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Die dunklen Abende waren da mit dem langen Arbeiten bei Licht. Der Geselle ging schon in der Dämmerung, es war nicht viel für ihn zu tun. Zum November hatte der erste Lehrling ausgelernt. Er wurde ganz allein in die Kammer des Meisters gesetzt, da saß er eine ganze Woche und arbeitete an seinem Gesellenstück; ein Paar Seestiefel. Niemand durfte zu ihm hineinkommen, und das Ganze war sehr spannend. Als die Stiefel fertig und von ein paar Meistern besichtigt waren, wurden sie bis an den Rand mit Wasser gefüllt und auf dem Boden aufgehängt; da hingen sie ein paar Tage, um zu zeigen, daß sie wasserdicht waren. Dann wurde Emil feierlich zum Gesellen ernannt und mußte die ganze Werkstatt traktieren. Er trank Brüderschaft mit dem kleinen Nikas, und am Abend ging er aus und spendierte den anderen Gesellen – und kam knallduhn nach Hause. Alles ging so, wie es gehen sollte.
Am nächsten Tag kam Jeppe in die Werkstatt hinaus: »Na, Emil, denn bist du nu ja Gesell. Was hast du dir denn nun gedacht? Du willst wohl reisen? Ein frisch gebackener Gesell hat gut davon, in die Welt hinauszukommen und sich umzusehen und was zu lernen.«
Emil antwortete nicht, sondern fing an, seine Sachen zusammenzupacken. »Na ja, das Leben hängt ja nich' davon ab, wir schmeißen dich ja nich' 'raus. Du kannst hier zu uns in die Werkstatt kommen und Licht und Wärme mitnehmen, bis du was Besseres hast – das sind gute Bedingungen, sollt' ich meinen. Nee, damals, als ich ausgelernt hatt', da war es was anderes – einen Fußtritt vor den Arsch, und dann 'raus mit dir! Und das is gut für die Jugend – das is gut für sie!«
Er konnte in der Werkstatt sitzen und alle die Meister auf der ganzen Insel aufzählen, die einen Gesellen hielten. Aber das war im Grunde nur Scherz – es geschah niemals, daß ein neuer Gesell aufgenommen wurde. Dahingegen wußten er und die anderen ganz genau, wie viele frischgebackene Gesellen diesen Herbst auf die Straße hinausgesetzt waren.
Emil war nicht verzagt. Zwei Abende darauf brachten sie ihn auf den Dampfer nach Kopenhagen – »Da is Arbeit genug!« sagte er freudestrahlend. »Du mußt mir versprechen, daß du mir übers Jahr schreibst«, sagte Peter, der zu der Zeit ausgelernt hatte. Ja, das wollte Emil tun.
Aber ehe ein Monat vergangen war, hörten sie, daß Emil wieder zu Hause sei. Er selbst schämte sich wohl, sich sehen zu lassen. Und dann eines Morgens kam er ganz verlegen in der Werkstatt angeschlichen. Ja, Arbeit hatte er bekommen – auf mehreren Stellen, war aber gleich wieder verabschiedet worden – »ich hab' ja nichts gelernt«, sagte er mißmutig. Er trieb sich eine Weile umher, hatte Licht und Wärme in der Werkstatt und durfte dort mit einer Flickarbeit sitzen, die er sich gekapert hatte. Er hielt sich bis gegen Weihnachten über Wasser, aber dann gab er alles auf und tat dem Fach die Schande an, ganz gewöhnliche Lastträgerarbeit im Hafen anzunehmen.
