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Oft genug mußte Pelle es bereuen, daß er sich auf fünf Jahre als Lehrling verdungen hatte. Er hatte während seiner Lehrzeit hundert, wohl auch zweihundert Jungen in die Reihe der Gesellen aufrücken sehen; dann wurden sie sofort auf die Straße gesetzt, während neue Lehrlinge vom Lande und aus der Stadt die Zahl wieder vollmachten. Da standen sie dann und sollten auf eigene Faust anfangen. In den meisten Fällen hatten sie nichts Ordentliches gelernt, sondern hatten nur dagesessen und das tägliche Brot für den Meister erarbeitet; nun sollten sie plötzlich dem Fach gegenüber die Verantwortung übernehmen. Emil war vor die Hunde gegangen, Peter war Landbriefträger und verdiente eine Krone den Tag; dafür mußte er fünf Meilen gehen. Wenn er nach Hause kam, konnte er sich mit Pfriem und Pechdraht hinsetzen und den Rest für den Lebensunterhalt während der Nacht verdienen. Viele verließen das Fach ganz. Sie hatten ihre besten Jugendjahre nutzlos mit Arbeit verbracht.
Jens war es nicht besser ergangen wie den meisten. Er saß da und machte Flickarbeit als kleiner Meister; sie hungerten geradezu. Das Mädchen hatte kürzlich eine Fehlgeburt gehabt, und sie hatten nichts zu beißen und zu brechen. Wenn Pelle zu ihnen herauskam, saßen sie in der Regel da und starrten einander mit roten Augen an; über ihren bangen Köpfen hing die Polizei wie eine Drohung, weil sie ja nicht verheiratet waren. »Wenn ich mich nur auf Erdarbeiten verstünde,« sagte Jens, »so würde ich aufs Land hinausgehen und bei einem Bauern dienen.«
Bei all seiner Sorglosigkeit konnte Pelle nicht umhin, in all den andern sein eigenes Schicksal zu sehen; nur seine Anhänglichkeit an Meister Andres hatte ihn verhindert, Reißaus zu nehmen und etwas anderes anzufangen.
Nun löste sich das Ganze plötzlich von selber auf, der alte Jeppe verkaufte das Geschäft mit Lehrlingen und allem. – Pelle wollte sich nicht verkaufen lassen; jetzt war die Gelegenheit da, jetzt wollte er mit schnellem Entschluß diesen Abschnitt zu Ende bringen.
»Du gehst nicht,« sagte Jeppe drohend – »du hast noch ein Jahr von deiner Lehrzeit vor dir! Ich melde dich bei der Polizei – und was das heißt, das hast du ja erfahren.« Aber Pelle ging. Nachher konnten sie, soviel sie wollten, nach der Polizei rennen.
Froh und leichten Sinnes mietete er eine Mansardenkammer oben auf dem Hafenhügel und schaffte seine Habseligkeiten dorthin. Es war, als recke er sich nach jahrelanger Sklaverei, niemand hatte er mehr über sich, keine Last, keine Verpflichtung. Jahrelang hatte er gegen einen beständigen Niedergang gekämpft, es hatte seinen Jugendmut gerade nicht gestärkt, Tag für Tag seine Kräfte vergebens gegen den Rückgang in der Werkstatt anzustrengen; er konnte nur den Lauf ein wenig zurückhalten, und im übrigen mußte er mitgleiten. Ein gut Teil Resignation und ein wenig zu viel Geduld im Verhältnis zu seinen achtzehn Jahren, das war seine augenblickliche Ausbeute von der Fahrt den Hügel hinab.
