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Ganz froh und sicher, so wie daheim auf dem Lande, konnte man hier drinnen nicht werden, es lag beständig etwas dahinter und nagte – und hinderte einen, sich ganz hinzugeben. Die meisten waren wandernd hierhergekommen, um das Glück zu suchen – es war Armut, die die Fähigkeit eingebüßt hatte, sich seinem Schicksal zu ergeben, Leute, die des Wartens müde geworden waren und die Sache in die eigene Hand genommen hatten. Und hier standen sie nun und hatten sich im Elend festgefahren. Vom Fleck kamen sie nicht, arbeiteten sich nur noch tiefer hinein. Aber sie fuhren fort, sich aus Leibeskräften anzustrengen, bis es über ihnen zusammenschlug, sie hatten nun einmal den Aufbruch in sich.
Pelle hatte sich oft genug darüber gewundert, wie viele Arme hier waren – warum strengten sie sich nicht an und wurden wohlhabend? Alle hatten sie auch etwas in der Richtung hin vor, es wurde nur nichts daraus. Warum? Sie begriffen es selbst nicht, beugten aber still den Kopf wie unter einem Fluch. Und wenn sie ihn wieder erhoben, geschah es, um den Trost der Armen, den Branntwein, zu suchen oder sich der inneren Mission anzuschließen.
Pelle begriff auch das nicht. Er hatte ein dunkles Gefühl von dem fröhlichen Wahnsinn, der sich aus der Not selbst erhebt als nebelhafter, aber mächtiger Traum, ans Licht zu gelangen. Auch er begriff nicht, warum das fehlschlug, mußte aber beständig dem Triebe aufwärts, der in ihm lag, folgen und wieder draufloskrabbeln. Sonst aber wußte er eine ganze Menge: eine zugestopfte Fensterscheibe, ein schorfiger Kinderkopf war der Abstieg zu Unterwelten, in denen er von Geburt an wegekundig war und sich mit einer Binde vor den Augen zurechtfinden konnte. Er legte keinen weiteren Wert darauf, aber nach dieser Richtung hin erweiterten sich seine Kenntnisse beständig; er stand mit dem ersten Blick mit dem armen Manne auf du und du und kannte die traurige Geschichte einer jeden Hütte. Und alles, was er sah und hörte, ward zu einem langen Kehrreim von dem gleichen, ewig unveränderlichen Sehnen und den gleichen Niederlagen. Er grübelte nicht darüber nach, aber es ging ihm niederdrückend ins Blut, raubte seinem Sinn den Übermut und die frische Spannung. Wenn er den Kopf auf das Kissen legte und einschlief, ward das Pochen des Blutes in seinem Ohr zu einem endlosen Fußschlag von müden Scharen, die unablässig herumgingen in ihrem blinden Tasten nach einem Wege, der hinausführte zu Licht und Glück. Sein Bewußtsein erfaßte das nicht; aber es legte sich lähmend auf seinen Tag.
Die bürgerliche Gesellschaft blieb ihm nach wie vor eine fremde Welt. Die meisten waren arm wie Kirchenmäuse, verdeckten das aber geschickt und schienen kein anderes Verlangen zu haben, als den Schein zu wahren. »Geld!« sagte Meister Andres – »hier is nur ein Zehnkronenschein unter den Meistern in der Stadt, und der geht von Hand zu Hand. Wenn er sich zu lange bei dem einen aufhält, geraten wir anderen alle ins Stocken.« Der Mangel an Betriebskapital hing entnervend über ihnen, aber dann prahlten sie mit Reeder Monsens Geld – es gab doch noch reiche Leute in der Stadt! Im übrigen hielten sie sich ein jeder an den eigenen Verdiensten aufrecht, der eine hatte Schuhzeug bis nach Westindien versandt, ein anderer hatte das Brautbett für des Bürgermeisters Tochter selbst gemacht; sie behaupteten sich als Klasse, indem sie mit Verachtung auf das Volk herabsahen.
