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IV

Die Stadt hatte das an sich, daß es schwer war, zu Bett zu gehen und schwer aufzustehen. Hier drinnen stieg keine Dämmerung schauernd über der Erde auf und weckte alles. Das offene Antlitz des Morgens konnte nicht in die Häuser schauen. Auch der schwindende Tag goß nicht seine Abendmüdigkeit schwer in die Glieder, trieb sie nicht dem Lager zu, das Leben ging hier in umgekehrter Richtung, die Leute wurden zur Nacht lebhaft.

Um halb sechs Uhr klopfte der Meister, der unten lag, mit dem Stock gegen die Decke. Pelle, auf dem die Verantwortung ruhte, richtete sich mechanisch auf und klopfte mit der geballten Faust gegen die Seite der Bettstelle, dann fiel er wieder zurück, noch immer schlafend. Nach einer Weile wiederholte sich das. Aber dann riß dem Meister die Geduld. »Zum Teufel auch, wollt ihr denn heut gar nich' aufstehen!« brüllte er. »Soll ich euch am Ende den Kaffee ins Bett bringen!« Pelle taumelte schlaftrunken aus dem Bett heraus. »Aufstehn, Aufstehn!« rief er und rüttelte die anderen. Jens kam leicht auf die Beine, er erwachte immer mit einem Ausdruck von Entsetzen und schützte seinen Kopf; aber in Emil und Peter, die sich in den Flegeljahren befanden, war kein Leben hineinzurütteln.

Pelle eilte hinunter und brachte alles in Ordnung, füllte den Einweichkübel und legte einen Sandhaufen auf den Fenstertritt, damit der Meister dahineinspucken konnte. Er wunderte sich nicht mehr über die anderen, er war selbst morgensauer. An den Tagen, wo er gleich auf den Schusterhocker kriechen mußte, ohne erst ein paar Morgenbesorgungen zu machen, brauchte er Stunden, um aufzutauen.

Er untersuchte, ob er am vorhergehenden Abend an irgendeine in die Augen fallende Stelle ein Kreidekreuz gemacht hatte, denn dann war da etwas, woran er sich durchaus erinnern mußte. Es haperte mit dem Gedächtnis – daher hatte er diese geniale Erfindung gemacht. Dann galt es nur nicht zu vergessen, was die Kreuze bedeuteten – denn dann war man noch ebensoweit.

Wenn die Werkstatt in Ordnung war, lief er für die Madame hin und holte Morgenbrot für »sie selbst«. Er bekam einen Weizenzwieback zu seinem Kaffee, den er draußen in der Küche trank, während die alte Frau herumging und murrte. Sie war eingedörrt wie eine Mumie und bewegte sich stark vornüber gebeugt, wenn sie ihre Hände nicht gebrauchte, preßte sie einen Unterarm gegen das Zwerchfell. Mit allem war sie unzufrieden und redete bis ins Unendliche von dem Grab. »Meine beiden Ältesten hab' ich über 'm Meer, in Australien und in Amerika; die seh' ich nie wieder. Und hier zu Hause stolzieren zwei Mannsleute herum, tun nichts und lassen sich aufwarten. Andres, der Ärmste, is krank, und Jeppe is zu nichts mehr zu gebrauchen, er kann sich nich' mal mehr warm im Bett halten. Aber Ansprüche machen, das können sie, und mich lassen sie ohne Hilfe herumgehen und rennen, und alles muß ich selbst tun. Ich will wahrhaftig Gott danken, wenn ich erst in meinem Grab liege. – Was stehst du nun da und reißt Mund und Augen auf, mach, daß du wegkommst!« Dann trug Pelle den Kaffee mit dem braunen Zucker hinaus an das Werkstattfenster.

Mit der Arbeitslust war es des Morgens, ehe der Meister auf war, nur schwach bestellt; sie waren schläfrig und sahen einem langen, griesgrämigen Tag entgegen. Der Geselle trieb nicht zur Arbeit an, er mußte dafür sorgen, daß da etwas für ihn selbst übrig blieb. So saßen sie denn und nusselten, taten hin und wieder ein paar Hammerschläge zum Schein, während dieser oder jener über dem Tisch weiterschlief. Sie fuhren auf, wenn die drei Schläge für Pelle an die Wand gepickt wurden.

»Was macht ihr denn? Mir deucht, es is so tot hier bei euch?« konnte der Meister fragen, indem er Pelle mißtrauisch anstarrte. Aber Pelle hatte sich gemerkt, was jeder einzelne in Händen haben sollte, und nannte es – »Was für einen Tag haben wir heute – Donnerstag? Verdammt und verflucht, sag' dem Jens, daß er augenblicklich Mannas Vorschuhen hinlegt und die Stiefel für den Lotsen in Angriff nimmt, sie waren für vorigen Montag versprochen.« Der Meister rang trübselig nach Luft: »Ach, ich hab' eine schlimme Nacht gehabt, Pelle, eine ganz abscheuliche Nacht mit Hitze und Ohrensausen. Das neue Blut is ja so verteufelt unbändig, es kocht mir beständig im Kopf wie Sodawasser. Aber gut is es ja, daß ich es krieg', sonst wär ich, weiß Gott, bald fertig, du. – Glaubst du an die Hölle? Der Himmel, das is der reine Unsinn, was können wir wohl Gutes anderswo erwarten, wenn wir es hier nich' mal ordentlich haben können! Aber, glaubst du an die Hölle? Mir träumte, ich hätt' den letzten Stummel Lunge ausgespien und käme in die Hölle. ›Was zum Satan willst du hier, Andres?‹ sagten sie zu mir, ›du hast ja dein Herz noch ganz‹, sie wollten mich nich' haben. Aber was nützt das? Mit dem Herzen kann ich ja doch nich' atmen, ich krepiere darum doch. Und was wird dann aus mir? Willst du mir das sagen?

Es gibt ja etwas, das heißt, wieder in seine Mutter hineingehen, wenn man das wenigstens könnte, und dann als neuer Mensch mit zwei guten Beinen wieder zur Welt kommen. Dann solltest du mich in aller Eile übers Meer verschwinden sehen – wuppdi! Ich würde mich hier nich' lange aufhalten und herumwühlen. – Hast du deinen Nabel heute schon gesehen? Ja, du grinst, du Luder, aber es is mein Ernst! Es würde dir das meiste geraten, wenn du den Tag immer damit anfingst, deinen Nabel zu besehen.«

Der Meister war halb ernsthaft, halb schelmisch. »Na, nu kannst du mir denn meinen Portwein holen, er steht auf dem Bort hinter dem Kasten mit den Schnürbändern, mich friert so mörderlich.«

Pelle kam zurück und meldete, daß die Flasche leer sei. Der Meister guckte sie sanftmütig an.

»Dann geh hin und besorg mir eine andere! Aber ich hab' kein Geld, du mußt sagen, ja, denk dir selbst was aus – du bist ja nich' auf den Kopf gefallen.« Der Meister sah ihn mit dem Blick an, der ihm zu Herzen ging, so daß er oft nahe daran war, in Tränen auszubrechen. Pelles Welt hatte sich bisher auf der schnurgeraden Landstraße abgespielt, er begriff nicht das Spiel von Witz und Elend, Schelmerei und zum Tode Betrübtsein. Aber er fühlte etwas von des guten Gottes Angesicht, und es zitterte in ihm, er hätte für den Meister in den Tod gehen können.

