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Der Weihnachtsabend brachte eine große Enttäuschung. Es war Sitte, daß die Hirtenjungen das ganze Weihnachtsfest auf dem Hofe verbrachten, wo sie im Sommer gedient hatten, und Pelles Kameraden hatten ihm von allen den Weihnachtsherrlichkeiten erzählt: Braten und süße Getränke, Weihnachtsspiele und Pfeffernüsse und Backwerk – es war ein endloses Essen und Trinken und Weihnachtsspielespielen vom Tage vor dem heiligen Abend, bis »Knud das Weihnachtsfest hinaustrug«. So ging es auf allen den kleinen Höfen zu, der einzige Unterschied war, daß man bei den Heiligen nicht Karten spielte, sondern statt dessen geistliche Lieder sang. Aber das Essen war darum doch ebenso gut.
Die letzten Tage vor Weihnachten mußte er um zwei, halb drei aufstehen und den Mägden beim Rupfen des Geflügels helfen und zusammen mit dem alten Dachdecker Holm den Backofen feuern. Damit war sein Verhältnis zu den Herrlichkeiten des Weihnachtsfestes erschöpft. Am heiligen Abend gab es Stockfisch und Reisbrei, und das schmeckte ganz gut, aber all das andere fehlte. Da standen ein paar Flaschen Branntwein für die Mannsleute auf dem Tische – das war das Ganze. Die Knechte waren unzufrieden und schimpften, sie schütteten Reisbrei und Milch in den Schaft von Karnas Strickstrumpf, so daß sie den ganzen Abend wütend war, im übrigen hatten sie jeder ihr Mädchen auf dem Schoß und lästerten über alles. Die alten Häusler und ihre Frauen, die eingeladen waren, um an der Weihnachtsmahlzeit teilzunehmen, redeten über Tod und alles Elend der Welt.
Oben war ein großes Fest; alle Verwandten von Frau Kongstrup waren eingeladen, und man hieb tüchtig in den Gänsebraten ein. Der Hof stand voll von Fuhrwerken, und der einzige, der guter Laune war, war der Großknecht, er bekam alle Trinkgelder. Gustav war sehr schlechter Laune, denn Bodil war oben und wartete auf. Er hatte seine Handharmonika mitgebracht und spielte Liebeslieder; die Gemüter beruhigten sich dabei, und das Böse schwand aus den Augen. Einer nach dem anderen fingen sie an, mitzusingen, und es war nahe daran, hier unten ganz gemütlich zu werden. Aber da kam Bescheid von oben herunter, sie sollten ein wenig still sein. Da löste sich das Ganze auf, die Alten gingen nach Hause und die Jungen zerstreuten sich paarweise, so wie sie im Augenblick miteinander befreundet waren.
Lasse und Pelle gingen zu Bett.
»Warum is eigentlich Weihnachten«, fragte Pelle.
Lasse juckte sich bedenklich an der Hüfte.
»Es soll nu mal so sein«, antwortete er zögernd. »Ja, und denn is es ja das, daß sich das Jahr wendet und nu wieder bergan geht, siehst du! – Und in dieser Nacht is ja auch das Christuskind geboren, weißt du!« Es währte lange, bis er das letztere herausbrachte, aber es kam auch dafür ganz sicher heraus. – »Das eine mit dem anderen, siehst du woll«, fügte er nach einer Weile, alles zusammenfassend, hinzu.
Am zweiten Weihnachtstage war ein Fest auf allgemeine Kosten bei einem unternehmungslustigen Häusler unten im Dorf; es kostete zwei und eine halbe Krone das Paar, für Musik, geschnittenes Butterbrot und Branntwein mitten in der Nacht und Kaffee gegen Morgen. Gustav und Bodil sollten mit dabei sein. Es war doch immerhin ein wenig vom Weihnachtsfest, das da vorüberzog; Pelle war so davon in Anspruch genommen, als gehe es ihn selber etwas an; Lasse hatte an diesem Tage gar keine Ruhe vor seinen Fragen. Dann war Bodil Gustav also doch gut!
Am Morgen, als sie hinauskamen, lag Gustav draußen auf dem Felde neben der Tür zum Kuhstall und konnte sich nicht selbst helfen; sein guter Anzug befand sich in einer traurigen Verfassung. Bodil war nicht bei ihm. »Denn is sie ihm treulos geworden!« sagte Lasse, als sie ihm hineinhalfen. »Der arme Junge! Erst siebzehn Jahr und schon eine Herzenswunde! Die Frauenzimmer, die werden noch mal sein Unglück, das werden wir noch sehen!«
Zu Mittag, als die Häuslerfrauen zum Melken kamen, bestätigte sich Lasses Vermutung; Bodil hatte sich an einen Schneidergesellen aus dem Dorfe gehängt und war mitten in der Nacht zusammen mit ihm aufgebrochen. Man lachte mitleidig über Gustav, und es ward in der nächsten Zeit allerlei über sein entschwundenes Glück gestichelt; über Bodil aber herrschte nur ein Urteil. Sie hatte ja ihre Freiheit, zu kommen und zu gehen, mit wem sie wollte; aber solange sie sich mit Gustavs Gelde amüsierte, mußte sie sich zu ihm halten. Wer wollte wohl seine Hand über den Hühnern halten, die ihr Korn daheim aßen und die Eier bei dem Nachbar legten? Doch niemand anders als der Nachbar.
Es hatte sich noch keine Gelegenheit gefunden, Lasses Bruder hinter dem Steinbruch zu besuchen, aber am zweiten Neujahrstag sollte es vor sich gehen. Zwischen Weihnachten und Neujahr taten die Knechte nichts mehr nach Hereinbruch der Dunkelheit, und es war überall Sitte, daß sie dem Kuhhirten bei der Abendarbeit halfen. Daraus wurde nun für täglich nichts, Lasse war zu alt, um sich geltend zu machen, und Pelle war zu klein; sie mußten sich freuen, daß sie nicht auch noch für die Knechte zu füttern brauchten, die auf Besuch ausgingen.
Heute aber sollte Ernst daraus werden, Gustav und der lange Ole hatten die Abendarbeiten übernommen. Pelle freute sich schon vom frühen Morgen an – er war jeden Tag um vier Uhr auf. Aber wie Lasse zu sagen pflegte, wer mit nüchternem Magen singt, muß noch vor Abend weinen.
Nach Tische standen Gustav und Ole unten auf dem Hofe und schliffen die Häckselmesser. Der Trog war leck, und Pelle sollte Wasser aus einem alten Kessel auf den Stein gießen. Er war so vergnügt, daß es ihm jeder ansehen mußte.
»Warum bist du so vergnügt?« fragte Gustav. »Deine Augen schimmern ja wie Katzendreck bei Mondschein.«
Pelle erzählte es.
»Ja, ich bin bange, daß ihr gar nich' wegkommt!« sagte Ole und blinzelte Gustav zu. »Wir kriegen den Häckerling nich' so früh geschnitten, daß wir das Vieh besorgen können. – Verteufelt, wie schwer auch der Schleifstein zu drehen is, wenn der Selbstdreher bloß nich' kaputt gegangen wär'!«
Pelle spitzte die Ohren.
»Der Selbstdreher? Was is das?« fragte er.
Gustav sprang um den Schleifstein herum und schlug sich vor lauter Pläsier auf die Lende.
»Herr Gott, Herr Gott! Wie dumm du doch bist, du Gör! Kennst nich' mal 'n Selbstdreher! Das is 'ne Einrichtung, die man bloß auf den Schleifstein loszulassen braucht, dann dreht sich das Ganze von selbst. – Drüben in Neuendorf haben sie übrigens einen,« wandte er sich an Ole, »wenn das bloß nich' so weit wär'.«
»Is er schwer?« fragte Pelle mit leiser Stimme. – Alles hing von der Antwort ab. »Kann ich ihn tragen?« Seine Stimme bebte.
»Na, so gewaltig schwer is er grad nich' – du kannst ihn woll tragen! Aber es is ganz was Feines!«
»Ich kann gern hinlaufen und ihn holen – ich will ihn auch ganz vorsichtig tragen.« Pelle sah sie mit einem Gesicht an, das Vertrauen einflößen mußte.