»Ich hab' fünf Jahre meines Lebens vertrödelt«, pflegte er zu sagen, wenn sie ihm begegneten. »Lauft weg, solange es noch Zeit is. Sonst geht es euch so wie mir.« In die Werkstatt kam er aus Furcht vor Jeppe jetzt nicht mehr, der war böse auf ihn, weil er das Fach entehrt hatte. –
In der Werkstatt war es gemütlich, wenn das Feuer im Ofen prasselte und die Dunkelheit durch die schwarzen, unverhüllten Fenster hineinglotzte. Der Tisch war vom Fenster weggerückt, so daß sie alle vier Platz ringsherum finden konnten, der Meister mit seinem Buch und die drei Lehrlinge, jeder mit seiner Flickarbeit. Die Lampe hing mitten über dem Tisch und schwälte, sie konnte die Dunkelheit so eben ein wenig aufwühlen. Das kleine bißchen Licht, das sie gab, wurde von den großen Glaskugeln aufgesogen, die es sammelten und auf die Arbeit warfen. Die Lampe schaukelte leise, und der Lichtfleck schwamm wie eine Qualle hin und her, so daß die Arbeit jeden Augenblick im Dunkeln lag. Dann fluchte der Meister und starrte leidend in das Licht hinein.
Den andern taten nur die Augen weh, aber der Meister war krank von der Dunkelheit. Jeden Augenblick richtete er sich mit einem Schauder auf. »Verdammt und verflucht, wie dunkel es hier is, es is ja, als läge man in seinem Grab – will sie denn heute abend gar nich' leuchten?« Dann drehte Pelle an der Lampe herum, aber es wurde nicht besser.
Wenn der alte Jeppe hereingetrippelt kam, sah Meister Andres auf, ohne das Buch zu verstecken; dann war er in Kampflaune. »Wer is das?« fragte er und starrte in die Dunkelheit hinein – »ach, das is Vater!«
»Hast du schlimme Augen?« fragte der Alte spöttisch. »Willst du Augenwasser haben?«
»Vaters Augenwasser – nee, dafür dank' ich! Aber diese verdammte Beleuchtung, man kann ja nich' die Hand vor Augen sehen.«
»Sperr 's Maul auf, dann leuchten die Zähne«, fauchte Jeppe wütend. Diese Beleuchtung war ihr ewiger Streit.
»Niemand sonst auf der ganzen Insel arbeitet, weiß Gott, bei einer so elenden Beleuchtung, das könnt Ihr mir glauben, Vater!«
»Ich hab' zu meiner Zeit nie Klage über die Lampe gehört«, erwiderte Jeppe. »Und es is bessere Arbeit bei der Glaskuppel geleistet, als wie sie sie jetzt bei ihren künstlichen Erfindungen zustande bringen. Aber verschwendet werden soll ja nu mal – die Jugend heutzutage kennt kein größeres Vergnügen, als ihr Geld für solch modernen Dreck aus dem Fenster 'rauszuwerfen.«
»Ja, zu Vaters Zeiten – da war ja alles so herrlich«, sagte Meister Andres. »Das war ja damals, als die Engel mit weißen Stöcken im Mund herumliefen.« – –
Im Laufe des Abends sah bald dieser, bald jener herein, um nach Neuigkeiten zu fragen und zu erzählen. Und wenn der junge Meister guter Laune war, so blieben sie da. Er war ja das Feuer und die Seele, wie der alte Bjerregrav sagte – er konnte infolge seines Lesens Erklärung über so viele Dinge geben.
Wenn Pelle die Augen von der Arbeit erhob, war er geblendet. Da unten in der Werkstatt, wo Bäcker Jörgen und die anderen saßen und plauderten, sah er nur tanzende Lichtflecke, zwischen denen seine Arbeit herumschwebte, und von seinen Kameraden sah er nur das Schurzfell. Aber drinnen in der Glaskugel lief das Licht wie spielendes Feuer, da drinnen befand sich eine Welt in ewigem Strömen.
»Na, heute abend leuchtet sie ja vorzüglich«, sagte Jeppe, wenn einer von ihnen nach der Lampe sah.
»Ach, meint Ihr, sie leuchtet nich'?« entgegnete Meister Andres, die Sache umdrehend.