Wenn es regnerisches Wetter war, wurde es dem Meister schwer, aufzustehen – die Kälte drückte ihn nieder. Wenn er dann in die Werkstätte hinauskam, frischgewaschen und mit nassem Haar, stellte er sich an den kalten Ofen und stand da und klapperte mit den Zähnen – mit ganz eingefallenen Wangen. »Ich habe augenblicklich so wenig Blut,« sagte er dann, »aber das neue is im Anmarsch, es singt mir jede Nacht vor den Ohren.« Dann hustete er eine Weile. »Da haben wir, bei meiner Seele, wieder ein Stück Lunge«, sagte er und zeigte Pelle, der am Ofen stand und Schuhe bürstete, einen gallertartigen Klumpen. »Aber sie wächst wieder frisch nach!«

»Jetzt is der Meister ja bald seine dreißig Jahre,« sagte der Geselle, »dann is die gefährliche Zeit überstanden.«

»Ja, zum Kuckuck auch, so lange werd' ich doch wohl noch zusammenhängen können – nur noch ein halbes Jahr,« sagte der Meister eifrig und sah Pelle an, als habe der es in seiner Macht, nur noch sechs Monate! Dann erneuert der ganze Kadaver sich – neue Lungen – alles neu. Aber neue Beine krieg ich, weiß Gott, nie.«

Es wuchs ein eigenes, heimliches Verständnis zwischen Pelle und dem Meister auf, das sich nicht auf Worte und Äußerungen aufbaute, aber in den Blicken, im Tonfall und in ihrem ganzen Wesen zu spüren war. Es war, als strahle die Lederjacke des Meisters selbst warmes Gefühl aus, wenn Pelle hinter seinem Rücken stand. Pelles Augen suchten den Meister, wann und wo er konnte, und der Meister war anders gegen ihn als gegen alle anderen.

Wenn er von Besorgungen in der Stadt nach Hause kam und um die Ecke bog, hatte er den erfreulichen Anblick des jungen Meisters, der in der Haustür stand; das lahme Bein in Ruhestellung und die Hand fest um den Stock, stand er da und ließ seinen Blick umherschweifen, voll Sehnsucht in die Ferne. Das war sein Platz, wenn er nicht da drinnen saß und in den abenteuerlichen Büchern las. Aber Pelle wünschte, daß er dastand. Und wenn er dann vorüberschlüpfte, duckte er sich verschämt. Denn es geschah oft, daß der Meister die Hand in seine Schulter krallte, so daß es schmerzte, ihn hin und her rüttelte und herzlich sagte: »Du Satansbengel!« Das war die einzige Liebkosung, die das Leben für ihn vorgesehen hatte, und er sonnte sich darin.

Pelle begriff den Meister nicht, auch nicht einen Seufzer von ihm verstand er. Der Meister kam nie hinaus, nur ausnahmsweise einmal, wenn die Kräfte gut waren, humpelte er zu Bierhansens hinüber und machte eine Partie, sonst ging seine Reise nicht weiter als bis in die Haustür hinaus. Da stand er und guckte ein wenig und konnte dann hinkend wieder hineinkommen mit dieser ansteckenden guten Laune, die die dunkle Werkstatt in einen Hain voll Vogelgezwitscher verwandelte. Draußen war er niemals gewesen und empfand wohl auch kein Bedürfnis danach; aber trotzdem kam und ging die große Welt in seinem Wesen und seiner Rede, so daß Pelle ganz krank werden konnte vor Sehnsucht hinaus. Etwas anderes als Gesundheit verlangte er nicht für sich von der Zukunft, und dann war er von Abenteuerlichkeit umflattert; man bekam den Eindruck, daß alles Glück herabfliegen und sich auf ihn niedersetzen müsse. Pelle vergötterte ihn, begriff ihn aber nicht. Der Meister, der mit seinem lahmen Bein Scherz treiben und im nächsten Augenblick ganz vergessen konnte, daß er es hatte, oder der schelmisch mit seiner Armut spielen konnte, als seien es fröhliche Goldstücke, mit denen er um sich warf – das war nicht zu verstehen. Und Pelle wurde nicht klüger dadurch, daß er im geheimen in den Büchern las, die Meister Andres den Atem raubten; er konnte sich mit weniger als dem Nordpol und dem Innern der Erde begnügen, wenn er nur Erlaubnis erhielt, selbst mit dabei zu sein.

Er hatte keine Gelegenheit, still zu sitzen und Grillen zu fangen, jeden Augenblick hieß es: »Pelle, lauf!« Alles wurde in kleinen Portionen gekauft, obwohl es auf Kredit entnommen wurde. »Dann läuft es nicht so arg auf«, sagte Jeppe – Meister Andres war das einerlei. – Da kam Werkführers Mädchen gelaufen, sie mußte absolut die Schuhe für ihr Fräulein haben – sie waren zu Montag versprochen. Der Meister hatte sie ganz vergessen. »Sie sind in Arbeit«, sagte er unverzagt. »Zum Teufel auch, Jens!« Und Jens hatte es sehr eilig, er schlug Leisten in die Schuhe, während Meister Andres das Mädchen hinausbegleitete und draußen auf der Diele mit ihr schäkerte, um sie milde zu stimmen. »Bloß ein paar Hiebe, daß sie nur zusammenhängen«, sagte der Meister zu Jens. Und dann – »Pelle, fort damit, so schnell dich deine Beine tragen können! Sag, wir ließen sie morgen früh holen und machten sie ordentlich fertig. Aber lauf, als hättest du den Deubel auf den Hacken.«

Pelle lief, und wenn er eben nach Hause gekommen und eben in sein Schurzfell geschlüpft war, mußte er wieder 'raus. »Pelle, lauf hin und leih ein paar Messingstifte – dann brauchen wir heut keine zu kaufen! Geh zu Klausen – nee, geh lieber zu Blom; bei Klausen bist du ja erst heut vormittag gewesen.«

»Bloms sind wütend über den Schraubenblock«, sagte Pelle.

»Ja, Tod und alle Teufel – wir müssen sehen, daß wir den wieder in Ordnung bringen und ihn abliefern; denk daran und nimm ihn zum Schmied mit! – Was in aller Welt fangen wir denn bloß an?« Der junge Meister starrte hilflos bald den einen, bald den anderen an.

»Schuster Marker«, schlug der kleine Nikas vor.

»Bei Marker leihen wir nich',« der Meister runzelte die Stirn – »Marker is 'ne Laus!« Marker hatte es verstanden, sich bei einem der ältesten Kunden der Werkstatt einzuschmeicheln. – »Der hat ja nich' mal Salz für ein Ei!«

»Ja was denn?« fragte Pelle ein wenig ungeduldig.

Der Meister saß eine Weile stumm da. »Na, denn nimm das da!« rief er verdrießlich und warf Pelle eine Krone hin, ich hab' ja keine Ruhe vor dir, solange ich noch einen Öre in der Tasche habe, du Unhold! Kauf ein Paket und trag dann Klausens und Bloms die hin, die wir geliehen haben.«

»Aber dann sehen sie ja, daß wir ein ganzes Paket haben«, sagte Pelle, der auch mit Überlegung handeln konnte. »Und übrigens sind sie uns so viel anderes schuldig, was sie von uns geliehen haben.«

»So ein Schurke«, sagte der Meister und setzte sich hin, um zu lesen. – »Herr du meines Lebens, so ein Galgenstrick!« Er sah sehr vergnügt aus.

Und nach einer Weile hieß es dann wieder: »Pelle, lauf!«

Der Tag verlief mit Botengängen, und Pelle gehörte nicht zu denen, die sie abkürzten, er sehnte sich nicht nach der düsteren Werkstatt mit dem hölzernen Dreibein. Da war so viel, was abgesucht werden mußte, er hielt es im Grunde für seine Pflicht, überall zu sein, wo er nichts zu tun hatte, er streifte umher wie ein junger Hund und steckte seine Nase in alles hinein. Die Stadt hatte schon jetzt nicht mehr viele Geheimnisse vor ihm.

Es lag in Pelle ein ehrlicher Trieb, sich das Ganze untertan zu machen. Aber vorläufig hatte er nur Niederlagen aufzuweisen, er hatte wieder und wieder von seinem eigenen Mitgebrachten geopfert, ohne bisher etwas wiederzubekommen. Seine Scheu und sein Mißtrauen hatte er hier drinnen abgestreift, wo es galt, sich nach allen Seiten zu öffnen; seine soliden Eigenschaften war er im Begriff, als bäuerisch auf dem Altar der Stadt zu opfern. Aber er gewann an Unverzagtheit, je weniger Deckung er besaß, um so unerschrockener ging er drauflos – die Stadt sollte ja erobert werden. Er war aus seiner sicheren Schale herausgelockt und würde leicht zu verzehren sein.

