tag selbst singend über die Erde hin, Pelle mußte jeden Augenblick stehen bleiben und lauschen: hör', es wird gespielt! und er lief auf die Dünen hinauf und starrte über das Meer. Aber da war es nicht, und landeinwärts war kein Fest, soviel er wußte, und in der Luft flogen keine Zugvögel um diese Jahreszeit. Da, wieder! Hör'! Es wird gespielt! Genau wie Musik, weit weg, in der Ferne – so eine Musik, bei der man die Melodie noch nicht unterscheiden oder sagen kann, was gespielt wurde. War es am Ende die Sonne selbst?

Da durchströmten ihn Luft und Leben, singend, als sei er ein Quell; und er ging in einem träumenden Halbschlummer aus Tönen und Glück einher.

Wenn der Regen herabsickerte, hängte er seinen Rock über einen Dornbusch und lag geschützt darinnen, schnitzte oder zeichnete mit einem Bleiknopf auf Papier – Pferde und liegende Ochsen. Aber am liebsten Schiffe, Schiffe, die übers Meer gingen auf ihrer eigenen, weichen Melodie, weit weg nach fremden Ländern – nach dem Negerland und nach China, um seltene Dinge zu holen. Und wenn er gut aufgelegt war, suchte er ein zerbrochenes Messer oder eine Schieferscheibe aus einem geheimen Versteck hervor oder fing an zu arbeiten. Auf den Stein war ein Bild geritzt, und nun war er im Begriff, es als Relief auszuschneiden – den ganzen Sommer hatte er hin und wieder daran gearbeitet. Und nun fing es an, hervorzutreten – eine Bark war es, die mit vollen Segeln über gekräuseltes Wasser dahinging. Nach Spanien, nach Spanien ging sie wohl – holte Trauben und Apfelsinen! Und alle die anderen Herrlichkeiten, die Pelle noch nicht geschmeckt hatte!

An Regentagen war es eine ganze Arbeit, sich Klarheit darüber zu verschaffen, wieviel die Uhr war, man mußte sich bis zum äußersten anstrengen. Sonst war es die leichteste Sache von der Welt, Pelle hatte es hauptsächlich im Gefühl. Da waren Zeichen daheim auf dem Hof, die besagten, wieviel die Uhr zu gewissen Zeiten des Tages sein konnte, die Kühe gaben ihre Gewohnheiten zu anderen Stunden kund. Gegen neun Uhr legte sich die erste zum Morgenwiederkäuen hin, und allmählich fiel eine nach der andern ein – gegen zehn Uhr war da stets ein Augenblick, wo sie alle lagen und kauten; um elf Uhr waren die letzten wieder auf den Beinen. In gleicher Weise spielte es sich am Nachmittag zwischen drei und fünf Uhr ab.

Wenn die Sonne schien, war es leicht zu bestimmen, wann Mittag war, Pelle wußte es immer an sich selbst, wenn sie in ihrer Bahn umkehrte. Und da waren hundert andere Dinge in der Natur, die ihn mit den Tageszeiten in Verbindung brachten, zum Beispiel die Gewohnheiten der Vögel und etwas bei den Tannenbäumen. Und eine Menge anderes, worauf er nicht den Finger legen und da sagen konnte, weil es nur so eben eine Empfindung war. Den Trieb nach Hause gaben die Kühe selbst an. Wenn der sich näherte, grasten sie sich langsam herum, bis sie mit ihren Köpfen die Richtung auf den Hof zu angaben, und ein Strecken machte sich in ihrem Körper bemerkbar – sie sehnten sich!

 

Die ganze Woche hindurch hatte sich Rud nicht sehen lassen, und heute war er kaum da, als ihn Pelle auch schon wegen einer Hinterlist ausschelten mußte. Da lief er nach Hause, Pelle aber legte sich oben an den Rand der Tannen und sang, auf dem Bauch, die Fußsohlen in der Luft. Ringsumher waren Spuren seines Messers an den Stämmen der Bäume – bei den ältesten Schiffen sah man den Kiel, und das Deck stand lotrecht auf dem Rumpf; die hatte er im ersten Sommer geschnitzt. Hier war auch eine Sammlung von Äckern am Wiesenrande, ordnungsmäßig gepflügt, geeggt und besät. Jeder Acker war eine Viertelelle groß.

