Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

XXIII

Es war Sonntag, und Pelle hatte Verlangen nach etwas, das über das Gewöhnliche hinausging. Zuerst war er draußen bei Jens; aber das junge Paar hatte sich gezankt und sich in den Haaren gelegen. Das Mädchen hatte die Bratpfanne mit dem Mittagessen in das Feuer fallen lassen, und Jens hatte ihr eine Ohrfeige gegeben. Sie war noch blaß und kränklich von der Fehlgeburt. Jetzt saßen sie jedes in seiner Ecke und schmollten wie zwei Kinder. Sie bereuten es beide, aber keiner wollte dem andern das erste Wort geben. Es gelang Pelle, sie zu versöhnen, und sie wollten, daß er zu Mittag bleiben sollte. »Kartoffeln und Salz haben wir noch, und einen Schluck Branntwein kann ich wohl vom Nachbar leihen!« Aber Pelle ging; er konnte es nicht mit ansehen, wie sie halb flennend übereinanderhingen und sich küßten und sabbelten und ins Unendliche um Verzeihung baten.

Da ging er denn zu Dues hinauf. Sie waren in ein altes Kaufmannshaus gezogen, wo Platz für Dues Pferde war. Mit ihnen schien es gut vorwärtszugehen. Man sagte, der alte Konsul interessiere sich für sie und hülfe ihnen weiter. Pelle ging nie hinein, sondern suchte Due im Stall auf, traf er ihn nicht zu Hause, so ging er wieder. – Bei Anne war er nicht willkommen. Due selbst nahm ihn freundlich auf. – Wenn er keine Fuhre hatte, pflegte er im Stall umherzugehen und mit den Pferden zu pusseln; er mochte nicht im Hause sein. Pelle gab ihm eine Handreichung, er schnitt ihm Häckerling und half bei allem, was gerade vorlag, und dann gingen sie zusammen in die Wohnung. Due wurde gleichsam ein anderer Mensch – wenn er Pelle hinter sich hatte – dann trat er sicherer auf. Anne gewann mehr und mehr die Übermacht über ihn.

Sie war noch ebenso sicher wie früher und hielt das Haus gut instand. Die kleine Marie hatte sie nicht mehr bei sich. Ihre beiden Jungens hielt sie gut gekleidet und schickte sie in eine Kleinkinderschule, wo sie für sie bezahlte. Sie war allerliebst anzusehen und verstand es, sich zu kleiden, gönnte aber andern nichts Gutes. Pelle war ihr nicht fein genug; sie rümpfte die Nase über seine gewöhnlichen Kleider, und um ihn zu verhöhnen, sprach sie immer von Alfreds feiner Verlobung mit Kaufmann Laus Tochter. »Der bummelt nicht herum und schlägt seine Zeit tot und schnüffelt nicht an anderer Leute Türen, um einen Teller Essen zu bekommen«, sagte sie. Pelle lächelte nur, nichts machte mehr recht Eindruck auf ihn. Die kleinen Jungen liefen draußen herum und langweilten sich in ihren feinen Anzügen – sie durften nicht mit den armen Kindern draußen auf der Straße spielen und durften sich nicht einschmutzen. »Ach, spiel doch ein bißchen mit uns, Onkel Pelle«, sagten sie und hängten sich an ihn. »Bist du nicht auch unser Onkel? Mutter sagt, du bist nicht unser Onkel. – Sie will immer, daß wir den Konsul Onkel nennen sollen, aber dann laufen wir bloß weg. Seine Nase ist so gräßlich rot.«

»Kommt denn der Konsul zu euch?« fragte Pelle.

»Ja, er kommt oft – jetzt ist er auch da!«

Pelle guckte in den Hof hinein, der hübsche Wagen war fort. »Vater ist ausgefahren«, sagten die Jungens. Dann schlich er wieder nach Hause. Er stahl einen Bissen Brot und einen Schnaps drinnen bei Ström, der nicht zu Hause war, und warf sich dann aufs Bett. Als die Dunkelheit kam, schlenderte er hinaus und trieb sich frierend an den Straßenecken herum. Er hatte ein dumpfes Bedürfnis, an etwas teilzuhaben. Die geputzten Leute spazierten die Straße auf und nieder, viele von seinen Bekannten waren draußen und führten die Braut spazieren; er vermied es, sie zu grüßen, und fing halblaute Bemerkungen auf und hörte sie lachen. So schlaff er war, hatte er doch noch das feine Aufhorchen; das stammte von der Zeit, als er auf dem Rathaus gebrandmarkt wurde. Die Leute pflegten einander irgend etwas zu sagen, wenn er vorübergegangen war; ihr Lachen bewirkte noch immer, daß es nervös in seinen Kniekehlen zu zucken begann wie ein versteckter Anlauf zu einer Flucht.

