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Über den Mann, der von Gott gesandt war und der die ernstvorwurfsvollen Augen hatte, war Pelle sich sehr bald klar geworden. Er entpuppte sich schlecht und recht als ein Handwerksmeister unten aus dem Dorf, der des Sonntags im Versammlungshaus redete; es hieß obendrein, daß seine Frau trinke. Rud ging bei ihm in die Sonntagsschule, und er lebte in bedrängten Verhältnissen – er war etwas ganz Gewöhnliches.
Außerdem hatte Gustav eine Mütze bekommen, deren Kopfstück drei verschiedene Seiten herauskehren konnte – eine aus blauem Düffel, eine aus wasserdichtem Wachstuch und eine aus weißer Leinwand zur Benutzung bei Sonnenschein. Das war ein spannendes Bewußtsein, das alles andere verdrängte und viele Tage aufregend im Vordergrund von Pelles Bewußtsein lag; er benutzte die Wundermütze, um alles Große und Begehrenswerte abzumessen. Bis er eines Tages einen hübsch geschnitzten Handstock für die Erlaubnis gab, das Kunststück mit dem Umkrämpen des Kopfstückes selbst machen zu können. So bekam er denn endlich Ruhe, und auch die Mütze mußte in seine alltägliche Welt hinein.
Aber wie sah es nur einmal in Gutsbesitzer Kongstrups großen Sälen aus? Da lag wohl das Geld auf dem bloßen Fußboden, das Gold für sich und das Silber für sich; und mitten in jedem Haufen stand ein Scheffelmaß! Was bedeutete das Wort zweckdienlich, das der Verwalter benutzte, wenn er mit dem Großbauern sprach? und warum gebrauchten die Knechte das Wort Schwedisch als Schimpfwort gegeneinander – sie waren ja doch alle zusammen Schweden? – Hinter dem Felsenkranz, wo der Steinbruch lag, was war da? – Ja, da war ja die Grenze des Gehöfts nach der einen Seite hin! Er war noch nicht dagewesen, sollte aber mit dem Vater dahin, sobald sich eine Gelegenheit fand; ganz zufällig hatten sie erfahren, daß Lasse einen Bruder besaß, der ein Haus da drinnen hatte. Das war also verhältnismäßig bekannt.
Da unten lag das Meer, darauf war er selbst gefahren!
Da draußen glitten Schiffe aus Eisen wie auch aus Holz dahin, aber wie konnte nur Eisen schwimmen, es war doch so schwer? Das Wasser in der See mußte stark sein, denn im Teich sank das Eisen sofort auf den Grund. Ganz in der Mitte war der Teich grundlos, da sank man dann also weiter bis in alle Ewigkeit! Der alte Dachdecker hatte in seiner Jugend über hundert Klafter Stricke mit einem Anker daran hinabgesenkt, um einen Eimer herauszuholen, aber er gelangte niemals auf den Grund. Und als er den Strick wieder in die Höhe ziehen wollte, war da tief unten etwas, das den Anker ergriff und ihn hinabziehen wollte, so daß er das Ganze fahren lassen mußte.
Gott der Herr, – ja, der hatte einen großen, weißen Bart, so wie der Neuendorfer Bauer; aber wer führte ihm in seinen alten Tagen die Wirtschaft? Sankt Peter war wohl sein Verwalter! – Wie konnten die alten, dürren Kühe ebenso junge Kälber zur Welt bringen wie die Färsen? – – – –
Da war eine große Selbstverständlichkeit, auf die man seine Fragen nicht richtete, über die man überhaupt nicht in dem Sinne nachdachte, weil sie die Grundlage selber für alles Dasein war – Vater Lasse. Er war ganz einfach da, stand wie eine feste Mauer hinter allem, was man unternahm. Er war die eigentliche Vorsehung, die letzte große Zuflucht in Gutem wie in Bösem; er konnte alles, was er wollte – Vater Lasse war allmächtig.