Aber nun lag Pelle da und ruhte sich aus nach den Anstrengungen mit Rud – in einem jubelnden Geheul, das die Luft schaukeln machte. Oben auf dem Hofe kam ein Knecht heraus, er ging mit einem Bündel unterm Arm die Landstraße entlang; es war Erik, der wegen Prügelei vor Gericht sollte. Jetzt kam der Gutsbesitzer gefahren und sauste in schneller Fahrt auf die Stadt zu, er wollte also zur Stadt und bummeln. Warum konnte der Knecht denn nicht mitfahren, wo sie doch denselben Weg hatten? Wie schnell er fuhr, obwohl sie ihn jetzt ja nie mehr verfolgte – sie tröstete sich jetzt zu Hause! Ob es wohl wahr war, daß er an einem Abend fünfhundert blanke Kronen durchgebracht hatte?

Wild raset der Krieg, es fließet das Blut,
In den Bergen Rufe man hört!
Mit Grauen und Schrecken der Türke naht,
Und manch trautes Heim er zerstört.
Sie zieh' –

»Hallo!« Mit einem Satz war Pelle auf den Füßen und starrte zu dem Klee hinauf. Die Milchkühe da oben hatten die letzte Viertelstunde jeden Augenblick nach dem Hof hinaufgesehen, jetzt brüllte Aspasia, dann mußte der Vater bald auf dem Wege hier heraus sein, um die Kühe umzupflöcken. Da kam er auch wirklich um die Ecke des Hofes gewatschelt. Es war nicht weit bis zu der untersten Kuh hinüber; wenn der Vater da war, konnte Pelle es schon abpassen, daß er schnell hinüberrannte und ihm Guten Tag sagte.

Pelle sammelte die Kühe zusammen und schlenderte langsam nach der anderen Grenzscheide und über die Felder hinüber. Lasse hatte die obere Hälfte umgepflöckt, jetzt ging er zu dem Stier hinüber, der ein wenig abseits stand. Der Stier brummte und stampfte, daß die Erde aufspritzte; die Zunge hing ihm an der einen Seite aus dem Maul, und mit dem einen Horn stieß er in die Luft – er war wütend. Dann ging er mit kurzen Schritten und allerlei Hokuspokus vor – wie er stampfte! Pelle hatte die größte Lust, ihn über die Schnauze zu hauen, wie er es so oft getan hatte; das war doch keine Manier, Lasse selbst zu bedrohen, wenn er auch gar nichts damit meinte.

Vater Lasse achtete auch nicht weiter darauf, er stand da und hämmerte auf den schweren Spannpflock los, um ihn herauszuschlagen. »Guten Tag!« rief Pelle. Lasse wandte den Kopf und nickte, dann beugte er sich herab und schlug den Pfahl in die Erde. Der Stier stand ganz dicht hinter ihm und stampfte kurz. Das Maul stand ihm offen, und die Zunge hing heraus; es sah aus, als erbräche er sich, und dem entsprach auch das Geräusch. Pelle lachte, während er seinen Lauf mäßigte, er war ganz in der Nähe.

Aber plötzlich schoß Vater Lasse einen Purzelbaum, fiel und war wieder in der Luft – und fiel eine Strecke weiter nieder. Wieder wollte ihn der Stier aufspießen, aber Pelle stand gerade vor seinem Kopf; er hatte seine Holzschuhe nicht an, sondern stieß mit den bloßen Füßen, so daß ihm schwarz vor Augen wurde. Der Stier kannte ihn und wollte um ihn herumschleichen, aber Pelle sprang vor seinen Kopf hin und schrie und stieß mit den Füßen und packte ihn, ganz außer sich, bei den Hörnern. Da schleuderte er ihn sanft beiseite und ging auf Lasse zu, der in einiger Entfernung dalag, er blies an der Erde entlang, so daß das Gras wogte.

Er packte den Alten bei der Bluse und rüttelte ihn ein wenig, faßte dann tastend mit beiden Hörnern unter ihn, um ihn hoch in die Luft zu schleudern. Aber Pelle war wieder auf den Beinen, wie ein Blitz zog er das Messer heraus und jagte es dem Stier zwischen die Hinterbeine. Der Stier stieß ein kurzes Gebrüll aus, warf Lasse beiseite und fuhr in Sprüngen über die Felder hin, er stieß im Laufen mit den Hörnern in die Luft und brummte. Drüben am Bach machte er sich daran, den Abhang aufzuwühlen, die Luft um ihn her war dick von Erde und Grassoden.