Er schlich in eine Seitengasse hinein; die dünne Jacke hatte er stramm um sich zusammengeknöpft und den Kragen in die Höhe geschlagen. In dem Halbdunkel der Torwege standen Burschen und Mägde im vertraulichen Flüstern. Von den Mädchen stiegen Wärmewellen auf, ihre weißen Latzschürzen leuchteten in der Finsternis. Pelle kroch in der Kälte herum und wußte noch weniger, was er mit sich anfangen sollte; er faselte davon, sich auch ein Liebchen anzuschaffen.

Auf dem Markt begegnete er Alfred, Arm in Arm mit Fräulein Lau, er trug einen Renommierstock, braune Handschuhe und einen Zylinder. »Der Schurke, er schuldet mir noch zweieinhalb Kronen, das Geld krieg ich nie!« dachte Pelle und empfand einen Augenblick ein wahres Verlangen, sich auf ihn zu stürzen und all seinen Staat in den Schmutz zu wälzen. Alfred wandte den Kopf nach der anderen Seite herum. »Der kennt mich nur, wenn er etwas gemacht haben will und kein Geld hat«, sagte Pelle bitter.

In kleinem Trab lief er in eine Straße hinein, um sich warm zu halten, die Augen auf die Fenster gerichtet. Da drinnen saßen Buchbinders und sangen fromme Lieder. Der Mann hielt auch zu Hause den Kopf schief, das konnte man deutlich auf dem Rouleau sehen. Drinnen beim Wollhändler saß man beim Abendessen.

Weiter hinauf bei der »Sau« war Leben wie immer. Lärm und Rauchnebel kochten zu dem offenen Fenster heraus. Sie hatte ein Lokal für ledige Seeleute und verdiente viel Geld. Pelle war oft eingeladen worden, sie zu besuchen, hatte sich aber immer zu gut dafür gehalten, er konnte Rud auch nicht ausstehen. Heute abend aber griff er mit Begierde nach der Erinnerung an diese Einladung und ging hinein, vielleicht würde dort ein Mundvoll Essen für ihn abfallen.

Um einen runden Tisch saßen ein paar umnebelte Seeleute und schrien ohrenbetäubend durcheinander. Die Sau saß auf dem Knie eines jungen Burschen, sie lag halb über den großen Tisch und spielte mit den Fingern in einer Pfütze von verschüttetem Bier; von Zeit zu Zeit schrie sie denen, die am lautesten riefen, gerade ins Gesicht hinein. Sie war in den verflossenen Jahren nicht weniger umfangreich geworden.

»Nee, seh mal einer an, das bist du, Pelle?« sagte sie und stand auf, um Pelle die Hand zu geben. Sie war nicht ganz nüchtern und hatte Mühe, seine Hand zu fangen. »Das is ja nett von dir, daß du auch mal kommst, – ich glaubte eigentlich, wir wären dir nich' fein genug. Na, setz' dich man und trink' einen Schluck, es soll auch nichts kosten.« Sie nötigte ihn, Platz zu nehmen.

Die Seeleute waren verstummt, sie saßen da und starrten Pelle schlaff an. Ihre schweren Köpfe bewegten sich herrenlos. »Das is wohl ein neuer Kunde?« fragte einer, und die andern lachten.

Die Sau lachte auch, wurde aber plötzlich ernsthaft. »Den sollt ihr aus dem Spiel lassen, denn er is viel zu gut, um in irgendwas 'reingezogen zu werden, daß ihr das man wißt.« Sie sank auf einen Stuhl neben Pelle nieder und saß da und sah ihn an, während sie sich über das fette Gesicht strich. »Wie groß und stattlich du von Wuchs geworden bist, aber mit den Kleidern is es man schlecht bestellt! Überfuttert scheinst du auch nich' zu sein! – Ach, ich kenne dich ja noch von damals her, als du und dein Vater hier ins Land kamen, ein kleiner Junge warst du, und Lasse brachte mir das Gesangbuch von meiner Mutter mit!« Sie schwieg plötzlich, und die Augen schwollen ihr an.