Und dann war da ein natürlicher Mittelpunkt in der Welt: Pelle selber. Um ihn mußte sich alles scharen, jedes Ding war um seinetwillen da – damit er damit spielen, sich davor grauen oder es für eine große Zukunft beiseite legen konnte. Selbst die ferneren Bäume, Häuser und Steine in der Landschaft, denen er nie nahe gekommen war, nahmen Stellung ihm gegenüber, entweder freundlich gesonnen oder als Feinde. Und das Verhältnis mußte genau erwogen werden für jeden neuen Gegenstand, der in seine Sphäre hineingeriet.
Klein war seine Welt, er hatte erst gerade angefangen, sie sich zu schaffen. Eine gute Armlänge nach allen Seiten hin war einigermaßen festes Land, draußen trieb die rohe Materie, das Chaos. Aber Pelle fand seine Welt schon ungeheuer und hatte den besten Willen, sie unendlich zu gestalten. Er hieb unersättlich ein, seine weitgeöffneten Sinne zogen alles an sich, was in ihren Bereich kam; sie waren wie ein Maschinenschlund, in den sich die Materie unablässig in wirbelnden Einzelteilen hineinstürzte. Und in den Strudel hinter ihnen gerieten andere und wieder andere hinein – das ganze Weltall war auf der Wanderung zu ihm hin begriffen.
Zwanzig neue Dinge in der Sekunde formte Pelle und schob sie von sich ab. Die Erde wuchs unter ihm zu einer Welt, die reich war an Spannung und grotesken Formen, Unheimlichkeiten und den alltäglichsten Dingen. Er bewegte sich unsicher darin, denn da war beständig etwas, das sich verschob und umgewertet oder umgeschaffen werden mußte; die selbstverständlichsten Dinge verwandelten sich und wurden auf einmal zu haarsträubenden Wundern – oder umgekehrt. Er ging in einer beständigen Verwunderung umher und verhielt sich selbst den bekanntesten Dingen gegenüber abwartend. Denn wer wußte, welche Überraschungen sie bereiten würden.
So hatte er sein ganzes Leben lang Gelegenheit gehabt, festzustellen, daß Hosenknöpfe aus Knochen gedrechselt waren und fünf Löcher hatten, ein größeres in der Mitte und vier kleinere ringsherum! Und da kommt eines Tages einer der Knechte mit ein paar neuen Hosen aus der Stadt nach Hause, an denen Knöpfe sitzen, die aus glänzendem Metall sind und nicht größer als ein Fünfundzwanzigörestück. Sie haben nur vier Löcher, und der Faden soll kreuzweise darüber liegen, nicht von der Mitte ausgehen, so wie bei den alten.
Oder die große Sonnenfinsternis, auf die er den ganzen Sommer gespannt gewesen ist und die, wie alle die alten Leute sagten, den Untergang der Welt nach sich ziehen würde. Er hatte sich so darauf gefreut – namentlich auf das mit dem Untergang –; das würde doch so eine Art Erlebnis sein, und irgendwo in ihm saß eine ganz kleine Zuversicht, daß er für sein Teil wohl bestehen würde. Die Sonnenfinsternis kam auch, so wie sie kommen sollte, es ward obendrein Nacht wie am Jüngsten Tage, die Vögel wurden so still, und das Vieh brüllte und wollte nach Hause laufen. Aber dann wurde es wieder ebenso hell wie vorher, und das Ganze verlief in nichts.
Und dann waren da ungeheure Schrecken, die sich mit einem Schlage als winzig kleine Dinge entpuppten – Gott sei Lob und Dank! Aber da waren auch Freuden, die heftiges Herzklopfen verursachten – und ganz zu Langerweile wurden, wenn man bis zu ihnen gelangt war.