Lasse lag da und stöhnte mit geschlossenen Augen. Pelle zerrte vergebens an einem Arm, um ihm aufzuhelfen. »Vater, lieber Lassevater!« rief er weinend. Endlich setzte sich Lasse aufrecht hin.

»Wer singt da, Junge?« fragte er. »Ach, du bist es, Junge – und du weinst! Hat dir jemand was getan? – Ach so, ja der Stier, der war kurz davor, Fandango mit mir zu spielen. Aber was fingst du eigentlich an, daß ihn der Teufel so schnell holte? Du hast ja deinem Vater das Leben gerettet, so klein du auch noch bist. – Pfui Satan, ich glaub', wahrhaftig, ich muß spucken.« Lasse erbrach sich. »Ach ja!« sagte er und trocknete den Schweiß von der Stirn, »wer jetzt 'n Schluck hätte! – Ja, ja, er kannte mich ja, der Bursche, sonst wär' ich nich' so leicht davongekommen. Er wollt' bloß ein bißchen mit mir spielen, weißt du – er war ein klein wenig nachträgsch, weil ich ihn heut morgen von einer Kuh weggejagt hatt'; ich merkt' es ja recht gut. Aber wer hätt' auch gedacht, daß er sich an einem vergreifen könnt'. Na, das hätt' er nu auch nich' getan, wenn ich nich' so dumm gewesen wär', in fremdem Zeug zu gehen; dies is nämlich Mons seine Bluse, die hab' ich mir geliehen, weil ich meine gewaschen hab'. Und den fremden Geruch kann Kalurius nich' an mir vertragen. – Na, nu müssen wir ja sehen, was Mons zu diesem Riß sagt, er wird woll nich' allzu sauber sein!«

Lasse ließ den Mund noch eine Weile laufen, ehe er versuchte, sich aufzurichten und mit Pelles Hilfe auf die Beine zu kommen. Er stand da, auf die Schulter des Jungen gestützt, und schwankte hin und her. »Ich könnt' ganz gut betrunken sein, wenn man bloß die Schmerzen nich' wären!« sagte er und lachte leise. »Ja, ja, ich muß woll Gott danken, daß ich dich hab', Junge, immer machst du mir das Herz froh, und nu hast du mir auch das Leben gerettet.«

Lasse schwankte nun nach Hause, und Pelle trieb den Rest der Kühe auf dem Wege zu den seinen hinunter. Er war stolz und zugleich erschüttert, hauptsächlich aber doch stolz. Er hatte Vater Lasse das Leben gerettet – und zwar hatte er ihn von dem großen, wütenden Stier errettet, mit dem niemand sonst auf dem Hofe zu schaffen haben wollte. Das nächste Mal, wenn Henrik Bödker hier herauskam, um ihn zu besuchen, sollte er das Ganze zu wissen bekommen.

Ein wenig ärgerlich war er darüber, daß er das Messer gezogen hatte, hier auf dem Lande sahen alle darauf herab und sagten, das sei schwedisch. Es hätt' ja auch gar nicht nötig getan, wenn da nur Zeit gewesen wäre – oder er bloß seine Holzschuhe angehabt hätt', um den Stier damit ins Auge zu schlagen. Er war so oft mit den Schnauzen von seinen Holzschuhen auf ihn losgegangen, wenn er nach einer Deckung wieder in den Stall hineingetrieben werden sollte, und er nahm sich wohl in acht, ihm was zu tun. Vielleicht wollte er ihm einen Finger in das Auge stecken und ihn blind machen – oder ihn bei den Hörnern packen und herumdrehen, so wie in der Geschichte, bis er ihm den Hals abgedreht hätte.

Pelle wuchs und schwoll an, bis er alles überschattete; die Kräfte, die er hatte, wollten gar kein Ende nehmen, während er herumlief und die Kühe wieder zusammentrieb. Er ging im Sturmgang über das Ganze hin, schleuderte den starken Erik und den Verwalter hierhin und dahin und hob – ja, hob das ganze Steinhof in die Höhe, nur indem er eine Hand unter den Balken stemmte. Er geriet in eine förmliche Berserkerwut.

Und mitten in alledem fiel ihm auf einmal ein, was für ein Skandal daraus entstehen würde, wenn der Verwalter erfuhr, daß der Stier frei herumlief. Dann setzte es am Ende Haue für Lasse und für ihn selber. Er mußte hin und ihn suchen; der Sicherheit halber nahm er die Peitsche mit und zog die Holzschuhe an.