»Na ja, meinetwegen! Aber denn nimm einen Sack mit, wo du ihn in haben kannst – und verteufelt vorsichtig mußt du sein, hörst du? Es is ganz was Feines.«
Pelle holte sich einen Sack und lief über die Felder dahin. Er war entzückt wie ein junges Zicklein. Er zwickte sich selbst, zupfte an allem, was ihm in den Weg kam, und sprang dann plötzlich zur Seite, um die Krähen aufzuscheuchen – das Glück stand ihm aus dem Halse heraus. Nun rettete er doch den Abend für sich und Vater Lasse! Gustav und Ole waren gute Menschen! – Er wollte ganz schnell wieder da sein, daß sie den Schleifstein nicht länger zu drehen brauchten. – »Halloh, bist du schon wieder da?« würden sie zu ihm sagen und große Augen machen. »– Du hast doch den teuren Mechanismus nich' unterwegs kaputt gemacht?« Und dann nahmen sie ihn vorsichtig aus dem Sack, und er war ganz heil. »Dieser Junge, das war doch ein Wunder Gottes! Ein wahrer Prinz!«
Drüben in Neuendorf wollten sie ihn durchaus zum Weihnachtsschmaus hereinnötigen, während sie die Einrichtung in den Sack steckten; aber Pelle sagte nein und blieb auch standfest – er hatte keine Zeit. Dann bekam er einen kalten Apfelkuchen draußen auf der Treppe, damit er ihnen nicht das Fest aus dem Hause tragen sollte. Sie sahen alle so freundlich aus den Augen und kamen alle zusammen herzu, als er den Sack auf den Nacken lud und damit nach Haus schleppte. Auch sie empfahlen ihm große Vorsicht und taten sehr besorgt – als ob er wohl gar nicht wisse, was er unter den Händen hatte.
Es war eine gute Viertelmeile zwischen den Höfen, aber es währte anderthalb Stunden, bis Pelle nach Hause kam, und da war er zum Umfallen. Er wagte nicht, den Sack niederzusetzen, um auszuruhen, sondern schlingerte vorwärts, Schritt für Schritt; nur einmal ruhte er aus, indem er sich an eine steinerne Umzäunung lehnte. Als er endlich auf den Hof schwankte, kamen alle Leute herbei, um des Nachbars neuen Selbstdreher zu sehen; und Pelle war sich seiner Bedeutung wohl bewußt, als Ole ihm vorsichtig den Sack von der Schulter hob. Er fiel einen Augenblick gegen die Mauer, ehe er sein Gleichgewicht wieder gewann – es war so merkwürdig niederzutreten, jetzt, wo er von seiner Last befreit war – die Erde schob ihn förmlich von sich. Aber sein Gesicht strahlte.
Gustav öffnete den Sack, der sorgfältig geschlossen war, und schüttete seinen Inhalt auf das Steinpflaster aus – es waren Mauerbrocken, ein paar alte Pflugschare und dergleichen. Pelle starrte verwirrt und ängstlich all das Gerümpel an, er sah so aus, als sei er von einem anderen Erdball eben auf die Erde herabgeplumpst.
Aber als das Gelächter von allen Seiten losbrach, begriff er den Zusammenhang; er rollte sich zusammen wie ein Klumpen und verbarg sein Gesicht. Er wollte nicht weinen, um keinen Preis – das Vergnügen sollten sie doch nicht haben. In seinem Innern schluchzte es, aber er kniff den Mund zusammen. Es durchzuckte sein Blut, krank vor Wut. Die Teufel – die vermaledeiten Satans – die! – Plötzlich stieß er Gustav mit dem Fuß gegen das Bein.
»Hallo! Er stößt!« rief Gustav und hob ihn in die Luft empor. »Wollt ihr den alten Satan auf Smaaland sehen! Bei ihm is eben Umzugstag gewesen, er hat den Hintern in das Gesicht 'raufgerückt!« – Er zeigte Pelles dicke Wangen. Pelle bemühte sich, sein Gesicht mit den Armen zu verdecken, und stieß mit den Füßen, um herunterzukommen; er machte auch einen Versuch zu beißen. »Na, er will beißen, der Teufelsjunge!« Gustav mußte ihn hart anfassen, um ihn regieren zu können. Er hielt ihn am Kragen fest und drückte ihm die Knöchel in die Kehle hinein, so daß er nach Luft schnappte, währenddes sprach Gustav mit höhnischer Milde: »Schneidiger Junge das! Noch nich' trocken hinter den Ohren und will sich schon prügeln!« Gustav fuhr fort, ihn in die Höhe zu halten, es sah so aus, als wolle er mit seinen überlegenen Kräften prahlen.
»Ja, nu haben wir wirklich gesehen, daß du der Stärkste bist!« sagte der Großknecht endlich – »laß ihn man laufen!« Und als Gustav nicht gleich hörte, sauste ihm eine geballte Faust zwischen die Schulterblätter. Da ließ er den Jungen los, und der lief in den Stall zu Lasse hinüber, der das Ganze gesehen hatte, aber nicht wagte, sich zu nähern. Er konnte nichts ausrichten, und seine Anwesenheit würde nur schaden.
»Ja, und denn unser Ausgang heut abend, du«, erklärte er entschuldigend, während er den Knaben tröstete. »Solchen Windhund wie Gustav sollt' ich doch woll durchprügeln können, aber dann wären wir ja heut abend nich' weggekommen, denn er hätt' ja das Vieh nich' für uns besorgt. Und auch keiner von den anderen, denn die hängen zusammen wie Wickenstroh. – Aber du kannst dich ja selbst wehren! Hast den Satan selbst grad auf seinen Klumpfuß getreten! Ja, ja, das war ja ganz gut, aber vorsichtig muß man sein, nich' zum Pläsier scharf schießen! Das bezahlt sich nich'.«
Der Junge war nicht mehr so leicht zu trösten. Tief in ihm saß es und tat weh, weil er in so gutem Glauben gehandelt hatte; sie hatten ihn in seinem offenen, fröhlichen Vertrauen getroffen. Das Geschehene schmerzte auch seinen Ehrgeiz sehr; er war in eine Falle gegangen, hatte sich von ihnen zum Narren halten lassen. Das Erlebnis brannte sich tief in ihn ein und gewann großen Einfluß auf seine weitere Entwickelung. Es war ihm schon früher begegnet, daß man auf Menschenwort nicht bauen konnte, und er hatte unbeholfen Versuche gemacht, dahinterzukommen. Jetzt traute er keinem mehr ohne weiteres; und er hatte entdeckt, wie man hinter das Geheimnis kam – man brauchte nur den Leuten in die Augen zu sehen, wenn sie etwas sagten. Sie hatten so sonderbar ausgesehen, hier wie auch in Neuendorf gelegentlich des Selbstdrehers, als lachten sie inwendig. Und der Verwalter hatte damals gelacht, als er ihnen Schweinebraten und Rhabarbergrütze für jeden Tag versprach; sie bekamen eigentlich niemals was anderes als Heringe und Suppe. Die Leute sprachen mit zwei Zungen, Vater Lasse war der einzige, der das nicht tat.
Pelle ward aufmerksam auf sein eigenes Gesicht. Das Gesicht sprach; daher erging es ihm übel, wenn er sich mit einer kleinen Notlüge herumdrücken wollte, um sich einer Tracht Prügel zu entziehen. Und das Gesicht war an dem heutigen Unglück schuld – wenn man sich freute, mußte man es nicht zeigen. Er hatte die Gefahr entdeckt, die darin lag, wenn man seinen Sinn offen daliegen ließ; und sein kleiner Organismus machte sich rastlos daran, harte Haut abzusondern, um sie über die edleren Teile zu ziehen. – – – –
Nach dem Abendessen trabten sie über die Felder von dannen, Hand in Hand wie immer. Sonst ging Pelle der Mund unaufhörlich, wenn sie allein zusammen waren, aber heute abend war er stiller; die Begebenheit des Nachmittags saß ihm noch in den Gliedern, und der Besuch erfüllte ihn mit feierlicher Spannung.
Lasse hatte ein rotes Bündel in der Hand, darin war eine Flasche mit Süßem – Likör aus schwarzen Johannisbeeren –, die ihnen Per Olsen gestern in der Stadt gekauft hatte, als er dort war, um sich loszuschwören. Sechsundsechzig Öre hatte sie gekostet, und Pelle ging in Gedanken versunken einher und überlegte, ob es wohl anging oder nicht.
»Vater, darf ich sie nich' mal tragen?« fragte er endlich.