Weit draußen in der nebelhaften Masse trieben unsichtbare Welten vorüber, die mit der seinen nichts zu schaffen hatten; ein Laut von dem Unbekannten da draußen schuf sie ganz und gar im selben Augenblick. Sie entstanden auf dieselbe Weise wie das Land hier an dem Morgen, als er auf dem offenen Zwischendeck des Dampfers stand und Stimmen und Geräusche durch den Nebel hörte; zusammengeballt und mächtig, mit Formen, die wie ungeheure Fausthandschuhe wirkten.
Und inwendig in einem war da das Blut und das Herz und die Seele. Das Herz, das hatte Pelle selbst ausfindig gemacht, war ein kleiner Vogel, der eingeschlossen war; aber die Seele bohrte sich wie ein Wurm dahin im Körper, wo die Begierde saß. Der alte Dachdecker Holm hatte einem, der an Stehlsucht litt, die Seele wie einen dünnen Faden aus dem Daumen gezogen. Pelles eigene Seele war nur gut, sie saß ihm in beiden Augäpfeln und spiegelte Vater Lasses Bild, sooft der da hineinsah.
Das Blut war das schlimmste, deshalb ließ sich Vater Lasse immer zur Ader lassen, wenn ihm etwas fehlte – die bösen Säfte sollten heraus. Gustav dachte viel über das Blut nach und konnte die wunderlichsten Dinge davon erzählen; er schnitt sich in seine Finger, nur um zu sehen, ob es reif war. Eines Abends kam er nach dem Kuhstall herüber und zeigte einen blutenden Finger; das Blut war ganz schwarz. »Jetzt bin ich ein Mann!« sagte er und fluchte ganz gewaltig. Aber die Mägde machten sich nur lustig über ihn, er hatte ja seine Tonne Erbsen noch nicht nach dem Boden getragen. – – – –
Und dann war da ja die Hölle und der Himmel – und der Steinbruch, wo sie einander mit schweren Hämmern schlugen, wenn sie betrunken waren. Die Leute im Steinbruch, das waren die größten Riesen auf der Welt, einer von ihnen hatte zehn Spiegeleier auf einmal gegessen, ohne krank zu werden. Und Eier waren doch die Kraft selbst.
Unten auf der Wiese hüpften Irrlichter suchend in den tiefen Sommernächten umher; eins von ihnen hielt sich immer in der Nähe des Baches auf, und stand da und schimmerte auf dem Gipfel eines kleinen Steinhaufens, der da mitten in der fetten Wiese lag. Vor ein paar Jahren hatte ein Mädchen eines Nachts ein Kind hier draußen in den Dünen geboren, und da sie sich nicht zu helfen und zu raten wußte, ertränkte sie es in einem der Löcher, die der Bach schneidet, wo er eine Biegung macht. Gute Menschen errichteten den kleinen Steinhaufen, damit die Stelle nicht in Vergessenheit geraten solle; und über dem Steinhaufen brannte nun die Seele des Kindes in den tiefen Nächten um die Jahreszeit, in der das Mädchen geboren hatte. Pelle glaubte, das Kind selber sei unter den Steinen begraben, und schmückte von Zeit zu Zeit den Haufen mit einem Fichtenzweig; aber an dieser Stelle des Baches spielte er niemals. Das Mädchen kam ja übers Wasser ins Zuchthaus auf viele Jahre; und die Leute wunderten sich über den Vater. Sie hatte keinen angegeben, aber Gott und jedermann wußten dennoch, wer es war. Es war ein junger, wohlhabender Fischer unten aus dem Dorf, und das Mädchen gehörte zu den allerärmsten Leuten, so daß ja doch nie von einer Heirat der beiden die Rede hätte sein können. Das Mädchen hatte dann wohl dies vorgezogen, statt ihm das Haus einzurennen und um Hilfe für das Kind zu bitten und als Webermädchen mit einem unehelichen Kinde zum Spott und zur Schande im Dorf zu sitzen. Und das mußte man sagen, er hielt die Ohren gehörig steif, wo sich gar manch einer geschämt hätte und zur See gegangen wäre.
