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XXIV

Jetzt wurde jeden Tag darüber geredet, die kurze Zeit, die sie noch hatten! Lasse, der sich beständig mit Aufbruchgedanken getragen hatte und alle diese Jahre hindurch nur geblieben war, weil das Wohl des Jungen es erforderte – war jetzt, wo ihn nichts mehr zurückhielt, so unschlüssig. Er wollte Pelle ja ungern ziehen lassen und tat alles, um ihn zurückzuhalten, aber sich noch einmal in die Welt hinausbegeben, das wollte er um keinen Preis.

»Bleib du hier!« sagte er überredend. »Denn reden wir mit Frau Kongstrup, und die wird dich schon für einen ordentlichen Lohn mieten. Du hast ja Kräfte und Geschick – und freundlich gesonnen is sie dir immer gewesen!«

Aber Pelle wollte keinem Bauern dienen, das gab kein Ansehen, und man kam nicht vorwärts damit. Irgend etwas Großes wollte er werden; aber hier auf dem Lande war keine Aussicht zu irgend etwas – hier konnte man sein Leben lang hinter den Kühen hergehen. Er wollte in die Stadt – vielleicht weiter weg übers Meer nach des Königs Kopenhagen.

»Du sollt'st mitkommen, du!« sagte er. »Um so eher werden wir reich und können uns einen großen Hof kaufen!«

»Ja, ja,« sagte Lasse und nickte langsam – »du red'st deiner kranken Mutter gut zu! Aber es geht nich' immer so, wie der Paster von der Kanzel predigt. Wir könnten am Ende Hungerpfoten saugen! Wer kennt woll die Zukunft, du!«

»Ach, ich will schon –!« Pelle nickte zuversichtlich. »Ich scheu' mich doch vor nichts!«

»Ich hab' ja auch gar nich' zur rechten Zeit gekündigt«, entschuldigte sich Lasse.

»Denn lauf' doch weg!«

Aber das wollte Lasse nicht.

»Nee, ich will hierbleiben und zusehen, daß ich irgend was für mich selbst hier in der Nähe krieg'«, sagte er – in etwas ausweichendem Ton. »Es kann auch sehr angenehm für dich sein, eine Häuslichkeit zu haben, wo du ab und zu mal hinkommen kannst. Und sollt' es dir da draußen schlecht gehen, so wär' es gar nich' so übel, wenn du etwas in der Hinterhand hätt'st. Du könnt'st ja krank werden, oder es könnt' dir sonst was zustoßen – die Welt is nich' zum Trauen. Da draußen muß man überall harte Haut haben.«

Pelle antwortete nicht. Das mit der eigenen Häuslichkeit klang anheimelnd genug; und er verstand sehr wohl, daß Karnas Person das andere Ende herunterzog. Na, sie hatte jetzt zur Ausreise all seine Sachen nachgesehen, und eine gutmütige Person war sie immer gewesen – er hatte nichts dagegen!

Es würde ihm schwer genug ankommen, von Vater Lasse getrennt zu sein, aber Pelle mußte hinaus. Hinaus! Es war, als wenn ihm der Frühling mit dem Worte um die Ohren klatschte. Hier kannte er jeden Stein in der Landschaft und jeden Baum – ja, sogar jeden Zweig an den Bäumen; hier gab es nichts mehr, was seine blauen Augen oder Klappohren anfüllen und seinen Sinn sättigen konnte.

Am Tage vor dem ersten Mai waren sie beschäftigt, Pelles Aussteuer zu ordnen. Lasse lag auf den Knien vor der grünen Kiste; jedes Stück ward sorgfältig zusammengelegt und bekam seine Bemerkungen, ehe es in den Leinwandsack hineinkam, der Pelle als Reisekoffer dienen sollte.

»Vergiß nu auch nich', daß du nich' zu lange mit deinen Strümpfen gehen mußt, ehe du sie stopfst!« sagte Lasse und legte das Stopfgarn daneben. »Wer seine Sachen rechtzeitig nachsieht, spart sich die halbe Arbeit und die ganze Schande.«

»Ich werd' schon daran denken!« sagte Pelle leise.

Lasse lag da und wog ein zusammengelegtes Hemd in der Hand. »Das, was du anhast, hast du gerade angezogen«, sagte er sinnend. »Aber man kann ja nich' wissen – – zwei Hemden werden woll in Zukunft zu wenig sein? Du kannst das eine von mir noch kriegen; ich kann mir immer ein anderes besorgen, bis ich wechseln muß. Und länger als vierzehn Tage mußt du nie mit einem Hemd gehen, daß du das man weißt! Du, der du jung und gesund bist, könnt'st dir leicht Ungeziefer aufsacken – und zu Spott und Schande für die ganze Stadt werden, so was darf der nich' auf sich sitzen lassen, der Ansehen genießen will. Wenn es gar nich' anders geht, mußt du selbst 'ne kleine Wäsche anstellen; du kannst ja abends nach dem Strand 'runtergehen – wenn du es sonst nich' anzufangen weißt!«

»Geht man in der Stadt mit Holzschuhen?« fragte Pelle.

»Wer vorwärts will, nich'! Ich hab' mir so gedacht, du läßt mir deine Holzschuhe hier und nimmst meine Stiefel dafür mit; die putzen einen Mann immer, wenn sie auch alt sind. Die kannst du denn morgen auf der Wanderschaft anziehen und deine feinen Schuhe sparen.«

Der neue Anzug kam zu oberst in den Sack, mit einer alten Bluse darüber, damit er nicht schmutzig werden sollte.

»Nu glaub' ich wirklich, daß wir nichts vergessen haben«, sagte Lasse und warf einen untersuchenden Blick in die grüne Kiste hinein; es war nicht mehr viel darin. »Na, ja, so binden wir denn in Gottes Namen zu und bitten ihn, daß du gut vorwärts kommen mög'st – wohin auch die Bestimmung is!« Lasse band den Sack zu; er war gar nicht fröhlich.

»Du sagst ja einem jeden hier auf dem Hof hübsch Adjö, damit sie mir nachher nichts unter die Nase zu reiben haben«, sagte Lasse nach einer Weile. »Daß du dich bei Karna ein bißchen nett bedankst, möcht' ich gern, sie hat dir alles so gut in Ordnung gemacht. Nich' eine jede würd' sich damit abplacken.«

»Ja, das will ich tun!« sagte Pelle leise; seine Stimme wollte heute gar nicht recht durchbrechen.


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