»Bist du verrückt, Jung'? – Ich glaub', du träumst – das is teure Ware! Du könntest die Flasche ja fallen lassen.«
»Ich laß sie nich' fallen – kann ich denn nich' wenigstens ein bißchen anfassen? Ach, bitte, Vater! Guter Vater!«
»Was für Einfälle du auch immer hast! Du kannst gut werden, wenn man dir nicht beizeiten einen Stopper davorsetzt! Ich glaub', weiß Gott, du bist nich' recht bei Trost, so unverschämt, wie du bist!« Lasse murmelte noch eine Weile allerlei vor sich hin, aber dann blieb er stehen und beugte sich über den Jungen.
»Na, denn faß sie mal an, du dummer Jung', aber vorsichtig, hörst du! Und daß du mir keinen Schritt damit machst!«
Pelle klemmte die Flasche mit den Armen gegen den Körper, er wagte nicht, sich auf seine Hände zu verlassen; der Magen schob sich weit vor, um mit zu tragen. Lasse stand da und hielt die Hände unter der Flasche, bereit, sie aufzufangen, wenn sie fiel.
»So, nu is es genug«, sagte er fieberhaft erregt und nahm die Flasche.
»Sie is schwer!« sagte Pelle bewundernd und ging befriedigt weiter an der Hand seines Vaters.
»Aber warum will er sich eigentlich losschwören?« fragte er auf einmal.
»Weil man ihn beschuldigte, einem Mädchen ein Kind gemacht zu haben. Hast du das denn nich' gehört?«
Pelle nickte.
»Hat er es denn nich' getan? Alle sagen es doch?«
»Das kann man doch woll nich' gut glauben; das würde ja die sichere Hölle für Per Olsen sein. Aber das Mädchen sagt ja, daß er es is und kein anderer, weißt du. Ach ja, die Mädchen, das is 'n gefährlich Spielzeug – du mußt aufpassen, wenn deine Zeit kommt. Denn die können den besten Menschen ins Unglück bringen.«
»Wie schwört man denn? – Sagt man: hol mich der Deubel?«
»Nee, es is woll nich' so ganz leicht für jemand, der falsch schwört. Ach nee! Denn da in' Gericht, da sitzt die ganze hohe Obrigkeit Gottes um einen Tisch, der ganz so is wie ein Hufeisen, und inwendig darin steht ein Altar mit dem gekreuzigten Christus leibhaftig darauf. Auf dem Altar liegt ja nu ein großes, großes Buch, das mit 'ner eisernen Kette an die Wand festgemacht is, damit der Böse es nich' bei nachtschlafender Zeit wegholt – und das is Gottes Heilige Schrift. Wer schwört, muß seine linke Hand auf das Buch legen, und die rechte soll er in die Höhe halten, die drei Finger ganz frei – das sind Gott der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Aber wenn er falsch schwört, kann der Landeshauptmann es gleich sehen, denn denn sind da rote Blutflecke auf den Blättern der Schrift.«
»Und was denn?« fragte Pelle gespannt.
»Ja, denn welken seine drei Finger hin, und es frißt sich ihm weiter in den Körper 'rein. Solche Leute leiden schrecklich, sie verfaulen ganz und gar.«
»Kommen sie denn nich' in die Hölle?«
»Ja, da kommen sie auch hin. Wenn sie sich nich' selbst melden und ihre Strafe hinnehmen, damit können sie sich für das andere Leben loskaufen. Aber bei lebendigem Leibe verfaulen tun sie doch, da kommen sie nich' von ab.«
»Warum bestraft sie denn der Landeshauptmann nich' gleich von selbst, wenn er es doch in seinem Buche sehen kann, daß es falsch gewesen is?«
»Nee, denn kämen sie ja um die Hölle weg. Und das is 'ne abgemachte Sache mit dem Satan, daß er alle die haben soll, die sich nich' selbst angeben, verstehst du!«
Pelle schauderte. Eine Weile ging er schweigend an des Vaters Hand dahin. Aber dann hatte er das Ganze vergessen.
»Der Oheim Kalle is wohl reich?« fragte er.
»Reich is er woll nich', aber er is doch Grundbesitzer. Und das is keine Kleinigkeit!« – Lasse selbst war nie weiter gekommen, als Grund und Boden zu pachten.
»Wenn ich groß bin, will ich einen mächtigen Hof haben«, erklärte Pelle sehr bestimmt.
»Ja, den wirst du schon kriegen«, sagte Lasse und lachte. Nicht, daß er sich nicht Großes von dem Jungen erwartete – wenn auch nicht grade, daß er Hofbesitzer werden würde. Obgleich, wer konnte es wissen, vielleicht wollte es der Zufall, daß sich irgendeine Bauerntochter in ihn versah – die Frauen waren wie wild hinter den Männern in der Familie her. Mehr als ein Beispiel davon war bekannt, wie zum Beispiel des Vaters Bruder, der selbst dem Pfarrer Hörner gedreht hatte. Dann kam es für Pelle bloß darauf an zuzugreifen, so daß sich die Familie nicht widersetzen konnte, der Schande halber. Und Pelle war gar nicht so ohne. Er hatte diese Glückslocke in der Stirn und feine Haare hinten im Nacken und ein Muttermal auf der Lende – das bedeutete alles Glück. Lasse redete mit sich selber im Gehen; er stellte die Zukunft des Jungen mit großen, runden Zahlen auf – und ein klein bißchen fiel auch für ihn dabei ab. Denn was jetzt auch Großes kommen mochte, es kam doch immer rechtzeitig genug, daß Lasse mit dabei sein und sich auf seine ganz alten Tage darüber freuen konnte.
Sie gingen querfeldein, hinauf auf den Steinbruch zu, an steinernen Umfriedigungen und verschneiten Gräben entlang und arbeiteten sich vorwärts durch das mit Schlehen und Wacholder bestandene Gelände, hinter dem die Felsklippen und die Heide lagen. Sie kamen um die tiefen Steinbrüche herum und suchten in der Finsternis danach, wo der Abfall hingeworfen wurde; dort mußte die Steinklopferei liegen.
Von da oben her ertönten Hammerschläge, und sie entdeckten Licht auf mehreren von den Plätzen. Unter einem schrägen Strohschirm, von dem eine Laterne herabhing, saß ein kleiner, breiter Mann und hämmerte auf die Abfallsteine los. Er arbeitete mit einem eigenartigen Appell: schlug drei Schläge und strich zur Seite, wieder drei Schläge und zur Seite damit. Und während die eine Hand die Steine beiseite schob, legte die andere ein frisches Stück Abfall auf den Stein zurecht – das ging so fleißig und gleichmäßig wie das Ticken einer Uhr.
»Weiß Gott, das is Bruder Kalle, der da sitzt!« sagte Lasse mit einer Stimme, als sei dies Zusammentreffen ein Wunder des Himmels. »Guten Abend, Kalle Karlsson, wie geht es denn?«
Der Steinklopfer sah auf.
»Herrje, ja, da haben wir unsern Bruder!« sagte er und erhob sich beschwerlich; die beiden begrüßten sich, als hätten sie sich gestern zuletzt gesehen. Kalle sammelte das Werkzeug zusammen und legte den Schirm darüber, während sie schwatzten.
»Du klopfst auch Steine? Verdienst du denn was damit?« fragte Lasse.
»Na, so weit her is es ja gerade nich' damit, wir kriegen zwölf Kronen für den Klafter, und wenn ich morgens und abends bei der Laterne arbeite, kann ich die Woche einen halben Klafter schlagen. Zum Bier reicht es ja nich', aber wir leben doch. Aber eine schandbar schwere Arbeit is es – unmöglich, warm dabei zu werden. Und steif im Schritt wird man, wenn man so fünfzehn Stunden auf dem kalten Stein sitzt, so steif, als wenn man als alleiniger Mann Vater von der ganzen Welt wär'.« Er schritt mühselig vor den anderen her über die Heide, auf ein buckliges Bauernhaus zu.
»Ja, nu kommt der Mond, nu wo man ihn nich' mehr braucht!« sagte Kalle, der allmählich in gute Laune kam. »Herrjemine, wie sieht er aus, dieser verschlafene Rüssel – Dreckkleckse in den Augenwinkeln und den Mund voll zusammengelaufenes Wasser! Der is gewiß zum Neujahrsschmaus beim lieben Gott gewesen!«
Die Wand des Hauses schob sich auf der einen Seite in einem großen Buckel heraus; Pelle mußte hin und das befühlen. Es war ganz geheimnisvoll; was wohl darin sein konnte – am Ende ein geheimer Raum? Er zupfte fragend an den Rock des Vaters.