Pelle hatte sich ehrlich und redlich vorgenommen, denselben Weg einzuschlagen, nach oben hin zu lächeln und das harte Urteil nach unten zu kehren, sich emporzuschlängeln wie Alfred. Aber in seiner Tiefe arbeiteten die Kräfte nach der anderen Richtung hin und stießen ihn beständig dahin zurück, wo er hingehörte. Sein Kampf mit den Straßenjungen hörte von selbst auf, er war so zwecklos; Pelle ging in den Häusern aus und ein, und die Jungen wurden nach und nach, sobald sie eingesegnet waren, seine Kameraden.
Die Straßenjungen lagen in unversöhnlichem Kampf mit denen, die die Bürger- und Lateinschule besuchten; die Ferkel hießen sie nach dem Trog, den sie auf dem Rücken trugen. Pelle hatte sich zwischen einem Doppelfeuer befunden, hatte aber den Hohn und die Spöttereien von oben her mit Lasses Sinn hingenommen als etwas, das nun einmal mit dazu gehörte. »Einige sind geboren, um zu befehlen, andere, um zu gehorchen«, wie Lasse sagte.
Aber eines Tages langte er nach einem von ihnen aus. Und als er erst den Sohn des Postmeisters so eingeweicht hatte, daß kein reiner Fleck mehr an ihm war, entdeckte er, daß er mit den Söhnen aller feinen Leute ein Hühnchen zu pflücken hatte, auch ohne daß sie ihn zu verhöhnen brauchten. Es wurde etwas an seinen Händen ausgelöst, wenn er sie so einem Burschen ins Gesicht pflanzen konnte, es war eine eigene Wonne damit verbunden, wenn er die feinen Kleider in den Schmutz trat. Wenn er eins der Ferkel durchgeprügelt hatte, war er immer in rosiger Laune und lachte bei dem Gedanken daran, wie sich Vater Lasse bekreuzigen würde.
Eines Tages begegnete er drei Gymnasiasten, die warfen sich gleich auf ihn und prügelten mit ihren Schulsachen auf ihn los; es lag eine Wiedervergeltung in jedem Schlag. Pelle hatte den Rücken gegen die Mauer gestemmt, er wehrte sich mit seinem Hosenriemen, konnte aber nicht mit den dreien fertig werden; da versetzte er dem größten von ihnen einen kräftigen Fußtritt in den Unterleib und machte sich aus dem Staube. Der Junge wälzte sich an der Erde umher und lag da und schrie, von dem oberen Ende der Straße konnte Pelle sehen, wie sich die beiden anderen abmühten, um ihn wieder auf die Beine zu bekommen. Er selbst hatte ein blutunterlaufenes Auge.
»Hast du dich nun schon wieder geprügelt, du Teufelsjunge?« sagte der Meister.
Nein! Pelle war nur gefallen und hatte sich gestoßen. – – –
Am Abend trieb er sich am Hafen herum, um den Dampfer abfahren zu sehen und Abschied von Peter zu nehmen. Er war schlechter Laune, die Ahnung von irgend etwas Schlimmem lag bedrückend auf ihm.
Am Dampfer wimmelte es von Menschen, über die Reling hing eine Schar frischgebackener Gesellen dieses Jahrganges – die mutigsten unter ihnen; die anderen waren schon zu anderem Erwerb übergegangen, waren Landbriefträger oder Knechte auf dem Lande geworden. »Da is ja keine Verwendung für uns im Fach«, sagten sie mißmutig, indem sie sanken. Sobald sie das Gesellenstück hinter sich hatten, hieß es Reißaus! neue Lehrlinge auf der ganzen Linie. Aber diese hier wollten in die Hauptstadt hinüber und im Fach weiterarbeiten. Die Hunderte von Lehrlingen aus dem Städtchen waren da und riefen jeden Augenblick Hurra! dies waren ja die Helden, die auszogen und das Glücksland für sie alle eroberten. »Wir kommen euch nach!« riefen sie. »Verschaff mir einen Platz, du! – Verschaff mir einen Platz!«
Emil stand dort an dem Schuppen zwischen ein paar anderen Hafenarbeitern und sah ihnen zu – seine Zeit war längst verpaßt. Der älteste Lehrling hatte nicht den Mut gehabt auszufliegen, er war jetzt Landbriefträger im Südlande und flickte des Nachts Schuhe, um leben zu können. Jetzt stand Peter droben, Jens und Pelle standen unten und sahen bewundernd zu ihm auf. »Adieu, du, Pelle!« rief er. »Grüß Jeppe und sag', er kann mir den Arsch lecken.«
Einige von den Meistern spazierten da unten herum, um acht zu geben, daß keiner von den Lehrlingen des Städtchens Reißaus nahm.