Die Stadt hat ihn aus seiner sicheren Lage herausgeschleudert, im übrigen ist er derselbe prächtige Junge – die meisten werden keinen anderen Unterschied sehen können als den, daß er in die Höhe geschossen ist. Aber Vater Lasse würde sicher Blut weinen, wenn er seinen Jungen so erblickte, wie er jetzt in der Straße auftaucht, voll Unsicherheit und Nachahmungsdrang; die beste Jacke am Werktag an und trotzdem unordentlich in der Kleidung.

Er geht da und schlendert mit ein Paar Stiefeln, hat die Finger in den Strippen und pfeift übermütig. Hin und wieder schneidet er eine Fratze und geht vorsichtiger – wenn die Beinkleider die empfindlichen Streifen an den Lenden herunter berühren.

Er hat einen heißen Tag gehabt – nur weil er heute vormittag an einer Schmiede vorbeikam und sich von der herrlichen Kraftentwicklung da drinnen im Feuerschein und Halbdunkel zurückhalten ließ. Die Flammen und der Klang von Metall, dieses ganze frische Getöse von wirklicher Arbeit fesselten ihn, er mußte hinein und fragen, ob sie nicht Verwendung für einen Lehrjungen hätten. Er war nicht so dumm, anzugeben, wohin er gehörte; aber als er nach Hause kam, war Jeppe bereits unterrichtet und –! Na, jetzt ist das vergessen, ausgenommen, wenn gerade die Beinkleider die Lenden berühren. Dann wird er daran erinnert, daß es hier in der Welt kein Sichherumdrücken gibt; hat man sich in etwas hineinbegeben, muß man sich durchfressen, so wie der Junge im Märchen. Und diese Entdeckung ist an und für sich nicht so überraschend neu für ihn.

Er hat wie immer den längsten Umweg gewählt, stöbert auf Höfen und in Seitengassen herum, wo Chancen für ein Erlebnis sind, und ist ganz schnell einmal bei Albinus vorgewesen, der Knecht bei einem Kaufmann ist. Albinus war nicht amüsant. Er hatte nichts Rechtes zu tun und ging wie gewöhnlich draußen im Speicher ziellos umher, eifrig davon in Anspruch genommen, eine kurze Leiter gerade in der Luft stehen zu lassen, während er hinaufging. Es war nie ein Wort aus ihm herauszubringen, wenn er sich mit dergleichen abmühte; dann mopste Pelle eine Handvoll Rosinen und machte sich aus dem Staube.

Unten im Hafen entert er eine schwedische Schute, die gerade mit Holz eingelaufen ist. »Habt ihr was, was gemacht werden soll?« ruft er und hält eine Hand hinten vor, wo die Hose ein Loch hat.

»Klaußens Lehrling ist eben hier gewesen und hat gekriegt, was da war«, antwortet der Schiffer.

»Das ist ja dumm! Ihr hättet es uns geben sollen! Habt ihr denn 'ne Kreidepfeife?«

»Ja, komm du man her!« Der Schiffer greift nach einem Tauende, aber Pelle rettet sich an Land.

»Na, krieg ich nich' bald die Prügel?« ruft er foppend.

»Du sollst eine Kreidepfeife haben, wenn du hinlaufen und für fünf Öre Priem holen willst.«

»Was soll der kosten?« fragt Pelle einfältig. Der Schiffer greift nach dem Tauende, aber Pelle ist schon weg.

»Für fünf Öre Priem von dem langen«, ruft er, noch ehe er zur Tür hineingekommen ist. »Aber vom allerbesten, denn es ist für einen Kranken.« Er wirft das Geld auf den Tisch und sieht unverschämt aus.

Der alte Schiffer Lau richtet sich auf seinen beiden Stöcken auf und reicht ihm den Priem, seine Kiefern gehen wie ein Walzwerk, alle Glieder sind von Gicht gekrümmt. »Soll woll für 'ne Wöchnerin sein?« fragt er verschmitzt.

Pelle bricht den Stiel von der Kreidepfeife ab, damit sie nicht in der Tasche durchbrechen soll, entert den Bergungsdampfer und verschwindet vorne. Nach einer Weile taucht er unter der Kajütenkappe wieder auf mit ein Paar mächtigen Seestiefeln und einem Stück Kautabak. Hinter den Dampferschuppen beißt er einen gehörigen Bissen von dem braunen Cavendishtabak ab und kaut mutig darauflos, er strotzt von Mannesgefühl. Aber dort am Ofen, wo die Schiffsplanken gebogen werden, muß er den Magen umkehren, alle seine inwendigen Teile drängen sich heraus, als wollten sie mit Macht und Gewalt ausprobieren, wie es ist, wenn sie nach außen heraushängen. Er schleppt sich weiter, krank wie ein Hund und mit klopfenden Schläfen; aber irgendwo inwendig in ihm sitzt ein kleines Stückchen Zufriedenheit auch hiermit und wartet nur darauf, daß die schlimmsten Folgen überstanden sind, um sich in irgendeiner Heldentat zu betätigen.

Im übrigen ist der Hafen hier mit seinen Bretterstapeln und Schiffen auf Helling noch ebenso spannend wie damals, als er in den Hauspänen lag und herumkroch und acht auf Lasses Sack gab. Der schwarze Mann mit den beiden kläffenden Hunden ragt noch immer aus dem Dach des Hafenschuppens empor das Unbegreifliche ist nur, daß man jemals vor ihm hat bange werden können. – Ja, aber Pelle hat es eilig.

Er läuft einige Schritte, aber bei dem alten Bedding muß er notwendigerweise haltmachen, denn da steht »die Kraft« und behaut einige Granitblöcke – kupferbraun von Sonne und Luft. In seinem schönen schwarzen Haar hängen Splitter von dem Stein; Hemd und Leinwandhose, weiter hat er nichts an, und das Hemd ist von der kräftigen Brust herabgestreift; aber auf dem Rücken liegt es eng an und zeigt das Spiel der Muskeln. Wenn er haut, sagt die Luft tju! und es seufzt ringsherum in Stapeln und Bollwerk. Leute kommen dahergestürzt, hemmen in einer gewissen Entfernung ihre Schritte und stehen da und sehen ihn an. Beständig steht da eine kleine Schar und gafft und löst einander ab, so wie vor dem Käfig des Löwen. Es könnte etwas geschehen – einer dieser plötzlichen Ausbrüche, die das Ganze erschüttern und anständigen Leuten einen Schrecken einjagen.

Pelle geht ganz an ihn heran. Die Kraft ist ja der Vater von Jens, dem zweitjüngsten Lehrling. »Guten Tag!« sagt er unverzagt und geht geradeswegs in den Schatten des Riesen hinein. Aber der Steinhauer schiebt ihn zur Seite, ohne zu untersuchen, wer es ist und haut weiter, tju, tju!

»Es ist nachgerade lange her, seit er seine Kräfte ordentlich gebraucht hat«, sagt ein alter Bürger. »Ob er zur Ruhe gekommen ist?«

»Einmal muß er doch woll ausgerast haben«, meint ein anderer. »Die Stadt sollte sehen, daß sie sich Frieden vor ihm schaffte.« Und dann gehen sie, und auch Pelle muß weiter – irgendwohin, wo ihn niemand sehen kann.