Jetzt lag das Ganze unten am Fuße des Hügels, und er konnte zur Seite treten und sich ein wenig wieder aufrichten. Sein Gewissen war in Ordnung, und eine etwas verkümmerte Freude über die Freiheit, das war alles, was er gewonnen hatte. Geld, um zu reisen, hatte er nicht, und seine Kleider waren in einer argen Verfassung; aber das kümmerte ihn vorläufig nicht. Er atmete nur tief auf und sah die Zeit an. Der Tod des Meisters hatte eine so große Leere in ihm hinterlassen. Er entbehrte den seelenvollen Blick, der ihm ein Gefühl eingeflößt hatte, als stehe er im Dienste einer Idee; die Welt um ihn her war so wunderlich gottverlassen geworden, jetzt, wo dieser Blick nicht mehr halb klar und halb unergründlich auf ihm ruhte und diese Stimme schwieg, die ihm immer zu Herzen ging, sowohl wenn sie zornig, wie auch wenn sie unendlich milde oder ausgelassen war! – Wo die ertönt war, begegnete sein Ohr jetzt der Einsamkeit.
Er tat nichts, um sich aufzuraffen, und faulenzte. Dieser oder jener Meister war nach ihm aus; sie wußten ja alle, daß er ein schneller und zuverlässiger Arbeiter war, und wollten ihn gern als Lehrling haben für eine Krone die Woche und die Kost. Aber Pelle wollte nicht. Er fühlte, daß dort seine Zukunft nicht lag. Und über das hinaus wußte er nichts, sondern wartete nur wunderlich dumpf darauf, daß etwas geschehen sollte – irgend etwas. Er war aus seinem festen Dasein herausgedrängt und hatte selber nicht das Bedürfnis einzugreifen. Von seinem Fenster aus konnte er in den Hafen hinabsehen, das große Unternehmen war nach dem strengen Winter wieder in vollem Gange. Da stieg ein Summen von der Arbeit zu ihm herauf, sie hauten, bohrten und sprengten, die Kippwagen wanderten in langen Reihen die Schienen hinauf, warfen ihren Inhalt draußen am Uferrande ab und kamen wieder. Seine Glieder sehnten sich nach strenger Arbeit mit Hacke und Schaufel, aber der Gedanke schlug doch nicht die Richtung ein.
Kam er auf die Straße, so wandten die strebsamen Bürger den Kopf nach ihm um und tauschten Bemerkungen aus, laut genug, daß sein Ohr sie auffangen konnte. »Da geht Meister Jeppes Lehrling und bummelt,« sagten sie zueinander – »jung und stark ist er, aber er mag nichts tun. Er wird noch mit der Zeit ein Tagedieb – das sollt ihr mal sehen. – Ja, war er es nicht auch, der auf dem Rathaus Prügel bekam wegen seines rohen Benehmens? Was ist da anderes zu erwarten?«
Und dann hielt sich Pelle zu Hause. Hin und wieder bekam er ein wenig Arbeit von den Kameraden und armen Leuten, die er kannte, mühte sich dann ab ohne Gerätschaften und ging, wenn er gar nicht anders fertig werden konnte, zu Jens hinaus. Jens hatte Falz und Leisten. Sonst saß er am Fenster und fror und starrte hinaus über den Hafen und die See. Er sah, wie die Schiffe aufgetakelt wurden und in See gingen, und mit jedem Schiffe, das aus dem Hafen glitt und am Horizont verschwand, war es ihm, als entgleite ihm eine letzte Möglichkeit; er hatte diese Empfindung, aber sie rührte ihn nicht. Von Morten zog er sich ganz zurück und ging auch nicht mehr unter andere Menschen. Er schämte sich darüber, los und ledig zu gehen, während alle anderen arbeiteten.
Mit dem Essen hatte er sich praktisch eingerichtet; er lebte von Milch und Brot und brauchte am Tage nur ein paar Öre. Er konnte sich gerade den ärgsten Hunger vom Leib halten. An Feuerung war nicht zu denken. Wenn er so müßig dasaß, genoß er mit einer gewissen Beschämung seine Ruhe, im übrigen regte sich nicht viel in ihm.