Jens sah wohl der Zeit entgegen, wo er selbst brotlos dastand. »Schick' mir deine Adresse, du«, sagte er. »Und dann verschaffst du mir was da drüben.«
»Und mir auch!« sagte Pelle.
Peter spie aus. »Pfui Deubel! das war ein bißchen saure Kohlsuppe – das nehmt man mit nach Haus und grüßt Jeppe, und ich wünsche ihm Prost Mahlzeit! Aber Meister Andres müßt ihr vielmals grüßen! Und wenn ich schreibe, dann kommt ihr, hier in diesem Loch is ja doch nichts zu machen!«
»Laßt euch man nich' von den Soschaldemokraten auffressen!« rief jemand den von dannen Ziehenden zu. Das Wort Sozialdemokraten war zu dieser Zeit auf aller Lippen, aber niemand wußte, was es bedeutete – es wurde als Schimpfwort gebraucht.
»Wenn sie mit ihrem Teufelskram zu mir kommen, denn kriegen sie einen ans Maul!« sagte Peter schneidig. – Und dann setzte sich der Dampfer in Bewegung – das letzte Hurra bekamen sie von der äußersten Mole. Pelle hätte sich am liebsten in die See gestürzt, so brannte es in ihm, dem Ganzen den Rücken zu kehren. Und dann ließ er sich von dem Strom über den Hafenplatz bis an das Zirkuszelt führen. Auf dem Wege dahin fing er ein paar Worte von einer Unterhaltung auf, die es ihm heiß um die Ohren machte. Zwei Bürger gingen vor ihm her und sprachen.
»Er soll einen solchen Fußtritt gekriegt haben, daß er Blut bricht«, sagte der eine.
»Ja, es ist schrecklich mit diesem Gesindel! Hoffentlich fassen sie den Lümmel fest an!«
Pelle drückte sich hinter dem Zelt herum bis an die Öffnung, dort stand er jeden Abend und sog das Ganze durch den Geruch ein. Geld, um hineinzugehen, hatte er nicht, aber hier ließ sich eine ganze Menge von der Herrlichkeit auffangen, wenn der Vorhang in die Höhe gezogen wurde, um einen Nachzügler einzulassen. Albinus kam und ging nach Belieben – wie immer, wenn da Gaukler im Städtchen waren. Er war, fast ehe er sie sah, mit ihnen bekannt. Wenn er so eine richtige Kraftproduktion gesehen hatte, kam er unter der Leinwand herausgekrochen, um den Kameraden zu zeigen, daß er das auch könne. Er war so recht in seinem Element, ging auf den Händen auf dem schmalen Bollwerk entlang und ließ den Körper über das Wasser hängen.
Pelle hatte Luft, nach Hause zu gehen und die ganze Geschichte zu verschlafen; aber da kam ihm ein glückliches Paar entgegen, eine Frau, die im Tanzschritt daherging und einen jungen, verlegenen Arbeiter fest unterm Arm hielt. »Du, Hans,« sagte sie – »das is Pelle, der schuld daran is, daß wir zwei zusammengehören.« Dann lachte sie laut in ihrer Freude, und Hans reichte Pelle lächelnd die Hand. »Hab' Dank dafür«, sagte er.