»Das da, das is ja der Ofen, wo sie ihr Brot in backen,« sagte Lasse, »der liegt so, um Platz zu schaffen.«
»Ja, und das da is die Bank, wo wir unterbringen, was wir übrig haben«, sagte Kalle und zeigte Pelle ein kleines baufälliges Haus. »Hast du Lust eine Einzahlung zu machen, so genier' dich man ja nich'.« Lasse lachte.
»Du bist noch derselbe fröhliche Teufel, wie in alten Zeiten«, sagte er.
»Ja, weiß Gott, der Humor is bald das einzige, was man noch gratis erhält. – Aber tretet gefälligst näher.«
Kalle steckte den Kopf zu einer Tür herein, die von der Küche nach dem Kuhstall führte. – »Halloh, Marie, du mußt das lange Bein vorsetzen«, rief er gedämpft. »Die Hebamme is hier!«
»Was will die denn? – Du lügst, du alter Schelm.« Man hörte die Milch wieder in den Eimer strullen.
»Ich lüg' – also das meinst du! Nee, aber du mußt 'reingehn und dich hinlegen; sie sagt, es wär' die höchste Zeit. Dies Jahr gehst du zu lange damit! – Nimm dein Mundwerk in acht!« flüsterte er in den Stall hinaus, »denn sie is wirklich hier! Und sput' dich ein bißchen.«
Sie kamen in die Stube hinein, und Kalle tastete vor sich hin, um Licht anzuzünden. Zweimal hatte er die Schwefelhölzer in der Hand und warf sie wieder hin, um am Ofen anzuzünden, aber es war kein rechtes Feuer im Torf. »Scheiß!« sagte er darauf und strich resolut ein Streichholz an – »man hat ja nich' jeden Tag Besuch!«
»Du hast woll 'ne dänische Frau«, sagte Lasse bewundernd. »Und 'ne Kuh hast du auch!«
»Ja, ihr seid hier nich' bei armen Leuten«, erwiderte Kalle und brüstete sich. »Die Katze gehört auch mit zum Viehstand – und Ratten, so viele, wie sie fressen mag.«
Jetzt kam die Frau atemlos herein und sah erstaunt die Fremden an.
»Ja, die Hebamme is wieder weg«, sagte Kalle. »Sie hatt' keine Zeit, wir mußten es auf ein andermal verschieben. Aber das da sind vornehme Gäste, du mußt dir die Nase mit den Fingern ausschnauben, ehe du die Hand gibst.«
»Ach, du Possenreißer, ich bin doch auch kein Kind mehr. – Das is Lasse, das kann ich mir denken, und Pelle!« Sie gab die Hand. Sie war klein, so wie der Mann, lächelte beständig und hatte krumme Arme und Beine, so wie er. Die schwere Arbeit und der gemütliche Sinn gaben ihnen beiden ein rundliches Aussehen.
»Na, hier is ja ein Segen Gottes an Kindern!« sagte Lasse, indem er sich umsah. Da lagen drei in der Bettbank unterm Fenster, zwei kleinere an dem einen Ende und ein langer zwölfjähriger Junge an dem anderen; seine schwarzen Füße guckten zwischen den Köpfen der kleinen Mädchen hervor. Außerdem waren Lagerstätten auf Stühlen, in einem alten Backtrog und auf dem bloßen Fußboden aufgemacht.
»Hm, ja, ein paar Gören haben wir zusammengeschrapt«, sagte Kalle und lief vergebens herum, um den Gästen eine Sitzgelegenheit zu verschaffen – alles war von den schlafenden Kindern in Anspruch genommen. »Ihr müßt einen Klecks hinspucken und euch da 'reinsetzen«, sagte er lachend.
Aber jetzt kam die Frau mit einer Waschbank und einem leeren Bierfaß herein.
»Bitte schön, setzt euch!« sagte sie und brachte die Sitze um den Tisch herum an. »Und dann müßt ihr es sehr entschuldigen, aber die Kinder müssen ja auch irgendwo abbleiben.«
Kalle schob sich dazwischen und hockte auf dem Rande der Bettbank. »Ja, ein paar haben wir ja zusammengeschrapt,« wiederholte er, »man muß an seine alten Tage denken, solange die Kräfte noch ausreichen. Das Dutzend haben wir voll, und der Anfang zum zweiten is gelegt. Das war nu eigentlich nich' die Absicht, aber Muttern hat uns angeführt.« Er kraulte sich im Nacken und sah ungeheuer verzweifelt aus.
Die Frau stand mitten in der Stube, die Hände ruhten auf dem Magen, die Röcke waren vorn beträchtlich kurz. »Wenn es bloß diesmal nich' auch wieder Zwillinge werden«, sagte sie lachend.
»Das würd' ja allerdings eine große Ersparnis sein, wenn wir die Madame doch holen lassen müssen«, meinte Kalle. »Die Leute sagen ja von Muttern, daß sie die Kinder immer zählen muß, wenn sie sie zu Bett gebracht hat, damit sie weiß, ob sie auch all' da sind. Aber das sind ausgestunkene Lügen, denn sie kann gar nich' weiter zählen als bis zehn.«
Im Alkoven fing eins der Kleinen an zu weinen. Die Mutter zog es heraus und setzte sich auf den Rand der Bettbank, um ihm die Brust zu geben. Sie saß mit der entblößten Brust ihnen zugekehrt und kitzelte das Kleine mit der Brustwarze an der Nase, um es zum Lachen zu bringen. Kalle sah sie verliebt an. »Marie hat immer so 'ne feine Haut gehabt, wie 'ne Pasterstochter«, sagte er und sah die anderen stolz an.
»Das is die Kleinste!« sagte die Mutter und hielt sie Lasse hin. Er piekte mit einem krummen Finger nach ihrem Hals.
»So ein Dicksack!« sagte er mit verschleierter Stimme – er hatte Kinder gern. »Und wie heißt sie denn?«
»Sie heißt Dutzine, Schlußine – denn damals meinten wir ja, daß es ein Ende haben sollte. Und sie ist außerdem die Zwölfte.«
»Dutzine, Schlußine! Das ist doch ein verdammt feiner Name!« rief Lasse aus. »Das klingt wahrhaftig, als könnt' es 'ne Prinzessin sein.«
»Ja, und die, die davor kommt, heißt Elfriede – von elf hergeleitet, verstehst du – die liegt da im Backtrog«, sagte Kalle. »Und der davor heißt Zensius, und denn kommt Neunauge und dann Achnes. Die, die dann kommen, heißen nich' nach Zahlen, denn dazumals dachte ja kein Mensch daran, daß es so viele werden würden. Aber da is Mutter schuld an, so wie sie bloß 'n Flicken auf meine Arbeitshose setzen soll, gleich is das Malheur da.«
»Du sollst dich wirklich schämen, daß du dich auf die Weise drum 'rumdrücken willst«, sagte die Frau und drohte ihm.
»Aber was die Namen anbetrifft,« wandte sie sich an Lasse, »so können sich die anderen auch wirklich nich' beklagen. Albert, Anna, Alfred, Albinus, Anton, Alma und Alvilda – wart' mal, – ja, das sind sie all' – sie können nie sagen, daß sie übervorteilt sind. Vater hatt' das damals mit die ›A‹ 'raus, es sollt sich all' auf A reimen. Er hat es immer so leicht mit das Dichten gehabt.« Sie sah ihn bewundernd an.
Kalle zwinkerte mit den Augen vor Verschämtheit. »Nee, aber das is ja der erste Buchstab', soviel ich weiß – und schön klingt es ja«, sagte er bescheiden.