Wenn des Morgens die Sonne schien, stand er früh auf und schlich aus der Stadt hinaus. Den ganzen Tag streifte er in den großen Nadelwäldern umher oder lag auf den Strandhügeln und ließ das Murmeln des Meeres in seinen Halbschlummer hineinbrausen. Er aß wie ein Hund, was ihm von Eßbarem vorkam, ohne darüber nachzudenken, woraus es bestand. Das Sonnenglitzern auf dem Wasser und der starke Duft der Nadelbäume und das beginnende Auftreiben der faulenden Säfte, die der Frühling mit sich führt, machte ihn wirr und füllte sein Gehirn mit halbwilden Vorstellungen. Die Tiere fürchteten sich nicht vor ihm, sondern blieben nur einen Augenblick stehen und schnoben den Geruch ein; dann lebten sie sorglos weiter und erfüllten ihr tägliches Leben vor seinen Augen. Das störte ihn nicht in seinem Halbschlummer, aber wenn sich menschliche Wesen ihm näherten, schlich er davon und verbarg sich mit einem feindlichen, fast gehässigen Gefühl. Er empfand eine Art Wohlsein hier draußen. Oft stieg der Gedanke in ihm auf, seine Wohnung da drinnen aufzugeben und sich des Nachts unter irgendeine Tanne zu verkriechen.
Erst wenn die Finsternis ihn verbarg, kehrte er nach Hause zurück, warf sich mit den Kleidern auf das Bett und lag dann da und fiel in Schlummer. Wie aus der Ferne konnte er seinen Nachbar, den Taucher Ström, in wackelndem Schritt über den Boden gehen und nebenan mit seinen Eßgerätschaften rumoren hören. Der Speisequalm, der, mit Schlafgeruch und Tabaksrauch vermengt, immer durch die dünne Bretterwand zu ihm hereindrang und erstickend schwer über seiner Stirn hing, ward jetzt stärker. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Er schloß die Augen und zwang sich in andere Vorstellungen hinein, um den Hunger zu betäuben. Da ertönten die bekannten leichten Schritte auf der Bodentreppe und jemand pochte an die Tür – es war Morten. »Bist du zu Hause, Pelle?« fragte er. Aber Pelle rührte sich nicht.
Pelle konnte hören, wie Ström mit breiten Bissen in das Brot hineinhieb und schmatzend kaute, und zwischen dem Kauen ertönte auf einmal ein wunderlicher Laut, ein unterdrücktes Brüllen, das jedesmal unterbrochen wurde, wenn er einen Mundvoll nahm; es klang, als wenn ein Kind zugleich ißt und heult. Daß ein anderer Mensch weinte, schmolz etwas in Pelle und erfüllte ihn mit einem schwachen Gefühl von etwas Lebendigem; er richtete sich auf den Ellbogen auf und lauschte, und während sich ein kalter Schauer nach dem andern an seinem Rücken herabschlich, lag er da und lauschte, wie sich Ström mit dem Entsetzlichen herumschlug.
Man sagte, Ström sei hier, weil er in seiner Jugend in der Heimat irgend etwas begangen hatte, und Pelle vergaß seine eigene Not und lauschte starr vor Entsetzen diesem Kampf mit den bösen Mächten, der damit begann, daß Ström geduldig, mit ballender, tränenvermengter Rede die Worte der Bibel gegen die wimmelnden, kleinen Teufel anführte. »Am Ende kann ich euch dazu bringen, daß ihr den Schwanz zwischen die Beine nehmt?« rief er aus, wenn er ein Stück gelesen hatte. Es lag eine eigene Breite in seiner Stimme, ein Bedürfnis nach Frieden. – »Ach so!« rief er nach einer Weile aus – »ihr wollt noch mehr, ihr verteufelten Halunken? Was sagt ihr denn hierzu –? Ich, der Herr, dein Gott, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs –« Ström jagte die Worte heraus, das Böse brach sich Bahn in seiner Stimme, und plötzlich verlor er die Geduld. Er nahm das Buch und schleuderte es an den Boden. »Dann soll euch der Satan holen!« schrie er und schlug mit den Möbeln da drinnen um sich.