»Ja, das war das Tanzfest«, sagte sie. »Hätt' ich meine Tanzschuhe nich' in Ordnung gehabt, dann wär' Hans mit 'ner andern weggeflogen, du!« Sie packte Pelle beim Arm. Und dann gingen sie, herzlich beglückt durcheinander, und in Pelle regte sich der Übermut wieder ein wenig. Er konnte doch auch so allerlei Kraftkunststücke.
Am nächsten Tage war Pelle an Bäcker Jörgen ausgeliehen, um Teig zu kneten, der Bäcker hatte in ganz kurzer Frist eine große Bestellung Schiffszwieback für »Drei Schwestern« bekommen.
»Daß ihr euch gehörig tummelt!« rief er jeden Augenblick den beiden Jungen zu, die die Strümpfe ausgezogen hatten und nun oben in dem großen Knettrog standen und stampften, die Hände um die Leiste, die unter den Balken festgenagelt war. Die Balkendecke war schwarz von olmigem Holz; Qualm und Staub und schmutziger Teig flossen als schleimige Masse an den Wänden herab. Wenn sie sich zu schwer an die Leiste hingen, rief der Bäcker zu ihnen hinauf: »Braucht mir euer ganzes Gewicht! Runter in den Teig mit euch – dann kriegt ihr Füße wie ein Schönjungferlein! Von den Leichdörnern bleibt nich' viel sitzen, wenn wir fertig sind!«
Sören ging für sich einher, gesenkten Hauptes wie immer, hin und wieder seufzte er. Dann puffte der alte Jörgen Marie in die Seite, und sie lachten beide. Sie standen dicht nebeneinander, wenn sie den Teig ausrollten, begegneten sich die Hände, sie lachten und schäkerten in einem fort. Aber der Junge sah sie gar nicht.
»Siehst du denn nich'?« flüsterte die Mutter ihm zu und stieß ihn hart in die Seite; sie hatte ihre wütenden Augen beständig auf die beiden gerichtet.
»Ach, laß mich in Frieden«, sagte der Sohn nur und rückte ein wenig von ihr fort. Aber sie rückte ihm nach: »Geh doch hin und faß sie um, das will sie ja! Warum, meinst du, schiebt sie den Busen so vor? faß sie um! Laß ihre Hüften deine Hände fühlen, wirf den Alten beiseite!«
»Ach, laß mich in Frieden«, entgegnete Sören und rückte wieder von ihr fort.
»Du verlockst den Vater zu Sünden – du weißt, wie er is! Und sie kann sich nich' mehr recht beherrschen, jetzt, wo sie Anspruch darauf hat, in der Sache mitreden zu dürfen. Willst du das all auf dir sitzen lassen? Geh doch hin und faß sie rund um! Hau sie, wenn du sie nicht leiden kannst – aber laß sie fühlen, daß du ein Mann bist!«
»Na, schafft ihr was da oben?« rief der alte Jörgen zu ihnen herauf und wandte sein lächelndes Gesicht von Marie ab. »Tretet nur zu! Der Teig soll euch woll alle Ungesundheit aus dem Leib ziehen! Und du, Sören – so tummel dich doch!«
»Ja, so tummel dich doch, steh da nich' wie ein Blödsinniger!« fuhr die Mutter fort.
»Ach, laß mich in Ruh! Ich hab' keinem Menschen was getan, laßt mich doch in Frieden!«
»Pfui!« – Die Alte spie nach ihm. »Bist du ein Mann – Läßt andere deine Frau befingern? Sie muß mit 'm alten gichtbrüchigen Kerl vorliebnehmen! Pfui! sag' ich. Aber am Ende bist du auch 'n Frauenzimmer, du? Ich hab' mal 'ne Dirn zur Welt gebracht, ich wußt' nich' anders, als daß sie gestorben is – aber am Ende bist du das – Ja, macht ihr man lange Ohren!« rief sie den beiden Jungen zu – »so was, was hier vorgeht, habt ihr noch nie erlebt. Das da is ein Sohn, der seinen Vater alle Arbeit allein tun läßt!«
»Na, schafft ihr was?« rief der alte Jörgen munter. »Mutter verdreht den jungen Leuten doch woll nich' den Kopf?« Marie stimmte unten ein klangvolles Lachen an.