Einer von den Seeleuten flüsterte dem andern etwas zu, sie fingen an zu lachen.

»Laßt das Lachen nach, ihr Schweine«, rief sie wütend und ging zu ihnen hinüber. »Den da sollt ihr mich nich' einseifen, der kommt als Erinnerung aus den Zeiten, als ich auch noch ein ordentlicher Mensch war. Sein Vater is der einzige, der lebt und beweisen kann, daß ich einmal ein schönes, unschuldiges, kleines Mädchen gewesen bin, mit dem man schlecht umgegangen is. Er hat mich auf dem Schoß gehabt und mir Kinderlieder vorgesungen.« Sie sah sich herausfordernd um, und ihr rotes Gesicht zitterte.

»Damals hast du wohl nich' so viel gewogen wie jetzt?« fragte einer und umschlang sie.

»Nich' die Kleine foppen!« rief ein anderer aus. »Siehst du denn nich', daß sie weint? Nimm sie lieber auf den Schoß und sing' ihr ein Wiegenlied vor, dann glaubt sie, daß es Lasse-Basse wär'!«

Rasend griff sie nach einer Flasche. »Wollt ihr woll still sein mit eurem Gespött! Sonst kriegt ihr diese an den Kopf!« Ihre fetten Züge flossen ganz zusammen in ihrer Aufgelöstheit.

Sie ließen sie in Ruhe, und sie saß da und schluchzte, die Hände vor dem Gesicht. »Lebt denn Vater noch, du?« fragte sie ihn, »dann grüße ihn von mir – grüße ihn nur von der Sau, du kannst mich ruhig Sau nennen! – und sag' ihm, daß er der einzige auf der Welt is, dem ich etwas zu verdanken habe. Er hat gut von mir gedacht und hat mir die Todesnachricht von Mutter gebracht.«

Pelle saß da und lauschte angestrengt ihrer weinenden Rede, mit einem leeren Lächeln. Er hatte Kneifen in den Gedärmen vor Leere, und das Bier stieg ihm zu Kopf. Er entsann sich aller Einzelheiten von Steinhof, als er das erstemal diese Person sah und hörte, wie Vater Lasse ihr das Heim ihrer Kindheit vorhielt. Aber er verband keine weiteren Gedanken damit; das war schon lange her – und – »ob sie mir nicht wohl etwas zu essen gibt?« dachte er und lauschte teilnahmlos ihrem Schnauben.

Die Seeleute saßen da und starrten sie angestrengt an, ein feierliches Schweigen lag auf ihren umnebelten Gesichtern; sie glichen Betrunkenen, die um ein Grab stehen. »So laß nu mal endlich das Deckspülen nach – und gib uns was zu trinken«, sagte schließlich ein alter Kerl. »Unsereins hat ja auch seinen Besuch gehabt von dieser Kindheitsunschuld, und ich sage: es is aller Ehren wert, daß sie zu so einem alten Teufelskerl durch die Tür gucken will! Aber das Wasser laß nu man außenbords bleiben, sage ich! Je mehr man eine alte Schute scheuert, um so mehr Schäden kommen zum Vorschein! – So, gib uns jetzt was zu trinken, und dann die Karten, Madam!« –

Sie stand auf und schenkte ihnen ein; die Gemütsbewegung hatte sich gelegt, aber die Beine waren ihr noch schwer.

»Das is recht – und dann wollen wir auch 'ne Ahnung davon haben, daß heute Sonntag is! Zeig' mal schnell deine Kunst, Madam!«

»Aber das kostet eine Krone, das wißt ihr ja«, antwortete sie lachend.