Unten am Bachabhang hatte er fürchterlich gehaust. Ein ganzes Stück von der Wiese war aufgewühlt. Blutige Spuren liefen unten am Bett des Baches und über die Felder hin, Pelle folgte diesen Spuren nach dem Feldrain hinüber, dort fand er den Stier. Das große Tier hatte sich ganz unter die Dornbüsche verkrochen und stand da und leckte seine Wunde. Als er Pelles Stimme hörte, kam er heraus. »Kehrt!« rief er und schlug ihn auf die Schnauze. Er setzte den Kopf an die Erde, machte eine Bewegung, als wolle er stoßen, und zog sich schwerfällig zurück; und Pelle fuhr fort, ihn auf die Schnauze zu schlagen. Schritt für Schritt rückte er vor, unerbittlich ertönte seine Stimme: »Kehrt! Willst du wohl kehrtmachen!« Da drehte er sich um und lief mit großen Sätzen davon, Pelle ergriff den Spannpflock und rannte hinterdrein; mit der Peitsche hielt er den Stier in Atem, damit er keine Zeit hatte, Übles zu ersinnen.

Als das dann glücklich überstanden war, brach er vor Müdigkeit zusammen. Er lag zusammengekauert unter der äußersten Tanne und dachte trübselig an Vater Lasse, der nun wohl krank zu Hause umherging und keinen hatte, der ihm eine Handreichung bei der Arbeit tun konnte. Schließlich wurde der Zustand unerträglich, er mußte nach Hause.

»Ssss! Ssss!« Pelle kroch auf dem Bauch über die Wiese hinab und ahmte das irritierende Summen der Bremsen nach. Er stieß den Ton zwischen den Zähnen hervor, ließ ihn steigen und fallen, als fliege er hierhin und dahin über das Gras; die Kühe hörten auf zu weiden, sie standen totenstill, mit wachsamen Augen. Dann durchzuckte es sie nervös, sie schlugen mit den Beinen an den Bauch hinauf, drehten sich in kleinen Bogen nach der Seite und zappelten, die Schwänze flogen in die Höhe! Er machte den Ton mehr wütend, zudringlich, die ganze Herde lief im Rundkreis herum, sie steckten einander an und stampften in wilder Panik herum. Ein paar Kälber brachen aus dem Wirbel heraus und schlugen den geraden Weg nach dem Hofe ein, und die ganze Schar folgte – quer über alles hinweg. Jetzt handelte es sich nur darum, mit viel Gezappel hinterher zu laufen und listig den Laut ununterbrochen nachzuahmen, so daß die Laune vorhielt, bis sie zu Hause angelangt waren.

Der Verwalter kam selbst herausgelaufen und riß die Tür zu der Umfriedigung auf, er half, die Kühe da hinein treiben. Pelle war auf eine Ohrfeige gefaßt und blieb stehen, aber der Verwalter sah ihn nur mit einem sonderbaren Lächeln an. »Sie fangen wohl an, dir über zu werden,« sagte er und sah Pelle in die Augen, – »na ja, solange du noch mit dem Stier fertig werden kannst!« Er machte sich lustig, Pelle bekam einen brennend roten Kopf.

Vater Lasse war zu Bett gekrochen. »Nur gut, daß du da bist!« sagte er. »Ich lag hier gerade und dachte darüber nach, wie ich die Kühe umgepflöckt kriegen sollte. Rühren kann ich mich beinah nich' – und aufstehen erst recht nich'.«

Es währte eine Woche, bis Lasse wieder auf die Beine kommen konnte; während der Zeit stand das Weidevieh in der Umfriedigung, und Pelle blieb zu Hause und verrichtete die Arbeit des Vaters. Er aß mit den anderen und schlief seinen Mittagsschlaf in der Scheune, so wie sie.

Eines Mittags kam die Sau auf den Hof und war betrunken. Sie postierte sich im oberen Hof, der ihr verboten war, und stand da und rief nach Kongstrup. Der Gutsbesitzer war zu Hause, ließ sich aber nicht blicken; es war wie ausgestorben hinter den hohen Fenstern. »Kongstrup! Kongstrup! komm' doch mal 'raus!« rief sie und stand da und sah auf die Pflastersteine nieder, sie konnte den Kopf nicht in die Höhe heben. Der Verwalter war nicht anwesend, und die Knechte hielten sich in der Scheune versteckt – sie freuten sich auf einen kleinen Skandal. »Du, Kongstrup, komm' mal 'raus, ich will mit dir sprechen!« sagte die Sau mit lallender Zunge. Dann ging sie die Treppe hinauf und faßte an die Tür. Sie donnerte ein paarmal dagegen und stand da und sprach, das Gesicht hart an die Tür gepreßt; als niemand kam, schwankte sie hinunter und ging, vor sich hinmurmelnd, ihrer Wege, ohne sich nach rechts oder nach links umzusehen.