Aber eines Tages brachte der Knecht des Eisenkrämers etwas in einem großen Korb – eine Hängelampe mit Rundbrenner; und in der Dunkelheit kam der Eisenkrämer selbst, um dem ersten Anzünden vorzustehen und Pelle in die Behandlung des Wunders einzuweihen. Er ging sehr umständlich und vorsichtig zu Werke. »Sie kann ja explodieren, versteht sich,« sagte er, »aber dann muß man den Mechanismus auch schon sehr schlecht behandeln. Wenn man bloß mit Vernunft und Sorgfalt vorgeht, is keine Gefahr vorhanden.«
Pelle stand neben ihm und hielt den Zylinder, aber die anderen zogen den Kopf vom Tisch weg, und der junge Meister stand ganz hinten und trippelte hin und her. »Ich will, zum Kuckuck auch, nicht bei lebendigem Leibe zum Himmel fahren!« sagte er mit seinem amüsanten Ausdruck – »zum Teufel auch, wo hast du bloß den Mut her, Pelle? Du bist ein frecher Bengel!« Und er sah ihn mit seinem großen, verwunderten Blick an, der einen doppelten Boden aus Scherz und Ernst hatte.
Endlich strahlte die Lampe ihr Licht aus, da war nicht das entfernteste Bord unter der Decke, an dem man nicht alle Leisten hätte zählen können. »Das is ja eine förmliche Sonne,« sagte der junge Meister und faßte nach seinen Wangen, »ich glaub', weiß Gott, sie erwärmt die Luft.« Er war ganz rot, seine Augen glänzten.
Der alte Meister hielt sich von der Sache fern, bis der Eisenkrämer gegangen war, dann kam er gestürzt. »Na, seid ihr denn noch nich' in die Luft geflogen?« fragte er ganz erstaunt. »Ein ekliges Licht gibt sie – ein ganz abscheuliches Licht. Pfui, sag' ich! Und ordentlich hinausleuchten tut sie auch nich', beißt sich in die Augen fest. Na ja, verderbt ihr euch meinetwegen die Augen!«
Aber für die anderen war die Lampe ein Erneuerung zum Leben; Meister Andres sonnte sich in ihren Strahlen. Er war wie ein sonnentrunkener Vogel; während er so ganz ruhig dasaß, überkam ihn plötzlich ein Jubeln. Und den Nachbarn gegenüber, die kamen, um die Lampe zu sehen und ihre Eigenschaften zu erwägen, erging er sich in großen Redensarten, so daß sich das Licht für sie verdoppelte. Sie kamen fleißig und blieben leichter hängen. Der Meister strahlte, und die Lampe strahlte; wie Insekten wurden sie von dem Licht angezogen – von dem herrlichen Licht!
Zwanzigmal am Tage war der Meister draußen in der Haustür, kam aber immer gleich wieder herein und setzte sich auf den Fenstertritt, um zu lesen, den Stiefel mit dem hölzernen Absatz nach hinten von sich streckend. Er spie viel, Pelle mußte jeden Tag frischen Sand unter seinen Platz legen.
»Is da woll nich' irgendein Tier, das in deiner Brust sitzt und nagt?« sagte Oheim Jörgen, wenn der Husten Andres arg quälte. »Du siehst jetzt übrigens so gesund aus. Du erholst dich wohl, ehe wirs uns versehen!«
»Ja, weiß Gott!« Der Meister lachte fröhlich zwischen zwei Anfällen.
»Setz dem Biest nur gehörig zu, denn krepiert es sicher. Nu, wo du an die Dreißig bist, soll man ihm ja beikommen können. Wenn du ihm Kognak gäbst!«
Jörgen Kofod kam in der Regel in großen Holzschuhen angestapft, und Jeppe schimpfte. »Man sollt' nich' glauben, daß du einen Schuster zum Bruder hast,« sagte er bissig – »und dabei nehmen wir doch all unser Schwarzbrot von euch!«
»Aber wenn ich doch nu mal nich' die Füße in dem verdammten Lederzeug warmhalten kann! Und durch und durch sitz' ich voll Gicht – es is 'n wahres Elend!« Der große Bäcker wand sich jammervoll.
»Das muß gräßlich sein mit so 'ner Gicht,« sagte Bjerregrav – »ich selbst hab' sie nie gehabt.«
»Schneider kriegen woll keine Gicht,« entgegnete Bäcker Jörgen höhnisch – »ein Schneiderleib hat woll keinen Platz, um sie zu beherbergen. Soviel ich weiß, gehen zwölf Schneider auf ein Pfund.«
Bjerregrav antwortete nicht.