»Schuster, tu Fuster, tu Grütz in den Brei,
Prügel auf 'n Rücken schmeckt süß, o weih!«

Das sind die verdammten Straßenjungen. Pelle ist gar nicht in kriegerischer Laune, er tut so, als sähe er sie nicht. Aber sie gehen dicht hinter ihm her und treten ihm in die Hacken. Futti, futti, futti, pfui! – Und ehe er sich's versieht, liegt er sich mit ihnen in den Haaren. Er merkt es erst, als er sich im Rinnstein auf dem Rücken wälzt, alle drei über sich. Er ist an dem Kantstein entlang gefallen und kann sich nicht rühren; matt ist er auch infolge des verdammten Kraftfutters; die beiden Größten breiten seine Arme über die Pflastersteine aus und drücken sie mit aller Macht nieder, der Kleinste darf sich an seinem Gesicht üben. Es ist ein ausgesuchter Hohn, aber alles, was Pelle tun kann, ist, daß er den Kopf vor den Schlägen zur Seite dreht – er hat doch Mitleid mit den schimpflichen dicken Wangen.

Da taucht in seiner Not ein blendender Anblick vor ihm auf, dort in dem Torweg steht ein weißer Bäckerjunge und amüsiert sich königlich. Und das ist Nilen, der wunderbare kleine verteufelte Nilen aus seiner Schulzeit, der auf alles losging wie ein Rattenhund und immer mit heiler Haut davon kam. Pelle schließt die Augen und schämt sich, obwohl er recht gut weiß, daß es nur eine Art Offenbarung ist.

Aber dann geschieht das Wunderbare, daß die Offenbarung in den Rinnstein zu ihm hinabsteigt, die Jungen zur Seite schleudert und ihm auf die Beine hilft. Pelle erkennt diesen Fingergriff wieder, der schon in der Schule wie eiserne Klauen wirkte.

Und dann sitzen sie hinter dem Ofen auf Nilens schmutzigem Bett. »Also, du bist Schusterfleck geworden?« sagt er einmal über das andere mitleidig – er selbst sieht verteufelt flott aus in seinem weißen Anzug, die bloßen Arme über der nackten Brust gekreuzt. Pelle befindet sich äußerst wohl, er hat eine Crêmeschnitte bekommen und findet, daß die Welt immer spannender wird. Nilen priemt männlich und speit auf den Fußboden.

»Priemst du?« fragt Pelle und beeilt sich, ihm den Blattabak zu schenken.

»Ja, das tun wir alle, dazu ist man gezwungen, wenn man des Nachts arbeiten soll.«

Pelle begriff nicht, daß ein Mensch es aushalten kann, Tag und Nacht umzukehren.

»Das tun alle Bäcker in Kopenhagen – dann können die Leute des Morgens frisches Brot bekommen. Und unser Meister will nun auch versuchen, es hier einzuführen. Aber das kann nicht ein jeder, dazu ist eine Umgestaltung des ganzen Körpers nötig. Am schlimmsten ist es um Mitternacht, wenn sich alles umdreht. Dann kommt es darauf an, auf die Uhr achtzugeben, und im selben Augenblick, wo sie zwölf schlägt, halten wir alle den Atem an, dann kann nichts 'rein- oder 'rauskommen. Der Meister selbst kann die Nachtwache nicht aushalten, der Priem wird ihm sauer im Mund, und er muß ihn auf den Tisch legen. Wenn er dann wieder aufwacht, glaubt er, daß es eine Rosine ist und wirft ihn in den Teig. – Wie heißt dein Mädchen?«

Pelles Gedanken streifen einen Augenblick die drei Töchter des Schiffers, aber die sollen doch nicht geopfert werden. Nein, er hat kein Mädchen!

»Nee, nu hör' mal einer, das kannst du doch nich' auf dir sitzen lassen. Ich hab' augenblicklich so 'ne kleine Liebelei mit dem Meister seiner Tochter, und das is 'ne süße Dirn – schon ganz entwickelt, du! Aber wir müssen uns ja vor dem Alten in acht nehmen!«

»Willst du dich denn verheiraten, wenn du Geselle wirst?« fragt Pelle sehr interessiert.

»Und mich mit Frau und Kindern abplacken? Du bist ein Rindvieh, Pelle! Aber das brauchst du dir nich' leid sein zu lassen! – 'n Frauenzimmer, das is ja nur was, wenn man sich langweilt, weißt du!« Er reckt sich gähnend.

Nilen ist ein schöner Bursche geworden, aber ein wenig hart im Ausdruck; er sitzt da und sieht mit einem eigentümlichen Blinzeln in den Augen auf Pelle herab. »Schusterfleck!« sagt er spöttisch und beult die Wangen mit der Zunge aus. Pelle sagt nichts; er weiß, daß er Nilen nicht prügeln kann.

Nilen hat seine Pfeife angezündet und liegt auf dem Rücken im Bett – mit den beschmutzten Schuhen – und schwatzt. »Wie is euer Gesell? Unser is ein eingebildeter Esel. Neulich mußt' ich ihm 'ne Ohrfeige langen, er war zu unverschämt. – Jetzt hab' ich es gelernt, Kopenhagener Kopfnüsse auszuteilen; dann kann man leicht fertig werden; aber dazu gehört 'ne starke Stirn.« Er ist ein verteufelter Bursche, Pelle wird kleiner und kleiner.

Aber plötzlich fährt Nilen mit größter Hast in die Höhe – draußen in der Bäckerei ertönt eine scharfe Stimme. »Aus dem Fenster 'raus, zum Teufel auch!« faucht er – »der Gesell!« Und Pelle muß zum Fenster hinaus, so lang er ist, seine Stiefel sausen hinter ihm drein. Während er davonläuft, hört er den wohlbekannten Laut einer schallenden Ohrfeige.

 

Wenn Pelle von seinem Umherschweifen heimkehrte, war er müde und träge, die düstere Werkstatt lockte ihn nicht. Kleinlaut war er auch, denn die Uhr beim Uhrmacher sagte, daß er drei Stunden weggewesen war. Er begriff es nicht.

Der junge Meister stand in der Haustür und guckte aus, mit Lederjacke und Schurzfell aus grünem Billardtuch; er pfiff leise vor sich hin und sah aus wie ein ausgewachsener junger Vogel, der nicht wagt, sich aus dem Nest herausfallen zu lassen. Es konnte eine ganze Welt von Verwunderung in seinem neugierigen Blick liegen.

»Bist du nun wieder im Hafen gewesen, du Teufelsjunge?« fragte er und hieb eine Klaue in Pelle.

»Ja«, Pelle schämte sich gehörig.

»Na, was war denn da los, was gibt's Neues?«

Und dann mußte Pelle auf der Treppe erzählen: von einem schwedischen Holzschiff, auf dem die Frau des Schiffers auf offener See ein Kind gekriegt hatte, und daß der Koch sie hatte entbinden müssen; von einem Russen, der mit Meuterei an Bord in den Hafen gelaufen war, und was sonst vorgefallen sein mochte. Heute waren da nur die Stiefel. »Die sind von dem Bergungsdampfer – sie sollen versohlt werden.«

»Hm«, der Meister sah sie mit einem gleichgültigen Blick an. »Ist der Schuner Andreas fertig zur Abfahrt?«

Aber das wußte Pelle nicht.

»Was für ein Schafskopf bist du denn, hast du denn keine Augen im Kopf? – Na ja, denn hol' mir mal drei Flaschen Bier! Steck' sie aber unter die Bluse, damit Vater sie nicht sieht, du Ungetüm!« Der Meister war gleich wieder gut.

Und dann kroch Pelle in die Schürze und schnallte den Spannriemen übers Knie. Jeder Mann lag seiner Arbeit ob, und Meister Andres las; man hörte keinen anderen Laut als den der Arbeit und hin und wieder einen leisen Tadel von dem Gesellen.

Jeden zweiten Nachmittag gegen fünf Uhr glitt die Werkstatttür ein klein wenig auf, und ein nackter, mehliger Arm steckte die Zeitung hinein und legte sie auf den Tisch. Das war Bäckers Sören, er selbst jedoch ließ sich nicht sehen; er bewegte sich am liebsten umher wie ein Dieb in der Nacht. Wenn der Meister ihn hin und wieder einmal abfaßte und ihn in die Werkstatt hineinzog, war er wie ein eingeschüchterter Waldteufel, der sich aus seinem Dickicht verirrt hat; er stand mit gesenktem Kopf da und versteckte scheu die Augen, man konnte kein Wort aus ihm herausbringen. Und wenn er nur eine Gelegenheit sah, schlüpfte er hinaus.