»Ja, er is ja so klug, so was 'rauszufinden – er hätt' eigentlich studieren sollen. Mein Kopf hätt' nu nie zu so was getaugt. Er wollt' eigentlich, daß die Namen alle mit 'n A anfangen und enden sollten, aber bei die Jungs wollt' das ja nich' gehen; da mußt' er sich denn doch geben. Aber er hat ja auch weiter keine Büchergelehrsamkeit.«
»Nee, weißt du was, Mutter, gegeben hab' ich mich gar nich'. Für den ersten Jung hatt' ich auch 'n Namen gemacht, der vorn und hinten ein A hatt'. Aber da machten der Paster und der Küster Schwierigkeiten, und ich mußt' es fahren lassen. Sie hatten ja auch bei Neunauge was einzuwenden, aber da schlug ich auf den Tisch – denn Kalle kann auch wütend werden, wenn er zu doll gereizt wird. – Ich hab' nu immer 'ne Vorliebe dafür gehabt, daß in allens Sinn und Zusammenhang is, und es is gar nich' so übel, wenn da auch für die, die tiefer suchen, was ausfindig zu machen is. – Is dir woll bei dem ersten Namen was Besonderes aufgefallen, Bruder Lasse?«
»Nee,« antwortete Lasse unsicher, »nich' daß ich wüßt'. Aber ich hab' auch keinen Kopf für so was.«
»Ja, sieh mal, Anna, das bleibt sich genau dasselbe, ob man es von hinten oder von vorne liest – ganz akkurat dasselbe. Das sollst du gleich mal sehen.« Er nahm eine Kindertafel, die an der Wand hing, mit einem Stummel Griffel daran, und fing mühsam an, den Namen zu schreiben. »Guck mal her, Bruder!«
»Ja, ich kann ja nich' lesen«, sagte Lasse und schüttelte verzagt den Kopf. »Also das bleibt sich ganz gleich von vorne und von hinten? – Das is doch des Deubels, – nee, wie sonderbar das is!« Er konnte sich gar nicht von seiner Verwunderung erholen.
»Aber nu kommt noch was Merkwürdigeres!« sagte Kalle und sah den Bruder über die Tafel an. »Sieh, dies is doch 'ne Acht, und wenn ich die nu auf den Kopf stell', so bleibt es doch dasselbe. Sieh bloß mal, du!« Er schrieb eine Acht.
Lasse drehte die Tafel hin und her und starrte.
»Ja, bei Gott in' Himmel, das bleibt sich ganz egal, guck bloß mal, Pelle! Das is so wie die Katz, die immer auf ihre vier Beine zu stehen kommt, wie man sie auch 'runterschmeißt. Herr du meines Lebens, muß das fein sein, buchstabieren zu können! Wo hast du das bloß gelernt, Bruder?«
»Ach,« sagte Kalle überlegen – »ich hab' ja dabei gesessen und ein bißchen zugeguckt, wenn Mutter die Kleinen das ABC gelernt hat. Wenn man bloß seinen Grips in Ordnung hat.«
»Nu soll Pelle ja bald in die Schule,« sagte Lasse sinnend, »dann könnt' ich am End' auch noch – – – denn es wär' ja gar zu schön. Aber ich hab' woll keinen Kopf dazu? Nee, ich hab' woll keinen Kopf dazu.« Das klang ganz verzagt.
Kalle schien ihm nicht widersprechen zu wollen. Aber Pelle nahm sich vor, daß er dem Vater einmal Lesen und Schreiben beibringen wollte – und zwar viel besser, als Oheim Kalle es konnte.
»Aber wir vergessen ja ganz, daß wir einen Weihnachtstrunk mitgebracht haben!« sagte Lasse und knüpfte das Tuch auf.
»Nee, so 'n Prachtkerl!« rief Kalle aus und ging entzückt um den Tisch herum, wo die Flasche stand. »Das is wirklich das Beste, was du uns mitbringen konntst, Bruder – das paßt sich fein für das Kindelbier. ›Likör von schwarzen Johannisbeeren‹ – und mit Vergoldung rundherum – das macht sich fein!« Er hielt die Etikette gegen das Licht und sah mit strahlenden Augen um sich. Dann öffnete er zögernd den Wandschrank.
»Der Besuch muß doch mal davon probieren!« sagte die Frau.
»Ja, da zerbrech' ich mir ja gerade den Kopf über,« sagte Kalle und lachte verzweifelt, – »natürlich müßtet ihr das. Aber wird sie erst mal angeschenkt, denn schleicht es sich so pöh um pöh weg. Das kennt man!« Er langte langsam nach dem Korkzieher an der Wand.
Aber Lasse streckte abwehrend die beiden Hände aus; er wollt' um keinen Preis probieren. Das war nichts für so 'n armen Schlucker wie er, feinen Likör zu trinken, und noch dazu an einem gewöhnlichen Alltag! Nee, das ging nich' an!
»Ja, und zur Kindtaufe kommt ihr ja so wie so!« sagte Kalle erleichtert und stellte die Flasche in den Schrank. »Aber 'n Kaffeepunsch woll'n wir uns doch machen, denn hier is noch 'n Schluck Branntwein von heilig' Abend her, und Mutter kocht uns 'ne gute Tasse Kaffee.«
»Ich hab' schon Kaffee aufgesetzt!« antwortete die Frau verschmitzt.
»Nee, hat nu woll einer je so 'ne Frau gesehen? Nie kann man sich was wünschen, immer is es schon da!«
Pelle vermißte seine beiden Kameraden von der Weide, Alfred und Albinus, sie waren auf ihren Sommerstellen, um Anteil an dem guten Festessen zu haben, und kamen nicht vor St. Knud nach Hause. »Aber der da is auch nich' zu verachten«! sagte Kalle und zeigte auf den langen Burschen in der Bettbank. »Woll'n wir uns den mal ansehen?« Er zog einen Strohhalm heraus und kitzelte den Jungen damit in der Nase: »Na, mein lieber Anton, nu mach' man, daß du 'raus kommst und spann' dich vor die Schubkarre, wir woll'n ausfahren!«
Der Junge fuhr in die Höhe und fing an, seine Augen zu bearbeiten – zum großen Pläsier für Katte. Endlich entdeckte er, daß da Besuch war und zog die Kleider an, die ihm als Kopfkissen gedient hatten. Pelle und er wurden gleich gute Freunde und fingen an zu spielen, und da kam Kalle auf den Einfall, daß die anderen Kinder auch teil an dem Fest haben sollten; er und die beiden Jungen gingen herum und kitzelten sie alle zusammen wach. Die Frau erhob Einspruch, aber es war nicht weit her damit; sie lachte fortwährend und war ihnen selbst beim Ankleiden behilflich, während sie wiederholte: »Nee, so 'n Unsinn! So was hab' ich doch mein Lebtag nich' gekannt! – Aber dann soll die hier auch nich' zurückstehn!« sagte sie plötzlich und zog die Kleinste aus dem Alkoven heraus.
»Das wären die acht!« sagte Kalle und zeigte auf die Schar. »Sie füllen die Stube ganz gut! Alma und Alvilda da, das sind Zwillinge, das kannst du woll sehen! und Alfred und Albinus, die nu im Fest aus sind, auch; sie sollen zum Sommer zum Paster, denn haben wir die von der Hand!«
»Wo sind denn die beiden Ältesten?« fragte Lasse.
»Anna dient nach Norden zu, und Albert fährt zur See – er is mit 'm Walfischfänger draußen. Das is ein Staatskerl, vorigen Herbst haben wir sein Bild gekriegt. Hol' das doch mal 'raus, Marie!«
Die Frau begann zögernd, danach zu suchen, konnte es aber nicht finden.
»Ich glaub', ich weiß, wo es is, Mutter«, sagte eins der kleinen Mädchen, einmal über das andere, ohne daß die Mutter danach hinhörte. Da kletterte sie selbst auf die Bank und holte eine alte Bibel von dem Bort herunter, darin lag es.
»Weiß Gott, das is 'n Staatskerl!« sagte Lasse, »is das 'ne Gestalt. Der schlägt nich' nach uns, Kalle; die Haltung muß er von deine Familie haben, Marie.«
»Er is ein Kongstrup!« sagte Kalle gedämpft.
»So, is er das?« sagte Lasse unsicher; er mußte an Johanne Pihls Erzählung denken.
»Marie hat da auf 'm Hof als Stubenmädchen gedient, und da hat er sie beschwatzt – wie er das mit so viele getan hat. Das war ja vor meine Zeit – und er hat bezahlt, was er bezahlen mußte!«
Die Frau sah bald den einen, bald den anderen mit einem unsicheren Lächeln an, sie war ein wenig rot über die Stirn geworden.
»Da is Herrenblut in dem Jung'«, sagte Kalle bewundernd, »er trägt seinen Kopf anders als die anderen. Und gut is er – unmanierlich gut.« Da kam sie langsam hin, legte den Arm auf die Schulter des Mannes und sah auch das Bild an. »Er is gut so, wie er is, Mutter!« sagte Kalle und strich ihr über das Gesicht.
»Und gut in Zeug is er auch!« rief Lasse aus.