»Die Schneider haben ihre eigene verkehrte Welt,« fuhr der Bäcker fort – »mit denen kann ich mich nich' vergleichen. Ein verkrüppelter Schneider, der hat ja doch erst seine volle Leibeskraft.«
»Ach, Schneider sind woll ebenso fein wie Schwarzbrotbäcker«, stammelte Bjerregrav nervös. »Schwarzbrot backen, das kann doch jede Bauernfrau!«
»Ja, fein, das glaub' ich, zum Kuckuck auch. Wenn der Schneider 'ne Mütze näht, so hat er dabei Zeug für ein Paar Hosen für sich selbst übrig; darum sind die Schneider immer so fein in Zeug.« Der Bäcker redete in die Luft hinein.
»Sonst stehen doch eigentlich die Müller und die Bäcker in dem Ruf zu mogeln.« Der alte Bjerregrav wandte sich an Meister Andres und zitterte vor Erregtheit. Aber der junge Meister stand da und sah munter von dem einen zum andern, sein lahmes Bein schaukelte in der Luft.
»Für den Schneider verschlägt nichts – da is zu viel Platz in mir! sagte der Schneider, als er an einer Erbse erstickte. Oder wie ein anderes Sprichwort sagt – es verschlägt nichts mehr als ein Schneider in der Hölle. Das sind Kerle! Wir kennen ja alle die Geschichte von der Frau, die einen vollausgewachsenen Schneider zur Welt bracht', ohne auch nur zu wissen, daß sie in Kindsnot war.«
Jeppe lachte: »Jetzt könnt ihr wirklich aufhören; der eine gibt dem andern weiß Gott nichts nach.«
»Na, und ich hab' auch gar nich' die Absicht, einen Schneider totzutreten, soweit es sich vermeiden läßt – man kann sie ja man bloß nich' immer sehen.« Bäcker Jörgen hob seine großen Holzschuhe vorsichtig in die Höhe. »Aber sie sind ja keine Menschen oder is hier auch bloß ein Schneider in der Stadt, der übers Meer gewesen is? Da waren auch keine Männer dabei, als die Schneider geschaffen wurden – ein Frauenzimmer stand im Zug in der Haustür, und da hatt' sie den Schneider weg.« Der Bäcker konnte gar nicht wieder aufhören, wenn er angefangen hatte, jemand zu foppen; jetzt, wo Sören verheiratet war, hatte er seinen ganzen Humor wiedergefunden.
Bjerregrav konnte nicht dagegen an. »Sag du von den Schneidern, was du willst«, gelang es ihm endlich einzufügen. »Aber die Schwarzbrotbäcker werden nicht als Fachleute angesehen – nicht mehr als Waschfrauen! Schneider und Schuster, das sind doch ordentliche Zünfte, mit Fachproben und all dergleichen.«
»Ja, Schuster, das is ja nu allerdings was anderes«, meinte Jeppe.
»Von euch gibt es doch akkurat so viel Sprichwörter und Redensarten wie von uns«, Bjerregrav zwinkerte verzweifelt mit den Augen.
»So, es is doch nich' länger her als vergangenes Jahr, daß Meister Klausen sich mit 'ner Tischlerstochter verheiratet hat! Aber wen muß ein Schneider zur Frau nehmen? Sein eigenes Dienstmädchen.«
»Wie kannst du nur, Vater«, seufzte Meister Andres. »Der eine Mensch is doch ebenso gut wie der andere.«
»Ja, du verdrehst immer alles! Aber mein Fach will ich doch respektiert haben. Heutzutage lassen sich Agenten und Wollhändler und anderes Bettelpack in der Stadt nieder und führen das große Wort. Aber zu alten Zeiten, da waren die Handwerker das Mark des Landes. Selbst die Könige mußten dazumal ein Handwerk lernen. Ich hab' meine Lehrjahre in der Hauptstadt selbst durchgemacht, und in der Werkstatt, wo ich war, da hatt' ein Prinz das Fach gelernt. Aber ich hab', verdammt und verflucht, nie von einem König gehört, der sich auf das Schneidern gelegt hat.«
So konnten sie bis ins Unendliche fortfahren. Und wie sie so mitten im ärgsten Gezänk waren, ging die Tür auf, und Holzbein-Larsen stapfte herein und füllte die Werkstatt mit frischer Luft. Er hatte eine Sturmmütze auf und eine blaue Seemannsjacke an. »Guten Abend, Kinder!« sagte er munter und warf einen Haufen Lederfutterale und einzelne Stiefel auf den Fenstertritt.