Die Ankunft der Zeitung brachte neue Fahrt in die Arbeit. Wenn dem Meister der Kopf danach stand, las er vor – von Kälbern mit zwei Köpfen und vier Paar Beinen, von einem Kürbis, der fünfzig Pfund wog, von dem fettesten Mann der Welt, von Todesfällen durch fahrlässigen Umgang mit Schießwaffen und von Schlangen auf Martinique. Die leuchtenden Wunder der ganzen Welt marschierten vorbei und füllten die dunkle Werkstatt, das politische Geschreibsel übersprang er. Wenn er in seiner verzweifelten Laune war, las er das verteufeltste Zeug: von dem Atlantischen Ozean, der ausgebrannt war, so daß sich die Leute an gebratenem Dorsch totaßen; oder daß der Himmel über Amerika einen Riß bekommen habe, so daß die Engel den Leuten gerade in die Suppenteller fielen. Dinge, denen man es gleich anhören konnte, daß es Lügen waren – und gotteslästerlicher Blödsinn, der jederzeit Strafe über ihn bringen konnte. – Ausschelten war nicht die Sache des Meisters, er wurde krank, sobald Unfriede in der Luft lag. Aber er hatte seine eigene Art und Weise, sich in Respekt zu setzen, mitten aus der Lektüre heraus konnte ein Rüffel für diesen oder jenen herauswachsen, so daß der Betreffende zusammenzuckte und glaubte, alle seine Verfehlungen stünden in der Zeitung.

Wenn der Feierabend nahte, kam immer ein hellerer Klang in die Arbeit. Dann ging der lange Arbeitstag zu Ende, die Gedanken streiften den Überdruß und die Müdigkeit des Tages ab und liefen voraus – nach dem Seehügel oder dem Hain, den Weg entlang, den die Freude erhellte. Hin und wieder trat auch ein Nachbar ein und verkürzte die Zeit mit seinem Geplauder; es war dies oder jenes geschehen, und Meister Andres, der so klug war, mußte es besiegeln. Laute, die sonst von dem Tage verschlungen wurden, drangen jetzt herein und ließen einen teilnehmen an dem Leben der Stadt, es war, als fielen die Mauern.

Gegen sieben Uhr stieg ein eigenes Geräusch oben in den Straßen auf und kam abwärts in langgestrecktem Tempo: ein totes Humpeln und zwei klatschende Laute, dann wieder dieser Bums, wie von einem mächtigen, in Lumpen eingewickelten Fuß – und das Klatschen. Es war der alte Bjerregrav, der sich auf seinen Krücken nach der Werkstatt hinunterwälzte, Bjerregrav, der sich langsamer bewegte als alle anderen und doch schneller vorwärts kam. Wenn Meister Andres in seiner schlechten Laune war, hinkte er hinein, um nicht mit einem Krüppel in derselben Stube zu sein; sonst hatte er Bjerregrav gern.

»Was sind das für seltene Vögel?« rief er, wenn Bjerregrav an der Treppe anlegte und sich seitwärts hineinstängelte; und der Alte lachte – er war nun seit vielen Jahren jeden Tag hierher gekommen. Der Meister nahm auch keine weitere Notiz von ihm, sondern las weiter, und Bjerregrav glitt in sein stummes Grübeln hinein; seine bleichen Hände gingen befühlend von dem einen zum anderen, als kenne er die alltäglichsten Dinge nicht. Er faßte alles so neugeboren an, und man mußte lächeln und ihn sitzen und pusseln lassen wie ein Kind, das er war. Es war unmöglich, eine Unterhaltung mit ihm im Gange zu halten, denn wenn er wirklich einmal eine Bemerkung machte, pflegte sie ganz außerhalb des Zusammenhanges zu sein; Bjerregrav blieb oft bei den Eigenschaften hängen, die kein anderer sah oder bei denen niemand verweilen mochte.

Wenn er so dasaß und grübelnd einen ganz gewöhnlichen Gegenstand befingerte, sagten die Leute: »Jetzt kommt die Fragelust über Bjerregrav!« Und ein Frager war er, er fragte nach Wind und Wetter und selbst nach dem Essen, das er aß. Nach den lächerlichsten Dingen, die für jeden anderen ganz selbstverständlich waren, konnte er fragen – warum ein Stein hart war, und warum Wasser Feuer lösche. Die Leute antworteten ihm dann auch nicht, sondern zuckten mitleidig die Achseln. »Er ist im Grunde ganz klug« – sagten sie –, »seinem Kopf fehlt nichts. Aber er fängt es nur verkehrt an!«

Der junge Meister sah von seinem Buch auf. »Soll ich denn Bjerregravs Geld erben?« fragte er schelmisch.

»Nein, du hast mir nur Gutes getan – ich will dein Unglück nicht!«

»Mir könnte wohl Schlimmeres geschehen als das, meint Bjerregrav nich auch?«

»Nein, denn du hast dein gutes Auskommen. Auf mehr hat niemand Anspruch, solange alle die Vielen Not leiden.«

»Gewisse Leute haben doch selbst Geld in der Kiste«, sagte Meister Andres mit einer Anspielung.

»Nein, das ist nun vorbei«, antwortete der Alte froh. »Ich bin jetzt ebenso reich wie du, akkurat.«

»Zum Teufel auch – hat Bjerregrav das Ganze denn durchgebracht?« Der Meister fuhr auf seinem Stuhl herum.

»Ihr mit eurem Durchgebracht! Immer habt ihr auch über mich zu Gericht zu sitzen und Anklage zu führen. Ich bin mir nichts Schlechtes bewußt, aber das ist wahr, die Not nimmt mit jedem Winter zu. Es ist eine Last, Geld zu haben, du, Andres, wenn rund herum die Menschen sitzen und hungern; und wenn du ihnen hilfst, dann kriegst du nachher zu wissen, daß du ihnen nur Schaden zugefügt hast. Sie sagen es auch selbst, also muß es doch wohl wahr sein. Aber nun hab ich dem Wohltätigkeitsverein das Geld gegeben, dann kommt es wohl an den rechten Mann.«

»Fünftausend Kronen«, sagte der Meister träumend. »Dann wird die Freude unter den Armen in diesem Winter groß sein.«

»Ja, für Essen und Feuerung kriegen sie es ja nicht so direkt,« sagte Bjerregrav, »aber es sollte ihnen auf andere Weise zugute kommen. Denn als ich dem Verein mein Anerbieten gemacht hatte, kam der Vorsitzende, Schiffsreeder Monsen, du weißt ja, zu mir heraus und bat mich, ihm das Geld auf ein Jahr zu leihen. Er müßte Bankerott machen, wenn er es nicht kriege und er war ganz unglücklich bei dem Gedanken an alle die Vielen, die brotlos würden, wenn sein großer Betrieb ins Stocken geriet. Die Verantwortung fiele ja dann auf mich. Aber das Geld ist sicher genug, und auf diese Weise kommt es ja den Armen zweimal zugute.«

Meister Andres schüttelte den Kopf. »Wenn sich Bjerregrav da bloß nich in die Nesseln gesetzt hat.«

»Na, was denn? Was kann ich denn verkehrt gemacht haben?« fragte der Alte erschrocken.

»Der steht, den Teufel auch, noch lange nich vor dem Bankerott – er is ein ausgefeimter Schurke«, murmelte der Meister. »Hat sich Bjerregrav einen Schuldschein geben lassen?«

Der Alte nickte, er war ganz stolz auf sich.

»Und Zinsen – fünf Prozent?«

»Nein, keine Zinsen. Daß das Geld ausstehen und Zinsen kriegen soll, das mag ich nicht. Denn irgendwoher muß es ja die Prozente saugen, und das wird dann auch wohl an den Armen sein. Zinsen sind Blutgeld, du, Andres – das ist auch 'ne neumod'sche Erfindung. In meiner Jugend kannte man es nicht, Zinsen von Geld zu ziehen.«

»Ja, ja! Wer anderen Leuten gibt sein Brot und leidet nachher selber Not, den schlag man mit der Keule tot«, sagte der Meister und las weiter.