»Ja, er paßt auch auf sein Geld – er is nich' so wie der Vater, der Saufbruder. Und dabei is er gar nich' ängstlich mit 'm Zehnkronenschein, wenn er hier zu Hause zu Besuch is.«
Es pusselte an der Stubentür, und ein kleines, runzliges, altes Mütterchen kam über die Schwelle geschlichen; sie tastete mit den Füßen vor sich hin und hielt die Hände beschützend vor das Gesicht. »Sind da Tote?« fragte sie in die Stube hinein.
»Da haben wir ja Großmutter!« sagte Kalle. »Ich glaubte, Ihr wär't zu Bett?«
»Das war ich auch, aber da hört ich, daß hier Besuch is, und da wollt ich gern fragen, ob was Neues passiert is. – Sind da Tote in' Dorf?«
»Nee, Großmutter – da sind keine – die Leute haben was anderes zu tun, als zu sterben. Hier is 'n Freier für Euch, das is viel was Besseres. – Das is Schwiegermutter,« wandte er sich zu den anderen, »denn könnt ihr euch wohl denken, was für eine das is.«
»Ja, komm du man bloß hierher, ich will dich was Schwiegermuttern«, sagte die Alte, mit einem matten Versuch, auf die Lustigkeit einzugehen. »Ja, ja, willkommen hier bei uns!« sagte sie und streckte die Hand aus.
Kalle hielt ihr erst die seine hin, aber sobald sie sie berührte, schlug sie dieselbe zur Seite. »Meinst du, daß ich die nich' kenn', du Narr!« Lasses und Pelles Hände befühlte sie lange mit ihren weichen Fingern, ehe sie sie wieder los ließ. »Nein, euch kenn' ich nich'!« sagte sie.
»Das is Bruder Lasse und sein Sohn unten von Steinhof!« erklärte Kalle endlich.
»Na, seid ihr das – Herrje ja, nu hab' ich es! Ihr seid gekommen. – Und ihr seid auch übers Meer gekommen! Ja, hier wank' ich alte Frau nu so allein herum – und sehen kann ich auch nich' mehr!«
»Ganz allein seid Ihr doch wirklich nich', Großmutter«, sagte Kalle lachend. »Wir sind für täglich zwei Erwachsene und beinah ein Dutzend Kinder um Euch 'rum«.
»Ja, du kannst gut reden, du! Aber alle die, mit denen ich jung war, die sind nu gestorben – und noch viele dazu, die ich hab' aufwachsen sehen. Jede Woche sterben welche, die ich kenne, und ich Ärmste muß hier herumgehen und andere zur Last liegen.«
Kalle holte den Lehnstuhl der Alten aus ihrer Stube und brachte sie zu Platz. »Was sind das nu all für Reden?« sagte er vorwurfsvoll, Ihr bezahlt ja für Euch.«
»Bezahlen, ach, mein Gott, sie kriegen im Jahr zwanzig Kronen dafür, daß sie mich hier haben«, sagte die Alte in die Luft hinein.
Der Kaffee kam, und Kalle schenkte für alle Erwachsenen Branntwein in die Tasse. »Nu muß Großmutter vergnügt sein!« sagte er und stieß mit ihr an, »wo der Kochtopf für zwölf kocht, kocht er auch für dreizehn. Prost, Großmutter, wir wünschen Euch, daß Ihr uns noch viele Jahre zur Last liegen mögt – wie Ihr es nennt!«
»Ja, das weiß ich ja recht gut, das weiß ich ja recht gut,« sagte die Alte und wiegte sich hin und her – »ihr meint es alle so gut mit mir. Aber bei alle Lust zu leben, die ich hab', is es schwer, andere den Belag vom Butterbrot wegzunehmen. Die Kuh frißt, die Katze frißt, die Kinder fressen – wir fressen all zusammen. Wo willst du Ärmster das bloß hernehmen.«
»Nenn den einen Armen, der kein Hinterteil hat, und bedauere den, der zwei hat«, sagte Kalle munter.
»Wieviel Boden hast du«? fragte Lasse.
»Vier Morgen Land. Aber das meiste sind ja Steine.«
»Kannst du denn die Kuh davon satt kriegen?«
»Voriges Jahr war es knapp genug. Wir mußten letzten Winter das Dach vom Schuppen reißen und sie damit futtern – das hat uns mächtig zurückgebracht. Aber um so höher wurd' es bis zur Decke!« Kalle lachte. »Nu kommen ja auch mehr und mehr von den Kindern so weit, daß sie sich selbst ernähren können.«
»Die, die erwachsen sind, geben doch auch woll 'ne Handreichung?« fragte Lasse.
»Wie sollten sie das woll können! Wenn man jung is, hat man sein Eigenes nötig genug. Die müssen sehen, daß sie sich amüsieren, solang' es noch Zeit is; in den Kinderjahren is nich' viel aus Lustbarkeiten geworden, und sind sie erst mal verheiratet und ansässig, denn is da genug anders zu bedenken. Albert is gut genug, wenn er auf Besuch zu Haus is; das letztemal gab er uns zehn Kronen und eine Krone für jedes von den Kindern. Aber wenn sie erst von Haus sind, weiß man ja, wo das Geld abbleibt, wenn sie sich nich' vor den Kameraden lumpen lassen woll'n. Anna is nu von die Art, die alles für sich selbst für Kleider gebrauchen kann; sie hat den besten Willen, was abzugeben, aber sie hat man nie einen Öre. Und Zeug hat sie kaum auf 'm Leibe, wo sie doch immerzu kauft und kauft.«
»Nee, sie is das schnurrigste Geschöpf!« sagte die Frau. »Nichts nich' will bei ihr verschlagen.«
Die Bettbank wurde zugeklappt, um Sitzplätze am Tisch zu schaffen, und ein altes Spiel Karten kam zum Vorschein. Alle sollten mitspielen bis auf die beiden Allerkleinsten, die wirklich zu klein waren, um die Karten zu halten; Kalle wollte sie eigentlich auch mit dabei sehen, aber das ging nicht. Man spielte ›Armer Schäfer‹ und ›Schwarzer Peter‹. Großmutter mußte sich ihre Karten aufrufen lassen. »Wir spielen mit einem Blinden!« rief Kalle und schüttelte sich vor Wonne – »das soll ja das Allerfeinste sein.« Und Großmutter lachte am eifrigsten über den Witz.
Zwischendurch schwatzten die Erwachsenen miteinander.
»Wie gefällt dir denn der Dienst bei dem Steinhöfer?« fragte Kalle.
»Von ihm selbst sehen wir ja grad nich' viel – er is eigentlich immer unterwegs, oder auch, er schläft den Brummschädel aus. Er is sonst woll gutmütig, und das Essen is auch ganz gut.«
»Ja, da sind woll Höfe, wo das Essen noch schlechter is,« meinte Kalle, »aber viele sind das woll grad nich'! Auf den meisten is es woll besser.«
»So, meinst du das?« fragte Lasse verwundert. »Ja, ich will nu nich' klagen, was die Kost anbetrifft. Aber reichlich viel zu tun is da für uns beide; und denn is es ja nich' grad pläsierlich, das Frauenzimmer beinah immer weinen zu hören. Ob er sie woll mißhandelt? Sie sagen ja, er tut es nich'.«
»Das tut er sicher nich',« sagte Kalle, »selbst wenn er auch woll manchmal Lust dazu hat – was einer gut verstehen kann. Aber er hat nich' die Kurasch. Er is bange vor ihr. Denn sie is von' Teufel besessen, will ich dir sagen.«
»Sie sagen, des Nachts wär' sie ein Werwolf«, sagte Lasse mit einem Gesicht, als erwarte er, daß ein Gespenst in einer der Ecken erscheine.