Jeppe kam und holte Pelle. »Nu sollst du aufs Rathaus und Prügel haben«, sagte er, als sie in die Werkstatt kamen. Pelle wurde aschgrau.
»Was hast du denn nu wieder gemacht?« sagte Meister Andres und sah ihn betrübt an.
»Ja, und noch dazu unser Kunde!« sagte Jeppe. »Das hast du wohlverdient.«
»Kann Vater die Strafe nich' ablösen?« fragte der junge Meister.
»Ich hab' vorgeschlagen, daß Pelle 'ne tüchtige Tracht Prügel hier in der Werkstatt haben sollt', in Gegenwart des Adjunkten und des Sohnes. Aber der Adjunkt sagte nein. Er wollte der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen.«
Pelle sank ganz zusammen. Er wußte, was es bedeutete, wenn ein armer Junge aufs Rathaus kam und zeitlebens gebrandmarkt wurde. Sein Gehirn suchte verzweifelt nach Auswegen. Es gab nur einen – den Tod. Er konnte den Spannriemen heimlich unter die Bluse stecken und in das kleine Haus hinausgehen und sich erhängen. Er vernahm ein eintöniges Getöse, das war Jeppe, der eine Ermahnungsrede hielt, aber die Worte hörte er nicht: seine Seele hatte die Wanderung in den Tod bereits angetreten. Als das Getöse innehielt, erhob er sich geräuschlos.
»Was? Wo willst du hin?« fuhr Jeppe auf.
»Nach dem Hof« – sprach er wie ein Nachtwandler.
»Willst du den Spannriemen vielleicht mit 'rausnehmen?« Jeppe und der Meister wechselten beredte Blicke. Da trat Meister Andres auf ihn zu: »So dumm wirst du doch nich' sein?« sagte er und sah Pelle tief in die Augen. Dann machte er sich zurecht und ging in die Stadt.
»Pelle, du Teufelsjunge,« sagte er, als er nach Hause kam – »nu bin ich von Herodes zu Pilatus gelaufen und habe es so geordnet, daß du davon abkommst, wenn du um Verzeihung bittest. Um eins mußt du nach dem Gymnasium gehen. Überleg' dir aber vorher, was du sagen willst, denn die ganze Klasse soll es mit anhören.«
»Ich will nich' um Verzeihung bitten!« Es entrang sich ihm wie ein Schrei.
Der Meister sah ihn zögernd an: »Das is doch keine Schande wenn man unrecht gehandelt hat.«
»Ich habe nicht unrecht gehandelt. Sie haben angefangen, und sie haben mich schon lange gehänselt.«
»Aber du hast geschlagen, Pelle, und die Feinen darf man nich' schlagen; sie haben ein ärztliches Attest, das dir den Garaus machen kann. Verkehrt dein Vater vielleicht mit dem Amtsrichter, du? Sie können dich für den Rest deines Lebens ehrlos machen – ich meine, du solltest das geringere Übel wählen.«
Nein, Pelle konnte sich nicht entschließen. »Dann sollen sie mich lieber durchpeitschen!« sagte er verbissen.
»Na, ja, dann findet es um drei Uhr auf dem Rathaus statt«, sagte der Meister kurz, während es ihm um die Augen rot wurde.