Bjerregrav saß da und versank in seine eigenen Gedanken. Plötzlich sah er auf:

»Kannst du, der du doch so belesen bist, mir nicht sagen, was den Mond da oben festhält? Ich lag über Nacht und grübelte darüber nach, als ich nicht schlafen konnte. Wandern und wandern tut er; und man kann deutlich sehen, daß er nichts weiter als Luft unter sich hat.«

»Das mag der Teufel wissen«, antwortete Meister Andres grübelnd. »Er hat wohl seine eigene Kraft, mit der er sich da oben hält.«

»Dasselbe hab' ich auch gedacht – denn die Pflicht reicht wohl nicht aus. Wir anderen tun es ja und treten und treten, wo wir hingesetzt werden, aber wir haben doch die Erde, auf die wir uns stützen können. – Und du studierst noch immer, du! Nu hast du wohl bald alle Bücher gelesen, die es auf der Welt gibt?« Bjerregrav nahm das Buch des Meisters und befühlte es gründlich. »Das ist ein gutes Buch«, sagte er, schlug die Knöchel gegen den Einband und hielt das Buch lauschend ans Ohr – »Gutes Material, das. Ist es 'ne Lügengeschichte (Schönliteratur) oder ein Geschichtsbuch?«

»Es ist ein Reisebuch. Sie liegen oben am Nordpol, und sie sind eingefroren – sie wissen nich, ob sie lebendig wieder nach Hause kommen.«

»Aber das ist ja schrecklich – daß sich Leute so hinauswagen wollen. Ich hab' oft darüber nachgedacht, was da woll am Ende der Welt is, aber dahin reisen und nachsehen, dazu hätt' ich denn doch den Mut nich'. Nie wieder nach Hause!« Bjerregrav sah gequält bald den einen, bald den anderen an.

»Und kalten Brand haben sie in den Füßen, und die Zehen müssen abgenommen werden – bei einigen von ihnen der ganze Fuß.«

»Aber so schweig doch – sie verlieren ja ihre Gesundheit, die Ärmsten; ich will nich' mehr davon hören.« Der Alte saß da und wiegte sich hin und her, als sei ihm übel. – »Hat der König sie da 'raufgeschickt, um Krieg zu führen?« fragte er kurz darauf ein wenig neugierig.

»Nein, um den Paradiesgarten zu suchen, sind sie dahin gereist. Einer von den Leuten, der die Schrift erforscht, hat wohl ausfindig gemacht, daß er da oben hinter dem Eis liegen soll«, erklärt der Meister feierlich.

»Der Garten Eden, auch das Paradies genannt! – Aber der lag ja da, wo die beiden Flüsse in den dritten hineinfallen, da im Morgenland! Das steht da ganz deutlich geschrieben. Folglich sind das, was du da liest, falsche Lehren.«

»Der hat, weiß Gott, am Nordpol gelegen,« sagte der Meister, der Neigung zur Freigeisterei hatte, »weiß Gott, das hat er! Das andere is bloß dummer Aberglaube.«

Bjerregrav schwieg verstimmt. Er saß lange gebeugt da und ließ die Augen irgendwohin schweifen, wohin kein anderer kam. »Ja, ja,« sagte er leise, »jeder denkt sich was Neues aus, um sich bemerkbar zu machen, aber das Grab kann doch keiner verändern.«

Meister Andres rückte ungeduldig hin und her; er konnte die Stimmung wechseln wie ein Frauenzimmer. Bjerregravs Anwesenheit peinigte ihn. »Jetzt hab' ich gelernt, Geister zu beschwören, will Bjerregrav es mal versuchen?« sagte er plötzlich.

»Nein, um keinen Preis will ich das«; der Alte lächelte unsicher.

Aber der Meister zielte mit zwei Fingern auf seine zwinkernden Augen und starrte ihn beschwörend an. »Im Namen des Blutes, im Namen der Säfte, im Namen aller Säfte des Körpers – der guten wie der schlechten – und auch des Meeres«, murmelte er und kroch zusammen wie ein Kater.

»Laß es nach, sag ich dir! Laß es nach! Ich will es nich!« Bjerregrav hing ratlos zwischen seinen Krücken und pendelte hin und her, er sah nach der Tür hinüber, konnte sich aber nicht losreißen von der Verzauberung. Dann schlug er verzweifelnd nach der beschwörenden Hand des Meisters und benutzte die Unterbrechung der Verzauberung, um hinauszuschlüpfen.

Der Meister saß da und blies seine Hand. »Der schlug ordentlich um sich«, rief er verwundert und kehrte die rote Hand nach innen um.

Der kleine Nikas antwortete nicht. Er war nicht abergläubisch, liebte es aber nicht, daß Spott mit dem Wesen der Dinge getrieben wurde.

»Was soll ich tun?« fragte Peter.

»Sind Steuermann Jessens Stiefel fertig?« Der Meister sah nach der Uhr. »Dann kannst du an deinen Schienbeinen nagen.«

Es war Feierabend. Der Meister nahm Hut und Stock und hinkte von dannen zu Bierhansens, um eine Partie Billard zu spielen, der Geselle kleidete sich um und ging, die älteren Lehrlinge hielten Halswäsche in dem Einweichkübel ab. Dann wollten sie ausgehen und gehörig hintenausschlagen!

Pelle sah ihnen lange nach. Er empfand ein verzehrendes Bedürfnis, den harten Tag abzuschütteln und auch hinauszufliehen, aber die Strümpfe waren nur noch Löcher, und die Arbeitsbluse mußte gewaschen werden, um am nächsten Morgen trocken zu sein. Ja, und das Hemd – ihm wurde heiß um die Ohren – waren es erst vierzehn Tage, oder war es schon die vierte Woche? Ach, die Zeit hatte ihn an der Nase herumgeführt! Ein paar Abende hatte er die unangenehme Wäsche nur hinausschieben wollen – und dann hatte es sich zu vierzehn Tagen angesummt! Es kroch so ekelhaft auf dem Körper – ob die Strafe schon da war, weil er dem Gewissen das taube Ohr zugewendet und sich über Vater Lasses Worte hinweggesetzt hatte, die einem jeden Schmach androhten, der sich nicht ordentlich hielt?

Nein, Gott sei Dank! Aber Pelle hatte einen tüchtigen Schrecken bekommen, seine Ohren brannten noch, während er das Hemd und die Bluse unten auf dem Hofe schruppte. Es war wohl das beste, es als wohlgemeinte Warnung von oben hinzunehmen!

Und dann hingen Hemd und Bluse und breiteten sich auf dem Staket aus, als wollten sie den Himmel vor Freude über ihre Reinheit umarmen. Aber Pelle saß mißmutig oben im Fenster der Lehrlingskammer und prühnte – das eine Bein draußen, um doch in der Luft zu sein. Das kunstfertige Stopfen, das ihn der Vater gelehrt hatte, kam hier nicht zur Anwendung, man mußte das eine Loch nehmen und es über das andere ziehen! Pelle prühnte – so daß Vater Lasse vor Scham in die Erde versunken wäre. Er kroch allmählich ganz auf das Dach hinaus; unten im Garten des Schiffers gingen die Drei müßig umher, sie sahen weit hinüber nach der Werkstatt und langweilten sich.

Da gewahrten sie ihn und wurden ganz andere Menschen. Manna kam hin, stand da und stieß den Bauch ungeduldig gegen die steinerne Mauer und bewegte die Lippen zu ihm hinauf. Sie warf den Kopf zornig in den Nacken und stampfte mit den Füßen – es kam nur kein Laut. Die beiden anderen bogen sich krumm vor verhaltenem Lachen.

Pelle verstand ausgezeichnet, was die stumme Sprache bezweckte, hielt aber tapfer noch eine Weile stand. Dann konnte er nicht mehr, er schmiß das Ganze hin und war unten bei ihnen.