Sie sammelten das Geld zusammen, und sie ging hinter den Schenktisch und zog sich aus. Im bloßen Hemd und mit einem brennenden Licht in der Hand kam sie wieder zum Vorschein. Pelle sah stumpf, wie ihr fetter Körper unter dem schmutzigen Hemd bibberte und hörte die heiseren Rufe und das Lachen der Seeleute; in seinem linken Ohr siedete ein endloser Laut, und darunter schlug das Blut seine Kolbenschläge. Es war, als wenn ein Lärm aus einer andern Welt seinen Kopf anfüllte und ihn ums Gleichgewicht brachte. Er mußte sich am Tisch festhalten, um nicht umzufallen. Wie aus weiter Ferne, und als ginge es ihn gar nichts an, sah er, daß die Sau auf einen Stuhl kletterte und das Hemd hinten stramm zog. Ein Seemann hielt das Licht hinter ihren Rücken, und nun zeigte sie, wie die Dünste mit einer bläulichen Flamme brennen konnten.

Während die andern hiervon ganz in Anspruch genommen waren, schlich Pelle hinaus. Ihm war ganz wirr vor Hunger und Roheit und betäubtem Schamgefühl. Aufs Geratewohl schlenderte er weiter und wußte weder aus noch ein. Er hatte nur ein Gefühl: daß ihm alles auf der Welt gleichgültig sei, mochte es ihm so oder so ergehen, mochte er weiter leben in mühevoller Redlichkeit oder sich mit Trinkerei besudeln oder umkommen – ihm war das alles einerlei! Was für einen Wert hatte es auch nur! Niemand kümmerte sich ja darum, nicht einmal er selbst. Keine Menschenseele würde ihn vermissen, wenn er vor die Hunde ging – ja, Lasse, der alte Vater Lasse! Aber jetzt nach Hause gehen und sich in seinem ganzen Elend sehen lassen, wo sie so unsinnig viel von ihm erwartet hatten – das konnte er nicht. Sein letzter Rest von Schamgefühl bäumte sich hiergegen auf. – Und arbeiten – wozu? Der Traum war tot. Er stand mit dem dumpfen Gefühl da, daß er fast bis an den Abgrund gelangt war, der für die da unten so verhängnisvoll ist. Jahraus, jahrein hatte er sich schwimmend erhalten, durch eine nie versagende Anspannung und mit der wahnsinnigen Vorstellung, daß es aufwärts gehe. Jetzt stand er dem Grunde des Daseins ganz nahe. – Er war so müde. Warum sich nicht auch noch ein kleines Stück sinken lassen, warum nicht dem Schicksal seinen Lauf lassen? Es lag eine süße Ruhe darin nach einem wahnsinnigen Kampfe gegen die Übermacht.

Der Klang geistlicher Lieder rüttelte ihn ein wenig auf. Er war in eine Gasse geraten, und gerade vor ihm lag ein großes, breites Haus, mit dem Giebel nach der Straße zu und einem Kreuz auf der Giebelspitze. Hunderte von Stimmen hatten im Lauf der Zeit versucht, ihn hierherzulocken; aber er hatte keine Verwendung dafür gehabt in all seinem Übermut – was war hier wohl zu suchen für einen schneidigen Jungen, und nun war er doch draußen gestrandet! Er hatte ein Verlangen nach ein klein wenig Fürsorge, und hatte ein Gefühl, als habe eine Hand ihn hierhergeführt.

Der Saal war ganz angefüllt mit armen Familien. Sie saßen so wunderlich zusammengedrängt auf den Bänken, jede Familie für sich; die Männer schliefen in der Regel, die Frauen hatten genug zu tun, um die Kleinen zu beschwichtigen und sie zu veranlassen, hübsch dazusitzen, die Beine gerade ausgestreckt. Es waren Leute, die gekommen waren, um ein wenig gratis Licht und Wärme in ihr trübes Dasein zu bringen; den Sonntag wenigstens, meinten sie, könnten sie etwas davon verlangen. Die allerheruntergekommensten Armen aus der Stadt waren es, und sie suchten ihre Zuflucht hier, wo sie nicht gerichtet wurden, sondern wo ihnen die Verheißung des Tausendjährigen Reiches zuteil ward. Pelle kannte sie alle, sowohl die, die er früher gesehen hatte, wie auch die andern mit demselben Ausdruck des Ertrinkens. Er fand sich bald traulich zurecht unter allen diesen kleinen zerzausten Vögeln, die sich von dem starken Wind hatten über das Meer tragen lassen und nun von den Wellen an Land geschwemmt wurden.