Plötzlich fühlte Pelle, wie wehe sein Eigensinn dem jungen Meister tun mußte, der, lahm und krank wie er war, um seinetwillen durch die ganze Stadt gerannt war. »Ja, ich will es tun,« – sagte er – »ja, ich will es tun!«
»Ja, ja,« erwiderte Meister Andres ruhig – »um deiner selbst willen also. Und dann glaube ich, daß du dich jetzt fertig machen mußt.«
Pelle schlenderte von dannen; es war nicht seine Absicht, um Verzeihung zu bitten, also hatte er reichlich Zeit. Er ging wie im Schlaf, in ihm war alles tot. Die Gedanken fingen interessiert alles Gleichgültige auf und verweilten dabei, als gelte es, irgend etwas durch Plaudern hinzuhalten – der verrückte Anker ging mit seinem Sandsack über dem Nacken die Straße hinab, die dünnen Beine wackelten unter ihm. »Ich sollte ihm tragen helfen,« dachte Pelle demütig, während er weiterging' – »ich sollte ihm tragen helfen.«
Alfred kam die Straße hinabspaziert, er ging mit seinem Renommierstock und hatte Handschuhe an, obwohl es mitten in der Arbeitszeit war. »Wenn er mich nun sieht, biegt er beim Kohlenhändler um die Ecke«, dachte Pelle bitter. »Sollte ich ihn nich' bitten, ein gutes Wort für mich einzulegen? – Er is so ansehnlich! Und er schuldet mir noch Geld für ein Paar Versohlungen.«
Aber Alfred steuerte gerade auf ihn los. »Hast du Albinus nicht gesehen? – Er ist verschwunden!« sagte er; es sah so aus, als rühre sich etwas in seinem geleckten Gesicht. Er stand da und sog an dem Schnurrbart, genau so wie die feinen Leute, wenn sie über etwas nachgrübeln.
»Ich muß aufs Rathaus«, sagte Pelle.
»Ja, das weiß ich – du sollst durchgepeitscht werden. Aber weißt du nichts von Albinus?« Alfred hatte ihn in den Torweg des Kohlenhändlers gezogen, um nicht in seiner Gesellschaft gesehen zu werden.
»Ja, Albinus, Albinus« – es dämmerte etwas in Pelle. So hieß ja – – »Wart' mal, er – er is gewiß mit dem Zirkus durchgebrannt. Das glaube ich wenigstens!« Da machte Alfred kehrt und rannte – rannte in seinen guten Kleidern!
Natürlich war Albinus durchgebrannt, Pelle begriff das Ganze so gut. Er hatte sich gestern abend an Bord von Ole Hansens Jacht geschlichen, die im Laufe der Nacht die Kunstreiter nach Schweden hinüberführen sollte – jetzt würde er ein herrliches Leben führen, das tun, wozu er Lust hatte. Ausreißen, das war der einzige klare Ausweg im Leben; ehe Pelle sich's versah, stand er unten am Hafen und starrte ein Schiff an, das im Abbruch begriffen war. Er folgte seiner Eingebung und ging herum und erkundigte sich nach einer Schiffsgelegenheit, aber da war keine.
Er saß unten auf dem Helgen und spielte mit einem Span im Wasser. Es sollte einen Dreimaster vorstellen, und Pelle gab ihm eine Ladung; aber jedesmal, wenn er in See gehen sollte, kenterte er, und er mußte von neuem mit dem Beladen beginnen. Ringsumher arbeiteten Zimmerleute und Steinhauer an den Vorbereitungen zu dem neuen Hafen; und da hinten, ein wenig für sich, stand »die Kraft« und arbeitete, während wie gewöhnlich einige Menschen in seiner Nähe herumlungerten; sie standen da und glotzten, in unheimlicher Erwartung, daß sich etwas ereignen sollte. Pelle hatte selbst ein Gefühl von etwas Verhängnisvollem, während er dasaß und im Wasser plätscherte, um sein Schiff hinauszutreiben; er würde es als Offenbarung des heiligsten Lebensprinzips aufgefaßt haben, wenn Jörgensen angefangen hätte, vor seinen Augen zu rasen.