Jetzt im Sommer, zwei Jahre nachdem das Mädchen eingelocht war, ging der Fischer eines Nachts am Strande entlang, mit Fischernetzen auf dem Rücken, dem Dorfe zu. Er war ein hartgesottener Bursche und besann sich keinen Augenblick, den kürzesten Weg einzuschlagen und über die Wiese zu gehen; aber als er schon eine ganze Strecke in die Dünen hineingekommen war, verfolgte ein Irrlicht seine Spur, und er wurde bange und fing an zu laufen. Es holte ihn mehr und mehr ein, und als er über den Bach sprang, um Wasser zwischen sich und den Geist zu legen, griff es nach den Netzen. Da rief er den Namen Gottes und rannte sinnlos weg, alles im Stich lassend. Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang holten er und der Vater die Netze, die sich in dem Steinhaufen verfangen hatten und quer über dem Bach lagen.
Da schloß sich der Bursche den Betern an, und der Vater ließ das Trinken nach und folgte seinem Beispiel. Früh und spät konnte man den jungen Fischer bei ihren Versammlungen treffen, und im übrigen ging er wie ein Missetäter umher, ließ den Kopf hängen und wartete nur darauf, daß das Mädchen aus dem Zuchthause nach Hause kommen sollte, damit er es heiraten konnte.
Pelle wußte von dem Ganzen Bescheid. Die Mägde erzählten schaudernd davon, wenn sie an den langen Sommerabenden den Knechten auf dem Schoß saßen, und ein liebeskranker Bursche aus dem Innern der Insel hatte ein Lied darüber gedichtet, das Gustav zu seiner Handharmonika sang. Dann weinten die sämtlichen Mägde des Gehöfts, selbst der schneidigen Sara wurden die Augen naß, und sie fing an, mit Mons über die Verlobungsringe zu reden.
Eines Tages, als Pelle auf dem Bauch lag und eine Melodie vor sich hinträllerte und mit den nackten Füßen in der blanken Luft herumfocht, sah er einen jungen Mann unten am Steinhaufen stehen und Steine darauflegen, die er aus seinen Taschen nahm. Dann kniete er nieder. Pelle ging zu ihm hin.
»Was machst du da?« fragte er kühn – er fühlte sich auf seinem eigenen Gebiet. »Betest du dein Abendgebet?«
Der Mann antwortete nicht, sondern blieb gebeugt liegen. Endlich erhob er sich und spie Priemsauce aus.
»Ich bete zu ihm, der uns alle richten wird«, sagte er und sah Pelle fest an.
Pelle erkannte den Blick wieder, es war derselbe Ausdruck wie bei dem Manne neulich – der von Gott gesandt war. Nur daß kein Vorwurf darin lag.
»Hast du vielleicht kein Bett, worin du schlafen kannst?« fragte Pelle – »ich bete mein Abendgebet immer unter dem Oberbett. Er hört es doch! Gott der Herr weiß alles!«
Der Mann nickte und fing an, sich mit den Steinen des Haufens zu schaffen zu machen.
»Den mußt du nicht in Unordnung bringen«, sagte Pelle sehr bestimmt. »Denn darunter liegt ein kleines Kind begraben.«
Der Bursche sah ihn mit einem wunderlichen Gesicht an.
»Das ist nicht wahr!« sagte er mit erstickter Stimme, »denn das Kind liegt oben auf dem Friedhof in richtig geweihter Erde.«
»So–o?« sagte Pelle mit dem langgezogenen Tonfall des Vaters. »Die Eltern haben es doch ertränkt, soviel ich weiß – und es hier begraben.«
Er war zu stolz auf sein Wissen, um es so ohne weiteres preiszugeben.
Der Mann sah so aus, als wenn er schlagen wollte, und Pelle zog sich ein wenig zurück. Da stand er und lachte ganz unverhohlen, er war seiner Beine ja sicher. Aber der andere achtete nicht mehr auf ihn, er stand stumpfsinnig da und sah an dem Steinhaufen vorbei. Da kam Pelle wieder zu ihm hin.