Ein großer Mann mit Vollbart und ein paar guten Kinderaugen stand zwischen den Bänken auf und schlug einen Gesang vor – es war Schmied Dam. Er sang vor und stand da und knickte zum Takt in die Knie ein; und alle sangen sie bebend mit, jeder mit seinem eigenen Ton, von dem, was über sie hingegangen war. Gequält zwangen sich die Töne hinaus aus den trockenen, zerstörten Kehlen, sie krochen zusammen, erschreckt darüber, daß sie ans Licht gekommen waren. Zögernd entfalteten sie ein paar zarte Florschwingen und schwangen sich von den zitternden Lippen in den Raum hinaus. Und unter der Decke trafen sie mit Hunderten von Geschwistern zusammen und streiften die Verkommenheit ab. Sie wurden zu einem Jubel, groß und herrlich, über etwas ungekannt Reiches, über das Glücksland, das nahe war. Pelle war es, als sei die Luft angefüllt von sonnenbeschienenen Schmetterlingen –:

»Selig, selig wird einstmal es sein,
Wenn wir, von Not und Elend befreit,
Mit unserem Herrn Jesus gehen ein
Zu des Himmelreiches Herrlichkeit.«

»Mutter, ich bin hungrig«, sagte eine Kinderstimme, als der Gesang schwieg. Die Mutter, eine abgezehrte Frau, beschwichtigte beleidigt das Kind und sah sich verwundert um – was war das nur für ein dummer Einfall. »Du hast ja eben erst gegessen«, sagte sie lauter, als sie es nötig hatte. Aber das Kind weinte weiter: »Mutter, ich bin so hungrig.«

Da kam Bäcker Jörgens Sören heran und gab der Kleinen einen Wecken. Er hatte einen ganzen Korb voll Backwerk. »Sind da noch mehr Kinder, die hungrig sind?« fragte er laut. Er sah allen frei ins Auge und war ein ganz anderer als zu Hause. Hier lachte auch niemand über ihn, weil man munkelte, daß er der Bruder seines eigenen Sohnes sei.

Ein alter weißbärtiger Mann bestieg die Rednertribüne hinten im Saal. »Das ist er selber«, flüsterten sie ringsumher und beeilten sich auszuhusten und die Kleinen zu veranlassen, den Mund leer zu essen. Er nahm das Weinen des kleinen Kindes zum Ausgangspunkt: »Mutter, ich bin so hungrig!« Das sei die Stimme der Welt, der große, schreckliche Ruf – in den Mund eines Kindes gelegt. Er sähe nicht einen einzigen, der sich nicht unter dem Rufe aus dem Munde seiner Angehörigen gewunden habe, und aus Angst, ihn wieder zu hören, sich das Brot fürs ganze Leben habe sichern wollen – und zurückgeschlagen sei. Sie sähen nur nicht Gottes Hand, wenn dieser liebevoll den nackten Hunger in einen Hunger nach Glück umwandle. Sie seien ja die Armut, und die Armen sind Gottes auserwähltes Volk. Deswegen müßten sie in der Wüste wandern und blind fragen – »Wo ist das Land?« Aber der Lichtschimmer, dem sie vertraulich folgten, sei nicht das irdische Glück! Gott selber führe sie rundherum, bis ihr Hunger zu dem rechten Hunger geläutert sei, zu dem Hunger der Seele nach dem ewigen Glück!

Sie verstanden nicht viel von dem, was er sagte; aber seine Worte lösten etwas in ihnen aus, so daß sie in lebhafte Unterhaltung über die alltäglichen Dinge gerieten. Plötzlich aber schwieg das heiße Summen, ein kleiner, buckliger Mann war auf eine Bank geklettert und sah mit leuchtenden Augen über sie hinaus. Das war Sort, der Wanderschuhmacher aus der äußersten Vorstadt.

»Wir wollen fröhlich sein«, sagte er und setzte ein drolliges Gesicht auf. »Gottes Kinder sind immer fröhlich, mit wieviel Bösem sie auch zu kämpfen haben, und sie kann kein Unglück treffen – Gott ist die Freude!« Er fing an zu lachen, ausgelassen wie ein Kind; und alle lachten mit, der eine steckte den andern an. Sie konnten sich nicht beherrschen, es war, als sei eine ungeheure Lustigkeit über das Ganze hinweggegangen. Die kleinen Kinder sahen die Erwachsenen an und lachten, so daß es in ihren kleinen Kehlen von Schleim und Husten kochte. »Er ist ein richtiger Clown,« sagten die Männer zu ihren Frauen, während ihr Gesicht ein breites Lächeln war, – »aber er hat ein gutes Herz!«