Aber der Steinhauer legte nur den Hammer hin, um die Branntweinflasche unter dem Stein herauszuholen und einen Schluck zu nehmen; sonst stand er so ruhig über den Granit gebeugt, als gäbe es keine anderen Mächte in der Welt als den und ihn. Er sah die Leute gar nicht, die in gaffender Erwartung dastanden, die Schuhe voll Leichtfüßigkeit, parat, bei dem mindesten Ruck seinerseits zu verduften.
Er schlug, daß die Luft seufzte, und wenn er sich wieder aufrichtete, schweifte sein Blick an ihnen vorüber. Allmählich hatte Pelle alle seine Erwartungen auf diesen einen zusammengedrängt, der den Haß der Stadt trug, ohne mit der Wimper zu zucken, und in aller Gemüter spukte. Für die Phantasie des Knaben ward er zu einer geladenen Mine; hier stand man und wußte nicht, ob sie angezündet war, in einem Nu konnte das Ganze in die Luft springen. Er war ein Vulkan, kraft seiner Gnade bestand die Stadt von Tag zu Tag. Und zuweilen ließ Pelle ihn sich ein wenig schütteln – gerade so viel, daß das Ganze ins Schwanken geriet.
Aber jetzt bestand obendrein ein Geheimnis zwischen ihnen – »die Kraft« war ebenfalls bestraft, weil sie sich an den Feinen vergriffen hatte! Pelle war nicht müßig, die Konsequenzen zu ziehen – stand dort nicht schon ein Bürger Posten und beobachtete sein Spiel? Auch er war ein Schrecken der Bevölkerung. Vielleicht tat er sich mit der Kraft zusammen, und dann sollte nicht viel von der Stadt übrigbleiben. Des Tages wollten sie sich oben zwischen den Klippen verborgen halten, aber des Nachts kamen sie herunter und plünderten die Stadt. Nur über alle die, die sich das Ihre als Blutsauger verdient hatten, fielen sie her; die Leute versteckten sich im Keller und auf dem Boden, wenn sie hörten, daß Pelle und die Kraft im Anmarsch seien. Der reiche Reeder Monsen hing am Kirchturm und baumelte dort zum Schrecken und zur Warnung für alle. Aber die Armen kamen vertrauensvoll wie Lämmer und fraßen ihnen aus der Hand. Sie bekamen alles, was sie sich wünschten, und damit war die Armut aus der Welt geschafft, und Pelle konnte sich ohne ein Gefühl des Verrates seinem leichten, aufwärtsführenden Weg zuwenden.
Sein Blick fiel auf die Uhr an der Hafenwache, es war bald drei. Er sprang auf und sah sich unschlüssig um – über die See hinaus und in das tiefe Wasser des Hafens starrte er nach Hilfe. Manna und ihre Schwestern – sie würden dem entehrten Pelle verächtlich den Rücken wenden und ihn nicht mehr ansehen. Und die Leute würden mit den Fingern zeigen oder ihn auch nur ansehen und denken: »Ei, da geht ja der, der auf dem Rathaus ausgepeitscht wurde!« Wohin er auch in der Welt kam, immer würde es ihm wie ein Schatten folgen, daß er als Kind ausgepeitscht worden war – so etwas hing einem Menschen sichtbar an! Er kannte Knechte und Mägde und alte einsilbige Männer, die nach Steinhof kamen aus Gegenden, wo kein anderer gewesen war. Ganz unbekannt konnten sie kommen, war da aber etwas in ihrer Vergangenheit, so erhob es sich trotzdem hinter ihnen und ging flüsternd von Mund zu Munde.
Er streifte verzweifelt umher in seiner Hilflosigkeit und kam bei seinem Umherstreifen zu Steinhauer Jörgensen. »Na,« sagte die Kraft, und legte den Hammer nieder – »du hast dich wohl mit den Großbürgern erzürnt? Glaubst du nun auch, daß du die Ohren steif halten kannst?« Dann griff er wieder nach dem Hammer. Aber Pelle fand seine Richtung und lief schwer keuchend dem Rathaus zu.