Es fuhr Leben in alle hinein: »Da haben wir ja den Spielmann! Willkommen zu Hause! Is der Sommer gut gewesen?«
Jeppe untersuchte die fünf Stiefeln für den rechten Fuß, einen nach dem andern, bog das Oberleder vom Rande ab und hielt Absatz und Sohlen in gerader Linie vor das Auge. »Die hat ein Pfuscher in Händen gehabt«, brummte er und machte sich dann über die Futterale für das hölzerne Bein her. »Na, wirkt denn die Filzschicht?« Larsen litt an Kälte in dem amputierten Fuß.
»Ja, ich hab' seitdem keine kalten Füße mehr gehabt.«
»Kalte Füße!« Der Bäcker schlug sich auf die Lenden und lachte.
»Ja, du kannst sagen, was du willst; aber jedesmal, wenn mir das hölzerne Bein naß wurde, kriegt' ich 'nen Schnupfen.«
»Das is doch des Deubels!« rief Jörgen aus und rollte mit seinem großen Oberkörper wie ein Flußpferd – »das is doch ulkig!«
»Es gibt viel Ulkiges hier auf der Welt«, stammelte Bjerregrav. »Damals, als mein Bruder starb, blieb meine Uhr im selben Augenblick stehen – ich hatt' sie von ihm gekriegt.«
Holzbein-Larsen war mit seinem Leierkasten durch das ganze Königreich gewesen und mußte erzählen: von den Eisenbahnzügen, die so fuhren, daß die Landschaft um sich selbst herumlief, von den großen Läden und den Vergnügungsorten in der Hauptstadt.
»Es mag sein, wie es will«, sagte Meister Andres. »Aber zum Sommer will ich mal in die Hauptstadt und da arbeiten!«
»In Jütland – da haben sie ja so viel Wracks!« sagte der Bäcker. »Da soll ja das Ganze Sand sein! Ich hab' gehört, das Land wandert ihnen unter den Füßen weg – nach Osten zu. Is es wahr, daß sie da einen Pfahl haben, wo man sich dran jucken muß, eh' man sich hinsetzen darf?«
»Meine Schwester hat 'nen Sohn, der sich bei den Jütländern verheiratet und ansässig gemacht hat«, sagte Bjerregrav. »Von dem hast du woll nichts gesehen?«
Der Bäcker lachte: »Die Schneider, die sind groß – die haben die ganze Welt in der Westentasche! – Na, und Fünen? Da bist du woll auch gewesen? Da sind die Frauen ja so sanft von Gemüt! Ich hab' mal vor Svendborg gelegen und Wasser eingenommen, aber da war keine Zeit, an Land zu gehen.« Es klang wie ein Seufzer.
»Kannst du es denn aushalten, so viel zu wandern?« fragte Bjerregrav bekümmert.
Holzbein-Larsen sah verächtlich auf Bjerregravs angeborenen Klumpfuß – er hatte seinen Schaden bei Helgoland bekommen, durch eine ehrliche Kugel. »Wenn man seine gesunden Gliedmaßen hat«, sagte er und spie über den Fenstertritt aus.
Dann mußten die andern erzählen, was sich im Laufe des Sommers in der Stadt zugetragen hatte, von der finnländischen Bark, die im Norden gestrandet war, und daß die Kraft um sich geschlagen hatte. »Nu sitzt er hinter Schloß und Riegel und bläst Trübsal.«
Bjerregrav nahm Anstand an dem Namen und nannte es Gotteslästerung: » Die Kraft is nur einer – wie geschrieben stehet, wir Ärmsten, wenn der über unsere Köpfe losschlagen wollt'.«
Holzbein-Larsen meinte freilich, die Kraft habe mit Gott nichts zu schaffen, sondern sei aus irdischem Stoff; da drüben benutze man sie, um Maschinen zu ziehen – an Stelle der Pferde.