Pelle lag in Schweiß gebadet da bei diesem besessenen Kampf; mit einem Gefühl der Befreiung hörte er, wie Ström das Fenster öffnete und die Teufel über die Dächer hinabjagte. Der Taucher führte den letzten Teil des Kampfes mit einem gewissen Humor aus. Er redete lockend und schmeichelnd in die Ecke hinein: »Sieh, du kleiner, süßer Teufel, was für einen weichen Pelz du doch hast – Ström darf dich doch wohl ein wenig streicheln! – Nee, das hättest du doch wohl nicht erwartet, sind wir dir zu klug gewesen? Wie? Du willst noch beißen, du Teufelsjunge! – Da, nun brich dir nur die Augenbrauen nicht!« Ström schloß das Fenster mit einem innigen Glucksen.
Eine Weile ging er umher und amüsierte sich. »Ström ist doch noch Manns genug, um die Höhle selbst zu säubern«, sagte er zufrieden.
Pelle hörte ihn zu Bett gehen und fiel selbst in Schlaf. In der Nacht aber erwachte er davon, daß Ström dalag und taktfest mit dem Kopf gegen die Bretterwand schlug und weinend sang: »An den Ufern von Babylon!« – Mitten im Gesange schwieg der Taucher und stand auf. Pelle hörte ihn hin und her tasten und auf den Boden hinausgehen. Von Schreck ergriffen, sprang er aus dem Bett und zündete Licht an. Da draußen stand Ström und war im Begriff, eine Schlinge über den Balken zu legen. »Was willst du hier?« sagte er grimmig. – »Kann ich denn jetzt auch vor dir keinen Frieden mehr haben?«
»Warum willst du Hand an dich legen?« fragte Pelle leise.
»Da sitzt eine Frau und ein kleines Kind und weint mir immer und ewig die Ohren voll. Ich kann es nicht mehr aushalten«, antwortete Ström und knüpfte an seinem Strick weiter.
»Denke doch an das kleine Kind«, sagte Pelle bestimmt und riß den Strick herunter. Da ließ sich Ström willenlos hineinführen und kroch in das Bett. Aber Pelle mußte bei ihm bleiben, er wagte nicht, das Licht auszulöschen und allein im Dunkeln zu liegen.
»Sind es die Teufel?« fragte Pelle.
»Was für Teufel?« Ström wußte nichts von Teufeln. »Nein, es ist die Reue«, antwortete er. »Das Kind und seine Mutter klagen mich beständig wegen meiner Treulosigkeit an.«
Aber im nächsten Augenblick konnte er aus dem Bett springen und dastehen und pfeifen, als locke er einen Hund. Mit einem raschen Griff hatte er etwas im Nacken gepackt, öffnete das Fenster und warf es hinaus. »So, das war es,« sagte er befreit, »nun ist da nichts mehr von der Teufelsbrut!« Er langte nach der Branntweinflasche.
»Laß die doch stehen«, sagte Pelle und nahm ihm die Flasche weg. Der Wille wuchs ihm beim Anblick von des andern Elend.
Ström kroch wieder in das Bett; er lag da, warf sich hin und her, und seine Zähne klapperten. »Wenn ich nur einen Schluck kriegen könnte,« sagte er flehend, »was kann mir das wohl schaden – es ist das einzige, was mir hilft! Warum soll man denn immerfort sich quälen und den Anständigen spielen, wenn man auf so billige Weise seiner Seele Frieden erkaufen kann? Gib mir einen Schluck!« Dann reichte ihm Pelle die Flasche. »Du sollst selbst einen nehmen, das richtet auf! Glaubst du, daß ich nicht sehen kann, daß du auch Schiffbruch gelitten hast? Der arme Mann stößt so leicht auf Grund, er hat so wenig Wasser unter dem Kiel. Und wer, meinst du, hilft ihm wieder flott, wenn er den einzigen guten Freund verraten hat? Nimm doch einen Schluck, das belebt den Teufel in uns und gibt uns Mut fürs Leben.«
Nein, Pelle wollte zu Bett.