»Das is nichts als dummes Zeug und Aberglaube«, rief Kalle aus. »Nee, aber sie is von einem unreinen Geist besessen, den wir auch aus der Bibel kennen. Frag du Marie man, die hat da ja gedient.«
»Sie is 'n armes Wurm, das sein gut Teil zu tragen hat«, sagte die Frau. »Jedes Weibsbild weiß woll davon zu erzählen, was das heißt. Und der Steinhöfer is nu auch nich' lauter Güte, wenn er sie auch gerad nich' prügelt. Seine Treulosigkeit macht ihr mehr Kummer als sonst irgend was.«
»Ja, ihr Frauen halt't ja immer zusammen«, sagte Kalle. »Aber unsereins hat doch auch Augen und kann auch sehen. Was meint Ihr dazu, Großmutter. Ihr kennt es doch besser als all die andern!«
»Ja, ein bißchen kenn' ich woll davon«, sagte die Alte. »Ich weiß noch ganz deutlich, wie wenn es gestern gewesen wär', als Kongstrup nach der Insel kam. Er hatt', weiß Gott, nichts nich' als das Zeug, wo in er ging und stand; aber den Feinen spielt' er darum doch, und er kam ja auch aus der Hauptstadt.«
»Was wollt' er eigentlich hier machen?«
»Was er wollt'? – Jagd auf ein Mädchen mit Geld machen, denk' ich mir so. Er lief hier in der Heide 'rum und trieb sich mit seine Flinte herum, aber auf den Fuchs hatt' er es reell nich' abgesehen. Sie lief ja auch in der Heide 'rum wie 'ne Verrückte, die Steinhöfer-Tochter; sie schwärmte für die wilde Natur und all so 'n Blödsinn und stellt' sich an wie 'ne Mannsperson. Statt daß sie sie zu Haus behalten hätten und ihr das Spinnen und Grützekochen beigebracht hätten; aber sie war ja die einzige Tochter und könnt' tun und machen was sie wollt'. Und da trifft sie denn diesen Krämer, und sie wurden gute Freunde. Er war, glaub' ich, Kandidat oder Papst oder irgend so 'n feiner Dreckkram, und denn kann man ja nichts nich' dazu sagen, wenn so 'ne dumme Dirn nich' weiß, was sie tut.«
»Nee, das is woll man all so!« sagte Lasse.
»Das Blut hat immer schlimm regiert bei die Frauen in die Familie!« fuhr die Alte fort. »Und einmal soll sogar eine von ihnen Umgang mit 'n Teufel gehabt haben. Seitdem hat er ja Macht über sie und geht fürchterlich mit ihnen zu Kehr, jedesmal, wenn der Mond in' Abnehmen is – ob sie nu woll'n oder nich'. Über die Reinen hat er keine Gewalt, versteht sich; aber als die beiden sich erst gekannt hatten, sah es mit ihr auch schlimm aus. Das hat er denn woll gemerkt – und hat sich zurückziehn woll'n; denn sie erzählen, der alte Steinhöfer-Bauer hätt' ihn mit seine Flinte gezwungen, sie zur Frau zu nehmen. Und er war ein Satanskerl, der Alte, der konnt' seinen Mann ruhig niederschießen, wenn es darauf ankam. Aber ein Bauer war er durch und durch, er trug selbstgewebte Kleider und war nich' bange, einen ganzen Tag mit zuzugreifen, von des Morgens, wenn die Sonne aufging, bis die Sonne unterging. Das war nich' so wie nu, mit Schulden und Kartenspielen und Saufgelagen, darum hatten die Leute damals auch was.«
»Ja, nu soll die Saat am liebsten schon gedroschen werden, wenn sie noch auf 'n Halm steht, und die Kälber verkaufen sie im Mutterleibe«, sagte Kalle. »Aber nu bist du, weiß Gott, Schwarzer Peter geworden, Großmutter!«
»Großmutter soll schwarz gemacht werden!« riefen die Kinder. Die Alte bat und flehte, sie hätt' sich gerade eben erst für die Nacht gewaschen. Aber die Kinder machten einen Kork im Ofen schwarz und umringten sie; sie kriegte ihren schwarzen Strich auf die Nase. Sie lachten alle, groß wie klein. »Ein Glück, daß ich es nich' selbst sehen kann«, sagte Großmutter und lachte mit. »Nichts is so schlimm, daß es nich' zu was gut is. Aber ich möcht' doch gern meine Augen wieder haben, bloß fünf Minuten, ehe ich sterb'. Es wär' so schön, das Ganze noch einmal zu sehen, so wie Kalle sagt, daß die Bäume und alles heranwächst – das ganze Land hat sich woll verändert? Und die kleinsten Kinder hab' ich ja noch gar nich' gesehen.«
»Die Leute sagen, man könnt die Blindheit wegnehmen, da drüben in Kopenhagen«, sagte Kalle zu dem Bruder.
»Das kostet woll Geld, kann ich mir denken?« fragte Lasse.
»Hundert Kronen kostet es woll allerwenigstens«, meinte Großmutter.
Kalle sah nachdenklich aus: »Wenn wir nu den ganzen Kram verkauften, müßt' ich mich wundern, wenn da nich' hundert Kronen bei 'rauskämen. Und denn hätt' Großmutter ihre Augen wieder.«
»Herr Gott soll uns bewahren!« rief die Alte aus. »Haus und Hof verkaufen – du bist woll nich ganz richtig im Oberstübchen, du! Große Kapitalien an ein altes ausgelebtes Ding wie mich verschwenden, wo ich doch schon mit einem Bein auf dem Kirchhof steh'. Ich könnt' es mir ja gar nich' besser wünschen, als ich es hab'!« Sie hatte Tränen in den Augen. »Gott soll mich bewahren, auf meine alten Tage solch Unglück anzurichten.«
»Ach was, wir sind ja noch jung!« sagte Kalle. »Wir könnten woll noch was Neues anfangen, Marie und ich.«
»Hat keiner von euch gehört, was Jakob Kristians Witwe macht?« sagte die Alte ablenkend. »Ich hab' es so in' Gefühl, daß sie zuerst daran muß und denn ich. Ich hab' die Krähen vorige Nacht da drüben rufen hören.«
»Das is unser nächster Nachbar drüben auf der Heide«, sagte Kalle erklärend. »So, sollt' es mit ihr zu Ende gehn? Ihr hat doch den ganzen Winter nichts gefehlt, soviel ich weiß.«
»Du kannst mir glauben, es is so«, sagte die Alte sehr bestimmt. »Laß doch morgen mal ein von den Kindern 'rüberlaufen.«
»Ja, wenn Großmutter Ahnungen hat – Jakob Kristian selbst hat sich auch deutlich gemeldet, als er hinging und starb. Wir sind ja auch all die Jahre so gute Freunde gewesen, er und ich.«
»Hat er sich gezeigt?« fragte Lasse feierlich.
»Nee, aber eine Nacht – wir hatten so 'n recht böses Oktoberwetter – da wach' ich davon auf, daß es an die Haustür klopft; das sind nu gut drei Jahre her. Marie hat es auch gehört, und wir lagen da und sprachen davon, ob ich aufstehen sollt. Es blieb beim Schnacken, und wir waren gerad dabei, wieder einzuschlafen, als es wieder klopft. Ich spring auf, fahr in meine Hosen und mach die Tür ein ganz klein bißchen auf, aber da war keiner. Das is doch schnurrig, sag ich zu Marie und kriech wieder ins Bett 'rein; aber ich bin noch nich' mal unter das Oberbett gekommen, als es zum dritten Male klopft. Da wurd ich ärgerlich, ich steckte die Laterne an und ging rund um das Haus herum; da war nichts zu sehen und zu hören. Aber am Morgen kam ja Bescheid, daß Jakob Kristian in der Nacht gestorben war, gerad um die Zeit.«
Pelle saß da und lauschte der Unterhaltung, er drängte sich ganz an den Vater heran vor Furcht. Aber Lasse selbst sah auch nicht gerade tapfer aus. »Mit den Toten is nicht immer gut fertig zu werden«, sagte er.
»Ach was, wenn man keinem Menschen nichts nich' getan hat, und wenn man immer jedem gegeben hat, was ihm zukommt, was können sie einem da woll tun?« sagte Kalle. Großmutter sagte nichts, sondern saß da und wiegte vielsagend den Kopf hin und her.
Jetzt kam die Frau herein und stellte eine Kruke mit Schmalz und ein großes Schwarzbrot auf den Tisch.
»Das is die Gans«, sagte Kalle und stach ausgelassen mit seinem Dolchmesser in das Brot, »wir haben sie noch nich' angeschnitten – sie is mit Zwetschen gefüllt. Und das da is das Gänseschmalz. Langen Sie zu, meine Herrschaften!« – –
Lasse und Pelle mußten jetzt daran denken, nach Hause zu kommen, sie fingen an, ihre Tücher um den Hals zu binden. Die anderen wollten sie noch nicht weglassen; sie redeten hin und her, und Kalle machte Witze, um sie noch eine Weile zurückzuhalten. Aber auf einmal wurde er grabesernst – man hörte Jammern draußen in dem kleinen Gang, jemand faßte an die Tür und gab es wieder auf. »Wahrhaftig in Gott, das is Spuk!« rief er aus und sah ängstlich von dem einen zu dem anderen hinüber.«
Da jammerte es wieder, und die Frau schlug die Hände zusammen. »Das is ja Anna!« rief sie aus und öffnete schnell die Tür. Anna trat weinend ein. Sie fielen von allen Seiten mit verwunderten Fragen über sie her, sie antwortete nicht, sondern weinte nur.