»Ich sollt' meinen, die Kraft, das sind die Frauenzimmer,« sagte Bäcker Jörgen – »denn die regieren, weiß Gott, die Welt. Und Gott soll uns bewahren, wenn die sich mal losschlagen! Aber was meinst du, Andres, du bist doch so schriftgelehrt?«
»Die Kraft, das is die Sonne,« sagte Meister Andres – »die regiert alles Leben, und die Wissenschaft hat ausfindig gemacht, daß alle Kraft von ihr ausgeht. Wenn sie ins Meer fällt und abkühlt, denn wird die ganze Erde ein Eisklumpen.«
»Ja, denn das Meer is die Kraft«, rief Jeppe überlegen aus. »Oder kennt ihr irgend was, das so niederreißen und alles mit sich wegreißen kann? Und von dem Meer kriegen wir das Ganze wieder. Damals, als ich auf Malaga fuhr –«
»Ja, das is auch wirklich wahr,« sagte Bjerregrav, »denn die meisten finden ihre Nahrung auf dem Meer und viele auch den Tod. Und die reichen Leute, die wir haben – all ihr Geld haben sie vom Meer.«
Jeppe richtete sich stolz auf, und seine Brille bekam Glanz; »Das Meer kann tragen, was es will, Stein und Eisen, wo es selbst doch weich ist! Die schwersten Lasten können auf seinem Rücken wandern. Und dann auf einmal saugt es alles an sich. Ich hab' Schiffe gesehen, die mit dem Steven gerade in die Wellen hineinsegelten und verschwunden waren, wenn der Ruf an sie kam.«
»Ich möcht' woll wissen, ob die Länder schwimmen oder fest auf dem Meeresgrund stehen. Weißt du das nich', Andres?« fragte Bjerregrav.
Meister Andres meinte, sie stünden tief unten auf dem Boden des Meeres, aber Oheim Jörgen meinte: »Nee. So groß wie das Meer is!«
»Ja, groß is es, denn nu bin ich über die ganze Insel gewesen,« sagte Bjerregrav mit Selbstgefühl – »aber nie bin ich irgendwo hingekommen, wo ich das Meer nich' sehen könnt'. Alle Kirchspiele von ganz Bornholm, die grenzen ja auch an das Meer! Aber über die Bauern hat es wohl keine Macht, denn die gehören ja dem Ackerboden?«
»Das Meer hat Macht über uns alle«, sagte Larsen. »Einige weist es ab, sie sind viele Jahre zur See gefahren; aber auf einmal in ihren alten Tagen kriegen sie die Seekrankheit, und nu sind sie gewarnt. Darum is Schiffer Andersen auch an Land gegangen. Und andere zieht es an sich, von ganz oben her aus dem Bauernland! Ich bin mit solchen Leuten zu See gefahren, die ihr ganzes Leben da oben 'rumgegangen waren und das Meer gesehen hatten, aber nie unten am Ufer gewesen waren. Und denn eines Tages kriegt der Teufel sie beim Wickel, sie ließen den Pflug stehen und liefen an das Meer hinab und nahmen Heuer. Das waren nich' die schlechtesten Seeleute.«
»Ja,« sagte Bäcker Jörgen – »und zu See gefahren sind wir hierzulande alle, auf allen Meeren fahren Bornholmer, so weit ein Schiff gehen kann. Ich hab' auch Leute getroffen, die noch nie im Meer gewesen waren, und doch waren sie wie zu Hause darauf. Als ich die Brigg ›Klara‹ für Schiffer Andersen fuhr, hatt' ich auch so einen als Jungmann. Er hatt' noch nie gebadet; aber einen Tag, als wir vor Anker lagen und die anderen 'rausgeschwommen waren, sprang er, weiß Gott, auch in das Wasser, als stürzt' er sich in Mutters Arme – er glaubte ja, das Schwimmen das käm' ganz von selbst. Er ging ja gleich zu Grund und war halbtot, ehe wir ihn wieder 'rausgefischt kriegten.«
»Der Deubel versteh sich auf das Meer«, rief Meister Andres kurzatmig aus. »Rund wölbt es sich immer, und es kann sich senkrecht auf die Hinterbeine stellen und dastehen wie eine Mauer, obwohl es doch fließend ist! Und dabei hab' ich in einem Buch gelesen, daß es so viel Silber im Meer gibt, daß jeder Mensch auf der ganzen Welt reich werden könnt'.«
»I, du Gerechter,« rief Bjerregrav aus – »nee, so was hab' ich denn doch noch nie –! Ob das woll von all den Schiffen stammt, die untergegangen sind –? Ja, das Meer – das is, verdammt und verflucht, die Kraft!«
»Die Uhr is zehn«, sagte Jeppe. »Und die Lampe die zehrt – das Teufelswerk!« Da brachen sie hastig auf, und Pelle löschte die Lampe aus.