»Warum willst du denn jetzt gehen? Bleib doch hier, es ist ja so gemütlich. Wenn du mir etwas erzählen könntest, das mir nur für eine kurze Weile den verdammten Laut aus den Ohren treiben könnte! Da ist eine junge Frau und ein kleines Kind und die tuten mir beständig die Ohren voll.«
Pelle blieb und versuchte den Taucher zu zerstreuen. Er griff in seine eigene leere Seele hinein und wußte nicht, was er finden sollte; so erzählte er denn von Vater Lasse und von ihrem Leben auf Steinhof, bunt durcheinander, was ihm gerade einfiel. Aber die Erinnerungen bauten sich in ihm selber auf bei der Erzählung und starrten ihn so trübselig an, daß sie sein gelähmtes Seelenleben wach riefen. Plötzlich empfand er Schmerz über sich selber und gab sich dem hilflos hin.
»Nanu,« sagte Ström und erhob den Kopf, – »kommt nun die Reihe an dich? Du hast am Ende was Niederträchtiges zu bereuen – oder was fehlt dir?«
»Ich weiß es nich'.«
»Du weißt es nicht? Das ist ja beinahe so wie die Frauenzimmer, wenn sie heulen, das gehört mit zu ihrem Pläsier. Aber Ström ist kein Kopfhänger; er würde gern die Freude in sich aufkommen lassen, wenn ihn nicht ein paar Kinderaugen tagaus tagein vorwurfsvoll ansähen – und die Anklage einer jungen Frau! Die beiden sitzen daheim in Schweden und ringen die Hände um das tägliche Brot. Hier geht der Versorger und legt seinen Verdienst in Wirtshäusern an. Vielleicht sind sie auch schon tot, weil ich sie verlassen habe. Siehst du, das ist ein reeller Kummer; das ist kein Kindergesabbel um nichts! – Aber einen Schnaps sollst du darum doch haben.«
Pelle hörte nicht; er saß da und starrte blind vor sich hin. Auf einmal fing der Stuhl an mit ihm zu segeln, er war einer Ohnmacht nahe vor Hunger. »Na, denn gib mir nur einen Schnaps – ich hab heut noch keinen Bissen gegessen!« Er lächelte beschämt bei dem Geständnis.
Ström war mit einem Satz aus dem Bett heraus. »Nein, dann sollst du was zu essen haben«, sagte er eifrig und schaffte Mundvorrat herbei. »Hat man je so was gesehen, so ein desperater Teufel will Branntwein in einen leeren Magen gießen! Iß du man, dann kannst du dich anderswo volltrinken! Ström hat genug auf dem Gewissen außerdem. – Seinen Branntwein kann er selbst trinken. Na ja, dann hast du aus Hunger geheult! War es mir doch gleich, daß es so klang wie Kinderweinen.« –
Solche Nächte erlebte Pelle häufiger, sie vertieften seine Welt nach der Richtung des Finstern hin. Wenn er spät nach Hause kam und sich über den Boden tastete, ging er in einem geheimen Grauen, daß er Ströms entseelten Körper streifen könne; er atmete erst auf, wenn er ihn da drinnen schnarchen oder herumregieren hörte. Er sah gern bei ihm ein, ehe er sich schlafen legte.
Ström freute sich immer über ihn und bot ihm Essen an, Branntwein wollte er aber nicht an ihn herausrücken. »Das ist nichts für einen so jungen Menschen, wie du es bist! Kannst noch früh genug Geschmack daran finden.«
»Trinkst ja selbst«, sagte Pelle eigensinnig.
»Jawohl trinke ich, um die Reue zu betäuben. Aber das hast du wohl nicht nötig.«
»Ich bin inwendig so leer«, sagte Pelle. »Am Ende könnte der Branntwein mich ein wenig aufrichten. Mir is, als wäre ich gar kein Mensch, sondern ein totes Ding, ein Tisch zum Beispiel.«
»Du mußt irgend etwas vornehmen – sonst wirst du ein Taugenichts. Ich habe so viele von unserer Art vor die Hunde gehen sehen; wir haben nicht viel Widerstandskraft!«
»Mir is es ganz egal, was aus mir wird!« antwortete Pelle schlaff. »Ich pfeife auf das Ganze!«