Nach einer Weile begann das lange, heulende Weinen da oben; und gerade als die Leute zu Felde wollten, kam Kongstrup herausgestürzt und befahl, daß der Einspänner angespannt werde. Während das geschah, ging er nervös um den Wagen herum und jagte dann, was das Zeug halten wollte, vom Hofe herunter. Als er um den Giebel bog, wurde ein Fenster geöffnet und eine Stimme rief flehend: »Kongstrup, Kongstrup!«, aber er fuhr schnell weiter. Dann schloß sich das Fenster wieder, und das Weinen hub von neuem an.


Am Nachmittag, als Pelle sich auf dem unteren Hof zu schaffen machte, kam Karna und sagte, er solle zu Frau Kongstrup hinaufkommen. Pelle ging zögernd hin, er hatte ein unheimliches Gefühl ihr gegenüber, und alle Mannspersonen waren draußen auf dem Felde.

Frau Kongstrup lag in ihres Mannes Arbeitszimmer auf dem Sofa, dort hielt sie sich beständig Tag und Nacht auf, wenn der Mann aus war. Sie hatte ein nasses Handtuch auf der Stirn und war ganz rot im Gesicht vom Weinen.

»Komm hierher«, sagte sie mit matter Stimme. »Du bist doch nicht bange vor mir?«

Pelle mußte hinkommen und sich neben ihr auf den Stuhl setzen; er wußte nicht, wo er mit seinen Augen bleiben sollte. Und seine Nase fing infolge der Spannung an zu laufen, und er hatte kein Taschentuch.

»Bist du bange vor mir?« fragte sie wieder, und ihren Mund umzuckte es bitter.

Er mußte sie ansehen, um zu zeigen, daß er nicht bange war, und sie sah auch wirklich gar nicht aus wie eine Hexe, sondern nur wie ein Mensch, der weinte und unglücklich war.

»Komm her«, sagte sie, und dann trocknete sie seine Nase in ihrem eigenen feinen Taschentuch ab und strich ihm über das Haar. »Du hast ja nicht einmal eine Mutter, du armer Junge!« Sie strich an seiner unbeholfen ausgebesserten Bluse herunter.

»Es is jetzt drei Jahre her, seit Mutter Bengta starb; sie liegt in der Westecke vom Friedhof begraben.«

»Entbehrst du sie nicht sehr?«

»Ach – Vater Lasse flickt ja mein Zeug!«

»Sie ist wohl nicht sehr gut gegen dich gewesen?«

»Ja, das is sie gewesen!« Pelle nickte eifrig. »Aber sie war so gnatzig, sie war ja immer krank – und denn is es am besten, wenn sie sterben. Aber nu verheiraten wir uns bald wieder, sobald Vater Lasse eine gefunden hat, die taugt.«

»Und dann geht ihr wohl hier fort? Du hast es hier auch wohl nicht besonders gut?«

Pelle war jetzt ins Schnacken gekommen, aber nun fürchtete er eine Falle und verstummte. Er nickte nur – niemand sollte kommen und ihm Vorwürfe machen, weil er geklagt hatte.

»Nein, du hast es auch nicht gut,« sagte sie in klagendem Ton, – »niemand hat es gut auf Steinhof. Hier wird alles zu Unglück.«

»Das soll ja ein alter Fluch sein!« sagte Pelle.

»Sagt man das? Ja, ja, ich weiß recht gut! Und von mir sagen sie, daß ich eine Hexe bin – bloß, weil ich einen einzigen lieb habe – – und mich nicht darin finden kann, daß man mich mit Füßen tritt!« Sie weinte und preßte seine Hand gegen ihr bebendes Gesicht.

»Ich muß woll hin und die Kühe umpflöcken«, sagte Pelle und wand sich unglücklich, um loszukommen.

»Nun bist du ja schon wieder bange vor mir«, sagte sie und versuchte zu lächeln – es war wie Sonnenflimmer da draußen nach einem Regen.

»Nein – aber ich muß nu hin und die Kühe umpflöcken!«

»Du hast noch eine ganze Stunde bis dahin. Aber warum hütest du heute nicht draußen – ist dein Vater krank?«

Da mußte denn Pelle die Geschichte mit dem Stier erzählen.