Aber noch lange, nachdem er den Kopf auf das Kissen gelegt hatte, wirbelte es darin herum. Er hatte das Ganze verschlungen, und die Vorstellungen wimmelten in seinem Gehirn wie die Jungen in einem überfüllten Nest, stießen und drängten sich, um einen Platz zu finden, wo sie zur Ruhe fallen konnten. Das Meer war stark: jetzt zur Winterszeit hatte er sein Kochen gegen die Felsklippen beständig im Ohr. Aber Pelle war sich nicht sicher, daß es ihm aus dem Wege ging! Er hegte einen unbewußten Unwillen dagegen, sich selbst Grenzen zu setzen, und die Kraft, um die sie sich zankten, die saß schließlich inwendig in ihm selber wie ein lichtes Gefühl, unüberwindlich zu sein, trotz aller Niederlagen.
Zuweilen mußte dies Gefühl sichtbar hervor und ihm über den Tag hinweghelfen. Eines Mittags saßen sie und arbeiteten, nachdem sie – wie gewöhnlich – das Essen in fünf Minuten heruntergeschlungen hatten; der Geselle war der einzige, der sich ein wenig Mittagsruhe gönnte, er saß da und las die Zeitung. Plötzlich erhob er den Kopf und sah Pelle verwundert an: »Nanu, was is denn das? Lasse Karlsson – das is doch dein Vater!«
»Ja«, antwortete Pelle mit schwerer Zunge, und das Blut schoß ihm in die Wangen. Stand Vater Lasse nu auch in der Zeitung – Doch wohl nicht unter den Unglücksfällen? Er mußte sich wohl auf irgendeine Weise durch seine Landwirtschaft bemerkbar gemacht haben. Pelle war nahe daran, vor Spannung zu ersticken, wagte aber nicht zu fragen – und der kleine Nikas saß bloß da und sah verschlossen aus. Er hatte die Miene des jungen Meisters aufgesetzt.
Aber dann las er laut: Abhanden gekommen! Eine Laus mit drei Schwänzen ist weggelaufen und kann gegen ein gutes Trinkgeld bei Hofbesitzer Lasse Karlsson, Heidehof, abgeliefert werden. Daselbst wird auch gebrauchtes Schwarzbrot gekauft!
Die andern stimmten ein schallendes Gelächter an, aber Pelle wurde aschgrau. Mit einem Satz war er über den Tisch hinüber und hatte den kleinen Nikas unter sich an die Erde gezerrt; da lag er und preßte ihm die Finger um den Hals – um ihn zu erdrosseln, bis er übermannt wurde. Emil und Peter mußten ihn halten, während der Spannriemen seine Arbeit verrichtete.
Und doch war er stolz: was bedeuteten lumpige Prügel gegenüber der Tatsache, daß er den Gesellen zu Boden geschlagen und den unterjochenden Respekt überwunden hatte! Sie sollten sich nur noch einmal unterstehen, mit ihren verlogenen Anspielungen auf damals zu kommen – oder Spott mit Vater Lasse zu treiben! Pelle war nicht gesonnen, sich vorwärtszuschlängeln.
Und die Verhältnisse gaben ihm recht. Es wurde in Zukunft mehr Rücksicht auf ihn genommen – niemand hatte Lust, ihn und sein Werkzeug an den Kopf zu bekommen, selbst wenn sie ihn hinterher prügeln konnten.