Auf der Bank neben Pelle saß eine stille Familie, Mann und Frau und drei Kinder, die wohlerzogen durch ihre kleinen, hautlosen Nasen atmeten. Die Eltern waren kleine Leute, und es lag etwas nach innen Gewandtes über ihnen, als seien sie beständig bemüht, sich noch kleiner zu machen. Pelle kannte sie ein wenig und kam ins Gespräch mit ihnen. Der Mann war Tonarbeiter, und sie wohnten in einer der elenden Hütten draußen bei »Krafts«.

»Ja, das ist wahr – dies mit dem Glück«, sagte die Frau. »Einmal träumten wir ja auch davon, ein wenig vorwärtszukommen, so daß wir unser Auskommen gesichert hätten; wir scharrten auch ein wenig Geld zusammen, das uns gute Leute borgten, und richteten einen kleinen Laden ein, dem ich vorstand, während Vater auf Arbeit ging. Aber es wollte nicht gehen, niemand stützte uns, wir bekamen schlechtere Waren, weil wir arm waren, und wer macht sich wohl etwas daraus, bei armen Leuten zu kaufen. Wir mußten die Sache aufgeben und saßen tief in Schulden, an denen wir noch jetzt abzuzahlen haben – fünfzig Öre jede Woche, und dabei können wir bleiben, solange wir leben, denn die Zinsen summen sich ja fortwährend auf. Aber ehrliche Leute sind wir doch, Gottlob!« schloß sie. Der Mann beteiligte sich nicht an der Unterhaltung.

Ihre letzte Bemerkung war vielleicht durch einen Mann veranlaßt, der still eintrat und sich auf eine Bank im Hintergrund drückte; denn er war kein ehrlicher Mann. Er hatte wegen Diebstahls bei Wasser und Brot gesessen; es war der »Stehle-Jakob«, der vor ungefähr zehn Jahren die Fensterscheibe von Meister Jeppes guter Stube eingedrückt und ein Paar Lackschuhe für seine Frau gestohlen hatte. Er hatte von einem feinen Mann gehört, der seiner Braut ein solches Paar geschenkt hatte, und da wollte er doch versuchen, wie es war, wenn man auch einmal ein schönes Geschenk machte, ein Geschenk, das so viel wert war wie ein Verdienst in zwei Wochen – das hatte er vor Gericht erklärt. »Schafskopf,« sagte Jeppe immer noch, wenn die Rede darauf kam, – »da kriegt solche elende Laus plötzlich Größenwahn und will großartige Geschenke machen. Wenn es noch für die Braut gewesen wäre! – aber für seine Frau! – Na, er hat seine Strafe bis auf den letzten Tag verbüßt – trotz Andres.«

Ja, die Strafe hatte er gründlich auskosten müssen, nicht einmal hier wollte jemand neben ihm sitzen! Pelle sah ihn an und wunderte sich darüber, daß er selber so ziemlich über die seine hinweggekommen war. Die Erinnerung in ihm lag nur noch in den Augen der Leute, wenn sie mit ihm sprachen. Aber jetzt ging Schmied Dam hin und setzte sich neben den Stehle-Jakob, und sie saßen Hand in Hand da und flüsterten.

Und da drüben saß eine und nickte Pelle so freundlich zu – das war die mit den Tanzschuhen; der junge Mann hatte sie wieder verlassen, und nun war sie hier gestrandet – mit ihrem Tanz war es aus. Aber sie war dankbar gegen Pelle, sein Anblick hatte süße Erinnerungen in ihr wachgerufen; das sah man der Stimmung an, die über Mund und Augen lag.

Pelle selbst war weicher zu Sinn, während er hier saß. Etwas in ihm schmolz; ein stilles, verkommenes Glücksgefühl beschlich ihn. Das war ja auch ein Mensch, der in seiner Schuld zu sein glaubte, obwohl ihr alles in die Brüche gegangen war.