»Du bist ja ein guter Junge«, sagte Frau Kongstrup und streichelte ihn. »Wenn ich einen Sohn hätte, sollte er dir ähnlich sein! Aber nun sollst du Eingemachtes haben, und dann mußt du zu dem Kaufmann laufen und eine Flasche Johannisbeerrum holen, damit wir deinem Vater einen warmen Trunk machen können. Wenn du dich sputest, kannst du rechtzeitig zum Umpflöcken wieder hier sein.«

Lasse bekam seinen warmen Trunk, noch ehe der Junge zurück war, und jeden Tag, solange er lag, bekam er etwas Kräftigendes – wenn auch kein Johannisbeerrum darin war.

Am nächsten Tage, um dieselbe Zeit, war Pelle wieder bei Frau Kongstrup – ihr Mann war wohl in Geschäften in Kopenhagen. Sie war gut gegen ihn und gab ihm Süßigkeiten, und während er die verschlang, erzählte sie unaufhörlich von Kongstrup oder fragte, was die Leute von ihr sagten, Pelle mußte damit herausrücken, und dann wurde sie krank und fing an zu weinen. Ihr Reden über den Gutsbesitzer hatte kein Ende, aber sie schlug sich selbst auf den Mund, und Pelle mußte es aufgeben, daraus klug zu werden. Er hatte auch genug zu tun mit seinen Süßigkeiten.

Unten in der Kammer wiederholte er das Ganze wortgetreu, und Lasse lag da und lauschte und wunderte sich über diesen Knirps, der an höchsten Orten aus und ein ging und das Vertrauen der Herrin selbst besaß. Und doch gefiel es ihm nicht so recht.

»– – Sie konnt' kaum auf den Beinen stehen, sie mußt' sich am Tisch festhalten, als sie die Zwiebacke für mich holen wollt' – so krank war sie. Das käme bloß daher, weil er so schlecht gegen sie gewesen wär', sagte sie. Sie haßt ihn, du! Und sie könnt' ihn gern totschlagen, sagt sie. Und dabei sagt sie doch, daß er der schönste Mann auf der Welt is, und ob ich woll je einen schöneren Mann in Schweden gesehen hab'. Und dann weint sie wie verrückt.«

»Hm, ja!« sagte Lasse sinnend. »Hm, ja! Sie weiß woll nich' recht, was sie sagt – oder auch, sie hat ihre eigenen Absichten damit. Aber daß er sie schlägt, das is eine Unwahrheit! Sie lügt gewiß!«

»Warum sollt' sie woll lügen?«

»Weil sie ihm böse is. Aber das is wahr, ein Staatskerl is er – und er kümmert sich um alle anderen, bloß nich' um sie; das is das ganze Unglück. Ich mag es eigentlich gar nich', daß du so viel da oben bei ihr bist; wenn du man nich' in Ungelegenheit damit kommst!«

»Wieso? – Sie is so gut, so gut!«

»Ja, was weiß ich altes Wurm! Nee, gut is sie nich' – wenigstens hat sie keine guten Augen – sie hat woll den einen und den anderen damit ins Unglück gebracht. Aber dabei is woll nichts nich' zu machen; arme Leute müssen alles wagen.«

Lasse schwieg eine Weile und humpelte herum, dann kam er zu Pelle heran:

»Sieh einmal hier, du, hier is ein Stück Stahl, das ich gefunden hab'! Das mußt du immer bei dir haben, hörst du, vor allen Dingen, wenn du da 'raufgehst! – – Ja, und denn – – und denn müssen wir das andere in Gottes Hand legen, du! Er is der einzige, der an uns arme Leute denkt!«

Lasse war an jenem Tage ein wenig auf. Gott sei Dank schritt die Besserung schnell vor, in zwei Tagen konnte wieder alles beim alten sein. Und zum Winter wollten sie sehen, daß sie aus all diesem hier herauskamen!

Am letzten Tag, als Pelle zu Hause beschäftigt war, mußte er auch zu Frau Kongstrup kommen und eine Besorgung für sie machen. Und an dem Tage sah er etwas Unheimliches, und der Gedanke, daß dies nun bald vorbei war, erfüllte ihn mit Freude – sie nahm die Zähne, den Gaumen und alles aus dem Munde und legte es vor sich auf den Tisch.

Sie war doch eine Hexe!


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