»Und du hast Zeit, uns Weihnachten zu besuchen? – und kommst weinend nach Haus, du bist mir die Rechte,« sagte Kalle lachend. »Nee, so 'n Gör – du mußt ihr einen Schnuller machen, Mutter!«
»Ich bin ja weggejagt!« brachte das Mädchen endlich schluchzend heraus.
»Das bist du doch woll nicht!« rief Kalle in ganz verändertem Ton aus. »Aber warum denn? – Hast du gestohlen? Oder bist du frech gewesen?«
»Nee, aber der Bauer sagt', ich hätt' 'ne Liebschaft mit dem Sohn auf 'n Hof.«
Wie ein Blitzstrahl glitten die Augen der Mutter von dem Gesicht des Mädchens an ihrer Gestalt hinab – dann brach auch sie in Tränen aus.
Kalle konnte nichts sehen, aber er fing die Gebärde seiner Frau auf und begriff. »Ach so,« sagte er leise, »ach so!« Der kleine Mann glich einem großen Kinde, sein Ausdruck wechselte, es kam und ging zitternd in seinem gutmütigen Gesicht. Dann siegte das Lächeln wieder. »Na, aber denn is ja alles gut!« rief er aus und lachte laut. »Gute Kinder sollen ja auch den Eltern die Mühe abnehmen, wenn sie heranwachsen und es können. Zieh dich aus, Anna, und setz' dich hin, du bist woll hungrig. Es könnt' sich gar nicht besser passen, wir müssen die Madam ja doch holen lassen!« –
Lasse und Pelle zogen die Halstücher vor den Mund in die Höhe, nachdem sie sich rings in der Stube verabschiedet hatten. Kalle umkreiste sie und schwatzte eifrig, er hatte keine Ruhe: »Kommt bald wieder, ihr beide, und noch vielen Dank für den Besuch und die Flasche, Bruder Lasse! – Ja,« sagte er dann plötzlich draußen in der Haustür und lachte ganz ausgelassen, »und das wird ja ganz fein, du! mit dem Bauer verschwägert, gewissermaßen! Zum Deubel auch, Kalle Karlsson, du und ich, wir werden in Zukunft die Nase woll hoch tragen!« Er gab ihnen eine kleine Strecke Wegs das Geleite, beständig schwatzend; Lasse wurde ganz traurig zu Sinne dabei.
Pelle wußte recht gut, daß das mit Anna als große Schande betrachtet wurde, und begriff nicht, daß der Oheim Kalle die Sache so vergnügt nehmen konnte. »Ja, ja,« sagte Lasse, indem sie stolpernd ihren Weg zwischen den geschlagenen Steinen hindurch fanden, »Kalle is genau so, wie er immer gewesen is! Er lacht da, wo andere weinen.«
Es war zu dunkel, um querfeldein zu gehen, sie schlugen den Fahrweg nach Süden zu ein, um an die Landstraße hinab zu gelangen. Hier am Kreuzwege, dessen vierter Arm nach dem Dorfe hinunter führte, lag der Kaufmannsladen, der gleichzeitig eine geheime Schenke war.
Als sie an der Schenke vorüberkamen, drang ihnen ein heftiger Lärm von drinnen entgegen. Die Tür sprang auf, und einige Männer wälzten einen Männerkörper vor sich her, der rund auf dem Wege herumrollte. »Nu hat die Polizei sie woll bei ihre heimliche Trinkerei überrascht!« sagte Lasse und ging mit dem Jungen auf den gepflügten Acker hinaus, um ungesehen vorüber zu kommen. Aber im selben Augenblick wurde da drinnen eine Lampe in das Fenster gestellt, und man gewahrte sie.
»Da geht ja der Kuhhirte aus Steinhof!« rief eine Stimme. »Halloh, Lasse, komm mal her!« Sie gingen heran und sahen einen Mann auf der Erde liegen und mit den Füßen schlagen, das Gesicht nach unten; die Hände waren ihm auf dem Rücken zusammengebunden, er konnte das Gesicht nicht von dem Schmutz befreien.
»Aber das is ja Per Olsen!« rief Lasse aus.
»Ja woll is er das!« antwortete der Kaufmann. »Könnt ihr ihn nich' mit nach Haus nehmen? Er is nich' ganz richtig in' Kopf.«
Lasse sah bedenklich zu dem Jungen hinüber. »Ein wütender Mann – das können wir beide nich'.«
»Ach, die Hände sind ihm ja gebunden. Ihr haltet bloß das Ende von dem Strick, denn geht er ganz ruhig mit«, sagte einer der Männer. Es waren Steinarbeiter oben vom Bruch. »Nich' wahr, du gehst ganz ruhig mit?« fragte er und stieß ihn mit der Holzschuhschnauze in die Seite.
»Ach Jesus, Jesus!« stöhnte Per Olsen nur.
»Was hat er bloß einmal getan?« fragte Lasse – »warum habt ihr ihn zuschanden geprügelt?«
»Wir mußten ihn prügeln, weil er sich seinen einen Daumen abhacken wollt'! Er versuchte es mehrmals, das Schwein, und kriegt ihn auch halb ab – wir mußten ihn prügeln, damit er es nachlassen sollt.« Sie zeigten seinen Daumen vor, der war ganz blutig. – »So'n Vieh fängt an, an sich selbst 'rumzuhauen und zu schneiden, weil er ein paar Pegel Branntwein 'reingetüllt hat! Wenn er sich prügeln wollt', waren hier doch Mannsleute genug, sollt' ich meinen!«
»Wir müssen ihm woll einen Lappen umbinden, er verblutet sich ja sonst, der Ärmste«, sagte Lasse und holte zögernd sein rotes Taschentuch heraus. Es war sein Sonntagstaschentuch, und er hatte es gerade rein genommen. Der Kaufmann kam mit einer Flasche und goß Branntwein über den Finger – damit keine Kälte hinzukommen sollte. Der Verwundete schrie laut und schlug seine Wange gegen den Erdboden.
»Will nich' einer von euch mitkommen?« sagte Lasse. Aber niemand antwortete, sie wünschten sich zu drücken, für den Fall, daß die Sache vor die Obrigkeit kam. »Na ja, denn müssen wir beide es in Gottes Namen tun«, sagte er zu Pelle gewendet. Seine Stimme zitterte. »Aber aufhelfen könnt' ihr ihm doch woll – so wie ihr ihn da hingeschmissen habt!«
Sie richteten ihn auf. Sein Gesicht war zerschlagen und blutig. In ihrem Eifer, seinen Finger zu retten, hatten sie ihn so mißhandelt, daß er kaum auf den Beinen stehen konnte.
»Das sind Lasse und Pelle,« sagte der Alte und versuchte, ihm das Gesicht abzutrocknen, »du kennst uns doch woll, Per Olsen? Wir woll'n dich nach Hause bringen, wenn du gut sein und uns nichts tun willst – wir meinen es gut mit dir, wir beide.«
Per Olsen stand da und knirschte mit den Zähnen und zitterte am ganzen Leibe. »Ach, Jesus, ach!« war das einzige, was er sagte. Weißer Schaum stand ihm vor dem Mund.
Lasse gab dem Jungen das Ende des Strickes zu halten. »Er knirscht mit den Zähnen. Der Teufel is woll schon bei ihm zu Gang«, flüsterte er. »Aber wenn er uns was tun will, ziehst du aus aller Macht an dem Strick. Und wenn es ganz arg geht, müssen wir über die Gräben springen.«
Und dann machten sie sich auf den Heimweg. Lasse mußte Per Olsen unter den Arm fassen, er schwankte und war jeden Augenblick im Begriff zu fallen; beständig murmelte er etwas vor sich hin oder knirschte mit den Zähnen.
Pelle trottelte hinterher und hielt den Strick; es durchschauerte ihn kalt – vor Furcht und geheimer Befriedigung. So hatte er doch einen gesehen, von dem er wußte, daß er ewig verdammt war! – so wie Per Olsen sahen also die aus, die im Jenseits Teufel wurden. Aber schlecht war er nicht! Er war am gutmütigsten von allen Knechten auf dem Hof gegen Pelle, er hatte ihnen die Flasche gekauft – ja, er hatte das Geld aus seiner eigenen Tasche ausgelegt bis zum Löhnungstag am ersten Mai!