Als sich die Versammlung um halb zehn Uhr trennte, stand sie draußen im Gespräch mit einer Frau. Sie kam auf Pelle zu und gab ihm die Hand. »Wollen wir nicht ein Stück zusammen gehen?« fragte sie. Sie kannte offenbar seinen Zustand, er las Mitleid in ihrem Blick. »Komm mit mir«, sagte sie, als ihre Wege sich trennten. »Ich hab' ein Stück Bratwurst, das gegessen werden muß. – Und wir sind ja alle beide einsam.«

Zögernd ging er mit, ein wenig feindlich diesem Neuen und Fremden gegenüber. Als er aber erst in ihrer kleinen Stube saß, fühlte er sich dort sehr wohl. Zierlich und weiß stand das Bett an der Wand. Sie selber ging im Zimmer hin und her und briet die Bratwurst im Ofen, während sie unverzagten Herzens darauflosplauderte. Der geht nicht alles so leicht in die Brüche, dachte Pelle und sah sich ganz froh an ihrer Gestalt.

Sie hielten eine vergnügliche Mahlzeit ab, und Pelle wollte sie in seiner Dankbarkeit umarmen, aber sie schob seine Hände fort. »Spar' dir das auf,« sagte sie lächelnd – »ich bin eine ältliche Witwe, und du bist nichts weiter als ein Kind. Willst du mir eine Freude machen, so finde dich selbst wieder! Es ist unrecht, daß du so herumgehst und faulenzst, so jung und nett, wie du bist! Jetzt geh' nur nach Hause, denn ich muß morgen früh auf und an meine Arbeit gehen.« – – Pelle besuchte sie fast jeden Abend. Sie hatte eine eklige Angewohnheit, an seiner Schlaffheit zu rütteln, war aber dafür auch wieder stärkend durch ihre sich immer gleichbleibende schlichte Weise, alles hinzunehmen. Sie verschaffte ihm hin und wieder ein Stück Arbeit und freute sich immer, wenn sie ihr ärmliches Essen mit ihm teilen konnte. »Eine wie ich hat das Bedürfnis, hin und wieder einmal eine Mannsperson an ihrem Tischende zu haben«, sagte sie. »Die Finger laß nur davon – du bist mir nichts schuldig.«

Sie bemäkelte auch seine Kleider: »Das fällt dir ja bald alles vom Leibe herunter, warum ziehst du nicht was anderes an und läßt mich das nachsehen?«

»Ich habe nichts weiter als dies«, sagte Pelle und schämte sich einmal wieder.

Am Sonnabendabend mußte er aus seinen Lumpen 'raus und splitternackt in das Bett kriechen – da half kein Weigern; sie nahm das Hemd und alles andere und steckte es in einen Kübel Wasser. Die halbe Nacht brachte sie damit zu, alles zu säubern. Pelle lag im Bett, das Deckbett bis an das Kinn heraufgezogen und sah ihr zu. Ihm war so wunderlich zumute; sie hängte die ganze Geschichte zum Trocknen an den Ofen und richtete sich selbst dann ein Lager auf ein paar Stühlen her. Als er mitten am Vormittag erwachte, saß sie am Fenster und flickte seine Kleider.

»Nun, wie hast du denn über Nacht gelegen?« fragte Pelle ein wenig bekümmert.

»Ausgezeichnet! Weißt du, was ich mir heute morgen ausgedacht habe: du sollst dein Zimmer kündigen und hierbleiben, bis du dich selbst wieder gefunden hast – einmal mußt du dich doch wohl ausgeruht haben«, lachte sie neckend. »Das Zimmer ist eine unnötige Ausgabe. Wie du siehst, ist hier Platz genug für zwei.«

Aber das wollte Pelle nicht. Sich von einer Frau unterhalten lassen, davon wollte er nichts wissen. »Denn glauben die Leute ja, daß da was zwischen uns los is – und nehmen Anstoß daran«, sagte er.

»Laß sie das nur tun«, erwiderte sie mit ihrem fröhlichen Lachen. »Wenn ich ein gutes Gewissen habe, ist es mir gleichgültig, was die andern denken.«

Während sie darauflosredete, arbeitete sie fleißig an seiner Wäsche und warf ihm ein Stück nach dem andern an den Kopf. Dann bügelte sie ihm seinen Anzug auf. »Jetzt bist du ja ganz fein«, sagte sie, als er wieder in die Kleider gekommen war, und betrachtete ihn warm. »Es ist, als wärst du ein neuer Mensch geworden. Wäre ich nur zehn oder fünfzehn Jahre jünger, ging ich gern Arm in Arm mit dir die Straße hinauf. Aber einen Kuß sollst du mir geben – ich habe dich ja in Ordnung gebracht, als wenn du mein Kind wärst.« Sie küßte ihn heftig und wandte sich dann nach dem Ofen um.