Der Mann fuhr zusammen, als er seinen Schatten sah, atmete tief auf und seufzte. »Bist du noch da?« sagte er tonlos, ohne Pelle anzusehen, »warum kannst du mich nicht in Frieden lassen?«
»Dies ist meine Wiese,« sagte Pelle, »denn ich hüte hier. Aber du kannst gern hier bleiben, wenn du nicht schlagen willst. Und den Steinhaufen mußt du in Ruhe lassen, denn darunter liegt ein kleines Kind begraben.«
Der junge Mann sah Pelle ernsthaft an: »Es ist nicht wahr, was du da sagst, wie kannst du nur so lügen? Gott mag keine Lügner. Aber du bist nur ein argloses Kind, und ich will dir erzählen, wie es zuging, ohne dir etwas zu verbergen – so wahr ich keinen anderen Wunsch habe, als ganz vor Gottes Antlitz zu wandeln.«
Pelle sah ihn verständnislos an: »Wie es zugegangen ist, weiß ich sehr gut selbst, ich kann ja das ganze Lied auswendig. Ich kann es dir gern vorsingen, wenn du es hören willst; es heißt so!« Und Pelle begann zu singen, mit vor Verlegenheit ein wenig unsicherer Stimme:
»So glücklich fließt unsere Kindheit dahin,
Wir kennen nicht Sünde und Not;
Wir spielen und ahnen nicht, daß unser Weg
Uns führt in Gefängnis und Tod.
Wohl mancher gedenket mit klagender Stimm',
Wie einstmals das Glück ihm geblüht.
Die Zeit wird so lang im Gefängnis mir hier,
Drum will ich euch singen mein Lied.
Ich spielte mit Vater, mit Mutter ich spielt',
Und die Kindheit verging – ich ward groß.
So hell schien die Sonne, mein Schatz küßte mich
Und hob mich zu sich auf den Schoß.
Meinen Tag gab ich ihm, meine Nacht ich ihm gab,
Dacht' nicht an Verrat und an Reu',
Doch als ich ihm sagte, wie's mit mir bewend't,
Da war's mit dem Spielen vorbei.
›Ich liebte dich nie‹, sagt' er höhnisch zu mir,
›Was kommt dir nur in den Sinn.‹
Er dreht' mir den Rücken, ging zornig davon –
Da ward ich zur Mörderin.«
Pelle hielt verwundert inne, der erwachsene Mann war ganz vornüber gesunken und saß da und schluchzte. »Ja, das war schlecht,« sagte er, »denn da machte sie ihr Kind tot und kam ins Zuchthaus.« Er sprach mit einer gewissen Geringschätzung, er konnte keine weinenden Männer leiden. »Aber darüber brauchst du doch nich' zu weinen«, warf er nach einer Weile hin.
»Ja, denn sie hatte doch eigentlich gar nichts getan, der Vater des Kindes hat es ja doch totgemacht. Ich habe das Schreckliche getan; ja, ich gestehe es, ich bin ein Mörder. Räume ich denn nicht ganz offen meine Schuld ein?« Er wendete sein Gesicht empor, als rede er mit Gott.
»Ach so, du bist es!« sagte Pelle und zog sich ein wenig von ihm zurück. »Hast du dein eigenes Kind totgemacht? Das hätte Vater Lasse nie tun können. Warum sitzt du denn nich' im Zuchthaus? Hast du am Ende gelogen und die Schuld auf sie abgewälzt?«
Diese Worte übten eine eigene Wirkung auf den Fischer aus. Pelle stand eine Weile da und beobachtete ihn, dann rief er aus: »Du sprichst so sonderbar: blop–blop–blop, als wenn du aus einem anderen Land wärst! Und warum kratzst du so mit den Fingern in der Luft herum und weinst? Kriegst du am Ende Prügel, wenn du nach Hause kommst?«
Bei dem Worte Weinen brach der Mann in lautes Schluchzen aus, Pelle hatte niemals einen Menschen so unbeherrscht weinen sehen; das Gesicht war ganz ineinandergeflossen.