Alle Träume Pelles und all sein unbestimmtes Sehnen schweiften hinaus, wo sich Männer betätigten; nichts war ihm so lächerlich, als hinter Weiberröcken herzurennen. Frauen waren für ihn eigentlich etwas Verächtliches, Kräfte hatten sie nicht, und viel Verstand auch nicht, sie wußten nur, sich lecker zu machen. Aber Manna und ihre Schwestern waren etwas für sich; er war noch Kind genug, um zu spielen, und sie waren vorzügliche Spielgefährten.

Manna – die Wildkatze – war vor nichts bange; mit ihren kurzen Röcken und den Zöpfen und den hüpfenden Bewegungen erinnerte sie ihn an einen ausgelassenen, neugierigen Vogel – wupp aus dem Gestrüpp heraus und wieder hinein. Sie konnte klettern wie ein Junge und Pelle auf ihrem Rücken den ganzen Garten herumreiten lassen; es war eigentlich ein Versehen, daß sie Röcke an hatte. Kleider hielten nicht bei ihr, jeden Augenblick kam sie in die Werkstatt gestürzt und hatte irgend etwas an ihren Schuhen zerrissen. Dann kehrte sie alles drüber und drunter, nahm dem Meister den Stock weg, so daß er sich nicht rühren konnte, und hatte die Finger zwischen des Gesellen neuem amerikanischen Werkzeug!

Über Pelle machte sie sich gleich den ersten Tag her. »Was für ein Neuer ist das?« fragte sie und klopfte ihm auf den Rücken. Und Pelle lachte und sah sie wieder frei an mit – dieser Selbstverständlichkeit, die das Geheimnis der ganz jungen Jahre ist. Da war keine Spur von Sichfremdfühlen zwischen ihnen, sie hatten sich immer gekannt und konnten jederzeit das Spiel da fortsetzen, wo sie zuletzt damit aufgehört hatten. Am Abend stellte sich Pelle an der Gartenmauer auf und sah ihnen zu, einen Augenblick darauf war er hinüber und mitten im Spiel.

Manna war keine gewöhnliche Heulliese, die sich durch Brüllen den Folgen von allem entzog. Hatte sie sich auf eine Prügelei eingelassen, so flehte sie nicht um Gnade, wie hart es auch herging. Aber etwas hielt ihr Pelle ja zugute, auf Rechnung der Röcke hin. Es ließ sich nun einmal nicht leugnen, sie hätte gern etwas mehr Kräfte haben können!

Aber Mut hatte sie, und Pelle gab kameradschaftlich alles zurück, nur nicht in der Werkstatt, wo sie über ihm saßen – tripptrapp Treppe! Wenn sie da von hinten über ihn herfiel und ihm heimlich etwas in den Rücken hineinsteckte oder ihn von dem hölzernen Dreibein stieß, hielt er sich im Zaum und begnügte sich damit, daß er seine Glieder still wieder aufsammelte.

Alle seine frohen Tage lagen da drüben in des Schiffers Garten; und eine wunderliche Welt war es, die seinen Sinn wohl gefangen halten konnte. Die Mädchen hatten ausländische Namen, die der Vater von den langen Fahrten mit nach Hause brachte: Aïna, Dolores, Sjermanna! Schwere, rote Korallen hatten sie um den Hals und in den Ohren. Und ringsumher im Garten lagen die mächtigen Muscheln, aus denen man das Kochen des Ozeans erlauschen konnte, Schildkrötenschalen, so groß wie Fünfzehnpfundbrote, und ganze Korallenblöcke.

Das war alles neu, aber Pelle ließ sich nicht dadurch verblüffen. Er reihte es so schnell wie möglich in seine selbstverständliche Welt ein und behielt sich zu jeder Zeit das Recht vor, etwas noch Größerem und Merkwürdigerem zu begegnen.

Des Abends enttäuschte er sie leicht und streifte in die Stadt hinaus, wo das eigentliche Leben vor sich ging – nach den Seehügeln und dem Hafen. Dann standen sie müßig an der Gartenmauer und langweilten sich und zankten sich. Aber des Sonntags stellte er sich getreulich ein, sobald er in der Werkstatt fertig war, und sie breiteten das Spiel weit aus, in dem Bewußtsein, einen langen Tag vor sich zu haben. Da waren Spiele zu Hunderten, und Pelle war der Mittelpunkt von ihnen allen; er konnte zu allem verwendet werden: zum Ehegemahl und zum Menschenfresser und zum Sklaven. Er war wie ein zahmer Bär in ihren Händen, sie ritten auf ihm, trampelten auf ihm herum, und zuweilen warfen sie sich alle drei über ihn her und »mordeten« ihn. Und er mußte stilliegen und sich dareinfinden, daß sie die Leiche vergruben und alle Spuren verwischten. Die Glaubwürdigkeit erheischte, daß er ganz mit Erde bedeckt war, nur das Gesicht blieb frei – weil es nun einmal nicht anders sein konnte – und durfte sich mit welken Blättern begnügen. Weinte er dann hinterher über seinen schönen Konfirmationsanzug, so konnten ihre Hände so sorgfältig werden, indem sie ihn abbürsteten; und wollte er sich gar nicht trösten lassen, so küßten sie ihn alle drei. Unter ihnen hieß er nie anders als Mannas Mann.


So vergingen die Tage für ihn. Er hatte mehr Galgenhumor als heiteren Sinn, er fühlte ja selbst dunkel, wie es mit ihm zurückging, und hatte niemand, auf den er sich stützen konnte. Aber unverzagt kämpfte er weiter gegen diese Stadt, er hatte sie Tag und Nacht im Kopf, er prügelte sich mit ihr im Schlaf.

»Stößt dir etwas zu, so hast du ja Alfred und Albinus, die helfen dir schon zurecht«, hatte Oheim Kalle gesagt, damals, als Pelle seinen Abschiedsbesuch machte; und er ließ es nicht daran fehlen, sie aufzusuchen. Aber die Zwillinge waren dieselben geschmeidigen, ausweichenden Burschen jetzt wie auf der Weide; sie wagten ihren Pelz weder für sich selbst noch für andere.

Sonst war da Fortgang genug in ihnen. Sie waren vom Lande hierhergekommen, um vorwärts zu gelangen, und hatten damit angefangen, dienende Stellungen anzunehmen, bis sie so viel zusammengespart hatten, daß sie eine ansehnlichere Laufbahn beginnen konnten. Albinus war daran hängen geblieben, weil er keine Lust zu irgendeinem Handwerk hatte. Er war ein gutmütiger Junge, der anderen gern alles überließ, wenn er nur in Frieden seine Akrobatenkunststücke üben konnte. Immer ging er umher und balanzierte mit irgend etwas, bemüht, Gegenstände auf dem unmöglichen Ende anzubringen. Er hatte kein Verständnis für die Ordnung der Natur, er verrenkte seine Glieder in alle möglichen Stellungen, und wenn er ein Ding in die Luft hinaufwarf, verlangte er, daß es da oben bleiben sollte, während er etwas anderes unternahm. »Dinge müssen sich ja ebensogut dressieren lassen wie Kreaturen«, sagte er und fuhr unverdrossen fort. Pelle lachte, er hatte ihn gern, rechnete aber nicht weiter auf ihn.

Alfred hatte eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Er gab sich nicht mehr damit ab, Kopfsprünge zu machen, sondern ging anständig auf seinen Beinen, hatte beständig damit zu tun, Kragen und Manschetten zurechtzuzupfen, und war in ewiger Angst um seine Kleider. Er war jetzt in der Malerlehre, hatte aber einen Scheitel bis in die Stirn hinein wie ein Ladenschwengel und kaufte sich in der Drogenhandlung allerlei Sachen, die er in die Haare schmierte. Wenn Pelle sich ihm auf der Straße anschloß, sorgte Alfred immer für einen Vorwand, um ihn wieder abzuschütteln; er verkehrte am liebsten mit Kaufmannslehrlingen und grüßte geschäftig nach rechts und links – Leute, die in höherer Stellung waren als er selber. Alfred war ganz einfach ein Wichtigmacher, den Pelle schon eines schönen Tages durchprügeln würde!