»Und nun weiß ich keinen besseren Rat, als daß wir kaltes Mittagessen essen müssen, und dann geht jeder seiner Wege«, sagte sie abgewandt. »All meine Feuerung ist über Nacht beim Trocknen deiner Sachen draufgegangen, und hier in der Kälte können wir nicht bleiben. Ich denke, ich kann irgend jemand besuchen, dann geht dieser Tag auch hin, und du findest wohl auch irgendeinen Ort, wo du sein kannst.«

»Es is ganz einerlei, wo ich bin«, sagte Pelle gleichgültig.

Sie sah ihn mit einem eigentümlichen Lächeln an. »Willst du eigentlich immer herumbummeln?« fragte sie. »Ihr Männer seid doch merkwürdige Geschöpfe! Wenn euch nur irgend etwas verquer geht, so müßt ihr euch gleich betrinken oder euch auf irgendeine andere Weise ins Unglück stürzen – ihr seid nicht besser als Wickelkinder! Wir müssen ruhig weiterarbeiten, ob es uns so geht oder so!« Sie stand schon in Hut und Mantel da und zögerte noch. »Hier hast du fünfundzwanzig Öre,« sagte sie – »das ist immer für eine Tasse Kaffee, daß du dich wärmen kannst!«

Pelle wollte es nicht annehmen. »Was soll ich mit deinem Geld?« murmelte er. »Behalt das nur selbst!«

»Ach, nimm es man! Ich weiß ja selbst, daß es nur wenig ist, aber ich hab' nicht mehr, und wir beide brauchen uns doch wohl nicht voreinander zu schämen.« Sie steckte ihm das Geldstück in die Jackentasche und eilte davon.

Pelle schlenderte in den Wald hinaus. Er hatte keine Lust, nach Hause zu gehen und einen zwecklosen Kampf mit Ström aufzunehmen. Er trieb sich auf den öden Steigen umher und empfand ein schwaches Gefühl des Wohlseins, als er merkte, daß der Frühling sich hindurchrang. Drinnen unter den alten, moosgrauen Tannen lag der Schnee noch, aber unten in den Tannennadeln steckten schon die Pilze ihre Köpfe hervor, und wenn man auf dem Boden ging, so hatte man ein Gefühl, als trete man auf einen Teig, der anfing, sich zu heben.

Er ertappte sich dabei, daß er begann, sich mit seinen eigenen Angelegenheiten zu beschäftigen, und plötzlich aus seinem Halbtraum erwachte. Irgend etwas hatte ihm als ganz traulich vorgeschwebt – ja, das war der Gedanke, doch zu ihr zu ziehen und sich so einzurichten wie Jens und sein Mädchen. Er konnte sich ja ein paar Leisten anschaffen und zu Hause sitzen und arbeiten – so konnte er sich einstweilen durchschlagen, bis bessere Zeiten kamen. Sie verdiente ja auch etwas und hatte einen mildtätigen Sinn.

Aber als er erst gründlicher darüber nachdachte, erhielt das Ganze einen bitteren Anstrich für ihn. Er hatte ihre Armut und ihr gutes Herz genug mißbraucht. Ihr letztes Stück Feuerung hatte er genommen, so daß sie jetzt ausgehen mußte, um etwas Warmes und Abendbrot zu betteln. Das bedrückte ihn. Dies Gefühl der Beschämung konnte er nicht wieder loswerden, als ihm erst einmal die Augen dafür geöffnet waren. Es begleitete ihn nach Hause und ins Bett, und hinter all ihrer Güte spürte er ihre Verachtung, weil er seinem Elend nicht mit Arbeit entgegentrat wie ein ordentlicher Mensch.

Am nächsten Morgen war er früh auf und meldete sich zur Arbeit unten am Hafen. Er sah die Notwendigkeit davon an und für sich nicht ein – wollte aber einer Frau nichts schuldig sein. Am Sonnabend sollte sie ihre Auslagen wieder zurückerhalten.


 << zurück weiter >>