»Willst du ein Stück Butterbrot haben?« fragte er, um ihn zu trösten. »Ich hab noch was mit Wurst auf.«
Der Fischer schüttelte den Kopf.
Pelle sah nach dem Steinhaufen hinüber; er war eigensinnig und wollte nicht locker lassen.
»Es liegt aber doch da begraben«, sagte er. »Ich hab' selbst die Seele des Nachts oben auf den Steinen brennen sehen. Das tut sie, weil sie nich' in den Himmel kommen kann.«
Aus dem offenen Munde des Fischers drang ein unheimlicher Laut, ein dumpfes Brüllen, das Pelles kleines Herz ihm im Leibe bubbern machte. Er tat selbst ein paar Sprünge aus lauter Angst, und als er sich besann und wieder stillstand, sah er den Fischer stark vornübergebeugt die Wiese hinablaufen und in den Dünen verschwinden.
Pelle starrte ihm verwundert nach und begab sich langsam nach dem Vorratskorb – sein Ergebnis war vorläufig Enttäuschung. Er hatte einem wildfremden Manne etwas vorgesungen, das war zweifelsohne eine Heldentat – so schwer wie es einem doch schon wurde, nur ja oder nein zu jemand zu sagen, den man noch nie gesehen hatte. Aber er hatte die meisten Verse ausgelassen, und die große Hauptsache war ja doch, daß er das ganze Lied auswendig wußte. Jetzt sang er es für sich von Anfang bis zu Ende, indem er sich die Zahl der Verse an den Fingern merkte. Und er schaffte sich die glänzendste Genugtuung, indem er so laut brüllte, daß man es weit und breit hören konnte.
Am Abend beredete er wie gewöhnlich die Erlebnisse des Tages mit dem Vater; und da verstand er dieses und jenes, was für eine Weile sein Gemüt mit Grauen erfüllte; Vater Lasses Stimme war bisher noch die einzige menschliche Stimme, die der Knabe ganz verstand. Schon allein ein Seufzer oder ein Kopfschütteln des Alten übten eine überzeugende Macht auf ihn aus wie keine andere Rede.
»Ach ja,« fuhr er fort zu wiederholen – »Böses und nichts als Böses, wohin man sieht, Kummer und Not allüberall! Er gäbe woll gern sein Leben hin, um an ihrer Stelle die Zuchthausketten zu schleppen – nun, wo es zu spät is! – Also er lief weg, als du das zu ihm sagtest? Ja, ja, Gottes Wort in einem Kindermund, da kann man nich' gut gegen an, wenn das Gewissen einen Knacks gekriegt hat. Und es is ein schlechtes Brot, mit andere Leute ihr Glück zu handeln. – Aber mach' du man, daß du deine Füße gewaschen kriegst, Jung'.« – – –
Das Leben gab genug zu tun, da war genug, womit man sich herumschlagen mußte, genug, wovor man sich ängstigen konnte. Aber schlimmer fast als all das, was Pelle selbst übel wollte, waren die Blitze, die zuweilen aus der Menschentiefe zu ihm aufstiegen; denen gegenüber war sein Kindergehirn machtlos. Warum weinte Frau Kongstrup so viel, und warum trank sie im geheimen? Was ging dort hinter den Fensterscheiben in dem hohen Wohnhaus vor sich? Er begriff es nicht, und jedesmal, wenn er seinen kleinen Kopf darüber zerbrach, glotzte ihn nur das Grauen aus allen Fensterscheiben an, und zuweilen umschloß es ihn mit dem ganzen Schrecken des Unfaßlichen.
Aber die Sonne wanderte hoch am Himmel dahin, die Nächte waren hell, die Finsternis lag zusammengekrochen unter der Erde und hatte keine Macht. Und er besaß die glückliche Fähigkeit des Kindes, ganz auf einmal und – spurlos zu vergessen.