Darin glichen die Zwillinge einander noch immer, daß man von der Seite keinerlei Handreichungen zu erwarten hatte. Sie gaben sich getrost selbst dem Gelächter preis, und wenn jemand Pelle höhnte, lachten sie mit.

Leicht war es nicht, durchzukommen. Den Bauern hatte er gründlich abgeschüttelt, aber jetzt war es die Armut selbst, die ihm zu schaffen machte. Er hatte sich sorglos für Kost und Logis in die Lehre gegeben; ein wenig Kleider hatte er ja auf dem Leibe und anderen Bedarf kannte er nicht für jemand, der nicht bummelte und sich mit Dirnen herumtrieb. Aber dann kam die Stadt und forderte, daß er sich umtakeln sollte. Der Sonntagsanzug war hier auch nicht ein bißchen zu gut für den Alltag; er mußte sehen, daß er sich einen Gummikragen anschaffte – der den Vorteil hatte, daß man ihn selbst waschen konnte –, Manschetten steckte er sich als ferneres Ziel. Geld gehörte dazu, und die mächtige Summe von fünf Kronen, mit der er antrat, um das Ganze im Sturm zu erobern oder im schlimmsten Fall es doch zu kaufen, die hatte ihm die Stadt aus der Tasche gelockt, ehe er sichs versah.

Bisher hatte Vater Lasse alles Kopfzerbrechen auf sich genommen, und nun stand er da und war ganz auf sich angewiesen. Jetzt standen er und das Leben sich gegenüber, und Pelle kämpfte sich tapfer vorwärts, der prächtige Junge, der er war. Aber zuweilen brach er darüber zusammen. Und dieser Kampf legte sich hemmend unter alle seine kindlichen Lebensäußerungen.

In der Werkstatt machte er sich nützlich und suchte sich gut mit allen zu stehen. Er gewann den kleinen Nikas, indem er seine Braut in vergrößerter Gestalt nach einer Photographie zeichnete. Das Gesicht wollte nicht so recht hervortreten, es sah aus, als habe jemand da hineingetreten; aber das Kleid und die Brosche am Halse waren vorzüglich. Das Bild hing eine Woche in der Werkstatt und machte großes Glück; Carlsen, der Botengänge für das Steinwerk verrichtete, bestellte zwei große Bilder von sich selbst und seiner Frau für fünfundzwanzig Öre das Stück. »Aber du mußt ein paar Locken an das Haar zeichnen,« sagte Carlsen, »denn Mutter hat sich immer so gewünscht, daß ich Locken haben sollt'.«

Pelle konnte die Bilder erst in ein paar Monaten versprechen, es war eine mühsame Arbeit, wenn sie akkurat gemacht werden sollte.

»Na ja – eher haben wir das Geld dazu auch nicht über. Denn diesen Monat muß das Los bezahlt werden, und dann im nächsten steht die Hausmiete vor der Tür.« Pelle verstand das sehr gut, denn Carlsen verdiente acht Kronen die Woche und hatte neun Kinder. Aber von dem Preis ablassen konnte er doch nicht gut, fand er. Man schwamm hier wahrhaftig nicht in Geld. Und hatte er wirklich mal einen Schilling in Händen, so geschah es sicher, daß er ihm vor der Nase Reißaus nahm, wenn er sich gerade den Kopf darüber zerbrach, wie er ihn am nützlichsten verwenden sollte – so wie damals, als er in einem Hökerfenster eine unwiderstehliche Pfeife in Form eines Schaftstiefels entdeckte.

Wenn die drei Mädchen ihn über die Gartenmauer riefen, kam sein Kindersinn zu seinem Recht; dann vergaß er für eine Weile Kämpfe und Sorgen. Er genierte sich ein wenig, irgend jemand sehen zu lassen, daß er dahinüber schlüpfte; Pelle fühlte sich nicht beehrt durch den seinen Umgang – und Weiberröcke waren es nun doch einmal. Er fühlte sich nur glücklich hier drüben, wo die seltsamsten Dinge zum Spielen benützt wurden, chinesische Tassen, Waffen von den Südseeinseln. Manna hatte einen Perlenkranz von weißen Zähnen, spitze und höckrige durcheinander. Sie behauptete, es seien Menschenzähne, und hatte den Mut, sie auf dem bloßen Halse zu tragen. Und der Garten war voll von wunderbaren Pflanzen; da war Mais und Tabak und allerlei anderes, was anderswo in der Welt so dicht wachsen sollte wie hier in der Heimat das Korn.

Sie waren feiner von Haut als andere Menschen und dufteten nach den seltsamsten Gegenden der Welt. Und mit ihnen spielte er, sie sahen voll Bewunderung zu ihm auf, hefteten seine Kleider zusammen, wenn sie einen Riß bekommen hatten, machten ihn zum Mittelpunkt ihrer Spiele – auch wenn er nicht mit dabei war. Es lag eine verborgene Genugtuung darin, obwohl er es als etwas Selbstverständliches hinnahm, es war ja etwas von alledem, was ihm das Schicksal und das gute Glück vorbehalten hatten, ein kleiner Vorschuß auf das unbegrenzte Märchen des Lebens. Er verlangte unbeschränkt über sie zu regieren, und wenn sie rechthaberisch waren, redete er sich in Zorn hinein, so daß sie sich ihm schließlich fügten. Er wußte sehr wohl, daß jeder ordentliche Mann sich die Frau untertänig macht.

Damit ging der Vorsommer hin, die tote Zeit rückte heran. Die Städter hatten sich schon zu Pfingsten mit Sommerbedarf versehen, und draußen auf dem Lande hatten sie jetzt an anderes zu denken, als mit Arbeit für die Handwerker nach der Stadt zu fahren; die bevorstehende Ernte nahm alle Sinne in Anspruch. Überall, bis in die kleinsten Winkel hinein, wo nichts für die Bauern verrichtet wurde, merkte man, wie abhängig die kleine Stadt vom Lande war. Es war, als habe die Stadt mit einem Schlage ihre Überlegenheit vergessen; die Handwerker sahen nicht mehr auf das Bauernland herab, sondern standen da und sahen sehnsüchtig nach den Feldern hinaus, sprachen vom Wetter und von den Ernteaussichten und hatten alle städtischen Interessen vergessen. Kam ausnahmsweise einmal ein Bauernwagen durch die Straße, so lief man an das Fenster, um danach zu sehen. Und als die Ernte vor der Tür stand, war es, als wenn alte Erinnerungen alle die Köpfe lauschend heben ließ; wer nur konnte, streifte das Stadtleben ab und zog zur Erntearbeit aufs Land. Aus der Werkstatt waren der Geselle wie auch die beiden ältesten Lehrlinge draußen, Jens und Pelle konnten bequem die Arbeit bewältigen.

Pelle merkte nichts von toter Stimmung; er war nach allen Richtungen hin in Anspruch genommen, seine Haut zu wehren und das Bestmöglichste aus dem Dasein zu machen. Da waren Tausende von widerstrebenden Eindrücken von Gut und Böse, die gesammelt und zu einem Ganzen ausgeglichen werden sollten – zu diesem merkwürdigen Ding: der Stadt, von dem Pelle niemals wußte, ob er sie segnen oder verfluchen sollte, weil sie ihn immer in Schwingung hielt.

Und mitten in aller Geschäftigkeit konnte Lasses Gestalt auftauchen und ihn einsam im Wirbel machen. Wo nur Vater Lasse sein mochte? Sollte er nie wieder von ihm hören? Jeden Tag hatte er erwartet, ihn zur Tür hineinstolpern zu sehen, im Vertrauen auf Karnas Worte; und wenn es am Türdrücker tastete, war er fest überzeugt, daß er es war. Das ward zu einem stillen Kummer in dem Sinn des Jungen, zu einem Ton, der in allem, was er unternahm, mitklang.


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